ROSE - Verliebt in L.A. - H.D. Holl - E-Book

ROSE - Verliebt in L.A. E-Book

H.D. Holl

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Beschreibung

Es ist die Chance ihres Lebens! Rose hat gerade ihr Studium am MIT beendet und ihren ersten Job in Miami begonnen, als sie nach L.A. fliegen muss, um dort die wichtigste Präsentation des Jahres bei dem weltweit angesagtesten Modelabel zu übernehmen.

 

Doch L.A. wäre nicht L.A., wenn nicht alles ganz anders käme!

 

Kaum in ihrem Hotel angekommen, wird sie von dem Surfer Liam um den Finger gewickelt, der am nächsten Morgen spurlos verschwunden ist.

Während der Präsentation am darauffolgenden Tag fühlt sie sich magisch von dem Boss der Firma, Harry Hyman, angezogen, und Rose ist froh, nach einer 24-stündigen Achterbahnfahrt der Gefühle am Abend L.A. wieder verlassen zu können.

Zurück in Miami macht ihr Mister Hyman ein verlockendes Angebot, dem sie nicht widerstehen kann. Sie sagt zu und weiß noch nicht, worauf sie sich einlässt.

 

 

Rose – Verliebt in L.A. ist ein abgeschlossener Roman.

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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H.D. Holl

ROSE

Verliebt in L.A.

Copyright: © 2017 H.D. Holl

Alle Rechte vorbehalten

Design: Pro eBook Covers

Foto: http://depositphotos.com No.80973722

1. EIN SCHUSS IN DEN OFEN…

»Du hast den falschen Slip an…«

Das Nächste, was Rose irgendwie registrierte, war ein lauter Knall. Ein Schuss? Erschrocken fuhr sie aus ihrem King-Size-Bett hoch. Ihr Herz schlug bis an die Schläfen, sodass sie dachte, die Adern würden sofort platzen und sie müsse sterben. Wirr schaute sie um sich. Sie lebte noch. Wenigstens etwas! War alles nur ein schlechter Traum? Auch kein toller toter Typ lag neben ihr. Ein Sonnenstrahl kämpfte sich durch die Vorhänge und blieb auf ihrem Gesicht hängen.

Verdammt, was blendet mich da!

Ihr Atem stockte noch immer und es war an der Zeit, ihre Lungen zu entlasten, sonst würde der Tag richtig schrottig werden. Hatte sie nicht gestern aus der STONEROSE LOUNGE diesen verdammt wunderbaren, verdammt großen, verdammt schönen Blonden mitgeschleppt…?

Der Typ war weg. Er hatte die Tür mehr als laut hinter sich zugeschlagen.

Der Schuss. Aha!

Na das war´s wohl. Na bravo. Den sehe ich Gott sei Dank nicht wieder! War der ´ne Niete im Bett? Keine Erinnerung. Shit, warum habe ich mich auch auf einen One-Night-Stand eingelassen? Mein Fehler!

Erst jetzt schaute Rose Backett an sich herunter und erschrak schon wieder: Seine Boxershorts - an die sie sich deshalb erinnerte, weil sie so einen fiesen bunten Zwerg da hatten, wo der Mann sein bestes Stück versteckt - umhüllten dürftig ihren Hintern, bedeckten ihre Nacktheit an der Stelle zwischen ihren wohlgeformten Schenkeln, mit der er sich ausgiebig, aber vermutlich nicht zu ihrer Zufriedenheit beschäftigt hatte. Beim genaueren Hingucken erschrak sie schon wieder: weiße, merkwürdige Flecken.

Überall.

Hat der…, Mensch, Rose, was war los mit dir!? Bist du jetzt vielleicht auch noch schwanger? Das fehlte noch. Denn wenn ich in der Karriereleiter emporsteigen kann, dann jetzt, nur jetzt, wo Johnny B. so krank ist und vermutlich nicht wieder zu S&S zurückkommen wird.

Sie richtete sich endlich auf, schubste die rosafarbene Seidenbettdecke lässig mit dem rechten Fuß zur Seite, streckte ihre Arme aus und sah sich selbst in dem ihr gegenüber hängenden Spiegel. Rose erschrak, stellte jedoch fest, dass ihr Busen noch immer da saß, wo er hingehörte. Und dass der nicht dämlich dort hing, viel zu tief, wie der Spiegel an der Wand ihres edlen Hotelzimmers im Sofitel in Beverly Hills. Ihr Herz hatte sich einigermaßen beruhigt, aber irgendwie hatte sie einen sehr faden Geschmack im Mund. Der Teufel Alkohol schaute aus ihrem Gesicht.

Eklig!

Wie hat der Typ es nur geschafft, mir zum Schluss noch zwei Caipirinhas einzuflößen, obwohl ich doch im allgemeinen gar nichts an diesem Gesöff finden kann?

Dann schaute sie auf das Handy, das auf dem Designer-Hocker neben dem Bett lag, und erschrak sich binnen weniger Sekunden zum vierten Mal: 09:17 zeigte das dämliche Display ihres dämlichen iPhones an. Sie wischte mürrisch über den Touchscreen, um die Zahl verschwinden zu lassen. Rose musste pünktlich um 10:00 bei einem Kunden sein. In der Modebranche nahmen es die Leute mit der Pünktlichkeit zwar nicht so genau, aber ihr Kunde sei - so hatte es ihr Johnny B. gesagt, bevor er sich in die Klinik verabschiedete - völlig anders gestrickt, obwohl die zu betreuende Company echt geile Strickmode machte, die sie sich noch nicht leisten konnte. Das heißt, die Sachen von H.H.fromL.A. sind sauteuer. Dagegen ist Missoni geradezu ein Billiglabel. Und der Mann steht auf Pünktlichkeit.

Hat ja recht, wenn man so erfolgreich ist wie der, kann man sich Schlampereien nicht leisten…

Rose schmiss die Boxershorts ihres Last-Night-L.A.-Light-Lovers, die mit dem fiesen roten Zwerg vor dem Gemächt, in den Müllkorb. Dann schwang sie sich aus dem Bett und huschte ins Bad. Duschen, Schminken, Föhn an, Haare zurecht tuffen, noch mal die Lippen nachziehen - alles im Eiltempo. Der Termin… Frühstück? Nein danke.

Das Business-Mäppchen mit dem Laptop geschnappt, ab in den Fahrstuhl, straight zur Lobby, Taxi reserviert, gefragt, wie viele Minuten man denn von hier zu H.H.fromL.A. braucht. Aha, maximal acht Minuten, und doch noch schnell einen Kaffee an der Bar bestellt. Allmählich wachte sie vollends auf, lose Erinnerungsfetzen der letzten Nacht drangen an die grauen Zellen, und als der Espresso double kam, herrlich duftend, hatte sie die verwirrenden, losen Fäden des letzten Abends, der Nacht zusammengezurrt. Ihr Flieger von Miami war um 23:40 gelandet. Sie hatte kurz nur im Sofitel eingecheckt, die Business-Klamotten - graues Kostüm - gegen eine Jeans und eine lässige cremefarbene Leinenbluse und die ebenfalls grauen Pumps gegen knallrote Lack-High-Heels getauscht. Dann hatte sie sich vom Concierge einen Club empfehlen lassen, in dem man noch auf ein oder zwei Absacker gehen konnte, ohne gleich angemacht zu werden. Er empfahl ihr die Stonerose Lounge im Hotel. Das kam ihr sehr entgegen. Bloß nicht noch mal raus.

