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Jede Liebesgeschichte verdient einen Soundtrack. Und unserer ist episch!
Mit nur achtzehn Jahren stand Chase Noble vor seinem großen Durchbruch als Musiker, doch er lernte viel zu früh die Schattenseiten des Rockstarlebens kennen, weshalb er seinen Traum ziehen ließ, bevor er wirklich begann. Seitdem hat Chase es sich zur Aufgabe gemacht, Caged als Manager abseits des Rampenlichts zu unterstützen. Und als er auf die erfolgreiche Agentin Taryn Ayers trifft, weiß er sofort, dass sie der nächste Schritt zum Erfolg der Band sein könnte - was sie für Chase absolut tabu macht. Chase muss sich entscheiden: für den Ruhm seines Bruders oder sein eigenes Glück ...
"Ich liebe Rockstar-Romances und diese ist etwas ganz Besonderes!" I'M A COFFEEHOLIC BOOKWORM
Band 4 der romantisch-heißen ROCK’N’LOVE-Reihe von Bestseller-Autorin Jayne Frost
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2020
Titel
Zu diesem Buch
Prolog
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Epilog
Anmerkung der Autorin
Die Autorin
Die Romane von Jayne Frost bei LYX
Impressum
JAYNE FROST
Rock’n’Trust
Roman
Ins Deutsche übertragen von Cécile G. Lecaux
Mit nur achtzehn Jahren stand Chase Noble vor seinem großen Durchbruch als Musiker, doch er lernte viel zu früh die Schattenseiten des Rockstarlebens kennen, weshalb er seinen Traum ziehen ließ, bevor er wirklich begann. Seitdem hat Chase es sich zur Aufgabe gemacht, Caged als Manager abseits des Rampenlichts zu unterstützen. Und als er auf die erfolgreiche Agentin Taryn Ayers trifft, weiß er sofort, dass sie der nächste Schritt zum Erfolg der Band sein könnte – was sie für Chase absolut tabu macht. Chase muss sich entscheiden: für den Ruhm seines Bruders oder sein eigenes Glück …
Fünf Jahre zuvor
Ein leiser Klingelton, der von den Wänden des Lofts widerhallte, weckte mich. Undeutlich. Unspezifisch. Ich zog mir die Bettdecke hoch bis zum Kinn.
Geh weg …
»Telefon, Baby«, grummelte Beckett, seine Stimme vom Kopfkissen gedämpft.
Seufzend tastete ich auf dem Nachttisch nach der Quelle des störenden Geräuschs. Als meine Suche ergebnislos blieb, öffnete ich blinzelnd ein Auge und sah meine Jeans neben dem Bett auf dem Fußboden liegen, das Handy noch in der Gesäßtasche.
Ich streckte mich, bis ich fast von der Bettkante fiel, fischte das Telefon aus der Tasche und meldete mich mit vom Schlaf belegter Stimme. »Hallo.«
»Könnte ich bitte mit Taryn Ayers sprechen?«
Die nüchterne Frauenstimme hob sich von dem Stimmengewirr im Hintergrund ab.
Als ich mich aufsetzte und in das Kissen zurücklehnte, wurde mir schwindlig von zu viel Wein zum Essen und zu viel Beckett zum Dessert. »Am Apparat.«
Beckett legte mir einen Arm um die Mitte und streichelte mit dem Daumen meinen Rippenbogen. Lächelnd drehte ich mich auf die Seite und strich ihm eine lange Haarlocke aus dem Gesicht. Seine Lippen zuckten, aber er rührte sich nicht.
»Miss Ayers, hier ist die Zentrale des Sheriff’s Departments von Travis County.«
Der Nebel lichtete sich, und ich war schlagartig hellwach. »Wer?«
»Miss Ayers … Ich bin Dispatcher im Sheriff’s Department von Travis County.«
Langsam richtete ich mich auf und stützte mich auf einen Ellbogen. »Ja … okay. Und was kann ich für Sie tun?«
Beckett blinzelte und sah aus seinen kobaltblauen Augen zu mir auf.
»Miss Ayers, wir haben Ihre Kontaktdaten von Preferred Motor Coach bekommen. Es hat kurz vor Fredericksburg einen Unfall gegeben, in den auch ein Tourbus verwickelt war. Sie waren als Notfallkontakt angegeben.«
Ich schlug die Bettdecke zurück, setzte mich auf und schwang die Beine aus dem Bett. »Wie bitte? Ein Unfall? Was denn für ein Unfall?«
»Ein LKW hat mit hoher Geschwindigkeit den Mittelstreifen überfahren und ist mit dem Bus kollidiert. Die Überle… die Verletzten werden mit Care Flight ins Brackenridge Hospital geflogen.«
Becketts Finger strichen über das untere Ende meiner Wirbelsäule. »Was ist denn los, Babe?«
Als ich nicht antwortete, hörte ich ihn über den Holzboden um das Bett herumgehen. Dann stand er vor mir, eine dunkle Silhouette mit breiten Schultern und dunklen Locken, die im fahlen Mondlicht schimmerten, das durch die deckenhohen Fenster fiel.
Er sollte mal zum Friseur.
Ich konzentrierte mich wieder auf die gesichtslose Frau am anderen Ende der Leitung und räusperte mich. »Aber es sind alle soweit okay?«
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe sie antwortete, und auch dann begriff ich zuerst nicht, was sie sagte. Alles, was nach »Es tut mir sehr leid« kam, ging in brüllender Stille unter. Dann, wie ein ohrenbetäubender Donnerknall, explodierten die Worte in meinem Kopf.
»… Beamten vor Ort haben zwei Überlebende und drei Tote an der Unfallstelle gemeldet.«
Beckett hockte sich vor mich. Seine Lippen bewegten sich lautlos, während sich ein feiner Riss durch meine Brust zog. Dann zerbrach etwas tief in meinem Inneren, und das Telefon entglitt meinen tauben Fingern.
Beckett hob das Handy auf und sagte irgendetwas, aber in meinen Ohren hallten nur diese vier Worte wider:
Zwei Überlebende … drei Tote.
Beckett legte mir eine Hand an die Wange. »Taryn … Baby …«
»Hmm?«
Als ich nicht aufsah, fuhr er mir mit den Fingern durch das Haar, ehe er mir eine Hand unters Kinn legte und mich zwang, ihn anzusehen. »Baby … du musst dich jetzt anziehen.«
Tränen liefen ihm über das Gesicht, und ich folgte einem der kleinen Rinnsale mit dem Finger. »Wozu?«
Er nahm meine Hand, und die Furchen in seiner Stirn wurden tiefer. »Wozu … Ich …« Ungelenk legte er mir die Hände um die Oberarme. »Komm … ich helfe dir.«
Ich stand mit wackligen Knien auf und riss mich los. »Wozu?«
Beckett rieb sich mit einer Hand das Gesicht. »Babe, ich weiß auch nicht, wozu.« Er hob meine Jeans vom Boden auf und hielt sie mir hin. »Zieh dich bitte einfach an. Wir müssen zum Krankenhaus.«
Zwei Überlebende und drei Tote.
Plötzlich wurde ich ganz ruhig. Erleichterung durchflutete mich. »Das Ganze ist ein Irrtum.«
»Taryn …«
»Hör mir zu!« Ich krallte die Finger in seinen Arm, und meine Nägel gruben sich tief in sein Fleisch. »Verstehst du denn nicht? Rhenn, Tori, Paige und Miles.« Ich zählte die Namen an den Fingern ab. »Das sind vier. Das ist eine Verwechslung.«
Beckett drückte mich an seine Brust. »Babe, es ist kein Irrtum. Wir müssen jetzt gehen. Bitte.«
Verwirrt blickte ich zu ihm auf, ein zittriges Lächeln auf den Lippen. »Aber ich habe dir doch gerade erklärt …«
Er umfasste mein Gesicht mit beiden Händen und legte die Stirn an meine, sodass wir uns gegenseitig stützten. »Taryn, hör mir zu. Es waren fünf Personen im Bus. Du hast den Fahrer nicht mitgezählt.«
Heute
Paige hatte immer von Schicksal gesprochen. Sie hatte an diesen Mist geglaubt.
