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Beschreibung

Am 5. März 2021 ist der 150. Geburtstag Rosa Luxemburgs. Das Buch gibt einen Überblick über ihr Leben und ihre Kämpfe. Im Mittelpunkt steht aber nicht ein Leben, das schon über 100 Jahre zurück liegt, sondern ihre Ideen, die heute noch hochaktuell sind. Großen Raum nehmen ihre Beträge zu Auseinandersetzungen über heute noch aktuelle Fragen ein: z.B. der Umgang mit bürgerlichen Kräften in außerparlamentarischen Bewegung, die Rolle des Parlaments, Regierungsbeteiligung, politische Massenstreiks und der Kampf gegen den Krieg. Angesichts dessen, dass marxistische Ideen heute nicht mehr so bekannt sind wie in früheren Jahrzehnten, werden dabei nicht nur die von ihr speziell entwickelten Positionen dargestellt, sondern auch marxistische Grundpositionen über den Sozialismus, die kapitalistische Wirtschaft oder die Rolle der Gewerkschaften in ihren Worten wiedergegeben. Rosa Luxemburg war ihr leben lang nicht nur Theoretikerin und Schriftstellerin. So wird in dem Buch auch auf ihre Aktivitäten in der internationalen Arbeiter*innenbewegung eingegangen.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Vorwort

1. Rosa Luxemburgs Verständnis des Sozialismus

2. Kapitel Die nationale Frage – Rosa Luxemburg als „Revisionistin“?

3. Kapitel Gegen revisionistische Theorie und opportunistische Praxis

4. Kapitel „Weltpolitik“ und Imperialismus

5. Kapitel Staat und Klassen im Imperialismus

6. Kapitel Revolution „in Russland und bei uns“

7. Kapitel Der Massenstreik als proletarische Kampfmethode

8. Kapitel Polnische und russische Konflikte

9. Kapitel Der Kampf gegen Imperialismus, Rüstung und Krieg

10. Kapitel Für eine Offensive

11. Kapitel Der Erste Weltkrieg

12. Kapitel Revolution in Russland und Deutschland

Impressum

1. Auflage, 2021

Manifest Verlag (Arnsburg, Koschitzki, Sol e.V. GbR)

Littenstr, 106/107, 10179 Berlin

Telefon: (030) 24 72 38 02

Email: info@manifest–verlag.de

Internet: www.manifest–verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Umschlaggestaltung: René Arnsburg

Autor: Wolfram KLein

Vorwort

Dieses Buch anlässlich des 150. Geburtstags von Rosa Luxemburg soll keine neue Biographie sein. Tatsächlich stützt es sich bei seiner Darstellung von biographischen Daten und der Äußerungen von Zeitgenoss*innen überwiegend auf vorliegende ausführliche Biographien, insbesondere auf die klassische Biographie von Paul Frölich und die anlässlich ihres 125. Geburtstags erschienene umfangreiche Arbeit von Annelies Laschitza, die sich unter anderem als (Mit-)Herausgeberin ihrer „Gesammelten Werke“ und „Gesammelten Briefe“ seit den 1970er Jahren ausführlich mit ihrem Leben und Werk beschäftigt hat.

Was die politische Bewertung angeht, habe ich aber zu beiden Autor*innen Differenzen. Paul Frölich konnte oder wollte bei Rosa Luxemburg fast keine politischen Fehler entdecken. Laschitzas Arbeiten in der DDR sahen Luxemburgs Ideen durch die Brille der staatlich verordneten stalinistischen Karikatur der Ideen Lenis – ob aus Überzeugung oder um wenigstens einen Teil der Wahrheit veröffentlichen zu können, sei hier dahingestellt –, ihre nach 1989 veröffentlichten Arbeiten verwenden teils die gleiche falsche Gegenüberstellung … nur dass ihre Sympathien jetzt auf Seiten Luxemburgs statt des falschen Lenins liegen.

Tatsächlich waren die Differenzen zwischen Lenin und Rosa Luxemburg viel geringer, als sie häufig dargestellt werden, sowohl von Reformist*innen, die die Revolutionärin Luxemburg als Waffe gegen den Revolutionär Lenin verwenden wollten, als auch von Stalinist*innen, die die Bedrohung der Bürokratenherrschaft in der Sowjetunion, der DDR und anderen Ländern vor der Kritik durch Rosa Luxemburgs Ideen abschirmen wollten. Außerdem waren dabei weder Lenin noch Rosa Luxemburg in allen Fragen im Recht.

Die stalinistische Praxis, Luxemburg an dem Maßstab des angeblichen Lenins zu messen, hat gegenüber dem Vergleichen zwischen beiden verständliche Vorbehalte erzeugt. Tatsächlich können Vergleiche aber ein sinnvolles Mittel sein, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und damit das Verständnis für politische Positionen zu vergrößern. In diesem Sinne werde ich solche Vergleiche einsetzen.

Ein weiterer Unterschied zwischen diesem Text und anderen Schriften über Rosa Luxemburg ist, dass ihre grundsätzlichen Ansichten über Fragen, wie die kapitalistische Wirtschaft funktioniert, oder was Grundzüge einer sozialistischen Gesellschaft sind, meist nicht dargestellt werden. In früheren Jahrzehnten konnte man es tatsächlich für überflüssig halten, ihre Ansichten zu Fragen wiederzugeben, in denen sie im Großen und Ganzen die üblichen marxistischen Positionen vertreten hat. Heute scheint mir das aus zwei Gründen anders zu sein. Erstens sind nach 1989 die Kenntnisse über die marxistischen Grundideen drastisch zurückgegangen. Zweitens sind stattdessen Ideen populär geworden, die mit den marxistischen Ideen, wie sie auch Rosa Luxemburg vertreten hat, im Gegensatz stehen. Zur Verwirrung trägt bei, dass diese „postmodernen“ Ideen teils als Marxismus bezeichnet werden (oder als dessen Weiterentwicklung – in Wirklichkeit erkennen ihre Verfechter*innen oft nur deshalb nicht, dass sie zu Ideen zurückgekehrt sind, die im vormarxschen Sozialismus verbreitet waren, weil ihre Kenntnis der sozialistischen Ideengeschichte kläglich ist). Da man aber die (wertvollen, gelegentlich fehlerhaften, nicht selten trotz Fehlern wertvollen) tatsächlichen Weiterentwicklungen der marxistischen Ideen, die wir Rosa Luxemburg verdanken, nur richtig werten kann, wenn man ihre Ausgangsbasis kennt, werde ich diese Ausgangsbasis ausführlicher als üblich darstellen. Dass das zugleich bedeutet, Ideen und Erkenntnisse in den Worten von Rosa Luxemburg darzustellen, die heute noch wichtig und aktuell und zu Unrecht zu großen Teilen in Vergessenheit geraten sind, ist selbstverständlich ein weiteres Motiv.

Das führt zu der Frage, warum man sich überhaupt mit den Ideen eines Menschen beschäftigen soll, der vor 150 Jahren geboren und vor über 100 Jahren ermordet wurde. Rosa Luxemburg schrieb in einem Gedenkartikel zum 20. Todestag von Karl Marx: „Wenn wir deshalb jetzt in der Bewegung einen theoretischen Stillstand verspüren, so ist es nicht, weil die Marxsche Theorie, von der wir gezehrt, der Entwicklung unfähig sei oder sich „überlebt" habe, sondern umgekehrt, weil wir die wichtigsten geistigen Waffen, die uns in dem bisherigen Stadium zum Kampfe notwendig waren, der Marxschen Rüstkammer bereits entnommen haben, ohne sie damit zu erschöpfen; nicht, weil wir im praktischen Kampf Marx „überholt" haben, sondern umgekehrt, weil Marx in seiner wissenschaftlichen Schöpfung uns als praktische Kampfespartei im Voraus überholt hat; nicht, weil Marx für unsere Bedürfnisse nicht mehr ausreicht, sondern weil unsere Bedürfnisse noch nicht für die Verwertung der Marxschen Gedanken ausreichen.“1 Ich bin der festen Überzeugung, dass sowohl die Gedanken von Marx als auch die von Rosa Luxemburg uns auch heute noch „überholt“ haben und Antworten auf Fragen geben, die nicht nur heute aktuell sind, sondern noch mehr in der Zukunft aktuell werden.

Es würde den Rahmen sprengen und auch das Verständnis erschweren, wenn ich ihre Ideen in der Reihenfolge darstellen würde, in der sie von ihr zu Papier gebracht wurden. Stattdessen werde ich Fragestellungen an den Stellen ihrer Biographie behandeln, in denen sie zum ersten Mal Bedeutung erlangt haben. (Teilweise ist es auch die Stelle, an der sie eine besonders große Bedeutung hatten. So war sie seit ihrer Kindheit ständig mit Antisemitismus konfrontiert. Ihre ausführlichsten Stellungnahmen dazu stammen aber aus dem Herbst 1910, als bürgerliche Medien in Polen ein „literarisches Pogrom“ – heute würde man es vielleicht „medialen Shitstorm“ nennen – veranstalteten. Deshalb werde ich die Frage in diesem Zeitabschnitt ihres Lebens behandeln.)

Das Buch gliedert sich deshalb in zwölf Kapitel. Im ersten Kapitel behandle ich Rosa Luxemburgs Weg zum Sozialismus, also ihre Kindheit, Jugend, den Beginn ihrer politischen Tätigkeit und die marxistischen Ideen, die sie sich angeeignet hat. Das zweite Kapitel behandelt ihre Arbeit im Schweizer Exil für die polnische revolutionäre Bewegung und die Herausbildung einer internationalistischen und einer sozialpatriotischen Richtung in dieser Bewegung. Im dritten Kapitel geht es um ihren Kampf für die Verteidigung der marxistischen Theorie und Praxis in der deutschen Sozialdemokratie. Thema des vierten Kapitels sind die wirtschaftlichen und internationalen Veränderungen durch den Eintritt des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium. Der Imperialismus hatte aber auch Auswirkungen auf die Innenpolitik und die Beziehungen zwischen den Gesellschaftsklassen, die im fünften Kapitel behandelt werden. Für das sechste Kapitel kehren wir wieder nach Polen und in das russische Zarenreich zurück, zu den Entwicklungen der dortigen Arbeiter*innenbewegung und zur Revolution in den Jahren 1905-1907. Der Gegenstand des siebten Kapitels ist Rosa Luxemburgs Kampf für den politischen Massenstreik in Deutschland (insbesondere im Kampf um die Demokratisierung des preußischen Wahlrechts), dessen Bedeutung sich für sie sowohl aus den im vierten Kapitel behandelten Veränderungen der Klassenbeziehungen als auch aus der Erfahrung der russischen Revolution ergab. Das achte Kapitel behandelt Konflikte in Polen und Russland in der schwierigen Periode nach der Niederlage der Revolution 1905-1907. Das neunte Kapitel greift den Faden des vierten Kapitels wieder auf und schildert die Auseinandersetzung in der deutschen Sozialdemokratie mit Imperialismus und Kriegsgefahr. Das zehnte Kapitel beschreibt die Zuspitzung der politischen Widersprüche in Deutschland, die zu einem Zusammenlaufen des im neunten Kapitel behandelten Kampfs gegen die Kriegsgefahr mit dem preußischen Wahlrechtskampf und dem Massenstreik als Kampfmethode führten, die im siebten Kapitel behandelt wurden. Im elften Kapitel geht es dann um den Ersten Weltkrieg und im zwölften um die Revolutionen in Russland 1917 und in Deutschland 1918.