Der Tag in der Firma war hart gewesen, weil sie bis zur letzten Sekunde noch gebrieft wurde. S&S, Samuel & Samuel, zur Zeit die angesagten Software-Entwickler aus Miami, wollten H.H.fromL.A., die angesagte Modefirma im Hochpreissegment, unbedingt als Kunden gewinnen. Rose war mit einer echt starken Präsentation nach L.A. gekommen. Johnny B., ihr wirklich netter Kollege, war schwer erkrankt und sie sollte statt seiner die Kampagne präsentieren. Sie musste ihre Chance nutzen…

Die Stonerose Lounge entpuppte sich als genau richtig für sie. Aufgemotzt, ja, aber edel. Nicht so ein Pseudokram und Schischi. In der Bar lief gute Musik und es gab Drinks, die ihr gefielen. Rose wollte den Stress der vergangenen Tage abschütteln, ein wenig ausspannen und dann nur noch ab in die Kiste. So hatte sie sich das vorgestellt. Aber kaum saß sie zehn Minuten, tauchte vor ihr ein Typ auf, der aus dem Modekatalog von Versace zu kommen schien; nur das Surfbrett unterm Arm fehlte ihm.

»Sie sehen einsam aus. Auch gerade gelandet? Ich bin soeben von Hawaii gekommen und nehme hier immer noch einen Drink, bevor ich in meine Bude fahre. Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

Und schon saß der Mann, der ein Model hätte sein können, ihr gegenüber auf dem zierlichen Sessel. Strahlte sie mit perlweißen Zähnen an, das sonnengebräunte Gesicht ihr entgegenstreckend. Er grinste sie so verlockend, um nicht zu sagen aufreizend, an, dass sie gar nicht anders konnte, als verdutzt-nervös ihm ein »why not« entgegenzuhauchen. Sie warf all ihre guten Vorsätze für den späten Abend und ihre eigene Müdigkeit in Sekundenbruchteilen über Bord.

Ihr »why not« kam zu spät; der super aussehende Model-Surfer saß längst…

Da hatte sie nun den Salat. Rose wollte sich entspannen, mal nix tun, einfach vor sich hindösen, genüsslich einen guten Mojito schlürfen, ohne dabei gestört zu werden - und nun der da!

»Ich darf mich vorstellen. Ich bin Liam Rodriguez. Ich wohne fast um die Ecke. Keine fünf Blocks. Habe da noch eine Bude, wenn ich mal in L.A. bin«, schwatzte Mr. Liam Rodriguez drauflos, um, ohne Luft zu holen, gleich weiter zu labern: »Sie sind nicht aus L.A., nicht? Aber eine so schöne junge Frau sollte auch kein Business machen, nicht? Oder? Was machen Sie denn, wenn Sie nicht in einer Bar eines Edelschuppens wie diesem hier sitzen und Mojitos trinken, ist doch einer, nicht? Darf ich fragen, woher Sie kommen und um Ihren Namen bitten. Wissen Sie, es ist so unhöflich ohne Namen, nicht? Oder soll ich Sie mit >Miss< oder >Misses< ansprechen, nicht? Ach, ich sehe, Sie tragen keinen Ring, nicht? Verheiratet sind Sie also nicht, nicht? Keeper!«

Mr. Rodriguez rief den Mann hinter der Bar lautstark, und auch ohne nur eine Sekunde sein Mundwerk im Ruhestand zu halten, setzte er nahtlos fort: »Zweimal dasselbe«, und deutete auf das fast leere Glas der Schönen… »Eh, wie war noch Ihr Name?«

»Rose…«

Und bevor sie Luft holen konnte um nur einen einzigen Satz vollenden zu können, hakte der fantastisch aussehende Typ schon wieder dazwischen, um seinem unbändigen Redeschwall nachzugeben.

»Rose. Was für ein fantastischer Name, nicht!? Ein wenig aus der Mode gekommen, aber super, nicht? Wirklich superb, nicht? Erinnert mich an meine Urgroßmutter. Die hieß auch Rose und war ebenfalls eine Schönheit, die aber an Ihre bei Weitem nicht heranreichte. Nicht dass Sie glauben, ich wolle Sie mit meiner Oma vergleichen, nicht?! Ich mag Namen, die anscheinend aus der Mode gekommen sind, nicht?«

Süßholzraspler. Halt doch einfach mal die Klappe, ich will entspannen, bin müde und du bist so ein dämlicher Quatschkopf! Rose war wütend auf sich selbst. Warum habe ich blöde Kuh ausgerechnet den nur an den Tisch gelassen?! Ich hätte ja auch sagen können: »Mein Freund kommt gleich, sorry!« Aber nein, nur weil der aussieht, wie ein Hollywood-Star…

»Oder haben Sie die Bar hier gekauft, ich meine wegen >Stonerose< und so, Sie wissen, was ich meine, nicht?«

»Wenn Sie mich mal zu Wort kommen lassen würden, könnten wir vielleicht eine gepflegte Konversation anstreben, nicht!!?«

Die Betonung lag laut und überdeutlich auf »nicht«, weil die Gefahr bestand, dass er weiterhin völlig unsinniges Zeug vor sich hin brabbelte.

So doof sieht der nun wirklich nicht aus, der Liam Rodriguez. Und schon gar nicht wie ein Mexikaner.

Blondes Haar, groß, so um die eins neunzig, breite Schultern zum Anlehnen, wie es sich einsame junge Frauen wünschen, die in wenigen Stunden einen verdammt wichtigen Termin haben. Denn die Präsentation bei einem in der Modeszene derart einflussreichen Mann wie dem Boss von H.H.fromL.A., Harry Hyman, musste ihr gelingen. Ach was, nicht nur gelingen, sie musste sensationell werden!

H.H.fromL.A. hatten rund um den Globus in allen wichtigen Städten mit hoher Kaufkraft eigene Edel-Boutiquen. 150 an der Zahl. Es wäre ein wirklich guter Auftakt für ihre Karriere, wenn sie den Deal an Land ziehen würde. Wie würde sie dastehen, wenn sie mit einer Absage zu S&S zurückkäme? Jetzt, wo Johnny B. - den Namen hatte er in der Firma aufgedrückt bekommen, weil er immer noch, jeden Tag, den größten Hit der Hooters hörte - an Schilddrüsenkrebs erkrankt war und ihr bei S&S plötzlich alle Türen offen standen.

Rodriguez, Liam, der Schwätzer vom Dienst, nicht?!, war plötzlich stumm wie ein Fisch. Wenn es in der Lounge heller gewesen wäre, hätte Rose feststellen können, dass er ziemlich dunkelrot angelaufen war. Es war ihm sichtlich peinlich, dass sie ihn auf die ganz lässige Art auf sein ewiges »nicht?« hingewiesen hatte. Das »nicht?« passierte ihm immer dann, wenn er völlig unsicher war. Er war in die Bar gekommen - das stimmte wirklich -, nur um einen Drink zu nehmen. Und dann sah er, von seinem Hocker den Kopf in die Runde schweifen lassend - der Laden war wie immer zu der Zeit knüppelvoll, alle Nachteulen und reichen Obdachlosen Hollywoods schienen sich hier ein Stelldichein zu geben -, dieses wahnsinnige Wesen. Er konnte gar nicht anders, als aufstehen und straight zu ihr gehen. Ein Sog, dem er nicht widerstanden hatte und auch gar nicht wollte. Noch dazu, wo es der einzige unbesetzte Sessel war, in dem man sich fallen lassen konnte. Als Frauenkenner hatte Liam Rodriguez den Smaragd unter den anwesenden Damen im Stonerose in Bruchteilen von Sekunden ausgemacht. Selbst im schummrigen Licht leuchteten ihre Haare wie Gold, der volle, rote Mund forderte ihn unbedingt jetzt und sofort zum Küssen auf, und als er die wenigen Schritte vom Barhocker zu ihrem Tisch machte, war ihm auch klar, dass sie eine fantastische Figur haben musste. Von einem Fake im Korsett ging er nicht aus. Er war geblendet von ihrer Schönheit - und nun stumm wie ein Fisch, der frisches Wasser im Bassin braucht, um nicht binnen Sekunden sterben zu müssen.