»Alles geschieht aus einem bestimmten Grund«, hatte sie immer gesagt.
Natürlich sprach sie nun nicht mehr. Außer zu mir. Na ja, irgendwie. Selbstverständlich wusste ich, dass sie nicht wirklich zu mir sprach, aber wenn ich Selbstgespräche führte, war die Stimme, die mir in meinem Kopf antwortete, immer ihre.
Ich nippte an meinem Drink und starrte aus dem Flugzeugfenster hinaus in den stockfinsteren Himmel über Texas.
Hier oben, irgendwo zwischen Himmel und Erde, fühlte ich mich Paige am nächsten.
Wenn man mit fünfhundert Meilen pro Stunde durch die Luft raste und die Gesetze der Natur aufhob, erschien einem irgendwie alles möglich – sogar eine Unterhaltung mit der verstorbenen besten Freundin.
»Ich habe heute eine reine Mädchenband unter Vertrag genommen«, murmelte ich in meinen Cranberry-Wodka.
Glockenhelles Gelächter, das ich überall sofort wiedererkannt hätte, hallte in meinem Kopf, gefolgt von ihrer Stimme. »Die sind bestimmt nicht so gut wie wir damals.«
Paige erinnerte gerne an die Austin Dolls, die Mädchenband, der Tori, Paige und ich vor der Gründung von Damaged angehört hatten.
Ich fischte ein paar Brezeln aus der Tüte auf dem Tablett. »Sie müssen gar nicht gut sein. Es reicht, wenn sie annehmbar sind.«
Wie ich.
Während Tori und Paige, meine besten Freundinnen aus Kindheitstagen, die Musik in die Wiege gelegt worden war, hatte ich mir jede Note erkämpfen müssen. Doch auch mit harter Arbeit erreichte man nie das Niveau begnadeter Naturtalente.
In unserem letzten Highschool-Jahr hatte ich beschlossen, meine Musikkarriere an den Nagel zu hängen, um den anderen zu ersparen, mich rauswerfen zu müssen. Tori war damals schon mit Rhenn zusammen, und die Musik, die die beiden komponierten, war geradezu magisch. Und nachdem ich die beiden das erste Mal zusammen mit Paige hatte spielen hören, wusste ich, dass sie auf dem besten Weg waren, Musikgeschichte zu schreiben. Sie waren einfach genial.
Und ich sollte recht behalten. Keine drei Jahre später eroberte Damaged die Musikszene im Sturm. Ich hatte damals schon auf Managerin umgesattelt, was in dieser Zeit noch bedeutete, Gigs für die Band zu organisieren, die Konzerttermine zu koordinieren und das Mittagessen zu besorgen.
Trotzdem hatte Paige den Dolls immer nachgetrauert. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten wir drei bis in alle Ewigkeit durch die Clubs auf der Sixth Street tingeln können.
Wie sich dann aber herausstellte, endete die Ewigkeit für Paige im Alter von vierundzwanzig Jahren. Wenn ich geahnt hätte, wie bald es vorbei sein würde, wäre ich vielleicht nicht ausgestiegen. Dann wären zumindest Paige und Rhenn heute noch am Leben.
»Hör auf, Trübsal zu blasen«, schalt ich mich.
Ich fragte mich, ob das der Grund war, weshalb meine innere Stimme wie Paige klang. Um mir die Schuldgefühle zu nehmen. Denn wenn Paige mir verzieh, könnte ich mir vielleicht eines Tages auch selbst verzeihen.
Das »Bitte anschnallen«-Signal leuchtete auf, und der Pilot kündigte über Lautsprecher den Landeanflug auf Austin an.
Ich kippte den Rest meines Drinks hinunter, und für den Rest des Fluges schwieg meine innere Stimme.
Die eingehenden Google Alerts ließen mein Handy in einem fort vibrieren. Immer noch etwas wacklig von der harten Landung und der Hetze quer durch den Flughafen starrte ich auf dem Rücksitz der Limousine auf das Display.
Beckett und Maddy: heimliche Hochzeit?
Beckett feiert in Vegas mit Supermodel, aber wo ist Taryn?
Beckett lässt Taryn ausgerechnet jetzt im Stich, wo Urteil im Fall Damaged ansteht.
»Taryn?«
Benommen blickte ich auf und begegnete dem Blick des Fahrers im Rückspiegel. »Ja?«
Ethans Stirn war sorgenvoll gerunzelt. »Äh … wir sind da. Soll ich Ihnen noch helfen, das Gepäck raufzubringen?«
Ich warf einen Blick nach draußen und stellte fest, dass wir tatsächlich vor den BlueBonnet Towers standen. Ich hatte eine gute halbe Stunde damit verbracht, die Nachrichtenlawine zu überfliegen, die noch am Flughafen auf meinem Handy eingegangen war.
»Nicht nötig«, entgegnete ich kopfschüttelnd. »Ich komme schon klar, aber danke.«
Als ich meine Hand nach dem Türgriff ausstreckte, drehte Ethan sich zu mir um. »Hören Sie, Taryn … Ich bin sicher, dass an den Gerüchten nichts dran ist.«
Ethan vermied es, mir bei dieser Lüge in die Augen zu sehen. Er kannte Beckett. Er wusste, was seit dem Unfall vor fünf Jahren aus ihm geworden war.
Ich setzte ein viel erprobtes Lächeln auf und öffnete die Tür. »Keine Angst. Wir sind nicht zusammen. Schon lange nicht mehr.«
Es stimmte. Ich hatte vor sieben Monaten mit meiner Jugendliebe Beckett Schluss gemacht, nachdem er nach Los Angeles gezogen war, um das aktuelle Leveraged-Album aufzunehmen, und mich mit Maddy Silva betrogen hatte. Das Komische war, dass sich abgesehen vom Sex nicht viel geändert hatte. Ich war immer noch seine Managerin und der Mensch, dem er am meisten vertraute.
Becks behauptete, Maddy und er seien nur Freunde, aber die aktuellen Fotos von den beiden in Vegas straften diese Behauptung Lügen.
Während ich am Straßenrand wartete, bis Ethan mein Gepäck aus dem Kofferraum geholt hatte, scrollte ich durch meine Nachrichten und öffnete schließlich eine von Beckett. Ich rechnete mit einer seiner Endlos-Ausreden, aber zu meiner Überraschung standen da nur vier Worte.
Es tut mir leid.
Ethan stellte meinen Trolley auf dem Bürgersteig ab. »Sicher, dass Sie keine Hilfe brauchen?«
Und wie ich Hilfe brauchte. Denn in diesem Moment kostete es mich fast übermenschliche Kraft, nicht zusammenzubrechen.
Vielleicht hatte ich mit Beckett doch noch nicht ganz abgeschlossen. Oder ich konnte nicht ertragen, dass er jetzt mit mir abgeschlossen hatte. Genau das verstand niemand. Wir liebten einander. Trotz allem, was er getan hatte und noch tun würde, bestand eine tiefgreifende Verbindung zwischen uns.
»Nein.« Ich lächelte noch einmal mein aufgesetztes Lächeln. »Alles gut, danke.«
Ehe ich mitten auf der Sixth Street einen Anfall bekam, winkte ich ihm noch einmal zu, machte auf dem Absatz kehrt und hastete auf die Glastüren zu.
Erst nachdem die Tür meines Lofts im sechsten Stock hinter mir zugefallen war, erlaubte ich mir, den Tränen freien Lauf zu lassen. Schniefend kickte ich meine Schuhe in die Ecke und ging in die Küche, um mir ein Glas Wein zu holen.
Als ich schließlich mit einem Chardonnay in der Hand am Küchenblock saß, öffnete ich Toris Nachricht.
Ich bin noch wach, wenn du reden möchtest.
Natürlich war sie das. Die Frau schlief so gut wie nie. Und genau wie ich durchforstete Tori die sozialen Medien nach Klatsch und Tratsch über die von uns betreuten Bands. Meistens jedenfalls.
