Rote Rebellion - Marion Hübinger - E-Book

Rote Rebellion E-Book

Marion Hübinger

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Beschreibung

Blau ist Harmonie, Rot ist Wut, Gelb ist einzigartig Während Liam glücklich ist, wieder auf der Erde zu sein, sehnt sich Sarina nach ihrer Heimat Aeterna und den Menschen, die sie dort zurückließ. Die Frage, was mit ihnen geschieht, quält sie Tag für Tag mehr. Als dann im Stützpunkt der Rebellenorganisation SAVE1 ein Hilferuf ihres Heimatplaneten eingeht, setzt sie alles daran, sofort nach Aeterna zurückzukehren. Liam ist nicht gerade begeistert von der Idee, denn er will sie um keinen Preis verlieren. Doch als er Sarinas Zerrissenheit nicht länger ertragen kann, lenkt er ein. Gemeinsam machen sie sich auf – zu dem Planeten, der schon einmal beinahe ihren Tod bedeutete…

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Seitenzahl: 329

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Rote Rebellion
Über die Autorin
Impressum
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Epilog
Danksagung

Marion Hübinger

Rote Rebellion

Soul Colours 2

Über die Autorin

Marion Hübinger ist am Bodensee aufgewachsen, aus beruflichen Gründen zog es sie später nach München, wo sie seitdem mit ihrer Familie lebt. Als gelernte Buchhändlerin steht das Lesen und Verkaufen von Büchern im Vordergrund, doch sie hat ihren Wunsch, etwas Eigenes mit Worten zu schaffen, nie aus den Augen verloren. Im Genre Fantasy fand sie 2014 ihren schriftstellerischen Hafen, neben zahlreichen Fantasy Jugendromanen veröffentlicht sie auch Kinderbücher und Romance. Heute arbeitet sie in einer kleinen Buchhandlung mit Schwerpunkt Kinder-/ Jugendbuch. Wenn sie jetzt nach Hause kommt, wartet ein Schreibtisch voller Hefte, Blöcke, Stifte und Notizen auf sie. Ihre fantasievollen Geschichten fließen immer zuerst auf unzählige Seiten Papier.

Impressum

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.deabrufbar.

Print-ISBN: 978-3-98658-033-9

Auch als eBook erhältlich

Text: © Marion Hübinger

Die Soul-Colours-Reihe von Marion Hübinger erschien von 2015 bis 2022 als eBook-only-Ausgabe bei Impress, einem Imprint des Carlsen Verlages.

Buchsatz: Grit Richter, Tagträumer Verlag

Umschlaggestaltung: Grit Richter, Tagträumer Verlag

unter Verwendung von Bildmaterial von creativemarket.com

Lektorat: Pia Praska

Tagträumer Verlag

ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH

Alte Heerstraße 29 | 27330 Asendorf

Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

.

Für Maike, meine große Rebellin, die schon immer für ihre Ziele gekämpft hat.

1. Kapitel

Ich bin auf der Erde. Wie oft habe ich mir diesen Satz wohl schon im Stillen gesagt. Und dennoch übersteigt es manchmal mein Vorstellungsvermögen. So als würde ich auf einem dieser überdimensional hohen Häuser stehen – von deren Existenz ich bisher nicht einmal wusste – und springen. Ich hatte keine Ahnung gehabt, was mich erwarten würde, nachdem ich mit Liam und den anderen in die Kapsel gestiegen war, um Aeterna und das ganze Chaos hinter mir zu lassen. Ein wochenlanger Flug, weiter habe ich nicht nachgedacht. Doch jetzt setze ich bereits den Fuß auf das zweite Land dieses Planeten. Nach Schottland, wo unsere Flucht geendet hatte, jetzt also Deutschland, das Heimatland meiner Eltern.

***

Bäume, hunderte von Bäumen, mitten in einer Stadt. Seit wir diese riesengroße Anlage, die Liam warum auch immer als Englischen Garten bezeichnet, betreten haben, fühle ich mich wie in einem unserer Naturespiele, die ich mit meinen Freunden nächtelang gespielt habe. Mit dem einzigen und wesentlichen Unterschied, dass sich das hier völlig echt anfühlt. Es ist noch früh am Morgen. Und es ist Herbst. Von Anfang an mag ich diese erdische Jahreszeit, die so reich an Licht und Farbtönen ist. Obgleich Liam behauptet, dass der Herbst sich auch von einer wilden Seite zeigen kann, die mich nicht mit Sonne und einer angenehmen Wärme so wie heute beschenken würde. Ich fühle mich gerade so wohl wie schon lange nicht mehr. Außer ein paar vereinzelten Läufern sind uns bisher keine Menschen begegnet. Wir gehen schon eine Weile durch diesen Garten, der meine Sinne ständig mit neuen Reizen überrumpeln möchte. Statt auf harter trockener Erde bewegen sich meine Füße über einen Teppich aus weichem Gras. Im Augenblick führt uns der ausgetretene Pfad durch ein endlos weites Feld voller Bäume. Ihre Blätter leuchten in derart kräftigen Farben, dass selbst die ausgetüftelten Spielsimulationen in Nature dagegen verblassen. Wenn das meine Freunde sehen könnten!

Fast ehrfürchtig bestaune ich die stolz in den Himmel ragenden Baumstämme. Ich muss einfach stehenbleiben und einen davon berühren. Meine Finger spüren die rissige Rinde. Kleine emsige Tiere klettern den Stamm empor. An einer Astgabelung direkt auf meiner Augenhöhe sind zwei Buchstaben eingeritzt. Ob sie eine Art Code sind? In den Zweigen über mir sitzt ein rotbraunes Tier mit einem buschigen Schwanz und beobachtet mich. In seinen Augen muss ich ein Riese sein.

»Es kommt mir so vor, als ob du zum ersten Mal in deinem Leben einen Baum siehst«, spöttelt Liam, der leise hinter mich getreten ist. Ich spüre seinen sanften Atem in meinem Nacken und drehe mich zu ihm um.