»Was ist los mit Ihnen, Mister Rodriguez, sind Sie zur Salzsäure erstarrt? Wenn Sie sich schon unaufgefordert zu mir setzen, dann möchte ich doch um eine gepflegte Unterhaltung bitten!«

Inzwischen waren die Drinks gekommen, die der Surfer geordert hatte, die Mojitos, und allmählich konnte er sich entspannen.

»Shit, Sie haben ja völlig Recht. Ich habe dummes Zeug gelabert. Das passiert mir immer, wenn ich einer Schönheit wie Ihnen begegne! Weil: Das ist selten genug. Können Sie mir verzeihen?«

Schon wieder Süßholzgeraspel, Mister…

»Sie mögen es mir bitte nachsehen: Ich bin sonst wirklich nicht so. Im Gegenteil. Ich bin ein eher ruhiger Einzelgänger, der seinen Sport liebt und für ihn lebt. Es hat mich einfach gnadenlos überfallen, so wie ich von Ihrer Schönheit und Anmut überwältigt war.«

Jetzt wurde Rose regelrecht rot. Sie war sich unsicher, ob der blonde Mexikaner, wenn er denn einer wäre, es ernst mit ihr meinte.

Es gibt so unendlich viele Aufreißer, die die Bars nur deshalb durchforsten, weil die auf der Suche nach brauchbarem Material für die Nacht sind. Rose, du möchtest nicht dazu gehören!

One-Night-Stands gehörten nicht in Rose´ Lebensprogramm. Klar, warum eigentlich nicht?, durchstreifte der Gedanke ihr Gehirn?

Sie war zu Zeit solo. Sie hätte schon können können, wenn sie würde wollen wollen…

Ihr Verflossener hatte sich als Oberarmleuchter entpuppt. Das tat gewaltig weh. War er anfangs ein absoluter Traum, der Hammer im Bett und verlobte sich sehr schnell mit ihr, ging es ebenso schnell den Bach runter. Liebe hatte Rose sich anders vorgestellt. Also verabschiedete sie sich von ihm. Inzwischen hatte sie den Reinfall verkraftet. Wie war noch mal sein Name…? Rose hatte die Trennung gar nicht so richtig gespürt, denn sie war in ihrer Firma total ausgelastet und die neue Arbeit machte ihr viel Spaß.

Was fange ich mit dem Typen hier an? Er ist eine Granate, gar keine Frage. Rein optisch, nicht…!? Ich werde die Entwicklung der Nacht auf mich zukommen lassen. Man soll ja nie Nie sagen und - wenn ich es mal nüchtern bedenke: Rose - wann hattest zu zuletzt richtig guten Sex? Ich meine, wo beide ordentlich Spaß hatten? Kannst du dich noch daran erinnern? Es muss in einem anderen Leben gewesen sein…

»Okay. Fangen wir noch einmal von vorn an. Eigentlich bin ich hundemüde, aber der Mojito will getrunken werden. Schmeckt prima. Ich bin Rose, Rose Backett aus Miami«, wiederholte sie sich. Was Besseres fiel ihr nicht ein. Die Müdigkeit.

»Darauf habe ich seit zwanzig Minuten gewartet, Rose!«, erwiderte Liam glücklich. Seine Augen strahlten, die hätten ein Baseballfeld bei finsterer Nacht beleuchten können und man hätte noch jede Maus über den Rasen rasen sehen.

»Was machst du denn, wenn du in L.A. auch nicht zu Hause bist? Bist du auf der Durchreise? Nein, halt, du sagtest ja, du hast hier eine >Bude<.«

»Ich habe hier lange gewohnt und konnte mich nicht durchringen, die kleine Wohnung aufzugeben. Aber jetzt lebe und arbeite ich auf Hawaii, genauer gesagt auf der Insel Maui, in Kahului. Ist schön dort. Wie gesagt, ich rede nicht so gerne. Hast du ja gemerkt, was ich für einen Unsinn erzähle, nicht!?«

»Und was machst du in Kulahai?«

Liam brach in schallendes Gelächter aus.

Verdammt noch mal, diese Zähne, die Augen, die Haare, der ganze Kerl. Rose, werd bloß nicht schwach! Der Typ ist der Wahnsinn…

Und schon waren die beiden Turteltauben mitten im Balzzirkus angekommen.

»Die Stadt heißt nicht >Kulahai<, sie heißt Kahului. Liegt wunderschön an der Kahului Bay. Ich bin dort als Surflehrer unterwegs. Meer, Sand, unendliche Weite. Ruhe und Gringos, denen ich beibringe, wie man nicht ins Wasser fällt und dennoch vorwärts kommt. Damit erfülle ich doch dein Klischee, oder?«

Auch Rose musste lachen, aber von Kahului hatte sie noch nie etwas gehört. Sie freute sich, dass sie so falsch nicht lag, als sie Liam-The-Surfer-Top-Model-Rodriguez hatte kommen sehen und sich beim Betrachten des kernigen Typen dachte, dass er nur Surfer sein könnte.

Schon waren sie im lockeren Smalltalk, den Rose vermeiden wollte. Sie bestellte noch eine Runde Mojitos, dann Liam wieder eine und im Nu war es drei Uhr morgens, als sie tatsächlich bei Caipirinhas angekommen waren, die Rose eigentlich überhaupt nicht mochte und Liam ihr aufgedrängt hatte. Rose merkte entsetzt, dass sie wohl auf einem Dampfer zu sein schienen, der den Ocean Drive in South Beach, Miami, bei 37° Wind von oben längsseitig backbord überquert, so sehr schwankte der Boden unter ihren Füßen, obwohl sie sehr bequem im bequemen Sessel saß. Aber auch der schob sich durch die Kabine, direkt auf die Theke zu, oder die Theke auf sie. Es war zum Verzweifeln. So ein Sturm!

Die meisten Nachtschwärmer hatten die Bar schon verlassen. Der Keeper schaute ungehalten mit leicht hochgezogener Augenbraue, die signalisieren sollte: »Hey, haut endlich ab in eure Suite!«, auf die turtelnden Lachenden. Beim Putzen seiner Theke stellte er fest, dass die zwei ein attraktives Pärchen abgaben. Er jedoch wollte nur noch den Laden dichtmachen. Zwölf Stunden Gäste, von denen nur wenige wirklich sympathisch gewesen waren. Und der Keeper der Bar hatte bei seinen unausgesprochenen Gedanken Glück.

