5,99 €
Jede Liebesgeschichte verdient einen Soundtrack. Und unserer ist episch!
Logan Cage, Leadsänger der heißesten Band Austins, hat ein düsteres Geheimnis, das sich auch von dem unbeschreiblichen Gefühl, ein Leben im Rampenlicht zu führen, nicht abschütteln lässt. Als er die ehrgeizige Tori Grayson kennenlernt, weiß er augenblicklich, dass er sich von ihr fernhalten muss, wenn er nicht nur seine eigene Karriere sondern auch die Zukunft ihres Plattenlabels aufs Spiel setzen will. Doch die Anziehungskraft zwischen ihnen ist stärker als jede Vernunft. Und als Tori Caged auf ihre Tour begleitet, wird schnell klar, dass Logan nicht der einzige ist, der von einer dunklen Vergangenheit verfolgt wird ...
"Wer auf der Suche nach einer tollen Rockstar-Liebesgeschichte mit Tiefgang ist, die man auch lange nach dem Lesen nicht vergisst, wird diese Reihe lieben!" DIRTY GIRL ROMANCE
Band 5 der romantisch-heißen ROCK’N’LOVE-Reihe von Bestseller-Autorin Jayne Frost
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 581
Veröffentlichungsjahr: 2020
Titel
Zu diesem Buch
Prolog
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
Epilog eins
Epilog zwei
Die Autorin
Die Romane von Jayne Frost bei LYX
Impressum
JAYNE FROST
Rock’n’Dream
Roman
Ins Deutsche übertragen von Cécile G. Lecaux
Logan Cage, Leadsänger der heißesten Band Austins, hat ein düsteres Geheimnis, das sich auch von dem unbeschreiblichen Gefühl, ein Leben im Rampenlicht zu führen, nicht abschütteln lässt. Als er die ehrgeizige Tori Grayson kennenlernt, weiß er augenblicklich, dass er sich von ihr fernhalten muss, wenn er nicht nur seine eigene Karriere sondern auch die Zukunft ihres Plattenlabels aufs Spiel setzen will. Doch die Anziehungskraft zwischen ihnen ist stärker als jede Vernunft. Und als Tori Caged auf ihre Tour begleitet, wird schnell klar, dass Logan nicht der einzige ist, der von einer dunklen Vergangenheit verfolgt wird …
Liebe Leser*innen,
dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.
Deshalb findet ihr auf der letzten Seite eine Triggerwarnung.
Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!
Wir wünschen uns für euch alle
das bestmögliche Leseerlebnis.
Euer LYX-Verlag
ZUM GEDENKEN
»And when you asked for light, I set myself on fire,«Chris Cornell
Ich habe dich nicht gekannt, aber ich habe dich geliebt.
Deine Musik ist der Soundtrack meines Lebens. Ruhe sanft, finde deinen Frieden und rocke das Jenseits.
Acht Jahre alt
Laurel schniefte und drückte meine Hand, als wir hinter dem Cop die Verandastufen des großen Hauses hinaufstiegen. Obwohl es so dunkel war, dass ich nichts sehen konnte, wusste ich, dass es völlig anders war als unser Haus. Unser Haus hatte keine Veranda. Und es hatte Räder. Mama sagte immer, dass wir eines Tages in einem Haus ohne Räder wohnen würden. Einer Wohnung vielleicht.
Aber noch nicht gleich.
Wieder fühlte ich, wie Laurel meine Hand fester packte. »Logan?«
Ich wischte mir in Schulterhöhe die Nase an meinem T-Shirt ab, ehe ich auf meine kleine Schwester hinabblickte. »Ja?«
Sie schaute aus großen blauen Augen zu mir auf. »Ich habe Angst«, flüsterte sie. »Wo ist Mama?«
Tot.
Aber das konnte ich ihr nicht sagen. Laurel war erst vier. Sie würde es nicht verstehen. Sie war noch nicht groß, so wie ich.
»Sei ein braver Junge. Pass auf deine Schwester auf.«
Das waren Mamas letzte Worte gewesen, bevor sie aus dem Wagen gesprungen war.
Und dann …
Der Knall hallte in meinem Kopf wider. Ich schauderte und blinzelte mehrmals, um die Tränen zurückzuhalten. Achtjährige Jungen weinten nicht. Ich wollte nicht, dass mich jemand weinen sah. Nicht einmal Laurel.
»Sie kommt bald zurück«, log ich und zog sie dichter zu mir heran, als die Verandabeleuchtung anging. »Sei ganz ruhig, okay?«
Laurel nickte und richtete die verängstigten Augen auf den großen Mann vor uns. Eine Hand am Griff seiner Dienstwaffe, beugte sich der Polizist vor und sprach leise mit der Frau in dem flauschigen Morgenmantel, die geöffnet hatte. Ich bekam nur vereinzelte Worte mit.
Tragisch.
Keine Verdächtigen.
Tot.
»Ich weiß das wirklich zu schätzen, Tessa«, hörte ich ihn sagen, bevor er uns über die Schulter hinweg ansah und uns bedeutete, einzutreten.
Ich blieb stur auf der Stelle stehen, nicht aber meine Schwester. Laurel zögerte nicht. Offensichtlich fühlte sie sich magisch angezogen von der Frau mit dem freundlichen Lächeln und dem Duft frisch gebackener Plätzchen, der auf die Veranda wehte. In unserem Trailer hatte es nie nach Plätzchen gerochen. Nicht einmal dann, wenn Mom Fertigteig gekauft und welche in dem winzigen Ofen gebacken hatte.
»Bitte, Lo«, flehte Laurel und sah mich an, während sie an meiner Hand zog. »Vielleicht hat sie ja etwas zu essen.«
Mir war schlecht, aber ich nickte meiner Schwester zu. Dann ließ ich den Kopf hängen und folgte ihr ins Haus. Vorbei an dem Polizisten mit den traurigen Augen und dem Blut an den Schuhen. Dem Blut meiner Mutter.
Ich fuhr abrupt aus dem Schlaf hoch und schaute mich blinzelnd in dem dunklen Zimmer um. »Mama?«
Dann fiel mir schlagartig alles wieder ein, und ich wusste, dass sie nicht antworten würde. Nicht antworten konnte.
Ich kniff die Augen zu, krallte die Finger in mein Haar und versuchte, das Bild meiner toten Mutter auf dem Asphalt zu verdrängen. Die Matratze gab nach, und ich erwartete, die Frau namens Tessa zu sehen, aber zu meiner Überraschung saß da ein Mädchen auf meinem Bett.
Sie musterte mich vom Fußende aus mit krauser Stirn. »Bist du okay?«
Ich lehnte mich mit dem Rücken an das Kopfteil. »Verschwinde«, blaffte ich. »Lass mich in Ruhe.«
Ich sprach bewusst mit aggressivem Tonfall. Einem, der für gewöhnlich alle anderen Kinder in die Flucht jagte. Aber sie rührte sich nicht. Stattdessen klemmte sie sich eine lange dunkle Haarsträhne hinters Ohr und entgegnete sanft: »Du hast geweint. Ich konnte es bis rüber ins Gästezimmer hören.«
Als meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte ich ihr Gesicht erkennen. Es sah aus wie ein kleines Herz mit einem spitzen Kinn. Ich behielt das für mich, weil ich davon ausging, dass sie das wusste.
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und unterdrückte ein Schniefen. »Ich habe nicht geweint.«
Sie seufzte und strich mit der Hand über die geblümte Tagesdecke. »Doch, hast du. Ist doch nicht schlimm. Viele Kinder weinen, wenn sie neu hier sind.«
Da ich nicht sicher war, was hier war, schwieg ich. Das Letzte, woran ich mich erinnerte, war, dass Tessa Laurel und mich ins Bett gebracht hatte, nachdem sie noch Makkaroni mit Käse für uns zubereitet hatte. Als ich sah, dass die Stelle an meiner Seite, wo eigentlich Laurel hätte liegen sollen, leer war, schnürte Angst mir die Kehle zu.
»Wo ist meine Schwester?« Ich sprang aus dem Bett. »Wo hast du sie hingebracht?«
Das Mädchen legte mir eine Hand auf den Arm, und ich wusste selbst nicht, warum ich mich nicht losriss.
»Mein Dad arbeitet nachts, darum lässt Mama sie in ihrem Bett schlafen.«
Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen und ließ mich zu ihr auf die Bettkante sinken. »Warum? Laurel ist doch nicht mit euch verwandt.«
Sie zuckte mit den Schultern. »So ist Mama eben. Mein Daddy ist ein Cop, und immer, wenn er nach einem, äh … Unfall oder so Kinder unterbringen muss, bringt er sie her.«
Leise Hoffnung stieg in mir auf. »Und bleiben die Kinder dann hier?«
Sie lächelte. »Manchmal. Zumindest für eine Weile.«
Ich legte den Kopf schräg. »Und wo schläfst du?«
Trotz des schwachen Lichts sah ich, wie sie errötete. »Hier. Das ist mein Zimmer. Aber im Gästezimmer ist die Lampe kaputt, und Mom wollte nicht, dass ihr euch ängstigt, wenn ihr nachts aufwacht und kein Licht machen könnt.«
»Ich fürchte mich nicht im Dunkeln«, tönte ich. »Ich bin acht. Wie alt bist du?«
»Fast zehn.« Wir musterten einander eine Weile schweigend, dann fragte sie: »Was ist passiert?«
Mir stockte das Herz, weil ich in den vergangenen Minuten, in denen wir uns unterhalten hatten, nicht mehr daran gedacht hatte. Aber jetzt war alles sofort wieder da, und ich spürte ein Brennen in den Augen. »Das geht dich nichts an.«
Sie straffte die Schultern, und mir lag eine Entschuldigung auf den Lippen. Aber ich wollte nicht erzählen, was passiert war, weil ich wusste, dass ich dann weinen würde.
