Rough Scars - J.B. Blossum - E-Book

Rough Scars E-Book

j.b. blossum

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Beschreibung

"Die Melodie, die ich durch das Spiel auf dem Flügel erschuf, lockte den Feind an. Was ich bis dahin noch nicht wusste? -Dass ich einen habe!" Wie durch Ketten zieht sich seine Schlinge um meinen Hals, schleichend immer ein Stück mehr zu." Sienna Inmitten von New York bietet er zum guten Zweck auf seine Pianista und entfesselt eine Welle der Zerstörung. Dieser arrogante, kalte und tödliche Typ nimmt sich, was er möchte, auch wenn das ihr Leben ist. Sein Antrieb - ihre Angst, ihr Körper und ihr Verstand. Ihre Narben werden sein Auftrieb. Im Mittelpunkt des nach Macht und Brutalität strebenden Syndikats findet sie sich wieder. Genau dann, als sie dachte, ihr 0815 - Leben hätte bereits die unterste Stufe erreicht. Sie wird zur Sklavin eines ihr bis dahin unbekannten Lebens. Mittelpunkt dessen ist er, seine arrogante, sexy und dunkle Art, die sie abschreckt und gleichzeitig anzieht. "Verräter, Diebe und so jemand wie ich sollten nie etwas wie dich besitzen. Ich bin die Dunkelheit, vor der man Menschen wie dich warnt. Tesoro, und du bist der Schlüssel zu etwas, das ich vorher nicht kannte. Du gehörst jetzt mir - auch wenn es zerstört!" Flavio

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sienna & Flavio

Ein herzliches Willkommen in der Welt von Sienna und Flavio.

Schön, dass du zu den beiden gefunden hast und dich in eine moralisch verwerfliche Welt begeben möchtest. Dich erwartet eine etwas abgefuckte Dark-Romance, die dich packt und zum Lachen und zum Bangen bringen wird.

Welche Parameter gelten für eine Skala, die sich Liebe nennt? - Und wer zum Teufel ist dazu berechtigt, diese zu füllen?

Darf die Dunkelheit das Licht einnehmen, und wer sagt, dass es dann schwarz werden wird?

Was, wenn das, was du am liebsten tust, dir irgendwann den Arsch rettet?

Irgendwie zumindest …

Inhaltsverzeichnis

1 Sienna

2 Flavio

3 Sienna

4 Flavio

5 Sienna

6 Flavio

7 Sienna

8 Flavio

9 Sienna

10 Flavio

11 Sienna

12 Flavio

13 Sienna

14 Flavio

Dieses Buch beinhaltet explizite Sprache, drastische Szenen, eine Welt voller Dunkelheit und einer Menge gewaltvoller Darstellungen. Verschiedenste Triggerpunkte in allen Bereichen, die man sich so nicht wünschen würde, ihnen zu begegnen. Darum überlege dir, ob du in die Welt der Dunkelheit abtauchen möchtest. Du wirst einen Ort besuchen, der deinen Verstand und deine Moral zweifeln lässt. Eine Welt, in der das Licht scheint, obwohl es das auf den ersten Blick nicht sollte.

Alle Inhalte, die auf diesen weißen Seiten zu finden sind, sind frei erfunden!

Leseempfehlung ab 18+!

KAPITEL 1

SIENNA

Was, wenn dir deine Passion einmal gewaltig den Arsch rettet und es trotzdem der Höllenritt deines Lebens wird? – Erstmal!

Mein Lieblingssong dringt aus den Lautsprechern, während ich tanzend die letzten Gläser dieser Bar für heute Abend abspüle. Die meisten meiner Kollegen sind bereits nach Hause gegangen. Wie immer.

Mein Shirt klebt an mir wie eine zweite Haut. Chris, der Besitzer, heizt hier drinnen immer so warm ein, damit die Leute mehr Getränke bestellen. Die Musik ist so laut, damit die Menschen sich weniger unterhalten. Alles Strategie, meint er.

Mir ist das eigentlich egal. Ich muss nur nett aussehen, lächeln und die Getränke einschenken und bringen.

Trinkgeld, ist das Schlüsselwort. Ich brauche es, dringend. Schlaf, darauf kann ich verzichten. Hauptsache, ich kann meine Miete und die wichtigen Dinge bezahlen.

Auch wenn ich immer noch an der Kasse überlege, ob ich die Packung Kaugummi kaufe oder nicht. Kann ich mir die zwei Dollar für mich leisten oder nicht?

Mein Vater war vor ein paar Stunden auch wieder hier. Er bestellte sich wieder ein paar Bier und spielte Karten mit seinen Kumpels, solange, bis ich ihn heimgeschickt habe.

Ins Taxi verfrachtete und natürlich die Rechnung im Voraus beglichen habe. Zum Glück kommt er nicht mehr so oft in die Bar.

Es war genug für heute und außerdem kann er meine Schwester Sarah nicht so lange alleine lassen.

Sie ist noch zu jung.

Und er ist eigentlich auch zu jung, um nur in einer Bar, in der sich hauptsächlich Männer aufhalten, seine Abende zu verbringen.

Es ist so lange her, dass meine Mutter gestorben ist. Er sollte, wenn er schon ausgeht, vielleicht auch Frauen treffen. Ich bin nicht sein Partnerersatz. Ich putze, koche, wasche. Für ihn und Sarah. Einmal in der Woche erledige ich dort alles. Mehrmals die Woche schaue ich bei ihnen vorbei.

Es ist alleine schon der Besuch bei ihnen, der sich unheimlich anfühlt. Die Fahrt dorthin. Es kommt mir manchmal vor, als würde ich beobachtet werden. Was natürlich schwachsinnig ist.

Wie dem auch sei, ein schneller Blick auf die Uhr sagt mir, ich habe Feierabend. Die Musik stoppt wie auf Kommando. Chris, der letzte Mitarbeiter zusammen mit mir, wie jeden Abend, wenn ich hier bin, nickt mir zu, sodass wir die Bar verlassen. Die Straßen sind so gut wie verlassen. Der Himmel zeigt sich in seinem schönsten Rosarot. Die klare Luft, sie tut so gut, auch wenn mich die morgendliche kühle Luft wie eine Wand überkommt.

Er versucht wieder, zu diskutieren, ob ich mit der U-Bahn nach Hause fahre. Und jedes Mal wieder sage ich: „Ja. Ich werde wohl damit nach Hause fahren können! Ich bin alt genug. Und ich mag nicht mit jemandem mitfahren. Ich bin kein Sozialfall!“

Also schlendere ich trotz des seltsamen Gefühls durch die Gassen. Es ist nicht wirklich eine lange Strecke, doch aufpassen sollte man schon. Ich könnte auch die Heimweg-Telefonnummer nutzen, so wie ich es schon ein paar Mal gemacht habe. Die Frau am Telefon ist sehr nett, sie kann mein Telefon orten und begleitet am anderen Ende der Leitung Frauen, die alleine irgendwo hingehen. Bei mir ist es meistens so, dass Jogger beängstigend lange hinter mir herlaufen. Klar, was sollen sie machen – stehen bleiben? Nur damit ich mich sicherer fühle? Manchmal fahren Wagen langsam neben einem her. Fußgänger begleiten dich hinter dir. Es ist eben so.