Diese Darstellungsweise verringert zwar die thematischen Sprünge, bringt aber zeitliche und räumliche Sprünge mit sich. Um nicht bei den Leser*innen Kenntnisse ihrer Biographie vorauszusetzen, die diese möglicherweise nicht haben, stelle ich einen sehr kurzen Überblick über ihr Leben voraus.

Rosa Luxemburg hat einmal geschrieben, „dass Monotoniekein positiver Faktor ist und dass man die Leser gewinnen, aber nicht terrorisieren muss.“2 Zitate können für Leser*innen ermüdend sein, aber da in meinen Zitaten vor allem die große Rednerin und Schriftstellerin Rosa Luxemburg selbst zu Wort kommt, bin ich zuversichtlich, dass der Text trotzdem weder monoton noch terrorisierend ist.

Wolfram Klein, Plochingen im Februar 2021

***

Eine Arbeit über Rosa Luxemburg leidet darunter, dass es bis heute keine vollständigen Ausgaben ihrer Werke und Briefe gibt. Es gibt „Gesammelte Werke“ (hier abgekürzt GW), von denen in den 1970er Jahren in der DDR fünf Bände und in den letzten Jahren zwei weitere Bände erschienen, die aber nur einen kleinen Teil ihrer polnischen Schriften enthalten. Bei einer Autorin, deren Arbeitsschwerpunkt über viele Jahre die polnische Arbeiter*innenbewegung war und die vor allem durch und durch Internationalistin war, ist diese Beschränkung haarsträubend. Weitere für polnische Publikationen verfasste Texte sind erschienen in der ersten Ausgabe ihrer „Gesammelten Werke“ (hier abgekürzt GW*), von der in den 20er Jahren drei Bände von neun geplanten erschienen. (Die Herausgabe wurde abgebrochen, weil sich in den Kommunistischen Parteien der Stalinismus durchsetzte und dadurch sowohl der Herausgeber Paul Frölich als auch Rosa Luxemburg selbst in „Ungnade“ fielen.). In den 1970er Jahren erschien ein weiterer Band mit ein paar ihrer „polnischen“ Schriften unter dem Titel „Internationalismus und Klassenkampf“ (im Folgenden abgekürzt als IK). 2012 erschien ihr Hauptwerk zur Nationalen Frage „Nationalitätenfrage und Autonomie“ auf Deutsch, 2015 mehrere ihrer polnischen Texte rund um die Revolution 1905/06 („Arbeiterrevolution 1905/06“). Ein weiterer achter Band ihrer Gesammelten Werke, der ihre ausstehenden polnischen Schriften enthalten soll, ist angekündigt, aber leider noch nicht erschienen. In den 1980er Jahren erschienen fünf Bände „Gesammelte Briefe“ (hier abgekürzt mit GB), ein sechster Nachtrags-Band erschien 1993.

Ich verwende auch in Zitaten die neue Rechtschreibung. Darüber hinaus, habe ich weitere sprachliche Modernisierungen vorgenommen, die zur Zeit des Erscheinens der verschiedenen Neuausgaben bereits üblich waren, aber in den Texten trotzdem unterlassen wurden. Es erschiene mir unlogisch, „daß“ in „dass“ zu ändern, aber z.B. nicht „das Kompromiss“ in „der Kompromiss“. Ich hoffe, dass dies sprachliche Irritationen beim Lesen vermeidet, die nur von den Inhalten ablenken würden. Eine geschlechtsneutrale Sprache mit * habe ich im Text zu verwenden versucht, sie aber nicht nachträglich in Zitate eingearbeitet.

Überblick über Rosa Luxemburgs Leben

Rosa Luxemburg wurde 1871 in Polen geboren. Sie wurde als Schülerin in einem geheimen oppositionellen Zirkel aktiv und kam in Kontakt zur jungen polnischen Arbeiter*innenbewegung. Nach ihrem Schulabschluss war sie politisch aktiv und floh 1889 in die Schweiz.

In Zürich studierte sie und gründete 1893 mit anderen internationalistischen polnischen Emigrant*innen die Zeitung Sprawa Robotnicza („Arbeitersache“), die sie bis 1896 redigierte und die das Zentralorgan der in Polen gegründete Sozialdemokratie des Königreichs Polens (SDKP, ab 1900 Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens, SDKPiL) wurde.

Sie kämpfte für die Anerkennung der Partei als Vertreterin der polnischen Arbeiter*innen innerhalb der Zweiten Internationale, des seit 1889 bestehenden internationalen Zusammenschlusses sozialdemokratischer Parteien (vor allem in Europa und Nordamerika). Die Sozialdemokratie betrachtete sich damals als revolutionär und sozialistisch, in vielen Ländern, auch in Deutschland, bekannte sie sich zum Marxismus (auch wenn sie tatsächlich die marxistischen Ideen nur teilweise unterstützte). Rund um den Londoner Kongress der Zweiten Internationale 1896 vertrat sie ihre Auffassung der polnischen Frage in mehreren Artikeln in der internationalen sozialdemokratischen Presse.

Sie veröffentlichte 1896 in der deutschen sozialdemokratischen Presse auch Artikel über die nationale Frage auf dem Balkan

1897 schloss sie ihre Doktorarbeit über „Die industrielle Entwicklung Polens“ ab, in der sie die wirtschaftliche Integration Polens ins russische Zarenreich behandelte.

1898 übersiedelte sie nach Deutschland und wurde im Herbst kurzzeitig Chefredakteurin der „Sächsischen Arbeiterzeitung“. Außerdem veröffentlichte sie in 1898-1913 zahlreiche Artikel in der „Leipziger Volkszeitung“, der wichtigsten Zeitung auf dem linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie. (Daneben schrieb sie für weitere sozialdemokratische Zeitungen.)

In zwei Artikelserien 1898 und 1899, die als Broschüre unter dem Titel „Sozialreform oder Revolution?“ nachgedruckt wurden, widerlegte sie den Versuch von Eduard Bernstein, die Marxsche Theorie zu revidieren („Revisionismus“).

Anfang 1899 veröffentlichte sie eine Artikelserie („Miliz und Militarismus“, als Anhang der Broschüre „Sozialreform oder Revolution?“ nachgedruckt) gegen den Versuch, die traditionelle sozialdemokratische Forderung der Ersetzung des stehenden Heeres durch eine Miliz zu entsorgen.

Im Herbst 1899 kritisierte sie in mehreren Artikeln Wahlabsprachen zwischen Sozialdemokratie und dem katholischen Zentrum in Bayern.

Ende 1900 prangerte sie in einer Broschüre die Unterdrückung der polnischen Minderheit in Preußen an.

Nachdem sie sich seit 1898 in einigen Artikeln mit Frankreich (unter anderem der Dreyfus-Affäre, dem Vertuschungsversuch eines Justizverbrechens an einem jüdischen Offizier) beschäftigt hatte, bekämpfte sie 1901 in mehreren Artikeln den Eintritt des Sozialisten Millerand in eine bürgerliche Regierung in Frankreich.

Im Herbst 1901 schrieb sie Artikel gegen die Zustimmung der badischen Sozialdemokratie zum Landeshaushalt.

Im Frühjahr 1902 befasste sie sich in mehreren Artikeln mit dem gescheiterten Generalstreik in Belgien für eine Demokratisierung des Wahlrechts.

1903 behandelte sie in einer ausführlichen Artikelserie die Frühgeschichte der polnischen Arbeiter*innenbewegung in den 1880er Jahren („Dem Andenken des ,Proletariat'“). Sie schrieb auch Artikel zum 20. Todestag von Karl Marx. In diesem Jahr wurde sie Vertreterin der SDKPiL im Internationalen Sozialistischen Büro, dem Führungsgremium der Zweiten Internationale.

1904 schrieb sie u.a. eine Broschüre „Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie“, in der sie die Spaltung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russland (SDAPR) im Vorjahr in Bolschewiki und Menschewiki kommentierte.

Im Jahre 1905 beschäftigte sie sich in zahlreichen Artikeln in der polnischen und deutschen sozialdemokratischen Presse mit der Revolution in Russland und Polen und ihren Lehren und mit dem politischen Massenstreik als Kampfmittel.

Im Herbst 1905 wurde sie Redakteurin des „Vorwärts“, des Zentralorgans der deutschen Sozialdemokratie.

Ende 1905 ging sie nach Warschau, um direkt an der Revolution teilzunehmen. Im März 1906 wurde sie verhaftet, aber nach einigen Monaten gegen Kaution freigelassen. Sie diskutierte in Russland mit den dortigen Revolutionär*innen und schrieb die Broschüre „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“, in der sie die Lehren der russischen Revolution für Deutschland herausarbeitete.

Im Mai/Juni 1907 nahm sie am V. Parteitag der SDAPR in London teil, auf dem die SDKPiL zusammen mit den Bolschewiki und anderen die linke Parteitagsmehrheit bildete.

Im September 1907 brachte sie auf dem Internationalen Sozialist*innenkongress in Stuttgart mit Lenin und Martow aus Russland einen Änderungsantrag ein, der die Sozialdemokratie verpflichtete, alles Machbare zu tun, um Kriege zu verhindern und – wenn das keinen Erfolg hat – für deren Beendigung einzutreten und die durch den Krieg herbeigeführte Krise nach Möglichkeit zum Sturz des Kapitalismus zu nutzen.

Im Herbst 1907 wurde sie Lehrerin für Nationalökonomie an der neu eingerichteten Parteischule der SPD, die für die nächsten Jahre ihr Hauptbetätigungsfeld in den Winterhalbjahren (und ihre Haupteinnahmequelle) war. Eine Frucht dieser Tätigkeit war das Buch „Einführung in die Nationalökonomie“, die aber erst posthum aus erhalten gebliebenen Manuskriptteilen veröffentlicht wurde.