»In Ordnung«, sagte sie und stand auf. »Dann lasse ich dich eben in Ruhe.«
»Nein!« Ich schluckte hart und starrte auf meine Hände. »Du musst nicht gehen.«
Bitte geh nicht.
Ich sank in mich zusammen, als sie zur Tür ging, aber anstatt hinauszugehen blieb sie vor der großen Kommode stehen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, klappte den Deckel eines kleinen Kästchens auf, und Musik erklang.
Sie kam zurück zu mir und streckte mir die Hand hin. »Da.«
Ich nahm den Penny von ihr entgegen. »Was ist das?«
Sie zuckte mit einer Schulter. »Mein Glückspenny. Ich glaube, du brauchst ihn dringender als ich.«
Ich fuhr mit dem Daumen über die Prägung und begutachtete die Münze. Als ich wieder aufsah, war das Mädchen fort.
Wie sich herausstellte, brachte der Penny nicht wirklich Glück. Am nächsten Morgen tauchte nämlich mein Dad auf, um uns zu holen.
Und von da an war alles anders.
Heute
»Sieh dir das an«, sagte Mac und schob die Flasche über den Tisch des Separees im Capital Grille.
Ich lehnte mich auf dem Lederstuhl zurück und drehte das Etikett zu mir herum. Auch wenn ich hätte lesen können, was da stand – was nicht der Fall war –, hätte ich keine Begeisterung an den Tag gelegt.
Ich vermutete, dass es sich bei der bernsteinfarbenen Flüssigkeit um Bourbon handelte, und so wie ich Mac kannte, war das Zeug sauteuer gewesen. Beim ersten Besuch der Band in L. A., noch bevor Metro Music uns offiziell unter Vertrag genommen hatte, hatte Mac uns Champagner vorgesetzt, von dem eine Flasche mehr kostete, als wir in einer Woche, ja sogar einem ganzen Monat, verdienten. Aber das war lange her, und ich ließ mich schon ewig nicht mehr vom Preis einer Flasche Champagner beeindrucken. Ich war grundsätzlich nicht käuflich.
Warum zum Teufel bist du dann hier?
Ich ignorierte die anklagende Stimme in meinem Kopf und starrte Mac ausdruckslos an. »Ich bin nicht mehr bei deinem Label unter Vertrag. Und ich weiß, dass du eine Woche vor meinem Tourneebeginn nicht den weiten Weg hierher auf dich genommen hast, um dich mit mir über überteuerten Stoff zu unterhalten.«
Mac nahm die Flasche wieder an sich und lächelte. »Das ist ein Pappy Van Winkle Family Reserve. Selten und schwer zu finden. So wie Loyalität in der Branche.« Nach diesem kleinen Seitenhieb schraubte er den Verschluss ab und schenkte drei Fingerbreit in ein Kristallglas. »Aber du hast recht. Darum bin ich nicht hier.«
Er stellte das Glas auf einen akkurat gestapelten Haufen Unterlagen und schob dann beides auf mich zu.
Ohne die Unterlagen zu beachten, nahm ich den Bourbon, aber noch bevor ich das Glas an die Lippen führte, beugte Mac sich vor. »Sieh dir erst das Angebot an.«
Angebot?
Ich wusste sofort, dass das der eigentliche Grund für dieses Treffen war. Wenn es Mac nur darum gegangen wäre, bei einem Besuch in der Stadt einen draufzumachen, hätte er mich nicht zum Abendessen im Capital Grille eingeladen. Das Restaurant galt als besonders diskret, und in den Hinterzimmern waren unzählige Deals verhandelt worden. Aber als Mac die Worte aussprach und dabei vielsagend grinste, wurde mir flau im Magen.
Trotzdem stellte ich das Glas ab und schlug die Dokumentenmappe auf. Ich hatte schon viele Verträge unterzeichnet, wusste also, wie so etwas aussah, auch wenn ich kein Wort von dem Geschreibsel verstand.
Funktionale Analphabeten.
So nannte man Leute wie mich. Nur dass niemand ahnte, dass ich dazugehörte.
Ich strich mir mit einem Finger über die Lippen, wobei ich so tat, als würde ich die Seiten überfliegen, während ich tatsächlich nur Zeichen sah, so unentzifferbar wie Hieroglyphen.
Nach einer Weile blickte ich auf, und das Spiel begann. »Und?«
Mac lachte leise und lehnte sich kopfschüttelnd auf seinem Stuhl zurück. »Hör zu, ich weiß, dass du sauer auf mich bist.« Seufzend schenkte er sich ein. »Aber ich kann wirklich nichts dafür. Caged ist in die Schusslinie geraten.«
Wenn ich nicht über jeden seiner hinterhältigen legalen Winkelzüge des vergangenen Jahres im Bilde gewesen wäre, hätte ich ihm das vielleicht sogar abgekauft. Sein Tonfall, die Art, wie er den Kopf hielt – alles sehr überzeugend.
»Warum sollte ich dir auch nur ein Wort glauben? Deine Rechtsabteilung hat eine richterliche Verfügung erwirkt, die es der Band untersagt hat, ein neues Album aufzunehmen. Und …«
»Mein Rechtsstreit richtet sich gegen Twin Souls«, warf er ungeduldig ein. »Tori Grayson hat mir meine wichtigsten Kunden weggenommen. Mag sein, dass sie als Managerin ein glückliches Händchen hatte, sie und Taryn, aber vergessen wir mal nicht, dass sie ihre Karriere bei Metro begonnen hat. Ich habe ihre Band groß gemacht.«
Als ich zuhörte, wie Mac die Geschichte umschrieb, wusste ich wieder, warum ich überhaupt erfolgreich geworden war. Vor fast sechs Jahren war Damaged Macs einzige erfolgreiche Band gewesen. Als zwei der Gründungsmitglieder – Toris Ehemann Rhenn und ihre beste Freundin Paige Dawson – bei einem Busunfall tödlich verunglückt waren, hatte Mac keine Sekunde gezögert, seine sämtlichen Musikscouts nach Austin zu schicken, um Ersatz zu finden. Caged war in den Sog der Ereignisse geraten, die die Medien inzwischen als das Sixth-Street-Phänomen bezeichneten.
Ich kippte meinen Drink hinunter. »Also meiner Meinung nach verdankst du Tori den Erfolg deines Labels und nicht umgekehrt.«
Es hatte eine letzte spitze Bemerkung sein sollen. Eine unangenehme Wahrheit, die Mac nicht bestreiten konnte. Und vielleicht hatte ich mich damit auch davon reinwaschen wollen, dass ich mich überhaupt auf ein Treffen mit diesem Scheißkerl eingelassen hatte.
Aber Mac tat meinen Einwand mit einem Achselzucken ab. »Was mich zum Erfolg geführt hat, ist Schnee von gestern. Was zählt, ist, dass ich heute bin, was ich bin. Auch wenn es dir nicht gefällt, Logan, mein Angebot …«
Über den Abstecher in die Vergangenheit hatte ich die Papiere, die immer noch vor mir auf dem Tisch lagen, beinahe vergessen. Aber das spielte auch keine Rolle. Niemals würden meine Bandkollegen und ich uns wieder mit Mac einlassen. Teufel, ich sehnte mich schon nach einer Dusche, um den Schmutz abzuwaschen, der an mir haftete, nachdem ich mit ihm an einem Tisch gesessen hatte.
Kopfschüttelnd schob ich meinen Stuhl zurück. Ich war noch nicht ganz aufgestanden, als Mac fortfuhr. »Du kannst mir nicht erzählen, dass du nie an eine Solokarriere gedacht hast.«
Es dauerte eine Minute, bis ich das Wort erfasste. Solokarriere. Entgeistert ließ ich mich auf meinen Stuhl zurückfallen.
Ein Lächeln stahl sich auf seine Züge. »Du bist mir sehr ähnlich«, sagte er und schenkte uns beiden nach. »Freunde sind Freunde. Aber Geschäft ist Geschäft. Glaubst du, dein Label wird dir erlauben, als Solokünstler durchzustarten?« Er lachte. »Natürlich nicht. Chase wird immer darauf achten, dass sein Bruder nicht zu kurz kommt. Du magst ja der Leadsänger sein, aber Cameron schreibt alle Songs. Und er ist fast ebenso beliebt wie du.« Mac lehnte sich zurück und zeigte mit dem Finger auf mich, ohne die Hand von seinem Glas zu nehmen. »Ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis Chase dich rausdrängt.«
Ich trank einen großzügigen Schluck des samtweichen Bourbons und wich seinem Blick aus, um nicht zu verraten, dass Mac einen wunden Punkt getroffen hatte. Ich hatte nicht gezögert, bei dem Label zu unterschreiben, das der Bruder meines Bandkollegen gegründet hatte. Chase war ein brillanter Musiker und kannte sich in der Branche aus. Außerdem hatte er die Band von Anfang an unterstützt. Wir spielten bis heute einmal monatlich live in seinem Club auf der Sixth Street. Aber vielleicht hatte Chase für die Zukunft andere Pläne, nachdem er mit Taryn angebandelt hatte.