Die Straßen in New York sind so vielfältig. Gefährlich, bunt. Schön und dem Abgrund nahe. Diese Gebiete lasse ich sowieso schon aus, nur meine Wohnung liegt leider des Preises wegen nicht weit weg davon.

Der kleine Bach durch den Park, er begrüßt mich mit seiner Klarheit, das tut mir so richtig gut nach solchen Arbeitstagen. Das Plätschern. Das Rauschen des Wassers. Auch wenn es noch nicht richtig hell ist. Die raschelnden Blätter spielen auf ihre eigene Art eine Musik. Die Vögel, sie wachen langsam auf. Diese Klarheit, sie fühlt sich so gut an. Etwas Ruhe und Frieden in dem stressigen Alltag, auch wenn es mehr Einbildung als Wirklichkeit ist. Vielleicht auch Hoffnung.

Auf meinem Schreibtisch stapeln sich die Hausaufgaben der Schüler, meine ungelesenen Bücher und die Rechnungen, die ich zu bezahlen habe. Dieser Spaziergang, er gibt mir Kraft, das alles klarer zu sehen und zu priorisieren. Auch das rede ich mir täglich ein.

In meinem kleinen Zuhause angekommen, ziehe ich mich auf dem Weg zur Dusche bereits aus. Tapse über den viel zu kalten Boden. Hole die rauen Handtücher aus dem Regal und nutze meine günstige Seife. Ich bin müde und ausgelaugt. Ich muss schlafen. Morgen, oder besser gesagt später, wartet ein anstrengender Tag auf mich. Meine Kleidung lasse ich heute einfach fallen, werfe sie zu Boden und drehe den Wasserhahn auf. Weniger als sechs Stunden, bis ich nach der großen Pause arbeiten gehe. Nach dieser Pause gehen die Schüler ausnahmsweise nach Hause. Eigentlich hätte ich heute auch frei. Ich lege die Schichten in der Bar so, dass ich nur einmal die Woche komplett wachbleiben muss.

Toll, wieder nur lauwarmes Wasser. Der Vermieter, es kümmert ihn absolut nicht, was mit uns hier in diesem Block ist. Kurz überlege ich, ob ich vielleicht nicht bezahlt habe. Nein, dafür bin ich zu verantwortungsvoll.

Wenn ich nicht in der Bar bin, arbeite ich in der Musikschule. Mein Studium habe ich mir mit der Arbeit in der Bar finanziert. Und in einer anderen. Und mit Lektoraten. Ich hoffe, dass es bald etwas mehr Geld gibt. Man kann ja davon nie genug haben. Finde ich. Vor allem wenn ich mich hier umsehe. Alles ist alt. Günstig und notdürftig schön hergerichtet. Übermalt oder lackiert. Ich habe nicht einmal überall Rollos zum Herunterziehen. Das Licht der Wagen strahlt oft hinein. Laternen gibt es wenig. Manchmal bilde ich mir ein, jemanden heraufleuchten zu sehen. Manchmal denke ich, das Fenster ist geöffnet, obwohl ich es geschlossen hatte.

Mein Hauptarbeitsplatz hat zu. Deshalb helfe ich am Vormittag beim Aufbau. Dekorieren, nur beim Backen, da bin ich raus. Heute gibt’s statt motivierter Gesichter, spielenden und lernenden Kids ein Event.

Ich muss nachher fit sein und jetzt dann wirklich schlafen. Ach, wenn ich doch nur nicht so aufgeregt wäre.

Ich liebe das Klavier, liebe diese Töne, die es durch mich von sich gibt. Ich liebe es, wie sich Menschen davon verzaubern lassen können und es dabei egal ist, welche Sprache man spricht. Wo man herkommt. Wenn sie dich catcht, denn dann ist alles egal.

Ich kuschle mich in meine dicke Decke. Lege mich auf das kleine Dreieck im flauschigen Kissen und versuche, mich in den Schlaf ziehen zu lassen. Während draußen bereits ein neuer Tag seinen Lauf nimmt. Meine Gedanken versuche ich auszublenden, auch wenn ich immer wieder an Chris denken muss. Wir arbeiten schon so lange zusammen, ich halte ihn bewusst auf Abstand.

Chris ist eigentlich ganz nett, und er ist bemüht, ins Gespräch zu kommen. Hilft mir mit den schweren Getränkekisten. Wehrt alte Säcke ab. Holt Dinge aus dem hohen Regal. Er ist wie der Typ von nebenan. Wahrscheinlich sollte ich deshalb mit ihm mitfahren, um ihn kennenzulernen. Dafür ist in meinem Leben aktuell aber wirklich kein Platz. Ich habe dafür keine Zeit. Meine Jobs nehmen mich zu sehr ein. Meinen letzten Freund musste ich auch immer und immer wieder versetzen. Kein Wunder, dass ihm das zu dumm geworden war. Das und die Sache mit meinem Vater. Meinem Leben.

Mein Wecker neben mir lässt die Minuten tanzen. Grauenhaft.

Bemüht schließe ich meine Augen, bereit, endlich zu schlafen. Auch wenn die laute Musik der Bar immer noch in meinen Ohren schwirrt. Irgendwann wird es so weit sein, dass ich nicht mehr auf diesen Job angewiesen bin. Ich spare das Geld, um mit Sarah, meiner Schwester, ein gutes Leben führen zu können. Hoffe ich.

Nach tausendmal Drehen und Wälzen schlafe ich endlich ein. Werde durch ein Rumpeln geweckt. Schnell springe ich auf und schaue mich um. Es ist alles wie immer. Ich bin manchmal so schreckhaft. Egal jetzt bin ich schon wach. Gut geschlafen habe ich aber noch nicht.

Schwer stehe ich wieder auf, es ist Zeit, zur Arbeit zu gehen. Auch wenn es heute ein ganz anderer Tag als üblich werden wird. Ich darf gar nicht so darüber nachdenken. Meine Lippen, sie verziehen sich immer und immer wieder zu einem Grinsen, während mein Kopf sagt: „Hau ab.“ Diese Stimme klingt so verlockend. Eine Art von Freiheit überkommt mich bei diesem Gedanken.

Ich möchte wirklich heute auf dem Klavier spielen. Möchte helfen. Aber ich will nicht, dass mich jemand sieht. Am liebsten würde ich hinter einer Leinwand spielen. Und das auch noch vermummt.

Ja, ich habe wohl richtig fieses Lampenfieber.

Das Kleid, das ich anziehen werde, nehme ich mit. Es ist zu schön, um es gleich anzuziehen. Nein, es ist zu teuer, um es so zu verschwenden. Schön ist etwas anderes. Mein Chef, er hat es mir aus dem Internet bestellt. Er weiß, dass ich mir nichts extra leisten kann. Also stecke ich alle meine Hoffnungen in den heutigen Tag. Er wird über all unsere Zukunft entscheiden. Ich habe leider nicht einmal eine Feinstrumpfhose oder Strümpfe für darunter. Also rasiere ich mich noch so schnell es eben geht. Mein Blick fällt immer und immer wieder auf diese Schuhe dazu. Hoch. Bitchig und für jemanden wie mich gefährlich.

