røben - Nichts bleibt ungesühnt - Steffen Jacobsen - E-Book

røben - Nichts bleibt ungesühnt E-Book

Steffen Jacobsen

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Beschreibung

Ein Psychopath, der sich für unverwundbar hält

Der Mord an dem mehrfach verurteilten Vergewaltiger Gordon Nimb zwingt die Ermittlerin Tanya Nielsen, in Nimbs dunkle Vergangenheit einzutauchen. Die Liste der Opfer, die ein Rachemotiv haben könnten, ist lang. Tanya findet keine Hilfe bei ihrem Vorgesetzten und Mentor Jakob Nordsted, der sich im Krankenstand befindet. Bald gehört Nordsted selbst zu den Verdächtigen in dem Mordfall. Zusammen mit ihrem neuen Kollegen Kadeem Forrashi muss Tanya versuchen, die unsichtbaren Opfer von Nimb zu finden. Um Nordsteds Namen reinzuwaschen. Und um den Mörder zu fassen.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Zum Buch

Gordon Nimb wird vorzeitig aus der Haft entlassen und kurz darauf in seinem Haus ermordet – brutal gefoltert und hingerichtet im Beisein seiner Frau Mila, die den Überfall schwer verletzt überlebt. Tanya Nielsen muss zusammen mit ihrem neuen Partner Kadeem Forrashi versuchen, diesen ungewöhnlich schwierigen Fall aufzuklären. Nimb hatte zahlreiche Frauen vergewaltigt und mit seinen Taten geprahlt. Hat eines der Opfer sich nun gerächt? Am Tatort findet die Polizei keine Spuren, und Nimbs Frau hat nur einen vollständig maskierten Mann gesehen. Tanjas Vorgesetzter Jakob Nordstedt könnte jetzt helfen. Schließlich hatte er bereits in einem früheren Fall Gordon Nimb im Verdacht, konnte ihm jedoch nichts nachweisen. Aber Nordstedt hat sich krankgemeldet und ist nicht zu erreichen. Was Tanja nicht weiß: Der alte Fall hat Jakob nie losgelassen. Doch ist er deshalb selbst zum Mörder geworden?

Zum Autor

Steffen Jacobsen, 1956 geboren, hat lange als Chirurg gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Er lebt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Hornbæk. Seine Bücher wurden unter anderem in den USA, England und Italien veröffentlicht. røben – Nichts bleibt ungesühnt ist der zweite Fall für Tanja Nielsen. Zuvor erschien bereits die Thrillerreihe über Lene Jensen und Michael Sander und der historische Thriller Schach mit dem Tod.

Lieferbare Titel

Bestrafung

Lüge

Hybris

Schach mit dem Tod

røben – Strafe muss sein

røben – Nichts bleibt ungesühnt

Steffen Jacobsen

Thriller

Aus dem Dänischen von Maike Dörries

Wilhelm Heyne VerlagMünchen

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Die Originalausgabe De stumme piger erschien erstmals 2020 bei Lindhardt og Ringhof Forlag A/S.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2020 by Steffen Jacobsen

© 2025 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Hanne Hammer

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design

unter Verwendung von Shutterstock.com (Evannovostro, Andrew Mayovskyy, Photo by BB)

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-28703-0V001

www.heyne.de

Für Charlotte

Abhängigkeit (Substantiv): Ein zwanghaftes, chronisches physiologisches oder psychologisches Bedürfnis nach einer süchtig machenden Substanz, einem Verhalten oder einer Aktivität, die schädliche physische, psychologische oder soziale Auswirkungen haben und typischerweise bei Entzug oder Abstinenz klar definierte Symptome (wie Angst, Reizbarkeit, Zittern oder Übelkeit) hervorrufen.

Merriam-Webster’s American Dictionary

Prolog

15. März 2013

Die Pausen zwischen den Atemzügen der Patientin wurden länger. Layla schaute von ihrem Buch auf, betrachtete das eingesunkene Gesicht auf dem Kissen und wusste, dass es jetzt so weit war. Agnes Meta Hansen war leicht wie ein Vogeljunges, ausgemergelt vom Krebs, und hatte die moribunde Grenze bereits überschritten, die letzte kurze Phase vor Eintritt des Todes. Alle vier Stunden wurde die Menge an Morphin und Stesolid verdoppelt. Die Medikamente linderten einerseits die Angst und die Schmerzen – lähmten aber auch das Atemzentrum.

Layla nahm die trockene, kalte Hand der Patientin, aber Frau Hansen reagierte nicht mehr auf die Berührung. Das einzige Geräusch waren die stillen Atemzüge, die wie Seufzer klangen.

Dann setzte die Atmung aus, und einen Augenblick später machte sich die übliche Leichtigkeit im Raum breit.

Die Pupillen weiteten sich, die Regenbogenhaut wurde matt. Layla legte das Stethoskop aufs Herz und horchte, aber es war kein Laut zu hören.

Layla notierte den Todeszeitpunkt: 01.35 Uhr. Sie hätte eigentlich um 23 Uhr Dienstschluss gehabt, aber es war keine Ablösung im Dienstraum der Medizinstudenten zu finden gewesen, und sie hatte nichts gegen Überstunden. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kommilitonen aus wohlhabenden Familien finanzierte sie sich größtenteils über die Wachdienste, obwohl es schon hart war, am nächsten Morgen nach einer Nachtschicht früh raus und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Panum zu einem langen Vorlesungstag fahren zu müssen. Aber im Sommer war sie fertig – endlich: die erste Studentin in der Familie und demnächst Ärztin. Gestern Morgen hatte sie Post bekommen, dass sie ab September eine Blockstellung in der Klinik Glostrup hatte, das Beste, was ihr passieren konnte. Sie war überglücklich. Dann konnte sie endlich zu Hause ausziehen, was wirklich an der Zeit war. Sie träumte von einer Zweizimmerwohnung, gerne mit Balkon. Oder zwei. Das wäre Weltklasse.

Sie verließ das Krankenzimmer und ging ins Dienstzimmer zur Abteilungsschwester, die außer der Reihe bei der Arbeit war, weil momentan alle – wirklich alle – krank waren.

Layla antwortete mit einem Nicken auf die fragend hochgezogenen Augenbrauen der Oberschwester.

Der Stundenzettel wurde unterschrieben, Layla faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche.

Nach einer kurzen Zusammenfassung ging sie zurück in Frau Hansens Krankenzimmer, holte ihren Rucksack und den warmen Parka und versicherte sich, dass sie Geldbeutel, Fahrradlichter und Schlüssel dabeihatte.

