Wenn Drachen fliegen - Marion Hübinger - E-Book

Wenn Drachen fliegen E-Book

Marion Hübinger

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Beschreibung

Dunkle Wesen, funkelnde Träume, tausend Gefahren. Entdecke neue und alte Welten, geh auf Reisen und lass dich verzaubern. 32 Kurzgeschichten voller Liebe, Fantasie und Abenteuer und spannende Leseproben aus dem Drachenmond Verlag erwarten dich.

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Seitenzahl: 1085

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Widmung

Danksagung

Der Rhythmus deines Herzens – Alexandra Fischer

Straßenkötersymphonie – Alexandra Fuchs

Die Erschaffung Nimmerlands – Salome Fuchs

Sternenwächter – Ana Woods

An Unsuperior Winter’s Tale – Anne-Marie Jungwirth

Divinitas – Schwarzer Fluch – Asuka Lionera

Blaues Gold – Coles Entscheidung – Christelle Zaurrini

Mondlicht – Christian Handel

Im Auge der Stadt – D. B. Granzow

Dunkle Seelen – Emily Thomsen

Dolch und Degen – Helena Gäßler

Tarakona – Das Bündnis – J. T. Sabo

Ruf des Windes – Julia Adrian

Schattenkuss – Julia Dessalles

Seelensplitter und Kolibriherzen – Julia Seuschek

Der fünfte Prinz – Julianna Grohe

Brave Boys – Katharina V. Haderer

Ein Spiegel aus Gold und Gier – Laura Labas

Funkenmagie – Eamon – Liane Mars

Der Reisende – Lillith Korn

First Memory – Linda Schipp

Ein Stück Himmel – Lisa Rosenbecker

Den Sternen so nah – Sommernachtsträume – Mareike Allnoch

Die Dimension im Spiegel – Marie Graßhoff

Elin im Bann des Feuers – Marion Hübinger

Im Scherbenmeer ertrunken – Marlena Anders

Diebin in der Nacht – May Raven

Gläserne Gabe – Mirjam H. Hüberli

Verwandte Seelen – Nica Stevens

Der Tag, an dem alle Happy Ends gestohlen wurden – Nina MacKay

Das Karussell der Liebe - Sarah Nisse

Weltenrisse – Teresa Kuba

Leseproben

Ava Reed - Mondprinzessin

Charlotte Zeiler - La Vita Seconda

Elke Thomazo – Der nächste Freitag kommt bestimmt

Kerstin Ruhkieck – Ein Cowboy am Nordpol

Olivia Mikula – Snow Heart

Sandra Florean - Die Seelenspringerin

Sarah Adler – Knochenjob

Impressum

Wenn Drachen fliegen

Eine Kurzgeschichtensammlung
Hrsg. Ava Reed & Susanne Gerdom

Vorwort

Diese Anthologie wurde von den Autoren des Drachenmond Verlages gemeinsam erstellt, sie besteht aus Kurzgeschichten und Leseproben. Fast alle davon gehören zu bereits veröffentlichten Drachenmond-Werken oder solchen, die bald erscheinen.

Wir Drachen wollten Astrid etwas von dem zurückgeben, was sie uns gibt. Wir sagen hiermit Danke. Weil wir mehr sind als ein Verlag. Wir sind eine Familie.

Deshalb möchten wir den kompletten Erlös dieses E-Books für die Frankfurter Buchmesse nutzen. Wir möchten Astrid und allen Drachenmond-Lesern einen noch größeren und schöneren Stand ermöglichen.

Danke, dass ihr ein Teil hiervon seid. Wir danken euch für eure Unterstützung!

Eure Drachen

Widmung

Für Astrid,

die das Lagerfeuer am Brennen hält, selbst wenn alle Drachen schlafen.

Für alle Leser,

die den Drachenmond zum Strahlen bringen.

Danksagung

Wir danken von Herzen ...

Astrid, die uns immer wieder daran erinnert, wie man fliegt, wenn wir es mal vergessen haben. 

Mona Ullmerich, die sich voller Tatendrang auf die Kurzgeschichten stürzte, sie korrigierte und lektorierte. 

Den Testlesern, ohne die wir es nicht geschafft hätten.

Den Lesern! Was wären wir ohne euch?

Danke, 

Eure Drachen!

Alexandra Fischer

Der Rhythmus deines Herzens

Eine Kurzgeschichte zu »Rockherz«

ICH BIN AM GLÜCKLICHSTEN, wenn meine Gedanken zu Musik werden. Gefühle verwandeln sich in Tonfolgen, die meine innere Stimme dann mit Akkorden untermalt. Wenn sich aus vielen Tönen schließlich wie von selbst ein Refrain formt, dann bekomme ich eine Gänsehaut. Die Krönung des Ganzen ist es, meinen Kumpels diese neue Songidee vorzutragen. Sie mit geschlossenen Augen um mich sitzen zu sehen, während sie die Melodie in sich aufnehmen, um sie anschließend an ihren Instrumenten fortzuführen und ihr mehr Tiefe zu verleihen, lässt mich jedes Mal glauben, dass ich etwas Besonderes erschaffe. Etwas Großartiges.

Mein Name ist Morris Kyle. Ich bin Musiker. Ich bin Rocker. Ich bin Sänger.

Und bis zu diesem einen Tag im Sommer glaubte ich, dass meine Gitarre meine einzige große Liebe sei. Doch dann kam Almond, und mein Leben wurde zu einer Amplitude, die seitdem in jede nur erdenkliche Richtung ausschlägt.

»Morris!« Die Stimme unseres Managers riss mich aus meinen Gedanken. »Das ist jetzt schon das dritte Mal, dass du deinen Einsatz verpasst! ›Wings of Loneliness‹ sollte dir doch inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen sein.«

Ich grinste verlegen und sah sie an: Almond. Seit zwei Wochen geisterte sie wie eine Melodie, die ich unbedingt zu Papier bringen musste, durch meinen Kopf. Warum musste sie auch ausgerechnet die Tochter des Chiefs sein?

Sein Blick durchbohrte mich, als wüsste er längst, was in mir vorging. Vermutlich tat er das auch. Leonard Cole, Spitzname ›Chief‹, Managerlegende, Sohn eines Navajo-Kriegers und ein Mensch, den ich zutiefst bewunderte.

»Willst du weiter grübeln, oder bekommen wir das heute noch hin?«, fragte er und ich hörte Matt, Sean und Brad hinter mir kichern. Energisch holte ich Luft und nickte Leonard zu. Unsere Band Burnside Close stand zwar noch ganz am Anfang ihrer Karriere, aber wir hatten es irgendwie geschafft, vom legendären Chief Leonard Cole unter Vertrag genommen zu werden. Natürlich wollte ich ihn keinesfalls enttäuschen, denn er öffnete uns Türen, von denen ich bisher kaum zu träumen gewagt hatte.

Schon seit ich ein kleiner Junge gewesen war, war Musik alles, was mich ausmachte. Ich hörte sie im Rascheln der Blätter, im monotonen Rattern eines vorbeifahrenden Zuges und im Hupen der Autos auf den überfüllten Straßen der Stadt. Alles war ein Rhythmus, ich atmete ihn, ich fühlte ihn.

Meine Finger schlugen die Saiten der Gitarre an. Es war eine PRS McCarty, und ich kannte sie in- und auswendig. Sie fühlte sich vertraut an und gab mir die Sicherheit, die ich als Sänger auf der Bühne brauchte. Nach einigen Modes gab Sean an den Drums den Takt vor, und Matt übernahm die Leadmelodie. In meinem Kopf wirbelten bunte Farben durcheinander, während der Song von mir Besitz ergriff.

»I’m standing here still, looking at you, but feeling no thrill. We don’t say a word, listening to the silence and hope to be spurred. I lost myself in a black sling, unable to scream or sing, but I know it’s this nothing that means everything.«

Sean, Matt und Brad beschworen etwas Wuchtiges herauf, das den Körper vibrieren ließ, und es war, als wenn mich das Lied auf unsichtbaren Schwingen davontrug. Ohne darüber nachzudenken, entlockte ich der Gitarre jene Sounduntermalung, die sich der Chief schon den ganzen Tag über gewünscht hatte.

»I don’t know if you’re ready for me after all this we’ve been through, and so the wings of loneliness carry me away from you.« Der Refrain rollte über meine Stimmbänder, vereinigte sich mit den harten Klängen von Bass, Schlagzeug und Gitarre und ließ eine beinahe greifbare Präsenz des Liedes entstehen.

Ich kannte Almond kaum, und doch kam es mir vor, als sänge ich gerade nur für sie. Ich wusste, dass mich die anderen Bandmitglieder ausgelacht hätten, hätte ich ihnen von meinen Gefühlen für dieses Mädchen erzählt. Trotzdem war es unbestreitbar, dass irgendetwas mit mir geschehen war, seit der Chief sie vor zwei Wochen mit zu unserem Videodreh gebracht hatte.

Er war geschieden, und seine Tochter durfte ihn nur in den Sommerferien besuchen. Obwohl er nicht viel über sein Privatleben sprach, spürte ich, dass es ihm zusetzte, Almond so wenig zu sehen. Kaum dass ich sie kennengelernt hatte, verstand ich nur zu gut warum.

