Rock'n'Hope - Jayne Frost - E-Book

Rock'n'Hope E-Book

Jayne Frost

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Jede Liebesgeschichte verdient einen Soundtrack. Und unserer ist episch!

Als Caged-Drummer Sean damals die Möglichkeit bekam, seinen Traum zu leben und als Rockstar durchzustarten, beging er den größten Verrat seines Lebens. Er hinterging seine große Liebe Anna - was er auch vier Jahre später noch immer tief bereut. Eine zufällige Begegnung mit Anna lässt Sean hoffen, seinen Fehler wiedergutzumachen und Anna zurückzugewinnen. Aber ist Anna nach all der Zeit wirklich bereit, ihm eine zweite Chance zu geben? Kann sie ihm etwas, das sie jahrelang für unverzeihlich hielt, doch vergeben?

"Ich habe Sean und Anna tief ins Herz geschlossen. Wenn sie verletzt waren, war ich es auch. Wenn sie glücklich waren, war ich es umso mehr! Mein Lieblingsbuch der Reihe." BRITTANY AND ELIZABETHS BOOK BOUTIQUE

Band 3 der romantisch-heißen ROCK’N’LOVE-Reihe von Bestseller-Autorin Jayne Frost

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 565

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

Epilog

Die Autorin

Die Romane von Jayne Frost bei LYX

Impressum

JAYNE FROST

Rock’n’Hope

Roman

Ins Deutsche übertragen von Cécile G. Lecaux

Zu diesem Buch

Als Caged-Drummer Sean damals die Möglichkeit bekam, seinen Traum zu leben und als Rockstar durchzustarten, beging er den größten Verrat seines Lebens. Er hinterging seine große Liebe Anna – was er auch vier Jahre später noch immer tief bereut. Eine zufällige Begegnung mit Anna lässt Sean hoffen, seinen Fehler wiedergutzumachen und Anna zurückzugewinnen. Aber ist Anna nach all der Zeit wirklich bereit, ihm eine zweite Chance zu geben? Kann sie ihm etwas, das sie jahrelang für unverzeihlich hielt, doch vergeben?

1

Vier Jahre zuvor

Sean

Die Wohnungstür wurde so heftig zugeschlagen, dass die Wände unseres kleinen Apartments erzitterten. Ich kuschelte mich enger an Anna und vergrub das Gesicht in ihrem Haar.

Ich war noch im Halbschlaf und nahm Logans aufgebrachte Stimme wie durch einen dichten Nebel wahr.

»Wach auf, Mann!«

Was immer mein bester Freund angestellt haben mochte, er würde die Suppe allein auslöffeln müssen. Heute war einer von Annas seltenen freien Vormittagen, und da wir gestern Abend das Apartment für uns allein gehabt hatten, waren wir lange aufgeblieben, hatten dem Regen gelauscht und Sex gehabt, bis wir völlig erschöpft eingeschlafen waren.

Ich lächelte bei dem Gedanken an eine Fortsetzung und brummte: »Verschwinde, Logan. Ich habe keine Kondome im Haus. Beweg deinen Arsch in den nächsten Laden wie jeder normale Mensch und lass uns in Ruhe.«

Ich hörte, wie er das winzige Zimmer durchquerte, dann stand er neben mir. Gleich darauf grub er seine langen Finger unsanft in meine Schulter und schüttelte mich kräftig. »Ich meine es ernst. Steh auf!«

Vergiss es.

Ich stöhnte frustriert, als Anna sich in meinen Armen umdrehte. Sie stützte sich auf einen Ellbogen und rieb sich den Schlaf aus den Augen. »Was willst du, Lo?«

Einen Tritt in den Arsch.

Ich rollte mich auf den Rücken und presste mir das Kopfkissen auf das Gesicht, in der Hoffnung, dass er verstand, was ich ihm damit sagen wollte. Natürlich tat er das nicht.

Fluchend langte Logan unter die Bettdecke.

»Hey!«, protestierte ich und warf mit dem Kissen nach ihm. »Was immer du brauchst, ich habe es nicht.«

Logan blickte finster auf mich herab und fuhr sich mit einer zitternden Hand durch das blonde Haar.

»Wo ist die Fernbedienung?« Als ich nicht sofort antwortete, fuhr er in drängendem Tonfall fort. »Für den Fernseher, Honk, wo ist die Fernbedienung?«

Anna langte auf den Nachttisch und reichte ihm das klobige Teil. »Was stimmt nicht mit dem Fernseher in deinem Zimmer?«

Logan trat ans Fußende des Betts und setzte sich.

Anna setzte sich mit ärgerlicher Miene auf. »Mach es kurz.« Sie lehnte sich an das Kopfteil und starrte wütend auf Logans Hinterkopf. »Im Ernst, Lo, mach schnell. Ich muss pinkeln.«

Logan ignorierte sie, völlig auf den Bildschirm fokussiert, während er durch die Sender zappte. Als er bei CNN landete, ließ er die Schultern hängen.

Nachrichten? Das war ungewöhnlich. Normalerweise schaute Logan ausschließlich MTV, VH1 oder den Zeichentrickkanal.

Ich setzte mich ebenfalls auf, um zu sehen, was so wichtig war, obwohl mir eine innere Stimme sagte, dass ich es gar nicht wissen wollte. »Was ist denn los?«

»Still«, zischte Logan.

Ich verstummte widerwillig und richtete den Blick auf den Bildschirm, wo eine Kommentatorin mit versteinerter Miene im Regen auf einem Feld stand. Fette Tropfen prasselten auf ihr Mikrofon.

»… berichten live vom Schauplatz des tragischen Unfalls vor den Toren von Fredericksburg, Texas, bei dem heute Morgen zwei Mitglieder der bekannten Band Damaged ums Leben gekommen sind. Noch können wir die Identität der Toten nicht bestätigen. Damaged, die als die beste Band des Landes gilt, hat gerade eine Konzerttournee durch den Südwesten beendet und …«

Die Kamera schwenkte herum, und es folgte eine Weitwinkelaufnahme. Rauch stieg von dem Wrack auf in den verhangenen Morgenhimmel.

Anna schnappte nach Luft. »Oh mein Gott.«

Sie sackte zusammen, legte mir eine Hand um die Taille und vergrub das Gesicht an meiner Brust. Unfähig, zu begreifen, was ich sah, streichelte ich abwesend mit tauben Fingern ihr Haar.

Nachdem wir mehrere Minuten in schockiertem Schweigen dagesessen hatten, sprang Logan unvermittelt auf. »Was zur Hölle gibt es da zu lächeln?«

Verwirrt blinzelte ich zu ihm auf. »Wen meinst du?«

»Die bescheuerte Kommentatorin.« Er zeigte mit zitternder Hand auf den Bildschirm. »Was grinst die so dämlich?«

Ich blickte wieder hin, und tatsächlich, die perfekt geschminkten Lippen waren zu einem Lächeln verzogen.

Ich drückte mein Mädchen fester an mich. »Das ist ihr Job, Mann. Sie …« Meine Kehle war plötzlich wie zugeschnürt, und ich bekam kaum noch Luft. »Sie kennt sie nicht persönlich«, sagte ich gepresst.

Aber das galt auch für uns. Damaged stammte ursprünglich aus unserer Heimatstadt Austin, und auch wenn wir uns in den vergangenen fünf Jahren immer mal wieder über den Weg gelaufen waren, war es bei flüchtigen Begegnungen geblieben.

Unsere Band, Caged, war eine von unzähligen Bands, die in den Clubs auf der Sixth Street auftraten und Damaged nacheiferten. Wir spielten seit der Highschool in denselben Bars, in denen die Karriere von Damaged begonnen hatte, und hofften, dass auch wir irgendwann entdeckt werden würden.

Abrupt wechselte der Bericht zu KVUE, dem lokalen Ableger von ABC. Terri Gruca, die Sprecherin der Abendnachrichten, saß stoisch an ihrem schwach beleuchteten Schreibtisch. Ihr Co-Moderator war nirgends zu sehen.

»Danke, Sandy.« Terri blinzelte in die Kamera. »Wir haben gerade erfahren, dass Rhenn Grayson, der Leadsänger der mit dem Grammy ausgezeichneten Band Damaged, und Paige Dawson, die Leadgitarristin, heute Morgen noch am Unfallort auf dem Highway 290 für tot erklärt wurden.« Sie blickte auf den Zettel in ihren zitternden Händen. »Rhenns Frau, die Sängerin Tori Grayson, und der Schlagzeuger Miles Cooper wurden mit dem Rettungshubschrauber ins Brackenridge Hospital geflogen. Nach Aussage von Taryn Ayers, Managerin der Band, befinden sich die beiden in einem kritischen Zustand. Der Busfahrer kam bei dem Unfall ebenfalls ums Leben.« Im Hintergrund wurden Fotos von Rhenn und Paige eingeblendet. »Wir beten für die Angehörigen der Verstorbenen. Nach einer kurzen Werbeunterbrechung schalten wir zurück ins CNN-Studio. Von dort erfahren Sie weitere Einzelheiten zu dieser Tragödie, und es gibt einen kurzen Rückblick auf das Leben der beiden begabten Musiker.«

Mein Schädel dröhnte, während ein Werbeclip für ein Gebäck mit Fruchtfüllung über den Bildschirm flimmerte. Lächelnde Gesichter und fröhliche Stimmen priesen die Blätterteigtaschen mit Erdbeermarmeladenfüllung. Irgendwo saßen bestimmt Leute vor dem Fernseher und aßen den Scheiß.