Sie schob das Rad die Rampe aus der Tiefgarage des Klinikum Hvidovre hoch. In zwanzig Minuten konnte sie zu Hause sein. Als sie nachmittags gekommen war, hatte es in Strömen geregnet, jetzt war es glücklicherweise trocken.

Sie fuhr über den Avedøre Havnevej zur Circle-K-Tankstelle und kaufte sich im nachtoffenen Shop die aktuelle Ausgabe von Eurowoman und ein Päckchen Kaugummi.

Als sie auf den Vorplatz schaute, sah sie ein Nordtaxi und einen blauen Lieferwagen, der laut Slogan auf der Seitentür zu einer Elektrofirma gehörte. Der Taxifahrer versorgte sich mit anderthalb Liter Cola Classic und zwei Tüten Chips, aus dem blauen Lieferwagen, der hinter einer Tanksäule stand, stieg niemand aus. Er verließ mit ihr zusammen das Tankstellengelände.

Der Wind im Avedøre Havneveje kam direkt von vorne und trieb ihr die Tränen in die Augen. An der ersten Ampelkreuzung kam sie neben dem blauen Lieferwagen zum Stehen. Der Fahrer war nur als Silhouette zu erkennen. Aus dem Wageninnern drang kein Laut heraus. Als die Ampel auf Grün umsprang, bog er rechts auf den Brostykkevej, die gleiche Richtung, die sie auch hatte.

Layla stand in den knirschenden, rostigen Pedalen und schwor sich, von ihrem ersten Arztgehalt ein neues Fahrrad zu kaufen.

Sie bog links ab und war endlich geschützt vor dem scharfen Südwestwind. Layla kannte hier jeden Strauch, jedes Gebäude, jeden Pfad und jede Abkürzung, sie hatte ihr ganzes Leben hier verbracht: Frydenhøj-Schule, Gymnasium Hvidovre, ihre Zahnspange hatte sie beim Distriktszahnarzt Hvidovre bekommen, sie hatte als Aushilfe in der Filmstadt gearbeitet und als pädagogische Assistentin im Jugendfreizeitklub Regenbogen. Avedøre war ihr Zuhause.

Sie bog auf den Trampelpfad hinterm Zirkusmuseum und ließ das Rad das letzte Stück ausrollen. Ihr Blick wanderte automatisch zu den Fenstern im zweiten Stock, und sie lächelte, als sie sah, dass noch Licht brannte. Dann fiel ihr ein, dass ihre Mutter am nächsten Tag freihatte und oben auf sie wartete.

Layla stellte das Rad im Ständer ab und schloss es mit zwei Ketten ab, weil hier alles geklaut wurde, was nicht niet- und nagelfest war. Sie nahm den Rucksack vom Gepäckträger, zog die Handschuhe aus und blies sich warmen Atem in die kalten Hände. Sie fuhr erschrocken zusammen, als sie hinter sich einen unterdrückten Schrei hörte.

Sie erkannte den blauen Elektrikerwagen von der Tankstelle wieder. Die Seitentür stand offen, und ein großer Mann mit tief in die Stirn gezogener Baseballkappe rutschte langsam zu Boden und fasste sich mit der Hand an die Brust. Neben ihm lagen ein Metalldeckel von einer Straßenlaterne und ein Schraubenzieher.

Layla lief zu ihm und kniete sich neben ihn.

Das blasse Gesicht des Mannes war verzerrt.

»Was ist passiert?«, fragte sie besorgt. »Alles okay mit Ihnen?«

»Ahh … au … Ich hab eine gewischt gekriegt. Ich bin aber auch ein Idiot.«

»Soll ich einen Krankenwagen rufen? So ein Stromschlag kann Herzprobleme machen.«

»Echt?«

»O ja.«

Sie half ihm auf die Füße und stützte ihn bis zu seinem Lieferwagen.

Er setzte sich auf die Ladefläche und ließ eine Hand auf ihrer Schulter liegen. Layla warf einen Blick in den dunklen Laderaum, in dem sie Werkzeugregale, Kabelrollen, Rohre und so weiter vermutet hätte. Aber da waren keine Regale. Auf dem Boden lag eine dünne Matratze mit grauen Decken.

Der Mann sah sich um. Sie waren alleine. Er lächelte sie an.

»Du bist so hübsch aus der Nähe, Layla. So schön. Komm.«

In der Nacht auf Sonntag

Der Beobachter hatte aufgehört zu zählen, wie viele Nächte er regungslos und schlaflos hinter dem Steuer des unauffälligen Wagens in der nächtlich leer gefegten Straße verbracht hatte. Das Wageninnere roch nach teuren Zigarettenkippen, einer verspeisten Pizzaecke mit Peperoni aus einer Tankstelle am Tuborgvej und kaltem Kaffee. Der Blick des Beobachters glitt in einem monotonen Rhythmus von der Frontscheibe zum Rückspiegel und wieder zurück, während seine eigentliche Aufmerksamkeit jedoch einer Toreinfahrt auf der anderen Straßenseite, etwa fünfzig Meter entfernt, galt.

Er war nicht der Einzige, der die Straße überwachte. Seit etwa einer Stunde leistete ihm ein junger, schlanker Mann in Adidas-Daunenjacke, glänzender Jogginghose und Laufschuhen Gesellschaft – eine Art Uniform im Nordwestquartier –, der neben der Toreinfahrt Position bezogen hatte, ein Bein angewinkelt, den Fuß an die Hausmauer gestemmt. Mit einem Auge schaute er auf sein Smartphone, das bunt flimmernd sein schmales, arabisches Gesicht beleuchtete, mit dem anderen immer wieder hektisch auf die Straße. Der Beobachter wusste, wonach der Junge Ausschau hielt: die Zivilfahrzeuge der Polizei, die selten durch dieses Viertel fuhren und für ein geübtes Auge an ihrer Funkantenne über der Rückscheibe und den zwei Rückspiegeln entlarvt werden konnten. Aber was den jungen Mann eigentlich viel mehr interessierte, waren die tiefergelegten BMWs oder Mercedes mit polierten Auspuffrohren und dunkel getönten Scheiben der rivalisierenden Drogenbanden, die im ständigen Streit ums Territorium durch die Straßen fuhren.

Für den Hasch- und Drogenmarkt war die Abwesenheit von Macht ein No-Go. Die Loyal To Familia war der Bandeneinheit der Polizei bei einer Großrazzia ins Netz gegangen und wartete nun auf bessere Zeiten nach langen Haftstrafen. Und das Vakuum, das LTF hinterlassen hatte, versuchten nun andere Gruppierungen zu füllen, zu konsolidieren und zu organisieren: NNV, Satzdarah, die alten Rocker, die Kurden.