Twin Souls, die Firma, die wir gegründet hatten, nachdem Tori sich von den Folgen des Unfalls erholt hatte, der sie um ein Haar das Leben gekostet hatte, war inzwischen mit mehr als einhundert betreuten Bands die führende Managementagentur der Branche. Unter dem Strich waren allerdings nur drei dieser Bands wirklich wichtig. Leveraged, Revenged Theory und Drafthouse. Die Big Three. Jene drei Bands, die ich sorgfältig ausgewählt und dann an die Spitze der Musikindustrie gebracht hatte, um das Vermächtnis von Damaged zu bewahren.
Widerwillig wischte ich mit dem Finger über Toris Namen.
»Er ist ein Arschloch«, brach es aus ihr heraus, noch bevor sie Hallo gesagt hatte. Als ich nichts darauf erwiderte, fügte sie hinzu: »Weißt du, er wollte nicht …«
Tori rang nach Worten, aber es gab nichts zu sagen. Nicht mehr. Becks hatte alles gesagt.
Es tut mir leid.
Ich schluckte die Tränen herunter und ging nach oben. »Was wollte er nicht? Fotografiert werden? Es ist ja nicht so, als wäre er mir untreu, weißt du.«
»Trotzdem«, grummelte sie. »Er hätte etwas diskreter sein können.«
Nachdem ich aus dem Rock geschlüpft war, ließ ich mich auf das ungemachte Bett fallen und schloss die Augen. »Warum? Um meine Gefühle nicht zu verletzen? Er kann eine Beziehung haben, wenn er das will.«
»Eine Beziehung? Die einzige Beziehung, die er je hatte, war die mit dir.«
Bis jetzt.
Das unsichtbare Band, das mich an meine verlorene Liebe kettete, zog sich fester um mein Herz zusammen, und ich fragte mich, ob Beckett es auch noch fühlte. »Das war einmal.« Seufzend rieb ich mir die müden Augen. »Früher oder später wirst du dich den Tatsachen stellen müssen. Wir werden nicht wieder zusammenkommen.«
»Vielleicht nicht gleich«, widersprach Tori. »Aber er liebt dich.«
Ich öffnete den Mund, aber anstatt zu widersprechen, sagte ich nur: »Ich weiß. Ich liebe ihn auch.«
Ich fuhr mit dem Daumen über das Unendlichkeitstattoo am Ringfinger, das wir uns beide mit achtzehn hatten stechen lassen. Und auch wenn die Tinte inzwischen verblasst und von feinen Rissen durchzogen war, würde das Symbol fortbestehen. So wie Becks und ich.
Von meinem Geständnis milde gestimmt, sagte Tori: »Wir sollten morgen Abend zusammen weggehen. Etwas essen und …«
Sie brach ab und gab einen Zischlaut von sich.
Sofort durchfuhr mich Sorge um sie, und ich fuhr hoch. »Was ist? Hast du Schmerzen?«
Sie atmete keuchend. »Nein. Alles gut.«
Der angestrengte Klang ihrer Stimme löste Panik in mir aus. Ich nahm das iPad aus meiner Handtasche, öffnete den Kalender und suchte mit klopfendem Herzen nach ihrem letzten Arzttermin.
»Warst du Dienstag bei Andrews?«
Es klang mehr wie ein Vorwurf als eine Frage.
»Ja, war ich«, entgegnete Tori knapp. »Möchtest du den Arztbrief sehen?«
Sie wusste, dass ich ihn sehen wollte. Genau darum ging sie ja nur zum Arzt, wenn ich nicht in der Stadt war.
»Ich will mich ja nicht in deine Angelegenheiten einmischen«, sagte ich leise. »Ich bin nur … ich …«
Mir schossen so viele Adjektive durch den Kopf, aber ich konnte den Gedanken nicht zu Ende führen. Die zwei Wochen, in denen Tori nach dem Unfall im Koma gelegen hatte, waren die schlimmsten meines Lebens gewesen. Ich hatte schon Paige verloren. Und jetzt geriet ich jedes Mal in Panik, wenn Tori die alten Verletzungen, die nie vollständig verheilen würden, zu schaffen machten. Ich durfte sie nicht auch noch verlieren.
»Ja, ich weiß«, erwiderte sie schließlich in deutlich sanfterem Tonfall. »Die letzten zwei Tage waren ziemlich heftig.«
Schuldgefühle stiegen in mir auf und verschärften meine Sorge. Ich hätte die Reise absagen und einen unserer Junior-Manager schicken sollen.
Ich warf einen Blick auf die Uhr und kaute auf der Unterlippe. »Du solltest etwas schlafen. Vielleicht nimmst du eine Schmerztablette und …«
Mein Herz zog sich zusammen, als ich im Hintergrund Rhenn »Forever You« singen hörte. Dann war es still. Ich stellte mir vor, wie Tori im Schlafzimmer auf dem Fußboden lag und in alten Fotos und Erinnerungsstücken kramte, und die Vorstellung tat mir in der Seele weh.
Ich stand auf und hob eine Jeans vom Fußboden auf. »Ich komme rüber.«
»Nein«, sagte Tori nachdrücklich. »Ich bin okay. Ich will nicht, dass du mitten in der Nacht so weit fährst.«
Zum millionsten Mal verfluchte ich Rhenn dafür, dass er ein Haus am nördlichen Ufer des Lake Travis gebaut hatte. Ich lag Tori seit Jahren in den Ohren, dass sie ausziehen sollte. Das Haus war schon lange kein Zuhause mehr, sondern nur noch ein Mausoleum. Ein Symbol für das Leben, das sie nie haben würde.
Ich trat hinaus auf den Balkon, atmete tief die feuchte Nachtluft ein und lehnte mich an das Geländer. Unten auf der Straße trafen sich Menschen zum Ausgehen, und ich bildete mir sogar ein, die Musik aus den kleinen Bars und Lokalen unten auf der Straße zu hören.
Nach langem Schweigen räusperte sich Tori und sagte leise: »Ich vermisse ihn so sehr, T-Rex. Manchmal möchte ich einfach …«
Die Qual in ihrer Stimme war so deutlich und ihr Schmerz so spürbar, dass es mir den Atem raubte.
»Ich weiß, Belle. Ich auch.«
Der Spitzname, den Rhenn ihr gegeben hatte, als wir noch Kinder waren, war mir einfach so rausgerutscht. Verloren in der Erinnerung ließen wir uns eine Weile treiben.
Als mir die Augen zufielen, ging ich wieder rein und kroch ins Bett.
»Soll ich dranbleiben?«, murmelte ich.
Tori seufzte zufrieden, ohne zu antworten, und so rollte ich mich auf die Seite und behielt das Telefon am Ohr. »Gute Nacht, Belle.«
Ich krallte die Finger um die Kanten meines Sitzes und die Daumen in das zerschrammte Holz. Nervös starrte ich auf das Pult vor dem Altar der alten Kirche und von dort auf das Kreuz an der Wand. Ich neigte den Kopf und hoffte, dass ich ausnahmsweise einmal etwas fühlen würde … irgendwas.
Nicht, dass ich nicht an Gott glaubte, aber es war noch nie mein Ding gewesen, einer höheren Macht die Kontrolle über mein Leben zu überlassen. Zumindest, was meine Krankheit betraf.
Meine Krankheit.
Vermutlich war es das. Tausende Mitglieder des Zwölf-Schritte-Programms konnten nicht irren, oder? Aber innerlich wusste ich, was ich war. Ein Süchtiger. Ein Ex-Junkie. Clean. Erfolgreich therapiert. Trotzdem fiel es mir schwer, zu glauben, dass Gott – oder wie immer man dieses allmächtige Wesen nennen wollte – für meine Heilung verantwortlich war.
Als ich mich vor elf Jahren selbst aus dem tiefen Loch meiner Sucht gequält hatte, hatte ich das ganz allein geschafft. Na ja, vielleicht nicht ganz alleine. Vaughn hatte mir geholfen. Und die anderen Therapeuten in der Reha.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die vorderste Reihe, wo all die Neuen saßen und sich mit großen, ängstlichen Augen umsahen. Ich wusste, was sie wollten. Heilung. Aber die gab es nicht. Das Verlangen würde immer da sein.
Wenigstens waren sie in Begleitung von Angehörigen gekommen. Zumindest die meisten von ihnen. In den sechs Monaten, die ich in der Entzugsklinik verbracht hatte, hatte mein Vater sich kein einziges Mal blicken lassen. Er war erst am Tag meiner Entlassung gekommen.