Aber nicht Rhenn und Paige.

»Die beiden waren gerade mal vierundzwanzig«, murmelte Logan erschüttert.

Als er sich mir zuwandte, standen in seinen eisblauen Augen Fragen. Es waren dieselben Fragen, die ich dort schon bei unserer ersten Begegnung gesehen hatte. Fragen zum Tod und dazu, warum er manche Menschen willkürlich heimsuchte und andere nicht. Streng genommen hatte der Tod uns überhaupt erst zusammengebracht. Er war unser Verbindungsglied. Zwei Kids, deren Mütter nie an dem langen Tisch in Mrs Varners Klassenzimmer sitzen und Kekse verteilen würden. Weil unsere Mütter »von uns gegangen waren«.

Das war die höfliche Umschreibung, die man benutzte, wenn jemand starb. Dieselben Leute, die sich so ausdrückten, sprachen einem auch ihr »aufrichtiges Beileid für den Verlust« aus.

Ich hatte diese Redewendung schon immer merkwürdig gefunden, da meine Mutter nicht verloren gegangen, sondern tot war.

Rhenns Stimme dröhnte aus dem Lautsprecher des alten Fernsehers. Er lächelte sein unverwechselbares Lächeln, stand Rücken an Rücken mit Paige und sang den neuesten Hit der Band.

Ich beugte mich vor und saugte die Performance förmlich auf. Weil das alles war, was von den beiden geblieben war: Licht und Schatten auf einem Tape.

Anna wand sich aus meinen Armen und stand wacklig auf. »Ich muss pinkeln.«

Ehe sie verschwinden konnte, schwang ich die Beine über die Bettkante, legte im Sitzen die Arme um ihre Mitte und zog sie zwischen meine Knie.

Ich lehnte den Kopf an ihre Brust und atmete tief ihren Pfirsichduft ein, der mich augenblicklich beruhigte. »Ich liebe dich, Anna-Baby.«

Sie fuhr mit den Fingern durch mein Haar, bis ich aufhörte zu zittern, und küsste mich dann auf den Scheitel. »Ich liebe dich auch.«

Widerwillig ließ ich sie los, und sie zog sich in unser winziges Bad zurück. Durch die papierdünnen Wände hörte ich sie leise weinen.

Als sie zurückkam, das Gesicht fleckig und ihre Augen glitzernd von Tränen, schenkte ich ihr ein zärtliches Lächeln und hob die Bettdecke an, damit sie wieder zu mir kriechen konnte.

Eine Stunde später waren wir immer noch wie gelähmt und hatten uns nicht von der Stelle gerührt, als könnten wir die Wirklichkeit von uns fernhalten, solange wir im Bett blieben.

Natürlich konnten wir das nicht.

Als der Rettungshubschrauber auf dem Dach des Brackenridge Hospitals ein zweites Mal gezeigt wurde, schnauzte ich Logan an, er solle umschalten.

Logan schaltete zu MTV, während ich nach dem Block griff, der immer neben dem Bett lag, damit ich Ideen für Songtexte aufschreiben konnte.

Wie alle anderen Sender brachte auch MTV die Damaged-Story. Aber anstelle der üblichen Berichterstattung zeigten sie eine Sondersendung über die drei weniger bekannten Bands, die inzwischen ebenfalls beachtliche Erfolge vorweisen konnten.

Eine Stimme aus dem Off kommentierte eine Bildmontage.

»Während man davon ausgehen kann, dass Leveraged, Revenge Theory und Drafthouse die Lücke schließen werden, die der heutige tragische Unfall hinterlassen hat, haben auch einige weniger bekannte Bands aus Austin inzwischen eine ordentliche Fangemeinde um sich geschart.«

Ich zuckte beim Klang der vertrauten Töne zusammen und starrte verdattert auf die Aufnahmen von einem unserer Auftritte im Parish, die über den Bildschirm flimmerten.

»Eine dieser Bands, Caged, tritt derzeit in jenem Club auf, in dem vor fünf Jahren die Karriere von Damaged ihren Anfang nahm.«

Die Kamera zoomte auf mein Schlagzeug, auf dem das Logo der Band prangte, ein Löwe in einem goldenen Käfig.

»Wie viele der kleinen Bands aus der Sixth Street ist auch Caged bislang noch ein Geheimtipp und außerhalb dieser kurzen, aber illustren Club-Meile wenig bekannt.«

»Oh mein Gott«, hauchte Anna und drückte meine Hand. »Das bist ja du.«

Das Glücksgefühl, das mich durchströmte, wurde jäh von Schuldgefühlen erstickt.

Sie sind tot, ermahnte ich mich und konzentrierte mich wieder auf die Zeilen des neuen Songtextes.

Voices dying on the breeze, eyes now see what no one sees.

Will you be among the masses, forever frozen as time passes?

Ich war ganz vertieft in meine düstere Arbeit, als ein anhaltendes Klingeln mich aus meiner Konzentration riss.

»Geh endlich dran, Alter«, brummte ich und warf einen Blick auf Logans Rücken.

Der starrte auf das Handy in seiner Hand, als nähme er es jetzt erst wahr. Er wischte mit einem Finger über das Display und holte tief Luft, bevor er sich das Telefon ans Ohr hielt.

»Hey, Chase.« Logan stand auf und begann, rastlos in unserem kleinen Zimmer auf und ab zu tigern, wobei er alle paar Sekunden auf den Fernseher blickte. »Klar habe ich davon gehört.« Dann blieb er abrupt stehen und lauschte konzentriert. »Heute Abend?« Er warf mir stirnrunzelnd einen Blick zu, einen unsicheren Ausdruck in den blauen Augen. »Ich weiß nicht. Lass mich erst mit Sean sprechen.«

Er warf das Handy aufs Bett, legte den Kopf in den Nacken und starrte an die Decke. »Das war Chase. Er möchte, dass wir heute Abend auftreten.«

Mein Magen zog sich krampfartig zusammen. »Warum heute Abend?«

Ich sah ihm an, dass er gemischte Gefühle hatte bei dem Gedanken. »Es gibt wohl so etwas wie eine Totenwache.« Er räusperte sich. »Das Ganze soll musikalisch unterlegt werden, und darum soll jemand auftreten.«

Das könnten ebenso gut wir sein.

Er sprach es nicht aus, aber ich wusste, was er dachte.

»Was meinst du?«, fragte er und kaute nervös an seinem Daumennagel.

Ich blickte an ihm vorbei auf den Fernsehschirm und verfolgte, wie immer mehr Leute in die Sixth Street strömten. Einige liefen weinend ziellos umher, während andere voller Ehrfurcht vor dem Plakat von Damaged Aufstellung bezogen, das neben dem Eingang des Parish hing. Alle diese Leute wollten gemeinsam trauern.

Ich schob meine Bedenken beiseite und entgegnete achselzuckend: »Meinetwegen.«

Logan nickte und warf einen letzten Blick auf den Bildschirm, ehe er hinausging.

Als Anna ihm folgte, ging ich davon aus, dass sie etwas aus der Küche holen wollte.

Ich ließ mich in das Kissen zurücksinken und legte einen Arm über die Augen.

»Sean?«

Annas leise Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

»Ja?«

Sie lächelte mich von der Tür aus mit Tränen in den Augen an und knetete dabei den Saum ihres Schlafshirts.

Ich streckte ihr eine Hand entgegen. »Komm her, Baby.«

Sie hockte sich neben mich. Sonnenlicht fiel durch die Lamellen der alten Jalousie und ließ ihr rostrotes Haar aufleuchten. Ich sah ihr an, dass sie zutiefst erschüttert war.

»Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.« Eine Träne lief ihr über die Wange. »Ich meine, ich habe sie ja nicht einmal persönlich gekannt.«

Ich wischte die Träne mit dem Daumen fort. »Das spielt doch keine Rolle. Du hast sie gemocht, und sie haben dir etwas bedeutet. Da ist es doch nur natürlich, dass du traurig bist.«

»Ich weiß.« Sie schniefte und drehte den Smaragdring an ihrem Finger. »Trotzdem. Es ist ja nicht wie bei, du weißt schon, Verwandtschaft.« Unsere Blicke trafen sich, und ich konnte förmlich sehen, wie der Gedanke auf ihren Lippen Gestalt annahm. »Nicht wie bei deiner Mom oder …«

Ich sah, wie sie schluckte. Wie ihre Brust sich hob und senkte. Und ich mied ihre Augen, um das Mitleid in ihnen nicht sehen zu müssen.

Ich fuhr mit den Fingern durch ihr Haar und zog sie an mich. »Das ist lange her.«

Als sie zu einer Erwiderung ansetzte, verschloss ich ihre Lippen mit einem Kuss. Ich legte ihr die Hand auf den Hinterkopf und drehte sie herum. Sie stöhnte leise, als ich ihren Oberschenkel an meine Taille zog.

»Vielleicht sollten wir das besser nicht tun.«

Ihr Atem ging stoßweise, und sie klang nicht wirklich überzeugt, und so machte ich weiter und ließ die Finger an ihrem Schenkel aufwärtsgleiten. Dann schob ich ihren Slip beiseite und teilte ihre feuchten Schamlippen.

»Warum nicht?« Lächelnd fuhr ich mit dem Daumen über ihre verhärtete Klitoris. »Hast du etwas Besseres vor?«

Sie zog die Brauen zusammen und musterte mich forschend. »Nein, ich meine nur … Ich will …«

Anna wollte dasselbe wie ich.

Fühlen.