Dem Beobachter war es im Grunde genommen egal. Es gab nun einmal bestimmte Bedürfnisse, und wo bestimmte Bedürfnisse waren, waren logischerweise auch bestimmte Lieferanten, das lag in der Natur der Sache. Er fühlte so etwas wie eine oberflächliche Verwandtschaft mit dem jungen Kurden. Er schätzte die Wachheit des Jungen, die Disziplin und, wie stoisch er den kalten Regen ignorierte, der durch die Stadt fegte. Aber sie befanden sich auf zwei verschiedenen Seiten einer zufälligen Kluft, in zwei Welten, in einem Konflikt zwischen Gesetz und Verbrechen, der den Beobachter normalerweise nicht interessierte. Aber heute Nacht standen kostbare Dinge auf dem Spiel.

Ein Lichtstreifen aus dem Innenhof fiel auf das hintere Mauerende der Durchfahrt, als auf seiner Straßenseite eine Gruppe junger Migranten auf dem Gehweg angeschlendert kam. Sie schubsten sich freundschaftlich und unterhielten sich laut in abgehacktem Ghettodänisch mit arabischen Slangeinschüben. Sie grüßten den Torwächter über die Straße, der ihren Gruß mit einer lässigen Handbewegung erwiderte, ehe er sich wieder auf das Display seines Mobiltelefons konzentrierte.

Für die vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahre alten Jungs war der kurdische Beobachtungsposten ein Idol. Eines Tages stand vielleicht einer von ihnen dort Schmiere – oder saß sogar drinnen über eine Glasplatte mit Kokain gebeugt und bediente die elektronischen Waagen und Geldscheinzähler. Eines schönen Tages stand vielleicht einer der vier Jungs mit aufgerolltem Scheinbündel in der Tasche, Goldohrringen, einer Glock 17 unterm Gürtel und Goldketten im Zentrum des Respekts im Quartier.

Respekt war eine der wichtigsten Währungen im Nordwesten.

Sie liefen an einer Kfz-Werkstatt vorbei, die ein Stück von der Straße weg lag, und einer übte sich darin, ein Messer aus der Gesäßtasche zu ziehen und die glänzende Klinge so schnell und virtuos wie möglich aufschnappen zu lassen. Sein Kumpel demonstrierte Roundhouse-Kicks gegen einen imaginären Angreifer.

Sie gingen am Pkw des Beobachters vorbei, ohne ihn zu bemerken.

Ein langer, schlaksiger Bursche tauchte in der Durchfahrt auf, und der Beobachter richtete sich auf. Er rieb sich mit seiner großen Hand über die Stirn und murmelte vor sich hin. Der Junge war blond, ordentlich gekleidet und gehörte nicht zum örtlichen Stamm. Sechzehn, siebzehn Jahre alt. Er blieb auf der Grenze zwischen dem Licht der Straßenlaterne und den dunklen Schatten aus der Einfahrt stehen und blinzelte benommen, als wäre er gerade aufgewacht.

Der Wachposten in der Daunenjacke würdigte ihn keines Blickes.

Der Junge schwang sich den Rucksack auf die Schultern, stellte ein Skateboard auf den Bürgersteig und trat sich ab. Sportlich, aber auch eine Ahnung wackelig. Der Beobachter hielt einen Feldstecher vor die Augen und folgte seiner Fahrt. Vielleicht hundert Meter die Straße runter ging die Kabinenbeleuchtung in einem roten Alfa Romeo an. Als der Junge auf der Höhe des hinteren Kotflügels war, schwang die Beifahrertür auf. Er kollidierte mit der Tür und ging mit wedelnden Armen und Beinen zu Boden. Eine Frau schob sich auf der Fahrerseite aus dem Auto und klackerte auf hohen Absätzen zu dem Jungen, der auf dem Bauch gelandet war und sich hochzustemmen versuchte. Die Frau war groß und schlank, grauer Trenchcoat, dunkler Rock und Louboutin-Stilettos. So zart, wie sie aussah, zog sie den Jungen energisch auf die Füße, und der Beobachter sah kurz ihre blutrot lackierten Nägel aufblitzen, als sie ihm eine treffsichere Ohrfeige verpasste, die ihn schwanken ließ. Rote Schuhsohlen, rote Nägel und die Lippen in einem identischen Rotton. Ihr Mund bewegte sich in einem Strom aus Verwünschungen. Sie schlug ihn immer und immer wieder, und der Junge versuchte überrumpelt und vergeblich, sich zu wehren. Schließlich schubste sie ihn in das Auto, öffnete den Kofferraum und schmiss Rucksack und Skateboard hinein, ehe sie die Klappe hitzig wieder zuschlug.

Die Frau richtete sich auf. Die nächste Straßenlaterne reflektierte in ihrer elegant hochgesteckten, blonden Frisur. Dann drehte sie sich um, und der Beobachter hatte das Gefühl, dass sie genau in seine Richtung sah. Ihr Mund war ein verbitterter Strich. Die Augen groß, dunkel und ernst. Sie schwang sich elegant auf den Fahrersitz des Alfas und fuhr mit quietschenden Reifen vom Bürgersteig weg.

Der kurdische Wachposten betrachtete das Schauspiel weiter unten auf der Straße mit einem schiefen Grinsen, als hätte er das schon tausendmal gesehen. Eltern, die ihre aus der Bahn geworfenen Kinder abholten und in ihre Heime nach Hørsholm oder Gentofte fuhren, um sie in diskrete und teure Entzugskliniken zu stecken, gerne im Ausland.

Der Wachposten zündete sich eine Zigarette an und schützte die Glut mit einer gewölbten Hand vor dem Regen.

Der Beobachter ließ die Schultern sacken, schaute ein letztes Mal in den Rückspiegel, ehe er sich aus dem Wagen schälte und auf die Durchfahrt zuging: eine große, breitschultrige Gestalt mit dunkelblauem Hoodie ohne Aufdruck, Jeans, Laufschuhen und einem Baseballcap unter der Kapuze.

Er wurde augenblicklich von dem Wachposten registriert, der noch einen tiefen Zug von der Zigarette nahm und sich mit dem Fuß von der Mauer abstieß. Er scannte den großen Mann von oben bis unten mit seinen dunklen Augen.