»Haben sie dich wieder hingekriegt, Junge? Das steht jedenfalls zu hoffen, die Plattenfirma hat nämlich ein Konzert organisiert.«
Dann hatte mir Tyler Noble in seiner ganzen kaputten Art einen Flachmann in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle mich zusammenreißen.
Ein fester Handgriff um meine Schulter riss mich aus meinen Gedanken, und ich begegnete Vaughns warmen braunen Augen. Er lehnte sich mit der Hüfte an die Bankreihe. »Ich habe dich lange nicht mehr hier gesehen«, sagte er, und in seiner Stimme lag ein überraschter Unterton. »Freut mich, dass du nicht vergessen hast, wo wir zu finden sind.«
Vaughn gehörte zu den wenigen Menschen, bei denen ich mich manchmal fühlte wie ein unartiges Kind. Er sah nicht nur das, was ich heute war – der erfolgreichste Immobilienentwickler im ganzen Staat, Inhaber zweier Musik-Clubs und einer Handvoll Immobilien und Restaurants. Für ihn war ich immer noch der Junge, der am zweiten Tag seines Entzugs zitternd im Bett gelegen hatte. Das war der Tiefpunkt meines Lebens gewesen. Ich hatte im Rausch ziemlichen Mist gebaut, aber ehrlich gesagt hatte mich das nicht weiter gekümmert. Seit meinem zwölften Lebensjahr war ich nicht mehr lange genug nüchtern gewesen, um mich um irgendetwas zu scheren. Aber an jenem Tag hatte sich das geändert. Der Nebel hatte sich gerade so weit gelichtet, dass ich eine Wahrheit erkannt hatte, so egoistisch sie auch sein mochte: Ich wollte nicht sterben.
Ich nahm eine entspannte Haltung an und legte den Arm über die Rückenlehne der Kirchenbank. »Ich freue mich auch, dich zu sehen.« Ich zeigte mit dem Kinn auf das Fenster im Altarraum, wo drei Gesichter hinter einem Vorhang hervorlugten. »Wie geht es ihr?«
Laurel Cage, die Schwester eines Bandkollegen meines Bruders und besagte »sie«, hatte gerade einen dreißigtägigen Aufenthalt in der Entzugsklinik hinter sich. Heute würde sie dafür in den nächsten Level aufsteigen, was aber nicht wirklich etwas besagte.
Vaughn strich sich nachdenklich über den graumelierten Bart. »Den Umständen entsprechend. Schließlich macht sie den Entzug nicht wirklich freiwillig.«
Ich lachte leise. Ihr Bruder Logan und ich hatten die um sich schlagende und tretende Laurel gewaltsam einweisen müssen. Der Zahnabdruck an meinem Arm war zwar verblasst, aber da Laurel mich blutig gebissen hatte, würde ich immer ein Andenken in Gestalt einer Narbe zurückbehalten.
Vaughn trat unruhig von einem Fuß auf den anderen, und mein Lächeln erlosch. »Was ist los?«
Er seufzte. »Logan.«
Ich kannte Logan seit er ein Teenager gewesen war und mein kleiner Bruder ihn mit nach Hause gebracht hatte, um mit ihm an Songs für ihre neu gegründete Band zu arbeiten. Damals war ich zu sehr mit meiner Sucht beschäftigt gewesen, um dem große Aufmerksamkeit zu schenken, und nach meinem Entzug war ich für drei Jahre nach Kalifornien abgehauen, um die Schule zu beenden und mich dem negativen Einfluss meines Vaters zu entziehen.
Inzwischen waren Logan und ich ziemlich gut befreundet. Immerhin genug, dass er mich – wenn auch widerwillig – um Hilfe gebeten hatte, nachdem er Laurel in Nashville aufgespürt hatte, wo sie zugedröhnt in einem miesen Schuppen an der Stange tanzte.
»Was ist mit ihm?«, fragte ich und musterte Vaughn aufmerksam.
Der alternde Drogenberater gehörte zu den Menschen, die allem etwas Positives abgewannen. Aber wer unter die Oberfläche schaute, sah, dass ihn das Leben arg gebeutelt hatte.
»Er ist gegen das Prinzip völliger Abstinenz.«
Ich zog die Brauen bis zum Haaransatz hoch. »Wie bitte?«
Im Gesamtkontext waren dreißig Tage ohne Stoff gar nichts. Es dauerte Monate, bis man sich daran gewöhnt hatte, clean zu bleiben und der Versuchung zu widerstehen. Natürlich konnte Logan das nicht wissen.
»Ich will ja nicht behaupten, dass sie es nicht schaffen kann«, fuhr Vaughn rasch fort. »Grundsätzlich hätte sie das Zeug dazu.«
Da war er wieder, der ewige Optimismus.
Ich warf einen Blick in die Runde und machte eine gedankliche Strichliste. Von den etwa vierzig Anwesenden würden alle bis auf acht früher oder später rückfällig werden. Und zwar relativ bald.
Ich biss mir auf die Unterlippe. »Die Statistik spricht dagegen.«
Vaughn nickte und massierte sich den verspannten Nacken. »Genau darüber wollte ich mit dir sprechen. Ist dieses Loft in deinem Haus noch frei?«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und neigte den Kopf leicht zur Seite. »Du meinst die Wohnung über mir?« Vaughn lächelte, aber ich fand das gar nicht witzig. Himmelherrgott, ich wohnte über einer Bar. »Hältst du das wirklich für eine gute Idee?«
»Ehrlich gesagt, nein. Aber es ist immer noch besser als die Alternative.«
Ein Blick in Vaughns Gesicht genügte, um zu wissen, dass die andere Option noch schlimmer war. »Logan, richtig?«
Mir sank der Mut, als ich Vaughn schwach nicken sah.
Logan hatte keinen Schimmer, welchen Fallstricken seine Schwester ausgesetzt war. Er glaubte tatsächlich, dass man nach einer Entziehungskur geheilt war, dabei war sie nur der erste Schritt. Ein Pflaster auf einer Schusswunde.
»Ich bin kein Babysitter.«
Vaughn hob begütigend die Hände. »War nur so ein Gedanke. Lass mich erst mit Logan sprechen.«
Als Vaughn sich zum Gehen wandte, stand ich auf. »Ich mache das.«
Auf dem Weg nach draußen zum Parkplatz warf ich einen Blick auf mein Handy. Noch eine halbe Stunde, bis Laurel mit ihrer kleinen Ansprache dran war. Das reichte locker, um Logan davon zu überzeugen, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Absolute Enthaltsamkeit war der einzig richtige Weg.
Logan sprang auf, sobald ich den kleinen Hof betrat. »Ist es soweit?«
»Setz dich«, sagte ich barsch und ging auf ihn zu.
Für ein Gespräch mit Logan brauchte man Fingerspitzengefühl. Der Typ war völlig durchgeknallt. Leider fehlten mir dafür die Zeit und die Geduld. Und ich spürte, dass er tief im Inneren wusste, dass ich selbst in gewisser Weise ebenso irre war wie er.
Logan setzte sich auf die Steinbank und lächelte. »Spuck’s aus.«
Ich lehnte mich mit der Hüfte an den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Willst du Laurels Entziehung torpedieren?«
Logans Lächeln verblasste, und das Eis in seinen blassblauen Augen bekam feine Risse. »Was willst du damit sagen?«
Ich richtete den Blick auf die Hände, die er zu Fäusten geballt hatte. Aber das, was er ausstrahlte, war nicht Aggression, sondern Angst. Und auch wenn das mies war, wollte ich diese Angst zu meinem, oder besser Laurels, Vorteil nutzen.
»Was hat Laurel dir über ihre Sucht erzählt?«
Ich setzte mich auf den Tisch, verschränkte die Hände auf dem Schoß und wartete auf seine Antwort.