Nicht gerade die besten Voraussetzungen, um ruhig zu bleiben.

Die Schuhe packe ich in eine andere Tasche und ziehe mir mein normales Alltagsoutfit an. Die Haare mache ich glatt. Ich kämme sie und lasse sie sanft über meine Schultern fallen. Wenn ich Glück habe, kommen die Locken bis am Abend nicht mehr zurück. Ich habe von Haus aus eine Welle. Ja, ich liebe mein dunkelbraunes Haar, auch wenn es widerspenstig ist. Schnell stecke ich noch einen kaminroten Lippenstift ein, meinen einzigen, und starte.

Für meinen Kaffee habe ich jetzt keine Zeit mehr. Es muss jetzt auch so gehen. Gott, ich hasse diese Hektik.

Ich setze mich in den Wagen und drehe den Schlüssel. Toll, wunderbar. Das Fahrzeug streikt. Lachend vor Wut sitze ich am Lenkrad. Es kann doch wirklich nicht wahr sein. Das ist so typisch für mich. Jetzt spinnt es. Genau jetzt! Jeder der mich sieht, denkt wohl ich bin verrückt. Ich glaube, ich werde es auch langsam. Mist, mir rennt die Zeit weg. Was mache ich?

Mit meinen Taschen steige ich wieder aus, haste zur U-Bahn und hoffe, einigermaßen pünktlich zu kommen. Oft fahre ich nicht damit, nur wenn es zu glatt draußen ist oder mein Vater meinen Wagen hat. Oder heute.

Zwischen den ganzen Pendlern, Frauen und Männern hineingepresst sitze ich und starre auf die Anzeige. Der Duft am Morgen, diese Reinheit, von dieser ist hier drinnen kein bisschen zu spüren. Mit meinem Handy schreibe ich einem Bekannten, der eine Werkstatt hat. Er wird es später abholen und schauen, was er tun kann. So günstig wie möglich. Eigentlich könnte ich jetzt schon wieder weinen. Egal, was ich mache, es kommt immer etwas Neues dazu.

Wenigstens kenne ich Leute, die mir helfen. Ohne ihn wüsste ich oft nicht, wie ich meinen Wagen durch den TÜV bringen würde.

Die seltsamen Menschen, steigen ein und aus. Wir fahren und fahren. Mein Blick, ich lasse ihn gesenkt. Ich will nicht sehen, wie ich mitleidig angestarrt werde.

Endlich. Meine Haltestation. Schnell springe ich hinaus und laufe stur auf die Schule zu. Die Taschen schlagen an meine Beine und die Stöckel der Schuhe treffen bei jedem Schritt meinen Oberschenkel.

Geschafft, ich atme nochmal durch und gehe die Treppen zum Eingang hinauf.

Sobald ich das Foyer betrete, traue ich meinen Augen kaum.

Es wurde alles nett dekoriert. Es wurden keine Kosten gescheut, um das hier heute erstrahlen zu lassen. Sogar die Aula wurde gestrichen. Ich war doch gestern erst da? Das alles extra für heute? Bögen zur Anmeldung an der Schule, die kann man auch in jeder Ecke finden. Kleine Werbebanner sind aufgestellt. Tip-Boxen für Spenden. Menschen im Anzug laufen herum. Es ist, als wäre man auf einer Gala. Traumhaft und gleichzeitig nur noch überzogen. Sie sollen spenden, aber gleichzeitig wirkt es, als würde man genug Geld haben.

Nach einigen Schritten und der Hoffnung, nicht angesprochen zu werden, komme ich meinem Lieblingsstück näher. Es ist, als würde es mich direkt anziehen. Mich rufen. Ein winziges Stück davon konnte ich sehen.

Zwischen den ganzen Leuten, Arbeitern und Kollegen hier kann ich den Flügel fast spüren. Er sieht für mich inmitten des Trubels aus wie mein Ziel. Wie der Gipfel eines Berges. Als würde ich von ihm gerufen werden. Das dunkle Holz, die kleine Bank davor, fast versteckt blitzt er hervor, inmitten der roten schweren Vorhänge.

Alles, was ich heute am frühen Abend benötigen werde, stelle ich in das Lehrerzimmer, das Kleid, es liegt höhnisch auf dem Tisch. Schreit immer wieder „Schlampe, dumme Kuh“ und was weiß ich noch alles.

Es zeigt richtig mit dem Finger auf mich. Gott, wenn es nicht um die Kids und Sarah ginge, würde ich sofort am Boden hinauskrabbeln.

Nein, ich muss das durchziehen.

Nach einem langen Atemzug drehe ich um und mische mich unter die Helfer. Helfe noch ein paar Stunden bei der Dekoration. Koche Kaffee für den Verkauf und gehe dann zum Üben. Es ist nicht mehr lange, bis sie kommen.

Ich kann jedes Stück so gut wie auswendig. Übung schadet aber nie, erst recht, wenn ich sonst nirgendwo anders üben kann.

Dann wird es langsam ruhiger. Die Anspannung steigt in mir unaufhörlich. Sanftere Beleuchtung wird angeknipst, ich gehe auf die Toilette und weiß, es gibt kein Zurück. Ich muss mich fertig machen. Ich halte mein Wort.

Eilig gehe ich zum Lehrerzimmer, stelle einen Stuhl vor die Tür, damit ich mich in Ruhe umziehen kann. Muss ja keiner hineinplatzen. Blitzschnell bin ich angezogen. Und ebenso schnell genervt!

Gespannt atme ich tief durch, versuche, mich zu beruhigen. Höre, dass es losgeht. Spähe mit meinem Kopf durch die Tür und sehe: Theo, der Schulleiter, ist schon am Moderieren. Perfekt gestylt. So wie er hier steht, nimmt er den Raum durch seine Anwesenheit ein. Irgendwas an ihm ist heute anders.

Ok, Sienna, mach die Augen zu und tu so, als ob du dieses Selbstbewusstsein auch hättest. Befehle ich mir.

Mit einem Lächeln gehe ich in Richtung Treffpunkt zu den anderen Lehrkräften. Alle sind so aufgeregt. Theo strahlt da oben auf dem Podest. Es fühlt sich trotz meiner Angst paradoxerweise so toll an. Ich habe Angst vor Auftritten. Ja, und ich werde heute einen haben. Diese Hektik und die Ablenkung, gemischt mit dieser ungewohnten Euphorie hier, sie nimmt mich mit. Meine Kollegen sprechen mit mir. Wir plaudern. Klatschen und trinken einen Schluck Sekt. Dann gehen auch sie.

Kurze Panik kommt, ich tapse unsicher in diesen Schuhen auf die Toilette, ich muss noch einmal kurz für mich alleine sein. Durchatmen.