Der Beobachter hielt ihm die offenen Handflächen entgegen und hielt danach seine Jacke auf, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Der Wachposten murmelte ein paar Sätze in sein Handy und nickte ihm zu. Die zwei verschwanden in der Durchfahrt. Der Beobachter ging vor. Für einen Augenblick setzte das Trommeln des Regens auf seiner Kapuze aus, um gleich wieder einzusetzen, als sie den Innenhof betraten. Eine Katze huschte über einen Bretterzaun.

Er folgte der Aufforderung des Wachpostens, vor der Betontreppe stehen zu bleiben, und wurde von flinken Händen abgetastet. Der junge Mann lächelte und zeigte eine Reihe weißer, regelmäßiger Zähne. Die mandelförmigen Augen rollten nach oben.

»Sie sind gründlich.«

»Das sollte man sein, finde ich«, antwortete der Beobachter.

Der Wachposten sah ihn an.

»Klar. Und nicht mal ein Mobiltelefon?«

»Nichts.«

»Okay, aber sie wissen, wer Sie sind.«

»Das will ich hoffen.«

Der Kurde ging die Treppe hoch und klopfte an eine Stahltür. Eine Klappe glitt zur Seite, und ein dunkles Augenpaar nahm den Beobachter in Augenschein, der für eine leichtere Identifikation die Kapuze in den Nacken geschoben hatte. Die Augen auf der anderen Seite der Tür waren schwarz wie Oliven. Die breiten Augenbrauen des Mannes bildeten eine misstrauische Linie. Die Klappe wurde wieder zugeschoben, und der Beobachter atmete ruhig ein und aus wie vor einem Sprung vom Zehnmeterbrett, während auf der anderen Seite eine Reihe Schlösser und Riegel geöffnet wurden.

Ravnsnæs schiebt sich wie eine kleine Halbinsel in den Sjælsø, einen von Nordseelands größten Seichtwasserseen. Der dicht mit Einfamilienhäusern besiedelte Ort wirkt wie von der zittrigen Hand eines alten Mannes gesät, und die unterschiedlichen Bauarten reichen von Pappmaché-Eigenheimen aus den Siebzigern über hartnäckig am Leben gehaltene Schrebergartenhütten bis zu solideren Backsteinhäusern. Für einen flüchtigen Beobachter erinnert der visuelle Eindruck vielleicht an Klondyke in Alaska nach dem Verebben des Goldrausches. Es sah ein bisschen so aus, als hätten erst einmal alle Häuser um einen Platz mit Seeblick gekämpft – und wo das nicht möglich war, eben auf die Dächer der Nachbarn oder ihre Carports –, ehe sie sich schließlich mit ihren heutigen Plätzen abgefunden hatten. Vom Ravnsnæsvej fällt die Bebauung bis zum flachen, schlammigen Ufer des Sjælsøs steil ab.

Der Mann parkte sein Auto vor der nach Westen abbiegenden, langen Kurve im Jeppe Aakjærs Vej – hoch über einer bestimmten Handvoll Schrebergartenhäuser, denen sein besonderes Interesse galt.

Der Beobachter gähnte, raffte die Jacke am Hals zusammen und versank in einen tranceähnlichen Wachmodus mit halb geschlossenen Augen, die unterdessen hoch konzentriert ihre Umgebung wahrnahmen.

Im Zentrum seines Gesichtsfeldes stand ein kleines Schrebergartenhaus. Das flache Dach war mit Dachpappe verkleidet. Im Vorgarten war auf vier Gasbetonsteinen das fensterlose Skelett eines Ladas aufgebockt. Aus dem Schornstein stieg eine grauweiße Rauchfahne auf, ehe sie von der feuchten Nachtbrise des Sees weggewischt wurde, die die Töne von Death Metal mit sich trug.

Eine halbe Stunde nach Ankunft des Beobachters fiel ein gelbes Lichtrechteck auf die Veranda vor dem Haus. Ein Mann trat aus der Tür, stellte sich ans Geländer und zündete sich eine Zigarette an. Die Flamme des Feuerzeugs beleuchtete ein mageres, hungriges Gesicht: Gordon Nimb. Verwaschen graues T-Shirt, ein Körper wie ein Jagdhund mit dicken Muskeln und Tattoos, die sich über die Arme wanden. Schulterlanges, graubraunes Haar und ausgelatschte Sneakers an langen Füßen. Er drehte den Kopf zur Seite, als eine zweite Gestalt auf die Veranda trat und sich an einen Pfosten lehnte: die Künstlerin und seine Ehefrau Mila Brandeis, die eine Zigarette schnorrte. Nimb gab ihr eine und wedelte neckisch mit dem Feuerzeug vor ihrem Gesicht herum, ehe er ihr endlich Feuer gab. Sie war einen Kopf kleiner als er, mit kurzem, vollem, fast schwarzem Haar und langen, muskulösen Beinen in schwarzen Jeans. Wespentaille. Unter dem hautengen Tanktop waren solide Piercings an den Brustwarzen zu erahnen.

Ein Lieferwagen von nemlig.com hielt ein paar Hausnummern hinter ihm am Straßenrand, worauf der Beobachter in seinem Sitz nach vorne und unten rutschte und den Rückspiegel kippte.

Ein junger Mann stieg aus dem Wagen. Atonale arabische Musik strömte gedämpft aus der Fahrerkabine, am Rückspiegel hingen Ketten und seltsame Figuren und Totems.

Der Fahrer öffnete den Laderaum und stapelte graue Thermoboxen auf eine Sackkarre. Als er die Gartenpforte öffnete, begann in dem weißen Reihenhaus am hinteren Ende des gewundenen Gartenwegs ein Hund zu bellen. Die Außenbeleuchtung ging an, und eine breite Frau im Bademantel öffnete die Tür und nahm dem Fahrer die Kisten ab, während sie mit einem Fuß den aufgeregten Hund zurückhielt.

Es wurden ein paar Bemerkungen ausgetauscht, dann klappte der Fahrer die Sackkarre zusammen, ging über den Gartenweg zur Straße und schloss die Gartenpforte hinter sich. Er zog die Laderaumtür mit einem Knall zu, ließ seinen Blick ein paar Sekunden auf dem Pkw und der darin sitzenden Silhouette verweilen, ehe er wieder in den Lieferwagen stieg, den Motor startete und weiterfuhr.

Die Frau auf der Veranda drückte sich an Nimb, schnappte nach einem Ohrläppchen und schob eine Hand tief hinter seinen Ledergürtel. Ohne sie anzusehen oder den hungrigen und rastlosen Gesichtsausdruck zu verändern, kniff er so fest in ihre Brustwarze, dass seine Finger weiß wurden. Mila Brandeis schloss die Augen und lächelte verliebt.