Im Herbst 1908 kämpfte sie auf dem SPD-Parteitag erneut gegen eine Zustimmung zu einem Landeshaushalt.

1908/1909 entwickelte sie in der ausführlichen Artikelserie „Nationalitätenfrage und Autonomie“ ihre Position zur nationalen Frage, kritisierte die Forderung der SDAPR nach dem Selbstbestimmungsrecht der nationalen Minderheiten in Russland und begründete ihre Forderung nach Autonomie für Polen innerhalb Russlands.

Ab dem Frühjahr 1910 setzte sie sich in Artikeln und Reden für den Massenstreik als Kampfmittel für die Demokratisierung des Wahlrechts in Preußen ein. Während in den vergangenen Jahren in der Sozialdemokratie die Parteilinken und das Parteizentrum gemeinsam gegen opportunistische Neuerungsversuche durch die Parteirechten gekämpft hatten, begann jetzt ein Bruch zwischen ihnen und ein gemeinsamer Kampf der Parteirechten und des Zentrums gegen die Bestrebungen des sich herausbildenden linken Parteiflügels, verstärkt auf außerparlamentarische Massenaktionen bis hin zu Massenstreiks zu setzen.

Im Herbst 1910 kam es zu einer antisemitischen Hetzkampagne auch „fortschrittlicher“ polnischen Blätter gegen die SDKPiL und Rosa Luxemburg persönlich, auf die sie mit mehreren Artikeln antwortete.

Im Sommer 1911 setzte sich Rosa Luxemburg für Massenproteste gegen die drohende Kriegsgefahr durch die Marokkokrise ein.

Im Frühjahr 1912 protestierte sie in mehreren Artikeln und Reden gegen das Wahlabkommen zwischen Sozialdemokratie und Linksliberalen (Freisinn oder Fortschrittliche Volkspartei) für die Stichwahlen bei den Reichstagswahlen, dem Illusionen in einen „neuen Liberalismus“ zugrunde lagen.

1913 befasste sie sich in einer Artikelserie mit einem falsch aufgezogenen und gescheiterten Generalstreik in Belgien. In einer Reihe von Artikeln kritisierte sie das Abstimmungsverhalten der Sozialdemokratie im Reichstag bei dem neuen Aufrüstungsprogramm der Regierung und griff in die erneute Diskussion über den politischen Massenstreik ein.

In diesem Jahr schrieb sie ihre „Akkumulation des Kapitals“, mit der sie Lücken im zweiten Band des Marxschen „Kapitals“ zu füllen versuchte und zugleich einen Beitrag zur Analyse des Imperialismus leisten wollte.

Nachdem sie und andere linke Mitarbeiter*innen aus der „Leipziger Volkszeitung“ verdrängt worden waren, gründete sie mit Franz Mehring und Julian Marchlewski Ende 1913 die „Sozialdemokratische Korrespondenz“, die regelmäßig Artikel zum Abdruck in den sozialdemokratischen Zeitungen verschickte

Im Februar 1914 wurde sie in Frankfurt wegen antimilitaristischer Reden zu 12 Monaten Gefängnis verurteilt. Zahlreiche Protestkundgebungen gegen das Urteil zeigten große Unterstützung der sozialdemokratischen Parteibasis für sie. Ein weiteres Gerichtsverfahren gegen sie, weil sie Soldatenmisshandlungen in der Armee angeprangert hatte, führten zu einer Flut von Zeugenaussagen, die die massenhafte Verbreitung von Soldatenmisshandlungen in der Armee bestätigten.

Als im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg begann und die sozialdemokratische Reichstagsfraktion entgegen den Beschlüssen mehreren Sozialist*innenkongresse den Kriegskrediten zustimmte, gehörte sie zu den wenigen, die vom ersten Tag an Widerstand dagegen organisierten.

Im Frühjahr 1915 gab sie zusammen mit Franz Mehring die Zeitschrift „Die Internationale“ heraus, die sofort verboten wurde, nach der aber ihre Oppositionsgruppe gegen die Kriegspolitik der Parteiführung den Namen „Gruppe ,Internationale'“ erhielt (später auch „Spartakusgruppe“).

Vom Februar 1915 bis Februar 1916 musste sie die Haftstrafe wegen des Frankfurter Urteils absitzen. In der Haft schrieb sie ihre „Junius-Broschüre“, die die Kriegsursachen untersuchte und die Propaganda, es handele sich um einen Verteidigungskrieg, entlarvte.

Nach ihrer Freilassung arbeitete sie mit Karl Liebknecht und anderen am Aufbau der konsequenten Antikriegsopposition und an der Organisierung von Massenprotesten (1. Mai 1916 mit Zehntausend Demonstrant*innen in Berlin, Massenstreiks gegen die Verurteilung Liebknechts) und kritisierte die halbherzige Opposition des Parteizentrums gegen den Krieg. Bereits wenige Monate nach ihrer Freilassung wurde sie in „Schutzhaft“ genommen, die bis zum Kriegsende immer wieder verlängert wurde.

Im April 1917 formierten sich die aus der SPD herausgedrängten Kriegsgegner*innen als Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD). Die Spartakusgruppe nahm an der USPD teil, behielt aber ihre eigenen Strukturen.

Rosa Luxemburg beschäftigte sich intensiv mit der im März 1917 begonnenen russischen Revolution. Sie begrüßte enthusiastisch den Sturz der provisorischen Regierung durch die Bolschewiki im Herbst durch die Oktoberrevolution. An deren Politik nach der Revolution übte sie Kritik, betonte aber, dass die Verzerrungen der Revolution eine Folge von deren Isolation sei und der Ausweg in der Revolution in Deutschland liege.

Als im Oktober 1918 eine neue Regierung in Deutschland unter Prinz Max von Baden gebildet wurde, erkannten Rosa Luxemburg und die Spartakusgruppe, dass das das Vorspiel zu einer Revolution auch in Deutschland sein werde. Diese begann im November und befreite Rosa Luxemburg aus der Schutzhaft. Sie ging nach Berlin und übernahm die Redaktion der „Roten Fahne“, der Zeitung der Spartakusgruppe (seit 11. November „Spartakusbund“). Sie setzte sich für die Stärkung der in der Revolution entstandenen Arbeiter*innen- und Soldatenräte und gegen Wahlen zu einer Nationalversammlung ein. Angesichts der Zusammenarbeit zwischen USPD und SPD in einer immer offener konterrevolutionären Regierung („Rat der Volksbeauftragten“) verließ der Spartakusbund die USPD und gründete zum Jahreswechsel 1918/19 mit anderen linken Gruppen die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD). Auf dem Gründungsparteitag hielt Rosa Luxemburg das Referat über das Parteiprogramm.

Anfang Januar 1919 führte die Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn (linker USPD-Flügel) zu Massenprotesten, die unter dem irreführenden Namen „Spartakusaufstand“ in die Geschichte eingingen. Tatsächlich war es eine von Teilen der USPD und der KPD geführte Massenbewegung, die zwar vom Sturz der Regierung redete, aber nicht viel tat. Nach Rosa Luxemburg wäre es richtig gewesen, statt für den Sturz der sozialdemokratischen Regierung nur für die Entmachtung der offenen Konterrevolution einzutreten, aber dafür auch entschlossen zu handeln.

Nach der Niederlage der Bewegung mussten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht untertauchen. Sie wurden schließlich festgenommen und nur wenige Stunden später brutal ermordet.

Stillstand und Fortschritt im Marxismus, 1903, GW 1/2, S. 363-368, hier S. 368↩

Brief an Leo Jogiches, 10. Oktober 1910, Gesammelte Briefe, Band 3 (GB 3), S. 241↩

1. Rosa Luxemburgs Verständnis des Sozialismus

Rosa Luxemburgs Jugend

Sie wurde am 5. März 1871 als jüngstes von fünf Kindern von Eliasch und Lina Luxenburg im Landstädtchen Zamość im Gouvernement Lublin im damaligen Russisch-Polen geboren. Später schrieb sie ihren Nachnamen Luxemburg. Da es im Polnischen mit wenigen Ausnahmen wie Fremdwörtern kein „x“ gibt, wird in Polen ihr Name meist „Luksemburg“ geschrieben, diese Schreibweise haben weder sie noch ihre Familie verwendet. Ihre Vornamen schrieb sie polnisch Róża oder deutsch Rosa (oder Rosalie, Rosalia). Ihr Vater war Holzhändler, er war in Deutschland zur Schule gegangen und hatte Geschäftskontakte dorthin. Er war ein Maskilin, ein Anhänger der jüdischen Aufklärung (Haskala), die im späten 18. Jahrhundert vor allem in Deutschland entstanden war und das Judentum mit den Ideen der französischen Aufklärung verbinden wollte. Er verstand sich nicht als Angehöriger einer „jüdischen Nation“, sondern als Pole jüdischen („mosaischen“) Glaubens. Ihre Mutter war stärker religiös, nach Rosas Aussage hielt sie „nebst Schiller die Bibel für der höchsten Weisheit Quell“.1 Zugleich macht das Zitat deutlich, welchen Stellenwert neben der polnischen die klassische deutsche Literatur in ihrem Elternhaus hatte.

Dass ihr Vater Händler war, hieß keineswegs, dass er vermögend gewesen wäre. In einem Brief erwähnte sie, dass er „völlig von seinen armseligen Groschengeschäften abhängig“ sei.2

1873 zog die Familie nach Warschau. Als Rosa fünf Jahre alt war, erkrankte sie an einem Hüftleiden und musste ein ganzes Jahr das Bett oder zumindest das Zimmer hüten. Dort brachte sie sich selbst lesen und schreiben bei. Von da an gehörten Lesen und Briefeschreiben zu ihren Leidenschaften. Als Folge der Krankheit hinkte sie ihr Leben lang. Sie versuchte nach Kräften, ihre Gehbehinderung zu überspielen.