Er schob das Kinn vor und versuchte vergeblich, Gleichgültigkeit vorzutäuschen. »Ist doch egal. Ich weiß, dass es schrecklich war.«
Ich beugte mich vor und sah ihm fest in die Augen. »Wenn es so beschissen war, hätte deine kleine Schwester nicht für zwanzig Dollar mit Lapdances Kerle aufgegeilt, nur um sich wegzuschießen. Und dann würde sie nicht in eben dieser Minute denken, dass sie sich jetzt am liebsten zudröhnen würde.«
»Das kannst du nicht wissen«, knurrte Logan, und seine Oberlippe zitterte von der Anstrengung, sich zu beherrschen.
Ich atmete tief aus. »Oh doch, das weiß ich, Bro. Weil ich nämlich nach meinem Entzug fünfundfünfzig Minuten jeder einzelnen Stunde an nichts anderes gedacht habe.«
Er ließ die Schultern hängen und blickte hinüber zur Kirche. Zu Laurel. »Was hat dich davon abgehalten, rückfällig zu werden?«
»Eben diese fünf Minuten Klarheit. Irgendwann werden es zehn. Dann eine Stunde. Irgendwann dann ein Tag.«
»Ein Tag?«, fragte er niedergeschlagen, aber seine Reaktion entlockte mir ein Lächeln.
Sie bewies, dass ich recht hatte. Logan hatte keinen Schimmer, womit er es zu tun hatte.
»Du siehst das falsch. Wir können ihr zum Zehn-Minuten-Level verhelfen.«
Logan wandte sich mir wieder zu, und die Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Wie?«
»Na ja, Vaughn leitet eine richtig gute Einrichtung für Ex-Junkies und …«
»Nein.« Logan sprang kopfschüttelnd auf. »Sie ist meine Schwester. Ich werde mich um sie kümmern. Ich werde sie nicht wieder im Stich lassen. Niemals.«
Logans Schuldgefühle machten ihn blind und taub für rationale Argumente. Alles, was er sah, war das kleine Mädchen aus seiner Erinnerung. Das Mädchen, das aus seinem Leben verschwunden war. Ich kannte keine Einzelheiten, ich wusste nur, dass Laurel in einer Pflegefamilie untergebracht worden war, nachdem ihr Vater das Sorgerecht abgetreten hatte.
Logan war damals erst siebzehn gewesen und hatte es nicht verhindern können. Bis vor kurzem hatte er nicht gewusst, wo Laurel sich aufhielt. Ich ging davon aus, dass er die verlorene Zeit wiedergutmachen wollte. Dass er der Bruder sein wollte, der er immer hatte sein wollen, trotz der zehn Jahre, in denen sie keinen Kontakt gehabt hatten.
Rührend.
Mit einem Seufzer rutschte ich vom Tisch und verbarg meinen Widerwillen hinter einem zuversichtlichen Lächeln. »Okay. War ja nur ein Vorschlag. Es gibt da noch etwas, das wir ausprobieren könnten.«
Laurel schlenderte durch das Starbucks und strich mit den Fingern über alle Waren in den Regalen. In der freien Hand hielt sie den Plastikchip, den sie zur Belohnung für dreißig drogenfreie Tage bekommen hatte und so fest umklammerte, als könne er sie vor den Übeln dieser Welt schützen.
Hinter meinen Augäpfeln brauten sich Kopfschmerzen zusammen, während ich in der Schlange vor der Kasse anstand. Jeder Koffeinjunkie, Möchtegern-Dichter und arbeitslose Musiker der Sixth Street war hier.
Laurel trat an meine Seite, während ich mein Handy checkte, eine Packung mit Schokolade überzogenen Espressobohnen an ihre Brust gedrückt.
»Darf ich die haben?«, fragte sie atemlos und sah mich durch lange blonde Wimpern flehend an.
Ihr Lächeln wurde unsicher, als ich mit ausdruckslosem Blick zurückstarrte. Sie wusste, dass ich ein Junkie war, genau wie sie. Mich konnte sie nicht reinlegen. Vermutlich wollte sie nur die Grenzen austesten.
Ich nahm ihr die Kaffeebohnen ab. »Sonst noch was?«
Sie überlegte einen Moment und fragte dann beinahe schüchtern: »Kann ich einen Caramel Macchiato haben?«
Mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen wartete sie auf meine Antwort. Laurel stellte mich eindeutig auf die Probe. Sie testete, ob ich auch nur eins dieser Arschlöcher war, die im Tausch gegen eine läppische Tasse Kaffee ein Stück von ihrer Seele haben wollten.
»Klar«, antwortete ich mit einem leisen Lächeln.
Ein zartrosa Hauch überzog Laurels blasse Haut, als sie erkannte, dass an den Kaffee keine Bedingungen geknüpft waren. Dass ich keine Gegenleistung von ihr erwartete. Einen Moment lang sah sie wieder sehr jung aus. Beinahe unschuldig. Sie wich zurück und zeigte auf den Innenhof. »Danke … Ich gehe schon mal zu Logan.«
Ich blickte ihr nach, als sie sich einen Weg durch die Menge bahnte, und trat dann kopfschüttelnd an die Kasse, wo ich ausgerechnet Shana gegenüberstand.
Scheiße.
»Hey, Chase«, begrüßte mich die Barista mit einem verführerischen Lächeln.
Ich rang mir ein Lächeln ab und legte die Kaffeebohnen auf den Tresen. »Hey, Süße. Zwei wie immer und ein Caramel Macchiato.«
Sie nahm drei Becher aus dem Stapel neben der Kasse und klimperte mit den Wimpern. »Wenn du dasselbe willst wie immer, musst du dich bis drei Uhr gedulden, da habe ich Feierabend.« Sie senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Und du kannst es auch gerne zwei Mal haben.«
Eine ihrer Kolleginnen sah herüber und verkniff sich ein Grinsen.
Ich verdrehte leicht die Augen und reichte ihr meine Starbucks-Karte. »Ich habe zu tun. Nur den Kaffee und die Bohnen.«
Schmollend kassierte Shana. Vor einem Monat hatte ich den Schmollmund noch süß gefunden. Damit hatte sie mich an dem Abend rumgekriegt, an dem sie mich im Nite Owl abgeschleppt hatte, dem kleineren meiner beiden Clubs auf der Sixth Street.
Als sie erkannte, dass sie diesmal damit nicht weiterkam, wechselte sie die Taktik und wölbte eine Braue, während sie meinen Namen auf die geriffelte Becherhülle schrieb. »Ich kann auch heute Abend in den Club kommen.«
Ich vergrub die Hände in den Taschen. »Sorry, ich habe schon was vor.«
Ich hatte Shana gesagt, dass eine feste Beziehung für mich nicht infrage kam, bevor ich sie auf der Couch in meinem Büro gevögelt hatte. Ihre Miene ließ darauf schließen, dass sie diese Ansage verdrängt hatte.
Wortlos drückte sie mir Karte und Bon in die Hand, wobei ihr die Verachtung ins Gesicht geschrieben stand.
Ich legte einen Zehner in ihr Trinkgeldglas und schlenderte ans andere Ende des Tresens. Während ich auf meine Bestellung wartete, fragte ich mich, warum ich mich immer noch mit Frauen einließ, die ich im Club kennen lernte. Aber ich kannte die Antwort. Im Nite Owl war ich anonym. Nur ein Barmann, der gelegentlich an den Wochenenden eine Schicht schob. An so jemanden hatten die Frauen keine großen Erwartungen. Wussten sie aber, dass ich Inhaber der Phoenix Group war und der Bruder von Cameron Knight, wurde es kompliziert.
Ich nickte dem Typen zu, der die Kaffeebecher vor mich hinstellte, schnappte mir das Tablett und ging raus auf den Hof, um mich echten Problemen zu widmen.
Als ich mich auf meinen Stuhl fallen ließ, warf Logan mir aus seinen eisblauen Augen einen flehenden Blick zu.
