Rosa Luxemburg und Leo - Sylvie Lemasson - E-Book

Rosa Luxemburg und Leo E-Book

Sylvie Lemasson

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Beschreibung

Rosa Luxemburg und Leo Die Revolution oder nichts … Das Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918 läutet für viele Europäer eine neue Ära ein. Nach der Niederlage der Mittelmächte und der Beendigung des Massensterbens ist die Zeit reif für einen politischen Wandel und für ein neues europäisches Kräfteverhältnis. Aber einige plädieren für eine radikale Zäsur, insbesondere für eine universelle Revolution. Rosa Luxemburg gehört zu jenen Intellektuellen, die sich für dieses neue Weltbild einsetzen wollen. Diese historische Erzählung führt uns auf die Spuren einer Frau mit außerordentlichen Eigenschaften und Gefühlen, die die herrschende bürgerliche Ordnung umstürzen will. Ihr zu folgen bedeutet, die revolutionären Ideen, die Europa durchziehen, in einzigartiger Weise wieder aufzugreifen. Sie fügt sich in die Welt großer Figuren ein, die die Debatten einer neuen Gesellschaft beflügelten, von Mendelssohn bis Zola und von Marx bis Jaurès. Mit dem aufstrebenden Kampf einer Arbeiterklasse gegen den Imperialismus werden die nationalen Aufbrüche zum Inbegriff für allgemeine Revolten. Die Wellen breiten sich von Warschau bis Odessa und von Wilna bis Kiew aus. Rosas rebellische Existenz verschmilzt mit dem Engagement ihres Lebensgefährten Leo. Die beiden nehmen uns mit in unbekannte europäische Gefilde. Im Schlepptau der russischen Revolution wird Rosa Luxemburg die Gründung der ersten kommunistischen Partei in Berlin mit ihrem Leben bezahlen. Und Leo wird im gleichen Winter 1919 sein eigenes verlieren, da er sich weigert, Rosas Projekt aufzugeben. Sylvie Lemasson ist Autorin mehrerer Bücher zur Geschichte Mittel- und Osteuropas und Professorin am Institut für Politische Wissenschaften (Institut d'études politiques) in Grenoble.

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Sylvie Lemasson

Rosa Luxemburg und Leo

Die Revolution oder nichts …

© 2021 Sylvie Lemasson

Übersetzung: Karl-Heinz Thalmann

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Coverbild: Wikimedia Commons,

Novemberrevolution 9. November 1918

ISBN

978-3-347-27566-9 (Paperback)

978-3-347-29020-4 (Hardcover)

978-3-347-29021-1 (e-Book)

Originalausgabe:

Sylvie Lemasson: Rosa et Léo

La révolution ou rien …

Roman historique

Éditions Saint Honoré, Paris 2019

ISBN: 978-2-407-01349-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

… für R. und für L.

aber auch für V.

Inhalt

Prolog

Akt 1:

Von Wilna nach Odessa, von der Leidenschaft zur verlorenen Liebe mit Leo

Akt 2:

Die Sozialdemokratie, die nationale Frage und Kostja

Akt 3

Der Imperialismus, der Krieg und Hans

Akt 4

Die russische Revolution, die Spartakisten, Paul, Mathilde und all die anderen

Epilog

Roter Faden

„Die Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“

Rosa Luxemburg

Prolog

Rosa konnte ihre politischen Kämpfe immer schlagartig entscheiden. Sie konzipierte ihre Entscheidungen im Lichte eines wohlbegründeten und rationalen Lehrsatzes. Ohne zu einer exakten Wissenschaft zu gehören, passte die politische Ökonomie, die sie in der Schweiz und in Deutschland studiert hatte, ganz und gar zu ihr. Das lag wahrscheinlich an einer magnetischen Wirkung zwischen Objektivität und Subjektivität. Rosa gab das bereitwillig zu und argumentierte gern, um den Gedankengang ihres Gegners auf die Probe zu stellen. Ihr in Paris aufgenommenes Jurastudium wird ebenso zur Gestaltung ihrer Welt der Ideen beitragen. Sie vermochte durchaus, ihre Gesprächspartner richtig einzuschätzen und sie bis zum Widerspruch herauszufordern, ganz wie zwei Feuersteine, die man gegeneinanderschlägt, um einen Funken zu erzeugen. Rosa erklärte sich zu lebenswichtigen Wortgefechten bereit.