Nein, sagte ich mir gleich darauf. Chase gehörte zur Familie. Er würde mir niemals in den Rücken fallen.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Mac und setzte ein selbstsicheres Lächeln auf. »Im Leben nicht.«
Er hob beschwichtigend die Hände. »Wie du meinst. Trotzdem erscheint es mir unklug, alles auf eine Karte zu setzen.« Er sah wieder auf die Unterlagen. »Hör zu, in meinen Augen bist du der eigentliche Star der Band. Und ich bin bereit, Geld in die Hand zu nehmen, um dich groß rauszubringen. Viel Geld. Die Tournee wird dir viel Publicity einbringen. Ich kann dich einen Tag nach dem letzten Tourkonzert ins Studio setzen, während deinem aktuellen Label wegen des anhängigen Verfahrens bis auf Weiteres die Hände gebunden sind. Ohne neues Album profitiert nur Twin Souls von der Tournee, da sie alles in einer Hand behalten.« Er kippte seinen Bourbon hinunter und sog zischend Luft durch die Zähne. »Und wo wir gerade beim Thema sind … Was meinst du, wie erfolgreich die Tournee werden wird ohne die Unterstützung eines großen Konzertveranstalters, der im Hintergrund die Fäden zieht?« Er zog zum gefühlt hundertsten Mal die Brauen hoch. »Ich meine ja nur. Denk mal drüber nach.«
Nachdem er sein Glas abgestellt hatte, rieb Mac die Handflächen aneinander. »Also, was sagst du? Sollen wir das Essen bestellen und uns über deine Optionen unterhalten?«
Optionen? Hatte ich denn überhaupt Optionen? War das hier überhaupt eine Option?
Wie gerufen erschien eine Bedienung an unserem Tisch. »Haben Sie schon gewählt?«, fragte sie mit einem Blick auf die Speisekarten, die geschlossen auf dem Tisch lagen. »Oder brauchen Sie noch einen Moment?«
Mac sah mich fragend an. Es lag ganz bei mir.
Ich schloss die Hände um die Armlehnen meines Stuhls und befahl meinen Beinen, aufzustehen und das Lokal zu verlassen. Aber sie gehorchten mir nicht. Stattdessen sackte ich auf meinem Lederstuhl in mich zusammen und atmete tief durch.
»Ich nehme das Rib-Eye-Steak«, sagte ich. »Englisch.«
Ich lag flach auf dem Rücken und spielte mit dem Bändel meines Krankenhausnachthemds, während ich an die Decke der Radiologie starrte. Obwohl ich nach Kräften dagegen ankämpfte, zitterten meine Beine so heftig, dass die Liege unter mir bebte.
Atme.
Mir blieb fast das Herz stehen, als das Licht ausging und der Raum in Dunkelheit versank.
Die Stimme des Radiologen ertönte knisternd aus dem Lautsprecher. »Wir wären dann so weit. Liegen Sie bequem?«
Bequem?
Ich konnte mich nicht erinnern, wie viele MRTs ich in den vergangenen fünfeinhalb Jahren hinter mich gebracht hatte, aber jede einzelne war mir schlimmer vorgekommen als die vorausgegangene. Und bequem war es nie gewesen.
»Okay«, antwortete ich mit erstickter Stimme.
Ich fuhr zusammen und mein Herzschlag beschleunigte sich abrupt, als sich die Liege unter mir in Bewegung setzte und langsam in die Röhre glitt. Im Inneren des Zylinders schreckte ich vor meinem verzerrten Spiegelbild an der metallenen Decke zurück. Es sah aus wie ich – das lange dunkle Haar, das sich auf meinem Kopf türmte, das herzförmige Gesicht, die etwas zu schmale Nase. Aber etwas fehlte. Meine Augen wirkten stumpf und leblos. Kein Funkeln in der bernsteinfarbenen Iris. Noch bevor ich mich an die Enge gewöhnt hatte, erwachte die Maschine sirrend zum Leben, und das ohrenbetäubende Klang Klang Klang hallte in meinem Kopf wie Kanonenschüsse.
»Versuchen Sie, ganz still zu liegen, Tori«, sagte die Stimme. »Entspannen Sie sich und kämpfen Sie nicht gegen das Beruhigungsmittel an, sonst müssen wir noch einmal von vorn beginnen.«
Wenn ich die Augen schloss, würde es noch schlimmer werden. Aber das Sedativum begann zu wirken, und meine Lider waren bleischwer.
Dann roch ich Regen. Ich fühlte ihn nass und warm auf meiner Haut. Oder war das Blut?
Rollsplitt schürfte mir die Wange auf, und irgendwo in der Ferne hörte ich Rhenn nach mir rufen.
»Belle …«
Aber ich konnte den Kopf nicht heben. Ich versuchte es, so wie ich es damals versucht hatte. Vergeblich.
»Belle …«
Angesteckt von der Panik in seiner Stimme, gab ich nach und flüchtete mich in die Bewusstlosigkeit. Dort, jenseits der Finsternis, wartete die schlimmste Nacht meines Lebens auf mich.
»Müsste sie nicht längst wieder wach sein?«, hörte ich Taryn fragen, als ich versuchte, die Augen aufzuschlagen. »Was haben Sie ihr überhaupt verabreicht?«
Meine beste Freundin glich einem Pitbull, wenn sie wütend war. Oder Angst hatte. Und in diesem Moment traf beides zu.
Da der Arzt mir für die MRT ein Beruhigungsmittel verschrieben hatte, hatte ich Taryn gebeten, mich zu meinem Untersuchungstermin zu fahren. Jetzt, wo ich langsam wieder zu mir kam, erkannte ich, dass das ein Fehler gewesen war. Schlimm genug, dass ich das Trauma jener Nacht noch einmal hatte durchleben müssen. Darüber hatte ich Taryn völlig vergessen.
Wie dumm.
Obwohl meine Augen mir den Gehorsam verweigerten, versuchte ich mit aller Macht, ein paar Worte hervorzupressen, aber auch dieser Versuch scheiterte kläglich.
Die Krankenschwester war noch in Erklärungen verstrickt, als die Tür zischend aufglitt.
Doktor Andrews’ beruhigende Stimme drang an meine Ohren. »Taryn …« Er sprach in einem gelassenen Tonfall, und ich stellte mir vor, wie er ihren Arm rieb, wie er es seit dem Unfall oft getan hatte. »Tori geht es gut. Ich habe ihr Halcyon verabreicht, ein recht starkes Beruhigungsmittel, und …«
»Warum?« Taryns Stimme bebte. Offenbar vermochte die Sachlichkeit des Arztes nicht, sie zu beruhigen. »Warum ein so starkes Mittel? Sie liegt völlig regungslos da. Es sieht aus, als läge sie …«
Sie brach ab und atmete stoßweise aus, aber ich wusste, was sie hatte sagen wollen.
Nach dem Busunfall, der mich um ein Haar das Leben gekostet hätte, hatte ich zwei Wochen im Koma gelegen, und Taryn war mir in all dieser Zeit nicht von der Seite gewichen. Ihr Gesicht war das Erste gewesen, was ich gesehen hatte, als ich aufgewacht war. Und von ihr hatte ich auch erfahren, dass Rhenn gestorben war. Und Paige.
Ich verspürte von allen Seiten einen Druck, der auf mir lastete, und mir entfuhr ein leises Wimmern. Das war das Beruhigungsmittel. In den letzten fünfeinhalb Jahren hatte ich gelernt, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Meine Tränen zu unterdrücken. Den Schmerz auszuhalten, der nie ganz aufgehört hatte.
Ein Hauch von Lavendel, dann fühlte ich Taryns warme Hand an meiner Wange. »Tori?« Als ich nicht antwortete, sagte sie bestimmt: »Zeit aufzuwachen, Belle.«
Würde sie aufhören, mich so zu nennen, wenn sie wüsste, wie weh es mir tut?, dachte ich benommen. Aber ich hatte es ihr nie gesagt.
Endlich gelang es mir mit einiger Mühe, die Augen aufzuschlagen. »H-hey.«
Taryn beugte sich über mich. Ihre Augen waren geweitet, und ich sah die Angst in ihnen. »Da bist du ja wieder. Das wurde aber auch Zeit, Schlafmütze.« Bei allem Humor war der erleichterte Unterton in ihrer Stimme nicht zu überhören.
»Wie …« Ich räusperte mich. »Wie lange war ich weg?«
Doktor Andrews’ lächelndes Gesicht tauchte über Taryns Schulter auf. »Nicht allzu lange. Ungefähr zwei Stunden.«
Stunden.
Ich richtete mich auf und stützte mich auf die Ellbogen, aber sofort wurde mir schwindlig, und ich ließ mich wieder auf das Kissen zurücksinken.
Taryn verzog das Gesicht und fragte mit einem raschen Blick auf den Doktor: »Ist sie in Ordnung?«
»Es geht mir gut, T-Rex«, murmelte ich, und der zweite Versuch, mich aufzusetzen, gelang schon deutlich besser. Allerdings war mein Hals staubtrocken. »Könntest du mir bitte ein Wasser oder so was besorgen?«
Ein argwöhnischer Ausdruck trat auf das Gesicht meiner besten Freundin, als ahne sie, dass ich sie loswerden wollte.