Sie war ihm so ähnlich. Vermutlich war es weder ihr noch ihm wirklich bewusst, aber in ihr brannte dasselbe Feuer für die Musik wie in unserem Chief. Er war nur deshalb so gut in seinem Business, weil er ein Gespür dafür hatte, welche Bands etwas Besonderes waren. Er suchte nicht nach dem großen Geld, nicht nach Hits für die Airplay-Charts, sondern nach Leuten, die nur aus einem einzigen Grund atmeten: um zu musizieren. Nach all jenen, die auch dann noch Musik machen würden, wenn sie völlig verarmt in der Gosse lebten. Einfach weil sie es tun mussten. Weil es sie umbringen würde, damit aufzuhören.

Ohne darüber nachzudenken, riss ich die Gitarre hoch, ließ sie erzittern und untermalte die Schlussakkorde des Songs mit einem heroischen Aufheulen der Saiten. »Away from you.«

Unter dem euphorischen Beifall des Chiefs öffnete ich die Augen. Ich sah ihn zustimmend nicken und bemerkte Almond, die ebenfalls aufgesprungen war. Die Begeisterung stand ihr ins Gesicht geschrieben und entlockte mir ein glückliches Lächeln. Es war mir wichtig, dass sie unsere Musik mochte. Auf diese Art sagte ich ihr Dinge, die ich in der Realität nicht auszusprechen wagte.

Der Chief kam zu uns, schlug mir auf die Schulter und klatschte Matt, Sean und Brad ab.

»Das war es! Das will ich von euch hören, Jungs! Wenn wir uns so auf den Gigs präsentieren, dann haben wir alle in der Tasche!«

Matt rempelte mich kameradschaftlich an. »Das war Magie, Bruder!«

Ich grinste und legte meine Gitarre vorsichtig zur Seite. Sofort sprang mich Brad an wie ein junger Hund, knurrte und tat so, als wolle er mir in den Hals beißen.

»Alter, hör auf damit!«, wehrte ich mich lachend. »Heb dir das für deine Groupies auf!«

»Keine Sorge, die beiße ich ganz woanders«, alberte Brad, bevor er nach Almond griff, die nun ebenfalls zu uns trat. Ich beobachtete, wie sie sich quietschend duckte und hinter ihrem Vater versteckte.

Am Anfang waren nicht alle Bandmitglieder begeistert davon gewesen, dass Almond nun sechs Wochen mit uns verbringen würde. Der Chief war eines Tages ohne Vorankündigung mit ihr bei uns aufgetaucht und hatte kein Problem darin gesehen, seine Tochter zu sämtlichen Studioaufnahmen, Bandproben und Videodrehs mitzubringen. Sean jedoch, das Sensibelchen unserer Band, hatte ihr nicht vertraut und sich durch ihre Anwesenheit gestört gefühlt. Es hatte einige vertrauliche Gespräche mit dem Chief bedurft, bevor Sean sein Misstrauen abgelegt hatte. Inzwischen mochte er Almond aber ebenso wie wir alle.

Ich hörte ihr ausgelassenes Gelächter, sah sie vor Brad flüchten und vernahm sofort jene Melodie in meinem Kopf, die mir die Finger jucken ließ.

»Ich werde dich zu Hackfleisch verarbeiten, wenn du sie anrührst.« Der Chief war neben mich getreten. Er musterte mich, seine Stimme klang gedämpft, ging im Gejohle um uns herum beinahe unter. Seine Augen lächelten, aber seine Worte wirkten hart und unnachgiebig.

»Das habe ich nicht vor«, erwiderte ich gelassen, obwohl es mich ärgerte, dass er mich ertappt hatte.

»Sie hat es schon schwer genug, weil ihre Mutter und ich geschieden sind.«

»Meine Hände bleiben auf meiner Gitarre«, versicherte ich ihm.

»Hm.« Er schien mir nicht zu glauben. »Ich habe viele Bands kommen und gehen sehen. Alle haben verdammt gute Musik gemacht, doch keine hatte euer Talent. Du bist das Herz von Burnside Close, Morris. Du weißt gar nicht, wie gut du bist. Ich kann nicht verstehen, dass das vorher niemandem aufgefallen ist, aber ich habe vor, dein Talent der Welt zu präsentieren. Bist du dazu bereit?«

Ich nickte zögerlich. Es war schwer zu beschreiben, was es mir bedeutete, dass jemand diesen inneren Drang in mir als Talent bezeichnete. Musik hatte mich immer am Leben erhalten, hatte mich den Tod meiner Schwester und die Trennung meiner Eltern verarbeiten lassen. Sie war meine Hoffnung in einer verwirrenden Welt, ein helles Licht in einer finsteren Nacht und jener Rhythmus, der mein Herz immer weiter schlagen ließ.

Der Chief ließ mich nicht aus den Augen. »Musik kann dazu führen, dass man alles andere um sich herum vergisst. Töne werden zu Worten, und Lieder zu Geschichten. Aber vergiss niemals die Realität, mein Junge. Lebe ein wenig, bevor du dich ganz in deinen Melodien auflöst.«

»Das wollte ich eigentlich gerade tun«, erwiderte ich grinsend.

Der Chief lachte auf. »Tu es mit wem du willst, aber nicht mit meiner Tochter. Sie schwebt selbst wie ein Blatt im Wind durch ihr Leben, stets auf der Suche nach jemandem, der ihr den Weg weist. Du würdest nur dafür sorgen, dass sie sich noch mehr verliert.«

Ich runzelte die Stirn. »Du hast wirklich großes Vertrauen in mich«, brummte ich ein wenig verärgert.

»Ganz im Gegenteil, Morris, ich glaube an dich wie an noch niemanden zuvor. Ich weiß, dass du auf die Bühne gehörst, denn deine Stimme ist pure Energie. Aber für eine solche Karriere muss man Opfer bringen.«

»Und wie sehen die aus?«

»Das kommt immer ganz auf die jeweilige Person an. Die einen hassen das Reisen, das Warten zwischen den Auftritten, die anderen ertragen es nicht, niemals zu Hause zu sein oder ihre Familie nur selten um sich zu haben. Du wirst bald herausfinden, was du vermisst.«

Aus den Augenwinkeln schielte ich zu Almond hinüber. »Wer hat ihr diesen Namen gegeben?«, fragte ich spontan und hätte mir dafür am liebsten auf die Zunge gebissen.

Der Chief runzelte missbilligend die Stirn. Er ließ sich Zeit, bis er endlich antwortete: »Hast du ihre Augen gesehen? Sie haben die Form und die Farbe von Mandeln. Eigentlich wollten wir sie Elizabeth nennen, aber ihre Mutter Evelyn meinte …« Er stockte und beobachtete die ausgelassene Gruppe im hinteren Teil des Raums. Dann räusperte er sich. »Ich habe diese Ehe versaut. Es war mein Fehler, dass Evelyn und ich uns getrennt haben und dass Almond als Scheidungskind aufwachsen musste. Meine Bands und die Musik hatten einen zu hohen Stellenwert in meinem Leben. Inzwischen weiß ich das, aber ich kann nicht ungeschehen machen, was damals passiert ist. Wenn man einen Menschen liebt, dann sollte man es niemals nur nebenbei tun. Es mag nicht immer einfach sein, manchmal traurig, manchmal mühsam, doch wenn es sich wie das Wichtigste auf der Welt anfühlt, dann muss alles andere zurückstehen.«

Ich schwieg, denn ich wusste nicht viel über die Liebe. Musik hatte stets einen so großen Teil meines Lebens ausgefüllt, dass für andere Dinge kaum Zeit bleib. Merkwürdigerweise hatte mich das auf der Highschool nicht zum Freak degradiert, sondern mich vielmehr zum begehrten Einzelgänger geadelt. Egal wie seriös man sein wollte, wenn man Rockmusik machte, wirkte das grundsätzlich rebellisch und sexy. Frauen wurden von Musikern angezogen wie Motten vom Licht. Doch ich war nicht besonders leicht zu beeindrucken. Seichte Unterhaltungen oder schneller Sex hatten mich noch nie gereizt, auch wenn ich das natürlich inzwischen nur sagen konnte, weil ich es ausprobiert hatte.

»Wie habt ihr euch eigentlich alle kennengelernt?«, hörte ich Almond in diesem Augenblick fragen und sah sie keck ihren Kopf zur Seite neigen. Es gefiel mir nicht, dass sie Matt so ansah, auch wenn ich wusste, dass er ein Frauentyp war. Das Schlangentattoo auf seinem Hals ließ ihn geheimnisvoll wirken und unsere weiblichen Fans schmolzen dahin, sobald er ihnen auch nur das kleinste Lächeln schenkte.

Matt drehte sich um und winkte mich zu sich heran. Kaum war ich bei ihm, legte er mir den Arm um die Schultern.