Wie oft indes hatte sie sich eine Welt vorgestellt, in der Vorhersehbarkeit an erster Stelle stände, eine Vorhersehbarkeit, die nach den Gesetzen der Mathematik funktioniert und messbar ist. Sie lächelte immer, wenn sie an Gauß dachte. Hätte sie sich wohler gefühlt mit Zauberformeln, die die Dimensionen einer Bewegung ermessen oder besser noch die Schwankungen des Universums berechnen konnten? Im Grunde war es jetzt unwichtig, es war ja zu spät, ihre Entscheidungen rückgängig zu machen. Sie begnügte sich damit, die von Carl Friedrich Gauß in Form einer Glocke gezeichnete Kurve genüsslich zu betrachten. Was für ein Genie, immerhin, gestand sie! Einige Monate nach ihrer Ankunft im Frühjahr 1898 in Berlin verspürte Rosa Lust, an einer Vorlesung über die Grundlagenforschungen des „Primus der Mathematiker“ teilzunehmen. So nannte ihn nämlich ehrerbietig die deutsche Wissenschaftsgesellschaft.

Die Gelegenheit, an einer Versammlung von Spezialisten teilzunehmen, ergab sich durch einen Bekannten, Gustav, einen der Söhne der Familie Lübeck, den sie später auf die Schnelle zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft heiraten wird. Die Sache war so zwischen ihnen vereinbart worden. Das war erstaunlich. Diese Scheinehe wurde aus Freundschaft geschlossen, aber auch aus Loyalität, die Rosa durch ihr absolutes Engagement Karl, dem Vater, erwiesen hatte. Als Anhänger der Sozialdemokratie verfasste er Artikel für sozialistische Zeitschriften, die sich gegen den Imperialismus auflehnten. Sein geschwächtes Sehvermögen erforderte die Hilfe einer kompetenten Person, die die Schärfe seiner Wörter und seines Stils erfassen konnte. Rosa verwandelte sich in einen Schutzengel.

Die Initiative zu dieser ehelichen Verbindung kam von Gustavs Mutter Olympia. Sie war polnischer Abstammung und empfand eine besondere Zuneigung zu der jungen Frau, die soeben Warschau und ihre gesamte Familie verlassen hatte. Rosa emigrierte in die Schweiz, genauso wie die Familie Lübeck sich einige Monate vorher auch dazu entschlossen hatte. Aber sie kam aus Deutschland.

Ihr gesamtes geistiges Rüstzeug ging auf in ihrem Vorhaben, die etablierte Ordnung, die Europa wie in ein Korsett einschnürte, niederzuringen. Vor nichts hatte sie Angst, denn es ging nicht mehr und nicht weniger darum, die imperialen Mächte Russlands, das sie ausgezeichnet kannte, Deutschlands und Österreich-Ungarns zu stürzen.

Mit kaum zwanzig Jahren hatte sich Rosa dazu entschlossen, ihre ganze Energie einem großen Ziel zu widmen. Um ihr das Einleben zu erleichtern, verschafft ihr Olympia eine vorläufige Unterkunft. Rosa richtet sich in der Mansarde des Wohnhauses ein, in dem die Familie Lübeck mit ihren acht Kindern wohnt. Das war im Jahre 1889.

Sofort nach ihrer Ankunft in Zürich profitiert Rosa dort von einer für ihr kämpferisches Engagement günstigen Atmosphäre. Sie sucht die Nähe zu den Hauptwortführern der europäischen Sozialdemokratie. Die meisten von ihnen sind Deutsche und müssen sich dem Exil beugen, um den Strafmaßnahmen des Kaiserreichs zu entgehen. Sie waren Sozialisten und das genügte schon, sie inneren Feinden gleichzusetzen. Reichskanzler Bismarck war auf der Hut und regierte mit eiserner Hand.