Liam rief ihm zu:

»Zahlen!«

»Aber gern doch, Sir, sofort.«

Der Surfer gab ein großzügiges Trinkgeld. Aber als er seiner neuen Bekanntschaft aus dem Sessel helfen wollte, kam Rose gar nicht mehr richtig hoch. Ihr Hintern führte ein Eigenleben. Erst war er wie festgebacken, dann hatte er gehörig Schlagseite, sodass sie den Versuch des Gehens aufgab. Die Planken des Schrottkahns waren glitschig und es schien außerhalb des Sessels stürmische See zu sein. Liam blieb nichts anderes übrig, als Rose mehr tragend als nur stützend aufzuhelfen und sie zu begleiten. Vorbei an der Desk, ab in den Fahrstuhl und nun…?

»Welche Zimmernummer hast du denn, Rose?«

»Nummer kommt gar nicht infrage«, lallte Rose mit schwerer Zunge, »das könnte dir so passen. Heute wird nicht gevögelt. Ich bin keine für eine Nacht!«, und sank noch tiefer in seine Arme. Auch der Fahrstuhl schien vom Orkan betroffen zu sein. Die Caipirinhas zum Schluss, die Anspannung, die physischen Anstrengungen der letzten Tage - immer rund Sechzehn-Stunden-Tage waren es gewesen - hatten Rose schlicht überfordert. Eine übergroße Müdigkeit hatte sie ganz plötzlich überfallen.

»Sechshuhundertvierzig, glaube ich«, brachte sie noch raus, verzweifelt die Karte für das Zimmer in ihrer Gucci-Tasche suchend. Der verdammte Dampfer wollte einfach nicht ruhig über die aufgewühlte See gleiten…

Liam schaffte es, sie in das Zimmer zu bugsieren. In diesem Zustand konnte er sie nicht allein lassen. Mal davon abgesehen, dass er das auch gar nicht wollte. Also legte er die Schifffahrtsuntaugliche auf das riesige Bett und fing an, sie zu entkleiden. Er konnte es einfach nicht übers Herz bringen, Rose so liegen zu lassen. Erst jetzt sah er, welch einen Schatz er da vor sich hatte: Formen, von denen so manch Victoria´s-Secret-Model träumte.

Nachdem er sie zärtlich und gefühlvoll entblättert hatte, trug er sie wie eine Feder liebevoll in das Badezimmer, legte sie behutsam in die übergroße Wanne und drehte das warme Wasser an. In einer Mischung auf Mitleid und Gier betrachtete er sein Opfer. Und so kam es, wie es kommen musste: Rose´ Lebensgeister erwachten wieder. Das Wasser in der Wanne hatte den schlingernden Dampfer wieder auf normale Fahrt gebracht. Kein Hurrikane störte mehr, Rose Körper begann sich zu entspannen. Sie fing an zu planschen, wie ein Kleinkind, genoss ihre Nacktheit und forderte plötzlich, ohne das Worte zwischen Liam und ihr fielen, diesen mit eindeutigen Blicken auf, ihr in die Wanne zu folgen. Davon hatte der Schönling geträumt, sich aber als echter Gentleman bis jetzt vornehm zurückgehalten. Drehte die Düsen des Whirlpools auf, schüttete ein paar wohlriechende Essenzen, die neben der Wanne standen, in das sprudelnde Wasser, entledigte sich in Windeseile seiner Klamotten und konnte sein merkwürdig hartes Ding »da unten« nun nicht mehr verbergen. Ob sie bemerkte, wie gut er gebaut war? Schon war er ihr gegenüber im angenehm temperierten Wasser und in Sekundenschnelle war sie dermaßen gut stimuliert, dass sie alle Hemmungen verloren hatte.

Rose genoss seine wilden, doch sehr angenehmen Zärtlichkeiten. Aber dann war da abrupt dieser ekelhafte Filmriss... Der Film, der bei ihr mit dem nur halbwegs wahrgenommenen Satz »…du hast den falschen Slip an…« und einem Schuss endete. Einem Schuss, der sich als das Zuschlagen der Zimmertür von Room 640 in ihrem um alles und nichts kreisenden Köpfchen eingebrannt hatte.

Filmriss.

Was war geschehen? Ich kann mich nur erinnern, dass der Typ fantastisch aussah. Wir haben viel gelacht, ja, und noch mehr getrunken und alles andere war wohl ein Schuss in den Ofen. Sonst könnte ich mich doch daran erinnern, oder!? Nee - den will ich nicht wiedersehen. Vielleicht doch? Aber wo und wie? Hat der mir sein Kärtchen irgendwann zugesteckt oder im Hotelzimmer hingelegt? No idea. Liam Rodriguez! Wer bist du? Will ich das überhaupt wissen? Was hat der mit mir letzte Nacht angestellt. Auf jeden Fall fühle ich mich gut, mal von den Gedächtnislücken, dem noch immer schalen Geschmack und meiner Müdigkeit einmal abgesehen. Aber ich muss ja auch lediglich zum wichtigsten Kunden in meinem jungen Berufsleben. Dahin mit der Karriere…

Nun saß Rose Backett im Taxi, das sie zu der Adresse #286, Beverly Boulevard, Headquarters von H.H.fromL.A., brachte. Fahrzeit acht Minuten. Die Präsentation würde länger dauern.

2. ROSE PRÄSENTIERT (SICH??)

Vornehm geht die Welt zugrunde. Das Taxi schaffte die Strecke vom Sofitel zur Zentrale von H.H.fromL.A. nicht in acht, aber in elf Minuten. Sechzig Sekunden vor Rose´ Präsentation stand sie vor dem beeindruckenden Gebäude. Nicht übermäßig groß, aber von erlesener Architektur. So exquisit und outstanding die Mode, so auch das Gebäude von H.H.fromL.A. Den Laptop unterm Arm, noch einmal an sich rauf- und runterschauend, ob das Kostüm sitzt, die Valentino High Heels glänzen, die Strumpffarbe nicht doch zu auffällig sei und gut mit ihrem Make-up korrespondierend, fingen ihre Knie in dem Moment zu zittern an, als sie das Marmorportal, in Tiefblau gehalten, durchschritt. Die silberne Verglasung offenbarte sich als Tür, die geräuschlos zur Seite fuhr, als Rose nahe genug an ihr war. Das auffällige Logo der Firma war in übergroßen Intarsien aus vermutlich echten Goldplättchen in den hier nun dunkelgrünen, hochglänzenden Marmorboden eingelegt. Rose riss sich zusammen, richtete sich auf, sodass sie noch imposanter wirkte. Als sie auf die Empfangsdesk zutrat - es blieben ihr noch zwanzig Sekunden bis zum Beginn des Meetings -, sprang die süße Latino hinter ihrem iMac hoch, glaubte sie doch, eine neue Chefin vor sich zu haben. Sie strahlte über das ganze Gesicht, aber Rose sagte nur:

»Hi. Ich habe einen Termin bei Mr. Hyman. Rose Backett von S&S!«

»Hi. Ach so, ich dachte…«, dann verstummte das süße Pummelchen, griff zum Hörer und exakt um 10:00 klingelte es im Sekretariat vom Big Boss. Geschafft.