Ich reichte ihm einen Kaffeebecher und sagte zu Laurel: »Ich habe den Kuchen vergessen. Wärst du so nett, mir ein Stück zu holen?«
Sie verdrehte sie Augen und schob ihren Stuhl zurück. »Klar. Was soll es denn sein?«
Da ich nicht vorhatte, den Kuchen zu essen, hätte mir das nicht gleichgültiger sein können. »Ich lasse mich überraschen.«
Sichtlich entspannt fasste Logan in seine Tasche. »Hey, bring mir bitte ein Pekannuss-Teilchen mit. Mit viel Karamell.«
Ich schob seine Hand beiseite, als er ihr eine Hundert-Dollar-Note reichen wollte, und hielt Laurel stattdessen meine Starbucks-Karte hin. »Nimm die. Einen Hunderter können sie wahrscheinlich nicht wechseln.«
Sie starrte lange auf die Plastikkarte und sah mir dann in die Augen. Als ich ihrem Blick standhielt, schnaubte sie kurz und nahm die Karte. »Darf ich auch was Süßes, Herr Aufpasser?«
Achselzuckend lehnte ich mich auf meinem Stuhl zurück. »Du kannst dir holen, was du magst, vorausgesetzt, man kann es mit dieser Karte bezahlen.«
Logan wollte etwas sagen, aber ich trat ihm unter dem Tisch gegen das Schienbein, und er schwieg.
Als Laurel außer Hörweite war, beugte er sich zu mir vor und zischte: »Was sollte das denn? Du hast sie behandelt wie …«
»Sie ist erst seit zwei Stunden aus der Entzugsklinik raus, schon vergessen?«
»Was hat das denn damit zu tun?«
Ganz offensichtlich hatte der Teil von Logan, der an Laurels Heilung glauben wollte, gerade klar die Oberhand, und so nutzte ich die Gelegenheit, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.
Ich lachte kopfschüttelnd. »Meine Mom hat mir einmal ihre letzten zwanzig Dollar zum Einkaufen gegeben. Ich war zwei Tage verschwunden.«
Meine Anekdote verfehlte ihre Wirkung nicht. Logan warf einen Blick in Richtung Fenster.
»Die Verlockung ist einfach zu groß«, fuhr ich fort. »Glaub mir, ich weiß, wovon ich rede.«
Die Falten auf seiner Stirn verrieten, dass er sich wieder Sorgen machte. »Ich glaube dir. Es ist nur … sie denkt, dass sie mit zu mir kann. Vielleicht könnte ich sie ja in zwei Tagen zu dir bringen.«
Achtundvierzig Stunden bei Logan, und wir stünden wieder ganz am Anfang. »Du hast immer irgendwelche Bräute bei dir rumhängen, und die meisten von ihnen dürften dasselbe Problem haben wie Laurel bis vor kurzem.«
Logans Stirnrunzeln vertiefte sich. »Ich schleppe keine Stripperinnen mehr ab.« Ein paar Mädchen kamen an unserem Tisch vorbei, und Logan ließ sich kurz ablenken, um sie zu taxieren. »Es sei denn, sie finanzieren damit ihr Studium. Dann leiste ich meinen ganz persönlichen Bildungsbeitrag.«
Er wackelte mit den Brauen, und ich schnaubte.
»Du schleppst alles ab, was nicht bei drei auf dem Baum ist, und ich denke, es ist besser, wenn Laurel nicht mitbekommt, wie irgendwelche Frauen morgens aus deinem Schlafzimmer schleichen.«
Logan nippte an seinem Kaffee und warf mir über den Becherrand hinweg einen Blick zu. »Und was ist mit dir? Was werden deine kleinen Freundinnen davon halten, wenn meine Schwester direkt über dir wohnt?«
»Ich nehme keine Frauen mit zu mir nach Hause. Solange Laurel sich von meinem Büro fernhält, wird sie also niemandem begegnen, der einen schlechten Einfluss auf sie haben könnte.«
Ich hatte es vor ein paar Jahren mit einer richtigen Beziehung versucht. Nach gerade einmal einem Monat war ich die Wände hochgegangen, hatte es aber noch weitere vier Wochen mit Alyssa ausgehalten, um zu sehen, ob ich mich nicht doch noch daran gewöhnen konnte. Das Einzige, was von dieser Zeit hängengeblieben war, war die Erinnerung an eintönigen Sex und endloses Gelaber von unserer gemeinsamen Zukunft.
Ich holte tief Luft und fuhr fort. »Hör zu, es ist ja nicht für immer. Ich habe Pläne für diese Wohnung. Nur solange, bis Laurel sich berappelt hat.«
Logan lachte. »Cameron hat dich also weichgekocht, ja? Hat dich überredet, Millionen von Dollar in ein Aufnahmestudio zu investieren, damit er für die Studioaufnahmen nicht mehr nach L. A. muss, weit weg von seiner geliebten Lily.«
Ich ärgerte mich ein wenig über seinen Spott. »Das hat nicht das Geringste mit meinem Bruder zu tun. Lily wusste, worauf sie sich einlässt, als sie sich einen Musiker geangelt hat.« Ich blickte in meinen Becher. »Es geht mehr um Willow.«
Logan zog überrascht eine Braue hoch, und ich war selbst ein wenig schockiert über mein Geständnis. Als Sean, der Drummer der Band, seine kleine Tochter das erste Mal mitgebracht hatte, hatte ich noch Abstand gehalten. Kinder waren nicht so mein Ding, aber die kleine Schönheit hatte mein Herz erobert. Und das ihres Vaters. Da Sean die ersten vier Jahre ihres Lebens verpasst hatte, hatte er klargestellt, dass er sich weigerte, über längere Zeit von Frau und Kind getrennt zu sein. Und wenn die Investition in ein Tonstudio allen Beteiligten das Leben etwas erleichtern konnte, war es mir das wert. Musik war ein Geschenk, und niemand sollte ihr entsagen müssen.
Ich schob das Kinn vor und wartete darauf, dass Logan mich mit Spott überhäufte. Stattdessen lächelte er gedankenverloren. »Das ist cool. Wenn jemand das verdient hat, dann Willow-Baby.«
Ich schmunzelte. »Na ja, vergessen wir nicht, dass das Studio ganz nebenbei auch ein lohnendes Geschäft ist.«
»Was für ein Studio?«, fragte Laurel, die zurückkam und sich wieder auf ihren Platz setzte.
Ich winkte ab, als sie mir die Starbucks-Karte zurückgeben wollte. »Das Studio, das ich über dem Nite Owl einrichten werde. Aber fürs Erste lasse ich die Wohnung leerräumen, damit du bis auf Weiteres dort wohnen kannst.«
Laurels Kopf fuhr ruckartig herum. »Ich dachte, ich soll bei dir wohnen?«, sagte sie zu ihrem Bruder.
Ich befürchtete schon, Logan würde schwach werden, aber er rückte seinen Stuhl näher an den seiner Schwester heran und beugte sich zu ihr hinüber, bis ihre Köpfe sich berührten. »Hab keine Angst«, sagte er leise. »Du musst da nicht allein durch. Ich werde dich jeden Tag besuchen.«
»Das ist es nicht.« Laurel rang die Hände auf dem Schoß. »Es ist nur … Ich habe nicht einmal einen Fernseher. Es macht mir nichts aus, auf dem Boden zu schlafen, aber …«
Laurel war raffiniert und hatte mit ihrem manipulativen Schachzug Erfolg. Logan stand sofort auf.
»Erst zum Elektrofachhandel oder zu Ikea?«, fragte er und hielt Laurel die Hand hin.
Sie sprang auf und fiel ihrem Bruder um den Hals. »Oh Logan! Danke!«
Er drückte sie fest an sich, während sie seine Wangen mit Küssen bedeckte, und einen Moment verdrängte Zufriedenheit seine Schuldgefühle. Leider irrte Logan, wenn er glaubte, dass Laurels Probleme sich mit Geld lösen ließen. Er würde diese Lektion noch früh genug lernen, und ich wollte ihm den Augenblick nicht verderben.
»Möchtest du mitkommen?«, fragte Logan mich und fischte seine Autoschlüssel aus der Tasche.
»Nope.« Ich stand auf und streckte mich. »Ich hole mir noch einen Kaffee und fahre dann ins Büro.«
Als Laurel mit Logan davonging, warf sie noch einen Blick zurück und winkte mir.
Worauf hast du dich da nur eingelassen?
Gedankenverloren schob ich mich durch das Labyrinth der Tische und vorbei an den Leuten, die Kaffee trinkend herumstanden. Shana war Gott sei Dank in ein Gespräch mit einer Kollegin vertieft, sodass sie nicht mitbekam, wie ich meine Bestellung aufgab.