Karl Lübeck gehört zu dem Kreis, der den revolutionären Kampf im Ausland sorgfältig plant. Als Grenzland zu Deutschland und als erste Republik in Europa, die sich durch Waffengewalt befreit hatte, bot die Schweiz den politischen Emigranten gewisse Vorteile. Ihre Neutralität und die deutsche Sprache schufen wichtige Rahmenbedingungen für das Leben der Auswanderer aus Wien und Berlin. Selbst wenn London ein begehrter Zufluchtsortsort war, erwies sich Zürich als eine kleine Insel der Freiheit. Übrigens hat Lenin dort auch eine sichere Zuflucht gefunden, bevor er die bolschewistische Revolution auslöste.

Rosa fühlte sich wie ein Fisch im Wasser, da sie sofort als Gesprächspartnerin von den Gralshütern akzeptiert wurde. Dieser Kontakt mit den Weggefährten von Marx und Engels hindert sie aber nicht daran, sich zu emanzipieren. Die Erben der sozialistischen Idee nehmen in Rosas Augen sehr schnell die Züge von Patriarchen mit ihren zahlreichen blondköpfigen Nachkommen an. Und jedes Mal, wenn sie die Altvorderen traf, konnte sie nicht über die häuslichen Ausgehverbote hinwegsehen, die sie ihren Frauen verordnet hatten. Diese Haltung berührte sie schmerzlich und schien ihr ganz einfach charakteristisch für einen engstirnigen Geist zu sein, der alles in allem zu einer konventionellen Standesperson passt, die auf ihrem Geld sitzt. Rosa drehte vergeblich die Frage von rechts nach links und von links nach rechts, dieses Eingesperrtsein erschien ihr unwürdig für intelligente Menschen, die sich seit langem dafür eingesetzt hatten, solche konservativen Haltungen anzuprangern. Sie hatte sich mehrere Male selbst mit den betroffenen Frauen der Ideologen echter Färbung unterhalten. Keine von ihnen hat ihr das übelgenommen, was legitimerweise wie eine Einmischung in die Intimsphäre von Ehepartnern erschien. Rosa fühlte sich durch dieses Vertrauen erleichtert.

Ehrlich gesagt engagierte sie sich mit Leib und Seele für die weibliche Solidarität. Auch ihr Sinn für Freundschaft war nicht weniger ausgeprägt. Sein Wort geben, kam einem für immer geschlossenen Pakt gleich. Der Haussegen mochte in der großen Familie der Sozialdemokraten schief hängen, sie sorgte sich weiter um die Personen aus ihrem Umfeld, so wie man sein Innerstes beharrlich und zärtlich schützt. Im Gegenzug ertrug sie keine Lügerei und mehr noch, keine Heuchelei. Wenn eine politische Meinungsverschiedenheit mit einem ihrer Kontrahenten andauerte, diskutierte sie offen mit der Partnerin des Unruhestifters darüber. So verhielt es sich auch in Rosas Korrespondenz mit ihren Freundinnen. Bei einer Einladung zum Essen zu zweit oder aber zu einem Spaziergang im Wald bis zur Rückkehr der Kinder von der Schule befasste sie sich regelmäßig mit Angriffen auf den Ehemann. Rosa sprach immer geradeheraus und ohne Umschweife. Umschreibungen und Andeutungen sahen ihr nicht ähnlich. Sie drückte sich immer direkt aus. Ebenso forderte sie eine kompromisslose Linke mit Ecken und Kanten. Der radikale Wille zur Veränderung bestimmte ihr Engagement.

Rosa stand zu ihren markigen Worten und zu ihrer scharfsinnigen Meinung. Aus ihrer Sicht gaben sich die Alten dem Genuss der Zeit und dem Lauf der Dinge hin. Sie ließen die marxistische Sache dahinsiechen, je mehr der Wandel sich vollzog. Wenn die Machtübernahme in Reichweite zu sein schien, war es nicht mehr die Doktrin, die sie leitete, sondern der praktische Nutzen.