Das rassige Moppelchen - sie hatte halt 20 Kilo, oder vielleicht 30 zu viel auf den Rippen, aber ansonsten konnte man ihrem Charme nicht widerstehen - setzte erneut an:

»Also, ich dachte, Sie wären die neue Abteilungsleiterin, die heute bei Blair anfangen soll. So schön…?!«

Bevor sie ihre Elogen auf Rose fortsetzen konnte, schritt auch schon die Assistentin von Harry Hyman forschen Schrittes auf Rose zu, nicht ohne sie dabei mit Adleraugen zu taxieren. Der Dame um die vierzig, selbst äußerst attraktiv wenngleich ein wenig zu streng blickend, konnte man förmlich ansehen, dass sie Rose nicht wohlgesinnten war. Ganz Hyäne.

Rose ging es nur durch den Kopf:

Vorsicht!

Der Konferenzraum, in den sie von Mrs. Blaufinger Kratzbürste geleitet wurde, war eine Wucht für sich. Ausgewogen, sparsam, aber äußerst edel eingerichtet. An der der Tür gegenüberliegenden Stirnseite des Zimmers ein riesiger Flatscreen. An den anderen Wänden - natürlich - die besten Fotos der aufregendsten Kreationen des Hauses. Rose strahlten sonnige Models entgegen, die sie alle kannte. Aus dem Fernsehen, von Kampagnen, die ihr von den Hochhäusern riesig entgegenwinkten, und aus den angesagten Fashion-Magazinen.

Wow!

Kaum hatte sie sich mit ihrem MacBook Pro an den Screen angedockt, öffnete sich die Tür und eine wild durcheinanderredende Horde betrat den großen Raum. Klar, H.H. kannte sie von diversen Fotos. Er sah in natura und dreidimensional noch viel besser aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Wirkte auch deutlich jünger. Dynamisch. Ein Boss halt. So, wie man ihn sich wünscht. Die anderen Personen - Rose zählte schnell durch: Fünf Männer, zwei Frauen - kannte sie überhaupt nicht.

Blöde Situation. Ich ganz allein gegen acht.

Mr. Hyman hielt sich nicht lange auf. Time is money. Er kam forschen Schrittes auf sie zu:

»Sie sind also die Vertretung von >Johnny B.<, so wird doch Ihr erkrankter Kollege bei S&S genannt, wenn ich nicht irre? Dann gehe ich davon aus, dass Sie in der Materie sind, nicht wahr?!« - und sah Rose dermaßen durchdringend an, dass sie am liebsten gleich wieder geflüchtet wäre. Aber in diesem Blick schwang viel mehr mit.

Mein Gott, was für ein Typ. Der hat´s ja drauf! Der Händedruck, der Duft, der von ihm ausgeht, diese Augen. Wie soll ich jetzt noch präsentieren. Der macht mich kirre… Da kann aber der Rodriguez einpacken, oder doch nicht. Wenn ich nur wüsste, was letzte Nacht passiert war! Man, wie soll ich das hier überstehen…

»Ich stelle Ihnen mal kurz meine Crew vor«, ging H.H. nahtlos zur Tagesordnung über und das Blitzen in seinen Augen, das ihr signalisiert hatte »Du bist es!«, war völlig verschwunden und in straighten Business-Talk übergegangen. Nüchtern, um nicht zu sagen kalt.

Time is money…

»Wie Sie wissen, haben wir viel vor mit H.H.fromL.A.. Spitze zu sein, reicht nicht, wir müssen Tag für Tag besser werden. Unser neuartiges Marketing, das wir erdacht und Ihre Firma entwickelt hat, die Vernetzung mit den Shops weltweit, wird einmalig, in seiner Art völlig unique sein. Und bevor sich unsere Mitbewerber darauf einschießen werden, sollten wir denen schon meilenweit voraus sein. Dafür brauchen wir eine kreative Software, die Ihre Firma, so hoffe ich doch, bieten kann.«

Kurze Pause, geschickt gewählt.

»Das sind meine wichtigsten Kreativen im Haus«, seine Hand zeigte auf jeden Einzelnen und er stellte sie auch gleich vor, nur mit dem Vornamen, wie üblich. Als ob sich Rose deren Namen sofort alle würde merken können. Es gab nur zwei, die sie in der Kürze der Vorstellung bewusst registrierte. Ein offensichtlich Schwuler, der Chefdesigner Aiden Blair, den sie namentlich natürlich kannte. Ein dürrer, interessant aussehender Mittdreißiger, grellblau gefärbtes Haar im Schnitt einer angesagten Variante des Pompadours tragend, im Kontrast dazu ein Fünfzigerjahre-Vollbart. Der war aber rabenschwarz. Schräg! Und ein blutjunger Typ, lieb aussehend mit einem hippen Executive-Contour-Haarschnitt, der nicht so richtig zu ihm passen wollte. Große blaue, verträumte Augen lächelten sie an. Seinen Vornamen hatte sie längst vergessen, aber das würde sich ändern lassen.

Nachdem H.H. seine wichtigsten Mitarbeiter vorgestellt hatte, sagte er mit einem bezaubernden Lächeln auf seinen für einen Mann als schön zu bezeichnenden, vollen, leicht fraulich wirkenden Lippen:

»Ich darf Sie bitten, Ms. Backett, uns das Konzept Ihres Hauses, des zurzeit angesagtesten und innovativsten Software-Unternehmens der USA, zum anstehenden Relaunch unserer weltweit schon jetzt einmaligen Marketing-Strategie, vorzustellen.«

Acht Augenpaare waren auf sie gerichtet und leichtes Klatschen, das nicht ihr galt, sondern mehr dem sensationellen Modeunternehmen, begleitete sie während ihres Ganges zum Laptop, auf dem sie unverzüglich ihre PPP startete.

Konzentriert arbeitete Rose die Vorschläge von S&S, die überwiegend technischer Natur waren, ab. Zwei Stunden harte Arbeit, die alles von ihr forderten. Aber sie war für Situationen wie diese heute gut präpariert worden. Schließlich hatte sie ihr Fach auf einer der angesehensten Universitäten des Landes, dem Massachusetts Institute of Technology in Boston, MIT, studiert und war als Jahrgangsbeste abgegangen, direkt zu S&S.

Ständig kamen Einwürfe, Fragen. Verständlich, denn die Materie war für Laien unverständlich und sie hatte es mit dem Marketing-Staff und Designern von Mode zu tun, nicht mit Software-Entwicklern.

Ihr Vortrag wurde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Als sie endete, schlug ihr lang anhaltender Beifall entgegen. Wieder kreuzten sich die Blicke von Mr. Hyman und ihr. Wieder schossen Blitze durch den Raum, sodass Rose dachte, dass alle Anwesenden das doch sehen müssten. Nichts dergleichen geschah. Obwohl - nicht ganz. Zwei weitere Augenpaare, das von dem Jüngsten im Raum, dem mit dem hippen Haarschnitt und den verträumten Augen, an dessen Namen Rose sich partout nicht erinnern konnte und das des Chefdesigners begegneten dem ihren. Die Blicke des freakigen Designers waren allerdings ausgesprochen stechend. Nicht angenehm für Rose. Während die des jungen, sehr lieb und warmherzig aussehenden Typen etwa ihres Alters Rose aufmunternd anschaute.

Schätze, zumindest die beiden Nichtmänner haben die Blitze gesehen…

»Bravo. Danke Mrs. Backett.«

Erst »Miss«, dann »Misses«, wie denn nun…, Mr. Hyman?

Der Boss hatte die Gesprächsführung wieder übernommen.

»Sie haben uns eindrücklich vorgeführt, was wir aus unserem bescheidenen Unternehmen noch alles machen können. Fantastisch, einfach fantastisch. Sie sehen mich und meine Mitarbeiter beeindruckt!«

Rose wurde rot, scharrte unauffällig mit den glänzenden Valentino-Hufen unter dem Tisch und war einfach nur glücklich.