Zuerst wurde sie zu Hause unterrichtet. Ab 1880 besuchte sie das II. Mädchengymnasium in Warschau. Polen war 1772, 1793 und 1795 zwischen den Nachbarstaaten Preußen, Russland und Österreich schrittweise aufgeteilt worden. 1806 besetzte der französische Kaiser Napoleon I. Teile Polens und stellte ein Herzogtum Warschau als Aufmarschbasis zum Krieg gegen Russland her. Nach den Niederlagen Napoleons wurde auf dem Wiener Kongress 1815 ein „Königreich Polen“ geschaffen, dessen König aber im „Hauptberuf“ der Zar von Russland war (weshalb es auch „Kongress-Polen“ oder „Russisch-Polen“) genannt wurde. 1906 schilderte sie die Verhältnisse im zaristischen Russland in einer populären Schrift so: „Ein dreiviertel Jahrhundert herrschte in unserem Lande ebenso wie in ganz Russland unumschränkt der Absolutismus, das heißt, das despotische [tyrannische] zaristische Regime. Unter diesem Regime war die Willkür des Einzelnen auf dem Thron – auch wenn er ein Halbidiot war – Gesetz für hundertdreißig Millionen. Der selbstherrliche Zar verfügte durch seine Beamten und mit Hilfe der Kosakenknute über Besitz, Freiheit und Leben der Bevölkerung. Der Zar setzte mit seinen Beratern die Steuern willkürlich fest, vergeudete eigenmächtig das dem Volk geraubte Geld für Militär, für die Bürokratie und die Popen [russisch-orthodoxe Geistliche], verwickelte den Staat in verbrecherische Kriege, in denen Hunderttausende von Menschen, die Blüte der männlichen Bevölkerung, einen elenden Tod erlitten. Die gesamte Bevölkerung war Jahrhunderte hindurch aller politischen Rechte und Freiheiten beraubt, sie befand sich in der Sklaverei der zaristischen Regierung.“3

Die begrenzte Autonomie, die das Land zunächst genoss, wurde nach der Niederlage des Aufstands von 1831 beseitigt. In den folgenden Jahrzehnten betrieb der russische Zarismus eine brutale Russifizierungspolitik. Als Rosa Luxemburg zur Schule ging, waren die höheren Lehranstalten vor allem russischen Beamten- und Offizierskindern vorbehalten. Die wenigen polnischen und jüdischen Kinder, die zugelassen wurden, mussten auch untereinander in der Schule Russisch reden. Wenn sie beim Polnisch-Reden ertappt wurden, drohten Strafen bis hin zum Schulverweis.

Rosa Luxemburg gilt zu Recht als konsequente Internationalistin. Das heißt aber keineswegs, dass sie gegenüber der nationalen Unterdrückung gleichgültig gewesen wäre. 1905 schrieb sie: „Der Arbeiterklasse ist die nationale Sache bei uns nicht fremd und kann es nicht sein, es kann ihr die in ihrer Barbarei unerträglichste Unterdrückung nicht gleichgültig sein, da sie gegen die geistige Kultur der Gesellschaft gerichtet ist. Zur Ehre der Menschheit in der Geschichte aller Zeiten steht fest, dass sogar die unmenschlichste Unterdrückung der materiellen Interessen nicht fähig ist, so fanatischen, flammenden Aufruhr und Hass hervorzurufen, wie Unterdrückung im Bereich des geistigen Lebens, wie religiöse oder nationale Unterdrückung.“4

Die nationale Unterdrückung im zaristischen Russland beschrieb sie so: „Eines der ältesten Mittel der Herrschaft des Despotismus im russischen Reich bestand darin, systematisch Hass zu säen und Kämpfe zwischen den verschiedenen vom Zarismus unterworfenen Nationalitäten zu provozieren. Ganze Jahrhunderte hindurch verfolgte der Zarismus mit Hilfe verschiedener Ausnahmegesetze, seiner knechtischen Beamten und käuflichen Schreiberlinge alle fremden Nationalitäten: Polen, Litauer, Juden, Finnen, Ruthenen [Ukrainer]. Durch ein ganzes System von Ausnahmegesetzen wurde versucht, das geistige Leben und die Kultur, das heißt Sprache, Literatur und Kunst, der dem Zarismus untertanen Nationalitäten zu vernichten. Um nationalen Hass zu säen, organisierte das Zarenregime sogar mit Hilfe der Polizei Raub und Mord, hetzte den Abschaum der Gesellschaft gegen die Juden im Süden Russlands, in Polen und in Litauen, gegen die Armenier im Kaukasus. Die Regierung der Knute [Peitsche] bemühte sich, durch die Entfachung des brudermörderischen Kampfes zwischen verschiedenen Gruppen der ihr untertanen Bevölkerung von sich abzulenken, damit sie umso ruhiger über die Menschen aller Nationalitäten herrschen kann.“5

Aber auch in Preußen prangerte sie die nationale Unterdrückung der polnischen Minderheit an. 1900 schrieb sie dazu eine ganze Broschüre „Zur Verteidigung der Nationalität“.6

Die Folge der Unterdrückung in Russisch-Polen war, dass Schüler*innen sich heimlich trafen und diese Treffen dann schnell den Charakter von politischen Oppositionsgruppen annahmen. In dem geheimen Fortbildungszirkel an ihrer Schule kam Rosa mit den oppositionellen politischen Organisationen und Ideen in Polen in Kontakt.

Allerdings gelang es der gewaltsamen Russifizierungspolitik nicht, ihr die Liebe zur russischen Sprache und Literatur zu vergällen. Sie schätzte die russischen Schriftsteller und im Ersten Weltkrieg verfasste sie eine Übersetzung der Autobiographie des auf Russisch schreibenden Schriftstellers Korolenko.

Die nationale Unterdrückung verhinderte nicht, dass sich die polnische Wirtschaft entwickelte und Polen zum kapitalistisch entwickeltsten Teil des zaristischen Reiches wurde. In ihrer Doktordissertation schrieb sie über das Vierteljahrhundert nach 1870: „Die ganze äußere Erscheinung des Landes hat sich in 25 Jahren von Grund aus verändert. In der Mitte wuchs das kleine Städtchen Łódź rasch zu einem großen Textilindustriezentrum, zum „polnischen Manchester", auf mit dem typischen Aussehen einer modernen Fabrikstadt – einer Unzahl von dicht aneinandergereihten rauchenden Fabrikschloten, einer fast ausschließlich aus dem Fabrikpersonal bestehenden Bevölkerung und einem ausschließlich um die Industrie und den Handel sich drehenden, von Fabrikpfeifen geregelten städtischen Leben. Man findet hier eine Reihe Riesenetablissements, unter denen die Manufaktur Scheibler mit ihren 15 Mill. jährlicher Produktion und 7000 Arbeitern den ersten Platz behauptet. Im südwestlichen Winkel des Landes, an der preußischen Grenze, schoss, wie aus der Erde hervorgezaubert, ein ganzer neuer Industrierayon auf, wobei Fabriken inmitten von Wald und Flur auftauchten, der Bildung von Städten vorausgehend und von vornherein alles um sich gruppierend. In der alten Hauptstadt Warschau, dem Sammelpunkt aller Handwerke, hob sich das Handwerk mächtig empor. Zugleich fällt es aber vielfach unter die Herrschaft des Kaufmannskapitals. Kleine und mittlere selbständige Betriebe lösen sich in Hausindustrie auf, und in den Vordergrund treten als Sammelbecken für die Kleinproduktion große Magazine fertiger Handwerkswaren. Der Handel des ganzen Landes konzentriert sich hier auf der Börse und in zahlreichen Bank- und Kommissionsgeschäften. Die Vorstadt von Warschau, Praga, wurde zum Zentrum einer großen Metallindustrie, und die riesige Leinwandfabrik Zyrardów bei Warschau mit ihren 8000 Arbeitern verwandelte sich in ein eigenes Städtchen.“7

Eine Begleiterscheinung dieser wirtschaftlichen Entwicklung war die Entstehung einer Arbeiter*innenbewegung in Polen. 1882 wurde die „Sozialistisch-Revolutionäre Partei Proletariat“ (meist „Proletariat I“ genannt) gegründet. Sie gab in Polen illegal und im Schweizer Exil Zeitschriften heraus. 1883/84 wurde sie durch eine Verhaftungswelle dezimiert und 1886 endgültig zerschlagen. Viele Mitglieder wurden zu Zwangsarbeit und Verbannung verurteilt, vier wurden hingerichtet. Wie eng Rosas Verbindung zu dieser Organisation in ihrer Schulzeit schon war, ist nicht sicher. 1887 schloss sie die Schule mit einem Zeugnis ab, in dem sich die Noten fünf (ausgezeichnet) und vier (sehr gut) abwechselten.

1887/88 versuchten polnische Revolutionär*innen, die Partei wieder aufzubauen. Wichtige Mitglieder der als „Proletariat II“ bekannt gewordenen Organisation waren Julian Marchlewski und Marcin Kasprzak. Auch Rosa Luxemburg beteiligte sich. Die Organisation entfaltete eine lebhafte Agitation und organisierte Streiks. Die Folge war eine Verhaftungswelle im Herbst 1888. Auch Rosa Luxemburg musste untertauchen und Anfang 1889 emigrierte sie in die Schweiz, weil ihre Genoss*innen der Ansicht waren, dass sie ihnen im Ausland mehr nützen könne. Kasprzak brachte sie persönlich über die Grenze.

Sie ging in die Schweiz, das nicht nur ein Zentrum der polnischen Emigration war, sondern auch ein Land, in dem Frauen schon damals gleichberechtigt studieren konnten.

Utopischer und wissenschaftlicher Sozialismus

Am 18. Februar 1889 meldete sie sich in Oberstrass an (das seit 1893 zu Zürich gehört). In Zürich gab es damals nicht nur eine russische und polnische, sondern auch eine deutsche Emigrantenszene. In Deutschland war 1878-1890 Bismarcks Sozialistengesetz in Kraft, das die politische Betätigung der Sozialdemokratie fast vollständig (die wichtigsten Ausnahmen waren Wahlkämpfe und Parlamentstätigkeit) unterdrückte. Unter anderem wohnte Rosa Luxemburg längere Zeit bei dem deutschen Emigranten Carl Lübeck und dessen polnischstämmigen Frau Olympia. Mit ihrem Sohn Gustav ging sie später eine Scheinehe ein, die ihr die preußische Staatsbürgerschaft verschaffte. Eine deutsche Staatsbürgerschaft gab es damals noch nicht und der preußische Staat war gegenüber dieser Scheinehe so liberal, wie es heute in der ach so demokratischen BRD unvorstellbar ist. Bei allen Verfolgungen, die sie in Deutschland erlitt, wurde ihre Staatsbürgerschaft nie in Frage gestellt, obwohl sie nach der Eheschließung mit ihrem „Ehemann“ nie zusammenlebte und die Ehe wenige Jahre später geschieden wurde.

1889 begann sie ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Zürich. Sie liebte seit ihrer Kindheit Pflanzen und Tiere und – auch wenn sie das Studienfach bald wechselte – behielt dieses Interesse bei. Mehrere Herbarien, die sie später anlegte, sind erhalten geblieben.