Fast ganz selbstverständlich wurden die führenden Köpfe eines Marxismus, den sie kurz vor dem Winterschlaf sah, zu ihren beliebtesten Zielscheiben. Sie kritisierte direkt, aber auch nicht immer geschickt diejenigen, die sie, die junge polnische Studentin, beraten und eingeladen hatten, sich an ihrer Arbeit zu beteiligen. Jeder hatte in Rosa eine besondere Person gesehen, brillant und frech zugleich. Ganz sicher fiel sie in diesem Milieu der Männer mit den grauen Bärten auf. Ihr rednerisches Talent ließ niemanden gleichgültig. Im Widerstreit der Meinungen verlangte sich Rosa alles ab, und diesen Kampf wollte sie lautstark führen. Für alle diejenigen, und es wurden immer mehr, die sie der Zugeständnisse an die liberale Bourgeoisie bezichtigte, stand ihr Ehrgeiz über den Werten des eigentlichen Kampfes. Ihre Art zu handeln glich einer Art von Sektierertum. Einige wagten sogar, von Abweichlertum zu sprechen. Aber Rosa verachtete gegenteilige Strömungen. Sie war zu durchgreifenden Veränderungen entschlossen und bereit, den Fehdehandschuh aufzunehmen.

Zu Anfang ihres Zürcher Aufenthalts hatte sie die Angewohnheit, sich auf die untere Lippe zu beißen, wenn sie nachdachte. Sie biss ebenso darauf, als sie einen Moment bei Familie Lübeck die Augen schloss. Sie wollte sicher gehen, dass sie keiner Täuschung erlegen war. Sie nahm an den Gesprächsrunden ihrer Gastgeber mit der Ungezwungenheit eines Gastes teil, der an die literarischen Salons der höheren Gesellschaft gewöhnt war. Man ermunterte sie, Parteiartikel zu schreiben und über eine zukünftige Promotion nachzudenken. Die Beherrschung der polnischen sowie der deutschen und russischen Sprache eröffneten ihr günstige Perspektiven.

Das meistverlangte Thema bezog sich auf Polen, und Rosa war darüber glücklich. Der Ausgangspunkt ihrer Forschungen würde der Prozess der Industrialisierung und die damit verbundene Emanzipierung der Arbeiterbewegung sein. Die Grundannahmen dieses umfangreichen Programms würden dazu tendieren, die politische Reife einer neuen sozialen Klasse zu überprüfen, um deren Grad der Mobilisierung zu verstehen. Der rote Faden war klar vorgegeben.

Zweimal in der Woche, am Dienstag- und Donnerstagnachmittag, fanden die Versammlungsrunden bei Familie Lübeck statt. Die Wortbeiträge vermischten sich mit dem Duft von Milchkaffee und Gebäck von Olympia. Ihr Apfelkuchen mit Zimt war bei allen sehr beliebt. Die Gäste bedienten sich erneut auf Drängen der Gastgeberin, die sich über die Komplimente freute. Sie sah darin eine Art Anerkennung, da ihre Debattenbeiträge an diesen Tagen den Umweg über die Küche nahmen. Man konnte eine Randfigur sein und doch eine nützliche Rolle spielen. Und in dieser wohligen Atmosphäre ging es darum, welche Taktik man wählen und welche Theorie man weiter entwickeln sollte.

Rosa schätzte die Anwesenheit russischer Emigranten bei diesen Gesprächsrunden. Sie war die Einzige, die auch von Nebengesprächen in deren Muttersprache profitieren konnte. Die Rebellen der Stunde, Plechanow und Axelrod, die sich gegen die Zarenherrschaft auflehnten, hatten sie in ihren Bann gezogen. Der historische Kontext war günstig für eine konzeptionelle Neuaufstellung. Der Marxismus ersetzte den Anarchismus. Eines Tages aber wird sie trotz der anfänglichen Verbrüderung Pavel Axelrod scharf kritisieren, als er ihrer Meinung nach anfängt, den revolutionären Schwung zu verraten. Sie wird ihm seine Kleinkrämerhaltung im Dienst eines liberalen und mittelmäßigen Kleinbürgertums vorwerfen, während Lenin seinerseits die große Nacht der ideologischen Wende einläutet. Die Kritik an der alten Ikone der russischen Opposition wird brutal sein …. Aber in dieser Zeit des Exils bleibt Rosas Obsession Kautsky.

