Robbenreich - Robert Kindler - E-Book

Robbenreich E-Book

Robert Kindler

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Beschreibung

Ressourcenkonflikte und imperiales Prestige: Robert Kindler erzählt eine packende, mikroglobale Verflechtungsgeschichte mit Blick auf die Robbenjagd im Nordpazifik. Als Zar Alexander II. 1867 Russisch-Amerika, das heutige Alaska, an die Vereinigten Staaten verkaufte, bedeutete das für den nordpazifischen Raum eine Zäsur. Während Russland bemüht war, an der Peripherie ein Mindestmaß imperialer Autorität aufrechtzuerhalten, versuchten staatliche und private Akteure aus den USA, aber auch aus Großbritannien und Japan, sich Zugang zu den raren Ressourcen der Region zu verschaffen. Insbesondere Robbenfelle waren auf dem Weltmarkt gefragt, Pelze galten in Metropolen wie London, Paris und Moskau als Statussymbole des aufstrebenden Bürgertums. In seinem neuen Buch erzählt der Historiker Robert Kindler eine Geschichte transnationaler Verflechtungen und Konflikte. Am Beispiel der Robbenjagd im Nordpazifik befasst er sich mit fragiler Staatlichkeit, der Unterdrückung der indigenen Bevölkerung und rücksichtsloser Ressourcenausbeutung. So schrumpften die Robbenherden auf den russischen Kommandeurinseln innerhalb weniger Jahrzehnte auf wenige Tausend Tiere. Die massiven Eingriffe in die nordpazifischen Ökosysteme wirken bis heute nach.

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Seitenzahl: 751

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Russland am Nordpazifik um 1900

Robert Kindler

Robbenreich

Russland unddie Grenzen der Machtam Nordpazifik

Für Käthe und Friederike

Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH

Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung

Mittelweg 36

20148 Hamburg

www.hamburger-edition.de

© der E-Book-Ausgabe 2022 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-466-4

E-Book Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde

© 2022 by Hamburger Edition

ISBN 978-3-86854-359-9

Umschlaggestaltung: Lisa Neuhalfen, Berlin

Umschlagabbildung: @ Library of Congress, Geography and Map Division

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Russlands nordpazifische Kolonie

Die große Jagd

Das Imperium zieht sich zurück

Das Erbe der Russisch-Amerikanischen Kompagnie

Jahre des Übergangs

Amerikanische Dominanz

Edle Rauchwaren

Die Alaska Commercial Company als Wirtschafts- und Ordnungsmacht

Leben und Sterben auf den Kommandeurinseln

St. Petersburger Konzessionen

Konfliktlinien

Sealers – Robbenjäger auf hoher See

An den Grenzen des Imperiums

Krisensymptome

Diplomatische Herangehensweisen

Verhärtete Fronten

Konservationismusdiskurse

Der russisch-japanische Krieg und seine Folgen

Entscheidung in Washington

Unter dem roten Stern

Revolution als Ressourcenkonflikt

Herrschaftsdurchsetzung an der Peripherie

Sowjetisierung als Kontinuitätserfahrung

Welt ohne Robben

Stejnegers letzte nordpazifische Reise – Ein Epilog

Abkürzungsverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen und Karten

Quellen und Literatur

Unveröffentlichte Quellen

Publizierte Quellen

Sekundärliteratur

Dank

Zum Autor

Einleitung

Die Geschichte Russisch-Amerikas endete mit einem Missgeschick. Bevor die Kolonie am 18. Oktober 1867 endgültig in den Besitz der USA überging, sollte die russische Flagge noch ein letztes Mal feierlich eingeholt werden. Doch anstatt langsam nach unten zu gleiten, verhakte sich die weiß-blau-rote Trikolore am Mast. Mehrere Matrosen mussten emporklettern, um das Tuch zu lösen. Dabei fiel das Symbol imperialer Macht so unglücklich herab, dass es sich in den aufgerichteten Bajonetten der angetretenen Soldaten verfing und an mehreren Stellen einriss. Nach diesem peinlichen Zwischenfall ging es nur noch darum, die Angelegenheit möglichst rasch zu beenden. Die Repräsentanten Russlands und der Vereinigten Staaten, Fregattenkapitän Aleksej Peščurov und General Lovell Rousseau, wechselten einige – zum Leidwesen der beiden anwesenden Reporter – kaum verständliche Worte, reichten sich die Hände und besiegelten damit endgültig den Wechsel Alaskas von einem Staat an den anderen. Anschließend wurde das Star-Spangled-Banner gehisst und die ganze Gesellschaft begab sich in das repräsentativste Gebäude von Novo-Archangel’sk (Sitka), den fortan amerikanischen »Gouverneurspalast«. Dort wurden Tee und alkoholische Getränke gereicht. Und im Logbuch des amerikanischen Dreimasters USS »Ossipee«, mit dem die beiden Delegationen gemeinsam angereist waren, hieß es an diesem Tage lapidar: »No longer Russian America.«1

Die schmucklose Zeremonie beschloss einen Prozess, der mehr als ein Jahrzehnt zuvor begonnen hatte. Bereits Mitte der 1850er Jahre war in der russischen Hauptstadt St. Petersburg das Interesse am Schicksal der entlegenen Kolonie merklich abgekühlt. Das einst so lukrative russische Engagement im Nordpazifik erwies sich aus der Perspektive des imperialen Zentrums mehr und mehr als Belastung.2 Unter diesen Umständen sprach schon seit geraumer Zeit Vieles für den Verkauf Russisch-Amerikas.3 Es passte dabei ins Bild, dass Russland kein eigenes Schiff zur Übergabezeremonie entsandte; zwar gab es für diese Entscheidung pragmatische Gründen4, doch dokumentierte sie auch die geringe Bedeutung, die dem Abschied vom amerikanischen Kontinent beigemessen wurde. Zudem belegte sie, was in den zuständigen russischen Verwaltungen bereits seit Jahren als Problem erkannt und artikuliert worden war: Ohne Unterstützung von außen konnte das Imperium seine Überseekolonie weder er- noch unterhalten.5 Und so blieb das Russische Imperium bis zum letzten Tag seiner amerikanischen Geschichte von den USA abhängig.

Was aber geschah auf der russischen Westseite des Nordpazifiks, nachdem die Kolonie an die USA verkauft worden war? Die meisten Zeitgenossen und Historikerinnen interessierten sich allenfalls am Rande für diese Frage.6 Die übrigen gaben darauf eine einfache – und vor allem knappe – Antwort. Sie lautet: Nichts Wesentliches. In den Küstenregionen entlang des Ochotskischen Meeres und auf der Halbinsel Kamtschatka habe sich die bereits länger anhaltende ökonomische Krise beschleunigt, einstmals wichtige Orte und Häfen verloren an Bedeutung, Infrastrukturen verfielen und Beamte seien aus der Region abgezogen worden.7 Zugespitzt lässt sich diese Perspektive so zusammenfassen: Alaska wurde verkauft, Kamtschatka hingegen aufgegeben.

Diese Erzählung vom Niedergang ist zugleich eine Erzählung von der weitgehenden Abwesenheit des russischen Staates und seiner Institutionen. Es waren andere Grenzregionen des Imperiums und andere Fragen, die nun die Aufmerksamkeit der zarischen Eliten fesselten. Zentralasien wurde in diesen Jahren erobert und der »Ferne Osten« durchdrungen. Die neue Basis des Imperiums am Nordpazifik befand sich nun in Wladiwostok.8 Zudem war dies die Zeit der »Großen Reformen«, mit denen Zar Alexander II. den russischen Staat nach den traumatischen Erfahrungen des verlorenen Krimkriegs zu modernisieren suchte.9 Unter diesen Vorzeichen fehlte im Zentrum des Imperiums die Bereitschaft, in eine – scheinbar – ökonomisch unrentable und strategisch irrelevante Region zu investieren. Selbst die zuständigen Regionalverwaltungen resignierten. So erklärte etwa der Generalgouverneur von Ostsibirien im Jahr 1868, es handele sich bei den Nordpazifikküsten um »Wüsten« ohne jede Zukunft. Und der Gouverneur des Gebiets Primor’e meinte, Kamtschatka sei ein Landstrich »den wir nicht aufgrund des Nutzens behalten, den er uns einbringt, sondern nur wegen des point d’honner [so im Original, R.K].«10 Doch hier irrten die Gouverneure.

In den darauffolgenden Jahrzehnten standen diese »Wüsten« im Zentrum transnationaler Ressourcenkonflikte, die gerade deshalb so erbittert geführt wurden, weil es eben nicht nur um die Ehre, sondern auch um ökonomische und strategische Interessen des Imperiums ging. Vordergründig stritten die Kontrahenten um die Kontrolle über die immensen marinen Ressourcen11 der Region – in erster Linie Pelzrobben der Art callorhinus ursinus (Nördlicher Seebär), deren Felle auf dem globalen Rauchwarenmarkt des ausgehenden 19. Jahrhunderts außerordentlich begehrt waren.12 Vor allem aber war der Kampf um die Robben ein Konflikt um Macht und Einfluss am Nordpazifik.

Dabei stieß das auf Expansion, Ausbeutung und Unterwerfung basierende Herrschaftsmodell des russischen Staates an seine Grenzen.13 Denn aus eigener Kraft konnte das Imperium an der »vergessenen« nordpazifischen Peripherie nicht bestehen.14 Selbst rudimentäre staatliche Strukturen waren entlang dieser commodity frontier nur im Kontext unterschiedlicher transnationaler Kooperationen (und Konflikte) denkbar.15 Die zunehmende Integration der Region in globale Wirtschaftszusammenhänge ging mit einer stetig wachsenden Zahl ausländischer Händler, Fischer und Robbenjäger einher. Paradoxerweise führte diese Situation – die einige Zeitgenossen als Schwäche empfanden – dazu, dass das Imperium auf Kamtschatka und den Kommandeurinseln überhaupt in nennenswertem Umfang repräsentiert war. Mit anderen Worten: Der – wenngleich schleppend verlaufende und fragmentierte – Staatsaufbau am Nordpazifik war nicht das Resultat eines vom imperialen Zentrum geplanten Prozesses zur Durchherrschung entlegener Grenzländer. Vielmehr war er Russlands Reaktion darauf, dass die Anderen immer schon da waren.