»Ist dir immer noch nicht klar, wie anders sich deine Welt für mich anfühlt?«

Mein Herz zieht sich bei seinem Anblick unwillkürlich zusammen. Meine Augen wandern von seinem süßen Lächeln, der schräg über der Lippe verlaufenden Narbe, über seine tiefbraunen Augen bis hin zu den dunklen Haaren, deren lange Strähnen ihm ins Gesicht hängen, wenn sie sich nicht hinter dem Ohr bändigen lassen wollen.

Wie ein kostbares Geschenk nehme ich diese gemeinsamen Tage an, denn seit wir auf der Erde gelandet und im Stützpunkt der SAVE1 in Schottland angekommen sind, waren wir immer von anderen Menschen umgeben. Hier haben wir endlich Zeit füreinander. Und hier kann Liam sein Versprechen, das er mir kurz nach unserer gelungenen Flucht gegeben hatte, einlösen: Er wollte mir seinen Planeten zeigen. Wie zur Vergewisserung, dass es wirklich real ist, lege ich meine Hände an Liams Brust.

»Alles ist neu, genau wie du, Liam. Dich könnte ich schließlich auch stundenlang ansehen, und …«

»Ha, ich bin doch kein Studienobjekt«, wirft er protestierend dazwischen. »Aber, wenn es dir hilft …«.

Anstatt weiter zu sprechen, nimmt Liam mein Gesicht zwischen seine Hände, senkt seinen Kopf zu mir herunter und legt seine Lippen auf meine. Er küsst mich zärtlich und doch drängt sich sein Körper an meinen, so dass ich mit dem Rücken gegen den harten Baumstamm stoße. Ich bin glücklich, schießt es mir durch den Kopf. Glücklich und dankbar, dass ich hier sein darf. Bei Liam. Auf der Erde. Seiner Heimat. Ich ziehe Liam an seinem Nacken so fest zu mir, dass er kurz zögert. Doch meine Zunge fordert nach einer Bestätigung dieses Glücks, als könnte unser Kuss besiegeln, dass ich richtig gehandelt habe. Aeterna und die vergangenen siebzehn Jahre meines Lebens liegen jetzt weit hinter mir.

Ein wenig atemlos lösen wir uns voneinander. »Lass uns weitergehen«, sage ich entschlossener, als ich in Wirklichkeit bin, und greife nach Liams Hand. Doch meine Neugierde übernimmt die Führung.

Wir folgen dem schmalen Pfad, der sich seinen Weg durch dieses Meer an Bäumen bahnt. Er stößt auf einen kleinen Bach und verläuft parallel zu dessen Lauf. Bunte Blätter tänzeln auf dem Wasser, so als ob sie genau dafür heruntergefallen sind. Im strahlenden Licht der Morgensonne kreisen sie umeinander und werden von der sanften Strömung mitgezogen. Laut Liam fließt der Bach durch die gesamte Gartenanlage. Was für eine wunderschöne Wasserverschwendung. Ich muss an die trockene Erde von Aeterna denken, die ab und zu von heftigen Regenfällen genährt wird, auf der aber dennoch kein Grün ohne unser Zutun wächst. Wie haben meine Eltern diesen Kontrast damals empfunden?

Bei den Gedanken an sie stellen sich zwiespältige Gefühle ein. Denn mein Vater ist tot und meine Mutter hat jetzt Hunter an ihrer Seite. Trotzdem versuche ich mir vorzustellen, dass sie einmal verliebt waren, dass sie Hand in Hand auf denselben Wegen gelaufen sind, auf denen Liam und ich jetzt gehen. Denn diese Stadt war früher ihre Heimat. Früher, das ist lange her. Die Pandemie auf der Erde und die damit verbundene Flucht meiner Eltern nach Aeterna sind genau einundzwanzig Jahre her. Meine Mutter war damals bereits mit meinem Bruder Colin schwanger. Und niemand auf unserem Planeten hat geahnt, dass nicht alles Leben auf der Erde ausgelöscht wurde. Ein Irrglaube, in dem uns unsere Regierung nur zu gern gelassen hat.

»Warum schaust du so betrübt, Sarina?«, unterbricht Liam meine Gedanken, die einen bitteren Nachgeschmack in mir hinterlassen. Er läuft ein paar Schritte rückwärts, um mich genauer ins Visier zu nehmen.

»Ach, nichts«, wehre ich mit einer Handbewegung ab. Liam muss nicht erfahren, wie oft mich die Erinnerungen quälen. Doch er lässt sich nicht so leicht täuschen. Mit strenger Miene bleibt er vor mir stehen. Bin ich so leicht zu durchschauen? Seine Finger fahren über meine Mundwinkel. »Smile.«

Mehr muss er nicht sagen, um mich wieder ins Hier und Jetzt zu holen. Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln.

»So ist es schon viel besser«, versichert er mir galant. »Du sollst nicht so viel grübeln.«

Woher hat Liam nur diese Leichtigkeit? Von seinen Eltern?

»Werde ich eigentlich deine Eltern bald kennenlernen?«, will ich jetzt unbedingt wissen. Liam spricht selten, aber immer mit einer besonderen Wärme von ihnen.

Er zuckt die Achseln. »Mit Sicherheit wird ihr Aufenthalt in Myanmar noch mehrere Monate dauern. Sie haben sich leider nicht so genau festgelegt. Der Schutz der Mantas liegt ihnen sehr am Herzen.«

»Und macht dir das nichts aus? Ich meine, dass du sie nicht sehen kannst?«

»Ach, ich kenne es nicht anders. Und früher haben sie mich schließlich überallhin mitgenommen. Meeresbiologen brauchen nun mal Wasser um sich herum. Auch nach der Pandemie konnten sie sich nicht vorstellen, etwas anderes zu tun als sich mit den Lebensräumen der Ozeane zu befassen.« Liam lacht gutgelaunt auf. »Ich hoffe einfach, dass wir sie mal dort besuchen können.«

»Wir?«

»Wenn es nach mir geht, Sarina, dann werden wir zusammen viele Reisen unternehmen. Auch wenn der Ikarusvirus die Menschheit um mehr als ein Tausendfaches geschrumpft hat und viele Städte und ganze Landstriche verfallen sind, der Natur konnte er nichts anhaben. Es gibt so Vieles, das ich dir zeigen möchte.« In Liams dunklen Augen liegt ein unglaublicher Glanz, der seinen Worten noch mehr Bedeutung verleiht. Was soll ich sagen? Doch schon im nächsten Moment beginnt er sich um seine eigene Achse zu drehen und streckt dabei die Arme weit von sich. »Aber jetzt sind wir erst mal hier in München. Und ich bin froh, dass du diese Idee hattest.«

»Ich auch«, sage ich und lehne mich an ihn, weil die geöffneten Arme einer Einladung gleichkommen. Mein Kopf reicht gerade an seine Brust und ich lausche dem gleichmäßigen Herzschlag. Liam schließt die Arme um mich und ich fühle mich wie in einem geschützten Kokon.