»Brad, Sean und ich kennen uns schon seit der Highschool. Wir waren eine dieser typischen Garagenbands, die die Nachbarn genervt haben und bei der Polizei wegen Ruhestörung bekannt waren. Leider ist meine Stimme nicht besonders gut, und so haben wir nach einem Leadsänger gesucht. Wir fanden einen, der mitsamt seinen beiden Kumpels bei uns einstieg. Ab da waren wir zu sechst und nannten uns sinnigerweise Battlefield Six. Wir tourten durch die Gegend und haben irgendwann in Eigenregie unser erstes Album aufgenommen. Das haben wir dann an verschiedene Radiostationen geschickt und dadurch das Interesse eines Plattenlabels geweckt. Die haben das Album mit uns überarbeitet und es anschließend auf den Markt gebracht. Und was soll ich sagen? Das Ding schlug ein. Es folgte Album Nummer zwei, und das wurde ebenfalls ein Knaller. Wir tourten durch die USA und Europa, aber irgendwann begann es innerhalb der Band zu kriseln. Unser Leadsänger drehte ab, und die Stimmung ging den Bach runter. Ein drittes Album hätten wir nicht zustande bekommen, so sehr gingen wir uns alle auf die Nerven. Wir trennten uns, lösten die Band auf und machten über ein Jahr lang unser eigenes Ding, aber Brad, Sean und ich vermissten einander.« Matt lachte, und ich sah, dass Almond ihm aufmerksam zuhörte.

»Was passierte dann?«, hakte sie nach.

»Wir beschlossen, nochmal ganz von vorne anzufangen: als Garagenband. Wir komponierten, fanden unseren Stil und schließlich fanden wir auch Morris.«

Matt knuffte mich in die Seite, und Almonds Blick wanderte zu mir.

»Du warst selbst bei einer Band, oder?«, wollte sie wissen. »Wo kommst du her? Chicago?«

»Ja.« Es schmeichelte mir, dass sie sich offensichtlich über mich schlaugemacht hatte. »Ich wurde in Burnside geboren, einem Gemeindegebiet von Chicago. Daher auch der Name unserer Band.« Mir fiel auf, dass sie das gar nicht gefragt hatte, doch Matt ergriff sofort wieder das Wort: »Ich sah Morris bei einem seiner Gigs in Miami und war auf der Stelle geflasht. Ich wusste, das ist er! Das ist der Mann, den ich haben will!«

Die Jungs, die immer noch hinter mir standen, stimmten ihm zu. »Seine Stimme ist die eines Engels«, hörte ich Brad übertrieben affektiert quietschen, und Almond grinste breit.

»Wie ging es dann weiter?« Ihre Augen leuchteten vor lauter Neugier.

»Wir machten erste Probeaufnahmen mit Morris und stellten fest, dass er unglaublich gut mit uns harmoniert. Seine Ideen zu unseren Songs und die Art, wie er Gitarre spielt, überzeugten uns auf der Stelle. Obwohl es ein enormes Risiko war, zog er von Chicago nach Miami, und wir gründeten Burnside Close.« Matt ließ mich los und betrachtete mit hängendem Kopf seine Schuhspitzen. »Leider blieb der Erfolg aus.«

»Warum?« Almond sah verständnislos aus. »Ihr seid großartig! Eure Gitarrensoli hauen mich jedes Mal um. Außerdem müsst ihr doch schon Fans gehabt haben! Was ist mit all den Leuten, die Battlefield Six gut fanden?«

»Es ist eine schnelllebige Zeit«, erwiderte ich nun. »Battlefield Six machte soliden Hardrock, epische Melodien, eingängige Texte. Teilweise waren sie regelrecht melancholisch. Burnside Close hingegen klingt metallischer, wir bewegen uns in Richtung Alternative Rock und Post Grunge. Unsere Texte sind eher sozialkritisch, unsere Melodien härter. Das ist nicht jedermanns Sache. Außerdem haben sich die Fans von Battlefield Six sehr stark mit dem damaligen Sänger identifiziert. Der war eine richtige Rampensau, machte Stagediving und holte regelmäßig seine Groupies auf die Bühne. Ich bin da ein ganz anderer Typ.«

Brad brach in Gelächter aus, und Almond musterte mich. Es sah aus, als wolle sie etwas sagen, verkniff es sich aber im letzten Moment.

»Du bist unser beherrschtes Hottie.« Matt boxte mich auf den Oberarm und ich verdrehte die Augen.

»Ihr wisst, wie ich das meine!«

»Nein, ist klar, Morris, du brauchst nur zu singen, und die Frauen fallen reihenweise in Ohnmacht.« Sean kicherte.

»Unsinn«, murmelte ich.

»Wäre ich nicht selbst so ein beherrschter Mensch, würde ich auch ständig in Ohnmacht fallen, wenn du singst«, sagte Almond, und um ihre Mundwinkel zuckte es dabei verdächtig.

»Genug herumgealbert!« Der Chief trat zwischen uns und warf mir einen mahnenden Blick zu. »Wir sind noch nicht fertig für heute.«

»Ach nein?« Almond sah auf die Uhr. Es war schon weit nach elf Uhr nachts. Für uns nicht ungewöhnlich.

»Ich würde gerne etwas essen«, fügte sie leise hinzu, und ich musste grinsen. Wenn der Chief in Fahrt geriet, dann verspürte er weder Hunger noch Durst. Heute befanden wir uns bereits seit Mittag im Tonstudio und würden vermutlich auch noch eine Weile hier bleiben.

»Pizza?« Der Chief sah seine Tochter fragend an, und sie nickte begeistert, obwohl wir in den letzten Tagen nichts anderes als Pizza gegessen hatten. Mit den Pappkartons, die sich in der Ecke stapelten, hätte man inzwischen das gesamte Studio tapezieren können.

»Ich notiere kurz, was jeder will«, rief sie in die Runde, und sofort schrien alle durcheinander.

Almond hob lachend die Hände. »Langsam!« Sie sah zuerst mich an. »Salami, Peperoni, Champignons und extra Käse?«

Ich war zu überrascht, um zu antworten, und sie lächelte.

»Ich habe mal in einer Bar gejobbt«, erklärte sie. »Da habe ich gelernt, mir solche Dinge schnell zu merken.«

»Zum Beispiel Pizzabeläge?«

»Das auch.« Sie zwinkerte mir zu und wandte sich an Matt: »Huhn, Ananas, Paprika und Barbecue-Soße?«

»Genau, Baby!« Er hob beide Daumen. »Du bist Gold wert, Al! Dürfen wir dich behalten?«

»Einen Scheiß dürft ihr«, murmelte der Chief, doch man sah ihm an, dass er froh darüber war, dass wir uns alle so gut verstanden.

Während Almond mit dem Lieferdienst telefonierte, drängten wir anderen uns um den Tisch neben dem Mischpult.

»Der Song ›Kill the Ghost‹ ist mir noch zu unrund«, begann der Chief. »Mir gefällt der Refrain, aber die Tonabfolge harmoniert nicht damit. Mir fehlt der Bass. Das Lied ist gleichzeitig voller Energie und dennoch düster. Wenn wir die Drums etwas drosseln und sie nur den Takt vorgeben lassen, dann würde mir das besser gefallen. Was meint ihr?«

»So in etwa?« Sean zückte seine Sticks und gab einen Rhythmus auf der Tischkante vor.

»Ja, genau!« Der Chief griff das Thema sofort auf, schloss die Augen und summte den Part des Basses, während er mit der Hand die Tonhöhen vorgab.

»Ja, ja!« Matt nickte eifrig. »Ich weiß, was du meinst.«

Automatisch fiel ich in das Lied ein, übernahm die Melodie und untermalte sie mit dem Text: »Kill the thoughts, kill the pain, kill the ghost and smash my chains.«

»Macht weiter!« Der Chief beobachtete, wie wir den Song a capella zum Besten gaben.

»Genial!«, sagte Almond, nachdem wir geendet hatten, und wieder einmal bemerkte ich das Funkeln in ihren Augen.

»Was hast du gehört?«, wandte sich der Chief an sie. »Klang das für dich harmonisch?«

Almond biss sich auf die Unterlippe. Offenbar war es ihr unangenehm, ihre Meinung vor uns allen kundzutun.

»Nur zu«, ermunterte ich sie, denn ich wusste, dass sie Musik auf eine Art und Weise zu fühlen vermochte, wie es sonst nur sehr wenige Menschen konnten.

»Dieser Song hat eine beinahe unheimliche Atmosphäre«, begann sie zögerlich. »Am Anfang kommt es einem vor, als taumelten die Beats durch den Raum, bevor der Bass die Führung übernimmt und sich in Rage steigert. Gemeinsam mit dem Songtext kommt das wirklich gut! Wenn ich das richtig verstehe, geht es um die Geister der Vergangenheit, die man besiegen soll, und genau so habe ich es auch empfunden. Sehr gewaltig, das Ganze.«

Ich sah zu den anderen hinüber und bemerkte, dass sich auf allen Gesichtern ein Grinsen ausgebreitet hatte.

»Was willst du mal werden, Al?«, fragte Brad. »Ich habe nämlich das Gefühl, dass dein Vater noch einiges von dir lernen kann.«

Der Chief warf eine leere Zigarettenschachtel nach Brad, der sich rasch duckte, was zur allgemeinen Erheiterung beitrug. Almond trat verlegen von einem Bein aufs andere.

»Setz dich zu uns«, forderte ich sie auf und rutschte zur Seite, damit sie sich einen Stuhl heranziehen konnte.