Hier wird diese Geschichte in ihren regionalen und globalen Verflechtungen verständlich gemacht. Das Buch setzt in der Mitte des 18. Jahrhunderts ein, als im Zuge der kolonialen Aneignung des Nordpazifiks die marine Fauna zum Objekt rücksichtsloser Ausbeutungspraktiken wurde. Und es endet mit dem Zerfall der Sowjetunion, als in der umfassenden Staatskrise weitreichende Maßnahmen zu ihrem Schutz möglich schienen.16 Indem hier ein Zeitraum von mehr als zwei Jahrhunderten in den Blick genommen wird, werden – ausgehend von den Konflikten um die Robben – Strukturprobleme russischer Geschichte am Nordpazifik verständlich, die alle Verwerfungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts überdauerten: Staatsbildung und Herrschaftsdurchsetzung waren hier untrennbar mit der stets prekären Extraktion »natürlicher« Ressourcen verbunden. Zugleich waren sie nur im Kontext des transnationalen nordpazifischen Kommunikations- und Konfliktraumes denkbar, der durch Menschen und Tiere konturiert wurde.

Die Darstellung konzentriert sich auf die Zeit zwischen 1867 und den 1930er Jahren. Dafür sind drei Gründe ausschlaggebend: Erstens erreichte in diesen Jahrzehnten der Kampf um die Robben seinen Höhepunkt, der einigen Unternehmen enorme Gewinne bescherte, die Pelzrobben jedoch an den Rand des Aussterbens führte. Eng damit verbunden waren zweitens die zahlreichen transnationalen Verflechtungen und Abhängigkeiten Russlands im Nordpazifik. Und drittens stand die Zugehörigkeit der Region zum Imperium bzw. der Sowjetunion in diesen Jahren mehrfach ernstlich infrage. Die Konsolidierung staatlicher Herrschaft im Stalinismus setzte solchen Debatten zwar ein Ende, die gravierenden ökonomischen und ökologischen Probleme blieben jedoch bis zum Ende der Sowjetunion (und darüber hinaus) ungelöst.

Fragmentierte Autorität

Die Integration der Küstenregionen in transnationale Kommunikations- und Konflikträume war eine »Grundtatsache« russischer Präsenz am Nordpazifik, zugleich aber markierte sie auch ihr Grundproblem. Deutlich wurde dies immer dann, wenn entlang der nordpazifischen »Bruchzonen der Imperien« amerikanische, russische, britische und japanische Interessen und Ansprüche aufeinanderprallten.17 Dann zeigte sich, wie begrenzt die Möglichkeiten des Russischen Imperiums zur Durchsetzung seiner Ordnungsvorstellungen hier waren. Beamte und Militärs waren sich der damit verbundenen Probleme bewusst. Aus ihrer Perspektive bestand die höchst reale Gefahr, dass Teile der nordpazifischen Küste de facto zu einer amerikanischen oder japanischen »Kolonie« werden könnten. Das aber war ein inakzeptables Szenario: Zwar war die Geschichte Russlands diejenige eines Staates, der sich selbst kolonisierte, wie es etwa der russische Historiker Vasilij Ključevskij in einer oft wiederholten Formulierung ausgedrückt hatte. Doch damit verband sich das Selbstverständnis, dass Russland keinesfalls zum Objekt kolonialer Unterwerfung von außen werden dürfe.18 Das Gebaren von Amerikanern, Kanadiern und Japanern konterkarierte russische Herrschaftsansprüche und – weitaus schlimmer noch – es gefährdete in letzter Konsequenz die territoriale Integrität des Imperiums. Denn die Entscheidung darüber, ob die nordpazifischen Küsten »russisch« bzw. »sowjetisch« blieben, wurde nicht nur aufgrund von abstrakten Karten, Verträgen und Grenzlinien getroffen, sondern entschied sich letztlich an der Frage, wer die Ressourcen dieser Region kontrollierte und ausbeutete.19 Bis in die 1920er Jahre hinein spielten der russische Staat und russische Unternehmen dabei eine allenfalls untergeordnete Rolle; falls sie überhaupt daran beteiligt waren.

Die Autoritätskrise des Imperiums hatte viele Facetten: Russische Infrastrukturen erwiesen sich als fragil und kaum belastbar, die wenigen Beamten und Offiziere in der Region waren nicht nur chronisch überlastet, sondern oftmals auch unzuverlässig und korrupt. Patrouillenschiffe, die zum Schutz von Robbenherden und Fischbeständen eingesetzt wurden, hatten gegen die zahlenmäßig überlegenen »Wilderer« und »Piraten« kaum eine Chance.20 Noch problematischer war, dass die Loyalität indigener Bevölkerungen zur russischen Fahne angesichts der offenkundigen ökonomischen und der (zumindest temporären) militärischen Dominanz von Briten, Amerikanern und Japanern immer wieder fraglich schien. »Sind die Russen unsere Freunde oder unsere Feinde?«, fragten etwa im Jahr 1897 Bewohner Tschukotkas den für die Region zuständigen Gouverneur Nikolai Gondatti. Als dieser ihnen antwortete, die Russen seien ihre »Freunde«, schüttelten sie voller Zweifel ihre Köpfe und erklärten, es seien die Amerikaner, die mit ihnen handelten und ihnen lieferten, was sie zum Leben benötigten.21 Ähnlich verhielt es sich auch auf Kamtschatka, wo die Menschen vor allem mit ausländischen Händlern ins Geschäft kamen und nur wenig Interesse für die russische Sache zeigten.22 Auf diese Weise ließ sich kein Staat machen.

Im Nebeneinander von staatlichen Dominanzansprüchen, defizitären eigenen Machtmitteln und internationaler Ressourcenkonkurrenz offenbarte sich ein Dilemma, welches das Russische Imperium niemals gänzlich aufzulösen vermochte: Um in der nordpazifischen Grenzregion handlungsfähig zu sein bzw. zu bleiben, waren russische Repräsentanten und Institutionen einerseits auf Infrastrukturen und Ressourcen anderer Staaten oder ausländischer Unternehmen angewiesen. Andererseits wurde der Ausbau imperialer Institutionen der Herrschaftsrepräsentation überhaupt erst durch die große Zahl »illegitimer« ausländischer Händler, Jäger und Fischer nötig. Zugleich sorgte die Konkurrenz um Robbenfelle und andere Ressourcen dafür, dass Kamtschatka und die Kommandeurinseln nicht völlig aus dem Blick St. Petersburgs bzw. Moskaus gerieten.23 Weder der russische noch der frühe sowjetische Staat konnten hier ungehindert agieren, sondern mussten sich mit sehr unterschiedlichen Partnern und Gegnern auseinandersetzen und arrangieren – im Guten wie im Schlechten. Am Nordpazifik war Russland zu einem »subalternen Imperium« geworden.24

Hier wird diese Geschichte aus einer Perspektive erzählt, die transnationale bzw. -imperiale Verflechtungs- und Abgrenzungsprozesse stets im Blick hat und russische Staatsbildung am Nordpazifik deshalb als relational begreift. Russische Versuche zur Institutionalisierung von Herrschaft werden als Reaktion auf tatsächliche bzw. antizipierte Handlungen ausländischer, mithin »fremder« Akteure gedeutet.25 Diese beständige Reflexion über Haltungen und Verhalten von Akteuren jenseits der eigenen Grenzen schränkte imperiale Handlungsmöglichkeiten erheblich ein – sowohl auf diplomatischer Ebene als auch in der Region selbst. Zugleich wurden sie durch die zahlreichen relationalen Verflechtungen vielfach überhaupt erst eröffnet.

Diese scheinbar paradoxe Gleichzeitigkeit der Beschränkung und Ermöglichung von Handlungsspielräumen an der imperialen Peripherie bezeichne ich als »fragmentierte Autorität«. Der Begriff verweist einerseits auf Überlegungen zu Formen »parzellierter Souveränität« in feudalen Gesellschaften, in denen Herrschaftsansprüche der Zentralmacht nur begrenzte Geltung entfalten konnten und von lokalen Machtverhältnissen abhängig waren.26 Andererseits schließt der Begriff an jüngere Überlegungen zu Formen »fragmentierter Souveränität« an, die sich mit der Besetzung solcher postkolonialer Räume durch subalterne Akteure befassen, die von staatlichen Strukturen nicht vollständig durchdrungen werden können: Offenbar besteht dabei ein Zusammenhang zwischen der Delegation staatlicher Autorität an privatwirtschaftlich organisierte Akteure und dem – vielfach konfliktbehafteten – Nebeneinander jener, die bestimmte gesellschaftliche Teilsegmente oder ökonomische Ressourcen zu kontrollieren suchen.27 Am Nordpazifik wurden die damit verbundenen Probleme evident, als die zarischen Behörden Konzessionen zur Ausbeutung mariner Ressourcen vergaben und private Unternehmen zu ordnungsstiftenden Akteuren in der Region wurden.28

Die Folgen dieser Entscheidungen stellten die Repräsentanten des russischen Staates vor enorme Herausforderungen. Wie überall sonst im Inneren des Reiches und entlang seiner Peripherien waren sie mit der Tatsache konfrontiert, dass sich staatliche Herrschaftsund Kontrollansprüche nur bedingt (oder unter Aufwendung erheblicher Zwangsmittel) durchsetzen ließen. Dabei handelte es sich aus Sicht der Bürokraten in den meisten Regionen letztlich um eine wenig erfreuliche, aber tolerable Situation, die in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen imperialer Herrschaft resultierte.29 Doch am Nordpazifik verhielt es sich anders. Hier wurde der imperiale Normalzustand zum Problem; zumindest in der Wahrnehmung zarischer und sowjetischer Offizieller. Schließlich waren es hier nicht in erster Linie Bauern, Kosaken oder Angehörige indigener Völker, die den staatlichen Autoritätsanspruch infrage stellten oder ignorierten, sondern hier kam die Herausforderung von außen; eine Herausforderung die aus russischer Sicht gleichermaßen existenzgefährdend und -sichernd war.

Und noch auf einer anderen Ebene ist der Begriff der »fragmentierten Autorität« relevant: Er bezeichnet hier die stets unvollkommene, bruchstückhafte und immer wieder neu bestimmte Verfügungsgewalt der Menschen über die Tiere. Aleutinnen, Wissenschaftler und pelagische Robbenfänger wussten zwar im Prinzip, was die Pelzrobben tun würden; sicher aber konnten sie sich dessen niemals sein. Sowohl die Jagd auf die Tiere als auch ihre Hege bargen immer wieder Überraschungen und Unvorhersagbares. Auch wenn das Verhalten der Tiere zwar im Grundsatz erwartbar schien, blieb doch ein unkalkulierbarer Rest, der sich allen Rationalisierungsbemühungen entzog und menschliche Handlungsmacht begrenzte.30 Die Geschichte des Verhältnisses von Menschen und Pelzrobben lässt sich deshalb auch als fortgesetzter Versuch der Ersteren beschreiben, die Kontrolle über Letztere zu gewinnen.