Der Feldstecher wippte leicht im Takt mit dem Herzschlag des Beobachters. Er war klein, aber so scharf, dass er die dunklen Brusthaare zählen konnte, die aus Nimbs T-Shirt-Kragen ragten.

Hätte er sein SAKO-TRG-Scharfschützengewehr dabeigehabt, hätte er mit zehn von zehn Projektilen ins anatomische Zentrum von Nimbs Herz getroffen. Die schwere .338-Lapua-Magnum-Patrone würde sich ausweiten und beim Aufschlag das schwarze Herz des Mannes mit sich durch das Austrittsloch im Rücken reißen.

Er sah das Paar im Haus verschwinden. Die Tür fiel ins Schloss. Drinnen gingen nach und nach die elektrischen Lichter aus und wurden durch Kerzen ersetzt.

Das Paar hatte Sex. Ihre Körper glänzten vor Schweiß, sie waren nass wie Seehunde. Der Mann stieß hart und rhythmisch und mit einer wilden Entschlossenheit zu, als hätte er gerade um ein Haar einen Krieg überlebt. Die Frau lag nackt unter ihm und starrte ihm hingebungsvoll ins Gesicht. Slayer schallte aus der Stereoanlage im Wohnzimmer. Die Muskeln an seinem Hals und am Rücken spannten sich mit jedem Stoß an; von den Augen waren nur noch weiße Streifen unter den drei Viertel geschlossenen Augenlidern zu sehen, die Lippen waren schlaff und feucht.

Mila genoss den Schmerz im Unterleib, schlang ihre Beine um seine Hüfte und drückte ihn tiefer in sich rein. Kurz vorm Höhepunkt öffnete Gordon Nimb die Augen. Gleich würde er den speziellen, wimmernden Laut ausstoßen, ins Hohlkreuz gehen und sich triumphierend über ihr erheben. Aber in diesem Moment hielt sie ihn noch mit ihren muskulösen Beinen fest wie in einem Schraubstock und bremste seine Bewegungsfreiheit, halb rein und halb raus, und sein Blick zeugte von frustrierter Gegenwart. Mila biss sich die Unterlippe blutig, und er leckte das Blut ab. Dann löste sie die Füße hinter seinem Rücken, spreizte die Beine, legte die Hände um seine Pobacken und zog ihn tiefer hinein.

Gordon schenkte ihr sein heiß geliebtes, wolfsartiges Lächeln.

Irgendetwas veranlasste Mila, den Kopf zur Seite zu drehen und zu der Tür in dem dunklen Flur zu starren. Das Paar wurde schon so viele Jahre verfolgt, verdächtigt und verachtet, dass ihre Instinkte außergewöhnlich geschärft waren.

Aus der Dunkelheit schälte sich eine menschliche Gestalt und trat ins Schlafzimmer. Ein lautloser Schritt, und noch einer. Schwarze, unförmige Kleidung, Skimaske, purer Hass im Blick. Mila versuchte, Gordon wegzuschubsen, aber er rackerte hitzig weiter, ohne sie zu beachten. Da legte sie die Hände auf seine Schultern und drückte mit aller Kraft zu, was mit einer Backpfeife belohnt wurde, nach der ihr Ohr pfiff.

»Was ist?«

»Gordon! Jemand ist hier …«

In ihrer Panik verfiel Mila in ihre deutsche Muttersprache.

Endlich öffnete er die Augen, nahm die Anwesenheit des Fremden wahr, glitt aus ihr heraus und drehte sich um.

Der Fremde streckte sich über Gordon Nimbs mageren Körper – der Rücken war von dem Tattoo eines Raubvogels mit ausgebreiteten Schwingen bedeckt – und schlug der Frau mit einem Eisenrohr gegen die Schläfe, worauf sie augenblicklich das Bewusstsein verlor. Die hochgestreckten Hände fielen auf die Matratze, die angewinkelten Beine streckten sich, und die Iris verschwand unter den Augenlidern. Gordon Nimb bewegte sich schnell wie ein Wiesel, aber der Fremde war vorbereitet, er wusste alles über Gordon Nimb. Er dämpft Nimbs Kampflust, indem er mit dem Eisenrohr sein linkes Schlüsselbein zerschmetterte.

Nimb schrie wie am Spieß und schob sich weiter von der Frau und dem Laken weg, das sich um seine Beine gewickelt hatte und die Bewegungen erschwerte. Der nächste Schlag traf ihn hart und punktgenau im Übergang zwischen Nacken und Schädel.

Als Nimb stöhnend und lallend wieder zu sich kam, glaubte er im ersten Moment, wieder in seiner Gefängniszelle in Herstedvester zu sein, wo er siebeneinhalb Jahre seiner sechsundvierzig Lebensjahre verbracht hatte. Dann erkannte er die graue Auslegeware zwischen seinen Beinen. Das Wohnzimmer hörte auf zu rotieren, dafür zog es sich zusammen. Die Übelkeit kitzelte an seinem Zäpfchen, wurde aber von etwas Großem, Rundem gebremst. Er schielte an seiner Nase herunter. Das Runde war einer von seinen und Milas SM-Knebeln, ein roter Gummiball, etwas kleiner als ein Tennisball, der mit zwei hinter seinem Kopf zusammengeschnallten Lederriemen fest in seinem Mund gehalten wurde. Wenn er sich jetzt übergab, würde sein Mageninhalt überlaufen und er sozusagen innerlich ertrinken. Er streckte den Hals und stieß einen gurgelnden Schrei aus, als die Knochenenden des gebrochenen Schlüsselbeins sich aneinanderrieben und der Schmerz von dem Schlag auf den Hinterkopf sein Gehirn wie in einem Chrysanthemenfeuerwerk in einer fröhlichen Silvesternacht erleuchtete.

Nach dieser Attacke gelang es ihm, den Schmerz einigermaßen einzudämmen, indem er sich ganz ruhig verhielt. Aber gleich darauf wurde er von bodenloser Panik erfasst, als ihm aufging, dass er an den Heizkörper im Wohnzimmer gekettet war. Er saß hilflos und mit gespreizten Beinen auf dem Boden. Seine Handgelenke waren mit Handschellen hinter seiner Lende zusammengekettet und klirrten an dem Heizkörper, als er einen Krampf von der unbequemen Körperhaltung bekam. Aber noch beunruhigender war der Anblick von dem Paar schwarzer Stiefel auf dem Teppich einen Meter vor ihm. Schwarze Hose. Und etwas höher Hände in schwarzen Latexhandschuhen. In der einen Hand hing eine Skimaske.

»Sieh mich an.«

Die Stimme war ruhig und klar.