»Äh … klar.«
Widerwillig verließ sie den Raum. Als wir allein waren, wandte ich mich an Doktor Andrews. »Und … wie lautet das Ergebnis?«
Mit unergründlicher Miene setzte er sich auf den Schemel, aber ich sah es in seinen Augen und wappnete mich für das Schlimmste.
»Ich habe den Film an einen Kollegen geschickt, um eine zweite Meinung einzuholen«, sagte er schließlich und nahm meine Hand, als ich zittrig ausatmete. »Ich für meinen Teil würde Ihnen aber empfehlen, nie …«
Als ich das Wort »nie« hörte, blendete ich seine Stimme aus. Nicht absichtlich, aber das Geräusch, wenn ein Traum stirbt, ist lauter, als man denkt. Es beginnt mit einem Knall, der einen bis ins Mark erschüttert, und überlagert Zeit und Raum.
Ich sah, dass seine Lippen sich bewegten, und nickte, als würde ich verstehen, was er sagte. Erst als das Dröhnen zwischen meinen Ohren verebbte, bekam ich wieder etwas mit und hörte zumindest den Schluss seiner Ausführungen.
»Es ist zwar grundsätzlich möglich, dass Sie schwanger werden, aber ein Kind bis zum Ende auszutragen, wäre hoch riskant.«
An diesem Punkt meldete sich das Mädchen zu Wort, das ich früher einmal gewesen war. Das Mädchen, für das nichts unmöglich gewesen war.
»Aber die Medizin macht doch laufend Fortschritte«, sagte ich scheu, aber hoffnungsvoll. »Ich meine, ich bin erst neunundzwanzig. Vielleicht gibt es ja in der Zukunft Möglichkeiten …«
Andrews schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. »Das Gewebe, das wir im Laufe der ersten Operation eingepflanzt haben, ist bereits mit ihrem Körper verwachsen und kann nicht mehr entfernt werden. Es würde aber dem Druck eines wachsenden Babys nicht standhalten, geschweige denn den Kontraktionen bei der Geburt. Und dann ist da noch die Hüfte. Die Nägel …«
Aufhören.
Ich presste die Lippen fest zusammen und nickte brüsk, woraufhin Andrews verstummte.
Nach längerem Schweigen sagte er: »Es gibt andere Möglichkeiten, ein Kind zu bekommen, Tori.«
Ich lächelte. Aber es war nur Fassade. »Ich weiß. Danke.«
Erst jetzt sah ich Taryn in der Tür stehen. Sie hielt die Wasserflasche so fest umklammert, als hinge ihr Leben davon ab. Sie blickte von Andrews zu mir, und ich fragte mich, wie viel sie gehört haben mochte.
»Und denken Sie daran, ihre Übungen zu machen«, fuhr Doktor Andrews fort und stand auf. Als ich dreinblickte wie ein Teenager, der zu spät nach Hause kam und dabei von den Eltern erwischt wurde, lachte er leise und zog einen Rezeptblock aus der Kitteltasche. »Ich verschreibe Ihnen Krankengymnastik als Einstieg für Dehnübungen.«
Stöhnend ließ ich mich auf das Kissen zurückfallen. »Wenn es unbedingt sein muss.«
Unbeeindruckt von meiner melodramatischen Einlage reichte Andrews Taryn das Rezept, wohl wissend, dass sie mir im Nacken sitzen und dafür sorgen würde, dass ich die Übungen auch absolvierte. Auf dem Weg zur Tür ließ der Arzt meine Akte auf den Tisch fallen und zwitscherte: »Wir sehen uns in ein paar Monaten, Tori.«
»Ich kann es kaum erwarten«, murmelte ich und setzte mich auf.
Ich begegnete Taryns besorgtem Blick, als sie herüberkam. »Stimmt etwas nicht, Belle?«
Sie dachte, ich wäre zu einer Routineuntersuchung hier gewesen, aber nachdem sie vielleicht einen Teil des Gesprächs mitgehört hatte, musste ich sie beruhigen. Ich schob meine Enttäuschung weit fort, an einen finsteren Ort. Einen Ort, an dem es kein Licht gab. Keine Luft. Und keine Hoffnung.
Ich lächelte. »Nein. Mir geht’s gut. Ich muss nur meine Dehnübungen regelmäßig machen.«
Ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen der Lüge, aber die Sorgenfalten an Taryns Mundwinkeln verschwanden, und ein Lächeln vertrieb die düsteren Wolken aus ihren Augen. Das war eine Lüge wert.
Als ich am darauffolgenden Tag zur Bandprobe das Loft betrat, blickte Cameron auf, der gerade damit beschäftigt war, seine Gitarre zu stimmen. Er kniff die Augen zusammen und blickte mir mit einem verächtlichen Zug um den Mund entgegen.
Scheiße.
Cameron war eigentlich immer gut drauf, seine säuerliche Miene konnte also nur eins bedeuten: Er musste von meinem Treffen mit Mac erfahren haben. Und wenn Cam davon wusste, wussten es die anderen auch.
Ich straffte die Schulter, ließ meinen Rucksack auf den Boden fallen und schlenderte zum Mikro.
Camerons Schritte hallten von der hohen Decke wider, als er mir in seinen schweren Boots folgte. »Ist das dein Ernst, Mann? Wie konntest du das tun?«
Er rammte das Verstärkerkabel in seine Fender und funkelte mich zornig an, während es laut im Lautsprecher knackte. Er drehte an dem Regler seiner Gitarre, und Stille senkte sich herab. Niemand wagte, einen Laut von sich zu geben.
Außer Sean.
Mein bester Freund saß am Schlagzeug, ließ die Stöcke zwischen den Fingern kreisen und lachte leise.
Ich wollte eben fragen, was zum Teufel so komisch sei, als ich ein weiteres ersticktes Lachen vernahm.
Ich warf einen Blick auf Christian, der gerade den Riemen seines Basses umlegte und sich verzweifelt bemühte, ein Grinsen zu unterdrücken.
»Krass«, sagte er und blickte hastig wieder weg, mit zuckenden Schultern und die Lippen fest zusammengepresst.
Verwirrt wandte ich mich wieder Cameron zu, der jetzt hochrot im Gesicht war und mich finster anstarrte. »Wir waren uns alle einig«, blaffte er und stach mir mit einem Finger in die Brust. »Die Garderobe ist tabu.«
»Tabu?«, fragte ich verständnislos.
»Keine Groupies!«, brüllte Cameron. »Was glaubst du, wie Lily sich gefühlt hat, als sie hereingekommen ist und irgendeine Tussi breitbeinig auf der Couch lag, nur mit einem deiner T-Shirts bekleidet.«
Sean hinter uns brach in schallendes Gelächter aus.
»Das ist nicht komisch, Arschloch«, fuhr Cameron ihn an und warf ihm über die Schulter einen bösen Blick zu. »Es hätte ebenso gut Anna sein können.«
»Anna«, entgegnete Sean zwischen zwei Lachsalven, »hätte ihr gesagt, sie solle ihr Höschen wieder anziehen und aufhören, die Couch zu vergewaltigen.«
Jetzt musste auch ich lachen, allerdings mehr aus Erleichterung. Es war dumm gewesen, mich mit Mac zu treffen, und ich wollte das für mich behalten. Nach unserem Gespräch hatte ich mich diskret umgehört. Offenbar hatte Metro ein Viertel seiner Künstler an das neue Twin-Souls-Label verloren, es schien also plausibel, dass Mac geneigt war, in jemanden zu investieren, der die Lücke füllte.
In mich.
Er wollte mich groß rausbringen.
Aber er hatte meine Loyalität unterschätzt. Ja, ich war ehrgeizig, aber nicht gänzlich skrupellos. Und ich freute mich schon auf den Ausdruck auf seinem Gesicht, wenn ich ihm mitteilte, er könne sich sein Angebot in die Haare schmieren. Natürlich erst, nachdem ich seinen sauteuren Whisky geleert hatte.
»Ich weiß nicht, von wem du sprichst«, antwortete ich Cameron und versuchte, ernst zu bleiben. »Hat Lily vielleicht ein Foto gemacht? Ich meine, ich kann sie bestimmt anhand ihrer …«
»Du bist so ein mieser Hund«, fiel Cameron mir kopfschüttelnd ins Wort. Aber er lächelte jetzt auch. »Und jetzt komm. Lass uns loslegen.«
Seine Finger glitten über das Griffbrett, und er spielte den ersten Song an. Sean und Christian fielen ein, und schon bald hatte ich mein Treffen mit Mac vergessen. Jetzt drehte sich alles nur noch um die nächste Note. Die nächste Textzeile. Den nächsten Beat.
Denn letztendlich ging es nur um eins: die Musik.
Nachdem wir die letzte Bandprobe absolviert hatten, beschloss ich, noch ein paar Dinge zu erledigen, bevor ich zu beschäftigt war mit Packen und anderen Vorbereitungen für die bevorstehende Tournee.
Das Meeting lief bereits, als ich in Klassenzimmer A des Austin Recovery Center schlüpfte. Ich setzte mich auf einen Stuhl weiter hinten und schaute mich nach meiner Schwester um.
Seit sie vor einem Jahr das zweite Mal aus einer Entzugsklinik entlassen worden war, hielt sie sich strikt an das Reha-Programm. Treffen. Ein fester Arbeitsplatz. Familienberatung. So wie es aussah, hatte meine Schwester ihre Sucht inzwischen gut im Griff, was mir etwas von meinen Schuldgefühlen nahm. Nur etwas. Die Jahre, die sie bei Pflegeeltern verbracht hatte, konnte ich nicht ungeschehen machen. Und auch nicht vergessen, dass sie meinetwegen überhaupt dort gelandet war.