Orte und Akteure einer transnationalen Mikrogeschichte

Gravitationspunkt dieses Buches sind die nordpazifischen Kommandeurinseln. Dieser etwa 175 Kilometer östlich der Halbinsel Kamtschatka gelegene Archipel umfasst insgesamt siebzehn Felsen und Inseln und stellt den westlichsten Punkt der aleutischen Inselkette dar.31 Die beiden bedeutendsten Inseln sind das nach ihrem »Entdecker« Vitus Bering benannte größte Eiland sowie die Insel Mednyj (Kupferinsel). Auf der Beringinsel befindet sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts das Dorf Nikol’skoe, das seit dieser Zeit zugleich auch als administratives Zentrum fungiert.32 Politisch zählen die Inseln seit dem Ende Russisch-Amerikas zu den östlichsten (und entlegensten) Territorien Russlands.33

Die Kommandeurinseln sowie die auf ihnen beheimateten Menschen und Tiere stehen im Zentrum dieser transnationalen Mikrogeschichte russischer Präsenz am Nordpazifik, die globale Verflechtungen ebenso in den Blick nimmt wie lokale Zustände und Akteure.34 Diese Perspektive orientiert sich an Überlegungen zu einer Mikrogeschichte des Globalen, wie sie von Historikerinnen wie Angelika Epple oder John-Paul Ghobrial vorgeschlagen wurde. Dabei geht es weniger um die Etablierung eines weiteren historiografischen turns als vielmehr um den pragmatischen Versuch, Makro- und Mikroebenen systematisch miteinander zu verbinden und in ihren Relationen und Verflechtungen verständlich zu machen.35 Ein solcher Ansatz betont die Verschränkung beider Ebenen und trägt dazu bei, die hin und wieder beklagte Verabsolutierung »globaler« Narrative aufzubrechen und gleichzeitig eine mögliche Verengung auf rein nationale oder lokale Deutungsmuster zu vermeiden.36 Deshalb stehen auch nicht abstrakte Strukturen und Prozesse, sondern konkrete Personen im Zentrum dieser Geschichte. Ihr Handeln – wiewohl stets in komplexen Kontexten verhaftet – formte und beeinflusste Situationen und Relationalitäten.37 Es geht einer transnationalen Mikrogeschichte Russlands am Nordpazifik also einerseits darum, der Verwobenheit konkreter Orte und Akteure in die komplexen und weltumspannenden Dynamiken des Pelzhandels und imperialer Machtpolitik im Nordpazifik Rechnung zu tragen, und andererseits, ihre historische, soziale und naturräumliche Spezifität zu betonen.

Die Kommandeurinseln sind dafür geeignet wie kaum ein zweiter Ort. Hier machten sich die Auseinandersetzungen zwischen (imperialen) Konkurrenten und russischen Gestaltungsansprüchen stärker als anderswo entlang der »russischen« Nordpazifikküste bemerkbar, denn die Konflikte um die Inseln wurden zu Kristallisationspunkten transnationaler bzw. -imperialer Konflikte um marine Ressourcen, Kontroll- und Herrschaftsansprüche.38 Zugleich war die Geschichte der Kommandeurinseln eng mit jener der (seit 1867 zu den USA gehörenden) Pribilof-Inseln verbunden, auf denen sich die größten und bedeutendsten Robbenkolonien befanden. Auch dort wurden Pelzrobben getötet, auch dort unterlagen die Menschen einem rigiden Disziplinarregime und auch dort gab es intensive Konflikte um die wertvollen Felle, die zumindest teilweise von denselben Akteuren ausgetragen wurden. Indem die beiden Inselgeschichten in diesem Buch immer wieder miteinander kontrastiert werden, sollen die spezifischen Bedingungen auf der russischen Seite des Nordpazifiks umso deutlicher werden.

Die Inseln vor der Küste Kamtschatkas stehen nicht nur für sich selbst, sondern sie werden stets in Relation zu ihrer natürlichen und sozialen Umwelt begriffen. Sie wurden zu Orten, an denen sich russische Interessen und Ansprüche in der Auseinandersetzung mit konkurrierenden Einflüssen behaupten mussten. Dies galt umso mehr, als ihr Status, ihre Zugehörigkeit und ihre Zukunft immer wieder infrage gestellt wurden; nicht zuletzt von ihren Bewohnern selbst. Deshalb werden die Kommandeurinseln hier nicht als abgeschlossene Eilande und Orte mit »unveränderlichen« Eigenschaften begriffen, sondern in unterschiedlichen Formen der Verflochtenheit beschrieben und damit aus ihrer geografisch-diskursiven »Isolation« herausgelöst.39 Damit waren sie auch Schauplätze einer (häufig fragilen) imperialen Selbstvergewisserung, die sich stets aufs Neue am »Anderen« maß.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein bestand die Bevölkerung der Inseln mehrheitlich aus Nachfahren jener Menschen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Aleuteninseln auf die zuvor unbewohnten Eilande umgesiedelt worden waren, um dort Pelzrobben und Seeotter zu erschlagen. In rechtlicher Hinsicht galten die Bewohnerinnen der Kommandeurinseln, die sogenannten Aleuten, im Russischen Reich bis 1917 als inorodcy, als »Fremdstämmige«.40 In der Sowjetunion wurden sie als eines der »kleinen Völker des Nordens« zu den nationalen Minderheiten gerechnet.41 Bisher sind die Aleutinnen in der Forschung oft entweder als passive Objekte staatlichen Verwaltungshandelns oder als Opfer administrativer Willkürakte beschrieben worden.42 In der Tat unterlagen sie einem erheblichen Disziplinierungsdruck, der sich von der Situation in anderen Küstenregionen unterschied, wo die Bevölkerung den Zumutungen staatlichen Handelns zumindest teilweise ausweichen konnte.43 Auf den isolierten Inseln war dies kaum möglich. Deshalb wurden die Kommandeurinseln für die Aleuten zu »totalen Institutionen«.44 Gleichzeitig profitierten sie zumindest zeitweise von ihrem Ausnahmestatus und den vielfältigen Verflechtungen der Inseln.

Russische Geschichte als Pacific History

Die Geschichte der Kommandeurinseln (und der russischen Nordpazifikküste insgesamt) ist Teil einer Pacific History, die den Ozean in seiner ambivalenten Funktion als Kommunikations- und Konfliktraum ernst nimmt.45 Deshalb rücken hier die vielfältigen Verflechtungen in den Vordergrund, die sich durch maritime Infrastrukturen, Ressourcenextraktion, transnationale Wirtschaftszusammenhänge, aber auch durch Konfrontationen und Konflikte ergaben.46 Schließlich war (und ist) die Geschichte des Nordpazifiks maßgeblich durch die Migrationsbewegungen großer Meeressäuger und durch den »Fischreichtum« bestimmter Regionen strukturiert. Der Historiker David Igler hat in seinen grundlegenden Arbeiten zum Pazifischen Ozean darauf aufmerksam gemacht, dass die Jagd auf die im Meer lebenden Säugetiere wesentlich dazu beitrug, dass sich bereits im 18. Jahrhundert »europäische« Infrastrukturen im Pazifik entwickelten.47 Wohin Wale und Robben auch zogen, die Menschen folgten ihnen und machten Jagd auf sie. Dadurch veränderten, beeinflussten und schufen sie den nordpazifischen Raum, der keineswegs allein durch geografische, klimatische und ökologische »Konstanten« determiniert war, sondern auf immer neue Art und Weise konstruiert wurde.48

Deshalb muss eine solche Geschichte das Verhalten der Meereslebewesen stets mitdenken.49 Denn Fische, Meeressäuger und andere im Ozean lebende Tiere sind es, die menschliche Praktiken und Realitätswahrnehmungen in maritimen Kontexten ganz erheblich determinieren. Damit wird hier ein wichtiger Impuls der Human Animal Studies aufgenommen, die davon ausgehen, dass das Handeln von Menschen und »nichtmenschlichen« Tieren nur im Zusammenhang verständlich wird. Die Lebensäußerungen der Letzteren sind also insofern relevant, als sie menschliches Handeln ermöglichten und beeinflussten – aber ihm auch immer wieder Grenzen setzten.50 Entscheidend sind dabei einerseits die Relationalität von tierischer und menschlicher Existenz und andererseits die damit verbundenen ökologischen und materiellen Dimensionen.51

Die Kommandeurinseln gehörten zu jenen Orten, an denen diese unterschiedlichen Ebenen miteinander in Beziehung zueinander standen – und vielfach in Konflikt miteinander gerieten. Daher werden sie hier nicht nur in ihrer spezifischen historischen Dynamik untersucht, sondern verweisen stets auch auf größere Zusammenhänge: Auf diese Weise lassen sich sowohl grundlegende Probleme des Umgangs mit natürlichen Ressourcen als auch der Herrschaftsdurchsetzung an imperialen Peripherien verdeutlichen.52

Einer der wichtigsten Gründe für die nordpazifischen Ressourcen- und Autoritätskonflikte im ausgehenden 19. Jahrhundert waren Pelzrobben der Art callorhinus ursinus. Ihre jährlichen Migrationsbewegungen strukturieren nicht nur ihren eigenen Lebenszyklus, sondern sie beeinflussten auch menschliche Existenz und Präsenz im Nordpazifik. Die zur Familie der Ohrenrobben gehörenden Tiere sind ausgezeichnete Schwimmer und – im Gegensatz zu vielen anderen Robbenarten – in der Lage, sich an Land rasch fortzubewegen. Dank ihrer starken Vorderflossen kommen sie auf steinigen und nassen Küstenabschnitten schneller voran als Menschen.53 Pelzrobben zeichnen sich durch einen ausgeprägten Sexualdimorphismus aus: Ausgewachsene Bullen können über zwei Meter groß werden und wiegen mitunter mehr als 250 Kilogramm. Die Weibchen sind hingegen deutlich kleiner. Die größten unter ihnen messen bis zu 140 Zentimeter und bringen um die 50 Kilogramm auf die Waage.54 Jahr für Jahr suchen die Robben im Frühsommer die immer gleichen Strände auf, um dort Nachwuchs zu zeugen und ihre Jungtiere aufzuziehen.55 Die größten Kolonien kommen dabei auf den Pribilof-Inseln und den Kommandeurinseln zusammen. Der Sommer war auch die Zeit, in der Menschen und Tiere in Kontakt kamen. Erstere erschlugen Letztere – sowohl auf den Inseln als auch auf dem Meer – und konservierten die Felle. Im Herbst machen die Pelzrobben sich auf den Weg und schwimmen entlang der asiatischen bzw. amerikanischen Pazifikküste nach Süden, ohne jemals Land aufzusuchen Mit dem endenden Winter kehren sie um und ziehen nach Norden, bis sie die Inseln wieder erreichen.56 Während die überlebenden Robben nach Süden zogen, wurden die Felle der getöteten Tiere nach London transportiert und Teil des globalen Rauchwarenhandels.