Eine Folge des kurzen naturwissenschaftlichen Studiums war die Bekanntschaft mit Leo Jogiches, der ab dem Wintersemester 1890/91 in Zürich Allgemeine Botanik und Allgemeine Zoologie studierte. Er war der Sohn eines relativ wohlhabenden jüdischen Unternehmers aus Wilna (heute als Vilnius die Hauptstadt Litauens). Er war dort mehrere Jahre lang in der revolutionären Bewegung tätig gewesen, bis er floh, als er zum Militärdienst eingezogen wurde. Er war ein Meister der illegalen Arbeit und drängte aus Gründen der Konspiration darauf, dass die Liebesbeziehung, die bald zwischen ihm und Rosa entstand, auch ihren Familien gegenüber geheim gehalten wurde (was sie über viele Jahre hinweg akzeptierte). Er unterstützte ihre Arbeit in der polnischen revolutionären Bewegung und lernte dafür polnisch (seine Muttersprache war russisch). Dass er sich nicht nur als Geliebter von Rosa Luxemburg, sondern auch als ihr Mentor verstand, führte immer wieder zu Spannungen. Auf der anderen Seite bedeutete der Gedankenaustausch mit Jogiches für beide eine große Bereicherung.

Sozialistische Ideen hatte es schon vor Karl Marx gegeben. In der Zeit der französischen Revolution und der auf sie folgenden Restaurationsperiode nach der Niederlage Napoleons I. traten Theoretiker auf, die dann später als „utopische Sozialisten“ bezeichnet wurden. 1906 beschrieb Rosa Luxemburg sie folgendermaßen: „Der Gedanke, dass die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und die Einführung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung das einzig entscheidende Heilmittel für die Leiden der Millionen von Arbeitenden ist, dämmerte damals erst in den Köpfen weniger genialer Denker; es waren Robert Owen in England, Charles Fourier und Saint Simon in Frankreich. Der krasse Widerspruch zwischen dem Müßiggang und Luxus einer kleinen Handvoll von Reichen und dem schrecklichen Elend der ganzen großen Masse des arbeitenden Volkes, die moralische Verderbtheit, die sich durch den Kapitalismus in den besitzenden Schichten verbreitet, und die geistige Verrohung unter der Arbeiterschaft – alles dies erfüllte sie mit Abscheu gegen die bestehende Gesellschaftsordnung und zwang sie, den Ausweg in der völligen Änderung dieser Ordnung zu suchen. […] Doch keiner dieser genialen Fürsprecher der Arbeiterklasse war in der Lage, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts den Weg zur Verwirklichung des sozialistischen Ideals zu weisen. Sie wandten sich an rechtlich denkende Einzelpersonen aus dem Bürgertum, suchten reiche Philanthropen und Wohltäter, die aus Mitleid mit dem Elend der Volksmassen die große soziale Reform einführen würden. Aber solche Wohltäter gab es nicht, und selbst wenn sich welche gefunden hätten, es wären ihre Bemühungen als Bemühungen Einzelner fehlgeschlagen. Aber keiner dieser genialen Männer konnten auf den Gedanken kommen, dass diese verelendete, erniedrigte und unwissende Arbeitermasse selbst einzig und allein berufen ist und mit der Zeit befähigt sein wird, die ganze Gesellschaft zu reformieren. Deshalb sind auch die Ideen Owens, Saint Simons und Fouriers edle Träume geblieben, eine Utopie, und deshalb nennen wir diese Männer utopische Sozialisten.“8

Diese Zweifel an der Fähigkeit der Arbeiter*innen, den Kapitalismus zu stürzen und eine grundlegend andere Gesellschaft zu errichten, sind heute wieder vorherrschend, aber aus den entgegengesetzten Gründen: nicht, weil es ihnen zu schlecht geht, sondern weil es ihnen angeblich zu gut geht, um eine grundlegende Änderung anzustreben. Aber Rosas Argumente gegen diese Skepsis sind heute noch so richtig wie damals. Im Februar 1917, mitten in der Schwärze des Ersten Weltkriegs und wenige Wochen vor dem Beginn der russischen Revolution schrieb sie in einem Brief: „Es gibt nichts Wandelbareres als menschliche Psychologie. Zumal die Psyche der Massen birgt stets in sich, wie Thalatta, das ewige Meer, alle latenten Möglichkeiten: tödliche Windstille und brausenden Sturm, niedrigste Feigheit und wildesten Heroismus. Die Masse ist stets das, was sie nach Zeitumständen sein muss, und sie ist stets auf dem Sprunge, etwas total anderes zu werden, als sie scheint. Ein schöner Kapitän, der seinen Kurs nur nach dem momentanen Aussehen der Wasseroberfläche steuern und nicht verstehen würde, aus Zeichen am Himmel und in der Tiefe aufkommende Stürme zu schließen! Mein kleines Mädchen, die ‚Enttäuschung über die Massen' ist stets das blamabelste Zeugnis für den politischen Führer. Ein Führer großen Stils richtet seine Taktik nicht nach der momentanen Stimmung der Massen, sondern nach ehernen Gesetzen der Entwicklung, hält an seiner Taktik fest trotz aller Enttäuschungen und lässt im Übrigen ruhig die Geschichte ihr Werk zur Reife bringen.“9

Weder Marx und Engels noch Rosa Luxemburg haben versprochen, dass die Arbeiter*innen automatisch zur Schaffung des Sozialismus fähig seien (sonst hätten sie sich ja nicht mit politischer Arbeit abzurackern brauchen, um dieses Ziel zu erreichen). „Die Arbeiterklasse ist in ihrer gegenwärtigen Lage auf die Durchsetzung der großen Aufgaben, die auf sie warten, noch nicht vorbereitet. In allen kapitalistischen Ländern muss sie vorher vom Streben zum Sozialismus durchdrungen werden; noch müssen gewaltige Volksmassen zum Bewusstsein ihrer Klasseninteressen gelangen.“10

Auch zu Rosa Luxemburgs Zeiten waren die bewussten Sozialist*innen eine Minderheit. „Die Sozialdemokratie ist naturgemäß eine Partei, die die Interessen einer übergroßen Mehrheit der Nation vertritt. Nichtsdestotrotz ist sie jedoch in der bürgerlichen Gesellschaft, soweit es um den Ausdruck eines bewussten Willens geht, vorläufig eine Partei der Minderheit, die erst danach strebt, eine Mehrheit zu bekommen. […] Der ‚Wille der Nation' oder ihrer Mehrheit ist also für die Sozialdemokratie kein Götze, vor dem sie sich andächtig verbeugt; im Gegenteil, die ganze historische Mission der Sozialdemokratie besteht vor allem in der Revolutionierung, in der Prägung des Willens der ,Nation', also der arbeitenden Mehrheit. Denn jene traditionellen Bewusstseinsformen, die die Mehrheit der Nation, also auch die arbeitenden Klassen, in der bürgerlichen Gesellschaft zeigen, sind zumeist den Idealen und Bestrebungen des Sozialismus feindliche Formen des bürgerlichen Bewusstseins.“11

Die Auseinandersetzung zwischen Marxismus und utopischem Sozialismus war damals in Westeuropa weitgehend abgeschlossen. Anders sah es in Russland aus, zu dem ja auch Polen gehörte. Dort dominierte in der revolutionären Bewegung die Narodniki (Volkstümler*innen). Sie glaubten, dass Russland eine kapitalistische Entwicklung vermeiden könne und die bäuerliche Dorfgemeinschaft mit ihrem Gemeineigentum zur Grundlage für den Sozialismus werden könne. Über die Methoden gab es unter ihnen Differenzen. In den 1870er Jahren war die Organisation Narodnaja Wolja (Volkswille) entstanden, die auf den individuellen Terror setzte und mit der Exekution des Zaren 1881 ihren größten Erfolg hatte. Teile der Narodniki wandten sich aber dem Marxismus zu, zu ihnen gehörte Georgi Plechanow, der zum Begründer und Theoretiker des Marxismus in Russland wurde und mit dem Rosa Luxemburg im Schweizer Exil bekannt wurde. Es ist bezeichnend, dass Plechanow in seiner bedeutendsten Schrift gegen die Narodniki („Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung“, 1894) den utopischen Sozialisten das dritte der fünf Kapitel widmete und in ihm die geistige Verbindung zwischen dem utopischen Sozialismus und dem Narodnikitum herausarbeitete. Die polnische revolutionäre Organisation „Proletariat I“ war zwar weitgehend marxistisch geprägt gewesen. Rosa Luxemburg hat aber 1903 in einer ausführlichen Artikelserie („Dem Andenken des ,Proletariat'“) herausgearbeitet, wie sich die Organisation in dem richtigen Bestreben, dass polnische und russische Revolutionär*innen zusammenarbeiten müssen, der Narodnaja Wolja als damals führender revolutionärer Organisation in Russland anpasste.

„Revolutionäre Realpolitik“ statt Utopismus

In den letzten Jahren ist der von Rosa Luxemburg geprägte Begriff von der „revolutionären Realpolitik“ von manchen Linken gern verwendet worden. Leider sagen sie fast nie dazu, in welchem Kontext sie ihn verwendet hat. (Vermutlich wissen es viele selber nicht. Clara Zetkin hat ihn 1924 in einem Nachruf auf Lenin und mehrfach danach verwendet, von ihr hat ihn der linke Theoretiker Georg Lukács, ebenfalls in einem Text über Lenin, verwendet und von da aus ist er dann in linke akademische Kreise und darüber hinaus gedrungen.) Tatsächlich hängt der Begriff mit der Auseinandersetzung mit dem utopischen Sozialismus zusammen. In einem Gedenkartikel zum 20. Todestag von Karl Marx hatte Rosa Luxemburg geschrieben: „Es gibt erst seit Marx und durch Marx sozialistische Arbeiterpolitik, die zugleich und im vollsten Sinne beider Wörter revolutionäre Realpolitik ist. […] Die Geschichte der Arbeiterbewegung von Anfang an ringt sich hindurch zwischen dem revolutionär-sozialistischen Utopismus und der bürgerlichen Realpolitik. […] Der revolutionär-utopistische Abschnitt des Sozialismus in Westeuropa schließt im Großen und Ganzen mit der – obwohl wir einzelne Rückfälle bis in die neueste Zeit beobachten – Entfaltung der bürgerlichen Klassenherrschaft ab. Die andere Gefahr – das Versinken in der Flickarbeit der bürgerlichen Realpolitik – kommt erst mit der Erstarkung der Arbeiterbewegung auf dem Boden des Parlamentarismus auf.“12 Der Begriff „revolutionäre Realpolitik“ war für sie also keineswegs eine Versöhnung zwischen Revolution und bürgerlicher Realpolitik, sondern eine doppelte Abgrenzung: gegenüber dem utopischen Sozialismus und gegenüber der bürgerlichen Realpolitik. Und wenn wir daran denken, dass diese utopischen Sozialisten häufig an Wohltäter aus dem Bürgertum appellierten, wird das „revolutionär“ durch „Realpolitik“ nicht nur nicht abgeschwächt, sondern noch unterstrichen. Noch unmissverständlicher wird ihr Gedanke, wenn sie weiter erklärt, dass „die bürgerliche Politik vom Standpunkte der materiellen Tagespolitik real, während die sozialistische Politik es vom Standpunkte der geschichtlichen Entwicklungstendenz ist.“13