Ich schob mir die Boxershorts über die Hüften, während ich mit der anderen Hand fortfuhr, sie zu streicheln. Sie protestierte wimmernd, als ich die Hand wegnahm.

»Schhhh.« Ich packte mein Glied am Ansatz und führte es zwischen ihre Beine. »Ist es das, was du willst?«

Anna war jetzt zu erregt, um noch Scham oder Trauer zu empfinden. Da war nur noch Lust. Sie nickte. »Jetzt … Sean … Bitte.«

Ich stieß zu, und ihre feuchte Wärme umschloss mich. Ich hielt kurz inne, um ihr T-Shirt hochzuschieben und ihre perfekten Brüste mit den kleinen rosigen Brustwarzen zu entblößen. Ich strich vorsichtig mit den Zähnen über eine der aufgerichteten Brustwarzen und stieß dann noch einmal kraftvoll zu. Fester. Tiefer.

Urinstinkte übernahmen die Kontrolle, und als sie mir die Nägel ins Fleisch grub, jagte mir ein wohliger Schauer über den Rücken.

Ich spürte, dass ich gleich kommen würde.

Aber ich wollte nicht, dass es schon vorbei war. Ich wollte noch nicht zurückkehren in die Wirklichkeit, und so richtete ich mich auf und legte ihre Beine um meine Taille. Ich streichelte ihre Brüste, ihren bebenden Bauch und schließlich den schmalen Streifen kastanienbrauner Haare auf ihrem Venushügel.

»Komm für mich, Baby«, knurrte ich und umkreiste ihre pochende Knospe mit dem Daumen. »Ich will fühlen, wie du kommst.«

Und ich wollte fühlen, wie ich kam. Ich wollte den Schmerz, die Trauer und die Leere in meinem Inneren vergessen.

Anna verdrehte in Ekstase die Augen und packte meinen Arm.

»Sean!«

Als sie kam und dabei immer wieder wie ein Mantra meinen Namen sagte, zogen sich ihre Muskeln fest um mich zusammen, und es dauerte nicht lange, bis ich ihr mit einem letzten Stoß auf ihrem Höhenflug folgte.

Anna umfasste mein Gesicht mit beiden Händen, während die Wellen der Lust in mir aufbrandeten und dann langsam verebbten. Schließlich drehte ich den Kopf und küsste sie auf die Handfläche.

»Ich liebe dich, Anna-Baby.«

Sie vergrub die Finger in meinem Haar und zog meinen Kopf in ihre Halsbeuge. »Ich liebe dich auch«, sagte sie leise. »Für immer und ewig.«

2

Sean

Ich stopfte eine Handvoll Klamotten in meinen Seesack. Leichter Pfirsichduft, süß wie ein Törtchen, stieg mir in die Nase. Zähneknirschend wühlte ich in meinen Sachen, bis ich unter einem zerknitterten T-Shirt auf eins von Annas Tanktops stieß.

Ich brauchte noch mehr Sprit.

Während ich mit dem Verschluss der halb leeren Flasche Jack Daniel’s kämpfte, die ich aus der Gesäßtasche gezogen hatte, spürte ich Annas Blick auf mir ruhen. Der betrunkene Teil von mir befahl mir, sie zu ignorieren, aber mein nüchternes Ich weigerte sich, zu gehorchen. Ich warf einen Blick zum Kopfende des Bettes, wo sie saß und lernte, und unsere Blicke trafen sich über dem aufgeschlagenen Lehrbuch.

Ich hatte die Flasche an den Mund gehoben und hielt nun in der Bewegung inne. Ich lächelte bitter. »Auch einen Schluck?«

Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, überlegte es sich aber anders und wandte den Blick ab, als könnte sie es nicht ertragen, mich in diesem Zustand zu sehen.

Und vielleicht hatte sie ja recht damit.

In den vier Wochen, seit Caged »entdeckt« worden war und wir einen Plattenvertrag in der Tasche hatten und eine Jahrestournee gleich dazu, hatten Anna und ich uns einen erbitterten Willenskampf geliefert. Wir hatten einander angeschrien, uns die kalte Schulter gezeigt und nächtelang zornigen Sex gehabt, dem die Zärtlichkeit vergangener Zeiten fehlte. In letzter Zeit war dies jedoch zu Annas bevorzugter Waffe geworden – stille Resignation.

Ich lachte trocken. »Das heißt dann wohl nein, oder?«

Anna sah stirnrunzelnd zu, wie ich einen großen Schluck nahm. Zufrieden, dass sie offenbar ebenso sauer war wie ich selbst, ging ich zurück zum Schrank, um weitere Kleidungsstücke zusammenzusuchen.

»Willst du ernsthaft, dass unsere letzte gemeinsame Nacht so zu Ende geht?«, fragte sie schließlich mit ruhiger Stimme.

Wütend wirbelte ich zu ihr herum. »Es wäre nicht unsere letzte Nacht, wenn du mitkommen würdest.«

Sie kaute an der Innenseite ihrer Unterlippe. »Du weißt doch, dass ich zur Uni muss.«

Mein unsteter Blick fiel auf das Buch über Strafrecht in ihrem Schoß. Der blutrote Hochglanzeinband schien mich zu verspotten. Ich stapfte zum Nachttisch und griff nach dem Plattenvertrag der Band mit Metro Music.

»Die Uni läuft dir nicht weg.« Ich knüllte den Vertrag und schüttelte die erhobene Faust. »Das hier ist aber eine einmalige Chance. Es heißt jetzt oder nie.«

Anna stand auf und funkelte mich zornig an. »Ich habe nie von dir verlangt, dir diese Chance entgehen zu lassen. Wir finden einen Weg.«

Ach ja?

Ich musste an unsere vielen Gespräche denken, an die umrissenen Kompromisse und Deals, die alle auf eins hinausgelaufen waren: Anna würde nicht mitkommen.

Und alles hier führte mir diese bittere Wahrheit ein weiteres Mal vor Augen. Annas ordentlich gepackte Kisten. Die zwei Koffer mit ihrer Kleidung, die sie ins Studentenwohnheim mitnehmen wollte. Aber ich hatte mir eingeredet, dass sie es sich doch noch anders überlegen würde. Bis jetzt.

Blind vor Wut schwankte ich betrunken und zeigte mit dem Flaschenhals auf sie. »Du hast doch deine eigenen Pläne. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich dabei viel mitzureden gehabt hätte.«

Mit geröteten Wangen verschränkte Anna die Arme vor der Brust. »Ja, ich habe Pläne.« Ihr eiskalter Blick fiel auf die Whiskyflasche. »Und wenn du nicht sturzbesoffen wärst, würdest du dich daran erinnern.«

Sie schnappte sich ihr Haargummi vom Nachttisch und stürmte hinaus. Ich wusste, dass ich sie gehen lassen sollte, aber ich konnte es nicht. Ich war so voller selbstgerechter Empörung und vom Alkohol so enthemmt, dass ich ihr ins Bad folgte.

»Lass mich nicht einfach stehen, Annabelle. Ich bin noch nicht fertig.«

Wir sind noch nicht fertig.

Seufzend nahm sie eine Haarbürste aus der Schublade. »Lass gut sein, Sean. Wir treffen uns in drei Wochen in Phoenix.« Ich begegnete im Spiegel ihrem flehenden Blick. »Können wir bitte aufhören, deswegen zu streiten?«

Ich lehnte mich Halt suchend an den Türrahmen und nuschelte: »Die Trennung scheint dir nicht sonderlich viel auszumachen, Anna-Baby.«

Vielleicht lag es daran, dass ich ihren Kosenamen benutzt hatte. Vielleicht hatte sich auch nur zu viel Wut in ihr angestaut. Jedenfalls fuhr sie herum und warf die Bürste nach mir, die mein Ohr nur um Haaresbreite verfehlte, ehe sie gegen die Wand prallte.

»So ein Schwachsinn.«

Eine Träne lief ihr über das Gesicht, und ich war dankbar dafür. Damit konnte ich etwas anfangen.

Ich trat vor sie und schlang die Arme um sie.

Ich fuhr ihr mit den Fingern durch das Haar und legte ihr eine Hand unter das Kinn, damit sie mich ansah. »Dann komm mit mir.«

Ihr Gesicht verzog sich schmerzlich, und einen Moment lang standen wir auf derselben Seite.

»Ich kann nicht. Noch nicht. Wir machen das Beste draus und …«

Der Rest wurde übertönt von quietschenden Reifen und dem Knall, als unsere Beziehung gegen die Wand fuhr. Ich ließ sie los und taumelte zurück.

»Wie du willst. Ich werde das Beste draus machen.« Ich legte den Kopf schräg, ein maskenhaftes, bitteres Lächeln im Gesicht. »Und du stornierst das Ticket nach Phoenix.«

Anna blinzelte verwirrt. »Ich … ich verstehe nicht. Wie meinst du das?«

»Du bist doch hier die Oberschlaue. Dann denk mal scharf nach.«

Als ich Anstalten machte, zu gehen, stürzte Anna auf mich zu und krallte die Hände in mein T-Shirt. »Nein, du sagst mir jetzt, wie du das gemeint hast.«

Ich liebe dich. Ich will dich. Ich brauche dich.

Ich sagte nichts von alledem. Stattdessen löste ich ihre Finger von meinem Shirt, wobei der Smaragdring sich in meine Haut bohrte.