Ich schließe die Augen und denke an die ersten Tage im Stützpunkt zurück. Nach unserer Flucht hatte ich plötzlich weder eine Aufgabe noch ein Ziel - und es gibt nichts, was ich mehr hasse als Untätigkeit. Nachdem sich der Gedanke erst mal eingenistet hatte, habe ich Liam regelrecht bedrängt mit mir nach Deutschland zu fahren. Colin und die anderen von der Einheit, an vorderster Front Anna, Toni und Alfred sowie ihr Chef Marty, waren dagegen. Sie meinten, ich sei noch nicht so weit. Aber mich hat eine innere Unruhe angetrieben, da ich sonst nichts tun konnte. Nach Aeterna zurückzukehren war für niemanden eine Option. Ich wollte wenigstens die Orte sehen, die meine Eltern einst gesehen hatten, auf den Straßen gehen, auf denen sie gelaufen waren, die gleiche Luft atmen. Eine Luft, die längst nicht mehr verpestet ist von jenem Virus, der so viel Tod über den Planeten gebracht hat. Ich musste einfach mit eigenen Augen sehen, dass mein Vater nicht von einer falschen Illusion geleitet war. Dass er – wäre er nicht vom Solium wegen seines gefährlichen Wissens eliminiert worden - in seine Heimat hätte zurückkehren können.

Aus reiner Gewohnheit nehme ich einen tiefen Atemzug, um meine Gefühle in den Griff zu bekommen. Hier gibt es zwar keine Scans, die eine schlechte Aura aufspüren können, aber jetzt ist Liam mein persönlicher Sensor, der alle meine Stimmungen sofort zu spüren scheint. Ich frage mich, warum ich für ihn so leicht zu durchschauen bin. Auf meinem Planeten zähle ich als Paria zu einer der Wenigen, deren Aura niemals erfasst werden kann, so dass ich meine Gefühle weitgehend für mich behalte.

»Wir kommen gleich an einem Biergarten vorbei. Ein letztes Relikt aus früheren Zeiten«, erklärt mir Liam und klingt so, als ob diese Tatsache sehr bedauerlich ist.

»Noch ein Garten? Warum haben die denn alle so merkwürdige Namen?«, frage ich erstaunt.

In Liams Augen blitzt es verdächtig. Er grinst und ich sehe ihm an, wie schwer es ihm fällt nicht laut los zu prusten.

»Entschuldige, Sarina, das kannst du ja nicht wissen«, versichert er mir. »München war berühmt für seine Biergärten.«

»Es gibt mehrere davon?«

»Früher ja, jede Menge.«

»Aha.«

»Sie zählten zu den beliebtesten Treffpunkten im Freien …«

»So wie der Platz des Handels?«, werfe ich begeistert dazwischen.

Die Art, wie Liam sich um eine Antwort windet, ist merkwürdig. »Am besten, du siehst es dir selbst an.«

Wir verlassen den Pfad, überqueren eine schmale Brücke mit einem gusseisernen Geländer und laufen querfeldein über ein weiteres Grasfeld. Unsere Schuhe schmatzen auf dem feuchten Untergrund. In der Nacht hat es heftig geregnet, der Wind hat die Regentropfen in starken Böen gegen die Fensterscheibe unserer Unterkunft gepeitscht. Ich war lange auf dem großen Bett neben Liam wach gelegen und hatte mich an die letzten Sturmtage auf Aeterna erinnert. Das vertraute Geräusch des Sturms hatte mich auf seltsame Weise getröstet.

***

Der Biergarten besteht aus unzähligen langen Holztischen und Bänken, die völlig verwaist sind. An vielen Stellen ist das Holz abgesplittert und die Farbe verblasst. Bunte Blätter bedecken nicht nur den Kiesboden, sondern auch die Tische. Trotz Liams euphorischen Schilderungen kann ich mir den Sinn eines solchen Ortes nur schwer vorstellen.

»Aus allen Ländern sind die Menschen gekommen, um die Biergärten zu besuchen«, erklärt er mir begeistert.

»Aber warum?«, bohre ich nach. »Nur um zu trinken und zu essen? Das ist doch völlig unlogisch.«

Liam verzieht den Mund zu einem verschmitzten Lächeln. »Deinen logischen Verstand liebe ich an dir, Sarina. Ihn und die sanften Locken, die dein Gesicht mit diesen wunderschönen grünen Augen umspielen.«

»Schmeichler«, sage ich und boxe ihn spielerisch auf den Oberarm. Hat Liam von seinem kurzen Aufenthalt auf Aeterna schon wieder alles vergessen? Bei uns zählt die Nahrungsaufnahme lediglich dazu, den Bedürfnissen des Körpers gerecht zu werden. Im Normalfall ordern wir unser Essen mit der Watch bei Gesund & Fit und erhalten die für den Körper notwendige Nahrung geliefert. In den Schulen kommt es zwangsläufig zu Zusammenkünften, doch hält sich kaum jemand länger als nötig in den entsprechenden Speiseräumen auf. Das Café Pontus ist das einzige Zugeständnis für uns Schüler und Studenten, damit es in freien Stunden nicht zu unnötigem Herumlungern auf den Straßen kommt. Noch lieber würde man es sehen, wenn wir unsere komplette Zeit mit Lernen verbringen.

***

Das laute Aufspringen der Kieselsteine lässt mich auf sehen. Zwei Kinder rennen gerade zu einem rostigen Stahlgerüst, das noch letzte blaue Farbreste aufweist. Lachend klettern sie darauf herum. Ein Mann und eine Frau, die in ein Gespräch vertieft sind, nähern sich den beiden.

»Bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren war hier die Hölle los«, schwärmt Liam. »Die Bänke quollen nur so über vor Besuchern. Marty hatte Anna, Marc und mich zu einem Fortbildungsprogramm nach München geschickt. Es war super Wetter, und wir haben jede freie Minute hier verbracht. Zum Glück durften wir schon Bier trinken, das ist hier erst ab sechzehn erlaubt.«

Liam erzählt wenig aus der Zeit, bevor wir uns auf Aeterna kennengelernt haben. Darum sauge ich die wenigen Informationen wie ein Schwamm auf. »Wie lange kennt ihr euch denn schon?«

»Ich bin damals gerade erst zur SAVE gestoßen, Anna und Marc waren schon über ein Jahr dabei.«

»Und sonst? Seht ihr euch außerhalb der Einsätze auch?«

»Nein, wie kommst du darauf? Wir wohnen ja nicht gerade um die Ecke. Marc ist als freiberuflicher IT-Berater viel unterwegs, Anna lebt in London und Toni lungert in den Highlands rum. Nur Alfred besuche ich manchmal in Glasgow. Er ist ein prima Kerl.«

»Man merkt, dass ihr euch versteht.« Ich denke an das stumme Einverständnis der beiden. Alfred hat stets einen wachsamen, beinahe väterlichen Blick auf meinen Freund.

Auffordernd legt Liam einen Arm um meine Hüfte und schließt damit das Thema ab. »Komm, lass uns weitergehen. Du hast ja noch gar nichts von der Stadt gesehen.«

***

Ich könnte ein ganzes Buch füllen über all das, was mir Liam gezeigt hat. Das Leben in München konzentriert sich seit dem Ende der Epidemie auf einen kleinen, aber sehr sehenswerten Ausschnitt der Stadt. Alle übrigen Stadtteile stehen leer. Die frühere Hauptstraße existiert gar nicht mehr. Die Stadtplaner haben laut Liam in vielen Städten ganze Straßenzüge eingerissen und ihre Flächen begrünt. Alle bewohnten Viertel Münchens liegen inzwischen direkt an der Isar, einem großen Fluss, der angeblich von Schmelzwasser aus den Bergen gespeist wird. Hier stehen auf engstem Raum alte Steinhäuser und moderne Glaskonstruktionen, imposante Kirchen und bunte Wohnhauskomplexe. Wir sind an unzähligen Geschäften vorbeigelaufen, die Waren zum täglichen Leben sowie Nahrungsmittel anbieten. Eine Flut an Angeboten, die alles in meiner Vorstellungskraft übersteigt.

»Kommt das Essen aus einer Fabrik?«, will ich von Liam wissen, da ich es nicht anders von Aeterna kenne.

Er schmunzelt. »Nein, bestimmt nicht. Wir bemühen uns auf der Erde mittlerweile wieder möglichst viele Nahrungsmittel selbst anzubauen und ohne künstliche Zusätze herzustellen. Das ist zwar wesentlich aufwendiger, aber auf alle Fälle gesünder. Die Allergieanfälligkeit ist dadurch schon um fast vierzig Prozent gesunken. Man nimmt an, dass sich der Ikarusvirus auch darum so schnell ausbreiten konnte, weil der menschliche Körper keine eigenen Reserven zur Bekämpfung mehr hatte. Und das wiederum konnte auf die ungesunde Ernährungsweise zurückgeführt werden. Es gab fast keine Lebensmittel, die nicht chemisch aufgeputscht oder gentechnisch hergestellt waren. Über die Folgen für den menschlichen Organismus wusste man viel zu wenig Bescheid. Das oder ein dramatischer Ernährungsmangel zählten zu den Hauptursachen für die extrem hohe Sterblichkeit.«

Mir schwirrt der Kopf von den vielen Informationen und neuen Eindrücken. Doch von der traurigen Vergangenheit des Planeten ist hier nichts mehr zu spüren. Ich kann mich gar nicht satt sehen an der Lebendigkeit dieses Ortes. Männer wie Frauen, junge Familien, sie alle scheinen auf den Straßen unterwegs zu sein. Viele stehen aber auch vor den breiten Fensterfronten der Geschäfte, in denen auf großen Flachscreens das jeweilige Angebot in einem Dauerfilm präsentiert wird. Und auch in den Verkaufsräumen laufen diese an zahlreichen Terminals weiter. Die Menschen tummeln sich davor, um die aktuellen Ankündigungen von Sonderpreisen oder Aktionen nicht zu verpassen. Ich bestaune diese fremdartige Anpreisung. Es kommt mir so vor, als würden die Menschen fast magnetisch von den Geschäften angezogen. In den meisten fühlte ich mich jedoch fehl am Platz. Ich bin nicht damit vertraut Freude aus dem Einkaufen zu schöpfen.

Die zweistöckige Buchhandlung an einer Straßenecke direkt an der Isar hat mich dann aber doch verzaubert. Sämtliche Buchcover, die man kaufen und auf ein elektronisches Lesegerät herunterladen kann, werden auf einer riesigen Fläche präsentiert. Im Keller dieses Ladens gibt es sogar noch echte Bücher, beschriebene, aber auch solche mit leeren Seiten. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich damit verbracht habe sie zu bestaunen und das eine oder andere in die Hand zu nehmen. Echte Bücher sind laut Liam im Laufe der Jahrzehnte auch auf der Erde eine Rarität geworden. In meiner Heimat gibt es nur die wenigen, die bei der Flucht gerettet werden konnten. Ich wusste von meinem Vater über die technisch längst überholte Form der Druckkunst. Schon bei seinen Erzählungen schien mir gedrucktes Papier viel zu anfällig für eine dauerhafte Aufbewahrung zu sein. Unser Wissen auf Aeterna wird schon von Beginn an auf Apps gespeichert. Und dennoch - was für ein kostbarer Moment sich für eines der kleinen Notizbücher zu entscheiden. Ich halte es gerade ehrfürchtig in meinen Händen. Ein kunstvoll verzierter Einband mit silbernen Ornamenten darauf, und die Vorfreude die unberührten Seiten selbst füllen zu können, machen diesen Moment einzigartig. »Du kannst dir aussuchen, was immer du willst«, hatte Liam gesagt. Und ich bin tatsächlich der Freude verfallen etwas zu kaufen.