Als ich Laurel nirgends entdecken konnte, stellte ich Augenkontakt mit ihrem Berater her, einem Alt-Hippie, der aussah wie siebzig, aber tatsächlich gut zehn Jahre jünger war. Vaughn löste sich von dem hageren Mann, mit dem er sich gerade an dem Getränketisch unterhielt, und kam zu mir rüber.
Als ich den ernsten Ausdruck auf seinem faltigen Gesicht sah, hatte ich plötzlich ein flaues Gefühl im Magen und stand auf. »Hey, Vaughn«, sagte ich unsicher. »Ist Laurel hier irgendwo?«
Ich wusste, dass sie nicht im Raum war, hoffte aber noch auf eine harmlose Erklärung, eine, die nicht das Wort »Rückfall« beinhaltete.
Vaughn legte den Kopf schräg und reichte mir die Hand. »Schön, dich zu sehen, Logan.«
Geduld war noch nie meine hervorstechendste Eigenschaft gewesen, und so erwog ich, die Antwort aus ihm herauszuprügeln. Stattdessen ergriff ich seine dargebotene Hand und hielt meine Zunge im Zaum.
Nachdem wir die Förmlichkeiten hinter uns gebracht hatten, kam Vaughn zum Punkt. »Laurel kommt nicht mehr zu den Treffen. Hat sie dir das nicht gesagt?«
Ich wollte instinktiv dichtmachen, das allein regeln. Laurel war meine Schwester. Ich war für sie verantwortlich. Aber in diesem Punkt war ich schon einmal elendig gescheitert.
Nachdem ich sie vor anderthalb Jahren in Nashville ausfindig gemacht hatte, wo sie in einem miesen Club an der Stange tanzte, hatte ich sie in die beste Entzugsklinik vor Ort geschickt. Luxuriöses Ambiente, Einzeltherapie, Massagen und Gourmetküche.
Ich war dem Irrtum erlegen, dass sie das gesund machen würde. Dass sie die Sucht überwinden würde, wenn ich sie nur unterstützte und ihr genug Liebe schenkte.
Dann war sie rückfällig geworden.
Obgleich der zweite Entzug erfolgreich gewesen war und sie seit elf Monaten keine Drogen mehr angerührt hatte, wusste ich inzwischen, dass meine Schwester jederzeit wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen konnte.
Ich scharrte mit den Füßen und senkte den Blick. »Nein, hat sie nicht.«
Vaughn drückte meine Schulter. »Lass uns rausgehen.«
Erst jetzt bemerkte ich, dass ein paar Leute auf mich zeigten und tuschelten.
»Ja, gut.«
Wir schafften es nur bis zum Empfang.
»Ich glaube, du solltest keine voreiligen Schlüsse ziehen, Logan«, sagte Vaughn. »Ich habe mit Laurel gesprochen, und sie meinte, sie wolle Treffen besuchen, die für sie besser erreichbar wären.«
Das hätte ganz vernünftig geklungen, wenn ich nicht durch das Fenster das Gebäude hätte sehen können, in dem sie arbeitete.
»Weißt du, ob sie schon was gefunden hat?«
Vaughn zuckte mit den Schultern. »Die Treffen sind anonym. Das weißt du doch.«
Anonym und freiwillig. Er sprach es nicht aus, aber es schwang in seiner Stimme mit. Ich konnte sie nicht zwingen.
Dachte er zumindest.
Ich bezahlte den Großteil der Rechnungen meiner Schwester. Sie bewohnte eine hübsche Wohnung, die sich eine einfache Angestellte eigentlich nicht leisten konnte. Auch ihr Wagen, ein neuer Mercedes, lief auf meinen Namen. Zudem bezahlte ich die Hälfte ihrer Einkäufe.
Ja, Laurel musste auf eigenen Füßen stehen, aber wir waren in Armut aufgewachsen, ohne Mutter, in einem Scheißtrailer. Und das war gewesen, bevor man sie zu Pflegeeltern gesteckt hatte. Solange meine Schwester sich an die Regeln hielt, würde es ihr an nichts mangeln.
Aber was, wenn sie das nicht tat?
»Danke, Vaughn. Ich werde schon nicht gleich durchdrehen.«
Er nickte skeptisch, sagte jedoch nichts.
Ich setzte meine Sonnenbrille wieder auf, schenkte ihm noch ein verhaltenes Lächeln und ging dann zu meinem Wagen. Sobald ich hinter dem Steuer saß, rief ich meine Schwester an. Als sie nicht dranging, ließ ich den Motor an und fuhr geradewegs zu ihrer Wohnung.
»Mach die verdammte Tür auf«, rief ich zornig, nachdem ich zum zweiten Mal geklingelt hatte. »Ich weiß, dass du da bist.«
Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich recht hatte. Und wenn ich die Scheißtür eintreten musste, würde ich keine Sekunde zögern, genau das zu tun.
Ich ließ die Schultern hängen, als ich hörte, wie die Tür von innen entriegelt wurde. Mit vor Überraschung geweiteten Augen blickte meine Schwester durch den schmalen Türspalt. »Was willst du hier, Lo?«
Ich unterdrückte den Impuls, unaufgefordert einzutreten, und sah ihr fest in die Augen. »Lass mich rein. Ich bin auch ganz ruhig.«
Ich musterte sie, während sie noch überlegte. Abgesehen von dem angespannten Zug um den Mund und den zusammengezogenen Brauen sah sie okay aus. Aber es war offensichtlich, dass sie mir etwas verheimlichte, und ich war fest entschlossen, herauszufinden, was das war.
Als ich nach dem Türknauf griff, sprang Laurel zurück. Ich stolperte hinein und ließ den Blick durch die Wohnung wandern. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was ich sah, weil es nicht sein konnte. Aber er war es.
Jake Cage.
Mein Vater.
Ich erkannte ihn auch von hinten. Hellblondes Haar, etwas heller als meins. Breite Schultern. Massige Gestalt. Er saß vor dem großen Flachbildschirm-Fernseher, den ich bezahlt hatte.
Mir wurde erst bewusst, dass ich auf ihn zuging, als Laurel mir den Weg versperrte und mir ihre kleine Hand auf die Brust legte. »Logan, es ist nicht so, wie du glaubst.« Ich riss den Blick von Jakes Hinterkopf los und schaute in die flehenden Augen meiner Schwester. »Er ist krank.«
Das war allerdings richtig. Jake Cage war der kränkste Scheißkerl, der mir je untergekommen war. Krank reichte gar nicht aus, um ihn zu beschreiben. Dann lichtete sich der Nebel, ich folgte dem Blick meiner Schwester, und mir stockte der Atem, als ich den Rollstuhl sah.
»Was meinst du mit ›krank‹?«, fragte ich gepresst und hasste mich dafür, dass meine Stimme so brüchig klang.
Jake hatte keine Gewalt mehr über mich. Das hatte ich ihm in jener Nacht, in der ich ihn vor unserem Trailer niedergeschlagen hatte, unmissverständlich klargemacht. Es war das erste Mal gewesen, dass ich mich gewehrt hatte. Siebzehn Jahre hatte ich stillgehalten. Aber an diesem Tag hatte er das Sorgerecht an den Staat abgetreten und meine Schwester der Fürsorge überlassen, während ich mir mit Gewalt meine Freiheit erkämpft hatte. Da Gewalt die einzige Sprache war, die mein Vater verstand, hatte er mich ziehen lassen.
»Er ist an Demenz erkrankt«, erklärte Laurel und betrachtete das Ungeheuer mit sanftem Blick. »Wahrscheinlich aufgrund einer Hirnschädigung, verursacht durch …«
»Durch Schläge der Menschen, die sich gegen seine Gewaltausbrüche gewehrt haben?«
Die Hoffnung, dass ich diesen letzten Gedanken nicht laut ausgesprochen hatte, verflog, als ich meine Schwester zusammenzucken sah. »Ja.«
Ich ignorierte ihren wehmütigen Tonfall und richtete mein Augenmerk wieder auf unseren Vater. »Wie hat er dich ausfindig gemacht?«
Wieder umspielte ein leises Lächeln ihre Lippen. »Hat er nicht. Ich habe ihn gefunden. In einem Obdachlosenheim, als ich Lebensmittel dort abgeliefert habe, die wir auf der Arbeit gesammelt haben.«
Von allen Karten, die das Schicksal an meine Schwester ausgeteilt hatte, war das die grausamste. Welche Planetenkonstellation war eigentlich nötig, damit Laurel genau zu dieser Zeit an diesem Ort erschien? Christian konnte die Wahrscheinlichkeit vermutlich sogar mathematisch berechnen, aber ich war nicht Christian. Und mein Vater war keine Rechenaufgabe. Er war ein Schläger, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, dass er anderen Gewalt antat. Und früher einmal war ich sein Lieblingsprügelknabe gewesen.
Bei der Erinnerung stieg eine neue Welle der Wut in mir auf, und wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, machte ich einen Schritt auf ihn zu. Und noch einen. Als ich neben Jakes Rollstuhl stand, kämpfte ich gegen den Kloß an, der sich in meiner Kehle bildete, und stählte mich.
»Hey, alter Mann.«
Bis zu diesem Augenblick hatte ich noch letzte Zweifel gehegt, dass er tatsächlich hier war. Aber dann trafen sich unsere Blicke. Etwas in den blassblauen Augen blitzte auf. Ich hasste mich dafür, dass ich mich ein klein wenig herabbeugte, um verstehen zu können, was er sagte.