Ungewohnt lege ich diesen Lippenstift aus dem Täschchen auf und tue zumindest so, als wäre ich ein Profi. Souverän und nicht vom Lampenfieber überfallen. Begrüße ein paar Gäste auf dem Weg zur Bühne. Sogar dieses Kleid fühlt sich für einen kurzen Moment fast nett an. Theo beobachtet und spielt den charmantesten Mann, den man kennen kann.

Meine Zeit ist gekommen. Silvia hat bereits mit ihrer Trompete gespielt. Laura mit der Violine. Und nun bin ich an der Reihe. Ich konnte ihnen überhaupt nicht richtig zusehen, ich bin zu aufgeregt.

Meine Finger gleiten noch, ohne sie zu betätigen, über die Tasten des alten Flügels, während ich angekündigt werde und Theo irgendetwas, dem ich nicht zuhöre, erzählt. Vergessen ist die Sache mit meinem Vater, meinem Leben und den ganzen Dramen. Alles spielende Lehrer, die sich hier versammelt haben. Wir sind alles das, was sich diese Schule mittlerweile noch leisten kann. Weil wir günstig sind. Nicht anspruchsvoll. Eigene Kaffeemaschinen in das Lehrerzimmer stellen und sogar Blätter mitbringen.

Genau bei diesem Thema komme ich ins Spiel. Ich meine, Geld kann doch jeder Mensch brauchen, oder nicht?

Und ich, Gott, ich kann es so dringend brauchen. Mein Vater kann es brauchen. Wenn er mehr hätte, würde es ihm, Sarah und mir sicherlich besser gehen.

Er müsste nicht mehr so gestresst sein. Nicht mehr so viel trinken und könnte Zeit für andere Dinge haben.

Unser Leben könnte wieder schön sein. Sarah hätte regelmäßig frische Kleidung und all das, was ich für sie erledige, könnte er wieder übernehmen. Sie ist erst elf Jahre alt. Sie muss noch behütet und betüddelt werden.

Ich arbeite schon ein paar Jahre für diese Schule, die genau jetzt vor der Schließung steht.

Die Schüler, sie sind mir ans Herz gewachsen, sie sind so talentiert. Nein, das ist keine Juliette, aber wir waren einmal sehr gut. Die Plätze begehrt. Mittlerweile ist das nicht mehr der Fall. Aber was soll ich sagen, Instrumente ziehen mich an wie Licht die Motten.

Während ich hier bin und die Schüler unterrichte, bin ich nur ich. Keine Tochter, keine Schwester oder Freundin.

Theo hat mich fertig angekündigt. Der Strahler über mir wirft meinen Kopf als Schatten auf die Tasten. Der Panik nahe, versuche ich weiter krampfhaft, das Publikum auszublenden. Das Zittern in mir abzustellen und beginne.

Im Takt der Musik fühle ich gerade diese Euphorie von allen in diesem Raum. Die des Geldes. Nein, es ist nicht der Schlüssel zum Glück, aber es beruhigt bekanntermaßen. Diese Gedanken spielen sich immer wieder in meinem Kopf ab, während ich den Noten auf dem Papier folge, ohne zu spielen.

Zumindest versuche ich das. Das Licht ignoriere und alle Menschen, die gespannt vor mir sitzen und auf einen Fehler warten.

Ich habe ganz schön Bammel vor dieser Herausforderung. Die Zeitung und das Fernsehen sind sogar auch vor Ort. Kein Wunder bei dem Ausmaß, das das hier alles angenommen hat.

Es ist kein normales Konzert, um Spenden zu sammeln.

Sienna, sei doch nicht so dumm. Da stimmt was nicht.

Die Stimme blende ich aus. Seit mehreren Tagen.

Im Gegenteil, wir sammeln, indem wir uns Lehrkräfte ausleihen. Ja, so wurde es genannt. Daran halte ich mich fest.

Anfangs dachte ich, dass es eine richtig gute Idee sein würde. Einfach nur naiv, oder?

Jetzt aber, bin ich mir da nicht mehr so sicher. Ich brauche aber unbedingt diesen Job weiterhin, also werde ich mitspielen.

Es ist Sommer, da werden sowieso auch immer viele Instrumentenspieler gesucht. Spieler für Partys, Hochzeiten und Events. Die Menschen lieben solche kleinen Konzerte.

Ein paar hundert Dollar pro Lehrkraft und die Schule kann wieder Luft atmen. Hoffen wir mal, dass es so einfach sein wird.

Ich weiß, dass ein paar Hundert Dollar sehr viel Geld sind. Doch wie bei allem anderen im Leben: Die Menge macht es aus. Es sind so unglaublich viele Menschen gekommen.

Unter anderem auch ehemalige Schüler. Eltern. Kulturveranstalter und Anzugträger.

Eigentlich müsste man meinen, in New York gibt es genügend wundervolle Straßenkünstler, die diesen Part übernehmen würden. Vielleicht sind sie und ihre Kunst auch verlorene Seelen, so wie ich?

Hoffnungsvoll hat unser Chef vorgeschlagen, unser Können auszuleihen. Entgegen jeder Normalität hat er eine Versteigerung vorgeschlagen. Er meint, die Leute stehen auf das. Und für uns springt neben dem Geld und der Werbung jede Menge an Sichtbarkeit heraus.

Wer könnte dazu nein sagen? Vor allem wenn ich an die süßen Knopfaugen der Schüler denke.

Jeder soll geben, was er kann, damit die Schule eine weitere Zukunft hat.

Wobei ich bei dem Satz schon genau weiß, dass das nichts Gutes heißen kann.

Ich gebe meine Kunst des Klavierspielens. Ich lebe das mit jeder Faser meines Körpers. Ich hoffe wirklich, ich kann der Schule so helfen.

Also, ein neuer Anlauf. Meine Augen sind auf das weiße Papier vor mir gerichtet. Fokussiert auf die Noten. Fokussiert darauf, nicht zur Seite zu sehen und vor allem, nicht auf die ganzen Menschen zu achten. Ich habe einfach angefangen. Bin selbst in meinem Spiel gefangen.

Vorsichtig sehe ich zur Seite. Alle haben sich in Schale geworfen. Die High Society ist anwesend. Alle diese, die es sich leisten können, jemanden für ein paar Stunden einzustellen, oder in diesem Fall, auszuleihen.

Gott, mir wird ganz schlecht.

Wieso kamen so viele Menschen? Das hatte mir keiner gesagt.

Wie sie alle hier herumlaufen, toll gestylt. Toll gekleidet und ich, ich habe das Kleid von dem China-Versand an.

Sicherlich werden sie sehen, dass der Stoff mehr als billig ist. – Gott, so viele Menschen!

Niemals hätte ich damit gerechnet. Ich zittere und bin bereit, umzudrehen.

Niemals dachte ich, dass jemand das hören möchte. Meine Art, meine Gefühle auszudrücken. Der Flügel fühlt sich mit jedem Ton an wie ein Sprachrohr, dessen Sprache nur ich verstehe.