Jetzt sitzen wir im Café der Universität. Liam bestellt bereits seine zweite Cola. Ich sehe ihn selten etwas anderes trinken. Gedankenversunken rühre ich in einem heißen Chaitee. Meine Füße sind müde vom Laufen auf dem harten glatten Gestein und in meinen Ohren klingen die vielen Geräusche der Stadt nach. Ich öffne den Knoten, zu dem ich mein langes Haar zurückgesteckt habe, und lockere die Wellen auf. Meine Augen schweifen wahllos über die Tische. Ich fühle mich wohl an diesem Ort. Um uns herum sitzen vor allem junge Leute, zahlreiche Köpfe in Tablets oder Notebooks vertieft, und ich stelle mir vor, dass sie wie wir auf der Maxima bestrebt sind neues Wissen zu erlangen. In diesem Moment habe ich Marie und mich vor Augen, wie wir in unseren weißen Kitteln das Chemielabor betreten und mit Klaus, unserem Professor, über ein neues Destillierverfahren oder ein besseres Mischungsverhältnis diskutieren. Wird Marie unser Projekt jetzt allein weiterführen? In diesem Moment spüre ich es wieder, dieses nagende Bedauern, dass ich sie über so Vieles im Ungewissen gelassen habe.

»Woran denkst du, Sarina?«, will Liam wissen und lenkt meine Aufmerksamkeit gerade rechtzeitig auf sich, damit ich nicht erneut von Wehmut erfasst werde. Er legt eine Hand auf meine und streichelt sanft meinen Handrücken. »Bist du froh, dass wir hier sind?«

Unsere Blicke treffen sich. Schnell streife ich den Gedanken an Marie wie einen Handschuh ab. »Hast du auch in so einer Universität studiert? Ich meine, bevor du zu uns gekommen bist?«

In Liams Augen lese ich Überraschung. Er räuspert sich kurz.

»Ähm, ja, ich habe das Glück, während der Ausbildung bei der SAVE1 in Edinburgh studieren zu können. Die Einsätze zählen quasi als Auslandspraktika.«

»Darum hast du so viel gewusst, richtig?«

Als Liam vor ungefähr sechs Wochen zu uns gekommen war, galt er als der mysteriöse Neue, den alle im Visier hatten. Meine erste Begegnung mit ihm war mehr als unglücklich verlaufen. »Irgendein so ein Idiot hat die Tür zum Pontus mit so viel Schwung aufgerissen, dass ich auf dem Hintern gelandet bin«, hatte ich mich in Umwelttechnik bei meinem besten Freund Josh beschwert. Keine fünf Minuten später war eben dieser von mir als Idiot betitelte Typ durch die Tür getreten und uns als neuer Mitschüler vorgestellt worden. Ich hatte Liam erst mal als arrogant und unfreundlich abgestempelt. Wie sehr ich mich doch getäuscht hatte!

Ich schließe kurz die Augen und stelle mir noch einmal meine alte Schule vor und meine Freunde, alles, was ich durch meine spontane Flucht hinter mir gelassen habe. Es ist vorbei! Meine Zeit an der Maxima genauso wie mein Leben auf Aeterna.

»Hast du eigentlich keine Angst gehabt, es könnte etwas schief gehen?«, schießt es mir durch den Kopf. »Ich meine, du siehst ja, dass nicht alles nach Plan gelaufen ist.«

»Aber immerhin konnten wir entkommen«, erwidert Liam leise. »Und der Versuch die Menschen wachzurütteln, hat größtenteils auch funktioniert. Hoffen wir, dass die Saat gesät wurde, um die Regierung doch noch zum Sturz zu bringen.«

Bei dem Gedanken daran, dass Menschen vom Planeten Erde ihr Leben für uns Aeteraner riskiert haben, staune ich immer noch. Marty, der Chef der Einheit SAVE1, hat versucht mir zu erklären, dass es schon immer die Aufgabe von anderen Staaten war Diktaturen zum Umsturz zu bringen. Selbst im Jahr 2064 ist das nicht anders. Und auf Aeterna herrscht eine diktatorische Regierung. Sie hat uns über Jahre hinweg getäuscht und so gut manipuliert, dass wir an ihrer Integrität niemals gezweifelt haben. Zumindest ich nicht. Ohne Liam, Marc, Toni, Alfred und Anna würde ich heute noch zu denen gehören, die die Gesetze des Soliums für unumstößlich halten. Wären diese Fünf nicht gewesen, dann würde mein Bruder noch immer im Kloster zur großen Weisheit gefangen gehalten werden. Ich schüttle unmerklich den Kopf. Allein schon der Name ist ein Hohn! Ich habe mit eigenen Ohren von Colins Mentor erfahren, dass das Kloster mit dem Solium gemeinsame Sache macht, und dass sie nur ein einziges Ziel verfolgen: die absolute Kontrolle über uns Aeteraner.

Entschlossen strecke ich meinen Rücken durch und suche Liams Blick. »Ich bin froh, dass du dich zu diesem Auslandseinsatz gemeldet hast.«

Sein Gesicht verzieht sich zu einem breiten Grinsen. Ich mag es, wenn dabei aus seinen Augen dieser besondere kleine Schalk spricht. »Gern geschehen, stets zu Ihren Diensten, Madame.«

Mit seiner untertänigen Verbeugung bringt er mich zum Lachen. Liam schafft es einfach immer, dass ich mich unbeschwerter fühle.

»Wohin gehen wir als nächstes?«

Gemäß Liams Aussage dauert es noch ein paar Stunden, bis es dunkel wird. Im Gegensatz zu Aeterna soll dieser Prozess schleichend und je nach Jahreszeit unterschiedlich schnell voran gehen. Ich kann diese Aussage nur als gegeben hinnehmen. Bei uns zuhause bricht die Nacht mit einem Schlag an, und meine Watch kann den Zeitpunkt auf die Sekunde genau angeben. Ich muss damit aufhören! Die ständigen Gedanken an Aeterna reiben mich noch völlig auf.