»Das heißt, das war’s.« Ich stieß ihre Hände von mir. »Ich bin fertig mit dir und mit dieser Stadt.«

Anna rief mir hinterher, aber mein Stolz und der Whisky trieben mich durch die Tür und hinaus in die schwüle Sommernacht. Fort von der einzigen Frau, die ich je geliebt hatte, fort von dem, was bis vor Kurzem noch unser Zuhause gewesen war.

Ich wachte auf Camerons Couch auf, und vor meinem inneren Auge liefen bruchstückhaft Szenen der vergangenen Stunden ab.

Ein fremdes Parfum haftete an meiner Haut, vermischt mit meinen Ausdünstungen von Whisky, Zigarettenrauch, Schweiß und Bier. Als ich mich aufsetzte, bemerkte ich die schokoladenbraunen langen Haare an meinem T-Shirt und an meinen Jeans. Braun, nicht rötlich. Nicht Annas.

Ich schlüpfte in meine Stiefel, rief Cameron durch die geschlossene Schlafzimmertür einen Abschiedsgruß zu und eilte dann die zwei Blocks nach Hause.

Totenstille empfing mich, als ich die Wohnungstür aufsperrte. »Anna?«

Logan stand in der Tür zu seinem Schlafzimmer, einen eisigen Blick in den blauen Augen. »Sie ist weg.«

Er warf sich seinen Seesack über die Schulter, schnappte sich seinen Rollkoffer und schob sich wortlos an mir vorbei nach draußen.

Ich schaffte es gerade noch rechtzeitig zur Kloschüssel, in die ich meinen Mageninhalt entleerte. Nachdem ich mir den Mund ausgespült hatte, um den widerlichen Geschmack loszuwerden, kramte ich das Handy aus der Tasche.

Anna-Baby, es tut mir so verdammt leid. Ich muss dich sehen.

Ich wollte die Nachricht gerade abschicken, als ich mein Spiegelbild sah. Ich hatte zwei violettfarbene Blutergüsse am Hals. Ich fuhr mit den Fingern über die Haut und tastete nach der Ursache für das Stechen an meiner Brust. Ich riss den Kragen meines T-Shirts mit solcher Kraft herunter, dass die Nähte rissen, und starrte auf die tiefroten Kratzer.

Diesmal schaffte ich es nicht mehr zur Toilette. Ich würgte Galle ins Waschbecken, bis meine Bauchmuskeln um Gnade schrien.

Als der Brechreiz weniger geworden war, schälte ich mich aus den Kleidern und stieg unter die Dusche.

Einzelne rötliche Haare von Anna schwammen in der Duschtasse, während ich meine Haut schrubbte, verzweifelt bemüht, die Spuren der vergangenen Nacht abzuwaschen.

Ich erstarrte, als ich mein Handy auf dem Waschbeckenrand vibrieren hörte.

Anna.

Furcht stieg in mir auf bei der Aussicht, mit ihr zu sprechen, aber auch Erleichterung.

Ich sprang aus der Dusche, stürzte zum Telefon, aber es war schon zu spät. Mein Magen zog sich wieder schmerzhaft zusammen, als ich sah, dass es nur Logan gewesen war. Sekunden später poppte eine Textnachricht auf.

Der Bus ist da. Wir sind im Cracker Barrel neben dem Motel 6. Beweg deinen Arsch hierher, und zwar pronto.

Niemals. Unser erstes Konzert in El Paso würde erst in zwei Tagen stattfinden, und auch wenn es mich jeden Cent meines Notgroschens kostete, würde ich die Kohle in einen Flug investieren, um noch eine Nacht hierzubleiben und mich mit Anna zu versöhnen.

Diesen Plan im Kopf rannte ich ins Schlafzimmer, um mich anzuziehen. Als ich jedoch mein Spiegelbild in dem Spiegel über der schäbigen Kommode sah, blieb ich wie angewurzelt stehen. Neben den Knutschflecken am Hals und den erhabenen Striemen auf der Brust hatte ich fingergroße Blutergüsse an den Schultern, die ich bisher noch gar nicht bemerkt hatte.

Ich wich vor dem Anblick zurück und ließ mich auf die Bettkante sinken.

Es würde keine Versöhnung mit Anna geben. Nicht jetzt.

Und vielleicht hatte ich das bereits gewusst, als ich mit diesem Mädchen in den Fond ihres Wagens gestiegen war.

Darcy.

Nicht einmal eine Freundin, sondern eine Tussi, die uns gestalkt hatte, seit sie von unserem Plattenvertrag erfahren hatte.

Ein Groupie.

Ich musste wider Willen lachen, weil Caged keine Groupies hatte. Klar hatten wir eine Fanbase, aber die Frauen warfen sich uns nicht zu Füßen.

Ich blickte auf das Handy, das schwer und leblos in meiner Hand lag. Dann schluckte ich mühsam und löschte die nicht verschickte Textnachricht, die Buchstabe für Buchstabe von meinem Display verschwand.

Ich würde es in Ordnung bringen. Aber nicht jetzt.

Nach langem Zögern tippte ich eine Antwort an Logan.

Ich packe die letzten Sachen in der Wohnung zusammen und komme, so schnell ich kann.

Ich stopfte alles, was ging, in den Seesack und ließ meine restlichen Klamotten auf dem ungemachten Bett zurück. Als ich zur Tür ging, fiel mein Blick auf einen kleinen Karton oben auf einem Stapel Umzugskartons.

Fotos.

Ich öffnete den Deckel und zum Vorschein kam ein Dutzend Fotoalben unterschiedlicher Form und Größe. Ich fischte ein dickes, ledergebundenes Scrapbook heraus, das ich mit einiger Mühe noch in meinem Seesack unterbrachte. Dann hielt ich inne und schaute mich ein letztes Mal um.

Ich mache es wieder gut, schwor ich mir erneut.

Aber als ich die Wohnungstür hinter mir zuzog, wurde mir schwer ums Herz, weil ich wusste, dass ich den Bruch nicht würde kitten können. Wie betäubt ging ich die Betonstufen hinunter und stieg in meinen Wagen. Dann fuhr ich los, kehrte meinem bisherigen Leben den Rücken und ließ ein großes Stück meines Herzens zurück.

3

Heute

Sean

Ich wurde davon geweckt, dass weiche Lippen über meine warme Haut glitten, und drückte den Kopf in das feste Kissen. Ein Lichtstrahl aus dem Bad fiel in das Hotelzimmer und reichte bis knapp vor das King-Size-Bett.

Ich drehte den Kopf und sah auf dem Nachttisch eine Plastikkarte, eine halb volle Flasche Jack Daniel’s und einen Streifen Kondome liegen. Aber es waren die roten Zahlen auf dem Wecker, die meine Aufmerksamkeit erregten.

3:37 Uhr.

Ich versuchte, durch die Alkoholschwaden in meinem vernebelten Hirn die Ereignisse der vergangenen Stunden zu rekonstruieren.

Die Organisatoren des South by Southwest Arts and Music Festivals hatten eine Party geschmissen, um den Auftritt von Caged am letzten Festival-Wochenende anzukündigen. Es hatte eine After-Show-Party im Maggie Mae’s gegeben, und ab hier wurde meine Erinnerung lückenhaft. Ich erinnerte mich an eine endlose Folge von Drinks, die wir in Feierlaune in uns hineingekippt hatten, großzügig eingeschenkt von einer niedlichen kleinen Kellnerin.

Ich vergrub die Finger in den Haaren des Mädchens, das in meinem Bett lag, und stützte mich auf einen Ellbogen, um einen Blick auf ihr Gesicht zu werfen.

Noch bevor ich dazu kam, einen klaren Gedanken zu fassen, schloss sich ihre kleine Hand um mein anschwellendes Glied. Sie nahm mich in den Mund, und aufgrund meiner vom Alkohol betäubten Sinne schweiften meine Gedanken ab, in eine Richtung, die eigentlich tabu war. Zu gefährlich. Ehe ich mich’s versah, lag mir auch schon ein Name auf der Zunge.

»Anna-Baby …« Sie reagierte mit einem leisen Stöhnen, und als ich spürte, dass sich der Orgasmus anbahnte, zog ich leicht an ihren seidigen Locken. »Sieh mich an.«

Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als sie den Kopf hob und mich aus graubraunen Augen ansah. Die Illusion verflog, und das Haar in meiner Hand war nicht mehr kastanienbraun, sondern schlammfarben.

Ich ließ mich in die Kissen zurücksinken und griff mit der freien Hand schwerfällig nach der Flasche auf dem Nachttisch, um meine Enttäuschung runterzuspülen. Der Whisky rann mir warm die Kehle hinunter und betäubte die Leere, die mich begleitete, seit Anna nicht mehr Teil meines Lebens war.

»Bring es zu Ende«, grunzte ich und verstärkte den Griff in ihrem Haar.

Wenn die Erniedrigung meine Bettgefährtin verletzte, ließ sie sich hiervon nichts anmerken. Sie schob sich meine Erektion tief in den Hals und saugte an mir, bis die letzten Wogen der Lust verebbt waren.

Das Morgenlicht strömte durch die deckenhohen Fenster, als Kimber in meiner Suite im Driskill Hotel herumstolzierte und ihre Kleidungsstücke einsammelte, die überall auf dem Boden verstreut lagen.

Ich hockte zusammengesunken auf der Bettkante, den Kopf auf die Hände gestützt, das zerknitterte Laken lose um meine Hüften geschlungen, die Zähne zusammengebissen, um sie nicht anzuschnauzen.

Kimber musste bemerkt haben, dass ich nicht bester Laune war, denn plötzlich wurde es still. Sie war vor mir stehen geblieben, und ich sah leicht verschwommen, wie ihre lackierten Zehen ungeduldig auf dem hochflorigen Teppich auf und ab wippten.