Es dauert, glaube ich, keine Minute, bis ich alles vergesse. Alle Menschen, die Schule, einfach alles. So, als gäbe es nur mich in diesem Raum. Niemand anderen, keine teuren Kleider. Keine Schule und keine Kinder, die vor dem Nichts stehen, wenn die Schule geschlossen wird.

Nur meine Gefühle, meine Gedanken und ich.

Automatisch tanzen die Fingerspitzen auf den Tasten. Ton für Ton. Herzschlag für Herzschlag.

Es fühlt sich an, wie in einen Sog hineingezogen zu werden. Direkt in eine Welt voller Töne und herzerwärmender Melodien.

Plötzlich blendet auch das eh schon gedimmte Licht nicht mehr. Das Getuschel der Leute ist verschwunden. Die Blicke der Geschäftsmänner, der Schönen und Reichen, alles verschwunden. Dieser Abend, er gehört nur mir. Es erinnert mich an meinen Flügel zuhause. Ich musste ihn verkaufen. Wegen meines Vaters. Wie immer.

Auch das spielt im Moment keine Rolle. Es ist, als wäre er gesund. Wäre nicht alkoholabhängig. Fast so, als würde er mir wieder, wie früher, als ich klein war, Frühstück zubereiten.

Sarah und ich die eine Mutter hätten.

Niemand, den ich mir nachts, in meiner Wohnung einbilde.

Mit einem Lächeln im Gesicht und nicht; diesem schmerzverzerrten aufgesetzten Grinsen, wenn man weiß, man ist suchtkrank und versucht, es zu verkaufen, als wäre er plötzlich ein Morgenmuffel auf dem Weg zur Arbeit.

Ich weiß das. Er weiß es, nur sonst weiß es niemand.

Durch seine Schulden ist er auf diesen Job weiter angewiesen und ich – ich brauche diese Schule, sie ist mein Anker. Mein Safe Place und meine Me-Time. Ja, ich weiß, Arbeit als Me-Time zählt nicht, doch für mich ist es neben meiner Schwester alles, was zählt.

Die Noten auf dem weißen Papier. Das geordnete Leben und die Lehrpläne. Die Schüler, die sie besuchen.

Mit meinen sechsundzwanzig Jahren bin ich eigentlich noch zu jung, um nur zu arbeiten, um zu leben. Doch was soll ich tun, wenn es das ist, was mich erfüllt? Was soll ich tun, wenn es das ist, was ich liebe und kann? Von klein auf habe ich Musik geliebt. Das Spiel auf dem Flügel, es begann in der Vorschule, noch bevor meine Mutter später dann starb. Sie war begnadete Musikerin. Der komplette Gegenspieler, fast ein Hippie im Gegensatz zu meinem Vater. Sie haben sich so gut ergänzt.

Ich kann nur hoffen, irgendwann in weiter Ferne einmal so etwas zu erleben. Feuer und Eis, Weiß und Schwarz sein und trotzdem oder gerade deswegen eins zu sein mit einem Menschen, den man liebt.

Die letzten Töne erklingen und ich bin kaum bereit, meine Finger ruhen zu lassen. Zu schön ist dieser Zustand, dieses Gefühl. Ein Stück Vertrautheit und Geborgenheit in dieser verrückten Welt. Eine Welt, in der ich im Sog dessen bin, was mein Vater unserer Familie aufzwingt.

Das Licht wird heller. Peinlich berührt spüre ich die Blicke, die Argusaugen des Publikums, noch bevor ich den Applaus höre.

Ein verstohlener Blick nach links zu meinem Chef, dem Schulleiter, besagt: Er ist zufrieden. Er strahlt über das ganze Gesicht.

– Wenigstens das!

Ich hingegen hoffe, dass das alles bald vorbei ist. Sitze hier in diesem Kleid. In diesen Schuhen und mit der selbstgesteckten Frisur.

Nun wird es ernst. Die Gebote starten. Ich kann nicht hinsehen. Oder doch? Es haben schon welche die Karte gehoben. Doch ein Verrückter lässt nicht locker.

Niemals hätte ich gedacht, dass dieser arrogant aussehende Typ seine Bieternummer hochheben würde. Er ist mir vorhin schon aufgefallen. Diese Ringe an den Fingern. Diese Augen, ich sehe sie sogar von hier. Mein Gott, sind das Tattoos?

Ich meine, geht es noch schlimmer? Es läuft alles gut und doch irgendwie so falsch.

War ja klar, der Typ im dunklen Anzug, er verzieht keine Miene. Nichts. Seine Uhr ist das einzige glänzende Stück an ihm. Der Bart, der sein Gesicht verdeckt, ist definitiv zu viel. Er wirkt, als würde es eine Maske sein.

Ich spüre, wie mir die Röte der Scham ins Gesicht schießt. Genau in diesem Moment, als er mich ansieht.

Natürlich steht er in der ersten Reihe. Die Menschen um ihn herum staunen nicht schlecht, als er sein Gebot abgibt. Sein Gesicht – es ist so anders. Sein Lächeln: pure Arroganz. Unverschämter könnte er nicht sein, definitiv nicht.

Fünfzigtausend Dollar, das kann doch nicht sein Scheiß ernst sein! Ich hoffe, keiner sieht mir meine Gedanken an, denn ich spüre, ich werde richtig rot. Dagegen werden diese Samtvorhänge wie Sepia erscheinen. Gott, Gott, ich muss hier weg.

Ich fühle mich wie bei einer Bullenversteigerung. Die Menge klatscht. Pfeift. Wie in der Spielerbar. Ich würde jetzt alles, wirklich alles, für ein Loch im Boden tun, um verschwinden zu können.

Leider weiß ich, dass es das nur in Zeichentrickfilmen gibt.

Nichts wird mich aus dieser peinlichen Situation retten.

Am liebsten würde ich mich übergeben. Mein Kopf, ich richte ihn starr auf die Tasten. Atme ein paar Mal durch und versuche, mich diesem unglaublichen Zustand zu stellen.

Was sind das hier doch alles für Leute? Sie führen sich auf, das hätte ich niemals gedacht.

Beschämt und unsicher bringe ich ein Lächeln heraus. Nicke einfach. Meine Wangen glühen spürbar. Sie werden röter sein, als ich jemals Rouge hätte auflegen können. Ich spüre es eindeutig, während ich an dem Zipfel des ebenso roten Kleides zupfe. Dieses Kleid bereue ich schon, seit ich mich das erste Mal damit im Spiegel sah. Billig und fast zu aufdringlich. Statt des dunklen Roten, wie im Internet abgebildet, ist es hellrot. Sieht nach Plastik aus und riecht auch ebenso!

Ich muss hier weg.

Doch mein Kopf spricht ständig in Dollar zu mir. Worte, die mir fremd sind und doch nur allzu vertraut. Denn ich selbst kann jeden Cent brauchen.

Ich dachte, Sam hätte vorhin schon den Rekord mit fünftausend Dollar geknackt.

Der Applaus bei dieser Summe war unglaublich! Und jetzt? Ist das Staunen, das absolut berechtigt ist, unfassbar dominant. Flüstern beginnt. Getuschel. Und ich bin im Visier des Typen.