Eine Bedienung kommt zu uns an den Tisch und Liam bezahlt unsere Getränke mit seiner elektronischen Geldkarte. Ich bin dankbar für diese ungewollte Unterbrechung. Liam steht auf und sieht mich erwartungsvoll an.

»Ich möchte dir gern einen besonderen Ort der Wissensbewahrung zeigen. Gleich hier um die Ecke steht das Deutsche Museum. Es ist eines der ersten Museen, das in Deutschland wieder in Betrieb genommen wurde. Hier kann man unter anderem die Geschichte alter Kulturen studieren. Das ist anders, als nur eine App zu lesen, glaub mir.«

»Findet man dort auch etwas über die Kultur von Hawaii?«, will ich wissen, weil mir plötzlich Sunny im Kopf herumspukt.

»Da müssten wir eher ins National Museum of Scotland. Das ist nicht weniger beeindruckend. Erinnere mich daran, wenn wir zurück sind, okay?«

Liam wirkt keineswegs irritiert, dass ich ihn nach Hawaii frage. Er kennt Sunny auch, vielleicht zieht er ja die richtigen Schlüsse. Sunny ist die Fitnesstrainerin meiner Mutter. Monatelang ist sie bei uns zu Hause ein- und ausgegangen und ich denke voller Wärme an sie. Von Anfang an war sie für mich so etwas wie eine große Schwester. Ich vermisse sie.Ihr fröhliches Lachen, die Art, wie sie sich gekleidet hat. Die bunt gemusterten Stoffe würden hier in der Großstadt gar nicht auffallen. Es hat mich mehr als überrascht zu erfahren, dass sie einer heimlichen Opposition auf Aeterna angehört und mit der SAVE1 zusammen gearbeitet hat.

»Komm, lass uns gehen, für ein Museum braucht man Zeit.«

Beim Verlassen des Cafés greife ich nach Liams Hand und verschränke meine Finger mit seinen. Wir gehen nur ein paar Straßenecken weiter. Jedes Mal zucke ich zusammen, wenn eine neue Kolonne Autos an uns vorbeifährt. Sie sind dank der Elektromotoren leise, aber es gibt so viele davon, in allen möglichen Farben und Formen. Liam hat mich darüber aufgeklärt, dass Autos eine Art Statussymbol für die Menschen auf der Erde sind und dass sich dies auch nach der Pandemie nicht geändert hat. Es gibt kaum jemand, der keines besitzt. Was für eine verkehrte Welt! Wir nutzen auf unserem Planeten mit Ausnahme der Elitewachen alle den Shuttle. Und ich bin am liebsten zu Fuß unterwegs. Doch als sogenannter Fußgänger muss man sich hier ebenfalls an bestimmte Verkehrsregeln halten. An sämtlichen Kreuzungen stehen Geräte mit unterschiedlichen Farbcodes, die dem jeweiligen Nutzer der Straße anzeigen, ob er sich fortbewegen darf oder nicht. Diese kuriose Technik erscheint jedoch angesichts der Menge an Autos durchaus angebracht. Uns kündigt gerade ein grünes Licht an, dass wir die Straße überqueren können.

»Oh, was ist denn das!«, rufe ich voller Begeisterung aus, als wir auf einen großzügig angelegten Platz zugehen. Ich stürme einer grünen Fläche entgegen, auf der zahlreiche bunte mannshohe Rollen stehen. Auf ihnen sitzen oder liegen jede Menge Leute. Andere haben sich wiederum in kleinen Gruppen auf dem Boden niedergelassen.

Ich drehe mich neugierig zu Liam um. »Ist das hier ein Versammlungsplatz?«

Dieser Rückschluss liegt für mich auf der Hand, denn eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Platz des Handels, unserem zentralen Kommunikationsort auf Aeterna, ist vorhanden. Er liegt mitten im Centrum, direkt unter dem Hügel des Soliums, und dient uns als täglicher Treffpunkt. Farbige Sitzkugeln laden genau wie hier zum Verweilen ein. Liam nimmt mich schwungvoll in seine Arme, und ich höre sein sympathisches Lachen neben meinem Ohr.

»Was ist? Warum lachst du?«, frage ich erstaunt.

»Du bist einfach unverbesserlich«, sagt er und sucht Blickkontakt zu mir. »Du stehst mitten in einer der beliebtesten deutschen Großstädte als Besucher und trotzdem spukt dir dein Planet ständig im Kopf herum. Vergiss doch mal Aeterna und lass dich darauf ein etwas Neues zu entdecken. Das macht das Reisen eigentlich so spannend.«

»Ein Abenteuer, was?«, halte ich dagegen. »So etwas kannst auch nur du sagen!«

Ich befinde mich seit genau neun Tagen auf der Erde. Was sind dagegen siebzehn Jahre, die ich auf Aeterna gelebt habe! Es gibt mir einen kleinen Stich, dass sich Liam über meine innere Zerrissenheit amüsiert. Darum schüttle ich seine Arme ab und gehe ein paar Schritte auf Abstand. »Wer von uns beiden hat bitte schön seine Heimat einfach aufgegeben!«

Für ihn mag es vielleicht ein Abenteuer gewesen sein uns Bewohner zu einem Aufruhr anzuzetteln und die Klosterinsassen zu befreien. Doch meine Loyalität wurde von einem Tag auf den anderen in Frage gestellt. Es würde sich wie ein Verrat an meinen Freunden anfühlen Aeterna zu vergessen und mir auf der Erde ein schönes Leben zu machen. »Und du weißt genau, dass ich noch einmal zurück muss!«

Den letzten Satz schmettere ich ihm regelrecht entgegen. Liam zieht die Augenbrauen hoch, dreht sich wortlos um und klettert auf eine der nächstgelegenen Rollen. Ich stehe einen Moment völlig unentschlossen da. Ich bin kein Mädchen, das so leicht schmollt. Aber im Moment würde ich mich am liebsten irgendwo verkriechen und mich bemitleiden. Warum will nicht einmal Liam meinen Standpunkt begreifen? Schon vor dieser Reise habe ich ihm und der SAVE1 unmissverständlich klar gemacht, dass ich Aeterna nicht so einfach aufgeben kann. Ich muss wissen, was mit meinem Freund Jason passiert ist, nachdem er sich geopfert und uns zur Flucht verholfen hat. Hilflos mitanzusehen, wie er sich der Elitewache allein entgegen gestellt hat, hat mich bis ins Innerste erschüttert. Ich möchte Marie und Josh erklären dürfen, warum ich ihnen die Wahrheit vorenthalten habe. Im Stillen wünsche ich mir sogar, Sunny könnte hierher kommen. Wegen all dieser Menschen, die mir so am Herzen liegen, muss ich zurück.