Geschafft. S&S können stolz auf mich sein. Ich werde Johnny B. in mein Gebet einschließen und mir morgen sofort die uralte CD von The Hooters besorgen… 1987, da war ich nicht einmal geboren und die haben schon so schnulzige Songs gemacht, zumindest was den Text angeht: »Johnny B., es gibt doch noch so viel mehr zu sehen! Mach nur die Augen auf und hör mir zu! Direkt vor dir schaltet die Ampel von Grün auf Rot. Oh, warum kannst du das nicht sehen, oh Johnny B.?« Ich werde jetzt von Rot auf Grün stellen und gewaltig durchstarten, Mr. Hyman und ihr, Gebrüder Samuel & Samuel!

Nun schaute der Boss sie wieder an, als wollte er Rose sofort abschleppen. Sie ahnte, was passieren könnte, wenn sie sich darauf einließe. Ihre Art, wie sie schaute, sich bewegte, verriet ihre Gedanken. Das merkte nicht nur Harry Hyman, sondern auch die anderen sieben am Tisch und die dachten sich ihren Teil.

Was, das erfuhr Rose erst sehr, sehr viel später und es sollte ihr Leben völlig auf den Kopf stellen…

 

3. SENSATIONELLER KARRIERESPRUNG

 

Der Rückflug nach Miami verlief leider nicht so ruhig, wie sie sich das erhofft hatte. Turbulenzen in ihrem Kopf, Turbulenzen in der Luft, Turbulenzen am Herzen; Rose war fix und fertig, als sie den MIA – Miami International Airport – erreichte. Den Trip hatte sie sich anders vorgestellt. Sie konnte Liam »The Mexican«, wie sie ihn für sich nannte, nicht mehr aus ihrem Kopf vertreiben. Das Ereignis der letzten Nacht war heavy gewesen. Erst jetzt, mit dem Abstand von ein paar Tausend Kilometern und rund vierundzwanzig Stunden, wurde sie sich der absurden, schönen, eigenartigen, erotischen, versoffenen, Vergessenen-und-auch-doch-nicht-Situation bewusst. Der Kerl hatte Rose den Kopf verdreht. Nur - wie hatte er das geschafft!? Sie grübelte und grübelte, bis ihr ganz unverhofft einfiel:

Das könnte Liebe sein? Oder zumindest Verliebtheit? Eine ernste Sache, oder muss ich das mit dem Surfer unter »miese Erfahrung« abhaken? So wie es mir gleich in den Sinn kam, als ich heute früh erwachte. Der schale Geschmack ist nicht weg… Und dennoch. Wie werde ich den Typen wieder los?

Ach Quatsch.

Ich hab´ ihn ja gar nicht.

Will ich ihn nun oder nicht!

Rose, entscheide dich…

Da sie von der Westküste aus zeitlich rückwärts in die Nacht geflogen war und sehr spät in Miami ankam, nahm sie sich sofort ein Taxi und fuhr direkt in ihr kleines Apartment in Coconut Grove, eines der sehr wohlhabenden Viertel mit wunderschönen Villen im Süden von Miami. Genauer gesagt, in den Teil Coral Gables, der direkt am Meer liegt und etwas Besonderes ist. Coconut Grove mit seinen exklusiven Vierteln ist eigentlich eine Kleinstadt mit rund 35.000 Einwohnern innerhalb Miamis mit charaktervollen, denkmalsgeschützten Gebäuden und teuren Villen. Das Großbürgertum Floridas wohnt hier. Einkommen: weit überdurchschnittlich. So sahen die Straßen, Parks und Villen auch aus: gepflegt. Kanäle durchzogen Coral Gables. Sie erreichten das offene Meer. Boote, überall Boote. Die Gegend war an sich viel zu teuer für eine Berufseinsteigerin wie Rose. Aber Bekannte ihrer Eltern hatten ihr in ihrem Gästehaus eine kleine Einliegerwohnung, die für Bedienstete vorgesehen war, für eine sehr geringe, kaum nennenswerte Miete überlassen. Ideales Wohnen für eine junge Frau.

Ziemlich abwesend, verträumt, verunsichert, bezahlte sie den Taxifahrer - es war bereits kurz nach Mitternacht - und schlenderte durch den großen Garten, den Duft der Blumen genießend, zu ihrer Wohnung. Erst wollte sie sich noch an den Bootssteg setzen, die Seele baumeln lassen, aber dann entschied sie sich doch, gleich ins Haus zu gehen. In der Villa ihrer Vermieter brannte noch Licht, doch sie wollte um diese Zeit nicht mehr Hallo sagen gehen. Sie riss die Fenster auf, um durchzulüften. Obwohl schon spät, war es doch noch immer schwül/warm.

Rose war ziemlich verunsichert. Keine achtundvierzig Stunden waren seit ihrem Abflug Richtung L.A. vergangen, aber sie hatte das Gefühl, dass sich ihr Leben verändert hatte. Es war nicht nur der merkwürdige One-Night-Stand mit »The Mexican«, es waren vor allem auch die Blicke von Harry Hyman, die sie aus der Bahn geschleudert hatten. Der Mann: ein Bolide. Formel Eins. 800 PS. Sie versuchte sich einzureden, dass ihre Präsentation vor den wichtigen Köpfen von H.H.fromL.A. super gelaufen sei. Zumindest hatte das HH vor allen anderen gesagt und sie glaubte ihm. Wollte ihm glauben. Der Mann faszinierte sie. Wenn sie an seine Blicke dachte, wurde ihr wider Willen ganz warm in ihren erogenen Zonen. Sie fing schneller zu atmen an, ihre Brustwarzen richteten sich merklich auf, ohne dass sie etwas dagegen unternehmen konnte. Der Mann hatte eine animalische Ausstrahlung auf sie. Nein, es war nichts geschehen, rein gar nichts. Nichts. Aber seine Augen sagten ihr alles. Sie hatte Angst davor, was sich daraus ergeben könnte, und war zugleich von seiner starken, erotischen Aura wahnsinnig angezogen.

Nie wieder werde ich in meinem Leben nach Los Angeles reisen.

Never!

Sie schmiss ihren kleinen Businesskoffer wütend auf das Bett in ihrem Schlafzimmer, legte den Laptop behutsam zur Seite, schaltete ihr Smartphone ab. Wie in Trance entledigte sie sich des grauen Kostüms, schnippte die High Heels von den Füßen, Slip weg, BH weg – sie ließ alles nur fallen und der Spur ihres Strips konnte man leicht bis zum Bad folgen. Die Schwüle im Haus empfand sie als unerträglich. Ab unter die Dusche. Abkühlen. Ihre Sehnsucht nach »The-Mexican-Haiwaii-Surfer-Liam-Harry-The-Fashiongod-Hyman« wollte sich nicht legen. Beide Männer vermischten sich in ihren Gedanken zu einem widersprüchlichen Bild. Als wären sie ein und dieselbe Person. Und während die frische Kühle des Wassers sie beruhigen sollte, trat das Gegenteil ein. Rose wurde fast schmerzlich immer heißer. Sie sah beide Männer vor sich, die sie gleichzeitig nahmen. So unterschiedlich sie vom Äußeren her waren, ganz zu schweigen von ihrer Art, sie konnte beide spüren. Der wahnsinnig erotische Surfer, der sie kraftvoll, nicht brutal, von hinten nahm, währenddessen sie in die Augen von HH sah. Sie erinnerte sich, wie sie - völlig unbewusst, unwillkürlich, unmotiviert - mit ihren Händen anzügliche Bewegungen zum Abschluss ihrer Präsentation vollführt hatte. Das wurde ihr in diesem Moment unter der Dusche erst bewusst.