Nimb versuchte zu antworten. Die ersten Laute, die es an dem roten Gummiball vorbeischafften, waren verwaschen und unverständlich. Er schluckte den Speichel herunter und probierte es noch einmal.

»Ich will dich nicht sehen … dein Gesicht, meine ich«, flüsterte er hilflos. »Ich habe dich nicht gesehen. Ich weiß nicht, wer du bist, du kannst einfach gehen … Es wird nichts passieren …«

Ein leises Wimmern veranlasste Gordon Nimb, den Blick ins Schlafzimmer zu richten, das neben dem Wohnzimmer lag. Die Kerzen brannten noch und warfen einen flackernden Lichtschein über seine geliebte Mila, die an Händen und Füßen hinter dem Körper gefesselt auf dem Bett lag. Über ihren Kopf war eine enge, schwarze Fetischmaske mit vielen Reißverschlüssen gezogen.

»Lass sie gehen … lass sie … Hilf ihr … Sie erstickt.«

Die Stimme über ihm ertönte wieder, geduldig und unbarmherzig.

»Sieh mich an, Gordon.«

In der behandschuhten Hand schnappte ein Klappmesser auf. Das Blatt war bis auf die silbern schimmernde und zweifellos chirurgisch scharfe Schneide mattschwarz.

Gordon Nimb schluchzte.

»Wenn du mich nicht ansiehst, schneide ich dir die Augenlider ab«, fuhr die Stimme fort.

Gordon glaubte dem Fremden. Absolut. Er hob furchtsam den Blick zu dem Gesicht über sich, und alles, was bis jetzt noch an Widerstandskraft und Hoffnung da gewesen war, verdampfte.

»Nein … O nein.«

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Hammerschlag.

Sein Henker beugte sich herunter, bis sein Gesicht noch einen halben Meter über Gordon Nimbs Gesicht schwebte. Seine Lippen zogen sich in einem minimalen Lächeln von den Zähnen zurück.

»Gordon?«

Nimb blinzelte diensteifrig.

»Ja?«

»Wir wollen jetzt ein bisschen Spaß haben, okay? Auf die Art, wie du es am liebsten magst.«

Nimb schloss die Augen.

Sonntagvormittag

Er fühlte sich wie der ältere Bruder des Todes.

Polizeiinspektor Jakob Nordsted lag mehr, als er saß, in einem der patinierten Ledersessel in einem der vielen Räume der Patriziervilla. Er starrte auf seine verdreckten Laufschuhe, die sich in die Polsterung des Fußschemels drückten und einige eingetrocknete Erdbrocken hinterlassen hatten, die, wenn er das eine Auge zukniff und den Kopf etwas zur Seite neigte, wie ein bestimmter Bergkamm in Afghanistan aussahen, wo er eine viel zu lange Zeit seines Lebens unter staubigen, lebensgefährlichen, riskanten und schweißtreibenden Bedingungen zugebracht hatte.

Oder vielleicht sah es doch eher aus wie …

Ein jäher Schmerz zwischen Zeige- und Mittelfinger der linken Hand unterbrach seinen Gedankengang.

»Au!«

Die Zigarettenglut hatte die Haut zwischen den Fingern erreicht, aber er rührte die Hand nicht. Er tippte die lange Aschesäule in den Kristallaschenbecher, ehe er die Kippe ausdrückte. Mit halb geschlossenen Augen tastete er nach der Packung und klemmte sich einen neuen Glimmstängel zwischen die Lippen. Sein Blick streifte zerstreut die Whiskyflasche auf dem Butlertisch. Sie war drei Viertel leer, und die Folie, mit der der Korkstopfen überzogen gewesen war, lag abgefummelt neben der Flasche. Offensichtlich hatte er die letzten Stunden ordentlich zugeschlagen. Er erinnerte sich nicht. Zwischendurch schien er eingeschlafen zu sein. Er war ein routinierter Trinker und wurde selten richtig besoffen. Er legte unter den Rippen eine Hand auf die Leber und jammerte.

»Jakob … Jakob … Jakob …«

Der Kriminalkommissar in den Fünfzigern verspürte den unbändigen Drang zu weinen, obwohl er eigentlich nie weinte. Stattdessen leerte er langsam das Glas und merkte den Whisky durch die Speiseröhre rinnen und eine milde Wärme hinterlassen. Pure Selbstmedikation. Das wusste er nur zu genau. Mit der er kurzfristig den mahlenden Selbsthass und die nagenden Zweifel betäubte.

Inzwischen zweifelte er an allem.

Die Septembersonne hatte einen Spalt zwischen den schweren, dunkelroten Vorhängen im Wohnzimmer gefunden und teilte sein Gesicht in zwei Hälften, eine helle und eine dunkle. Durch die Äste der Bäume auf der anderen Seite des Strandvejen war die glatte, silbrig glänzende Oberfläche des Øresund zu sehen. Anstatt aufzustehen, drehte er den Sessel mit kleinen Hüpfern, indem er sich mit den Füßen vom Schemel abstieß, und vermied damit das unangenehme Scharren. Seinetwegen dürfte der Morgen direkt in die Nacht übergehen. Er zündete die Zigarette an, inhalierte und blies den Rauch in den Sonnenstrahl. Er betrachtete sein leeres Whiskyglas und ließ seinen Blick über den Tisch schweifen, bis er bei der alten Rolex mit rostfreiem Stahlarmband landete. Das Uhrwerk musste mal wieder gereinigt und justiert werden, die Zeiger bewegten sich nicht mehr. Daneben der Ring von der Militärakademie West Point, den er normalerweise immer trug, den er als sehr junger Mann in Bagdad gegen eine Stange Camels von einem nikotinsüchtigen Hauptmann bei den Special Forces eingetauscht hatte.

Seine alte Brieftasche.

Seine Augen wurden nostalgisch feucht.

Jakob nahm die Brieftasche in die Hand, sog den Lederduft ein. Klappte sie auf und fischte ein Foto seines Sohnes Dennis heraus, als er als Vierzehnjähriger seine erste Junior-Schwimmmeisterschaft im 200 Meter Freistil gewonnen hatte. Er strahlte mit dem kleinen Silberpokal um die Wette. Jakob schob das Foto vorsichtig zurück in die Brieftasche und zog die Fotografie einer jungen Frau heraus, die an einer Reling stand. Er hatte das Bild im letzten Sommer mit der Polaroidkamera auf der Fähre nach Samsø gemacht, als er sich so sicher war, sie oder keine – obwohl sie viel zu jung war und er keine Ahnung hatte, wieso sie sich entschieden hatte, ihre Zeit mit ihm zu verbringen. Der Wind schob ihr das dicke, hellbraune Haar aus der glatten Stirn, und sie lächelte ihn liebevoll und zuversichtlich an. Ihr Hals war schlank und glatt.