Am Abholschalter setzte ich mich auf einen der Barhocker und checkte meine Mails, während ich auf meinen Kaffee wartete. Ich lächelte der Barista zu, als sie den To-go-Becher vor mich hinstellte.
Als ich aufstand, legten sich warme Finger auf meinen Arm. »Entschuldigung, ich glaube, das ist meiner.«
Als ich abwesend den Kopf in Richtung der Stimme drehte, sah ich in wunderschöne Augen, so blau wie der Himmel über den Bergen.
»Der Becher«, sagte sie mit einem Blick auf den Kaffee. »Ich glaube, das ist meiner.«
»Scheiße … tut mir leid.« Reflexartig packte ich den Becher fester, als sie danach griff. »Kennen wir uns?«
Sie legte den Kopf auf die Seite, und ihr Lächeln erlosch. »Nicht, dass ich wüsste.«
Wahrscheinlich hatte sie recht. Wären wir uns schon einmal begegnet, hätte ich mich daran erinnert. Kastanienbraunes Haar rahmte ihre feinen Gesichtszüge ein. Stupsnase. Schöne volle Lippen. Und diese Augen …
Ihren Becher immer noch umklammernd, schob ich das Gefühl eines Déjà-vus beiseite. »Sehr schade.«
Ihren schönen Lippen entfuhr ein genervter Seufzer. »Könnte ich jetzt bitte mein Getränk haben?«
Sie sah süß aus, wenn sie böse guckte, auch wenn ich ziemlich sicher war, dass sie es nicht gerne hörte, wenn man sie »süß« nannte. Aber so leicht ließ ich mich nicht ins Bockshorn jagen. Ich reichte ihr meine freie Hand. »Ich bin Chase.«
Sie musterte mich abschätzig. »Schön für Sie. Mein Kaffee?«
Verblüfft darüber, dass sie völlig ungerührt blieb, überließ ich ihr schmunzelnd den Becher. »Es ist immer wieder nett, jemanden von außerhalb kennen zu lernen. Hier bei uns ist es nämlich üblich, dass man die Höflichkeit erwidert, wenn sich jemand mit Namen vorstellt.«
Ich hegte keinerlei Zweifel, dass sie Texanerin war. Ihr Akzent verriet sie, ebenso wie die Röte, die ihr in die Wangen stieg, als ihr der Fauxpas bewusstwurde. Sie klemmte sich eine dunkelbraune Strähne hinters Ohr und gönnte mir zumindest den Hauch eines Lächelns. »Entschuldigung. Ich bin nur sehr müde. Jetlag.«
Sie hängte sich den Rucksack über die Schulter und machte Anstalten, zu gehen.
»Sie haben sich immer noch nicht vorgestellt.« Als sie die Augen zusammenkniff, hob ich beschwichtigend eine Hand und fischte eine Karte aus der Tasche. »Okay, was halten Sie davon, wenn Sie mir Ihren Namen heute Abend bei einem Drink verraten?«
Neugier blitzte in ihren Augen auf, als sie die Karte las. »Wo ist denn das Nite Owl?«
Als sie mir wieder ins Gesicht sah, lehnte ich mich lächelnd an den Tresen. »Nur ein Stück die Straße runter. Kennen Sie sich auf der Sixth Street aus?«
Sie verschluckte sich an ihrem Kaffee, erholte sich aber rasch wieder. »Ja, ziemlich gut sogar.«
Sie kam mir vage bekannt vor, ich konnte sie aber immer noch nicht einordnen. Vielleicht kam ich ja nach ein paar Drinks darauf. Wenn wir nackt waren. Ja, nackt war definitiv eine Option.
Ich rückte ein wenig näher an sie heran. »Und um wie viel Uhr sollen wir uns treffen?«
Während sie nachdachte, warf ich einen Blick auf den Namen auf der geriffelten Becherhülle.
Taryn …
Ich musterte sie eine Weile aufmerksam. »Sie sind Taryn Ayers.«
Als sie zusammenzuckte, wurde mir bewusst, dass es anklagend geklungen hatte. Vorwurfsvoll. Ich wartete ab, ob sie es bestreiten würde, aber das tat sie nicht. Schließlich ließ sie die Schultern hängen und lächelte steif. Es tat weh, zu sehen, wie sie diese wunderschönen Lippen beinahe gewaltsam zu einem Lächeln zwang.
»Damit dürfte sich die Verabredung wohl erledigt haben«, sagte sie, und als ich nicht widersprach, nickte sie knapp, machte auf dem Absatz kehrt und bahnte sich einen Weg zum Ausgang.
Ich blickte ihr nach und registrierte den Schwung ihrer Hüften und ihrer langen Mähne. Dann war sie weg, durch die Tür und verschwand im grellen Licht. Dabei hätte ich es belassen sollen. Es ging nicht um mich, sondern um meinen Bruder. Cameron hatte schon damit klarkommen müssen, Tyler Nobles Sohn zu sein. Aber nicht einmal mein Vater hatte in der Branche so viele Brücken eingerissen wie ich. Es gab keinen unerfüllten sechsstelligen Vertrag auf Tylers Namen. Und Tyler war auch nicht bei einem Konzert hinter der Bühne mit einer Überdosis zusammengeklappt.
Aber ich dachte nicht an Cameron, als ich Taryn folgte. Und erst recht nicht, als ich sie an der Ampel an der Congress Avenue einholte.
»Taryn!«
Mir wurde erst bewusst, dass ich ihren Namen laut ausgesprochen hatte, als sie ihre funkelnden blauen Augen auf mich richtete. Einen Moment dachte ich, das Schicksal würde eingreifen und mich vor mir selbst schützen. Ein Wort. Nur ein Wort, und ich würde gehen.
Aber dann lächelte sie leise, und der Zorn wich aus ihrem Blick. »Ja?«
Das war nicht das Wort, auf das ich gehofft hatte. »Ja« hielt allerlei Optionen offen. Und keine davon war gut.
Adrenalin pumpte durch meinen Körper, und ich fühlte diesen Kick, den ich immer spürte, wenn ich die Grenze überschritt. Irgendeine Grenze.
Ich trat dichter vor sie und registrierte befriedigt, wie sie scharf einatmete. Sie spürte es auch. Ich heftete den Blick auf ihre Lippen und ließ ihn dann langsam aufwärts zu ihren Augen wandern.
Entschuldige dich und gut.
Als ich jedoch den Mund aufmachte, formten meine Lippen die Frage von ganz allein. »Um sieben im Nite Owl?«
Ich starrte auf die Karte, die ich immer noch in der Hand hielt. Chase Noble. Ich wollte den Namen dieses unverschämten Kerls richtig aussprechen, wenn ich ihn dorthin schickte, wo der Pfeffer wuchs. Lächeln würde meiner Erwiderung etwas von ihrem Stachel nehmen. Und ich lächelte wahrhaftig.
Warum lächelte ich?
Vielleicht lag es an dem schiefen Grinsen in seinem Gesicht. Oder an den haselnussbraunen Augen, aus denen er mich frech musterte. Vielleicht auch an der dicken braunen Mähne, die ihm auf die breiten Schultern fiel. Als ich das Tattoo registrierte, das unter dem Ärmel seines T-Shirts hervorlugte, beschleunigte sich mein Pulsschlag.
Zumindest solange, bis mir wieder einfiel, wie der Glanz aus seinen Augen gewichen war, als er mich erkannt hatte. Ich riss mich zusammen und drückte den Fußgängerknopf der Ampel. »Ich denke, eher nicht, Chase.«
Er stellte sich neben mich, den Blick starr nach vorn gerichtet, und wartete darauf, dass die Ampel auf Grün sprang. »Vielleicht ist ja genau das das Problem.«
Ich warf ihm einen Seitenblick zu und wölbte eine Braue. »Wie bitte?«
Er zuckte mit den Schultern. »Sie denken zu viel.«
Mir lag eine spitze Erwiderung auf der Zunge, aber da wurde ich vom Vibrieren des Telefons in meiner Hand abgelenkt. Überrascht überflog ich das Dutzend neuer Nachrichten auf dem Display. Hätte ich mich nicht in der Innenstadt befunden, wäre ich davon ausgegangen, dass ich offline war, da ich keinen einzigen Nachrichteneingang mitbekommen hatte. Seit ich das Starbucks betreten hatte, war ich mit anderen Dingen beschäftigt gewesen. Unter anderem mit dem Kerl neben mir.