»Und?«, fragte sie.

Ich unternahm einen halbherzigen Versuch, mich gerade hinzusetzen, kam aber bald zu dem Schluss, dass es nicht lohnte, weshalb ich mich letztlich damit begnügte, zu ihr aufzusehen.

»Und was, Kimber?«

Ihre Augen weiteten sich. »Willst du mich verarschen, Mann?« Sie beugte sich vor und stach mir mit einem manikürten langen Fingernagel in die Schulter. »Ich bin den ganzen weiten Weg zu deiner Party angereist, und jetzt benimmst du dich, als … als …« Sie bebte vor Zorn. »Als könntest du es kaum erwarten, mich loszuwerden.«

Wäre ich nicht so verkatert gewesen, hätte ich vielleicht versucht, die Wogen zu glätten, so getan, als bedeutete sie mir etwas, aber heute war ich nicht in Stimmung für eine ihrer Szenen.

Seufzend fuhr ich mir mit der Hand durchs Haar. »Was erwartest du von mir? Ich habe dich nicht eingeladen.«

Kimber ließ sich nicht entmutigen. Immerhin wussten wir beide, warum sie hier war. Caged war wieder groß im Geschäft. Und wegen unseres bevorstehenden Auftritts auf dem Festival war der Medienrummel riesig, sodass sich für sie reichliche Gelegenheiten ergaben, von der Regenbogenpresse abgelichtet zu werden.

»Das war gar nicht nötig.« Kimbers sanfter Tonfall konnte nicht über das berechnende Funkeln in ihren großen braunen Augen hinwegtäuschen. »Ich bin hier, um dich zu unterstützen.«

Ich lachte spöttisch. »Na klar«, höhnte ich. »Und das hat auch nicht das Geringste mit deiner neuen Reality-Show zu tun, richtig?«

Einen Moment war sie sichtlich verblüfft, dann tat sie empört und drückte auf die Tränendrüse. Da ich nur zu gut wusste, dass sie auf Kommando weinen konnte, ließ mich das Theater kalt. Diese Szene erinnerte zu sehr an unsere erste Begegnung auf dem Coachella Festival vor einem Jahr.

Kimber war auf einer der After-Show-Partys aufgetaucht und hatte es von Anfang an darauf angelegt, mich abzuschleppen. Nicht, dass ich mich lange gewehrt hätte. Im Gegenteil. Ich hatte mich mit ihr in die Limousine verzogen und alles genommen, was sie so großzügig gegeben hatte.

In den darauffolgenden Monaten war Kimber immer wieder bei Konzerten aufgeschlagen, für gewöhnlich mit einem ganzen Schwarm Paparazzi im Schlepptau. Ein paar strategisch klug platzierte Artikel in der Klatschpresse, und schon wurden wir als das »It«-Paar gehypt.

Nachdem wir unsere Managerin gefeuert und uns nach Austin zurückgezogen hatten, um unsere Wunden zu lecken, war Kimbers Interesse an mir erloschen.

Bis zum gestrigen Abend.

Zufall? Kaum.

Wir schwiegen, während Kimber über meinen Vorwurf nachdachte.

»Das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich gekommen bin«, sagte sie schließlich und wandte den Kopf ab, um eine nicht vorhandene Träne fortzuwischen. »Du hast mir gefehlt, Sean.«

»Ach ja?« Meine hämmernden Kopfschmerzen erlaubten mir nicht mehr als einen ausdruckslosen Blick. »Ich habe gehört, du hast Lindsey als Managerin engagiert. War es ihre Idee, hier aufzuschlagen?«

Kimber trat einen Schritt zurück, und auch wenn ich bereits wusste, dass unsere ehemalige Managerin hinter ihrem »Spontanbesuch« steckte, war ich überrascht, dass Kimber gar nicht erst versuchte, es zu leugnen.

»So schlimm ist sie gar nicht«, entgegnete Kimber ruhig, als hätte sie vergessen, dass Lindsey das ganze vergangene Jahr über alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um meine Karriere zu ruinieren.

Wenn meine Augäpfel nicht so geschmerzt hätten, hätte ich es mit einem vernichtenden Blick versucht, aber letztlich war sie es nicht wert.

»Wie du meinst. Mach, was du willst.« Ich erhob mich schwankend, woraufhin mein Magen rebellierte. »Ich gehe duschen. Du kannst ja schon mal Frühstück bestellen.« Hierauf wankte ich zu meinem Rucksack, in dem sich ein sauberes T-Shirt und eine Reisezahnbürste befanden. »Aber ich habe einen anstrengenden Tag vor mir, es wäre also schön, wenn du dich danach vom Acker machst.«

Sie so eiskalt abzuservieren war ziemlich mies, aber ich war nicht geneigt, Kimber zu einer Presseveranstaltung mitzunehmen, und so kurz vor der SXSW-Show hatte die Band einen Haufen Medientermine.

»Ist das dein Ernst?« Kimber musterte mich mit eisigem Blick, während ich meine Jeans vom Boden aufhob.

»Yep.«

Erinnerungsfetzen an die vergangene Nacht schossen mir durch den Kopf, aber es war nichts wirklich Erfreuliches darunter. Ich checkte auf dem Handy meine Social-Media-Accounts, um nachzusehen, was ich mir da eingebrockt hatte.

Ich hatte die Tür zum Badezimmer fast erreicht, als Kimber mir nachrief: »Wer ist Anna?«

Ihre Frage traf mich wie ein Schlag in die Magengrube und brachte mich aus dem Gleichgewicht, sodass ich leicht schwankte, als ich mich zu ihr umwandte. »Wer?«

»Anna«, wiederholte Kimber kühl, und der Anflug eines Lächelns umspielte ihre Lippen, als sie die Lücke zwischen uns schloss. »Du hast ihren Namen gesagt, als wir diese Nacht gevögelt haben.«

Ich erinnerte mich an den Anblick von Kimber, die an meinem Schwanz saugte. Das war nicht direkt vögeln gewesen, aber das war Haarspalterei.

»Niemand.« Eine eisige Faust schloss sich um mein Herz und strafte meine Worte Lügen, aber ich hatte meine Gesichtszüge einigermaßen im Griff. »Du musst dich verhört haben.« Ich lächelte flüchtig und machte dann auf dem Absatz kehrt, wobei es mir vorkam, als wäre meine Welt plötzlich aus den Fugen geraten. In der Badezimmertür blieb ich stehen, schloss die Augen und verfluchte meinen Versprecher der vergangenen Nacht. »Vielleicht ist Frühstück doch keine so gute Idee. Es ist schon spät, und ich habe einen vollen Terminkalender. Es wäre also besser, wenn du gleich gehst.«

Der Marmorboden im Bad verstärkte noch das Gefühl von Kälte, das mir bis ins Mark gedrungen war. Ich ließ das Laken fallen, trat unter die Dusche und ließ das Wasser länger als nötig auf mich herabprasseln, wobei ich hoffte, dass Kimber meinen Rat befolgte und sich in Luft auflöste. Meine Mörderkopfschmerzen, die Übelkeit und meine insgesamt üble Laune waren denkbar schlechte Voraussetzungen für weitere Konversation.

Nach der ausgiebigen Dusche fühlte ich mich ein wenig besser. Ich öffnete die Badezimmertür einen Spaltbreit, als wollte ich den Dampf entweichen lassen, wobei es mir aber tatsächlich darum ging, diskret nachzuschauen, ob Kimber noch da war. Als ich keinen Laut hörte, steckte ich den Kopf durch den Spalt und ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Kimber war nirgends zu sehen, aber ich musste lachen, als ich die Nachricht las, die sie mir mit rotem Lippenstift auf dem Spiegel über der Kommode hinterlassen hatte. Arschloch.

In Anbetracht ihrer theatralischen Ader überraschte es mich nicht, dass sie einen Smiley hinzugefügt und sogar mit ihrem Namen unterschrieben hatte.

Nachdem ich mich angezogen hatte, schnappte ich mir einen Waschlappen und beseitigte die Nachricht, wobei ich sogar einen Anflug von schlechtem Gewissen verspürte.

Sicher, ich hatte Kimber nicht zu der Party eingeladen, aber ich hatte sie auf mein Zimmer mitgenommen und mir von ihr einen blasen lassen.

Die Kondomverpackung auf dem Fußboden bezeugte, dass ich zumindest versucht hatte, sie ebenfalls zu befriedigen, aber ich hatte so meine Zweifel, was meine Leistung der vergangenen Nacht betraf. Ich hatte einen totalen Filmriss. Und das beunruhigte mich. Die meisten One-Night-Stands kamen zustande, wenn ich mehr oder weniger alkoholisiert war, aber in der Regel konnte ich mich hinterher wenigstens in groben Zügen an die Nacht erinnern.

Ich ging rüber ins angrenzende Wohnzimmer, um den Schauplatz des Geschehens nicht länger vor Augen zu haben, ließ mich auf die Couch fallen und scrollte durch mein Telefon. Da sich nichts fand, das eminent wichtig gewesen wäre, rief ich den Zimmerservice an und bestellte eine Kanne Kaffee und das fettigste Frühstück auf der Karte.

Während ich auf das Essen wartete, sah ich den Zeitungstapel auf dem Couchtisch durch. Schließlich griff ich nach dem Austin Statesman und blätterte ihn durch, ohne viel vom Inhalt zu registrieren, bis ich zur letzten Seite kam.