Doch sowohl mein Bruder als auch Liam haben diesen Wunsch als inakzeptabel abgetan. Es würde nicht noch einmal gelingen unentdeckt auf den Planeten zu gelangen. Die Sicherheitsvorkehrungen wären um ein Vielfaches höher. Marty meinte, er würde seine Leute nicht grundlos einer derartigen Gefahr aussetzen. Bereits der erste Einsatz hatte ihm genug Kopfzerbrechen bereitet. Als ob meine Gründe nicht zählen würden. Am traurigsten hat mich gestimmt, dass mir mein eigener Bruder in den Rücken gefallen ist. Wie kann Colin einfach so umschalten! Es kommt mir so vor, als würde er sich schon nach diesen wenigen Tagen auf der Erde wie einer ihrer Mitbewohner fühlen. Kurz nachdem wir den Stützpunkt der SAVE1 erreicht und die zahlreichen Befragungen durch Martys Vorgesetzte über das Solium, unsere technischen Entwicklungen und die Wahrscheinlichkeit eines Regierungssturzes hinter uns hatten, hat sich Colin mit Marc in die Technikabteilung verzogen. Wann immer ich ihn getroffen habe, leuchteten seine Augen voller Begeisterung. Meine Bedenken, meine Argumente für eine Rückkehr, sogar mein Flehen prallten an ihm ab wie Wassertropfen.

»Na komm schon, Sarina, sei nicht eingeschnappt«, bittet mich Liam in diesem Moment und sieht zu mir herunter. »Der Tag ist viel zu schön dafür.«

Ich schlucke ein paar Mal und sehe mich um. Zufriedene Gesichter wohin ich sehe. Ein paar Leute in unserer Nähe machen Musik, andere haben auf einer bunten Decke eine Fülle an Speisen ausgebreitet, auf der Rolle schräg vor mir liegen zwei Mädchen, die Gesichter mit geschlossenen Augen dem Himmel entgegengestreckt. Ein unerwartet warmer Herbsttag. Ich sollte mich freuen, dass wir der früh einsetzenden Kälteperiode in Schottland entkommen sind. Liam hat Recht. Unsere Tage in München sollten nicht von meinen Sorgen überschattet werden.

Ich klettere auf die harte Rolle. Liam breitet im Liegen seinen Arm aus, damit ich mich zu ihm lege. Doch ich ignoriere diese Geste und setze mich mit angezogenen Knien neben ihn.

»Das ist übrigens Kunst zum Anfassen. Die Rollen bestehen aus langen Strohhalmen. Auf dem Land macht man solche Ballen aus frisch gemähtem Heu, um es besser lagern zu können. Du sitzt quasi auf einem Projekt der Kunststudenten«, klärt er mich auf, ohne mich weiter zu bedrängen.

»Auf dem Land? Kommen wir da heute auch noch hin?«

Seine Mundwinkel verziehen sich leicht nach oben. Ich boxe ihm auf die Brust. »Was ist jetzt schon wieder so lustig?«

»Nichts.«

»Nichts? Und warum lachst du dann?«

Liam hebt seine Hände abwehrend nach oben. »Ich lache doch gar nicht, ehrlich.«

Aber das lasse ich ihm nicht durchgehen. Ich setze mich kurzerhand auf ihn und fange an ihn zu kitzeln. Damit hat er nicht gerechnet. Wir balgen ausgelassen auf den Strohhalmballen, bis wir beide außer Puste sind. Und eins ist uns beiden klar. Das Museum muss bis morgen warten.

2. Kapitel

»Gut, dass ihr endlich da seid«, begrüßt uns Colin, kaum dass Liam und ich durch die Tür des Stützpunktes treten.

Ich sehe meinen Bruder überrascht an. Seine kurzen dunklen Haare sehen völlig zerzaust aus, und er könnte eine Rasur vertragen.

»Du siehst aus, als ob du gerade erst aufgestanden bist, Bruderherz«, tadle ich ihn. »Was gibt es denn so Dringendes?«

Wir hatten einen frühen Flieger aus München genommen und waren gerade in Edinburgh gelandet, da erreichte uns Colins aufgeregter Anruf. Aus diesem Grund haben wir das geplante Frühstück in der Stadt gestrichen und sind so schnell wie möglich mit dem Auto hierher gefahren.

Liam schmeißt seine Reisetasche in die Ecke und schiebt sich an mir vorbei. »Habt ihr etwa was aufgefangen?«

»Sieht ganz so aus«, lässt sich Marc vernehmen, der lässig winkend an uns vorbeigeht und in Richtung Technikabteilung verschwindet. Seine schlabberige Jeans sieht von hinten so aus, als ob sie ihm gleich von den Hüften rutscht. Marc hat mir erklärt, dass das cool wäre. Ich halte es eher für unpraktisch.

Colin wirkt unerwartet aufgekratzt. »Sie sind zwar noch am Entschlüsseln, aber es ist eindeutig eine Nachricht von Aeterna.«

»Von Aeterna? Das ist nicht dein Ernst? Warum sagst du das nicht gleich? Habt ihr eine Ahnung, vom wem sie ist?« Ich kann es nicht glauben, dass ich Colin alles aus der Nase ziehen muss.