Jakob Nordsted hielt das Feuerzeug an das Foto und hielt es so lange wie möglich zwischen Daumen und Zeigefingerspitze. Die Lederjacke der Frau, der Kragen. Der wunderschöne Hals und das Kinn wurden grau und schwarz und verkohlten, und weg war sie.

Er ließ das brennende Foto auf das Polster kalter Zigarettenkippen fallen. Dann biss er einen Hautzipfel von einem Knöchel und ließ ihn der Fotografie in den Aschenbecher folgen. Er saugte das Blut auf und legte das Gesicht in die Hände.

Später Sonntagnachmittag

Das Rigshospital schien sich so schnell nicht von ihr trennen zu wollen. Nach einem äußerst brutalen Vorfall im letzten Jahr in Holbæk war Tanya mit schweren Schädelverletzungen und Frakturen der rechten Hand ins Klinikum eingeliefert worden, und sie ging nach wie vor regelmäßig zu den Kontrolluntersuchungen in die handchirurgische Ambulanz, wo ihr fortschrittliche chirurgische Therapien angeboten wurden, die vielleicht, vielleicht auch nicht, aber mit großer Wahrscheinlichkeit eine Verbesserung des Zustandes ihrer Hand versprachen und möglicherweise sogar einen Teil des Empfindens zurück in die mittleren zwei Finger bringen und ihre Beweglichkeit steigern würden. Der mitschwingende Unterton in der Stimme des Handchirurgen hatte die Kommissarin nicht unmittelbar von weiteren Operationen überzeugt. Tanya fand, dass schon mehr als genug an ihr herumgeschnippelt worden war.

In Holbæk hatte Tanya den legendären und, wie sich zeigte, ziemlich ausgebrannten und misanthropischen Kriminalkommissar und ehemaligen Hauptmann der Leibgarde kennengelernt, Jakob Nordsted. Die Aufklärung der Morde an einer pensionierten Buchhalterin und einem jüngeren praktischen Arzt hatte sie zusammengeführt. Die Morde waren der Auftakt zu einer spektakulären Ermittlung gewesen, die auch lange nach ihrem Abschluss noch leidenschaftlich von Kriminalreportern und bekannten Autoren debattiert wurde, die Bücher zu dem Fall publizieren wollten. Holbæk war der Anfang gewesen – und fast auch das Ende. Jakob und Tanya hatten im Laufe weniger Minuten auf dem Dachboden eines Apothekergutes all ihr angespartes Karma verbraucht. Und der Tod war in dieser Nacht nur einen winzigen Schritt entfernt an ihrer Seite gewesen.

Anfangs waren sie alles andere als gut aufeinander zu sprechen gewesen, aber irgendwann hatten der introvertierte Jakob und die menschenscheue Tanya sich zu ihrer beiderseitigen Überraschung immer stärker voneinander angezogen gefühlt. Widerstrebend, vorsichtig, wie sich paarende Igel. Und diese Attraktion hatte sich zu einer leidenschaftlichen Verliebtheit entwickelt.

Tanya befand sich in einem Einbettzimmer der neurologischen Abteilung. Sie ging zum Fenster, öffnete es und atmete die frische Luft ein, die kurzfristig den Krankenhausgeruch vertrieb. Sie schaute auf die Uhr und seufzte. Es war fünf Uhr nachmittags, und sie hatte keine konkreten Erinnerungen an den bisherigen Verlauf des Tages. Den Vortag hatte sie auf Lolland verbracht, bei einem Hochzeitsfest. Sie hatte gefeiert und Mengen an Champagner getrunken – und war am nächsten Morgen um neun Uhr im Bahnhofshotel aus dem Schlaf gerüttelt worden. Der Folterknecht war der Trauzeuge des Bräutigams, Rasmus, ebenfalls Polizist, der, im Gegensatz zu Tanya, sein Mobiltelefon nicht ausgeschaltet hatte.

Er hatte sie in gnadenlosem Stakkato mit Anweisungen und Befehlen vom NEC überhäuft – dem nationalen Ermittlungszentrum der dänischen Polizei. Dann hatte er ihren schlaffen, aber sehr schnell auf Widerstand umswitchenden Körper ins Bad geschleppt, sie in die Duschnische geschoben, den Vorhang zugezogen und das kalte Wasser aufgedreht.

Mit ihren wilden, wutentbrannten Schreien in den Ohren hatte er dann das Weite gesucht. Aus bitterer Erfahrung wusste er, zu was Tanya Nielsen in der Lage war. An der Polizeischule hatte sie ihm bei einer Nahkampfübung zwei Schneidezähne ausgeschlagen – »Übung« schien in ihrem Wortschatz nicht vorhanden zu sein.

Aber sie hatten, nachdem er seine neuen Zähne hatte, auch mal leidenschaftlich auf einem Fest rumgeknutscht und waren später in seiner kleinen Mansardenwohnung gelandet, was sehr schön gewesen war, sich aber nie wiederholt hatte.

Die Aussicht aus der neunten Etage war schön, und Tanya träumte sich weg zwischen die grauen und violetten Himmelsstreifen im Westen.

Auf dem Weg von Lolland nach Kopenhagen war sie zitternd vor Wut und von ihrem Kater von dem diensthabenden Kommissar gebrieft worden. Ein pensionierter Major und Hundebesitzer aus Ravnsnæs hatte bei seiner Morgenrunde mit seiner Schäferhündin Sally seinen Mut zusammengenommen und an die Tür des baufälligen Schrebergartenhäuschens geklopft, das einem exzentrischen Ehepaar gehörte, das eine echte Pest für ihre Nachbarschaft darstellte. Der Major, der die ganze Nacht von laut dröhnendem Death Metal aus der Hütte wach gehalten worden war, fand, dass es jetzt wirklich mal genug war.

Da niemand auf sein Klopfen reagierte und die Haustür angelehnt war, trat er ein. Das Wohnzimmer glich in dem klaren Morgenlicht einer Schlachthalle. In der folgenden Aufregung hatte der Hund den Major empfindlich ins Bein gebissen. Nach dem Notruf fand sich ein Streifenwagen der Polizei Nordseeland auf der Parzelle ein. Der Kommissar vom NEC hatte Tanya die anschließende Funkkommunikation vom Tatort vorgespielt. Die Polizistin, die als Erste die Hütte betrat, reagierte unzusammenhängend und schockiert: Ihre Stimme überschlug sich, und sie übergab sich auf der Türschwelle, ehe sie überhaupt zur eigentlichen Brutstätte der Gräueltaten vorgedrungen war, wo ein Mann mittleren Alters, Gordon Nimb, ein guter Bekannter der Polizei, an einen Heizkörper gekettet auf dem Boden saß. Er hatte die extrem brutalen Verletzungen, die ihm jemand zugefügt hatte, nicht überlebt.