Mein Magen zog sich krampfartig zusammen, als ich unter den Todesanzeigen ein bekanntes Gesicht entdeckte.

Annabelle »Belle« Murdock, 71 Jahre alt, geboren in Austin …

Weiter kam ich nicht, weil die Worte vor meinen Augen verschwammen. Ich übersprang die Kurzbiografie, die ich auswendig kannte, und las die Namen, die ganz am Ende der Anzeige standen.

Mrs Murdock starb als Witwe von Douglas Murdock, mit dem sie 42 Jahre verheiratet war. Sie hinterlässt zwei Töchter, Alecia Dresden und Patricia Crenshaw, sowie drei Enkelkinder, Anastasia Crenshaw, Alexandra Crenshaw Burke und Annabelle Dresden Kent.

Ich fuhr mit dem Finger über den Namen, den Anna bei ihrer Hochzeit angenommen hatte, während ein Tsunami von Gefühlen mich mit sich fortriss: Zorn, Frust und vor allem grenzenloses Bedauern.

Ich blickte wieder auf das Foto von Gran und sagte leise: »Es tut mir leid, Anna-Baby.«

Und es tat mir wirklich leid. So verdammt leid, dass es mir die Luft abschnürte. Auch wenn mein Bedauern weniger mit Annas Großmutter als mit ihr selbst zu tun hatte, obwohl mich der Tod der alten Dame schmerzte.

Ein lautes Klopfen an der Tür riss mich aus meiner Starre.

»Zimmerservice!«, rief eine fröhliche Stimme.

»Augenblick«, entgegnete ich und riss vorsichtig die Anzeige aus der Zeitung.

Dann fischte ich die Brieftasche aus der Hosentasche und steckte die Anzeige in das Geheimfach hinter meinem Führerschein, in dem ich das einzige Foto aufbewahrte, das ich bei mir trug. Es war das letzte Foto, das ich von Anna geschossen hatte. Damals war es schon bergab gegangen mit unserer Beziehung, und Trauer überschattete ihre sonst so funkelnden grünen Augen.

Ich steckte das Foto zurück, und mir wurde schwer ums Herz bei der Erkenntnis, dass die schlimmsten Augenblicke mit ihr immer noch besser gewesen waren als die schönsten Momente mit irgendjemand anderem.

4

Anna

Meine Mutter stand unter den Trauergästen und stützte sich schwer auf meinen Vater. Als könnte sie meinen Blick spüren, starrte sie auf die Limousine, aus der ich die Zeremonie verfolgte.

Beschämt senkte ich den Blick auf das zerknitterte Programm in meiner Hand. »Es tut mir leid, Gran«, flüsterte ich und glättete das Papier auf meinem Knie.

Der Schweiß meiner Hände vermischte sich mit den Tränen, die nicht versiegten und meine Sicht auf die elegante Schrift verschleierten.

Annabelle »Belle« Murdock – 14. Januar 1945–12. März 2017.

Ich hatte geglaubt, ich brächte es fertig, gemeinsam mit allen anderen zuzusehen, wie man sie ins Grab hinabließ. Aber ich konnte es nicht. Beim Nächsten, der mir sein Beileid aussprach und mir versicherte, Gran sei schnell gestorben und habe nicht leiden müssen, würde ich einen hysterischen Anfall bekommen.

Ich wischte mir ungeduldig die Tränen von den Wangen, als die schwere Wagentür sich öffnete. Der Duft von Deans Rasierwasser vermischte sich mit dem Regengeruch, der seinem Anzug anhaftete, als er sich auf den Sitz fallen ließ.

»Alles okay?«

Ich nickte und biss die Zähne zusammen, um ihn nicht anzufahren.

Er atmete geräuschvoll aus und nahm zögernd meine Hand. »Ich glaube, du wirst es bereuen, wenn du nicht Abschied nimmst.«

Ich wandte mich ab und kniff die Augen zu. Es war zu spät, um Abschied zu nehmen. Gran war tot, und alles, was blieb, war dieser unerträgliche Schmerz, der mich lähmte und mir schier den Atem raubte.

»Das werde ich noch.« Ich schniefte. »Nur nicht jetzt.«

Meine Eltern würden Willow gleich nach der Beerdigung nach Houston zu meiner Tante bringen. Anfangs war ich dagegen gewesen, aber dann hatte ich eingesehen, dass Mom recht hatte. Die Trauer hatte mich dermaßen mitgenommen, dass ich mit der Pflege meines Babys überfordert war.

Ich straffte die Schultern, wandte mich Dean zu und schenkte ihm ein schwaches Lächeln. »Danke, dass du da bist.«

Dean hielt den Blick auf unsere ineinander verschränkten Hände gerichtet und seufzte kopfschüttelnd. »Wo sollte ich sonst sein, Annabelle?« Ich sah ihm an, dass er verletzt war, als unsere Blicke sich trafen. »Nur weil wir getrennt sind, heißt das ja nicht, dass ich nicht für dich da wäre, wenn du mich brauchst.«

Dean war immer für mich da gewesen, und es wäre ganz leicht gewesen, mich jetzt an seine Schulter zu lehnen. Aber das wäre nicht fair gewesen, weder ihm noch mir selbst gegenüber. Allerdings war jetzt nicht der Moment, davon anzufangen, also nickte ich nur und ließ meinen Tränen freien Lauf.

Dean legte mir den Arm um die Schultern. »Schhhh.«

Ich barg das Gesicht an seiner Brust und fragte mich zum millionsten Mal, warum ich nicht in der Lage war, ihn so zu lieben, wie er es verdiente.

Ich zuckte zurück, als Peyton ihren Kopf durch die Tür steckte, und schluckte. Ich hatte vor Trauer einen Kloß im Hals, von dem ich fürchtete, dass er sich nie ganz auflösen würde.

Meine beste Freundin kannte mich gut genug, um zu wissen, dass sie besser nicht fragte, wie es mir ging. Stattdessen reichte sie mir die Hand und sagte leise: »Komm. Die Zeremonie ist vorbei. Lass uns Abschied nehmen.«

Panik stieg in mir auf wie eine Sturmflut, und ich wich kopfschüttelnd vor ihr zurück. »Ich k-kann nicht. Ich will nicht sehen, wie sie …«

Wie sie den Sarg in die Grube hinablassen.

Ich konnte es nicht einmal aussprechen. Aber Peyton wusste auch so, was ich meinte.

»Das machen sie erst später, Süße.«

Dean bestätigte Peytons Worte mit einem feierlichen Nicken. Offenbar war ich hier die Einzige, die noch nie auf einer Beerdigung gewesen war. Meine Eltern waren noch jung. Andererseits war auch Gran noch nicht sehr alt gewesen. Viel zu jung, um an einem Schlaganfall in ihrer Küche zu sterben.

Ein stechender Schmerz durchzuckte mich, als ich an Peyton vorbei auf die weißen Stühle unter der grünen Markise blickte. Jetzt, wo die eigentliche Zeremonie vorbei war, waren alle aufgestanden, und ich konnte den Sarg sehen.

Ich schaute hastig weg und sah meinen Vater inmitten der Verwandtschaft stehen. Er sah zu mir herüber, verständnisvoll und ohne eine Spur von Vorwurf.

Ich hielt seinen Blick fest und tat einen zittrigen Atemzug. »Okay.«

Dean stieg zuerst aus, dann ich. Schon beim ersten Schritt versanken meine hohen Absätze im nassen Gras, aber Dean legte mir den Arm um die Taille und bewahrte mich davor, auf die Nase zu fallen.

Als wir die Stühle erreichten, setzte ich mich in die hinterste Reihe. »Gib mir eine Sekunde«, bat ich mit erstickter Stimme, den Blick auf den Mahagonisarg gerichtet. »Ich kann … noch nicht.«

Dean blieb an meiner Seite stehen, eine Hand auf meiner Schulter, und winkte alle fort, die auf mich zusteuerten, um mir ihr Beileid auszusprechen.

»Kleines?«

Die Stimme meines Vaters durchdrang den Nebel, und ich wandte ihm benommen den Kopf zu. »Ja.«

Er hockte sich vor mich. »Wir müssen jetzt heimfahren. Bist du so weit?«

Unendlich traurig blickte ich wieder auf den Sarg. Nein, ich war nicht so weit. Vielleicht würde ich es nie sein.

»Nein, Daddy …«, erwiderte ich kopfschüttelnd. »Ich kann noch nicht gehen. Bitte …« Ich beugte mich vor und vergrub das Gesicht in seiner Halsbeuge. »Gib mir noch etwas Zeit.«

Er rieb kreisförmig meinen Rücken und redete mir gut zu. Obwohl er so leise sprach, dass ich kein Wort verstehen konnte, beruhigte mich der Klang seiner Stimme.

Peyton mischte sich ein. »Fahrt ihr ruhig schon vor, Brian. Ich bringe sie heim, wenn sie so weit ist.«

Dad küsste mich auf die Stirn, und obwohl ich ihn am liebsten festgehalten hätte, damit er bei mir blieb, saß ich stocksteif da und starrte zu Boden, bis ich hörte, wie Wagentüren zufielen und Motoren ansprangen.

Als ich ein paar Minuten später den Kopf hob, waren alle Autos fort.