Dass die Überwindung des Kapitalismus keine leichte Aufgabe ist, das wusste Rosa Luxemburg und das wissen wir nach den Erfahrungen der letzten gut hundert Jahre umso mehr. Aber was ist die geschichtliche Entwicklungstendenz des Kapitalismus? Zu allen zerstörerischen Tendenzen, die schon Rosa Luxemburg analysiert hat und auf die wir noch weiter eingehen werden, ist in den letzten Jahrzehnten die herannahende Klimakatastrophe gekommen, wird immer deutlicher, dass die Zerstörung der Naturräume die Gefahr erzeugt, dass Pandemien wie Corona sich wiederholen. Was ist also utopisch und was ist Realpolitik? Auf ein menschenwürdiges Leben im Kapitalismus hoffen oder für seine Überwindung kämpfen?

Wenn heute der Begriff „revolutionäre Realpolitik“ gebraucht wird, wird das oft gerade als Annäherung an die von Rosa Luxemburg verworfene bürgerliche „Realpolitik“ verstanden. Dass ihre „Realpolitik“ hingegen nicht im Verzicht auf sozialistische Ziele, sondern auf den Verzicht in Illusionen in den Kapitalismus bestand, zeigt auch folgendes Zitat aus einer Rede von 1914: „Wir sind keine Phantasten, sondern Realpolitiker: So täuschen wir niemanden darüber, dass der Zustand des ewigen Friedens erst dann eintreten kann, wenn der Kapitalismus ausgerottet ist.“14

Gegen Illusionen in Genossenschaften

In dem obigen Zitat hatte sie von „Rückfällen“ in den utopischen Sozialismus gesprochen. Wahrscheinlich hat sie dabei auch an die Illusionen gedacht, die manche in den Beitrag hatten, den Genossenschaften bei der Überwindung des Kapitalismus leisten können. Dazu schrieb sie 1899: „Was die Genossenschaften, und zwar vor allem die Produktivgenossenschaften betrifft, so stellen sie ihrem Wesen nach inmitten der kapitalistischen Wirtschaft ein Zwitterding dar: eine im Kleinen sozialistische Produktion bei kapitalistischem Austausche. In der kapitalistischen Wirtschaft beherrscht aber der Austausch die Produktion und macht angesichts der Konkurrenz rücksichtslose Ausbeutung, d.h. völlige Beherrschung des Produktionsprozesses durch die Interessen des Kapitals, zur Existenzbedingung der Unternehmung. Praktisch äußert sich das in der Notwendigkeit, die Arbeit möglichst intensiv zu machen, sie zu verkürzen oder zu verlängern, je nach der Marktlage, die Arbeitskraft je nach den Anforderungen des Absatzmarktes heranzuziehen oder sie abzustoßen und aufs Pflaster zu setzen, mit einem Worte, all die bekannten Methoden zu praktizieren, die eine kapitalistische Unternehmung konkurrenzfähig machen. In der Produktivgenossenschaft ergibt sich daraus die widerspruchsvolle Notwendigkeit für die Arbeiter, sich selbst mit dem ganzen erforderlichen Absolutismus zu regieren, sich selbst gegenüber die Rolle des kapitalistischen Unternehmers zu spielen. An diesem Grunde geht die Produktivgenossenschaft auch zugrunde, indem sie entweder zur kapitalistischen Unternehmung sich rückentwickelt oder, falls die Interessen der Arbeiter stärker sind, sich auflöst.“15

Aus diesem Zwittercharakter ergaben sich die begrenzten Möglichkeiten für Genossenschaften im Kapitalismus: „ … so folgt daraus in weiterer Konsequenz, dass die Produktivgenossenschaft im günstigsten Falle auf kleinen lokalen Absatz und auf wenige Produkte des unmittelbaren Bedarfs, vorzugsweise auf Lebensmittel, angewiesen sind. […] Abgesehen also von ihrem Zwittercharakter, können die Produktivgenossenschaften als allgemeine soziale Reform schon aus dem Grunde nicht erscheinen, weil ihre allgemeine Durchführung vor allem die Abschaffung des Weltmarktes und die Auflösung der bestehenden Weltwirtschaft in kleine lokal Produktions- und Austauschgruppen, also dem Wesen nach einen Rückgang von großkapitalistischer auf mittelalterliche Warenwirtschaft voraussetzt.“16

Was sie damals über Genossenschaften geschrieben hat, gilt ganz ähnlich bei anderen Versuchen, in den Nischen des Kapitalismus eine alternative Lebensweise zu praktizieren, wie sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bei manchen populär wurden, egal ob man sich dabei in den Dschungel zurückzieht (wie Zapatist*innen in Chiapas in Mexiko) oder das Internet glorifiziert.

Für den Marxschen Sozialismus hatte sich in Abgrenzung zum utopischen Sozialismus der Begriff „wissenschaftlicher Sozialismus“ eingebürgert. „Erst Karl Marx und Friedrich Engels stellten die sozialistischen Bestrebungen auf ein neues, starkes Fundament, indem sie erklärten, dass dem arbeitenden Volk keine Philanthropie der bürgerlichen Wohltäter helfen kann und dass die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann.

Diesen Gedanken, der den Arbeitern aller Länder schon in dem im Jahre 1848 herausgegebenen Kommunistischen Manifest nahegebracht wurde, begründeten Marx und Engels […] später durch langjährige wissenschaftliche Forschungen und bewiesen, dass die Einführung der sozialistischen Gesellschaftsordnung nicht nur eine schöne Idee und eine Forderung der Gerechtigkeit, sondern eine historische Notwendigkeit ist.“17

Die Ware Arbeitskraft

Ein zentrales Feld dieser wissenschaftlichen Forschungen war die Analyse der kapitalistischen Wirtschaft und so entschloss sich auch Rosa Luxemburg, sich bei ihrem Studium in Zürich auf dieses Feld zu spezialisieren. Ab dem Sommersemester 1893 studierte sie „Staatswissenschaften“ mit dem Schwerpunkt der klassischen politischen Ökonomie, vor allem bei Julius Wolf. Ihr damaliger Mitstudent (und nach der russischen Revolution 1917 dort Volkskommissar – quasi Minister – für Bildung) erinnerte sich, wie sie „mit ihrer bissigen und ironischen Beredsamkeit die bürgerlichen Spitzfindigkeiten Wolfs zerschlug, so dass er trotz seiner unbestreitbaren Schlagfertigkeit und außergewöhnlichen Gelehrsamkeit vor all seinen entsetzten schweizerischen Zöglingen plötzlich in der Klemme saß, an den Worten kaute und aus dem Konzept kam“18. Wolf hatte trotz solcher ihm bereiteter Klemmen so viel Souveränität, sie im Rückblick als „den begabtesten der Schüler meiner Züricher Jahre“ zu bezeichnen.19

Später schrieb sie ihre Doktorarbeit zu einem wirtschaftlichen Thema, schrieb in Zeitungen zahlreiche Artikel zu wirtschaftlichen Fragen (schrieb u.a. zeitweilig eine eigene wöchentliche „Wirtschafts- und Sozialpolitische Rundschau“ in der „Leipziger Volkszeitung“). 1907, als die SPD eine eigene Parteischule gründete, wurde sie dort Lehrerin für Nationalökonomie. Dort bescheinigten auch innerparteiliche Gegner*innen ihre großen pädagogischen Fähigkeiten. Sie regte die Schüler*innen zum eigenen kritischen Nachdenken an. Mit ein Produkt ihrer Lehrtätigkeit waren zwei Bücher, eine „Einführung in die Nationalökonomie“, in der sie versuchte, die Marxsche Kapitalismuskritik populär darzustellen (es wurde nach ihrem Tod veröffentlicht, leider waren nur Teile ihres Manuskripts erhalten geblieben) und „Die Akkumulation des Kapitals“.

Sie legte großen Wert darauf, nicht nur die Theorie, sondern auch die Geschichte der Wirtschaft darzustellen. Die Verherrlicher des Kapitalismus lieben es, den Kapitalismus als „natürliche“ Wirtschaftsform darzustellen und kapitalistische Verhältnisse in frühere Gesellschaftsformen hinein zu phantasieren, – womöglich den Faustkeil eines Steinzeitmenschen zu dessen „Kapital“ zu erklären – um dadurch gesellschaftlich Verhältnisse für natürlich und damit unveränderlich zu erklären. Deshalb enthält die „Einführung in die Nationalökonomie“ auch ausführliche wirtschaftsgeschichtliche Darstellungen.