Die Menschen auf den Kommandeurinseln blieben hingegen zurück; vollständig abgeschnitten von der Außenwelt verbrachten sie die Wintermonate bis zum nächsten Frühjahr, wenn Schiffe und Robben zurückkehrten. Nur scheinbar änderte sich dabei »nichts«. Doch hinter den Routinen immer »gleicher« Abläufe verbargen sich hochdynamische Prozesse, die nur im Zusammenspiel von Mikrogeschichte und transnationalen Zusammenhängen verständlich werden. Besonders wichtig ist dabei der Zusammenhang zwischen sozialem Wandel, ökologischen Veränderungen und der Einsicht, dass periphere Küstengesellschaften (littoral societies) aufgrund ähnlicher geografischer, kultureller und gesellschaftlicher Bedingungen häufig enger miteinander verbunden waren als mit ihren jeweiligen Metropolregionen.57 Die nordöstliche Peripherie des Russischen Imperiums wurde bislang noch kaum auf diese Weise untersucht.58 Allerdings, und darin unterscheidet sich diese Darstellung von anderen Ansätzen »maritimer« Geschichte: Hier entsteht keine Geschichte der russischen Nordpazifikküste »vom Meer aus« oder gar eine »history from below the waves«59, sondern der Gegenstand dieses Buches sind die sozialen, ökonomischen und politischen Verhältnisse an Land, die jedoch entscheidend durch die Interaktion zwischen Menschen (und Tieren) auf und am Meer beeinflusst wurden.60

Verflechtungen und Konflikte

Den Kampf um die Robben trugen Akteure aus, deren Motive und Ziele ebenso stark differierten wie die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel: Ging es diesen um Profitmaximierung, agitierten jene für den Schutz der Tiere. Setzten die einen auf Verhandlungen, verließen sich andere auf ihre Gewehre. So unterschiedlich wie Methoden waren auch die Arenen, in denen sich die einzelnen Ebenen des Konflikts abspielten. Neben den »Robbeninseln« im Nordpazifik waren dies die Amtsstuben russischer Beamter oder die Kontore transnational agierender Firmen. Während Diplomaten auf internationalen Konferenzen um die Zukunft der Robben rangen, wurden die Tiere auf hoher See zu Abertausenden getötet. Hier werden diese unterschiedlichen Ebenen und Perspektiven miteinander in Beziehung gesetzt, um die Verbindung zwischen globalen ökonomischen Prozessen, diplomatischen Verhandlungen, russischer Staatsbildung und lokalen Praktiken zu verdeutlichen. Dabei geht es zunächst darum, ein vielschichtiges Panorama einer Auseinandersetzung zu entwerfen, die in vielerlei Hinsicht exemplarisch für zahlreiche andere Ressourcenkonflikte war. Viel wichtiger aber ist, auf diese Weise die Verwobenheit Russlands in transnationale Zusammenhänge zu verdeutlichen und zu zeigen, dass es eben diese Integration war, die Herrschaftsdurchsetzung und Staatsbildung am Nordpazifik gleichermaßen hemmte wie förderte.

Abb. 1Pelzrobben auf den Kommandeurinseln. Bei den Personen im Hintergrund handelt es sich wohl um russische Beamte

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich dieser Prozess. Der gesamte nordpazifische Raum und damit auch der russische Ferne Osten wurden stärker als zuvor Teil einer sich rapide verändernden globalen Ökonomie. Ab Mitte der 1860er Jahre kamen dabei mehrere, weitgehend unabhängig voneinander verlaufende Entwicklungen zusammen, die die Region insgesamt in das beginnende Zeitalter der »Weltmärkte und Weltkriege« integrierten.61 Zunächst einmal gab das russische Imperium mit dem Verkauf Alaskas 1867 endgültig seinen – niemals eingelösten – Anspruch auf, den Nordpazifik zu einer russischen Einflusssphäre zu machen. In Japan beschleunigte die Meiji-Restauration (1868) die Öffnung des Landes und legte damit auch den Grundstein für die Expansion japanischer Fischer und Robbenfänger im nordpazifischen Raum.62 Neue transpazifische Postverbindungen und globale Telegrafennetze banden die Regionen in diesen Jahren enger aneinander.63 Die Einweihung der ersten transkontinentalen Eisenbahnverbindung im Jahr 1869 durch die USA sowie die Eröffnung des Suezkanals im gleichen Jahr beschleunigten und veränderten den Welthandel erheblich. Um London, das Zentrum des globalen Pelzhandels, zu erreichen, musste die wertvolle Fracht nun nicht mehr auf dem gefahrvollen Seeweg um das Kap der Guten Hoffnung transportiert werden.64

In Darstellungen des globalen Fell- und Rauchwarenhandels firmierte das Russische Imperium bislang entweder als Rohstoffbasis am Rande weltumspannender Warenketten oder die Geschichte des (alt-) russischen Pelzhandels wurde als Geschichte der imperialen Durchdringung und Aneignung Eurasiens beschrieben.65 Für beide Perspektiven gab es gute Gründe, schließlich lässt sich die Expansion des Moskauer Reichs nach Osten ohne die Jagd auf Zobel kaum plausibel erklären und auch im internationalen Pelzgeschäft war das Imperium in erster Linie »Versorgungsgebiet«.66 Doch während die eine Sichtweise den Zusammenhang von innerer Herrschaftskonsolidierung und Ressourcenausbeutung akzentuierte, ohne nach den transnationalen Auswirkungen dieser Prozesse zu fragen, ignorierte die andere Interpretation moderne russische Zustände fast völlig; die Bedingungen, unter denen Pelze in Russland »geerntet« und distribuiert wurden, spielten keine Rolle. Hier wird diese Geschichte hingegen als Teil jenes fundamentalen historischen Prozesses begriffen, den der Historiker Jürgen Osterhammel als »Verwandlung der Welt« im 19. Jahrhundert bezeichnet hat.67 Die Globalisierungsdynamiken dieser Zeit sind in den letzten Jahrzehnten mehrfach am Beispiel konkreter Rohstoffe, Handelswaren oder Produkte beschrieben worden, die von den commodity frontiers der globalen Ökonomie in die Zentren der Weltwirtschaft gelangten.68 In solchen »produktzentrierten Interaktionsgeschichten« ging es neben der Etablierung transnationaler Handelsnetze um Fragen, wie Produktion und Produkte normiert oder Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Unternehmen geführt wurden.69 Immer wieder ist darauf hingewiesen worden, wie weltumspannende Warenketten Menschen in ganz unterschiedlichen Regionen miteinander verbanden und rare Abhängigkeitsverhältnisse schufen.70 Und schließlich veränderte und beeinflusste die (oftmals gewaltsame) Integration vormals »entlegener« Peripherien in die Ordnung des Kapitalismus diese Orte dauerhaft und für immer.

All dies traf auch auf das Geschäft mit Pelzen und Fellen zu. Dabei prägten die auf diesem Sektor tätigen Firmen die Dynamiken ebenso, wie sie sich an die veränderten Bedingungen anpassten. So behielten etwa traditionelle Geschäftsmethoden (Auktionshandel, die unbedingte Gültigkeit mündlicher Absprachen) ihre Bedeutung.71Gleichzeitig trugen technische Neuerungen in der Fellverarbeitung und -färbung entscheidend dazu bei, dass in London die Preise für sealskin immer neue Rekorde brachen. Auch deshalb gehörten Robbenpelze seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika zu den besonders begehrten Luxusgütern. Doch – und das wird in diesem Buch immer wieder zum Thema – gerade weil die Robbenpelze ein exklusives Gut waren und blieben, wurden sie zum Sehnsuchtsobjekt einer modernen Konsumgesellschaft und erfuhren deshalb eine erhebliche symbolische Aufladung; dies machte sich nicht zuletzt in zahlreichen literarischen Verarbeitungen des Themas bemerkbar.72

Konservationismus und Diplomatie

Mit der Popularität der Robbenpelze wuchs auch das Bewusstsein dafür, dass die Pelzrobben selbst gefährdet waren. Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts war offensichtlich, dass substanzielle Maßnahmen notwendig waren, um das Aussterben der Tiere zu verhindern. Zunehmend geriet ihr Schutz ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Dabei verbanden sich zwei Aspekte miteinander: Einerseits warb eine stärker werdende Tierschutzbewegung für den Erhalt der Art und das Ende »grausamer« Tötungsmethoden73, andererseits – und das war entscheidend – gewann der Konservationismus immer mehr Anhänger; also jene anthropozentrisch grundierte Idee, dass Ressourcen zum Zwecke ihrer künftigen Nutzung geschützt werden mussten.

Ihren nachhaltigsten Ausdruck fanden solche Überzeugungen in der 1911 vereinbarten »Fur Seal Convention«, einem Abkommen, das als Meilenstein in der Geschichte des internationalen Artenschutzes gilt. Die diplomatischen Auseinandersetzungen um den Erhalt der Robben und ihr glücklicher Ausgang dominierten nicht nur die umfangreiche zeitgenössische Berichterstattung, sondern sie haben auch seither die Perspektiven auf den Gegenstand maßgeblich geprägt. Der Vertrag von 1911 wurde zum Fixpunkt der meisten einschlägigen Darstellungen.74 Dabei ist die Geschichte seines Zustandekommens, wie auch die Geschichte der nordpazifischen Ressourcenkonflikte insgesamt, bislang vor allem aus einer angloamerikanischen Perspektive beschrieben worden. Doch klaffen die Ansichten darüber, wie das Vertragswerk zu bewerten ist, weit auseinander. Zunächst einmal besteht keine Einigkeit darüber, ob es dabei überhaupt um Artenschutz ging oder ob es sich nicht vielmehr um den Versuch handelte, eine lukrative Ressource vor der völligen Vernichtung zu bewahren. So gilt das Abkommen einigen Autoren als zentral für die Entstehung eines modernen, explizit auf die Erhaltung von Arten und Artenvielfalt ausgerichteten Umweltrechts.75 Die Vertreter dieser Position erklären, der Vertrag sei in einer Umbruchszeit geschlossen worden. Die Ära jener Übereinkünfte, die in erster Linie deshalb geschlossen wurden, um natürliche Ressourcen langfristig ökonomisch auszubeuten, sei ihrem Ende entgegengegangen. Solche utilitaristischen und zumeist rein anthropozentrisch motivierten Verträge dominierten im 19. Jahrhundert, während die »Fur Seal Convention« bereits unter veränderten Bedingungen entstand. Der Erhalt der gefährdeten Arten habe eine wesentlich größere Rolle als noch zwei Jahrzehnte zuvor gespielt.76 In diesem Zusammenhang hebt die Umweltjuristin Anita Halvorssen hervor, der Vertrag sei eines der frühesten Beispiele für freiwillige staatliche Souveränitätseinschränkungen zur Schonung einer natürlichen Ressource gewesen.77