Dean drückte meine Schulter. »Ich muss zurück ins Büro.« Ich sah zu ihm auf und nickte. »Ich könnte heute Abend vorbeikommen, wenn …« Ich blickte wieder auf meinen Schoß, und er trat einen Schritt zurück. »Ruf einfach an, wenn du irgendwas brauchst, okay?«

Als er sich zum Gehen wandte, erhob ich mich mit wackligen Knien. »Dean?« Es klang wie ein ersticktes Flehen, sodass er in der Bewegung innehielt. Ich legte die Arme um ihn. »Danke.«

Er atmete tief aus und drückte mich fest an sich. »Kein Ding.« Er wiegte mich lange in den Armen, ehe er von mir abrückte und mir mit den Daumen die Tränen von den Wangen wischte. »Ruf an, wenn du etwas brauchst.«

Sofern am Status unserer Beziehung noch letzte Zweifel bestanden hatten, wurden diese weggewischt, als er mir einen Kuss auf die Stirn drückte. Es war ein eher väterlicher Kuss. Tröstlich. Und wenn ich nur Trost suchte, war Dean genau der Richtige.

Peyton verflocht ihre Finger mit meinen, während ich Dean hinterherblickte und meine Augen sich erneut mit Tränen füllten, sodass meine Sicht verschwamm.

»Und jetzt?«, fragte sie, nachdem er losgefahren war.

Ich atmete tief durch. »Jetzt werde ich von Gran Abschied nehmen.«

Es dauerte noch eine weitere Stunde, bis ich mich dazu überwinden konnte, vor den Sarg zu treten.

Während ich mich von Gran verabschiedete, ging Peyton zu ihrem Wagen und holte eine Decke, um das große gerahmte Porträt von Gran darin einzuwickeln, das ich nicht am Grab zurücklassen wollte.

Den Rosenkranz umklammernd, den Gran mir geschenkt hatte, kniete ich auf dem Kunstrasen vor ihrer letzten Ruhestätte und ließ die Glasperlen durch die Finger gleiten. »Es tut mir so leid, Gran. Ich …« Meine Kehle zog sich zusammen. Das war die bisher schlimmste emotionale Krise meines Lebens. »Ich kann mich nicht an alle Gebete erinnern, die du mir beigebracht hast.« Ich legte eine Hand auf den Sarg. »Ich liebe dich.«

Nachdem ich den Daumen auf das Kreuz gelegt und ein einziges kurzes Gebet gesprochen hatte, stand ich auf. Als ich mir die Knie abwischte, fiel mir ein großer Rosenkranz auf. Nicht irgendwelche Rosen. Pfirsichfarbene Rosen.

Ich weiß, dass du die roten magst, aber die pfirsichfarbenen erinnern mich an dich.

Mein Blick fiel auf drei kleinere Gestecke, ebenfalls aus pfirsichfarbenen Rosen, diese jedoch mit Schleierkraut, Lilien und weißen Margeriten – Grans Lieblingsblumen.

Ich schluckte hart, ging in die Hocke und suchte nach einer Karte. Als ich keine fand, nahm ich die Visitenkarte des Floristen von dem Band, auf dem nur »Gran« stand.

Peyton kam zurück. »Bist du so weit?«

»Würdest du mir helfen, einige von den Bändern einzusammeln? Ich würde sie gerne behalten.«

Sie fischte ihren Autoschlüssel aus der Tasche ihres schwarzen Blazers. »Du siehst nicht gut aus, Süße.« Sie drückte mir den Schlüsselanhänger in die Hand. »Warte im Wagen auf mich, ja? Ich mache das hier.«

Ich nickte und wandte mich zum Gehen, aber dann zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen, und ich drehte mich noch einmal um. »Wiedersehen, Gran.«

Ich zog eine pfirsichfarbene Rose aus dem Kranz, küsste die Blüte und legte sie dann oben auf die Margeriten auf dem Sarg. Dann lächelte ich unter Tränen und zog die Schuhe aus, ehe ich mich abwandte und zum Wagen lief.

Ich gab noch einen Schuss Jack Daniel’s in meine Dose Dr. Pepper und lehnte mich in die Sofakissen in meinem Wohnzimmer zurück.

»Soll ich dir etwas von dem Nudelrest aufwärmen?«, rief Peyton aus der Küche. »Oder möchtest du lieber ein Brot mit Erdnussbutter und Gelee?«

Ich warf einen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass Peyton beschäftigt war, ehe ich die goldene Visitenkarte aus der Tasche zog. Ich biss mir auf die Lippe und starrte auf den geprägten Namen des Blumengeschäfts.

The Flower Studio – Sixth Street.

Das konnte nicht sein, oder?

Ich wollte Gewissheit. Ich zückte mein Telefon und tippte die Nummer ein.

»Flower Studio, was kann ich für Sie tun?«

»Ich, also … Heute war die Beerdigung meiner Großmutter, und …« Mein Herz raste, und ich wollte schon wieder auflegen, aber als die freundliche Frau am anderen Ende der Leitung mir ihr Beileid aussprach, fuhr ich fort:

»Vielen Dank. Jemand hat mehrere größere Rosengestecke auf den Friedhof liefern lassen. Pfirsichfarbene Rosen. Aber es lag keine Karte bei, und ich würde mich bei demjenigen gerne bedanken.«

Nachdem die Frau versprochen hatte, in ihren Unterlagen nachzusehen, hörte ich sie im Hintergrund mit jemandem sprechen.

»Ja, ich habe die Bestellung jetzt vorliegen. Die Rosen wurden extra bestellt. Tyler-Rosen.« Ich schnappte unwillkürlich nach Luft, aber sie schien es nicht zu merken. »Ich habe keinen vollen Namen, aber der Vorname fängt mit S an und der Nachname ist Hudson. Hilft Ihnen das weiter?«

5

Sean

Die Leute jubelten, als die erste unserer vier Limousinen durch das rückwärtige Tor des Frank Erwin Event Centers rollte.

Ich drückte mich tiefer in den Ledersitz, als ich sah, wie entfesselte Fans sich auf die vorderste Limousine stürzten, unseren Lockvogel.

»Es funktioniert«, sagte ich an Logan gewandt, der mir im Fond unserer Limousine gegenübersaß.

Er blickte finster aus dem Fenster. »Bingo.«

Ich verdrehte bei seinem sarkastischen Tonfall die Augen. Nachdem wir uns ein Jahr lang mit absurden Forderungen unserer ehemaligen Managerin herumschlagen mussten, mit der Plattenfirma um eine Vertragsverlängerung gerungen hatten und ganz allgemein jeden Scheißtag aufs Neue hatten einstecken müssen, hatten wir uns etwas kollektive Begeisterung verdient.

Den Organisatoren des South-by-Southwest-Festivals zufolge galt unser Auftritt als der Höhepunkt des Events.

»Hey, Mann, sei nicht immer so negativ«, brummte ich kopfschüttelnd. »Sechzehntausend Leute warten auf uns. Bist du wirklich noch sauer, nur weil wir nicht zusammen in einer Limo vorfahren?«

Offensichtlich. Und ich konnte ihn sogar verstehen. Caged war früher immer als starke Einheit aufgetreten, nach dem Motto »Wir gegen den Rest der Welt«, aber die Dinge hatten sich geändert.

Cameron war jetzt mit Lily zusammen, und obwohl Logan ihre Beziehung anfangs nur als ein Strohfeuer unseres Gitarristen abgetan hatte, hatte er die zierliche Blondine im Laufe des vergangenen Jahres ins Herz geschlossen.

Dann hatte Christian Melody kennengelernt, und nachdem die beiden zusammengezogen waren, war alles anders geworden. Die Mädels waren plötzlich »beste Freundinnen«, und das hieß, dass die beiden Pärchen nur noch zusammen unterwegs waren beziehungsweise Dinge unternahmen, auf die Logan und ich als Singles keine Lust hatten.

Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf das Fenster und sah gerade noch, wie Cameron und Christian mit Lily und Melody an ihrer Seite aus der zweiten Limousine stiegen.

Sie ignorierten die weibliche Schar kreischender Fans, die versuchten, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, zogen die Köpfe ein und hasteten auf den Bühneneingang zu.

Logan stöhnte laut und schlug den Hinterkopf gegen die Rückenlehne des Autositzes. »Hast du das gesehen? Sie haben sich nicht einmal Zeit genommen für ein paar Autogramme.« Unsere Blicke trafen sich. Seine eisblauen Augen, die an gefrorene Seen erinnerten, glitzerten im schwachen Licht.

»Was glaubst du, wie das bei der Presse ankommt?«

Ein Teil von mir teilte Logans Sorge, aber das behielt ich wohlweislich für mich.

Ich räusperte mich und zuckte mit den Schultern. »Mach dir keinen Kopf. Viele Musiker haben Freundinnen. Außerdem magst du Lily und Melody. Also lass gut sein.«

Er musterte mich stirnrunzelnd. »Stimmt, die beiden sind in Ordnung.«

Ich sah ihm an, dass es ihm auf der Zunge lag zu erwidern: »Aber sie sind nicht Anna.«

Der Name war Logan in den letzten vier Jahren kein einziges Mal über die Lippen gekommen. Nicht mehr seit jenem Morgen in der kleinen Wohnung, die wir uns geteilt hatten.

Aber ich spürte, dass er mir bis heute nicht verziehen hatte.

Nein, ich hatte Logan die Entscheidung nicht aufgezwungen. Er hatte sie aus eigenen Stücken gefällt. Und er gab allein mir die Schuld.