Wie zum Teufel konnte dieser Theoretiker im Herzen der sozialdemokratischen Bewegung, der ihr darüber hinaus auch noch Zugang zu seiner Zeitung verschafft hatte, sie so herausfordern? Das betraf nicht die Korrekturen, die Kautsky Rosa nahelegte als sie ihm ihre Zeitungschroniken vorlegte, und noch weniger die Inhalte der Redebeiträge des österreichischen Intellektuellen, das kommt später, sondern seine lässige Art, wie er auf dem Stuhl herumwackelte, wenn er rauchte. Das war dumm, sie sah es ein. Die Bewegung, die Kautsky ausführte, um den Rauch seiner Pfeife an die Decke zu blasen, indem er seinen Hals mit einem Pfeifton genüsslich nach oben reckte, störte sie gewaltig. Die wiederholte Geste irritierte sie umso mehr, da sie sich auf dieses unerträgliche Pfeifen versteifte und dadurch den Faden der Unterhaltung verlor. Ist es diese Marotte, die später für die politischen Verhärtungen zwischen Rosa und Kautsky sorgen wird? Auf jeden Fall werden die Stiche, die sie ihm einige Jahre später in Berlin zugefügt hat, von derselben Machart sein wie die Pfeile, die sie auf ein anderes Urgestein der deutschen Sozialdemokratie, Eduard Bernstein, abschoss. Nichts schien für Rosa tabu zu sein, wenn es darum ging, im Namen der Parteidoktrin und im Interesse des Proletariats zu handeln. Diese Zusammenstöße mit unversöhnlichen Folgen innerhalb der SPD werden sie nicht daran hindern, eine tiefe Freundschaft mit Luise, der Frau von Kautsky, zu pflegen.

Olympia Lübeck wird ebenfalls zu diesem schönen Beziehungskreis gehören, den Rosa gern besuchte. Das Korrekturlesen, das sie für Karl Lübeck erledigt, um sein Handicap abzuschwächen, garantiert ihr den Schutz des Ehepaares. Diese Unterstützung ermöglicht ihr, einen Fuß in der Tür zur kämpferischen Presse zu haben. Die Vorliebe für Rhetorik und für anschauliche Darstellung liegt Rosa im Blut. Ihr Talent übt eine magnetische Wirkung auf die wohlwollenden Geister aus. Deshalb überzeugen Olympia und Karl ihren Sohn, sie zu heiraten. Gustav steht dieser Aktion gleichgültig gegenüber und lässt weder Ablehnung noch Begeisterung erkennen. Sein Leben wurde nicht wirklich durch die Launen seiner Mutter beeinträchtigt. Er erwies einen Dienst, sonst nichts. Und dann würden er und Rosa sich zwangsläufig so früh wie möglich scheiden lassen. Alles in allem erschöpfte sich ihre Ehe in einem gemeinsamen Treffen bei einer Vorlesung zu den Forschungen von Carl Friedrich Gauß, dem Gelehrten mit den vielen Facetten. Gustav interessierte sich für die Entdeckungen des Astronomen, während Rosa sich lieber auf die Theorie der Zahlen des Mathematikers konzentrierte. Nur sie machte sich über ihre unterschiedlichen Charaktere und über das etwas linkische Verhalten ihres Mannes lustig. Am Tag des Vortrags und der standesamtlichen Trauung war Gustav wie ein Hindernisläufer die Stufen mit großen Schritten hinaufgeeilt, ohne sich nach Rosa umzudrehen. Und jedes Mal, wenn er die nächste Etage des Gebäudes erreichte, hatte er sich nicht gefragt, ob er einen Flügel der in der Berliner Architektur so üblichen Schwingtüren aufhalten sollte. Schließlich suchte seine zukünftige Frau ihre Unabhängigkeit, und Gustav sah keinen Grund, sich mit einer Galanterie in Verlegenheit zu bringen, deren Prinzip ihm schwer verständlich erschien.

Dank dieser Scheinehe lieferten die Lübecks Pässe, die für ihre Schutzbefohlene von unschätzbarem Wert waren. Der erste erlaubte ihr, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen und dort zu wohnen, wo es ihr gefiel. Der zweite erleichterte ihr den Zugang zu den großen Redaktionen, den wahrhaften Unterstützern der Sozialdemokratie. Rosa fühlte sich frei. Sie konnte reisen und nach dem Absoluten streben. Berlin würde das Nervenzentrum ihrer Aktivitäten sein.