»Hier!« Sean drückte ihr ein paar Drumsticks in die Hand. »Mach einfach mit!«

Wir begannen von vorne, variierten den Einstieg in das Lied und ließen uns einfach treiben. Auf diese Art lernten wir einen Song meist ganz neu kennen, erkannten weitere Facetten in ihm und formten seinen Kern. Um diesen herum bauten wir dann alles andere auf. Ich liebte diese Arbeit. Sie war magisch und brachte mich dazu, alles um mich herum zu vergessen. So war es auch dieses Mal. Immer wieder kritzelte ich Noten aufs Papier, diskutierte mit Matt über einzelne Parts und forderte die anderen auf, uns zu unterstützen. Es war eine Reise in die Sphäre von Tönen und Metren, in ein Universum voller neuer Möglichkeiten: bunt, vielfältig und unerschöpflich.

»Habt ihr Pizza bestellt?« Als die Tür aufging und der Bote den Kopf hineinsteckte, war ich zunächst verärgert über die Störung, die mich aus dieser Welt riss.

»Ja, wir waren das!« Almond sprang auf, fing die Geldbörse auf, die der Chief ihr zuwarf, und nahm den Berg an Pizzakartons in Empfang. Vorsichtig balancierte sie ihn zum Tisch, bevor sie bezahlte und die Tür wieder schloss.

»Was ist?« Sie sah uns an. Offensichtlich hatte sie erwartet, dass wir uns wie hungrige Löwen über die Pizzen hermachen würden, aber es herrschte nur betretenes Schweigen.

»Okay.« Ihr Blick huschte über jedes einzelne Gesicht. »Ihr seht ziemlich entrückt aus. Wisst ihr was? Macht doch einfach weiter, ich kümmere mich um den Rest.« Sie räumte den Tisch wieder frei, und wir fuhren fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.

Schritt für Schritt näherten wir uns dem fulminanten Finale des Songs. Inzwischen hatten Matt und ich uns zwei Rhythmus-Gitarren geholt und experimentierten mit diesen. Der Chief und Sean sorgten für die Untermalung durch die Drums, indem sie immer leidenschaftlicher auf den Tisch einhämmerten, und Brad imitierte mit tiefer Stimme den Bass. Wir klangen bisweilen wie ein heulendes Wolfsrudel, aber wir konnten dem Sog, der uns in der Musik gefangen hielt, nicht entkommen.

Ab und zu machte Almond die Runde und schob jedem von uns wie selbstverständlich Pizzastücke in den Mund. Kauend und lachend sangen wir ihr ein Dankeschön, bevor wir mit der Arbeit fortfuhren.

»Das ist es, das ist es!« Mit einem Mal schoss der Chief in die Höhe. »Schreib es auf!«

Hektisch griff ich nach dem Stift. In meinem Kopf schwirrten die Töne umher wie tausend Schmetterlinge, die sich zu einer gigantischen Formation zusammenschlossen. Meine Finger flogen über das Papier, strichen alte Passagen heraus und fügten neue hinzu.

»Nochmal von vorne.« Ich hielt Matt das Gekritzel unter die Nase, und dieser nickte.

Wie ein Dirigent stand der Chief am Tisch, hob die Arme und erklomm mit uns ungeahnte Höhen.

»Ja!«, rief er jedes Mal, wenn die Begeisterung ihn übermannte. »Ich fühle es!«

Wieder und wieder begannen wir von vorne, bis der Song endlich genau so klang, wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Atemlos sahen wir einander an.

»Wahnsinn!« Ich blinzelte in die Runde, als würde ich aus einem tiefen Koma erwachen. »Was war das denn?«

Der Chief gab ein High Five vor, und alle schlugen ein. Mein Blick fiel auf das Sofa, wo ich Almond vermutete, und mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Eingerollt zwischen leeren Pizzakartons schlief sie friedlich, die Arme angewinkelt, die Hände unter ihrem Kopf.

»Unser Glücksbringer ist eingeschlafen«, stellte Matt fest und sah auf die Uhr. »Fast drei Uhr morgens, Jungs, wir sind seit über vierzehn Stunden dabei, Musik zu machen.«

»Den Song müssen wir aber jetzt noch einspielen. Zumindest die Melodie«, bestätigte Brad und gähnte. »Ich will nicht, dass er die Energie verliert, nur weil wir einmal drüber geschlafen haben.«

Der Chief stand auf und breitete seine Lederjacke über seiner Tochter aus. »Legen wir los«, sagte er.

Ich riss mich nur widerwillig von Almonds Anblick los, doch schließlich stand ich auf und ging zu meiner PRS McCarty in den Aufnahmeraum.

Wir drängten uns eng um die Notizzettel, während der Chief hinter dem Mischpult versank und sämtliche Lämpchen zum Leuchten brachte. Ich stöpselte meine Gitarre an, spielte ein paar Akkorde und hoffte, Almond würde aufwachen, damit sie mitbekam, was wir geschaffen hatten.

»Moment!« Der Chief gab uns ein Zeichen und sah auf sein klingelndes Handy. »Da muss ich schnell rangehen. Das ist ein Anruf von der Plattenfirma aus England.« Er stürmte aus dem Raum.

»Dann rauche ich noch eine!« Brad stieß Sean an. »Kommst du mit?«

Dieser nickte, und sie verzogen sich rasch. Matt eilte ihnen hinterher. »Wartet, ich …« Der Rest des Satzes wurde durch die schalldichte Tür verschluckt, die hinter ihnen ins Schloss fiel.

Ich lauschte in die Stille, doch in meinem Kopf hallte die Melodie des Songs wider. Ich war besessen davon, ihn endlich einzuspielen und festzuhalten, diese körperlose Tonfolge auf ein Medium zu bannen, welches das Erlebnis dieser Nacht für die Ewigkeit festhalten würde.

Ohne lange darüber nachzudenken, ging ich zu Almond, schob die Pizzakartons zur Seite und setzte mich neben sie. Sie sah sehr verletzlich aus, wie sie so dalag und schlief.

»Hey.« Vorsichtig strich ich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Es war das erste Mal, dass wir miteinander alleine waren.

Sie blinzelte und drehte den Kopf in meine Richtung.

»Hey, seid ihr fertig?« Verschlafen sah sie sich um. »Wo sind denn alle?«

»Die kommen gleich wieder«, sagte ich leise. »Wir spielen jetzt noch ›Kill the Ghost‹ ein, und ich dachte, du magst vielleicht hören, was wir aus dem Song gemacht haben.«

»Hm.« Almond setzte sich auf. »Arbeitet ihr immer so lange?«

»Meistens.« Ich unterdrückte den Wunsch, näher an sie heranzurücken, um sie zu berühren. Zu deutlich klangen noch die Worte des Chiefs in meinen Ohren. »Ich habe mal gelesen, dass das Gehirn anfängt durchzudrehen, wenn man müde wird. Es öffnet sozusagen alle Schubladen und schmeißt lauter Dinge zusammen, die es tagsüber ordnen würde. Alles wird vermischt, wie in einem intensiven Traum. Vielleicht ist das der Grund, warum wir immer bis tief in die Nacht arbeiten.«

Almond huschte ein Lächeln übers Gesicht. »Ist das wahr? Das klingt irgendwie verrückt.«

»Das ist es.«

Unsere Blicke verhakten sich, und ich bemerkte, dass sie sich nervös die Oberarme rieb.

»Ich mag eure Musik.«

Und ich mag dich. Das klang selbst in meinen Ohren schmalzig, und ich verkniff mir den Kommentar.

»Geht es dir nicht auf die Nerven, dass du deine Ferien mit deinem Vater und einer Band im Tonstudio verbringen musst? Ich meine, immerhin bist du in Miami, das für seine Strände und seine Cocktails bekannt ist.«

Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. »Miami hat Strände?«

Ich musste lachen und sie grinste ebenfalls, bevor sie den Kopf schüttelte. »Ich vermisse rein gar nichts. Es ist zwar jedes Mal ein Kulturschock, wenn ich aus London hierher komme, aber ich liebe meine Zeit bei Dad. Ich wünschte, ich könnte immer bei ihm sein. Nicht dass ich meine Mutter nicht mag, doch das hier ist so viel besser als mein Leben in England. Aufregender als das Internat. Ich fühle mich frei bei euch, auch wenn ich zwischen Kartons schlafe und wie eine Calzone rieche. Es ist schwer, das in Worte zu fassen.«

»Deshalb mache ich Musik.«

»Damit du nicht reden musst?«

»Hm, ja, Schweigen ist oft einfacher, findest du nicht?«

»Das stimmt, aber es verunsichert auch.«

Wir sprachen nicht weiter, als hätten wir uns schon zu weit auf eine Ebene vorgewagt, die für uns neu und verwirrend war.