Fünfzigtausend Dollar. So viel wage ich mich selbst nicht einmal aufzuschreiben. Ich glaube es einfach nicht.

Das. Ist. Unglaublich.

Die Menge ist, denke ich, ebenso überrascht wie ich, der Typ wirkt schlicht unbeeindruckt von seinem Vorhaben. Er sieht mich nur pausenlos an. Starr und angespannt. Perfekt gekleidet. Manschettenknöpfe. Arschlochgrinsen im Gepäck.

Der Schulleiter, der die Gebote entgegennimmt, sein Lächeln könnte nicht breiter sein. Definitiv nicht. Ich höre auch kein Wort mehr von dem, was er spricht, denn ich bin schon wieder auf dem Weg hinter die Bühne. Nach einem Nicken laufe ich nach hinten. Fast befürchte ich, in Schnappatmung auszubrechen.

Auf was zum Teufel habe ich mich da eingelassen?

Der Typ, ich nehme an, er hat irgendeine Störung. Irgendwo in seinen Gehirnwindungen. Unter seiner tollen Frisur, hinter seinem perfekten Gesicht. Seinen perfekten Zähnen und um Gottes willen hinter seinen perfekten Augen und dieser wahnsinnig heißen, rauen Stimme. Ich kann kaum etwas verstehen, doch die Stimme, sie dringt durch meine Haut.

Nein, nein, nein, ruft mir meine innere Stimme zu, welche für mich allerdings lauter ist als meine eigene. Denn ich werde erst leiser, als mir Sam mit dem Finger aufzeigt, leise zu sein, und ihre andere Hand meine Schulter drückt.

Sie versucht, mich nicht vollends durchdrehen zu lassen.

Na gut, sie schüttelt mich mehr oder weniger. Die Stimmen von vor der Bühne, sie werden nicht leiser.

Alle sind überrascht. Genauso wie ich. Einzig Sam, sie lacht, so wie ich. Ich vor Panik. Bei ihr, weiß ich es noch nicht.

Mit dem Unterschied, dass ich eine hysterische Lache habe, zusammen mit Schimpfwörtern, welche ich für den arroganten Arsch parat habe. Hat auch irgendwie etwas Masochistisches, oder nicht?

Ihre ist voller Enthusiasmus. Ich höre alles lauter als es wirklich ist. Es fühlt sich alles enger an, als es ist.

Vorfreude und der Ausdruck ihrer Augen, gekennzeichnet mit Dollarzeichen, ähnlich einem Blick im Zeichentrick.

Ich kann kaum klar denken. Alles überschlägt sich. Mit diesem Gebot ist der Abend vorbei, bevor er richtig begonnen hat. Die Presse, die Gäste, alle kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Mein Gefühl besagt, da ist etwas faul. Was tut dieser heiße Typ hier? Wieso sind so viele solche seltsamen Typen plötzlich in der Schule? Aus welchem Loch kommen die? Es ist hier kein teures Viertel in der Nähe, nichts.

„Stell dich nicht so, kannst du nicht einmal glücklich sein, dich nicht verhalten wie ein Aschenputtel und endlich einmal Glück annehmen, wenn du es bekommst?“, fragt Sam. Genervt und überschwänglich steht sie hier vor mir. Meine Gedanken versuchen es ja. Nur ich, ich suche immer zuerst den Fehler, wenn es um etwas Gutes geht.

Das ist es doch, oder? – Gut?

Er hat doch wohl nicht so viel Geld für ein einziges Konzert am Flügel ausgegeben? Er tat es für die Kinder.

Die Vereinbarung besagt, dass ich an einem Tag seiner Wahl einen Arbeitstag lang für ihn spielen werde. Ähnlich wie einen Musiker mieten. Sienna meets him. Brabble ich mir vor. Und denke dabei an Sarah, wie sie Unterstützung beim Studium brauchen wird.

Ich tippe mit einem Fuß auf den anderen. Überlege. Atme.

Mein Kleid fühlt sich immer wärmer an. In meiner vorherigen Vorstellung, wie das Ganze ablaufen würde, spielte ich auf einem Flügel in einem Restaurant. Auf einer Trauung oder Taufe. Wer sollte sich sonst so eine Dienstleistung ausleihen? Warum er? Was macht jemand wie er hier? Und wo zur Hölle ist er entsprungen? Er sieht nicht aus wie ein normaler Mann. Gott, er sieht aus wie jemand, der aus einem Trainingsmagazin entsprungen ist.

Diese Vorstellung hatte ich, weil ich wieder gedanklich in der Vergangenheit festhing. Vielleicht bin ich kein Realist, ich weiß es nicht. Was ich aber weiß: Ich brauche das Geld. Das sichere Einkommen, der Schule. Und so wie es aussieht, brauche ich Tavor zur Beruhigung. Eine kleine Tablette, auch wenn ich sie nur einmal beim Zahnarzt bekam. Danach war mir alles scheißegal. Leider weiß ich ganz genau, dass ich das niemals machen würde. Dafür bin ich zu kontrollsüchtig.

Diese unglaubliche Summe. Niemals, niemals habe ich diese Summe nur irgendwo aufgeschrieben. Normale Menschen wie ich planen nicht, solche Summen zu besitzen. Sie auszugeben oder sie jemals ansparen zu können.

Beruhige dich, befehle ich mir. Sicherlich übertreibst du wieder, sagte ich mir vor. Auch wenn ich das Gefühl habe, versklavt worden zu sein, und das freiwillig. Wie kann sich innerhalb von Minuten alles so verändern?

Sam drückt mich so fest und freut sich für die Schule. Ja, ich freue mich auch so sehr für die Schule. Diese Mittel retten uns den Arsch. Sichert den Kindern eine Zukunft. Der Schule: weitere Jahre voller Emotionen, Gefühle und Können, ausgedrückt durch Musik. Der Sprache, die jeder versteht.

Aber wer rettet jetzt mich vor dem heißen, arroganten Typen mit Bart und einer Uhr, die schon von weitem Elstern anlockt? Ein Statement, auch ohne Sprache.

Ich muss mich sofort umziehen. Meine gewohnte Kleidung anhaben, um wieder selbstbewusster zu sein. Ich versuche, unsichtbar in das Lehrerzimmer zu kommen. – Sofort!

Und wenn ich von heiß spreche, meine ich richtig heiß.

Er ist ganz anders als die Art von Typen, die ich sonst kenne. Er hat nichts mit den Typen in der Bar, in der ich arbeite, gemeinsam. Ich arbeite oft dort, meistens am Wochenende oder an Feiertagen. Sie bringen gutes Geld. Die Bar bringt gutes Geld, denn sie beherbergt diese Leute, die gerne spielen. Wetten. Ihr Geld versaufen und regelmäßig kommen. Man kennt sich also.

Bis auf die Aufdringlichkeiten dort, von Chris, ist es ein toller Job. Nette Kollegen. Lustige Abende. Auch wenn ich normalerweise nichts trinke. Mein Vater schreckt mich schon genug ab.