Gleichgültig schaute ich weg. »Gewöhn dich dran, Bro.« Ich tätschelte sein Bein und rutschte dann rüber zur Tür. »Lily und Melody werden uns noch eine Weile erhalten bleiben. Und jetzt reiß dich zusammen. Es läuft doch gerade alles bestens.« Ich zeigte mit dem Kinn auf die Fans, die jetzt ohrenbetäubend laut im Chor unsere Namen riefen. »Vorausgesetzt, du gehst auf der Pressekonferenz nicht irgendeinem Reporter an die Gurgel.«

Logan grinste breit, aber wie seine Laune war auch sein Lächeln nicht ganz so strahlend wie sonst. »Keine Angst. Ich bin die personifizierte Selbstbeherrschung.«

Die Tür schwang auf, und wir begrüßten unser Security-Team.

Ich stieg als Erster aus. Mit meinen eins fünfundachtzig war ich auf Augenhöhe mit den meisten Bodyguards, aber Logan überragte mich noch um zehn Zentimeter, und da er der Liebling der Fans war, war von allen vier Muskelmännern voller Einsatz gefordert. Aber anstatt in dem Korridor zu bleiben, den die Sicherheitsleute für uns geschaffen hatten, trat Logan an die Seilabsperrung, ehe wir den Eingang erreichten.

Ich folgte ihm, ziemlich euphorisch angesichts der Anbetung, die uns seitens unserer Fans entgegenschlug. Ich versuchte meine Erwartungen im Zaum zu halten, die Hoffnung, dass dieser Auftritt uns vielleicht endlich zu einem neuen Manager verhalf, der uns wieder auf Erfolgskurs brachte und auf die Bühnen der ganzen Welt, aber irgendwie wusste ich, dass der heutige Abend eine Wende herbeiführen würde.

Und nach einem Jahr im Exil war ich mehr als bereit, aus meinem Alltagstrott auszubrechen. Die Familienessen bei meiner Tante Melissa, die immer selben Clubs und sogar die Sixth Street … das alles langweilte mich.

Ich ging an den Fans vorbei, bis ich einer Erdbeerblonden gegenüberstand, die mich aus großen grünen Augen anstrahlte.

Sie hielt mir mit zitternder Hand ein Konzertprogramm hin und stammelte: »I-ich liebe deine Musik, S-Sean. Gibst du mir ein Autogramm?«

Ich kritzelte meinen Namen, setzte ein Lächeln auf und verabschiedete mich mit der Standardfloskel »Danke, Süße«, ehe ich weiterging.

Rothaarige kamen für mich nicht infrage, es sei denn, ich war betrunken, dann gierte ich wie ein Junkie nach kräftigem Rot zu blasser Haut und grünen Augen.

Mein Blick fiel auf eine atemberaubende Brünette mit olivfarbener Haut und aufforderndem Blick in den dunkelbraunen Augen, und ich lächelte. Da sie nichts in der Hand hielt, was ich signieren sollte, ging es ihr offenbar um mehr als nur ein Autogramm.

Ich zierte mich nicht. »Hey, Schönheit. Willst du dir auch das Konzert ansehen?«

»Na klar, warum sollte ich sonst hier sein?«

Mir fiel da spontan das eine oder andere ein, aber da ich nicht viel Zeit hatte, wählte ich den direkten Weg und zog ein Bändchen aus der Gesäßtasche meiner Jeans.

»Was hältst du davon, mir nach der Show bei einem Drink Gesellschaft zu leisten?«

Sie blickte auf den VIP-Pass und dachte über das Angebot nach, das mehr beinhaltete als ein paar Drinks. Schließlich schaute sie mir wieder ins Gesicht.

»Möchtest du denn nicht erst einmal meinen Namen wissen?«

Nein.

Da diese Antwort sicherlich nicht zum Ziel führte, und zwar zwischen diese wunderschönen endlos langen Beine, lächelte ich pflichtschuldig. »Na klar, Schönheit.«

Sie nahm das VIP-Bändchen und strich dabei mit dem Daumen über meinen. Offenbar hatte ich den Test bestanden.

»Ich heiße Beth.«

Ich nickte dem Sicherheitsmann zu, der mir zuwinkte, und beugte mich dann zu Beth vor. »Ich muss jetzt an die Arbeit, Beth. Bis später«, flüsterte ich ihr ins Ohr.

Ich zwinkerte ihr zu und steuerte die Tür an, wobei ich den Rotschopf mit den hübschen grünen Augen, der unwillkommene Erinnerungen weckte, tunlichst ignorierte.

Vier Stunden später saß ich an meinem Schlagzeug und trommelte mich bei der letzten Zugabe des Abends durch ein Schlagzeugsolo. Mein Körper war vollgepumpt mit Adrenalin, sodass ich weder Müdigkeit spürte noch Schmerz. Ich registrierte nur den Beat in meinem Kopf, die Stöcke in meinen Händen und die Begeisterung von sechzehntausend Fans.

Camerons mitreißende Gitarren-Licks drangen durch meinen Gehörschutz, und ich fuhr den Trommelwirbel zurück und übergab an Logan, der wie ein Geist aus dem Schatten wieder ins Scheinwerferlicht hinaustrat. Mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze nahm er seinen Platz am Mikro wieder ein und sang, begleitet von unserem Publikum, den Refrain unseres letzten Hits.

Dann war es vorbei.

Der letzte Gitarrenakkord verklang, und die Bühnenlichter gingen aus.

Ohrenbetäubender Applaus brandete im Saal auf, dicht gefolgt vom Scharren Tausender Fußpaare, die sich ein Wettrennen zu den Ausgängen lieferten.

Roadies kamen auf die Bühne, reichten Wasser herum und sammelten die Instrumente ein, während ich auf meinem Hocker saß und darauf wartete, dass das Gefühl in meine Beine zurückkehrte.

Der für den Abbau meines Schlagzeugs zuständige junge Typ näherte sich mir scheu, in der einen Hand sein Werkzeug und in der anderen ein Bier.

»Klasse Show, Mann«, sagte er und hielt mir das Bier hin.

Meine Lungen brannten wie Feuer, sodass ich mich auf ein anerkennendes Nicken und ein Lächeln beschränkte, als ich die Flasche entgegennahm.

Sofort wich er meinem Blick aus.

Zur Hölle mit den Werbefritzen und ihren Verhaltensrichtlinien. Da Caged derzeit keinen Manager hatte, hatten die Organisatoren des Festivals vermutlich auf die Schnelle einen Verhaltenskodex erstellt, der Regeln beinhaltete wie beispielsweise, dass man als Underdog dem »Künstler« niemals in die Augen sehen und diesen nicht ansprechen sollte, sofern er hierzu nicht ausdrücklich aufgefordert hatte.

Aber das passte nicht zu mir. Zu uns. Austin war unsere Heimatstadt, wir waren in den Clubs der Sixth Street groß geworden, und der Junge spielte wahrscheinlich selbst in einer Band.

»Wie heißt du?«, fragte ich, nachdem ich wieder etwas zu Atem gekommen war.

Seine Hand erstarrte auf der Schraubenmutter, mit der mein Becken fixiert war. »Ähm … Zach.«

Ich lächelte, weil er zum Satzende hin fragend die Stimme hob.

»Was für ein Instrument spielst du, Zach?«

So routiniert, wie er mein Schlagzeug zerlegte, tippte ich auf Drums, aber das konnte man nie wissen. Ich selbst spielte auch ganz ordentlich Gitarre und Bass, sogar Geige, aber das wusste kaum jemand.

»Schlagzeug«, bestätigte er meine Vermutung. »Und hin und wieder Bass.«

Ich nickte und trank noch einen Schluck. »Warum Trommeln?«

Zachs Augen leuchteten auf, aber er zuckte mit den Achseln. »Weiß nicht.«

Jetzt musste ich lachen. »Bullshit, Mann.« Ich stand auf und schüttelte meine verkrampften Beine aus. »Niemand sitzt freiwillig ganz hinten auf der Bühne und ackert wie ein Pferd, wenn er nicht den Beat im Blut hat.« Ich nahm einen meiner Glücksstöcke aus der Hosentasche und ließ ihn zwischen meinen Fingern kreisen. »Wenn du den Beat nicht in der DNA hast, spiel lieber Bass. Oder noch besser, nimm Gesangsunterricht.« Zach folgte meinem Blick zu Logan, der seitlich am Bühnenrand stand, wie immer umringt von einer ganzen Schar weiblicher Fans. »Leadsänger haben sowieso den meisten Sex.«

Zach lachte nervös. »Das ist mir nicht wichtig. Ich habe eine Freundin.«

Reflexartig fuhr ich mit dem Daumen über das A, das ich vor gefühlt einer Million Jahre in den Griff des Eichenstocks geritzt hatte. Die Rillen waren mit der Zeit abgeflacht, aber ich fühlte sie immer noch.

»Echt?« Ich lächelte gezwungen. »Und was sagt deine Freundin dazu, dass du so oft bis spät abends wegbleibst?« Wieder wanderte mein Blick zu den Frauen am Bühnenrand. Nachdem wir von der Band unsere Begleiterinnen für die After-Show-Party ausgewählt hatten, konnten die Roadies oft noch das eine oder andere von den übrig gebliebenen Mädels abschleppen. »Und zu den Verlockungen, denen man in unserem Business ausgesetzt ist?«

Zach gönnte den Fans nur einen müden Blick und versuchte sichtlich, das leise Lächeln zu unterdrücken, das seine Munwinkel umspielte. »Mir geht es nur um die Musik. Das da interessiert mich nicht die Bohne.«

Sein überzeugender Tonfall berührte etwas in mir. Ich hatte mal genauso gedacht. »Gut für dich.« Ich klopfte ihm auf die Schulter. »Belass es dabei.«