Im Schlafzimmer der Hütte hatten die Sanitäter eine bewusstlose, an Händen und Füßen gefesselte Frau vorgefunden und befreit: Gordon Nimbs Ehefrau Mila Brandeis, die aus einer Wunde an der linken Schläfe blutete, ansonsten aber unverletzt war.

»Warum ausgerechnet ich?«, hatte Tanya gestammelt. »Ich war bei einer Hochzeit, ich habe Urlaub und einen Monsterkater und …«

»Augenblick.«

Tanya hörte das Rascheln von Papier, danach das Klappern einer Tastatur, ehe der Kommissar sich wieder meldete.

»Jemand hat Sie angefordert. Ich kann nicht sehen, wer das war, aber es kommt von ganz oben.«

»Von ganz oben? Wer zum Teufel ist ganz oben?«

»Tut mir leid, da kann ich Ihnen grade nicht weiterhelfen. Kommen Sie einfach, dann werden wir das schon klären, okay?«

»Werden wir das?«

»Ciao.«

Tanya war jetzt seit zwei ereignislosen Stunden in dem Einbettzimmer, ohne eine Tasse Kaffee oder ein Snickers. Mila Brandeis pendelte zwischen Bewusstlosigkeit und Wachheit. Zwischendurch hatte sie Tanya Hilfe suchend mit Gordon angesprochen.

Sie setzte sich auf den Stuhl am Kopfende des Bettes, schob ein Kaugummi in den Mund und checkte ihr Handy.

Vor dem Krankenzimmer saßen zwei Polizisten, ein junger Mann und eine junge Frau, beide mit schusssicheren Westen und Maschinenpistolen ausgerüstet. Sie unterhielten sich lebhaft miteinander und lachten viel. Tanya versuchte vergeblich, ihr Gespräch zu ignorieren.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben. Der CT-Scan hatte keine lebensbedrohlichen Blutungen in Mila Brandeis’ Schädel gezeigt. Es gab ein kleineres Ödem der Hirnmasse, aber die Patientin atmete aus eigener Kraft, und ihre Sauerstoffwerte waren im grünen Bereich. Die Prognosen waren positiv.

Sie verschränkte die Hände vor den Knien und wiegte sich vor und zurück, während sie Mila Brandeis’ eigentlich hübsche und ebenmäßige Gesichtszüge studierte.

Tanya, die aus einer bodenständigen Handwerkerfamilie aus Vestegnen stammte, konnte nicht nachvollziehen, was die international anerkannte Bildkünstlerin und Skulpteurin – Mila Brandeis hatte schon Einzelausstellungen in berühmten Galerien und Museen gehabt – zu einem Psychopathen und zu langen Haftstrafen verurteilten Serienvergewaltiger wie Gordon Nimb hinzog. Vielleicht betrachtete Mila Brandeis Gordon Nimb als Teil des Kunstwerks, für das sie ihr ganzes Leben hielt.

Aus Langeweile hatte Tanya »Why do women marry murderers and rapists« gegoogelt. Dieses Phänomen aus einem Grenzbereich der Psychopathologie besaß sogar einen eigenen Namen: Hybristophilie oder Bonnie-and-Clyde-Syndrom. Besinnungslose Verliebtheit in den eigenen Untergang, gepaart mit Fatalismus. Aber die tatsächliche Ursache dafür, dass Frauen aller Gesellschaftsschichten Fanbriefe und Heiratsanträge an Gewaltverbrecher schickten, war nicht geklärt – dafür war das Phänomen zu ungewöhnlich. Frauen verteidigten Mörder und Vergewaltiger, obwohl an ihrer Schuld kein Zweifel bestand. Sie suchten die Häftlinge auf, schliefen mit ihnen, wo das erlaubt war, brachten ihre Kinder zur Welt und heirateten sie. Oft konnten sich die Frauen den morbiden Reiz selbst nicht erklären. Vielleicht sahen sie verletzte kleine Jungen in den Tätern, die sie trösten wollten, oder wollten den Promistatus der Serienmörder teilen und träumten von lukrativen Verlags- oder Filmverträgen, wenn der Angebetete, in den USA zumindest, die tödliche Spritze bekam oder zum elektrischen Stuhl geführt wurde. Aber vielleicht wollten sie auch einen kontrollierbaren Teil ihres Lebens mit einem echten Alphamann teilen, der aus dem Verkehr gezogen war, den sie nicht mit nach Hause nehmen und dessen Kleider sie nicht waschen mussten. Der sie kein Geld kostete oder den sie sonst wie unterhalten mussten, von den kurzen Rendezvous im Gefängnis einmal abgesehen. Eine Beziehung, die allem enthoben war. Sie war aufregend, aber der lästige Alltag blieb ihnen erspart. Als Gegenleistung erhielten sie ausführliche Liebeserklärungen, jeden zweiten Tag seitenlange Briefe, weil Lebenslängliche eines im Überfluss haben: Zeit. Besonders auffallend waren die Berge an Fanpost und Liebeserklärungen von Frauen an Männer wie Ted Bundy und Jeffrey Dahmer vor ihrer Hinrichtung beziehungsweise Ermordung im Gefängnis, obwohl Dahmer homosexuell war. Noch 2020 gründeten junge Frauen Ted-Bundy-Fanclubs und verehrten den ermordeten Serienmörder wie einen Rockstar. Ein ekstatischer Todeskult mit erotischen Untertönen.

Tanya klickte auf verschiedene Seiten weiter und stellte erstaunt fest, dass Hybristophilie bei Lehrerinnen, Krankenschwestern, Journalistinnen, Dozentinnen, Anwältinnen und sogar Richterinnen vorkam, die meist gut bis sehr gut aussahen und gepflegt und elegant gekleidet waren.

Ein Großteil der forensischen Psychiater*innen war zu dem Schluss gekommen, dass diese Frauen beim konventionellen Geschlechtsverkehr oder der Masturbation keinen Orgasmus hatten. Auch extremes Bondage war für sie unbefriedigend. Einen Orgasmus hatten sie nur bei akuter Gefahr, wenn sie sich unterwarfen, und bei Partnern, die unberechenbar waren.