An manchen Abenden ändert sich die Stimmung in nur wenigen Sekunden. Wie bei einem Fingerschnipsen.

Manchmal gibt es viel Trinkgeld, an anderen weniger. Ich bin auf jeden Cent angewiesen. Die Schule meiner Schwester wird sich auch nicht alleine zahlen. Ich weiß, es ist vielleicht etwas zu viel, was ich für sie tue. Ebenso weiß ich auch, es wird niemand anderes für sie tun. Wen hat sie also? Oder wen habe ich?

Wir haben einfach nur noch uns. Gemeinsam irgendwie einsam sein. Das ist unser Ding.

Also bleibe ich in dieser verkorksten Bar, in dieser teuren Schule und halte die Augen offen.

Nur für alle Fälle.

Vor allem jetzt.

KAPITEL 2

FLAVIO

Meine kleine Beute wird noch lernen, was es heißt, in unserer Familie Aufgaben zu erledigen.

Mein verdammter großer Bruder hat heute wieder den Vogel abgeschossen. Aber so was von.

Ich habe mich vorhin noch schnell geduscht und angezogen. Ich war von oben bis unten voller Blut, eines anderen sterbenden Wichsers.

Nicht unüblich bei mir. Ich glaube, dass das Blut der Feinde mein Elixier ist. Es macht mich haltbar.

Warum? Weil ich diesen Job liebe. Der in der Familie bin, welcher eine hundertprozentige Trefferquote hat.

Ein Dieb, der sich zu viel herausgenommen hat, war in Marios Keller. Hier erledige ich den Job, wenn ich für meinen Bruder arbeite.

Der Don Mario. Oder eben auch einfach mein Bruder.

Ich sollte die Ratte im Keller verhören, denn wir vermissen immer noch tausende von Dollar. Whiskeyfässer und Uhren im Wert von mehreren tausend Dollar. Ich bin der Richtige für diesen Job, denn Mario, er würde kein einziges Wort aus einer Ratte wie ihm herausbekommen. In meinen Augen ist er eine Lachnummer.

Schießen? Ist nicht seine Stärke. Verhandlungen führen? Nicht seine Stärke.

Warum sie ihm folgen, ihm als Don? Sicherlich ist es ihrer Loyalität gegenüber meines Vaters geschuldet. Er war lange der Don. Bis mein Großvater ihm nahelegte, lieber jetzt abzudanken, bevor er tot abdankt. Wer weiß, was es da für eine Fehde gab. Naja, mir kann es egal sein, ich habe nicht das Bedürfnis, einer zu werden. Chef des Outfits – never ever.

Ich will meine Ruhe. Mein eigener Chef sein und nicht diese ganzen Veranstaltungen aufsuchen, nicht ständig in diesem Rampenlicht sein und schon gar nicht eine Horde an notgeilen, mörderischen und geldgeilen Männern führen.

Allerdings Mario, er sollte genau das auch nicht tun.

Dafür benötigt es Geschick, das er nicht hat. Ruhe, die er nicht hat, und Abgebrühtheit – etwas, das ich perfektioniert habe.

Das Wissen, wo man ansetzen muss. Wo du die Klinge anlegst, auch wenn es keine gibt. Informationen herausholen, wenn sie selbst nicht einmal wissen, dass sie diese haben.

Das, zusammen mit meinen Künsten, jemanden so leiden zu lassen, bis er von selbst sterben will, darin liegt die Kunst. Und dann lasse ich ihn wieder auferstehen, um ihn wieder abzumurksen. Bildlich gesehen.

Das Geld, welches ihm und somit uns fehlt, darauf ist niemand von uns angewiesen. Wir verdienen es fast von selbst. Es gehört zum Tagesgeschäft.

Hast du einmal genügend Geld, so kommt es weiter in Scharen. Es multipliziert sich fast wie von selbst.

Genau das lockt auch die Feinde an, egal wie gut man verbündet ist. Es gibt immer jemanden, der nicht genug hat.

Dass es den Charakter verdirbt, darüber brauchen wir in unserem Geschäft nicht nachzudenken.

Der Schwächling von eben hatte nicht lange durchgehalten.

Er war eine traurige Kreatur, er muss ein Taugenichts in seiner Verbindung sein. Er hat nicht einmal dreißig Minuten durchgehalten. – Lächerlich!

Mario brüllt ins Telefon, italienisch, spanisch, alles gemischt. Und das kommt nicht oft vor. Ich kenne das von ihm. Ich hingegen brülle so gut wie nie. Er ist so aufbrausend, übereilig und überlegt einfach nicht. Im Gegenzug zu mir. Ich durchdenke immer alles tausendmal. Deshalb lache ich fast das ganze Gespräch über. Denke mir, was er für eine Lachnummer ist.

Da haben wir es wieder: Er hat einen neuen Job für mich. Eigentlich ist es mit dem verbunden, welchem ich seit Wochen nachgehe. Mein Auftrag die letzten Wochen war, sie zu beobachten. Ihr Tun zu filtern. Tage und Nächte verbrachte ich damit, diese kleine Pianistin, zu beobachten. Ich stehe vor ihrem Haus, vor ihrer Wohnung. Bei der Frau unter ihrer Wohnung. Die Alte ist taub, also kann ich nachts sehr gut hineingehen. Ich weiß, was sie gerne isst. Schokoladentoast. Gott. Wie ekelhaft.

Andererseits weiß ich, wie sie duftet, diese kleine Pianista. Ich weiß, wie ihre Abendroutine aussieht. Wo sie zum Joggen geht und wann sie sich scheinbar heimlich mit ihrer Schwester trifft.

Ich soll Informationen sammeln. Suchen, was es zu finden gibt. Ich finde das überaus lächerlich, denn diese Frau hat wohl null Dreck am Stecken. Ein Bücherwurm durch und durch. Nachts, die unschuldige Barkeeperin.

Sie ist Lehrerin. Barkeeperin. Auch in dieser Bar war ich, habe ihr bei der Arbeit zugesehen. Ziemlich am Anfang. Leider ist die Bar so klein, dass ich nicht mehr hineinkann. Ein zweites Mal Aufsehen erregen, eher schlecht.

Deshalb folge ich ihr durch den Park. Mehr oder weniger, damit sie auch wieder heil zuhause ankommt. Sonst wäre meine Aufgabe, noch bevor sie richtig anfängt, zu Ende.

Ich, ich soll zu einer Schule. Um genau zu sein, zu ihrer Schule. Mir das Geklimper der Instrumente anhören und mich umhören. Die letzten Wochen waren interessanter als diese Scheiße, die ich mir heute geben darf.

Immer wieder denke ich an sie. Das kotzt mich mal richtig an. Für diese Spielchen habe ich keine Zeit. Ich meine, ich denke sogar an sie, wenn ich meine Lieblingsbitch ficke. Sie beide könnten unterschiedlicher nicht sein. Eine dunkel. Dunkle Haut. Dunkle Augen. Und die Bitch, von mir ausgesucht: hell. Langes blondes Haar. Dicke Titten zum Ficken. Perfekt, oder? Und das Beste ist, sie hält die Klappe.