Ich räusperte mich. »Mir fällt es leichter, einen Song zu schreiben als mit jemandem zu reden.«

»Dann spiel ihn mir vor!«

»Echt jetzt?«

Sie nickte eifrig. »Ja, los, sing für mich! Ich höre dir so unheimlich gerne zu.« Sie senkte den Blick, bevor sie hinzufügte: »Ich weiß noch nicht besonders viel über dich, aber wenn du singst, habe ich das Gefühl, ich lerne jedes Mal ein wenig mehr von dir kennen.«

Es wäre einfach gewesen. Ich hätte ihr Gesicht nur in meine Hände nehmen müssen. Alles andere hätte sich ergeben, denn das war es, was ich wollte. Das war es, was sie wollte. In dem Schweigen, das sich zwischen uns ausbreitete, vermischte sich die Melodie in meinem Kopf mit dem Verlangen nach ihrer Nähe. Bevor ich es nicht mehr aushielt, griff ich nach der Gitarre, die noch von der Session zuvor neben uns am Tisch lehnte.

Almond sah ein wenig enttäuscht aus. Ich hätte ihr sagen können, dass ihr Vater mir verboten hatte, etwas mit ihr anzufangen. Stattdessen flüchtete ich mich in die Vertrautheit des Instruments. Ich hatte nicht gelogen. Ich war kein Genie mit Worten, zumindest dann nicht, wenn ich sie zum Sprechen statt zum Singen benutzen sollte. Kaum entlockten meine Finger den Saiten jedoch den Song, den ich in mir trug, verschwand die Befangenheit auch schon. Ich spürte die Energie des Liedes, die mich wie ein Blitz durchzuckte. All das wollte ich Almond vermitteln. Jedes Wort sang ich nur für sie, und ich hoffte, dass sie verstand.

Für sie besiegte ich die Geister meiner Vergangenheit, all die Enttäuschungen, die ernüchternden Beziehungen, die Erkenntnis, jemand zu sein, der anders war. Jemand, der ein inneres Feuer mit sich herumtrug, das ihn zu verbrennen drohte, wenn er nicht sang oder komponierte. Ich fing die Atmosphäre ein, jeden unserer Blicke, und verlieh dem Song eine neue Bedeutung, ohne auch nur eine einzige Textzeile zu verändern.

Wir berührten uns nicht, und doch hätte die Spannung zwischen uns in diesem Augenblick nicht größer sein können. Als der letzte Ton im Raum verhallte, glaubte ich für eine Sekunde, wir würden uns nun endlich küssen. Dann ging die Tür auf.

Wie verpuffendes Gas zerbarst der Moment, und die stechenden Augen des Chiefs starrten mich an. Der Mindestabstand zu meiner Tochter wurde unterschritten, hörte ich seinen stummen Vorwurf.

»Al, du bist wach«, knurrte er.

»Morris hat mir den Song vorgespielt!« Schwärmerisch warf Almond ihre Arme in die Luft. »Dad, das ist so großartig! Ich bin so stolz auf dich.«

Ich sah, wie der Widerstand des Chiefs dahinschmolz. Er grinste und scheuchte die anderen Jungs herein, die noch auf dem Flur herumlümmelten. Dann klatschte er auffordernd in die Hände. »Lasst uns das Ding in den Kasten bringen!«

Mit einem Lächeln im Gesicht ging ich zurück in den Aufnahmeraum und nahm meine Gitarre an mich. Mit neuem Schwung spielte ich die Leadmelodie ein, während ich Almond betrachtete, die hinter der Glasfront saß und den Takt auf ihren Oberschenkeln mitschlug.

Für nicht einmal zehn Minuten waren wir unter uns gewesen, aber ich hatte es gefühlt. Ich hatte sie gefühlt und das, was zwischen uns passieren würde. Es war wie das vertraute Prickeln, die Euphorie, die sonst nur ein Lieblingssong in mir auslöste.

Vielleicht würde es noch lange dauern, bis unsere Zeit gekommen war und wir in der Lage sein würden, zu verstehen, was wir vom Leben erwarteten. Vielleicht würde es manchmal traurig und mühsam sein, so wie der Chief gesagt hatte. Doch eines wusste ich mit Sicherheit: Ab heute trug ich den Rhythmus ihres Herzens in mir.

Alexandra Fuchs

Straßenkötersymphonie

Kurzgeschichte zur »Straßensymphonie«

Levi

Der mit der Katze tanzte

ICH HATTE SIE SCHON eine ganze Weile gerochen. Tapste unauffällig durch die Schatten, ohne bemerkt zu werden, und folgte ihr. Beobachtete das kleine Tier, das kaum mehr Katze hätte sein können. Sie bewegte sich arrogant, verhielt sich wichtigtuerisch. Und doch war da etwas in ihrem Geruch, das ich nicht benennen konnte, mir aber dennoch die Gewissheit gab, dass sie mehr war als nur eine Katze. Sie war ein Wandler – wie ich. Das hieß, sie hatte die Macht, eine andere Gestalt anzunehmen, sich vom Mensch in ein Tier zu verwandeln. Vielen fiel das schwer, ihr jedoch nicht. Ihr Gang und ihre Bewegungen waren leichtfüßig, tierisch. Das musste sicher auch in ihrer menschlichen Gestalt durchkommen. Ich konnte mir gut vorstellen, dass die dramatische Veranlagung der Katze auch in ihrem Verhalten als Mensch zu erkennen war. Wie sollte es auch anders sein, sie schien mehr Katze als Mensch zu sein. Es gab kaum einen anderen Wandler, den ich in seiner Tierform nicht sofort durchschauen konnte. Doch sie war irgendwie anders, interessanter.

In meiner Hundegestalt zwängte ich mich hinter ein paar Büsche, versteckte mich im Schatten der Häuser. Ich schaute ihr noch eine ganze Weile dabei zu, wie sie ziellos durch die Gegend streifte, an Menschen, sogar an einigen Artgenossen vorbeitapste. Ihr Fell glänzte sauber und geschmeidig in der Sonne, und ich hätte am liebsten meine Schnauze darin vergraben, hätte hineingepustet. Sie war kleiner als ich, würde mühelos unter meinem Bauch durchschlüpfen können wie jede andere normalgroße Katze.

Vor lauter Faszination war ich einen Moment unachtsam, stolperte über meine Vorderpfote und wurde entdeckt. Mit geweiteten Augen und aufgestellten Nackenhaaren betrachtete sie mich kurz, trat dann sofort die Flucht an. Dieses Klischee erfüllte sie also auch, sie hatte Angst vor Hunden. Na das konnte sie haben. Ohne zu zögern setzte ich ihr nach und holte sie bald ein. Nacheinander schlitterten wir um eine Ecke, und ich wäre beinahe mit einem Passanten zusammengestoßen, konnte im letzten Moment noch ausweichen. Für einen kurzen Augenblick verlor ich die Katze aus den Augen, hechtete weiter und schnappte ihren Geruch dann doch wieder auf. Ich beeilte mich, schoss um eine weitere Ecke und sah sie endlich wieder vor mir.

Na warte, dich kriege ich, dachte ich neckisch und legte einen Zahn zu. Nur noch wenige Zentimeter trennten uns voneinander, doch sie war genauso wenig gewillt aufzugeben wie ich. Trotzdem erwischte ich sie am Schwanz, biss sanft hinein und schleuderte sie spielerisch herum. Ich wollte ihr so gern in die Augen schauen, konnte sie noch nicht aufgeben und verlieren. Kreischend landete sie auf den Pfoten, fauchte mich aus tiefster Seele an, rannte dann jedoch weiter. Doch nun schien sie ihr eigentliches Ziel entdeckt zu haben, hastete darauf zu. Dann bremste sie abrupt, und ich wäre beinahe in sie hineingekracht, kam gerade noch zum Stehen. Wendig schlüpfte das Tier durch ein Loch in einem Gartenzaun, drehte sich dann zu mir um und betrachtete mich mit der größten Abscheu, die ich jemals zu spüren bekommen hatte. Unsere Blicke trafen sich, verwoben kurz miteinander, lösten sich jedoch sogleich wieder. Ich schauderte und fühlte die Gänsehaut unter meinem Fell. Gierig begann ich zu hecheln und meine Zunge fiel mir seitlich leicht aus der Schnauze. Elegant drehte die Katze sich um, ließ ihren Schwanz durch die Luft gleiten und zeigte mir mit jeder Bewegung, was sie von mir hielt. Ich war der Versager, sie die Gewinnerin. Mein Schwanz wedelte und ich genoss das Gefühl, das sich bei der Jagd auf meiner Haut ausbreitete. Ich hatte verloren, dennoch fühlte es sich gut an. Es ging nicht um den Sieg, sondern um den Spaß an der Jagd selbst. Hoffentlich hatte ich sie nicht zu sehr erschreckt, denn das war wirklich nicht meine Absicht gewesen. Aber wie hätte ich dem Adrenalin entsagen und mich der Jagd nicht hingeben können? Dazu war ich wohl zu sehr Hund.

Ich beobachtete, wie sie durch die Katzenklappe ins Innere des Hauses gelangte, ließ mich auf meine Hinterbeine fallen und betrachtete das Haus. Es war groß und gepflegt. Im Garten wuchsen bunte Blumen wild durcheinander, säumten den Weg und verschönerten das Bild. Wer mochte wohl darin wohnen? Wer war die Katze wirklich? Wie sah sie in ihrer menschlichen Gestalt aus? Eine alte gebrechliche Frau? Das würde zwar zum Garten, aber nicht zu dem Tier passen, das ich gerade kennengelernt hatte. Vielmehr stellte ich mir ein junges, wildes Mädchen vor, das sehr genau wusste, was es wollte. Eines, dem die Türen der Welt offenstanden. Na gut, vielleicht formte ich sie mir gedanklich auch nur zu dem, was sie für mich noch interessanter machen würde.