Etwas nüchterner begriff der Historiker Thomas Bailey das Abkommen als einen außergewöhnlichen Fall internationaler Kooperation.78 Auch James Gay kommt in seinem diplomatiehistorischen Standardwerk über die komplexen Verhandlungen zu dem Schluss, das Abkommen sei ein großer Erfolg gewesen, das einen jahrzehntelangen Disput beendet und zugleich weiteren internationalen Kooperationen im Bereich der Konservation den Weg geebnet habe.79 Autoren wie Scott Barrett betonen hingegen den modellhaften Charakter der Übereinkunft.80

Aus einer anderen Perspektive urteilte der Historiker Alvin Gluek, für Kanada sei das Abkommen ein »hervorragendes Geschäft« gewesen. Im Gegenzug für einige halb verrottete Schiffe und weitgehend nutzlose Fangrechte habe das Land nicht nur eine erhebliche Kompensation, sondern auch eine dauerhafte Beteiligung am künftigen Geschäft mit den Robbenfellen erhalten.81 Die Begeisterung war indes nicht ungeteilt: Der Historiker Norman Saul begriff das Abkommen als den Endpunkt eines jahrzehntelangen ökologischen Desasters (ohne sich freilich für die daraus resultierenden Folgen zu interessieren).82 Und die Juristin Rosemary Rayfuse kritisierte, dass es bei dem Vertrag neben dem Verbot der pelagischen Jagd vor allem darum gegangen sei, den Küstenstaaten die weitere Ausbeutung der Pelzrobben in ihren Hoheitsgebieten zu ermöglichen.83 Das traf den Kern der Sache: Den Vertragspartnern ging es – ganz im Geiste des Konservationismus – vor allem darum, eine marine Ressource zum Zwecke ihrer weiteren Ausbeutung zu erhalten.84 Insbesondere deshalb gestalteten sich die Verhandlungen überaus kompliziert und schwierig. Aber auch nur deshalb waren sie schließlich von Erfolg gekrönt.

Die Rolle des Russischen Imperiums oder gar der Sowjetunion interessierte die meisten Autoren, die sich bislang mit diesen Themen befassten, allenfalls am Rande.85 Neben forschungspraktischen Aspekten wie Sprachbarrieren und Komplikationen beim Archivzugang gab es dafür gute Gründe, die im Gegenstand selbst begründet lagen: Den USA kam gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den Auseinandersetzungen um die Robben entscheidende Bedeutung zu – sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht. Die Robbenherden auf den Pribilof-Inseln waren zu jedem Zeitpunkt bedeutender als jene auf den russisch beherrschten Kommandeurinseln. Zudem wiesen die aus dem Streit um die Robben resultierenden diplomatischen Kontroversen weit über ihren Gegenstand hinaus: Es ging um grundlegende Fragen des internationalen Seerechts und des Artenschutzes. Das Russische Imperium und seine Diplomaten spielten bei der Lösung der komplizierten Konflikte um die Robben – auch zu ihrem eigenen Leidwesen – eine eher untergeordnete Rolle. Als zentrale Akteure galten Großbritannien, Kanada, Japan und die Vereinigten Staaten. Russische Darstellungen des Konflikts akzentuieren hingegen die Bedeutung »vaterländischer« Diplomaten weit über Gebühr. Hier wird dieses Bild korrigiert; nicht um eine »ausgewogene« Darstellung zu erreichen, sondern um nach Formen der Kooperation zwischen Diplomaten und Wissenschaftlern zu fragen. Dabei steht der bislang nicht hergestellte Zusammenhang zwischen dem internationalen Konflikt um die Pelzrobben und der Durchsetzung russischer Herrschaftsansprüche am Nordpazifik im Vordergrund.86

Hinzu kommt: Am grundsätzlichen Verhältnis von Menschen und Pelzrobben veränderte das Vertragswerk nichts; die Tiere galten weiterhin als Ressource, der die Jäger mit den immer gleichen Praktiken zu Leibe rückten. Das Schlachten mochte eingehegt und reguliert worden sein; doch es war keineswegs vorbei. Und auch die ökologischen Folgen des jahrzehntelangen Tötens ließen sich mit Unterschriften und Siegellack nicht aus der Welt schaffen. Aber sie ließen sich erfolgreich externalisieren, an den Rand drängen und zu einem – scheinbar! – peripheren Problem machen.87

Aufbau des Buches

Die miteinander verwobenen Geschichten vom transnationalen Kampf um die Robben und der russischen Präsenz am Nordpazifik sind hier in fünf Abschnitte gegliedert, die grundsätzlich chronologisch aufeinander aufbauen. Im ersten Teil »Russlands nordpazifische Kolonie« steht die Geschichte der kolonialen Expansion des Imperiums in den Nordpazifik sowie die Geschichte Russisch-Amerikas zwischen der Mitte des 18. Jahrhunderts und 1867 im Vordergrund. Dabei zeige ich, wie die Ausbeutung mariner Ressourcen mit der Dezimierung indigener Bevölkerungsgruppen einherging. Vor allem aber wird hier deutlich, dass das Imperium nicht in der Lage war, seine nordpazifische Kolonie aus eigener Kraft zu versorgen; diese Schwäche war einer der Gründe, die schließlich zum Verkauf Russisch-Amerikas führten.

Das folgende Kapitel »Amerikanische Dominanz« thematisiert die Entstehung eines transnationalen Kommunikations- und Konfliktzusammenhangs im Nordpazifik, der auf der Ausbeutung der Robbenbestände basierte und von einem in San Francisco ansässigen Unternehmen kontrolliert wurde. Der russische Staat und seine Institutionen mussten sich mit dieser Herausforderung auseinandersetzen. Wie dies geschah und welche Widersprüche sich damit verbanden, wird hier intensiv diskutiert und am Beispiel der Kommandeurinseln verdeutlicht.

Der Abschnitt »Konfliktlinien« nimmt die Auseinandersetzungen zwischen den auf dem Meer operierenden Robbenfängern (sealers) und ihren Gegnern in den Blick. Dabei geht es sowohl um konkrete Praktiken und wechselseitige Wahrnehmungen der Kontrahenten als auch um die Frage, wie das Imperium versuchte, »seine« Ressourcen zu schützen. Russland war es unmöglich, die »Wilderer« in die Schranken zu weisen. Dies lag einerseits an komplizierten infrastrukturellen und materiellen Bedingungen, andererseits aber waren russischen Behörden und Offizieren durch das internationale Seerecht enge Grenzen gesetzt. Der Niedergang der Pelzrobbenpopulation war unausweichlich und damit auch weitreichende Implikationen für die Bevölkerung der Kommandeurinseln. Ökologische, ökonomische und soziale Krisen gingen Hand in Hand und verstärkten einander wechselseitig.

Die Lösung des Konflikts um die Robben konnte kein Staat allein erzwingen und sie ließ sich auch nicht mit Waffengewalt herbeiführen. Vielmehr mussten auf diplomatischer Ebene Auswege gefunden werden. Die lang andauernde und komplexe Suche nach einem Kompromiss, der sowohl den ökonomischen Interessen der Konfliktparteien Rechnung trug als auch die Robben vor der Vernichtung schützte, ist Gegenstand des Kapitels »Diplomatische Herangehensweisen«. Die Verhandlungen um die Zukunft der Robben waren stets auch Auseinandersetzungen um imperiale Einflusszonen im Nordpazifik und wurden auch deshalb – zumindest zeitweise – von einer breiten Öffentlichkeit intensiv rezipiert. Als 1911 mit der »North Pacific Fur Seal Convention« ein Vertrag geschlossen wurde, der das Überleben der Art sicherte, war das nicht nur ein Erfolg für Diplomaten und Robben, sondern auch eine wichtige Etappe in der Genese des internationalen Artenschutzes.

Im Kapitel »Unter dem roten Stern« geht es um die sowjetischen Erfahrungen am Nordpazifik. Ich zeige hier, was Sowjetisierung unter den Bedingungen fragmentierter Autorität bedeutete und wie es den Bolschewiki schließlich gelang, Ressourcen und Menschen in der Region unter ihre Kontrolle zu bringen. In einem ersten Schritt thematisiere ich zunächst jene Verwerfungen, die die Russische Revolution und der Bürgerkrieg auf Kamtschatka und den Kommandeurinseln auslösten, und beschreibe diese Umbruchszeit als eine Zeit der Ressourcenkonflikte und des dramatischen Autoritätsverlust jeglicher Zentralmacht. Bis in die 1920er Jahre hinein beschränkte sich sowjetische Macht auf Kamtschatka auf einige zentrale Orte, während es japanische Unternehmer waren, die die Geschicke der Region in ökonomischer Hinsicht kontrollierten. Doch spätestens mit der japanischen Niederlage im Zweiten Weltkrieg bestand kein Zweifel mehr, dass der sowjetische Staat seinen Herrschaftsanspruch am Nordpazifik endgültig durchgesetzt hatte. Diese unumstrittene Dominanz öffnete auch auf den Kommandeurinseln den Weg für eine sowjetische Standardentwicklung – mit all den dazu gehörenden Herausforderungen. Hier werden jene Probleme thematisiert, die sich aus der Kombination von struktureller Reformunfähigkeit und fehlenden Mitteln zu ihrer Überwindung ergaben. Über Jahrzehnte baute sich eine ökonomische und ökologische Katastrophe auf, die erst ab Mitte der 1980er Jahre offen benannt, aber nicht mehr gelöst werden konnte. Als nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1993 ein Naturschutzgebiet auf den Kommandeurinseln eingerichtet wurde, war zwar der Kampf um die Robben vorüber, nicht jedoch die Konflikte um die Zukunft der Inseln.

Quellen und Überlieferung

Die Geschichte, die auf den folgenden Seiten entfaltet wird, ist auf der Grundlage von Materialien entstanden, die ich in Archiven und Bibliotheken in sechs Ländern auf drei Kontinenten zusammengetragen habe. Die wichtigsten Bestände fand ich in russischen Archiven. In St. Petersburg habe ich im »Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Voenno-Morskogo Flota« (RGAVMF), in dem die Unterlagen der russischen Marine vor 1917 aufbewahrt werden, sowie im »Rossijskij Gosudarstvennyj Istoričeskij Archiv« (RGIA) gearbeitet. Hier habe ich in erster Linie die Akten jener Ministerien und Institutionen eingesehen, die mit der Verwaltung der Fernöstlichen Gouvernements befasst waren. Besonderes Augenmerk galt dabei Unterlagen, die sich mit Kamtschatka sowie den Kommandeurinseln auseinandersetzten. In Moskau konnte ich Bestände des »Archiv Vnešnej Politiki Rossijskoj Imperii« (AVPRI) konsultieren, in dem sich die Akten des zarischen Außenministeriums befinden. Hier ging es vor allem darum, die Korrespondenzen zwischen den russischen Gesandten im Ausland und dem Ministerium in St. Petersburg nachzuvollziehen. Zudem habe ich mich im »Gosudarstvennyj Archiv Rossijskoj Federacii« (GARF) sowie im »Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Ėkonomiki« (RGAĖ) mit Dokumenten zur Geschichte der Kommandeurinseln in der frühen Sowjetunion befasst. Diese bislang kaum beachteten Materialien machen die zahlreichen Herausforderungen deutlich, vor denen die Kommunisten an der östlichsten Peripherie der Sowjetunion standen. Diese Recherchen wurden ergänzt mit Unterlagen aus dem »Rossijskij Gosudarstvennyj Archiv Social’no-Političekoj Istorii« (RGASPI).