Die Ampel zeigte Grün und holte mich in die Gegenwart zurück. Ich machte einen Schritt nach vorn, aber Chase zog mich zurück an seine Seite. »Vorsicht.«
In seinen Augen lag jetzt ein weicher Ausdruck. Und er lächelte. Ich vergaß meine bissige Erwiderung und blickte dem Radfahrer hinterher, der mich um ein Haar über den Haufen gefahren hätte und sich geschickt durch den Verkehr schlängelte.
Chase hielt immer noch meinen Arm fest, und so befreite ich mich sanft aus seinem Griff. »Danke«, sagte ich und schaute nach rechts und links, bevor ich wieder auf die Straße trat.
Als Chase die Congress ebenfalls querte, warf ich ihm wieder einen Seitenblick zu. »Was wird das?«
Er zuckte mit den Achseln. »Ich warte eine angemessene Zeit ab, um Sie dann noch einmal um ein Date zu bitten.«
Ich musste mir ein Lächeln verkneifen. »Und welchen Zeitraum würden Sie als angemessen betrachten?«
Als wir sicher auf der anderen Straßenseite angekommen waren, wandte er sich mir zu. »So fünf Minuten würde ich sagen, damit müsste die Form gewahrt sein.«
Diesmal musste ich lachen, aber zu meinem Entsetzen klang es mehr wie ein Grunzen. Ich fischte die Wagenschlüssel aus der Tasche und ging zu meinem Wagen. »Das ist meiner.«
Chase warf einen Blick auf das Display seines Handys. »Noch eine Minute.«
Belustigt lehnte ich mich mit der Hüfte an den Kofferraum. »Ich kann Ihnen die Mühe ersparen und gleich nein sagen.«
Chase trat dicht vor mich und strich mir eine Haarlocke aus dem Gesicht. Zu meiner eigenen Überraschung ließ ich es geschehen und starrte wie hypnotisiert in seine wunderschönen braunen Augen.
»Aber Sie werden nicht nein sagen, richtig?«
Chase ließ jetzt seinen ganzen Charme spielen und lächelte breit. Aber das, was ihn bei Starbucks hatte zögern lassen, würde ihn irgendwann wieder einholen. Ich wollte widersprechen und ihn wegschicken, als er sich vorbeugte und mir zuraunte: »Es ist nur ein Drink, Taryn.«
Es gab keinen vernünftigen Grund, seine Einladung anzunehmen, aber genau das tat ich. Und ich musste an mich halten, um nicht vor lauter Überraschung die Hand vor den Mund zu schlagen.
Chase grinste, als hätte er von Anfang an gewusst, dass er mit seiner Masche Erfolg haben würde. »Sehr gut. Dann sehen wir uns um sieben.«
Ich nickte und flüchtete mich dann in meinen Wagen, wobei ich meine zitternden Hände und das Herzrasen verfluchte, als ich mich auf den Fahrersitz fallen ließ. Hatte ich mich wirklich gerade mit einem wildfremden Mann verabredet? Ich verstellte den Rückspiegel und beobachtete, wie Chase in entgegengesetzter Richtung davonging. Als er aus meinem Blickfeld verschwand, nahm ich wahr, dass das Telefon in meiner Hand vibrierte.
Ich blickte auf das Display, und meine gute Laune war dahin. Ash Devonshire.
Ich erwog, den Anruf auf die Mailbox umzuleiten, nahm ihn dann aber doch in einem Augenblick blinder Wut entgegen, indem ich mit dem Finger über seinen Namen wischte.
»Was willst du, Ash? Hast du nicht schon genug Schaden angerichtet?«
Er seufzte tief. »Taryn, lass mich doch erklären.«
Ich richtete den Blick auf die zerknitterte Ausgabe des Austin Statesman auf dem Beifahrersitz. »Erklären«, zischte ich. »Du sagtest, du wolltest eine Serie zum Gedenken an Damaged schreiben.«
Das allein hatte mich dazu bewogen, Ash zu erlauben, sich eine beliebige Band herauszupicken, die wir unter Vertrag hatten. Natürlich hatte er sich für Leveraged entschieden, die erfolgreichste Band der Big Three.
»Ich habe gesagt, dass ich eine Serie über das Vermächtnis von Damaged schreiben möchte«, entgegnete Ash ruhig. »Und ob es dir gefällt oder nicht, Beckett gehört dazu.«
»Mag sein, aber meines Wissens trifft das nicht auf Maddy Silva zu. Seltsamerweise befasst sich aber fast der ganze Artikel nur mit ihr. Du hast sie sogar interviewt.« Ich ließ mich in den Sitz zurücksinken, und mein Herz zog sich zusammen angesichts dieses Verrats. »Und damit nicht genug. Mich hast du auch noch mit reingezogen. Warum hast du das getan?«
Aber ich wusste, warum. Jeder Artikel, in dem mein Name fiel, steigerte die Auflage. Die Medien hatten mich in den vergangenen fünf Jahren in der Luft zerrissen und mich für den Unfall verantwortlich gemacht. Ich hatte die Tournee gebucht und den Terminplan erstellt. Wäre ich nicht Becketts Freundin gewesen, hätte sich die Aufregung irgendwann gelegt, aber Storys wie diese hier sorgten dafür, dass ich immer wieder ins Fadenkreuz geriet.
»Du bist ein Teil davon, Taryn«, sagte Ash leise und wenig überzeugend. »Das Vermächtnis. Deine Beziehung zu Beckett. Und du hast Leveraged groß gemacht.«
»Stell dich nicht dümmer, als du bist. Du bist kein dahergelaufener Paparazzo.«
Ash hatte sich als freiberuflicher Autor für Underground-Zeitungen, die über die Musikszene der Sixth Street berichteten, einen Namen gemacht. Nachdem Damaged eingeschlagen war wie eine Bombe, hatte ich ihm die Exklusivrechte eingeräumt. Ash hatte ziemlich viel Kohle gemacht mit Artikeln, die er an Time, Newsweek und den Rolling Stone verkauft hatte. Aber der eigentliche Durchbruch für ihn kam nach dem Unfall. Ich hatte ihm das erste Interview nach der Tragödie gegeben, das härteste Interview meines Lebens.
Ash hatte dafür einen Medienpreis bekommen und außerdem eine Redakteursstelle im Kulturressort beim Austin Statesman ergattert.
»Hör zu«, knurrte Ash. »Es gibt da ein paar Dinge, die du nicht weißt. Lass uns einfach reden.«
»Was für Dinge?«
Ich hörte eine Tür zuschlagen und gleich darauf Redaktionslärm im Hintergrund. »Lass uns persönlich darüber sprechen und nicht am Telefon.«
Seine Bitte berührte etwas in mir. Etwas, das einigen wenigen Menschen vorbehalten war. Wir hatten schon viel zusammen erlebt, und ich wusste, wenn er vor mir saß, würde er mich weichklopfen.
»Ich will dich nicht treffen«, entgegnete ich resolut. »Es geht nicht um mich allein. Was ist mit Tori? Du weißt, dass das Thema einer Wiedervereinigung von Damaged für die Medien tabu ist. Und was machst du? Du hast diesem Thema drei ganze Absätze gewidmet! Jetzt hat sie keinen Moment mehr Ruhe.«
»Die Story ist doch längst raus!«, brüllte er. »Du unterschreibst Verträge wie eine Wahnsinnige! Ich kann das Thema nicht ganz außen vor lassen. Wegen des bevorstehenden fünften Jahrestags des Unfalls spekulieren alle über eine Wiedervereinigung von Damaged.«
Ich hatte plötzlich einen Kloß im Hals. »Meinst du nicht, dass eine Wiedervereinigung etwas schwierig werden dürfte angesichts der Tatsache, dass Rhenn und Paige auf dem Oakwood-Friedhof die Radieschen von unten betrachten?«