Gemächlich erhob ich mich, schüttelte mir die letzten Stunden aus dem Fell und trottete zu unserem Bus zurück. Der Weg war lang, ich war viel weiter gelaufen, als ich gedacht hatte.

»Wo warst du denn? Das hat ja ewig gedauert«, empfing mich Micah, der lässig an den Bus gelehnt dastand und die Karte studierte. Er war mein bester Freund, und zusammen reisten wir seit Jahren durchs Land. Mittlerweile fühlte es sich an, als sei er eher mein Bruder als nur ein Freund.

Ich verwandelte mich im Schutz des Busses, spürte meine Knochen knacken, die Muskeln sich verlängern. Auch nach Jahren, in denen ich die Gestalt eines Hundes fast täglich angenommen hatte, war es immer noch komisch nach vier plötzlich wieder auf zwei Beinen zu gehen. Ich streckte mich, nahm mir meine Klamotten und zog mich an.

Schuldbewusst fuhr ich mir mit den Fingern durch die Haare. »Hab die Zeit vergessen, entschuldige.«

»Schon gut«, gab Micah zurück, ohne von der Karte aufzusehen. Kurz darauf knüllte er sie zusammen und warf sie in den Bus. Er liebte es, die Karte zu studieren. Keine Ahnung wieso, doch hatten wir nicht alle unsere kleinen Macken, die uns zu dem machten, was wir waren?

»Alles okay?«, fragte ich zögernd. Dinge zusammenzuknüllen und irgendwo hinzuschmeißen, war nicht seine Art, doch derzeit standen wir alle etwas neben uns.

In Stuttgart hatte sich unser viertes Bandmitglied Hals über Kopf verliebt und uns verlassen. Es fiel uns allen schwer, über diesen Verlust hinwegzukommen. Die Band und die Musik waren unser Leben, unsere Familie. Außerdem waren wir auf dem Weg nach Bremen. Dort fand ein Musik-Contest statt, bei dem es viel Geld, aber vor allem einen Plattenvertrag zu gewinnen gab. Und welche Band träumte nicht von einem großartigen Plattenvertrag bei einem renommierten Musiklabel? Aber wie sollten wir ihn in dezimierter Form bloß gewinnen?

»Ja, alles gut. Ich bin nur frustriert und müde …«, antwortete Micah. Ich legte ihm die Hand auf die Schulter, drückte sie kurz. Keine weiteren Worte waren nötig, wir verstanden uns. Mein Freund lächelte schwach, drehte sich zum Bus und griff ins Innere. Ich erblickte die Karte, die er feinsäuberlich vom Ball zum Quadrat fuselte und sie dann wieder im Handschuhfach verstaute. Ich lächelte. Das war schon eher der Micah, den ich kannte.

»Wo ist Lizzy?«, wollte ich wissen. Suchend streifte mein Blick durch die Gegend, doch ich konnte das Küken nirgends entdecken. Den Kosenamen hatte Liz ihrem Seelentier zu verdanken. Auch wenn er ihr nicht gefiel, würde sie ihn wohl nie wieder loswerden.

Wir hatten den Bus auf dem Parkplatz eines Supermarktes abgestellt und wollten nach dem Aufstocken unseres Proviants auf die Suche nach einer Pension gehen. Doch während die anderen beiden sich ein paar Minuten hatten ausruhen wollen, hatte es mich auf die Straßen getrieben. Ich musste einfach immer das Neue entdecken, die Umgebung erkunden, ihre Geheimnisse lüften.

Badelberg war keine besonders große Stadt, dennoch wollten wir die nächsten Tage hierbleiben, ein paar Gigs in der wohl bekanntesten Wandlerbar der Welt (na gut, meiner Welt) der Schwarzen Katz spielen. Ich war nervös und aufgeregt, ließ mir aber nichts anmerken. Diese Bar war eine wirklich große Sache in unseren Kreisen. Jeder kannte sie, nur Wandler natürlich, keine Menschen. Es war nicht so, dass wir uns von den Menschen abgrenzten, wir wurden schließlich in ihrer Welt groß. Wir sahen sie als gleichwertig an und setzen lediglich alles daran, nicht erkannt zu werden. Wir verwandelten uns nie vor ihnen, nur in der Abgeschiedenheit, und behielten unsere Gabe für uns. Nur Gleichgesinnte erkannten sofort, was wir waren. Für einen Wandler war das Tier eines anderen Wandlers immer offenkundig in dessen Augen sichtbar. Für mich persönlich gab es kaum einen Unterschied zwischen Mensch und Wandler. Natürlich konnten wir uns in unser Seelentier verwandeln, doch im Grunde waren wir gleich.

»Wir wollten eigentlich auf dich warten, doch da du echt lange gebraucht hast, ist sie schon mal losgegangen und sucht nach einer Pension. Google hat ein paar Treffer ausgespuckt. Ich hab auf dich gewartet«, riss Micah mich aus meinen Gedanken.

Wie ein geschlagener Hund schaute ich zu Boden. Wie hatte ich nur die Zeit vergessen können. Ich dachte an die Katze, ihre Ausstrahlung, daran, wie sie auf mich gewirkt hatte, und plötzlich überkam mich eine traurige Gewissheit. Wahrscheinlich würde ich ihr nie wieder begegnen. Würde niemals herausfinden, wer sie war und ob wirklich so viel Katze in dem dazugehörigen Menschen steckte. Natürlich wusste ich, wo sie wohnte, doch war ich nicht der Typ, der einfach klingelte und Hallo sagte. Vielleicht konnte ich die nächsten Tage nach ihrer Fährte suchen? Doch es war dennoch fraglich, ob wir uns nochmal über den Weg laufen würden.

Ich spürte eine Hand auf der Schulter und sah auf. »Ist bei dir auch alles in Ordnung? Bist du wieder nüchtern? Du hast heute Morgen schrecklich ausgesehen«, fragte Micah skeptisch.

»Klar, es tut mir nur leid, dass Lizzy wegen mir alleine losziehen musste.« Das Küken war wie eine kleine Schwester für mich, und ich wusste, dass sie es hasste, alleine in einer unbekannten Umgebung unterwegs zu sein. Sie mochte Fremde nicht und vermied den direkten Kontakt zu Menschen, was wohl ihrer Vergangenheit geschuldet war. Wie wir alle hatte sie es nicht leicht gehabt. Doch jetzt hatten wir uns, und auf der Bühne waren wir frei, konnten die Musik sprechen lassen.

Micah sah mich abwartend an, und mir fiel der zweite Teil seiner Frage wieder ein.

Ich lachte. »Geht schon, ja, der meiste Alkohol ist wohl raus aus meiner Blutbahn.«

Micah hatte heute Morgen den Bus fahren müssen, obwohl ich an der Reihe gewesen wäre. Ich hatte gestern wohl zu tief ins Glas geschaut. Die Katzen (die echte und die Bar) hatten aber alle Gedanken an den Kater (höhö) vertrieben und nur ein aufgeregtes Kribbeln im Magen zurückgelassen.

Micah schloss die Tür des Autos krachend. »Lass uns einkaufen gehen. Für Lizzy besorgen wir eine Extraportion Schokolade, Karamell und anderen Süßkram. Damit kannst du dich gleich wieder beliebt machen, wenn sie zurückkommt.«

»Gute Idee«, erkannte ich lächelnd an.

»Danach sollten wir langsam zur Schwarzen Katz aufbrechen.«

Zustimmend nickte ich, und zusammen zogen wir los in Richtung Supermarkt. Auf dem Weg stellte ich mir zum wohl tausendsten Mal vor, wie die Bar wohl aussehen mochte.

Angebote, die man nicht ablehnen sollte

Einige Stunden später standen wir frisch geduscht vor der schwarzen Katz. Bedächtig betrachteten wir die Bar zunächst von außen. Genauso hatte ich sie mir immer vorgestellt. Das Gebäude wirkte heruntergekommen, überall wucherten Pflanzen und verdeckten die Fassade. Die Veranda wirkte trotzdem fast magisch, zog mich förmlich an.

Automatisch schritt ich die Treppen hinauf, bis mich ein Arm vor meiner Brust am Weitergehen hinderte. Verwirrt blickte ich in die Augen eines bulligen Kerls, dessen Haare kaum schleimiger hätten sein können. Fast erwartete ich, dass sie ihm wie eine Schnecke vom Kopf rutschen und das Weite suchen würden. Doch sie blieben, wo sie waren, und ihr Besitzer starrte mich grimmig an.

»Was wollt ihr hier?«, fragte er, und ich konnte das Tier in seinen Augen sehen. Das Schwein wand sich, und ich bildete mir ein, ein Grunzen zu hören.