Die Überlieferung der zentralen russischen Archive wurde vervollständigt durch Materialien aus regionalen Archiven. In Wladiwostok habe ich vor allem im »Rossijskij Gosudarstvennyj Istoričeskij Archiv Dal’nego Vostoka« (RGIA DV) recherchiert, in dem sich die Korrespondenzen und Verwaltungsakten der Fernöstlichen Gouvernements des Russischen Imperiums und der ihr untergeordneten Behörden befinden. Die hier eingesehenen Materialien stellten wichtige Gegenstücke und Ergänzungen zu den in St. Petersburg und Moskau recherchierten Unterlagen dar. In Petropavlovsk-na-Kamčatke konnte ich im »Gosudarstvennyj Archiv Kamčatskogo Kraja« (GAKK) mit Dokumenten aus den 1920er und 1930er Jahren arbeiten, die faszinierende Einblicke in lokale Zusammenhänge erlauben.

In Großbritannien habe ich in den »National Archives« in Kew Dokumente ausgewertet, die einerseits Aufschluss über die ökonomischen und politischen Interessen der Londoner Regierung an den nordpazifischen Konflikten gaben. Andererseits befinden sich dort Archivalien der britischen Marine, mit deren Hilfe sich die Rolle von Kriegsschiffen Ihrer Majestät im Nordpazifik rekonstruieren lässt. In den USA halfen die Materialien in den »National Archives« in Washington dabei, die amerikanische Perspektive auf die komplexen außenpolitischen Auseinandersetzungen besser zu verstehen. Vor allem aber war es aufschlussreich zu sehen, wie sehr sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen in die inneramerikanischen Debatten um die Zukunft der Pelzrobben einbrachten. In den »Smithsonian Institution Archives« konnte ich mit den Beständen von Biologen und Naturwissenschaftlern arbeiten, die sich mit den Robben befassten. Von besonderem Interesse waren dabei die Materialien Leonhard Stejnegers, der als einer der wenigen Experten die Robbeninseln auf beiden Seiten des Nordpazifiks aus eigener Anschauung kannte. Ergänzt wurden diese Überlieferungen mit Beständen der »Stanford University Archives« sowie der »Hoover Institution Archives« in Stanford. In letzterem Archiv befinden sich zahlreiche Aufzeichnungen und Unterlagen, die die komplexe und wechselhafte Geschichte des sowjetischen Fernen Ostens in den Jahren nach 1917 betreffen. Die »Bancroft Library« an der University of Berkeley verfügt über eine der wichtigsten Sammlungen autobiografischer Zeugnisse zum Verkauf Alaskas im Jahre 1867 und zu den ersten Jahren unter amerikanischer Flagge. Im Archiv des »Maritime National Historical Park« in San Francisco habe ich wichtige Egodokumente einsehen können. Unterlagen aus dem »Politischen Archiv des Auswärtigen Amts« (PA AA) in Berlin halfen, die japanisch-russischen Konflikte um Fischereirechte besser zu verstehen. Zusätzlich zu den genannten Archiven sind Materialien aus weiteren amerikanischen und kanadischen Archiven in die Untersuchung eingeflossen, die entweder online verfügbar sind oder direkt bei den Archiven bestellt wurden.88

So heterogen die Quellen sind, auf denen dieses Buch beruht, so weisen sie doch einige Gemeinsamkeiten auf: Die meisten dieser Unterlagen entstammen der Feder weißer Männer und geben Auskunft über die Perspektive staatlicher Einrichtungen, wissenschaftlicher Institutionen oder privatwirtschaftlicher Unternehmer. Auch deshalb sind die Stimmen der indigenen Bevölkerungen in diesen Unterlagen oft nur dann vernehmbar, wenn sie mit formalen Regeln und Gesetzen in Konflikt gerieten oder wenn ihre Rolle als Arbeitskräfte thematisiert wurde. Aus den verwendeten Quellen entsteht daher ein verzerrtes Bild, in dem die Wahrnehmungen von Angehörigen indigener Gruppen deutlich unterrepräsentiert sind. Zudem stammen die wenigen verfügbaren Informationssplitter zumeist von Männern oder behandeln deren Positionen und Perspektiven. Frauen und Kinder tauchen in den mir zugänglichen Quellen weitaus seltener auf. Dass dies mit den tatsächlichen Zuständen nichts zu tun hatte, versteht sich von selbst und wird im Text so weit als möglich reflektiert.

Schreibweisen, geografische Begriffe, Datumsangaben

Für die meisten der in diesem Buch vorkommenden geografischen Orte, Gattungsbegriffe, Personen und Phänomene gibt es in den Sprachen der Nordpazifikanrainer unterschiedliche Bezeichnungen. Bei bekannteren Orten und Regionen wurden in der Regel die im Deutschen gebräuchlichen Bezeichnungen gewählt. Die Schreibung russischer Namen und Begriffe folgt zumeist den Regeln der wissenschaftlichen Transliteration. Eine Ausnahme bilden solche Namen und Begriffe, für die es im Deutschen eine eigenständige Lautung gibt (etwa: Wladiwostok, Wodka, Kamtschatka).

Oft erlauben es die verfügbaren Quellen nicht, historische Akteure exakt zu benennen. So wurden und werden die Bewohnerinnen der Kommandeurinseln sowohl in zeitgenössischen Quellen als auch in der wissenschaftlichen Literatur fast durchgehend als »Aleuten« bezeichnet. Zwar argumentierten bereits einige auswärtige Beobachter, es handele sich bei den Insulanerinnen keineswegs um Aleuten, sondern um eine ethnisch heterogene Bevölkerung, die sich eindeutigen Zuschreibungen entziehe.89 Und zumindest ein Teil der so Bezeichneten lehnte den Begriff explizit ab. Einige bevorzugten das Ethnonym »Unagan« und andere brachten ihr Selbstverständnis in der Forderung auf den Punkt, man möge sie als »russische Kosaken« ansprechen.90 In diesem Buch ist dennoch die Rede von »Aleuten« bzw. »Aleutinnen«; und dies vor allem aus pragmatischen Gründen: Der Begriff ist in der Literatur etabliert und bezeichnet die Gesamtheit der nichteuropäischen Bewohnerinnen der Kommandeur- und Pribilof-Inseln.91 Alle weitergehenden Differenzierungsversuche sind vergeblich, da die Quellen dafür allenfalls vage Anhaltspunkte bieten.92 Sowohl in russischen als auch amerikanischen Überlieferungen ist praktisch ausschließlich pauschal von aleuty bzw. aleuts die Rede.

Die in diesem Buch vorkommenden Datumsangaben orientieren sich am gregorianischen Kalender. Dort, wo es sich anders verhält, ist dies explizit vermerkt. Wenn bei russischen Quellen aus der Zeit vor 1917 nur ein Datum angegeben ist, handelt es sich in der Regel um eine Angabe nach dem julianischen Kalender. Mitunter sind bei Archivquellen die Daten nach beiden Kalendern angegeben. In solchen Fällen steht stets die Angabe nach dem julianischen Kalender an erster Stelle.

1Zitat: Journal of the USS »Ossipee«, S. 147 (Eintrag vom 18. 10. 1867). Die überlieferten Beschreibungen der Übergabezeremonie weichen in wesentlichen Punkten voneinander ab. Haycox, Alaska, S. 154; Murray, The Vagabond Fleet, S. 38; Davis, »The Frontier Letters«, S. 74; Vavilov, »Poslednie dni«.

2Zur größer werdenden mentalen Distanz zwischen Russisch-Amerika und dem Zentrum des Imperiums vgl. Winkler, Das Imperium und die Seeotter, S. 297–309.

3Zum Hintergrund des Verkaufs vgl. Vinkovetsky, Russian America, S. 181–188; Haycox, Alaska, S. 147–158; Winkler, Das Imperium und die Seeotter, S. 283–309; Grinev, »A Brief Survey«, S. 265–278; Bolchovitinov, »Prodaža Aljaski«, S. 425–487, sowie das Kapitel »Russlands nordpazifische Kolonie«.

4Der schnellste Weg von St. Petersburg nach Russisch-Amerika führte durch die USA. Alternative Routen wie die Schiffspassage um das Kap der Guten Hoffnung oder der Landweg durch Sibirien waren weitaus aufwendiger und forderten mehr Zeit. Die Reiseroute der Delegationen wird skizziert in: Journal of the USS »Ossipee«, o.S. (Befehl von Admiral Henry Thatcher, 14. 8. 1867).

5Gibson, Imperial Russia in Frontier America, S. 212–217; Bockstoce, Furs and Frontiers in the Far North, S. 38–40; Kropp, Russlands Traum von Amerika.

6Der Autor unterstützt das Ziel einer geschlechtergerechten Sprache. Daher wird in diesem Buch dort, wo es inhaltlich sinnvoll ist, wahllos zwischen männlichen und weiblichen Pluralformen gewechselt.

7Die meisten Geschichten Russisch-Amerikas enden mit dem Verkauf der Kolonie im Jahr 1867 und vermeiden die Auseinandersetzung mit den Folgen dieser Entscheidung. Vgl. etwa: Winkler, Das Imperium und die Seeotter; Vinkovetsky, Russian America. Wichtigste Ausnahme: Remnev, Rossija Dal’nego Vostoka, S. 399–438.

8Zur Eroberung Zentralasiens: Crews, For Prophet and Tsar. Kaukasus: Perovic, Der Nordkaukasus unter russischer Herrschaft. Zur Bedeutung Wladiwostoks sowie der Eroberung des Amurgebiets: Sokolsky, Taming Tiger Country; Remnev, Rossija Dal’nego Vostoka; Hartley, Siberia, S. 159–161; Deeg, Kunst & Albers, S. 41–72; Zatsepine, Beyond the Amur.

9Der Zusammenhang von Krimkrieg und inneren Reformen gehört zu den vielfach behandelten Themen der russischen Geschichte. Vgl. im Überblick: Hildermeier, Geschichte Russlands, S. 879–961.