»Jeremy.«
Zögernd kam der Name meines Onkels über seine Lippen. Es war, als hätte er mir einen Faustschlag in die Magengrube versetzt.
Laurel eilte herbei. »Nein, Daddy.« Sie grub mir die Finger in den Arm. »Das ist Logan.«
Er schien verwirrt und richtete den Blick auf meine Schwester. »Beth?«
Ein Tsunami der Emotionen wütete in meinem Inneren. Chaos, Wut und solcher Hass, dass ich kaum sprechen konnte. Aber ich zwang mich dazu.
»Wag es nicht, jemals wieder den Namen meiner Mutter in den Mund zu nehmen«, blaffte ich und schüttelte Laurels Arm ab. »Hast du mich verstanden?«
Jake blinzelte, und eine Sekunde lang war ich überzeugt davon, dass er mich erkannte. Dann erlosch der Funke in seinen wässrigen Augen, und er wandte sich wieder dem Fernseher zu. »Ich habe Hunger.«
Mein Zorn wuchs, und ich wich einen Schritt zurück, weil ich fürchtete, ihn zu erwürgen, wenn ich nicht etwas Abstand nahm.
Laurel warf mir einen eisigen Blick zu und zupfte die Decke auf seinem Schoß zurecht. »Herrgott, Logan.«
Aber das hier ging den Herrgott nichts an. Was war das für ein Gott, der meinem Vater die Qualen der Erinnerung ersparte? Der Erinnerung an den Tod meiner Mutter? An meinen Hass? Als ich hierauf keine befriedigende Antwort fand, stürmte ich davon, Laurels flehende Worte ignorierend.
Erfüllt von einer Wut, wie ich sie seit Jahren nicht mehr empfunden hatte, ballte ich immer wieder die Hände zu Fäusten, während ich mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss fuhr. Und sosehr ich jenen Teil von mir hasste, der meinem Vater so ähnlich war, wusste ich genau, wo ich hinwollte, als ich in den Wagen stieg.
Ich zog mir die Baseballcap tief in die Stirn und hielt den Blick gesenkt, als ich die Steinstufen in den schäbigen Keller hinabstieg.
Geradewegs in die Hölle.
Ich rümpfte die Nase, als mir der Gestank von Rauch, Schweiß und Blut entgegenschlug.
Als ich Dex’ schwarzen Haarschopf entdeckte, bahnte ich mir einen Weg durch die lärmende Menge bis zum Boxring. Er war so sehr in den Kampf der beiden aufeinander eindreschenden Männer vertieft, dass er mich gar nicht bemerkte.
Seit ich denken konnte, war Dex der Boss der illegalen Kampfsportszene im Untergrund von Austin. Schon als mein Dad noch regelmäßig im Ring gestanden hatte. Aber Dex hielt den Ball flach, sodass die wenigsten wussten, dass er hinter den Kämpfen steckte.
Aber mir ging es nicht um Kohle. Nicht mehr. Vor dem Durchbruch unserer Band war ich immer mal wieder in den Ring gestiegen, um für die Miete, das Tonstudio oder Lebensmittel Geld zu verdienen.
Abgesehen von der Musik war Kämpfen das Einzige, was ich konnte.
Endlich drehte Dex sich mir zu, blickte zu mir auf und machte große Augen. »Logan?«
Es war keine Frage. Er wusste, wer ich war.
Ich hielt ihm die Faust zum Gruß hin, den er ganz automatisch erwiderte. »Hey, Mann. Lange her.«
Stirnrunzelnd schaute er sich um. »Äh … stimmt. Was machst du hier?«
Ich lehnte mich mit der Hüfte an den Ring und zuckte mit den Achseln. »Ich dachte, du hättest vielleicht einen Gegner für mich.«
»Wofür?«
War dieses Spielchen wirklich nötig? Offenbar.
»Für einen Kampf, Mann. Was sonst?«
Da ich nicht aussah wie die meisten Hackfressen der Szene, hatte Dex mit meinen Kämpfen seinerzeit gut verdient. »Klar«, erwiderte er lachend und trank dann einen Schluck aus seiner Bierflasche. »Was willst du wirklich?«
Ich fischte Tape aus meiner Tasche, um meine Knöchel zu umwickeln, und ließ die Rolle um den Finger kreisen. »Lass mir einen Drink holen, Bourbon, egal welche Marke. Ich bin bereit.«
Als ich mich abwandte, um mich in einer dunklen Ecke vorzubereiten, schloss sich Dex’ Pranke um meinen Bizeps. »Das geht nicht, Logan.« Ich blickte auf seine Hand, und er ließ mich so hastig los, als hätte er an einen Stromdraht gepackt. »Hör zu«, fuhr er leise fort. »Ich will keinen Ärger. Und kein Aufsehen. Was immer du damit bezweckst, ich kann dir nicht helfen. Wenn ich dich in den Ring lasse, dauert es keine zwei Minuten, und jemand fotografiert dich oder dreht ein Filmchen. Und was dann?«
Ich folgte seinem Blick und registrierte, dass uns ein paar Leute anstarrten. Scheiße. Die Tage der Anonymität waren vorbei. Sogar in diesem Drecksloch.
Dex klopfte mir kopfschüttelnd auf den Rücken. »Ganz der Vater. Immer auf der Suche nach dem nächsten Adrenalinkick.«
Seine Worte holten mich in die Wirklichkeit zurück. Es stimmte, auch wenn ich es nicht hören wollte.
Einer der Kämpfer im Ring landete mit einem dumpfen Aufprall auf den Brettern.
»Warte!«, rief Dex, um den aufbrandenden Jubel zu übertönen. »Ich gebe einen aus.«
Ich blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf das Blut, das dem Verlierer aus der Nase rann. Zwei von Dex’ Leuten sprangen in den Ring und zogen den Mann auf die Füße.
Das war ich nicht. Nicht mehr.
»Ein anderes Mal«, murmelte ich und steckte das Tape wieder ein. »Man sieht sich, Dex.«
Ohne seine Antwort abzuwarten, steuerte ich die Treppe an. Als ich auf den dunklen Parkplatz hinaustrat, atmete ich tief die feuchte Nachtluft ein, um den metallischen Blutgeruch loszuwerden.
Auf halbem Weg zu meinem Wagen hörte ich Schritte hinter mir. Von mehr als einer Person.
»Willst du kämpfen?«
Ich hob eine Hand und winkte ab, ohne mich umzudrehen. »Nein, alles gut.«
In der nächsten Sekunde lag ich auf dem Boden und hatte ein Knie im Rücken. »Das ist aber schade«, zischte mir der Unbekannte ins Ohr, »ich werde dir nämlich den Arsch aufreißen, Rockstar.«
Gelächter. Und drei, vier Stimmen, die den Kerl anfeuerten. Aber ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass die Größe des Publikums keine Rolle spielte. Meine Instinkte übernahmen das Kommando, und mit einem Grunzen legte ich den Wichser aufs Kreuz.
Große Augen starrten zu mir auf und blickten dann auf meine zum Schlag erhobene Faust.
Ich richtete mich so weit auf, dass er sich befreien konnte, gerade so weit, dass es ein fairer Kampf wurde.
Dann lächelte ich. »Und jetzt sag, Kleiner. Wie schmerzhaft hättest du es denn gerne?«
Kurz vor Mitternacht parkte ich am Fuß des Hügels am anderen Ende des Oakwood Cemetery. Morgen würden Menschenmassen hier einfallen. Singen. Weinen. Feiern.
Aber heute Abend war es noch ruhig. Heute Abend hatten wir den Friedhof ganz für uns allein. Wie immer war ich die Erste. Ich warf noch einen prüfenden Blick in den Rückspiegel und fuhr mir mit einer Hand durch die langen dunklen Locken. Normalerweise trug ich das Haar als Pferdeschwanz oder Dutt, aber Rhenn hatte es immer besonders gut gefallen, wenn ich es offen trug.
Vorher hatte ich es immer offen getragen.
An Abenden wie diesem wurde immer wieder deutlich, dass mein Leben in zwei Hälften geteilt war: in ein Davor und ein Danach.
Davor war ich unbekümmert gewesen. Furchtlos. Glücklich.
So verdammt glücklich.
Und danach war ich nichts mehr von alledem gewesen. Seit jenem schicksalhaften Tag lastete die Trauer auf mir. Und Ängste, so viele Ängste. Leben. Sterben. Die Trauer. Die Leere in meinem Herzen.
Seit fast sechs Jahren hatte es keinen Tag gegeben, an dem ich rundum glücklich gewesen war. Es hatte Augenblicke, sogar Stunden gegeben, in denen ich glücklich gewesen war, aber die Dunkelheit hatte mich immer schnell wieder eingeholt. Und das Schlimmste daran war, dass niemand ahnte, wie es in mir aussah. Vielleicht wollte es auch niemand wissen.
Nach dem Unfall hatten Freunde und Verwandte die ganzen Hoffnungen und Träume, die sie für Rhenn und Paige gehegt hatten, auf mich projiziert. Als wäre ich ein Gefäß. Dabei war ich ein Sieb. Gebrochen.
Aber die Zeit war unaufhaltsam vergangen. Erst ein Jahr, dann zwei. Und weitere. Und der Augenblick rückte immer näher, der Tag, an dem ich länger ohne Rhenn gewesen war als an seiner Seite.