Und dann kommt die Kleine wieder. Immer und immer wieder drängt sie sich in meinen Verstand. Bestimmt durch meine Beobachtungszeiten meinen Alltag. Ich habe das schon sehr oft gemacht, Menschen beobachtet. Davon lebe ich, zum Teufel, Beobachtung schult meine Künste. Ich lerne immer und immer wieder Neues von den Wichsern. Von klein auf wurde mir beigebracht, dem Feind vom Gesicht abzulesen. So bekommt man Antworten. Wann sie schwitzen. Wann ihre Mundwinkel zucken. Wie sich die Augen weiten. Das alles und noch mehr. Und bei ihr sehe ich, wie eine kleine Klavierspielerin Bücher liest, badet, sich nichts gönnt und wie sie sich zu Tode arbeitet. Wie sie schüchtern durch die Stadt läuft. Wie sie sich in Arbeit und einer Schar an Büchern verkriecht.

Und wie sie riecht. Gott. In der U-Bahn war ich ihr so nahe, dass ich ihren Duft zu spüren bekam. Lebensecht und hautnah. Oh ja, mein Schwanz schwoll sofort an. Ich musste bei ihr sein, ohne den Wagen. Fuck.

Und jetzt soll ich mir langweilige Musik in der Schule anhören.

Im Anzug.

Während die Presse hier ist.

Geld ausgeben.

Feinde ausspionieren. Finanzen checken.

Diese Schule, sie bringt der Stadt so viel Aufmerksamkeit, dass sie uns dabei vergessen. Nur deshalb gehe ich auch dorthin. Es wäre sonst ein Unding, uns so zu präsentieren.

Uns die Mafia. Uns das Syndikat, in dem auch wir vertreten sind. Mein Vater. Meinen Bruder, den Don, und ich, den Vollstrecker. Wir werden durch die Präsenz und den Anlass der Schule von den normalen braven Bürgern vergessen und übersehen.

Sie werden alle auf den Gewinn geiern.

Sie wissen nicht, dass es uns gibt. Dass wir die sind, die ihnen helfen, dass sie nachts ruhig schlafen können. Weil ich und unsere Männer die Macht über die Menschen hier und die Typen in unserem Einzugsgebiet haben.

Wir, die Mafia, halten das Gleichgewicht zwischen den Drogensüchtigen, windigen Dealern, den Schwächlingen, Arbeitern und Clans.

Es gibt sie zu Hunderten. Die, die das Zeug strecken, auf Age sind, Crystal oder Fentanyl. Sich dabei vergessen. Anderen auf der Tasche liegen oder uns den Großen die Geschäfte versauen wollen. Sie werden von uns zum Verschwinden gebracht. So wie es sein soll.

Wenn dieses Gleichgewicht, wenn es nicht passt und ins Wanken gerät, wird der Abschaum nur noch mehr. Kranke Perverslinge gewinnen die Oberhand, Menschen sterben mehr, als gut für die Stadt ist. Frauen leben nur noch in Angst. Kinder verschwinden. Städte kommen herunter. Hier kommen auch wir ins Spiel. Wir löschen diesen Abschaum aus.

So ist es auch bei unseren Männern, den Soldaten. Wer sich nicht an die Regeln hält. Fliegt! Und das so, dass er niemals mehr gefunden wird.

Ich bin da, wenn du mich nicht in deiner Nähe haben willst.

Und wenn ich da bin, wissen sie es ist das Ende.

Wer stiehlt, verliert charakteristisch seine Finger, ein Ohr oder sein Leben.

Jede deiner Taten wird durch Taten für alle symbolisiert. So ist es Gesetz bei uns.

Dabei gilt: Es wird nichts gesehen. Niemand hört davon etwas.

So einfach ist das. So habe ich es von klein auf gelernt. So hat es auch mein Bruder, in unserer Mafia, die er von meinem Vater voll und ganz übernommen hat, gelernt. Nur leider ist er eben die Lachnummer in der Geschichte.

Selbst süchtig. Fickt alles und jede. Lebt mehr für das Geld als die Mafia.

Ich soll diese lahmarschige Veranstaltung heute besuchen. Mich so verhalten, als würde ich ein normaler Geschäftsmann sein. Inmitten des langweiligen normalen Volkes und der Elite der Killer. Derer, die zum Konstrukt der Mafia gehören. Egal von welcher Seite des Landes.

Kein Killer.

Kein Mörder und Vollstrecker.

Kein Jäger und Sammler.

Denn das ist genau das, was ich erledige. Meinen Job.

Vor dem Feind, am Place X sein und seine ganzen Pläne vor ihm kennen. Sein Handeln verstehen. Das bin ich. Kurzum:

Ein fickender Vollstrecker, der die Weisheiten seines Vaters übernommen hat, es geschworen hat und es durchzieht.

Der Schwur ist bei uns obligatorisch, genauso wie das speziell gestochenen Tattoo auf meiner Brust, mit dem Satz:

Lebende ehren die Toten und leben, wie sie es tun würden.

Diesen Satz habe ich mir über die Munitionskugel, welche ich bei meinem ersten Mord von meinem Vater verpasst bekam, tätowieren lassen.

Es soll mich daran erinnern, wer ich bin und was ich sein möchte. Etwas wie ein Lebemann, mit Verantwortung, die ich sowieso nie abgeben würde. Einer, der seinen Job erledigt und trotzdem lebt.

Bei uns, in unserer Organisation, weiß jeder, wie vergänglich das Leben ist. Spätestens dann, wenn du heute noch mit deinem Kumpel einen trinken gehst und er am nächsten Morgen in einer Schachtel vor deiner Tür auftaucht. So wie letzten Monat.

Tod.

Zerstückelt.

Mit Liebesbrief deiner Feinde. Unterzeichnet mit Blut. Andree, ein langer Freund.

Aber heute soll ich zu dieser fucking Schule. Mir die biederen Leute geben und Ausschau nach Gleichgesinnten halten, um Geschäfte zu klären. Wieso ist Mario nicht selbst gegangen, frage ich mich. Alles mit Rang und Namen in unserem Metier wird hier sein. Wie immer. Wir nutzen gerne diese Orte, um Kontakte zu knüpfen, nach möglichen Kooperationen zu suchen. Damit meine ich die, die sich bestechen lassen. Diesen Typ Mensch sollte man sich immer im Hinterstübchen behalten. Sie sind Nutzmenschen bei uns.

Er lässt mich einfach auf diese Wichser los und wünscht ausdrücklich, dass sie eine Marionette in unserem Spiel werden soll.

Monate lang sehe ich ihr schon zu. Ich soll herausfinden, mit wem sie sich abgibt. Wen wir durch ihr Zutun, wenn's auch unabsichtlich ist, gewinnen können. Schnappen können oder auch abmurksen könnten.

Die Frau geht sogar in die Bücherei. Ich wusste nicht einmal, wo wir eine haben. Liest Romane. Verschlingt sie wohl eher.