Was habe ich nur gemacht?! Ich muss verrückt sein. Sicher haben das die Teilnehmer der Präsentation mitbekommen. Ich kann mich nie wieder in L.A. sehen lassen. Der Mann, ach, was sage ich, die beiden Männer haben mich verrückt gemacht. Verrückt.

L.A.? Gestorben für mich!

Rose hatte nicht einmal bemerkt, dass sie sich, während sie ihren widersprüchlichen Gedanken unter der Dusche folgte, selbst befriedigt hatte. Erst als sie das Wasser abstellte, in sich gekehrt und abwesend, stellte sie fest, dass ihr der Schweiß in Bächen von ihrem aufgewühlten, hoch erotisierten, wunderschönen Körper lief.

Sie fing ganz plötzlich zu weinen an. Während sie sich abtrocknete und mit dem Badetuch um ihrer Taille wie in Trance in ihr klitzekleines Schlafzimmer ging, wusste wie instinktiv, dass sich ihr Leben radikal verändern würde. In welche Richtung, war ihr nicht klar.

Ja, Veränderung. Was ist mit dir geschehen, Rose?!

 

Der Wecker klingelte. Rose schreckte hoch. Noch immer hatte sie den Schuss in L.A., der keiner war, in ihren Ohren. »…du hast den falschen Slip an…«-Liam.

Routine. In einer Stunde würde sie pünktlich, wenngleich unausgeruht, bei S&S eintrudeln. Ein Report bei ihrem Boss stand an. Berichten, wie gut alles gelaufen sei. Rose konnte sich durchaus vorstellen, dass der Marketingmann von H.H.fromL.A., der junge Typ mit dem weichen Gesicht und den schönen, warmen Augen, schon bei ihrem Boss angerufen hatte. Würden sich die Einschätzungen beider Seiten decken? Nachmittags müsste sie dringend zu Johnny B. in die Klinik fahren. Ihm berichten. Er war der Vater des Konzeptes, das sie vorgetragen hatte. Der würde sie nicht verarschen.

Johnny B. sagt immer die Wahrheit. Auf ihn kann ich mich verlassen.

Der konnte einschätzen, ob sie gut präsentiert hatte oder nicht.

 

»Hi. Ich würde sagen, dass das Meeting sehr erfolgreich war. Beeindruckend die Firma und noch beeindruckender Harry Hyman. Kein Wunder, dass die Firma dermaßen expandiert. Wir haben eine sehr gute Chance, über Jahre hervorragende Geschäfte mit H.H.fromL.A. zu machen. Das, was die brauchen, können wir, bei aller Bescheidenheit, bei S&S entwickeln und als Verkaufssystem weltweit für H.H.fromL.A. implementieren. Davon bin ich überzeugt. Die können keinen besseren IT-Partner als uns finden!«, fiel Rose in ihrer Begeisterung mit der Tür ins Haus.

»Ich habe schon gehört«, erwiderte ihr Boss Mike, selbst Programmierer und Entwicklungschef bei S&S, die rechte Hand abwehrend Rose entgegenstreckend, dabei aber ein bei ihm ungewöhnliches Grinsen auf sein meist ernstes Gesicht zaubernd.

»Du musst brillant gewesen sein, Rose. Harry Hyman rief mich höchstpersönlich an, kaum dass ich in der Firma war. Der muss schon nachts aufstehen, verrückt!«

Rose fiel ein Stein vom Herzen. Die erste völlig eigenständige Präsentation und sie schien perfekt gelaufen zu sein.

»Weißt du was, mach heute blau. Das nehme ich auf meine Kappe. Fahr an den Ocean Drive, verwöhn dich selbst und komm runter. Ich weiß, wie es ist, wenn man das erste Mal eine so große Sache verkaufen muss. Gratuliere dir. Das ist ein Fünfzehn-Millionen-Dollar-Auftrag. Du musst den Mr. Hyman total begeistert haben!«

Rose wusste gar nicht, was sie sagen sollte. Sie nahm natürlich das Angebot, den heutigen Tag freizuhaben, dankbar an und verzog sich auf der Stelle. Kaum war sie aus der Tür, rief sie ihre beste Freundin Madison Carter an.

»Mad, hast du Zeit? Können wir uns in einer halben Stunde im Gelato-go treffen, schaffst du das?«

»Klar doch, Rose, bin gerade wach geworden und wollte sowieso noch was frühstücken. Ich bin gleich auf dem Sprung! Was ist denn los, Blondie, dass du so aufgekratzt bist?! Na – egal. Bis gleich.«

Rose konnte es gar nicht abwarten, Mad ihr Herz auszuschütten. Sie, ihre wirklich allerallerbeste Freundin, die sie von der Uni her kannte und vor der sie null Geheimnisse hatte, um ihren zu Rat bitten. Das hatte Rose bitter nötig.

Mad war eine Marke für sich. Studierte ebenfalls IT-Management, hatte jedoch null Bock auf die Branche, obwohl sie – wie Rose auch – ein ausgezeichnetes Diplom abgelegt hatte. Attraktiv und neugierig, war Madison einzig auf das andere Geschlecht fixiert, so schien es Rose. Karriere? Sie träumte vom reichen Mann. Der musste natürlich toll aussehen, lieb sein, humorvoll und so… Aus der Retorte. Be a Torte. Extra für sie gebacken. Diese Mädels aus der Provinz! War Chicago eigentlich Provinz?

Sie hatten in Boston während der ganzen Studienzeit zusammen in einer kleinen Wohnung gelebt und es war nur zu oft passiert, dass Madison zu ihr sagte: »Du, ich muss heute Nacht noch mit einem Kommilitonen was für die nächste Prüfung erarbeiten. Würde es dir etwas ausmachen, wenn du ein, zwei, vielleicht drei Stunden später nach Hause kommst?« Dann war Rose klar, Mad hatte wieder einen heißen Typen zum »Probeliegen«, wie sie es immer im Nachhinein nannte, um nicht noch deutlicher zu werden. Sie hatte es sich aber – ganz beste Freundinnen – niemals nehmen lassen, Rose, kaum dass sie nach Mads »Probeliegen« zur Tür reinkam, eingehend und ausführlich zu schildern, wie derunder gerade gewesen war. Den sie gleich anschließend, nach dem »Probeliegen« wieder in die Wüste geschickt hatte, weil ja ihre Kommilitonin »jede Sekunde« kommen würde. Den Anblick wollte sie Rose ersparen. Außerdem: Ihrer beider Bude sah nach Mads männlichen Besuchern nämlich immer so aus, als ob eine Horde von Wildschweinen durch die südamerikanische Pampa getobt wäre.