Er hatte mir versprochen, dass wir für immer und ewig zusammenbleiben würden. Und in gewisser Weise hatte er sein Versprechen wohl gehalten. Wir waren bis zum Ende zusammen gewesen. Heute wäre er dreißig Jahre alt geworden.
Seufzend trat ich hinaus in die texanische Nacht, den rosafarbenen Karton von Rhenns Lieblingsbäckerei unter den Arm geklemmt. Ein Halbmond stand am sternenklaren Himmel und leuchtete mir, als ich den grasbewachsenen Hügel hinaufstieg. Einhundertsiebenunddreißig Stufen. Dann fing ich an zu zählen. Nach zwanzig Schritten schlug mir das Herz bis zum Hals. Zwei Grabsteine aus Granit schimmerten im fahlen Licht, der eine schwarz, der andere weiß. Ich ließ mich unter der Eiche ins hohe Gras sinken und stellte den Karton vor mich.
Trauer überwältigte mich, als ich mit den Fingern über die Inschrift unterhalb von Rhenns Namen strich. Ein Zitat aus Die Schöne und das Biest.
Nimm ihn mit, dann wirst du immer zurücksehen können und mich nicht vergessen.
Ich wischte die erste Träne fort und sagte leise: »Happy Birthday, Baby.«
Eine leichte Brise kam auf, und ich lächelte und richtete den tränenverschleierten Blick nach rechts, dorthin, wo die zweite Hälfte meines gebrochenen Herzens begraben war. Paige.
Ich nahm die einzelne Rose aus der Tasche meines Hoodies und legte sie oben auf den Grabstein.
Dann saß ich da, das Kinn auf die angezogenen Knie gestützt, und starrte auf das Laub der großen Eiche, das im Wind raschelte.
Eine halbe Stunde verstrich, ehe ich die erste Wagentür zuschlagen hörte. Kurz darauf eine zweite. Und eine dritte. Dann hüllte mich die Wärme meiner Freunde ein.
Taryn kniete sich neben mich ins Gras und nahm meine Hand. »Hey, Belle. Wir sind alle da.«
Ich nickte lächelnd. Meine Kehle war wie zugeschnürt, sodass ich nicht sprechen konnte.
Dieses alljährliche Treffen von Mitgliedern der drei erfolgreichsten Bands des Landes zur selben Zeit am selben Ort wäre ein gefundenes Fressen für die Paparazzi gewesen.
Taryn nahm den Kuchen aus dem Karton und zündete die einzelne Kerze an, die in der fluffigen weißen Sahne steckte. Dann erhoben sich vierzehn Stimmen, und wir sagen »Happy Birthday«, so laut, dass man es bis in den Himmel hören konnte.
Punkt acht klingelte mein Wecker, und ich rollte mich stöhnend auf den Rücken.
Rhenns Geburtstagsfeier hatte bis kurz nach zwei gedauert, und danach war ich hier raufgekommen. In sein Studio im zweiten Stock des Hauses, das wir am Ufer des Lake Travis gebaut hatten. Obwohl die Bauarbeiten einige Monate vor dem Unfall abgeschlossen worden waren, waren wir nie komplett eingezogen. Damals waren wir zu beschäftigt gewesen. Mit Konzerten. Aufnahmen im Tonstudio. Mit Leben.
Aber diesen einen Raum hatten wir fertig eingerichtet. Und bis zum heutigen Tag war hier alles unverändert geblieben. Einhundertvierzig von der Zeit unberührte Quadratmeter.
Ich setzte mich auf der Couch auf und schaute mich um. Rhenns Gitarre lehnte an dem Stuhl vor dem Fenster mit Blick auf das Seeufer, sein Lieblings-T-Shirt von den Dallas Cowboys lag über der Armlehne. Neben dem Notizheft auf dem Tisch stand eine Tasse mit Bleistiften mit abgekauten oder aufgebrauchten Radiergummis am Ende.
Ich ging zu dem Mischpult, an dem Rhenn stundenlang die letzten Aufnahmen der Band gemischt hatte, ließ mich in den Ledersessel fallen und griff nach dem Notenblatt, auf dem ganz oben handschriftlich »Down To You« geschrieben stand.
It all came down to you – alles läuft auf dich hinaus.
Ich hatte diese einzelne Zeile eine Million Mal gelesen und mich gefragt, was er damit gemeint hatte. Rhenn hatte neue Songs immer zu Ende geschrieben, auch wenn es die ganze Nacht gedauert hatte.
Ein leises Klopfen an der Tür katapultierte mich zurück in die Gegenwart, und ich legte das Blatt zurück an seinen Platz.
Ich setzte eine gleichmütige Miene auf und drehte den Sessel in Richtung Tür. »Komm rein.«
Taryn steckte den Kopf zur Tür herein, ein angespanntes Lächeln auf den Lippen. »Kommst du runter?«
Kommst du rein?
Aber ich sprach es nicht aus. Weil ich wusste, dass sie den Raum nicht betreten würde. Nicht betreten konnte.
»Kommt drauf an«, entgegnete ich und stand auf. »Hast du Kaffee gemacht?«
»Ja. Und Dylan macht Frühstück.«
Ich lächelte, obwohl mir nicht danach war. Nicht, dass ich Dylan nicht hätte sehen wollen, aber er und Rhenn waren schon als Kinder beste Freunde gewesen und einander so ähnlich, dass es geradezu unheimlich war. Die gleiche Gestik. Die gleiche langsame Art zu sprechen und der gleiche starke texanische Akzent. Der gleiche Ausdruck in den babyblauen Augen, wenn er mich ansah.
Ich schob den Gedanken beiseite. Es würde nicht mehr zwischen uns geben. Nicht noch einmal. Nach dem einen Kuss vor zwei Jahren hatte ich mich hundeelend gefühlt, und Dylan plagte seitdem das schlechte Gewissen. Außerdem war mein Leben auch so schon kompliziert genug.
»Klingt gut«, sagte ich. »Ich komme gleich.«
Die Trauer stand Taryn ins Gesicht geschrieben, als sie den Blick über Rhenns Sachen schweifen ließ. Als unsere Blicke sich trafen, las ich ihre Gedanken.
»Irgendwann«, beantwortete ich ihre unausgesprochene Frage. Irgendwann würde ich seine Sachen einpacken. Die ganzen Erinnerungen an das, was einmal unser Leben gewesen war.
Aber nicht heute.
»Okay, Belle«, sagte sie leise. »Wir sehen uns dann unten.«
Ich wartete, bis ich ihre Schritte auf der Treppe hörte, und ging dann ans Fenster. Als ich hinaussah, hörte ich Rhenns Stimme in meinem Kopf.
Sieh dir diese Aussicht an. Wir werden so glücklich sein hier.
Und das waren wir auch gewesen. Die zwölf Tage, die wir unter diesem Dach verbracht hatten.
Ich fischte den Schlüssel aus der Tasche, ging zur Tür und warf noch einen letzten Blick zurück, ehe ich auf den Flur trat und die Tür hinter meinen Erinnerungen versperrte.
»Solltest du nicht langsam packen?«, fragte ich Dylan, als ich die Küche betrat. »Die Zeit wird langsam knapp. Noch vier Tage.«
Stirnrunzelnd stellte er einen Teller mit Rührei vor mich hin, als ich auf einem der Barhocker Platz nahm. »Es ist nicht meine erste Tournee. Ich kriege das schon hin.«
Taryn und ich tauschten einen Blick, und sie zuckte mit den Schultern.
Ich griff zur Gabel und stocherte in meinem Frühstück herum. »Ich weiß das wirklich zu schätzen, Dylan«, sagte ich aufrichtig. »Ohne dich wären wir aufgeschmissen.«
Tatsächlich war ich nicht sicher, ob wir das überhaupt würden stemmen können. Aber wir mussten es versuchen. Metro Music hatte jede Band, die das neue Label von Twin Souls unter Vertrag genommen hatte, in seine Klage mit einbezogen. Ursprünglich hatte ich noch gedacht, die Klage wäre innerhalb eines Monats vom Tisch, aber nun zog sich das Verfahren schon seit einem Jahr hin.
Ich war überzeugt, dass wir gewinnen würden, aber zu welchem Preis?
Die kleineren Bands hatten nicht genug Rücklagen, um Monate ohne Einkünfte durchzustehen. Sie würden notgedrungen bald abspringen und zu Metro zurückgehen. Genau deshalb hatte Twin Souls die Sixth Street Survival Tour organisiert. Um Geld einzuspielen, auf das Mac keinen Zugriff hatte und das zu den Leuten floss, denen es zustand, und das waren die Musiker.
Aber das ganze Projekt stand und fiel mit der Teilnahme der größten Bands, die bei uns unter Vertrag waren, und darunter war Dylans Band der größte Kassenmagnet.
»Du brauchst mir keinen Honig ums Maul zu schmieren, Belle«, sagte er müde. »Ich weiß, was auf dem Spiel steht.«
Während er sprach, blickte er auf Taryn, die hastig nach ihrer Kaffeetasse griff und sich dem Fenster zuwandte.