Marx begann sein „Kapital“ mit der Feststellung: „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung', die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware.“20 Sie versuchte in der „Einführung in die Nationalökonomie“ die Leser*innen durch ein Gedankenexperiment an diese Realität heranzuführen und zugleich die Entstehung der Warengesellschaft historisch zu skizzieren. In ihrer „Akkumulation des Kapitals“ widmete sie das 28. Kapitel der „Einführung der Warenwirtschaft“. Sie schreibt weiter: „Alle Waren tauschen sich gegeneinander aus nach ihrem Wert, das heißt nach der in ihnen enthaltenen gesellschaftlich notwendigen Arbeit. […] Aufgrund dieses Wertgesetzes herrscht zwischen den Waren auf dem Markt vollkommene Gleichheit.“21

Aus Raumgründen verzichten wir hier auf die Darstellung der Waren und wenden uns gleich einer bestimmten Ware zu, denn „es würde auch unter den Warenverkäufern völlige Gleichheit herrschen, wenn nicht unter den Millionen von verschiedenen Warenarten, die überall auf dem Markt zum Austausch gelangen, eine einzige Ware von ganz besonderer Beschaffenheit wäre: die Arbeitskraft. Diese Ware wird von denjenigen auf den Markt gebracht, die keine Produktionsmittel besitzen, um andere Waren zu produzieren.“22

Heute wird von Linken viel über die verschiedenen Formen von Unterdrückung und Diskriminierung – Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transfeindlichkeit usw. – diskutiert. Oft wird dann „Klassismus“ als eine weitere Variante aufgeführt. Dabei wird die Klassenzugehörigkeit aber oft auf eine Benachteiligung durch eine ungerechte Verteilung der Einkommen und Vermögen, beim Zugang zu Bildungschancen (oft auch innerhalb der Lohnabhängigen) reduziert. Rosa Luxemburg sah, dass solche Ungerechtigkeiten Folge der kapitalistischen Produktionsweise sind. „Der nächste Anstoß zur sozialdemokratischen Bewegung, wenigstens bei den Volksmassen, ist freilich auch die „ungerechte“ Verteilung der kapitalistischen Ordnung.“23 Aber überwinden lasse sie sich nicht durch „die Verteilung im Rahmen der kapitalistischen Produktion, sondern […] die Aufhebung der kapitalistischen Produktion selbst.“24

Im Unterschied zu Vorstellungen, nach denen die Klassenzugehörigkeit nur eine Form der Unterdrückung und Benachteiligung ist, ist der Ausgangspunkt des Marxismus genau dies: die kapitalistische Wirtschaft beruht auf Warenproduktion und unter diesen Waren gibt es eine einzige Ware, die ganz besondere Eigenschaften hat, nämlich die menschliche Arbeitskraft.

Rosa Luxemburg fährt fort: „In einer Gesellschaft, die ausschließlich auf den Warenaustausch gegründet ist, bekommt man, wie wir wissen, nichts anders als im Wege des Austauschs. […] Um also leben zu können, muss jeder Mensch Waren liefern und verkaufen. Das Warenproduzieren und -verkaufen ist Existenzbedingung für den Menschen geworden. Wer keine Ware auf den Markt bringt, bekommt keine Existenzmittel. Aber zur Herstellung irgendeiner Ware gehören: Arbeitsmittel, Werkzeuge und dergleichen, ferner Rohstoffe und Hilfsstoffe, desgleichen eine Arbeitsstätte, eine Werkstatt mit den erforderlichen Bedingungen der Arbeit, wie Beleuchtung etc., endlich ein gewisses Quantum Lebensmittel, um während der Dauer der Produktion und bis zum Verkauf der Ware aushalten zu können. […] Wer diese Produktionsmittel nicht hat, also keine Waren zu produzieren imstande ist, dem bleibt nichts übrig, als sich selbst, das heißt seine eigene Arbeitskraft, als Ware auf den Markt zu bringen.“25 Das grundlegende Verhältnis im Kapitalismus ist also das Verhältnis zwischen Menschen, die kein Privateigentum an Produktionsmitteln haben und deshalb ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen müssen, und Menschen, die diese Ware kaufen, zwischen Arbeiter*innen und Kapitalist*innen. Erstere sind nicht in erster Linie weiße Cis-Männer (oder was auch immer), sondern solche Verkäufer*innen ihrer eigenen Arbeitskraft, unabhängig von ethnischer Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung etc. Wenn sie in ihren Texten die männliche Form „Arbeiter“ verwendete, so war das der damalige Sprachgebrauch und sollte niemanden ausgrenzen.

Die Klassenzugehörigkeit ist damit grundlegend durch die Stellung zu den Produktionsmitteln bestimmt, Fragen von Lebensstandard, sozialem Prestige oder Diskriminierung etc. sind dem untergeordnet, daraus abgeleitet.

Mehrwert und Ausbeutung

Sie erklärt weiter: „Wie jede andere Ware hat auch die Ware Arbeitskraft ihren bestimmten Wert. Der Wert jeder Ware wird […] durch die Menge Arbeit bestimmt, die zu ihrer Herstellung erforderlich ist. Um die Ware Arbeitskraft herzustellen, ist gleichfalls eine bestimmte Menge Arbeit notwendig, nämlich diejenige Arbeit, die den Lebensunterhalt, die Nahrung, Kleidung usw. für den Arbeiter produziert. Soviel Arbeit also erforderlich ist, um den Menschen arbeitsfähig, um seine Arbeitskraft zu erhalten, soviel ist auch seine Arbeitskraft wert. Der Wert der Ware Arbeitskraft wird also dargestellt durch die Menge Arbeit, die zur Herstellung der Lebensmittel für den Arbeiter nötig ist. Ferner: Wie bei jeder anderen Ware wird der Wert der Arbeitskraft auf dem Markt im Preis, das heißt in Geld, eingeschätzt. Der Geldausdruck, das heißt der Preis der Ware Arbeitskraft heißt Lohn. Wie bei den anderen Ware steigt der Preis, wenn die Nachfrage rascher wächst als das Angebot, und sinkt, wenn umgekehrt die Zufuhr der Ware größer ist als die Nachfrage. Dasselbe bewährt sich auch in Bezug auf die Ware Arbeitskraft: Bei steigender Nachfrage nach Arbeitern haben die Löhne im Allgemeinen die Tendenz zu steigen, nimmt die Nachfrage ab oder wird der Arbeitsmarkt mit frischer Ware überfüllt, so zeigen die Löhne eine Tendenz zu sinken. Endlich, wie bei jeder anderen Ware, wird der Wert der Arbeitskraft, also mit ihr auch schließlich der Preis, größer, wenn die zu ihrer Herstellung nötige Arbeitsmenge größer wird: in diesen Fall, wenn die Lebensmittel des Arbeiters mehr Arbeit zu ihrer Produktion erfordern. Und umgekehrt führt jede Ersparnis in der Arbeit, die zur Herstellung der Lebensmittel für den Arbeiter erforderlich ist, zur Herabdrückung des Werts der Arbeitskraft, also auch ihres Preises, des Arbeitslohns.“26

Als nächsten Schritt wendet sie sich weg von dem Markt, auf dem die Arbeitskraft verkauft wir, hin zum Produktionsprozess. Dieser Schritt ist wichtig. Manche linken Theoretiker*innen in den letzten Jahrzehnten haben versucht, die Stellung und das Bewusstsein der Arbeiter*innen aus ihrer Rolle auf dem Markt zu erklären und vernachlässigt, dass die Kapitalist*innen die Ware Arbeitskraft zu einem ganz bestimmten Zweck kaufen.

„Somit zeichnet sich die Ware Arbeitskraft auf dem Markte zunächst durch nichts von anderen Waren aus als etwa dadurch, dass sie von ihrem Verkäufer, dem Arbeiter, untrennbar ist […]. Die Besonderheit der Ware Arbeitskraft äußert sich also noch nicht auf dem Markt, wo nur der Tauschwert eine Rolle spielt. Sie liegt anderswo – im Gebrauchswert dieser Ware. Jede Ware wird gekauft wegen dem Nutzen, den sie im Gebrauch bringen kann. Stiefel werden gekauft, um als Fußbekleidung zu dienen; eine Tasse wird gekauft, damit man aus ihr Tee trinkt. Zu was kann eine gekaufte Arbeitskraft dienen? Offenbar zum Arbeiten. Aber damit ist noch gar nichts gesagt. Arbeiten konnten und mussten die Menschen zu allen Zeiten, solange die menschliche Gesellschaft existiert, und doch vergingen ganze Jahrtausende, in denen die Arbeitskraft als käufliche Ware etwas gänzlich Unbekanntes war. Andererseits stellen wir uns vor, dass der Mensch mit seiner vollen Arbeitskraft nur imstande wäre, den eigenen Lebensunterhalt für sich selbst herzustellen, so wäre der Kauf einer solchen Arbeitskraft, also der Arbeitskraft als Ware, eine Sinnlosigkeit. Denn falls jemand eine Arbeitskraft kauft und bezahlt, sie dann mit seinen eigenen Produktionsmitteln arbeiten lässt und schließlich im Resultat nur den Lebensunterhalt für den Träger seiner gekauften Ware, für den Arbeiter erhält, so liefe es darauf hinaus, dass der Arbeiter durch den Verkauf seiner Arbeitskraft nur die fremden Produktionsmittel kriegt, um mit ihnen für sich selbst zu arbeiten. […] Würde die menschliche Arbeitskraft keinen anderen Gebrauch zulassen, dann hätte sie für den Käufer keinen Nutzen und könnte also nicht als Ware auf dem Markt erscheinen. Denn nur Produkte von bestimmtem Nutzen können als Waren figurieren. Damit also die Arbeitskraft überhaupt als Ware erscheint, genügt es nicht, dass der Mensch arbeiten kann, wenn man ihm Produktionsmittel gibt, sondern dass er mehr arbeiten kann, als zur Herstellung seiner eigenen Existenzmittel notwendig ist. Er muss nicht nur für seinen eigenen Unterhalt, sondern auch für den Kaufherrn seiner Arbeitskraft arbeiten können. Die Ware Arbeitskraft muss also im Gebrauch, das heißt bei der Arbeit, nicht bloß ihren eigenen Preis, das heißt den Lohn, ersetzen können, sondern darüber hinaus noch Mehrarbeit für den Käufer liefern. Die Ware Arbeitskraft hat auch tatsächlich diese angenehme Eigenschaft. Aber was heißt das? Ist es etwa eine Natureigenschaft des Menschen oder des Arbeiters, dass er Mehrarbeit leisten kann? […] Es ist […] eine gewisse Höhe der Produktivität der menschlichen Arbeit erforderlich, damit der Mensch überhaupt Mehrarbeit leisten kann. Das heißt, die Werkzeuge, die Geschicklichkeit, das Wissen des Menschen, seine Herrschaft über die Naturkräfte müssen bereits eine genügende Höhe erreicht haben, damit die Kraft eines Menschen imstande ist, nicht bloß die Lebensmittel für ihn selbst, sondern noch darüber hinaus, also eventuell für andere herstellen zu können. Diese Vollkommenheit der Werkzeuge, das Wissen, die gewisse Beherrschung der Natur werden aber erst durch lange Jahrtausende qualvoller Erfahrung der menschlichen Gesellschaft erworben. […] Jene Produktivität der Arbeit also, die der Arbeitskraft des heutigen Lohnarbeiters die angenehme Eigenschaft verleiht, Mehrarbeit zu leisten, ist nicht eine von der Natur gegebene, physiologische Besonderheit des Menschen, sondern ist eine gesellschaftliche Erscheinung, die Frucht einer langen Entwicklungsgeschichte. Die Mehrarbeit der Ware Arbeitskraft ist nur ein anderer Ausdruck für die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, die durch eines Menschen Arbeit mehrere Menschen zu erhalten vermag.“27