»Sarina, reg dich nicht auf«, meint Colin und will mir meine Tasche abnehmen. »Die ist irgendwann heute Nacht vom Programm abgefangen worden. Marc ist echt ein Genie, was das angeht.«

Mit einer ungestümen Geste reiße ich ihm die Tasche wieder aus den Händen und gehe zum Besprechungstisch, der mit einer Handvoll weißer Plastikstühle das einzige Möbelstück in diesem Raum ist. Heute ist der Tisch über und über mit grauen Papierseiten übersät. Noch niemals im Leben habe ich so viel Papier auf einem Haufen gesehen. Mein Vater hat immer mit einer Spur Nostalgie von Briefen, Zeitungen und Notizbüchern erzählt. Einen Herzschlag lang vermisse ich ihn. Mehr erlaube ich mir nicht.

Alfred sitzt am Tisch und ist in seine Arbeit vertieft. Zwischen seinen buschigen Augenbrauen verläuft eine angestrengte Falte. Er schenkt mir kaum Beachtung. Ein kurzes Nicken, als ich mich samt Tasche lautstark auf einen Stuhl fallen lasse. Wieso lasse ich mich derart von meinen Emotionen mitreißen? Das passiert mir sonst nie. Eine der wenigen Vorteile, wenn man seine Gefühle als Paria selbst kontrollieren kann. Doch seit wir auf der Erde sind, scheint diese Funktion gelöscht zu sein, gleichsam eine Leerzeile.

»Wie lange wird es noch dauern?«, reißt mich Liams Frage aus meinen Gedanken. Ich drehe mich erwartungsvoll um.

»Marc meint, die Dechiffrierprogramme laufen auf Hochtouren, aber er rechnet noch mit ein paar Stunden«, klärt uns Colin auf.

Liam geht in das heilige Refugium von Marc. Ich habe sie noch nicht gezählt, aber es sind auf alle Fälle mehr Bildschirme am Laufen als wir an der Maxima in der Informationstechnologie für alle Schüler zur Verfügung haben. In dem abgedunkelten Raum herrscht ein stetes leises Brummen und Flackern von Lichtstrahlen. Da Liam die Tür offen gelassen hat, kann ich von hier aus sehen, wie er Marc eine Hand auf die Schulter legt und sich zu dessen Monitoren beugt.

»Erzähl mir von München, Sarina«, bittet mich Colin leise, während er zu mir an den Tisch tritt.

München? Die Frage erwischt mich auf dem falschen Fuß. Mich beschäftigen jetzt ganz andere Dinge. Es gibt eine Verbindung zu unserer Heimat! Alles in mir drängt danach mehr darüber zu erfahren.

Ich räuspere mich kurz. »Anders als hier.«

»Ja, und?«

Was soll ich ihm erzählen? Wo anfangen? Hat das nicht Zeit bis später? Doch die eisgrauen Augen meines Bruders sind auffordernd auf mich gerichtet.

»Du hättest mit im Flugzeug sitzen müssen, Colin«, beginne ich. »Bis wir die maximale Flughöhe von 12500 Metern erreicht hatten, konnte ich menschliche Ansiedlungen, bewirtschaftete Felder und sogar Schafherden erkennen. Leider sind wir dann durch eine schneeweiße Wolkendecke geflogen. Laut Liam haben wir uns in der oberen Schicht der Troposphäre aufgehalten.«

»Ja, Sarina hat mich mit unzähligen Fragen gelöchert«, stößt Liam lachend wieder zu uns. »Sie wäre am liebsten bei den Piloten vorn gesessen …«

»Ich unterbreche eure Plaudereien nur ungern«, höre ich plötzlich Annas übellaunige Stimme. »Aber wir haben echt zu tun.«

Sie schmeißt einen weiteren Stapel Ausdrucke auf den Tisch. »Die Daten müssen alle eingescannt und kontrolliert werden. Marty meint, wir könnten eine frühere Nachricht übersehen haben.«

»Glaub ich nicht«, erwidert Liam. »Marcs Programm ist hundertprozentig sicher.«

Doch Anna wischt diesen Einwand mit einer herrischen Geste beiseite. »Was du glaubst, steht gerade nicht zur Debatte, Liam. Du könntest dich mit Sarina also ruhig mal nützlich machen. Wir arbeiten alle schon seit heute Nacht auf Hochtouren.«

Mit dieser Ansage verschwindet sie genauso schnell wie sie gekommen ist. Auf Anna hätte ich gut und gern noch ein Weilchen verzichten können. Schon auf Aeterna sind wir nicht gerade Freundinnen geworden.

»Für wen hält die sich«, murrt Alfred in seinen angegrauten Bart hinein. »Seit wir zurück sind, führt sie sich auf, als wäre sie die Chefin höchstpersönlich. Ihr fehlt wohl der richtige Gegenwind. Gut, dass du wieder da bist, Liam.«

Ich weiß, dass Alfred sehr viel von Liam hält. Das hat er mir selbst gesagt, als er mich am Tag des Aufruhrs in den Gassen des Handels aufgegabelt und zu Liam gebracht hat. Man sieht es seinem müde wirkenden Gesicht an, dass er über Liams Rückkehr wirklich froh ist. Liam könnte vom Alter her fast sein Sohn sein. Er hat mal angedeutet, dass der erste gemeinsame Auftrag die beiden so zusammengeschweißt hat.

»Alfred, du weißt doch, dass es sinnlos ist, sich über Anna aufzuregen«, erklärt Liam in seiner besonnenen Art. »Wenn Marty das angewiesen hat, dann sollten wir dich jetzt lieber unterstützen.«

Während Colin mir erklärt, worauf ich in den kryptisch aussehenden Ausdrucken achten muss, setzt sich Liam zu Alfred und vertieft sich ebenfalls in die Papiere. Die Chance etwas über Aeterna zu erfahren, liegt möglicherweise gerade vor uns auf dem Arbeitstisch. Das entfacht meinen Eifer noch mehr. Die graubraunen, leicht angerauten Blätter in meinen Händen zu halten erfüllt mich immer noch mit Ehrfurcht. Recycelt nennt man sie. Wie überhaupt möglichst viel auf der Erde recycelt wird, da die Ressourcen immer knapper werden. Laut Liams Erzählungen wird jeder bestraft, der Abfälle falsch entsorgt oder die Quote von 50& nachhaltiger Einkäufe nicht belegen kann.