Immerhin wurde die berühmte Gaußsche Glockenkurve Rosas geschätzte Begleiterin. Sie unterhielt sich je nach Lust und Laune mit den zunehmenden und abnehmenden Linien dieser berühmten Komposition von Gauß. Es war schließlich das Hochzeitsgeschenk dieses biederen Gustavs. Statt einen kostbaren Ring, den sie sich so sehr eines Tages von Leo erhofft hätte, als Inspirationsquelle am Finger an- und auszuziehen, richtete sie ihren Blick auf eine Grafik. Rosa war sich des unpassenden Vergleichs bewusst. Vor allem, als sie sie laut befragte.

- Du, meine Freundin, was würdest du daraus schließen, Aufwärts- oder Abwärtsbewegung der Ideen…?!

Nur die Katze Mimi, eine andere aufmerksame Freundin, teilte das Geheimnis mit ihrer Herrin. Rosa amüsierte sich über dieses kuriose Dreiecksverhältnis, das ihr ein Gefühl von Leichtigkeit verschaffte. Die Kurve inspirierte sie, während Mimi ihr mit ihrem ständigen Schnurren Kraft gab. Diese ungewöhnlichen Momente waren der einzige Luxus, den Rosa sich gönnte. Ansonsten war alles eine Sache der Disziplin und der Loyalität. Sie gab niemals dem geringsten überflüssigen Zweifel nach auf die Gefahr hin, ihrem Leben als Frau tiefe Bisswunden zuzufügen. Nur die wahre Flamme des revolutionären Kampfes sollte sie leiten. Dennoch wurde ihre ganze Existenz auch von der Suche nach der wahren Liebe geleitet. Zuerst Leo, dann Kostja, dann Hans und dann noch andere. Und ganz am Ende noch einmal Leo. So war das Leben vergangen, intensiv und verschlungen.

In diesem Monat November 1918 spürte Rosa einige Stunden vor dem Waffenstillstand, dass sie die letzte Sprosse der Leiter erreichte. Während sie dem Wirbelsturm der Geschichte hilflos ausgeliefert war, und dieses Gefühl frustrierte sie gewaltig, fand sie zurück zu ihrer ersten leidenschaftlichen Liebe. Leo hatte alle ihre Sinne wieder entbrannt. Sie hatte ihn über alles geliebt, ihn, den undurchschaubaren Litauer. Er hatte sie sowohl in die Geheimnisse der ersten Liebe als auch in den ideologischen Kampf eingeweiht. Die zwei Seiten ihrer Partnerschaft gehörten zusammen.

Leo hatte ihr Vertrauen gewonnen. Mit ihm vergaß Rosa gewisse körperliche Mängel und genoss das Leben in vollen Zügen. Ihr Umfeld spürte ihre Strahlkraft. Sie hoffte, die ganze Welt mit Leo zu teilen. In Wirklichkeit kam es anders. Das Kind, das sie sich wünschte, sollte von ihm sein. Sie gab ihm ihr Verlangen zu erkennen, am Tag wie in der Nacht. Das war eine Möglichkeit, dem Schicksal zu entkommen. Sie ahnte, dass die so sehr gewünschte Harmonie an der Meinungsverschiedenheit zerbrechen würde. Je drängender die Erwartungen Rosas wurden, desto mehr verstärkte sich Leos Schweigen. Er hatte selten seine Abwesenheiten benutzt und sich hinter Zwänge versteckt, die die äußere Welt ihm auferlegten. Die Haftbefehle zwangen ihn immer wieder, nach neuen Verstecken zu suchen. In den Augen der russischen und deutschen Behörden waren seine Aktivitäten reine Propaganda. Und auf Leos Karteikarte stand der fatale Vermerk: Fahnenflüchtling. Nachdem er sich dem militärischen Pflichtdienst entziehen konnte, war er in ein Strafbataillon im fernen Turkestan gesteckt worden, aus dem er dann fliehen konnte. Für das Zarenimperium war das Maß voll. Nicht nur Leos Steckbrief machte jegliche Rückkehr nach Russland unmöglich, ohne mit der Justiz in Konflikt zu geraten, sondern auch die Gefahr, seinen ausländischen Pass zu verlieren.