Wenn auch diese Produktivität der menschlichen Arbeit ein historisches Produkt ist, so ist sie aber doch älter als der Kapitalismus: Der „moderne Unternehmer hat diese angenehme Eigenschaft der menschlichen Arbeitskraft nicht als erster entdeckt. Tatsächlich sehen wir die Ausbeutung der Mehrarbeit durch Nichtarbeitende schon in alten Zeiten. Die Sklaverei im Altertum wie das Fronverhältnis und die Leibeigenschaft im Mittelalter beruhen beide auf der bereits erreichten Produktivität, das heißt der Fähigkeit der menschlichen Arbeit, mehr als einen Menschen zu erhalten. Beide sind auch bloß verschiedene Formen, in denen eine Klasse der Gesellschaft sich die Produktivität zunutze macht, indem sie sich von der anderen Klasse erhalten ließ. In diesem Sinne sind der antike Sklave wie der mittelalterliche Leibeigene direkte Vorfahren des heutigen Lohnarbeiters. Aber weder im Altertum noch im Mittelalter wurde die Arbeitskraft trotz ihrer Produktivität und trotz ihrer Ausbeutung zur Ware. Das Besondere im heutigen Verhältnis des Lohnarbeiters zum Unternehmer, was es von der Sklaverei wie von der Leibeigenschaft unterscheidet, ist vor allem die persönliche Freiheit des Arbeiters. Der Warenverkauf ist ja ein auf völliger individueller Freiheit beruhende, freiwilliges, privates Geschäft jedes Menschen. Ein unfreier Mensch kann seine Arbeitskraft nicht verkaufen. Ferner aber ist dazu noch als Bedingung erforderlich, dass der Arbeiter keine Produktionsmittel besitzt. Hätte er solche, so würde er selbst Waren produzieren und nicht seine Arbeitskraft als Ware veräußern. Die Loslösung, die Trennung der Arbeitskraft von den Produktionsmitteln ist also neben der persönlichen Freiheit, was heute die Arbeitskraft zur Ware macht. […] Jetzt ist der Arbeiter persönlich frei, und weder ist er jemandes Eigentum noch ist er an Produktionsmittel gefesselt. Im Gegenteil, die Produktionsmittel sind in einer Hand, die Arbeitskraft in anderer, und zwar stehen sich die zwei Eigentümer als selbstständige und freie, als Käufer und Verkäufer gegenüber – der Kapitalist als Käufer, der Arbeiter als Verkäufer der Arbeitskraft.“28

Ein weiteres Charakteristikum des Kapitalismus ist, dass nicht nur die Arbeitskraft eine Ware ist, sondern die Produkte der Arbeit der Arbeiter*innen ebenfalls als Waren verkauft werden sollen: „Der moderne Unternehmer lässt die Arbeiter nicht Gegenstände der Nahrung, Kleidung und Luxus für den eigenen Gebrauch produzieren, sondern er lässt sie Waren zum Verkauf produzieren, um dafür Geld zu lösen. Um dieses Geschäft eben macht ihn zum Kapitalisten, wie es den Arbeiter zum Lohnarbeiter macht.“29

Sie fasste zusammen: „So sehen wir, dass die bloße Tatsache des Verkaufs der Arbeitskraft als Ware auf eine ganze Reihe bestimmter gesellschaftlicher und geschichtlicher Verhältnisse hinweist. Die bloße Erscheinung der Arbeitskraft als Ware auf dem Markt zeigt an: 1. die persönliche Freiheit der Arbeiter; 2. ihre Trennung von den Produktionsmitteln sowie Ansammlung der Produktionsmittel in den Händen Nichtarbeitender; 3. einen hohen Grad der Produktivität der Arbeit, das heißt die Möglichkeit, Mehrarbeit zu leisten; 4. die allgemeine Herrschaft der Warenwirtschaft, das heißt die Schaffung der Mehrarbeit in Warenform zum Verkauf als Zweck des Kaufs der Arbeitskraft.“30

Sie geht dann weiter auf die Mehrarbeit ein: „Der Arbeitstag jedes Arbeiters besteht also notwendig und normal aus zwei Teilen: einem bezahlten, worin der Arbeiter nur den Wert des eigenen Unterhalts zurückerstattet, wo er sozusagen für sich selbst arbeitet, und einen unbezahlten, worin er geschenkte Arbeit oder Mehrarbeit für den Kapitalisten schafft.“31 Dieser Gedanke ist sehr wichtig. Heute ist es – selbst in gewerkschaftlichen Kreisen – verbreitet, nur dann von Ausbeutung zu sprechen, wenn die Arbeitsbedingungen besonders schlecht, die Löhne besonders niedrig sind. Das ist aber völlig falsch. Es ist im Kapitalismus normal, dass ein Teil des Arbeitstages der Arbeiter*innen Mehrarbeit ist, unbezahlte Arbeit, Ausbeutung. Wenn das nicht der Fall ist, hat der Kapitalist seinen Job nicht richtig gemacht.

Und ebenso wenig, wie die Arbeitsprodukte der Arbeiter*innen normalerweise dem persönlichen Konsum der Kapitalist*innen dienen, dienen sie auch dem eigenen Konsum: „Der Arbeiter schafft nicht etwa in dem ersten Teil seines Arbeitstages Gegenstände, die er selbst braucht: seine Nahrung, Kleidung etc., um später andere Dinge für den Unternehmer zu produzieren. Im Gegenteil, der Arbeiter in der Fabrik oder auf dem Werk produziert den ganzen Tag einen und denselben Gegenstand, und zwar meistens einen Gegenstand, den er nur zum geringsten Teil oder gar nicht zum eigenen privaten Konsum braucht“32

Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen Lohnarbeiter*innen und etwa Hörigen im Mittelalter. Letztere wussten genau, wann sie auf ihrem eigenen Feld arbeiteten und wann auf dem Feld ihres Herrn. Die einen Arbeitsprodukte gehörten ihnen, die anderen gehörten ihnen nicht. Dem Lohnarbeiter gehört von seinen Arbeitsprodukten nichts, aber sein Lohn gehört ihm ganz (abgesehen von Steuern etc.) Für den Hörigen war die Ausbeutung sichtbar, Lohnarbeiter*innen können ihrer konkreten Arbeit nicht ansehen, ob sie gerade den Arbeitslohn für sich oder den Mehrwert für die Kapitalist*innen produzieren. Der „Unterschied, der dem Arbeiter unsichtbar ist, zeigt sich nachher wohl in der Rechnung des Unternehmers, wenn er den Erlös aus der Produktion seiner Arbeit berechnet.“33

Der Kapitalist „lässt die Seidenstoffe oder Röhren oder Särge nur produzieren, um sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden, zu verkaufen. Er lässt sie produzieren, um durch ihren Verkauf Geld zu kriegen. Und er erhält sowohl seine Auslagen zurückerstattet wie die geschenkte Mehrarbeit seiner Arbeiter in Geldform. Zu diesem Zweck, um die unbezahlte Arbeit der Arbeiter in Geld zu schlagen, macht er ja das ganze Geschäft und kauft die Arbeitskraft. Das Geld ist aber […] das Mittel der unbegrenzten Aufhäufung des Reichtums. […] Und in Geldform kennt der Reichtum gar keine Grenzen, er kann wachsen ins Unendliche. Dementsprechend hat auch der Hunger der modernen Kapitalisten nach Mehrarbeit keine Grenzen. Je mehr unbezahlte Arbeit aus den Arbeitern herausgeschlagen wird, umso besser. Mehrwert auspressen, und zwar schrankenlos auspressen – das ist der eigentliche Zweck und die Aufgabe des Kaufs der Arbeitskraft.“34

Dieses Verhältnis, dieser Klassengegensatz zwischen Kapitalist*innen und Lohnarbeiter*innen ist die Grundlage dafür, dass die kapitalistische Gesellschaft eine Klassengesellschaft ist. Das wirkt sich in alle gesellschaftlichen Bereiche aus: „In der Klassengesellschaft existiert eine als ein einheitliches gesellschaftlich-politisches Ganzes verstandene ‚Nation' nicht, es bestehen jedoch in jeder Nation Klassen mit antagonistischen Interessen und ,Rechten'. Es gibt buchstäblich nicht einen einzigen gesellschaftlichen Bereich, angefangen von den allergröbsten materiellen bis hin zu den allerfeinsten moralischen Verhältnissen, in dem die besitzenden Klassen und das Proletariat bewusst ein und denselben Standpunkt einnehmen, wie eine nicht zu unterscheidende ‚nationale' Gesamtheit auftreten würde. Im Bereich der ökonomischen Verhältnisse repräsentieren die bürgerlichen Klassen auf Schritt und Tritt die Interessen der Ausbeutung, das Proletariat hingegen die Interessen der Arbeit. Im Bereich der Rechtsverhältnisse ist das Privateigentum der Grundstein für die bürgerliche Gesellschaft, das Interesse des Proletariats macht hingegen die Emanzipation des eigentumslosen Menschen von der Herrschaft des Eigentums erforderlich. Im Gerichtswesen wird die bürgerliche Gesellschaft durch die Klassen-,Gerechtigkeit', die Gerechtigkeit der Satten und Herrschenden repräsentiert, das Proletariat verteidigt den Grundsatz der Berücksichtigung von gesellschaftlichen Umständen, die auf das Individuum wirken, und den Grundsatz der Menschlichkeit. In den internationalen Beziehungen vertritt die Bourgeoisie eine Politik von Krieg und Eroberung, in der heutigen Phase von Zollsystem und Handelskrieg, das Proletariat jedoch eine Politik des allgemeinen Friedens und des freien Handels. Im Bereich von Gesellschaftswissenschaften und Philosophie stehen die bürgerlichen Schulen und die Schulen, die den Standpunkt des Proletariats vertreten, sich einander in deutlicher Gegnerschaft gegenüber; die besitzenden Klassen und ihre Weltanschauung vertreten Idealismus, Metaphysik, Mystizismus, Eklektizismus, das moderne Proletariat hat seine Schule – den dialektischen Materialismus. Und auch im Bereich der sogenannten allgemeinmenschlichen Beziehungen, in der Ethik, in der Kunstauffassung, in der Erziehung, bilden die Interessen, die Weltanschauung und die Ideale der Bourgeoisie auf der einen und die des Proletariats auf der anderen Seite zwei Lager, die durch einen Abgrund voneinander getrennt sind.“35

Die Widersprüche des Kapitalismus