 

Zwei Männer, völlig unterschiedlich, beide irgendwie verführerisch. Was in der kurzen Zeit nicht alles passiert war! Rose schmiss sich in ihren betagten 3er-BMW, öffnete das Verdeck, bei dem sie per Hand kräftig nachhelfen musste, so klemmte es, um dann aber den milden Fahrtwind voll genießen zu können. Sie fuhr Richtung Norden. Nahm die Douglas Rd, Rte 1, die in den Dixie Hwy. überging, blieb auf der 95 bis zur Kreuzung Mac Arthur Causeway Richtung Miami Beach und kam straight, links ab, zum Ocean Drive. Sie bekam direkt vor dem Gelato-go einen Parkplatz, war aber dennoch nur zweite Siegerin, denn Madison saß schon auf der Terrasse. Ein großer Eisbecher wurde Mad gerade serviert und ihr Grinsen war noch aufdringlicher als das von Mike vorhin…      

»Was - du bist vor mir da? Das gab es ja noch nie«, rief sie ihrer Freundin aus dem Auto zu. Sie strahlte nun doch über beide Wangen und war selig, ihre Freundin in die Arme schließen zu können. Die Aufmunterung brauchte sie jetzt.

»Hey Rose, du siehst ja blendend aus«, rief Mad zurück und sie fielen sich um den Hals, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen. Dabei waren erst drei Tage nach ihrem letzten gemeinsamen Dinner vergangen. Während Rose und Mad sich fast erwürgten, war das dem Eisbecher anscheinend zuviel. Er verabschiedete sich vom Tisch und begab sich in Richtung des mit Terrakottasteinen belegten Bodens. Auf dem Weg dorthin blieb er aber an der weißen Jeans von Mad hängen. Die Jeans war nun an einem Bein gut in Rot eingefärbt. Das Erdbeereis war wohl echt eifersüchtig auf die stürmische Begrüßung der Freundinnen.

»Oh shit«, entfuhr es Mad. »Ich muss doch gleich zu einem wichtigen Date mit einer großen Real Estate Agency, die einen Job für mich hat. Ich soll denen ihre Website überarbeiten und das Marketing „digitalisieren“, was immer die damit meinen! Shit!«

»Reg dich nicht auf, Süße, wir können tauschen. Du ziehst meinen Rock an. Ich deine Jeans. Mein Rock passt bestens zu deiner Bluse und da können die gleich sehen, was du für fantastische Beine hast.«

»Danke. Ja, das könnte gehen. Machen wir´s gleich? Nee, ich bin neugierig. Erzähl erst mal. Was war los in L.A.?«

Beide hatten sich nun endlich wieder hingesetzt; die Terrasse war voll wie immer um diese Zeit. Nachteulen, Spätaufsteher und Büroflüchtlinge reichten sich die Hand. Die einen waren gerade nach langer, schwerer und durchzechter Nacht in einem der angesagten Clubs aus der Falle gestiegen und hierher getappt. Andere taten sich generell schwer mit dem Aufstehen. Dann gab es noch ein paar aus der arbeitenden Bevölkerung, die eine kleine Mittagspause einlegten, um im Gelato-go einen der fantastischen Snacks runterzuschlingen und ein bisschen rundum zu schauen. Hier gab es immer heiße Bräute und tolle Typen zu begaffen. Das war zum Ritual der hippen Angestellten und Selbstständigen in Miami Beach geworden, bevor sie sich wieder ihrer mühseligen Tätigkeit zuwenden mussten.

Nachdem Rose einen Smoothie und ein Müsli bestellt hatte, kamen die zwei ins Ratschen, wie es nur Frauen miteinander schaffen. Ohne Punkt und Komma, in wildem Wort-Wechsel, durchforsteten sie die merkwürdige Nacht Rose´ in L.A. Und den darauf folgenden Tag.

»Weißt du, das war schon sehr abgefahren mit diesem Liam Rodriguez. Du kennst das sicher auch. Da kommt dir einer entgegen und du spürst in Bruchteilen von Sekunden: Der ist es! Den will ich haben. Du hast keine Ahnung, wieso und warum und weshalb deine Hormone so verrückt spielen. Du vergisst alles um dich herum und landest mit dem in der Kiste, ohne zu begreifen, was da eigentlich abläuft. Schlimm war, dass ich – ohne es zu bemerken, geschweige denn bewusst gewollt habe – einen Drink nach dem anderen förmlich in mich hineingesaugt habe. Ich hatte einen mächtigen Schwips, der im totalen Filmriss endete. Das ist mir noch nie passiert. Du weißt es. In Boston habe ich am Alkohol nur genippt! Du warst es, die hin und wieder einen Klitzekleinen in der Krone hatte. Mehr aber auch nicht.

Ich kann mich noch schwach erinnern, dass er mich ausgezogen und in die Badewanne gelegt hat. Dann kam er wohl zu mir, und was dann alles geschehen ist? Ich habe keine Idee. Filmriss total!«

Rose wiederholte das Wort »Filmriss« immer wieder.

»In meiner Erinnerung muss er mich einfach unglaublich, einfach fantastisch gevögelt haben. Anders kann ich es nicht nennen. War ich so ausgehungert? Hat mich der Alkohol dermaßen enthemmt? Ich kann es dir nicht sagen, Mad! Ist das nicht wirklich schlimm!?«

Stille. Sendepause von beiden.

»…Der Typ ist einfach der Hammer. Der wäre auch genau dein Geschmack, schätze ich, wenn ich an Boston zurückdenke. Groß, so um die eins neunzig, einen herrlichen Body. Austrainiert, braungebrannt, blond, tolle Augen und ein fein geschnittenes, markantes Gesicht. Der hat zwar einen mexikanischen Namen, aber nichts, auch rein gar nichts von einem Mexikaner.

Filmriss.

Sag ich doch. Ich weiß einfach nichts mehr über die Nacht! Er sagte, er lebe auf Hawaii und sei Surflehrer. Auch das noch! Anfangs dachte ich, die Stunden auf meinem Hotelzimmer – sehr lang war die Nacht nicht - wären Scheiße gewesen. War im ersten Moment unglaublich wütend. Auf ihn, auf mich…

Dass ausgerechnet mir das passieren muss! Aber je länger ich darüber nachdenke, umso mehr regt sich mein Inneres und sagt mir, dass das der Mann ist, den ich lieben könnte. Ist bescheuert, nicht?«

»Puh. Wenn das so ist, dann hast du was echt Schönes erlebt!«, staunte Mad sie an. Man hätte fast ein wenig Neid in ihrem Gesicht lesen können, aber Freundinnen sind ja nicht neidisch aufeinander. Schon gar nicht auf die Männer der anderen…

»Sag mal, hast du denn wenigstens seine Adresse? Kannst du ihn wiederfinden?«

»Nee, leider nicht. Ich dachte, nachdem ich meine Wut auf ihn und den Sex, den ich mir anfangs als obergrottenschlecht einredete - du kapierst: Filmriss! - vergessen hatte, suchte ich nach seiner Visitenkarte. Dachte, er hätte die im Hotelzimmer irgendwo hingelegt, nachdem er mich verlassen hatte, ohne sich zu verabschieden. Das typische One-Night-Stand-schlechte-Gewissen. Und das muss ausgerechnet mir passieren. Ich kann es nicht glauben. Aber da war keine Karte. Nirgends. Ja, ich habe seinen Namen, vorausgesetzt, der ist echt. Und dieser Liam-The-Surfer-Rodriguez-Hawaii sagte mir, er habe „ein paar Blocks“ von meinem Hotel eine >Bude<, so drückte er sich aus. Wie soll man den finden?!«

»Du könntest ihn wenigstens mal googeln«, warf die fasziniert zuhörende Mad ein.

»Klar. Das werde ich machen.«