Ich ließ eine Scheibe Toast auf mein Rührei fallen und richtete meine Aufmerksamkeit auf meine beste Freundin. »Spuck’s aus, Taryn. Was verheimlichst du mir?«
Mit einem Seufzer warf sie Dylan einen bösen Blick zu, ehe sie sich mir zuwandte. »Skye Blue sind raus. Sie kommen nicht mit auf Tournee. Ich habe es erst heute Morgen erfahren.«
»Was meinst du mit ›raus‹?«, blaffte ich. »Sie können nicht raus sein. Sie haben einen Vertrag unterschrieben.«
Taryn starrte mit finsterer Miene in ihre Tasse. »Mac hat Skylar offenbar einen Solo-Deal angeboten. Und er übernimmt die Gerichtskosten, falls wir den Rechtsweg einschlagen.«
Ich legte den Kopf in den Nacken. »Sind unsere Anwälte schon eingeschaltet?«
»Wozu?«, brummte Dylan. »Metros Rechtsabteilung wird uns mehrere Monate lang hinhalten, und bis eine richterliche Entscheidung fällt, ist die Tournee eh gelaufen.«
Plötzlich wurde mir klar, warum Mac so viel Zeit in Austin verbracht hatte. Ich hatte immer gewusst, dass er ein Haifisch war, hätte aber nie erwartet, dass ich ihn einmal zum Feind haben würde. Sein Verrat traf mich tief.
»Wie auch immer«, sagte ich und warf die Serviette auf den Rest meines Frühstücks. »Es kommt niemand, nur um Skye Blue zu sehen. Die Leute wollen bekannte Namen.«
Taryn biss sich auf die Unterlippe und sah wieder aus dem Fenster. »Ich mache mir auch keine Sorgen wegen Skye Blue. Ich frage mich nur, wen Mac noch alles geködert hat.«
Selbst mit Leveraged, Revenged Theory, Drafthouse und Caged würde es schwierig werden, ein Festival dieser Größenordnung erfolgreich durchzuziehen, wenn die kleineren Bands absprangen. Und Mac hatte natürlich bis ultimo gewartet, um uns dazwischenzugrätschen. Er wollte nicht nur den Prozess gewinnen, sondern mich vernichten und alles, was ich mir seit dem Unfall aufgebaut hatte, gleich mit.
Mir war der Appetit vergangen, und ich trug meinen Teller zur Spüle. »Wir packen das«, sagte ich mit aller Überzeugung, die ich aufzubringen vermochte. »Es macht keinen Sinn, sich wegen Dingen aufzuregen, die noch gar nicht spruchreif sind.«
Taryn nickte, lächelte aber erst, als ihr Telefon klingelte. Es gab nur einen Menschen, der sie so strahlen lassen konnte. Chase.
»Hey, Babe«, sagte sie und wirkte zum ersten Mal an diesem Morgen entspannt. Allerdings verblasste ihr Lächeln nach und nach. »Scheiße.« Sie blickte zu mir herüber. »Ja, ich verstehe. Lass mich erst mit Tori sprechen.«
Ich stellte die Kaffeetasse, die ich gerade frisch aufgefüllt hatte, auf die Kochinsel, aus Angst, sie fallen zu lassen, so sehr zitterten plötzlich meine Hände. »Worüber willst du zuerst mit mir sprechen?«
Sie schloss die Augen und massierte sich die Schläfen. »Es geht um Logan. Wir müssen los.«
Dylan legte mir einen Arm um die Schultern. »Wohin?«
Taryn stand auf, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, einen grimmigen Ausdruck auf dem Gesicht.»Ins Gericht. Der Idiot sitzt im Knast.«
Die schmalen Handschellen scheuerten an den Handgelenken, als der Beamte mich den überfüllten Flur des Gerichts von Travis County hinunterführte. Als ich den Spießrutenlauf hinter mir hatte, war ich ziemlich sicher, dass mindestens drei Personen mich fotografiert oder gefilmt hatten.
Nicht, dass mich das gekümmert hätte.
Trotz meiner geschwollenen Fingerknöchel und des Bluts, das an meiner Haut haftete – das des anderen, nicht mein eigenes –, war ich unschuldig. Allerdings würde der Umstand, dass ich selbst keinen Kratzer davongetragen hatte, nicht gerade dafürsprechen, dass ich das Opfer war. Ebenso wenig wie meine vorausgegangenen Verurteilungen wegen Trunkenheit, Erregung öffentlichen Ärgernisses und Körperverletzung aus früheren Zeiten.
Ja, ich war am Arsch.
Wie schlimm es tatsächlich ummich stand, realisierte ich erst, als ich den fensterlosen Raum betrat, der Anwälten mit ihren Mandanten vorbehalten war, und dort Trevor anstatt Chase antraf.
Der Justizbeamte schloss die Tür, und mit ihm verabschiedete sich meine Hoffnung, die Handschellen endlich loszuwerden.
»Ich hatte mir schon Sorgen gemacht«, sagte ich trocken und ließ mich am Besprechungstisch Trevor gegenüber auf den rissigen Vinylstuhl fallen. »Aber ich schätze, wenn ich in ernsthaften Schwierigkeiten stecken würde, hätte Chase einen richtigen Anwalt geschickt.«
Trotz des teuren Anzugs und des akkuraten Haarschnitts sah ich Trevor immer noch als den Kumpel aus alten Zeiten, der sich bei jeder Gelegenheit hatte volllaufen lassen und auf dem Boden jeder Bar, in der Caged aufgetreten war, seinen Rausch ausgeschlafen hatte.
Er lächelte kalt. »Und ich schätze, ein richtiger Anwalt hätte dich bis zum Haftprüfungstermin in der Untersuchungshaft schmoren lassen.«
Haftprüfungstermin. Das saß.
»Es war Notwehr«, entgegnete ich, konnte aber nicht verhindern, dass meine Stimme dabei leicht zitterte. »Die Scheißkerle haben angefangen.«
Trevor verschränkte die Hände auf der zerschrammten Tischplatte und musterte mich aus zusammengekniffenen Augen. »War das bevor oder nachdem du den Fight Club verlassen hast?« Als ich ihn hierauf nur sprachlos ansah, schüttelte er den Kopf. »Du sitzt echt ziemlich tief in der Scheiße, Alter.«
Schmerz durchzuckte meine Hände, als ich die Finger krümmte, und ich blickte auf das getrocknete Blut in den Zwischenräumen. »Wie ernst ist es?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das werden wir bald wissen. Chase trifft sich gerade mit einem Bekannten, einem Hilfsstaatsanwalt.«
Jetzt erst dachte ich an das, woran ich bisher keinen Gedanken verschwendet hatte. »Ich muss hier raus. In weniger als einer Woche beginnt die Tournee.«
Trevor warf seinen Kugelschreiber auf den Tisch. »Wenn Chase kein Wunder bewirkt, wirst du nirgendwo hingehen. Oder höchstens mit elektronischen Fußfesseln.«
War es das, worum es hier ging? Hausarrest?
Ich ließ den Kopf hängen und sah mein Spiegelbild in den Stahlhandschellen. Aus längst vergangenen Zeiten drängten Worte meines Vaters an die Oberfläche.
Einmal Loser, immer Loser.
Und zum ersten Mal in meinem Leben fragte ich mich, ob er mit seiner Prophezeiung nicht recht gehabt hatte.
Einige Stunden später führte mich der Justizbeamte endlich in den Gerichtssaal. Strahlendes Sonnenlicht fiel durch die Fenster, und ich blinzelte, wobei meine Lider wie Sandpapier über meine blutunterlaufenen Augäpfel schabten.
Der Saal war leer, und meine Schritte hallten von den Wänden wider, als ich zum Tisch der Verteidigung ging, an dem Trevor einen Stapel Unterlagen sortierte.
»Wo sind denn alle?«, fragte ich, als ich mich setzte.
Panik stieg in mir auf, wodurch sich mein Magen verkrampfte, aber ich kämpfte sie nieder. Ich brauchte niemanden, der mir die Hand hielt. Trotzdem wunderte es mich, dass keiner meiner Bandkollegen gekommen war.
Trevor schob einen Stapel Unterlagen vor mich. »Ich habe vor fünf Minuten mit Chase gesprochen. Sie stellen deine Kaution.«
Gott sei Dank.
Ich ließ mir meine Erleichterung nicht anmerken und gab vor, die Dokumente zu überfliegen, während Trevor sich gedankenverloren mit der Hand durchs Haar fuhr. »Steht alles da drin. Wenn du Fragen hast …« Sein Telefon vibrierte. »Da muss ich drangehen.« Er wischte mit einem Finger über das Display und stand auf. »Lies es einfach«, brummte er und zeigte mit dem Kinn auf die Papiere in meiner Hand.
»Sagt sich so leicht«, murmelte ich, als er davonging.
Ich konzentrierte mich wieder auf die Dokumente, aber die Buchstaben bildeten wie immer ein undurchdringliches Chaos. Ein feiner Schweißfilm trat auf meine Stirn, während ich mich anstrengte, den Buchstabensalat zu entwirren.
»Lo?«
Ich entspannte mich schlagartig beim Klang der vertrauten Stimme und als ich die Hand auf meiner Schulter fühlte. Anna. Ich sah zu ihr auf.
»Hey«, entgegnete ich, und da war es wieder, das Zittern in meiner Stimme. Ich hoffte, dass sie es nicht bemerkt hatte, und schaute mich um. »Wo ist Sean?«
»Er ist bei Chase und Taryn.« Sie sah zu Trevor hinüber, der sich mit dem Handy am Ohr ans andere Ende des Saales zurückgezogen hatte. »Ich dachte mir, du brauchst vielleicht, äh … etwas Hilfe.«