10Zitate nach Remnev, Rossija Dal’nego Vostoka, S. 228 und S. 411.

11Lebende und nicht lebende Ressourcen des Meeres werden hier als »marine« Ressourcen bezeichnet. Im Gegensatz dazu wird das Wort »maritim« verwendet, um einen kulturellen Bezug zum Meer zu markieren. Vgl. Ruppenthal, Raubbau und Meerestechnik, S. 21.

12Taxonomie: Gentry, Behavior and Ecology of the Northern Fur Seal, S. 5–17; Gelatt/Gentry, »Northern Fur Seal«, S. 645–648; Mode: Laver, Taste and Fashion, S. 209. Als »Rauchwaren« werden bearbeitete (»zugerichtete«) Tierfelle bezeichnet, die noch nicht zu Pelzen verarbeitet wurden. Überblick: Brass, Aus dem Reich der Pelze.

13Russische Herrschaft als systematische Ressourcenextraktion: Weiner, »The Predatory Tribute-Taking State«, S. 283–319. Ähnlich auch: Etkind, Internal Colonization, S. 72–92.

14»Vergessene« Peripherie nach: Gorovskij, Zabytija Russkija Zemli.

15Zum Konzept der frontier als Grenz- und Übergangsraum zwischen Staaten und Imperien vgl. für Sibirien u. a.: Stolberg, »The Siberian Frontier«; Urbansky, Beyond the Steppe Frontier, S. 3–7. Zu »commodity frontiers« als Kennzeichen des globalen Kapitalismus vgl. Beckert u. a., »Commodity Frontiers and the Transformation of the Global Countryside«.

16Debatte: Sokolov (Hg.), Racional’noe prirodopol’zovanie na Komandorskich ostrovach.

17Begriff nach: Bartov/Weitz (Hg.), Shatterzone of Empires. Vgl. dazu auch: Beverley, »Frontier as Resource«, S. 241–272.

18Zusammenfassend dazu: Frank, »›Innere Kolonisation‹«, S. 1665; Etkind, »How Russia ›Colonized Itself‹«; ders., Internal Colonization, S. 2. Zur konstitutiven Bedeutung des Pelzhandels für die russische Geschichte vgl. ebd., S. 72–92.

19Sokolsky, »Fishing, Settlement, and Conservation in the Russian Far East«, S. 238; Demuth, Floating Coast, S. 85–92.

20Ljapustin, Krejserstvo na Dal’nem Vostoke Rossii; Tvarkovskij/Minervin, Ochrana živych morskich resursov Rossijskogo dal’nego vostoka.

21Bockstoce, White Fox and Icy Seas, S. 72–73.

22Vološinov, Otčet.

23Ähnlich auch für die nördlich gelegene Halbinsel Tschukotka: Demuth, Floating Coast, S. 86–88; dies., »The Walrus and the Bureaucrat«, S. 483–510.

24Ähnlich für Japan in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Sand, »Subaltern Imperialists«. Der Begriff kursierte auch im Umfeld der Eurasier, die sich für Russland nach 1917 nur noch eine Zukunft als »Kolonie« vorstellen konnten. Vgl. dazu: Glebov, From Empire to Eurasia, S. 83–88.

25Relationalität verweist hier also nicht nur, wie etwa bei dem Politikwissenschaftler Michael Doyle, auf die Verhältnisse innerhalb eines Imperiums, sondern auch auf das Verhältnis eines Imperiums zu seiner Außenwelt. Vgl. Doyle, Empires, S. 45. Dazu auch: Cusco, A Contested Borderland, S. 7.

26Anderson, Lineages of the Absolutist State.

27Hansen/Stepputat, »Sovereignty Revisited«, S. 295–315.

28Vgl. dazu das Kapitel »Amerikanische Dominanz«.

29Vgl. dazu etwa die Beiträge in Burbank/Hagen/Remnev (Hg.), Russian Empire, sowie Baberowski, »Vertrauen durch Anwesenheit«.

30Zu neuen Forschungen, die sich aus umwelthistorischer Perspektive mit den Grenzen menschlicher Handlungsmacht beschäftigen, im Überblick: Haumann, »Zwischen ›Nachhaltigkeit‹ und ›Anthropozän‹«, S. 305–309.

31Insgesamt erstrecken sich die Kommandeurinseln über ein Territorium von 1846 Quadratkilometern.

32Die Bering-Insel ist 90 Kilometer lang und maximal 24 Kilometer breit. Die kleinere Nachbarinsel Mednyj ist 56 Kilometer lang und 5–7 Kilometer breit. Hier gab es bis 1970 das Dorf Preobraženskoe.

33Keine dauerhaft bewohnte russische Insel ist weiter vom Festland entfernt.

34Zur transnationalen Geschichte und den damit verbundenen Definitionsproblemen vgl. etwa: Patel, »Transnationale Geschichte«; Gassert, »Transnationale Geschichte«; Tyrrell, »Reflections on the Transnational Turn«.

35Ghobrial, »Introduction. Seeing the World Like a Microhistorian«, S. 1–22; Epple, »Globale Mikrogeschichte«, S. 37–47.

36Positionen: Drayton/Motadel, »Discussion. The Futures of Global History«, S. 1–21.

37Epple, »Relationale Geschichtsschreibung«.

38Zum Konzept der »transimperialen Geschichte«: Hedinger/Heé, »Transimperial History«, S. 429–452.

39Baldacchino, »The Coming of Age of Island Studies«, S. 272–283.

40De-Livron, »Krejserstvo«, S. 10. Zur Kategorie der inorodcy und ihrer Bedeutung im ausgehenden Zarenreich: Slocum, »Who, and When, Were the Inorodtsy?«.

41Dazu und zur Politik der »positiven Diskriminierung« ethnischer Minderheiten in der frühen Sowjetunion im Überblick: Martin, The Affirmative Action Empire, S. 1–28; zur sowjetischen Nationalitätenpolitik in Sibirien: Slezkine, Arctic Mirrors, S. 187–300.

42Jones, A Century of Servitude; Kohlhoff, When the Wind Was a River; Martin / Hudson, Before the Storm; Martin, Sea Bears; Torrey, Slaves of the Harvest; Ljapunova, Aleuty.

43Zur ambivalenten Positionierung von »Staat« und indigenen Bevölkerungsgruppen in Sibirien: Ssorin-Chaikov, The Social Life of the State in Subarctic Siberia.

44Begriff nach: Goffman, »The Characteristics of Total Institutions«.

45Grundlegend: Igler, Great Ocean.

46Die »Pacific History« orientiert sich an der etablierten »Atlantic History«, die mit einem starken Fokus auf transatlantische ökonomische Verflechtungen die vielfältigen Kontakte und Austauschprozesse über den Atlantischen Ozean hinweg betont hat: Bolster, »Putting the Ocean in Atlantic History«; Armitage, »Three Concepts of Atlantic History«. Faszinierendes Beispiel für die Verbindung von maritimer Geschichte und Umweltgeschichte: Schürmann, Der graue Unterstrom.

47Igler, The Great Ocean, S. 99–128; ders., »Hardly Pacific«, S. 11–18.

48Jones, »Running into Whales«; auch: Klein/Mackenthun, »Einleitung«, S. 9.

49Grundlegender Literaturüberblick zur Geschichte der Meere: Schürmann, »Raum ohne Ort?«, S. 41–46.

50Überblick: Roscher, »Human-Animal Studies«. Aktuell: Kompatscher-Gufler u. a. (Hg.), Human-Animal Studies; Mitchell, »Wie wir Tiere betrachten«.

51Damit folge ich den Überlegungen von Gißibl, »Das kolonisierte Tier«, S. 7–28.

52Grundlegend: Etkind, Nature’s Evil.

53Gentry, Behavior and Ecology of the Northern Fur Seal, S. 6.

54Erstbeschreibung: Steller, De Bestiis Marinis, S. 49–62. Steller nahm irrtümlich an, die Tiere seien identisch mit den Pelzrobben der südlichen Hemisphäre, die der britische Weltumsegler und Pirat William Dampier beschrieben hatte. Einen Überblick über die internationale Forschung bietet die umfangreiche Bibliografie von Scott/Yano u. a., The Northern Fur Seal.

55Zu Lebensweise und Reproduktionspraktiken der Pelzrobben vgl. Gentry, Behavior and Ecology of the Northern Fur Seal, S. 87–151.

56Vgl. u. a. Jordan, The Fur Seals and the Fur-Seal Islands; Gentry, Behavior and Ecology of the Northern Fur Seal; Scheffer, Das Robbenjahr; Stejneger, The Russian Fur-Seal Islands; Townsend, Fur Seals and the Fur Seal Fisheries; Marakow, Der Nördliche Seebär; Kuzin, Severnyj Morskoj Kotik.

57Grundlegend: Pearson, »Littoral Society«. Zudem auch: ders., The Indian Ocean, S. 5–6. Das Forschungsfeld der »maritime history« umreißen: Bolster, »Opportunities; Torma, »Jenseits des ›Blue Hole‹«, S. 91–103.

58Leikin, »Across the Seven Seas«, S. 631–634. Wichtige Ausnahmen sind die Arbeiten von Ryan Tucker Jones. Vor allem: Jones, Empire of Extinction.

59Jones, »Running into Whales. The History of the North Pacific from below the Waves«.

60Die Bedeutung von transmarinen Verbindungen für die Geschichte einer imperialen Peripherie unterstreicht etwa: O’Neill, Claiming Crimea.

61Rosenberg (Hg.), Weltmärkte und Weltkriege (1870–1945).

62Überblick bei: Jansen, The Making of Modern Japan, S. 371–495; Beasley, The Rise of Modern Japan, S. 54–120. Zum Fischfang vgl. Howell, Capitalism from Within.

63Tate, Transpacific Steam, S. 21–43. Zum Telegrafen im Überblick: Standage, Das Viktorianische Internet. Zur problematischen Integration des Nordpazifiks in die globale Kommunikation mit Telegrafen: Neering, Continental Dash; Vysokov, Istorija počty, telegrafa i radio na Dal’nem Vostoke, S. 30–56.

64Zum Bau der transkontinentalen Bahnverbindungen in den USA: White, Railroaded. Zum Suezkanal: Wilson, The Suez Canal, S. 31–43. London als Zentrum des globalen Pelzhandels: Hope, Britain and the Fur Trade.

65Monahan, The Merchants of Siberia; Fisher, The Russian Fur Trade; Gibson, Feeding the Russian Fur Trade. Von besonderer Bedeutung war dabei der Pelzhandel mit China. Heller, Der Russisch-Chinesische Handel; Wanner, »The Russian-Chinese Trade in Kyakhta«.

66Hollender, »Unsere Hauptversorgungsgebiete. Russland und Afghanistan«, S. 107–118.

67Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Für Russland und die Sowjetunion: Aust, »Russland und die Sowjetunion in der Globalgeschichte«, S. 22–26.

68Beckert u. a., »Commodity Frontiers«.

69Vgl. bspw.: Beckert, King Cotton; Rischbieter, Mikro-Ökonomie der Globalisierung; Kurlansky, Cod; Pomeranz/Topik, The World That Trade Created.

70Topik/Wells, »Warenketten in einer globalen Wirtschaft«, S. 595.

71Zum Nebeneinander von modernen Kommunikationsmethoden und traditionellen Handelspraktiken: Topik/Wells, »Warenketten in einer globalen Wirtschaft«, S. 613. Zum Pelzhandel als Praxis vgl. u. a.: Brass, Aus dem Reich der Pelze; Nestler, Rauchwaren- und Pelzhandel; Declercq, World Market Transformation; Hollender, »The Leipzig Market«; Belden, The Fur Trade of America; Bockstoce, Furs and Frontiers; Bonč-Osmolovskij, »Puti i rynki«; Grinval’dt, O mechovoj torgovle; Hardee, »Soft Gold«; Kaplin, Pušnina SSSR; Ray, The Canadian Fur Trade; Wilmers, The Eitingons.

72Vgl. u. a.: London, Der Seewolf; Kipling, »Die weiße Robbe«; Jordan, Matka and Kotik; Ščerbakov, »Poslednij rejs«; Buchanan, »Song of the Fur-Seal«; Oliphant, Within the Precincts.

73Zur Genese von Gesetzen, die den »grausamen« Umgang mit Tieren unter Strafe stellten: Deckha, »Welfarist and Imperial«, S. 518–525; Kete, »Introduction«. Zum Zusammenhang von Tierschutz und »Moderne« in den internationalen Beziehungen: Wöbse, »Globale Kreaturen«. Entstehung der britischen Tierrechtsbewegung: Roscher, Ein Königreich für Tiere. Russische Diskurse: Nelson, »The Body of the Beast«.

74Vgl. u. a.: Dorsey, The Dawn of Conservation Diplomacy, S. 105–164; ders., »Putting a Ceiling on Sealing«; Gay, American Fur Seal Diplomacy, S. 135–168; Busch, The War against the Seals, S. 123–160. In einschlägigen Handbüchern und Gesamtdarstellungen zum Internationalen Umweltrecht finden sich Hinweise zum Konflikt um die Pelzrobben. Vgl. u. a.: Kuokkanen, International Law and the Environment; Nanda/Pring, International Environmental Law, S. 79; Barrett, Environment and Statecraft, S. 39; Halvorssen, »The Origin and Development of International Environmental Law«, S. 26–29; Sand, »The Evolution of International Environmental Law«, S. 32.

75Barrett, Environment and Statecraft, S. 37–42; Dorsey, The Dawn of Conservation Diplomacy, S. 105–164; Gay, American Fur Seal Diplomacy; Busch, The War against the Seals, S. 150–153.

76Dorsey, »Putting a Ceiling on Sealing«, S. 43.

77Halvorssen, »The Origin and Development of International Environmental Law«, S. 27.

78Bailey, »The North Pacific Sealing Convention«, S. 14.

79Gay, American Fur Seal Diplomacy, S. 128–129.

80Barrett, Environment and Statecraft, S. 39.

81Gluek, »Canada’s Splendid Bargain«. Die Kompensation einzelner kanadischer sealers und Firmen führte allerdings zu erheblichem Unmut und Konflikten. Vgl. dazu: Murray, The Vagabond Fleet, S. 217–233.

82Saul, »A Diplomatic Failure and an Ecological Disaster«.

83Rayfuse, »Biological Resources«, S. 371.

84Ähnlich auch Dorsey, The Dawn of Conservation Diplomacy, S. 105–164.

85Ausnahmen: Saul, »A Diplomatic Failure and an Ecological Disaster«; Mirovitskaya/Clark/Purver, »North Pacific Fur Seals«, S. 22–55.

86Zur Verbindung zwischen Ressourcennutzung und Herrschaftsdurchsetzung im russischen Fernen Osten sowie auf Tschukotka: Sokolsky, Taming Tiger Country; Demuth, Floating Coast.

87Frank Uekötter beschreibt Externalisierung und Verdrängung als zentrale Strategien einer modernen »Auseinandersetzung« mit Umweltproblemen. Vgl. Uekötter, Im Strudel, S. 619–623.

88Hierbei handelt es sich um Unterlagen aus dem »Royal BC Museum« in Victoria, BC sowie aus den »Alaska State Archives« in Juneau, AK.

89Beklemišev, O Komandorskich ostrovach, S. 9.

90De-Livron, »Krejserstvo«, S. 10; Grebnickij, »Zapiska«, S. 45 und S. 61. Suvorov erklärte, die Inselbewohner seien »beleidigt«, wenn sie als »Aleuten« bezeichnet würden. Vgl. Suvorov, Komandorskie ostrova, S. 98.

91Grundlegend dazu: Ljapunova, Aleuty.

92Tatarenkova, »Genealogija i biografii komandorskich aleutov«.

Russlands nordpazifische Kolonie

Die Geschichte der russischen Aneignung Sibiriens war eine Geschichte der Jagd. Auf der Suche nach Pelzen drangen Fellhändler und Jäger, die sogenannten promyšlenniki1, immer weiter nach Osten ins »Reich des Zobels« vor.2 Aus der Perspektive der Zentralmacht ging es einerseits um Profite, andererseits aber auch um die Eroberung von Territorien und die Unterwerfung der dort lebenden Bevölkerungen. Pelze spielten dabei in Form von Tributen, dem sogenannten jasak, eine zentrale Rolle.3 Während das jasak-System in ganz Sibirien fest verankert war und zum zentralen Element der Begegnung zwischen Repräsentanten des Zarenreiches und indigenen Völkern wurde, gelangte die russische Expansion um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in zweifacher Hinsicht an ihre Grenzen. Einerseits hatte Russland den eurasischen Raum bis an die Pazifikküste erobert und andererseits stagnierten die Einkünfte, die sich aus den schrumpfenden Pelztierbeständen erzielen ließen.4

Am Beginn des russischen Ausgreifens in den Nordpazifik stand die zweite Kamtschatkaexpedition unter dem Kommando des dänischen Kapitäns Vitus Bering. Die Expedition gehörte zu den großen wissenschaftlichen Vorhaben des 18. Jahrhunderts: Das umfassend angelegte und zehn Jahre andauernde Unternehmen (1733–1743) sollte neben der Vermessung russischer Küsten und der Erforschung Sibiriens vor allem der Suche von Seewegen nach Nordamerika und Japan dienen. Es gelang den Teilnehmern, der in mehreren unabhängig voneinander operierenden Abteilungen der Expedition, ihre wichtigsten Ziele zu erreichen. Bering selbst befehligte die beiden Schiffe, die im Juni 1741 von Kamtschatka aus in See stachen und nach mühevoller Überfahrt schließlich den amerikanischen Kontinent erreichten. Die Rückreise brachte die Expedition an den Rand des Untergangs. Die Männer litten an Skorbut und anderen Krankheiten, ein Schiff ging verloren und die Besatzung landete auf den – noch unbekannten – Kommandeurinseln. Während der Überwinterung verstarb Vitus Bering und wurde auf der später nach ihm benannten Insel begraben.5 Aufgrund der zahllosen Entdeckungen und Erstbeschreibungen von Territorien, Tierarten und indigenen Bevölkerungsgruppen ging die Expedition dennoch als Triumph in die russische Wissenschaftsgeschichte ein.6

Doch so bedeutsam die Entdeckungen geografischer Gegebenheiten und ethnologischer Besonderheiten auch sein mochten, von unmittelbarer ökonomischer Relevanz waren ganz andere Informationen: Die überlebenden Expeditionsteilnehmer berichteten nach ihrer Rückkehr von riesigen Seeotter- und Pelzrobbenpopulationen auf den nordpazifischen Inseln. Und manche unter ihnen beließen es nicht nur bei der Beobachtung der Tiere, sondern füllten selbst ihr Gepäck mit den wertvollen Otterfellen; so auch Georg Wilhelm Steller. Der Naturforscher beschrieb nicht nur als Erster zahlreiche nordpazifische Tier- und Pflanzenarten, sondern er gehörte auch zu den ersten Europäern, die von ihnen profitierten.7 Damit standen Steller und seine Gefährten am Beginn jener doppelten kolonialen Praxis im Nordpazifik, die wissenschaftliche Erkenntnis und ökonomische Ausbeutung untrennbar miteinander verbanden.8

Solche Aneignungspraktiken unterschieden sich kaum von denjenigen anderer europäischer Kolonialmächte. Zugleich standen sie in einer bemerkenswerten Kontinuität mit russisch-imperialen Traditionen. Dabei stellte Russisch-Amerika im Kontext des zarischen Landimperiums einen viel diskutierten und zeitlich begrenzten Sonderfall dar, da hier eine überseeische Kolonie entstand, die von der Metropole durch das Meer getrennt war.9 Doch die Eroberung des Nordpazifiks war keineswegs gleichbedeutend mit der Beherrschung dieses Raumes. Das Imperium erwies sich als strukturell unfähig, seine überseeische Kolonie allein zu unterhalten und zu versorgen. Die schiere Existenz der Kolonie ließ sich ohne die Kooperation mit amerikanischen und britischen Unternehmen und Handelskompagnien nicht denken. Überdies – und das bereitete den zuständigen Verwaltungen lange Zeit erhebliche Sorgen – konnte Russland nicht darauf hoffen, Russisch-Amerika im Ernstfall militärisch zu behaupten. Deshalb blieb russische Kolonialherrschaft am Nordpazifik stets fragil und bedroht.

Die große Jagd

Die Nachrichten von den scheinbar unbegrenzten Seeotterbeständen auf den nordpazifischen Inseln lösten einen regelrechten »Pelzrausch« aus. Bereits Mitte der 1740er Jahre zimmerten wagemutige promyšlenniki kaum seetaugliche Schiffe zusammen und brachen zu mehrjährigen Expeditionen nach Osten auf, um Seeotterfelle zu erbeuten.10 Auf den ersten Blick schien sich die Jagd auf den Inseln und dem Meer fundamental von den Methoden zu unterscheiden, mit deren Hilfe bis dahin Pelze erbeutet und Gebiete unterworfen worden waren. Doch in jüngerer Zeit haben Historikerinnen wie Martina Winkler darauf hingewiesen, dass es sich bei der Jagd auf die Seeotter und das Ausgreifen in den nordpazifischen Raum letztlich um eine Fortsetzung etablierter Jagd- und Aneignungspraktiken mit anderen Mitteln handelte.11