Der Kerl bohrte seine Finger in mein T-Shirt. »Was gibt’s da zu Grinsen, Köter? So kommt ihr jedenfalls nicht an mir vorbei, und das ist der einzige Weg rein«, spuckte er mir entgegen, und mir rutschten nicht nur meine Mundwinkel, sondern auch mein Mut in die Hose. Sollte es das gewesen sein? Würde ich wirklich nicht mal ins Innere der Bar kommen? Ich bemerkte nun die dunkle Jacke mit dem Security-Emblem auf Brusthöhe, die der Kerl trug. Wieso musste ich genau über den Kerl lachen, der den Eingang der Bar versperrte? Ich wusste, dass man natürlich nicht einfach so in die Bar kam, sonst hätte auch jeder Mensch problemlos reinmarschieren können. Doch ich hatte nicht damit gerechnet, dass tatsächlich ein Türsteher darüber entschied, wer ins Innere durfte und wer nicht.

»Hey Mann«, versuchte ich die Situation zu kitten und gab mich cool. »Ganz ruhig, meine Oma hat mir beigebracht, Menschen immer anzulächeln. Das macht die Welt ein Stückchen heller, hat sie gesagt.« Das war nicht mal gelogen, schien mein Gegenüber jedoch kaltzulassen. Man sollte niemals über andere Menschen lachen, schon gar nicht, wenn sie Schweine waren. Und das meinte ich wortwörtlich.

»Levi hat´s nicht so gemeint, er ist nur etwas übermütig«, kam mir Micah zur Hilfe, und wir setzten alle unser schönstes Zahnarztlächeln auf. Mein Herz klopfte wahnsinnig schnell und hart gegen meine Brust, machte Kolibriflügeln Konkurrenz.

Plötzlich durchbrach ein tiefes Lachen die Stille, und verwirrt schauten wir alle den Türsteher an. »Das klappt echt jedes Mal«, gluckste er. »Nur ein Scherz, geht rein. Willkommen in der Schwarzen Katz. Und hey Mann, Omas haben immer recht.«

Geräuschvoll sog ich die Luft in meine Lunge und versuchte das Geräusch zu überdecken, das der Stein verursachte, der mir grade vom Herzen gefallen war.

»Haha, wie lustig«, flüsterte ich und ging durch die Tür, bevor es sich jemand nochmal anders überlegen konnte. Mir wurde bewusst, dass die Situation durch meine Nervosität wohl viel dramatischer auf mich gewirkt hatte, als sie es wirklich gewesen war. Ich schmunzelte über mich selbst.

Im Inneren war ich für einen Moment geblendet von all meinen Vorstellungen, Träumen und Erwartungen, die ich jahrelang in Bezug auf die Schwarze Katz aufgebaut hatte. Auch wenn sie dem Aussehen nach nichts Besonderes war, so zählte sie in Wandlerkreisen dennoch zu den bekanntesten Bars in Deutschland. Jeder kannte sie, es war schon lange ein großer Traum von mir, hier einmal spielen zu dürfen, und sie nur zu betreten war schon richtig toll. Ein Gig in der Schwarzen Katz war in der Wandlerwelt ein wirklich tolles Aushängeschild.

Die Tische standen im Raum verteilt, und an einigen tummelten sich bereits andere Gäste, insgesamt war die Bar aber noch ziemlich leer. Gegenüber vom Eingang befand sich der Tresen, hinter dem eine junge Frau herumhantierte. Ich ging einige Schritte in den Raum hinein und schaute mich aufgeregt um. Eine Gänsehaut überzog meine Arme, und bedächtig ließ ich meinen Blick schweifen.

»Na, machst du dir gleich in die Hose?«, neckte Lizzy mich, doch ich hatte nur ein seliges Lächeln für sie übrig. Man musste die kleinen Dinge im Leben zu schätzen wissen.

Micah legte einen Arm um meine Schulter. »Mann, hast du etwa Tränen in den Augen?«, lachte er. Auch wenn er mich nur aufzog, hatte ich für den Moment genug von den Witzeleien der beiden. Ich schüttelte seinen Arm von mir und machte mich auf den Weg Richtung Toilette, brauchte einen Moment für mich. Das Adrenalin und der Restalkohol streiften noch immer durch meinen Kopf und vernebelten mir die Sinne.

Reiß dich zusammen, Mann.

Im Toilettenraum angekommen betrachtete ich mein Spiegelbild, fuhr mir mit der Hand übers Kinn und fühlte die Bartstoppeln. Mein schwarzes Shirt ließ meine Haut noch heller, das Kinn noch kantiger wirken. Das Strahlen in meinen Augen wirkte verwaschen, und ich erinnerte mich wieder, wieso ich letzte Nacht getrunken hatte. Es hatte weniger mit Sex, Drugs und Rock´n´Roll und viel mehr mit dem üblichen Auf und Ab des Lebens zu tun gehabt. Auch wenn ich das natürlich niemals zugeben würde, klang ersteres doch viel cooler für einen Rockstar. Das Leben war nicht immer einfach, und nicht immer war man mit dem glücklich, was andere an einem bewunderten.

Genug, schalt ich mich. Damit musste Schluss sein. Ich wollte nach vorne schauen, so wie ich es immer getan hatte.

Mit gestrafften Schultern verließ ich die Toilette, sah meine Freunde an einem Tisch in der Nähe des Eingangs sitzen. Vor einem leeren Stuhl stand ein großes Glas Cola. Ich setzte mich und nahm einen Schluck. Die kalte Flüssigkeit klärte meine Gedanken und öffnete sie wieder für den Zauber der Schwarzen Katz. Die Bar füllte sich langsam und überall wuselten Wandler umher.

»Wir haben einen richtigen Glücksgriff mit der Pension gemacht, oder?«, fragte Lizzy und stieß mich am Ellbogen.

»Mh?«, murrte ich verwirrt, weil ich nur mit halbem Ohr dem Gespräch gefolgt war. In dem Moment kam der Satz jedoch in meinem Kopf an, und die Frage ergab einen Sinn. »Ja, das stimmt. Aber ist es nicht eher ein Hotel?«

Egal ob nun Hotel oder Pension, die Zimmer unserer Unterkunft waren schön groß, und wir hatten sogar einen Balkon. Alles zu einem wirklich humanen Preis. Aus irgendeinem Grund war uns das Schicksal bei solchen Dingen immer hold.

Micah musterte mich. »Ein Hotel? Wie kommst du darauf? Wirkte auf mich eher wie eine Pension.«

»Gibt es nicht Frühstück? Und wir haben keine Küche in unserem Zimmer, oder?«

»Ja, und?«

Ich strich mir einen Fussel von der Hose. »Dann ist es eher ein Hotel, oder?«

Micah überlegte. »Ich weiß nicht, würde ich so pauschal nicht sagen.«

»Aber …«, setzte ich erneut an.

»Jungs«, unterbrach uns Lizzy, »ist es nicht egal, ob es ein Hotel oder eine Pension ist? Es ist schön, oder?« Sie mochte Diskussionen nicht besonders.

Ich lachte. »Du hast recht.«

»Vielleicht ist es doch ein Hotel …«, überlegte Micah leise vor sich hin, und Liz grinste.

»Will noch jemand was zu trinken?«, fragte ich, als mein Glas leer und mein Adrenalinspiegel wieder gefüllt war. Ich wollte unbedingt mit dem Besitzer der Bar über einen möglichen Gig sprechen.

Lizzy und Micah nickten, woraufhin ich langsam zum Tresen ging, da es mir zu lange dauerte, auf eine Kellnerin zu warten. Als ich lässig gegen die Holzplatte der Bar lehnte, war die junge Dame jedoch verschwunden, und je länger ich wartete, desto größer wurde meine Ungeduld. Gedämpft nahm ich ein Stöhnen wahr, streckte mich und sah die Kellnerin auf dem Boden kriechen. Jedenfalls hoffte ich, dass sie es war, denn eigentlich sah ich nur das Hinterteil. Nervös tippte ich mit dem Fuß auf den Boden, fuhr mir mit der Hand übers Kinn. »Hallo? Fräulein? Ich würde gerne etwas bestellen.«

»Einen Moment, ich hab´s gleich«, drang eine genervte Stimme zu mir, und ich lehnte mich lässig an den Tresen. Erst jetzt fiel mir auf, dass es ziemlich ruhig war, vor einigen Minuten war der Raum noch mit Klängen gefüllt gewesen. Doch nun war keine Musik mehr zu hören, nur die Stimmen der andere Wandler. Es polterte, jemand fluchte … Was auch immer sie tat, würde sie in dem Tempo damit weitermachen, würden wir niemals zu unseren Getränken kommen. Ungeduldig wippte ich mit dem Fuß auf und ab, streckte mich und betrachtete nochmal das Hinterteil der Kellnerin. Hübsch war es, das musste man ihr lassen.

»So gern ich ihren hübschen Hintern auch anstarre«, rief ich nach einem weiteren Moment leicht genervt, »ich bin wirklich am Verdursten.«

Außerdem wollte ich endlich mit dem Chef reden. Das Adrenalin schoss immer noch wie wild durch meinen Körper, allein bei dem Gedanken daran, dass die Möglichkeit bestand, hier zu spielen.