Zusehends verstärkte die intensive Untergrundarbeit Leos schweigsamen Charakter. Rosa musste zugeben, dass nur ganz wenige Themen für ein versöhnliches Wort von ihm geeignet waren. Ihr Geliebter war niemals auf ihre Liebesbeweise eingegangen. Sie musste die Initiative dazu ergreifen. Seinerseits führte Leo jahraus, jahrein ein gestörtes Gefühlsleben. Im Gegensatz zu Rosa empfand er nie mehr eine Leidenschaft. Aber beide konnten gemeinsam im Bewusstsein ihrer politischen Übereinstimmungen voranschreiten, selbst wenn Leo manchmal in physische Gewalt gegenüber Rosa abglitt. Andere hätten sich nach dem Getöse der Trennung endgültig aus den Augen verloren, sie aber entschieden sich zu einer im revolutionären Hochofen geschmiedeten Allianz. Das Paar war beständig in Bewegung und wird keine Zugeständnisse an den ideologischen Kampf machen.

Während das eigentliche Thema des Nationalismus die führenden Köpfe der sozialistischen Internationale spaltet, nimmt Rosa eine unmissverständliche Position ein. Sie bekämpft den aufstrebenden Nationalismus mit der Begründung, dass er den globalen Kampf gegen den Imperialismus zu Gunsten mehrerer territorialer Einheiten spalten würde, und stellt sich gegen diese vorherrschende Meinung. Ohne zu zögern schloss sich Leo den gnadenlosen Ausführungen Rosas an. Die vorgebrachten Argumente glichen einem Mechanismus und das gefiel ihm. Alles ließ sich zerlegen und wieder zusammensetzen wie ein Maschinengewehr, das man einstellt, um den Gegner zu treffen, ohne zu riskieren, dass es blockiert. Rosas geistige Wendigkeit und Kühnheit überraschten ihn weiterhin. Er ließ sich gern durch die Gewandtheit der Sprache verunsichern. Alles war eine Sache der Dialektik mit Rosa. Wenn eine wesentliche Frage den Gedankengang behinderte, wandte sich Leo genau an sie. Wenn die Zeituhr der Wirklichkeit angepasst werden musste, war es wiederum sie, die er um Rat fragte.

Rosa hatte in hohem Maße unter dem Bruch ihrer Liebesbeziehung gelitten. Aber sie hatte ihn provoziert. Wie die Tiere, die in einem Fangeisen mit scharfen Zähnen festsitzen und versuchen zu überleben, indem sie sich Gliedmaßen abbeißen, genauso verstümmelte sich Rosa. Der affektive und emotionale Schock hatte sie krank gemacht. Mit dem Instinkt eines verletzten Tieres suchte sie nach der wohltuenden Quelle. Wenn ihr das politische Engagement die Kraft gab zu widerstehen, so raubte es ihr auch ein friedliches Eheleben.

Rosa war überempfindlich. Ihre Freunde kannten sie vor allem als Frau, die nicht nur an sich selbst hohe Anforderungen stellte, sondern auch an jeden von ihnen. Es gab überhaupt keinen Platz für die Lüge, das Schweigen, die Abwesenheit. Rosas unerschütterliche Loyalität wurde an ihrer politischen Entschlossenheit gemessen. Nichts und niemand konnte sie von dem Weg abbringen, der zum Opfer hinzuführen schien, hin zu dem Golgatha, welches sie so oft beschworen hatte. Leo verstand sie besser als alle anderen. Und Rosa konnte mehr als alle anderen Genossen in seinem Gesicht lesen. Sie konnte auf seine ungewöhnliche Energie zählen, um allen Hindernissen zum Trotz den Kurs zu halten. Viele erkannten es, sie zog in ähnlicher Weise die Polemiken an wie der Blitzableiter den Blitz.

Aus ihrem Schweizer Exil führten Leo und Rosa gemeinsam einen kompromisslosen Kampf für die Arbeiterklasse. Sie kam damals aus Warschau und er aus Wilna, zwei ehemalige und blutsverwandte Hauptstädte, wo sich viele Menschen unter dem damaligen zaristischen Joch tummelten. Rosa und Leo waren jüdischen Ursprungs und gezwungen zu fliehen, um sich von der russischen Unterdrückung zu befreien. In Wilna wie in Warschau wurde der Kampf für eine sozialistische Partei hart geahndet. Rosas Familie versucht, jede soziale Ausgrenzung zu vermeiden, indem sie ihre konfessionellen Wurzeln verheimlicht. Der Vater, ein