»Ha, Sieg«, durchbrach ihre Stimme meine Gedanken, und die Musik setzte wieder ein. Die Bedienung hatte wohl endlich ihr Ziel erreicht. »Ist schon gut, mein hübscher Hintern bewegt sich zu Ihnen.«

Na endlich. Ein kupferfarbener Schopf kam hinter dem Tresen zum Vorschein, und die Bedienung zeigte endlich ihr zum Hintern gehörendes Gesicht. Es war übersät mit Sommersprossen, und hätte ich versucht, sie zu zählen, hätte es mich sicherlich Stunden gekostet. Ihre Augen leuchteten offen.

Sie strich sich die Haare glatt, musterte mich von oben bis unten, und ihr schien zu gefallen, was sie sah. Ich grinste, lehnte mich vor und betrachtete ihr geschwungenen Lippen.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie betont freundlich.

Langsam kehrte mein Blick zu ihren Augen zurück, und ich bildete mir ein, sie schon mal gesehen zu haben. Sie war nicht hübsch, nein. Ihr Gesicht, ihre Augen, waren viel mehr als hübsch, sie waren schön. Ihre Züge strahlten Härte und Güte zugleich aus, zeugten aber auch von Willensstärke und Kraft. Unerwartet sprang mir die Katze entgegen, fauchte und wollte ihre Krallen am liebsten ganz tief in mein Fleisch rammen, hatte mich schon längst erkannt. Heiß, o ja. Ich grinste, eine Gänsehaut breitete sich auf meiner Haut aus, und ich war froh, dass man sich scheinbar tatsächlich immer zweimal im Leben sah.

»Hey, Kitty, so sieht man sich wieder«, offenbarte ich mich und sah ihr direkt in die Augen, wartete gespannt auf ihre Reaktion.

Ihre Gesichtszüge entglitten ihr, und das aufgesetzte Lächeln bröckelte. Das Wilde kam zum Vorschein und zeigte sich in seiner ganzen Grobheit. Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter, selten hatte ich es geschafft, jemand derart aus dem Konzept zu bringen. Die Jagd schien ihr nicht gefallen zu haben. Vielleicht hatte ich sie doch zu sehr erschreckt? Ich suchte nach der Angst und bekam sie förmlich entgegengeschleudert. Nur ihre Abscheu mir gegenüber war noch größer. Was hatte ich getan?

Schnell fasste sie sich wieder, straffte ihre Schulter. »Kat.«

Verwirrt musterte ich sie, versuchte zu erkunden, wieso sie mich so sehr hasste, ohne mich zu kennen. »Wie bitte?«

»Ich heiße Kat, nicht Kitty«, donnerte sie, versuchte gleichzeitig ihre Selbstbeherrschung wiederzuerlangen – und scheiterte, kläglich. Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Hass war immerhin ein Gefühl, und das hieß, dass ich sie auch nicht kaltgelassen hatte, das war ein Anfang.

»Wie passend. Also, Kitty Kat, ich hätte gerne einen Eistee und zwei Bier. Dasselbe, das Micah vorhin hatte. Und kannst du deinen Chef vielleicht später zu uns an den Tisch schicken? Wir wollen ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann«, versuchte ich die rauchige Stimme Don Corleones zu imitieren. Kat schien das jedoch nicht zu merken oder verstand den Hinweis nicht. Ich hoffte inständig auf ersteres, denn wer kannte den Paten nicht? »Wie geht’s dem Schwanz? Ich wollte nur ein bisschen spielen, und als ich dich gewittert hatte, konnte ich einfach nicht wiederstehen. Entschuldige«, versuchte ich es versöhnlich. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn mich jemand nicht besonders mochte und ich noch nicht mal genau wusste warum. Immerhin war unsere Jagd nur ein Spiel gewesen, kein Grund mich zu hassen. Argh, da kam wohl der Hund in mir durch. Ich wünschte, meine Gene würden mich nicht derart beeinflussen, doch mein Seelentier gehörte zu mir, ich war er, er war ich, zusammen eins. Wir beeinflussten uns, konnten das nicht abstellen. Anscheinend ging es auch Kat nicht anders. Sie sah aus, als würde sie mir am liebsten auf der Stelle das Gesicht zerfetzen wollen. Der alte Hass zwischen Hund und Katze, er stand nun deutlich zwischen uns. Ich hätte nur meinen Finger ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Innerlich rollte ich mich zusammen, woher kam er, wieso war er da? Die Katze hasste mich, doch wieso tat Kat es? Sie kannte mich nicht, dennoch verachtete sie, was ich war. Im Moment hatte ich verloren, und das erkannte ich, also drehte ich mich um und ging. Halt, eins noch.

»Ich bin übrigens Levi«, rief ich ihr über meine Schulter hinweg zu, kurz bevor ich die Hälfte des Raums durchquert hatte.

Die Getränke brachte nicht sie, sondern das traurig dreinblickende Mädchen mit den verunstalteten lila Haaren, das uns vorhin erzählt hatte, dass ihr Freund sie verlassen hatte und sie deswegen eine Veränderung gewollt hatte. Leider war die nicht so glatt gelaufen wie geplant, shit happens.

Ob Kat mir aus dem Weg gehen wollte, oder ob es Zufall war, dass wir uns den ganzen Abend nicht mehr begegneten, wusste ich nicht mit Sicherheit, doch es spornte mich nur noch mehr an, sie näher kennenzulernen. Ich erinnerte mich an unsere Jagd und die Faszination, die sie in mir entfacht hatte, bevor ich überhaupt gewusst hatte, wer sie war.

»Hey, was kann ich für euch tun?«, unterbrach uns ein großer gutgebauter Kerl mit dunklen Haaren. Der Adler flog durch seine Augen, wollte befreit werden.

Misstrauisch betrachtete ich ihn, war versucht zu schnüffeln, um herauszufinden, ob er Freund oder Feind war. Seine Körperhaltung verriet mir immerhin, dass er uns nicht gleich zerfetzen würde, wie ich es vom Türsteher zunächst erwartet hatte.

Als keiner von uns reagierte – wir waren wohl alle noch nicht ganz auf der Höhe –, kratzte er sich am Kopf, zog sich einen freien Stuhl heran und setzte sich. »Ich bin Sascha, mir gehört die Schwarze Katz«, waren genau die Worte, die uns alle aus der Trance direkt auf den Boden der Tatsachen katapultierten. Entgeistert starrte ich Sascha an. Das war ja ein toller erster Eindruck, den wir da gemacht hatten.

»Oh, hey. Entschuldige, wir waren alle in Gedanken«, schaltete sich Micah ein. Auf ihn war immer Verlass.

Sascha lächelte. »Kein Thema. Kat sagte, ihr wollt mich sprechen. Sie erwähnte einen Pferdekopf in meinem Bett.«

Ha! Sie hatte die Anspielung also doch verstanden.

Micah sah verwirrt in die Runde, ich schüttelte nur den Kopf. »Wie dem auch sei, wir wollten fragen, ob du hier auch Bands auftreten lässt?«

Sascha wirkte interessiert. »Klar, was spielt ihr?«

»Eigentlich alles. Rock, Pop und unsere eigenen Songs«, warf ich in das Gespräch ein, spürte die Aufregung, gab sie jedoch nicht preis.

»Das klingt gut, könnte ins Konzept passen. Wie wär´s mit einer kleinen Kostprobe?«

»Puh, das überrumpelt uns jetzt etwas …«, gab Micah zu. Damit hatten wir tatsächlich nicht gerechnet. »Wie wär´s mit morgen? Wir haben all unsere Instrumente in unserer Unterkunft abgeladen.«

»Ja, klar. Das passt. Wo kommt ihr her? Von weit weg?« Sascha lehnte sich interessiert über den Tisch, stützte seine Ellbogen auf die Platte und sah uns gespannt in die Gesichter. Ich fühlte die Freiheit, die der Adler in seinen Augen versprühte, flog mit ihm. Er hatte gesagt, dass wir spielen durften. Wir würden tatsächlich in der Schwarzen Katz auftreten. Ich konnte es kaum glauben. Meine Mundwinkel arbeiteten sich in die Höhe, und ich grinste wie ein Einhorn auf Drogen. Unterdrücken hatte keinen Sinn, scheiß auf coole Fassade. Im Moment war ich einfach nur glücklich, und das konnte auch die ganze Welt sehen. Träume konnten wahr werden, man musste nur an ihnen festhalten. Wenn das so weiterging, würden wir das Ding in Bremen rocken.

»Wir sind mal hier mal dort, haben im Moment keinen festen Wohnsitz. In Bremen findet in ein paar Wochen ein großer Band-Contest statt, dort wollen wir unser Glück versuchen. Bis dahin reisen wir mit unserem Bus durchs Land und verdienen unser Geld in Bars, in denen wir auftreten«, erklärte Micah ausführlich.

Sascha nickte anerkennend. »Das klingt vielversprechend. Ich bin gespannt, was ihr morgen präsentiert. Danach können wir gern über eine Gage reden. Ich hab hinten Räume, in denen ihr unterkommen könnt, wenn ihr wollt.«

Micah winkte ab. »Im Moment haben wir's ganz kuschlig, aber danke.«

Als Sascha uns verließ, schwebte ich immer noch auf Wolken. Konnte es noch besser werden?

Schatten der Vergangenheit