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Mit der Reihe Chinesische Perspektiven sollen grundlegende Werke chinesischen Denkens einem größeren deutschen Publikum zugänglich gemacht werden. Mit dem vorliegenden Band, der anlässlich des 40. Jahrestages der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen China und Deutschland verfasst wurde, halten uns die Herausgeber einen faszinierenden Spiegel vor. Der chinesische, auf jeden Fall gut gemeinte Blick auf Deutschland ist auch und gerade für uns reich an Informationen und gibt Anlass, uns zu besinnen: Sind wir wirklich so? Was an unseren Positionen sollten wir noch besser erklären, selbst besser verstehen? Wo ergeben sich Anhaltspunkte für ein neugieriges, von Interesse und Sympathie getriebenes großes Gespräch der Kulturen, zum Beispiel über Ethik, Wissenschaft und Gesundheit? Können wir einander gut verstehen, wenn es um die geistigen Koordinatensysteme geht? Welche Debatten sollten wir führen, um das Wissen und den Reichtum unserer kulturellen Horizonte gemeinsam zu erweitern? Welche übergeordneten Interessen wollen wir zusammen verfolgen? Gibt es unversöhnliche Differenzen? Wir gewinnen konkrete Einblicke in die Wahrnehmung deutscher Außen- und Hochschulpolitik, sehen die ausgestreckte Hand eines potentiell Verbündeten in Sachen Klima- und Umweltschutz und globaler Diplomatie, erinnern uns an eine kulturell reflektierte Bildung als Grundlage für Wissenschaft und Technologie, erhalten Hinweise auf Potentiale für Werte- und Rechtsstaats-Entwicklung – und freundliche Anregungen für ein stärkeres Engagement deutscher Geisteskultur. Die Win-win-Perspektiven der wirtschaftlichen Wertschöpfung bilden wiederum einen übergeordneten gemeinsamen Bezugspunkt. Das Buch bietet eine wichtige Orientierungshilfe bei der Würdigung der Konstellation, in der sich die Beziehungen zwischen China und – dem zunächst zweigeteilten – Deutschland entwickelt haben.
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Seitenzahl: 733
Veröffentlichungsjahr: 2020
ibidem-Verlag, Stuttgart
Geschichte ist wie das Schicksal: voller Widersprüche, die am einfachsten durch Ironie und Wahrhaftigkeit aufgelöst werden. Denn das Gemeinsame in diesen Widersprüchen zeigt sich erst in der Bewegung der Zusammenarbeit.
Die nackten Daten können dieses Buch zunächst überholt erscheinen lassen oder doch jedenfalls Verwirrung stiften: China und die Bundesrepublik Deutschland nahmen 1972 diplomatische Beziehungen auf. Die Deutsche Demokratische Republik (DDR) hatte diesen Schritt bereits 1949 vollzogen. Am 3. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei, und damit wurden auch die Beziehungen zwischen China und der DDR beendet. Eine wichtige Verbindung der Zusammenarbeit, nämlich die zahlreichen Chinawissenschaftler mit ihrer Sprach-, Landes- und Kulturkompetenz, ihrem vielfältigen fachlichen Wissen und Können, mit ihren persönlichen und institutionellen Knotenpunkten, verfiel. Sie wurde teils marginalisiert und vergessen, teilweise ging sie in neue Strukturen ein. Zu einem Impuls für die Stärkung der Chinakompetenz in Deutschland führte dieser Übergang jedoch nicht.
Wiederum ironischerweise brachte die Abwicklung der akademischen Chinakompetenzen der DDR keine Expansion der im Westen deutlich stärkeren Geistes- und kulturwissenschaftlichen Ausrichtung.1 Nach einer kurzen Phase politischer Kämpfe und Umstrukturierungen setzte sich die Verlagerung des Schwerpunktes auf moderne und zeitgenössische Themen durch, die eigentlich in der DDR dominiert hatten, wenn auch mit anderem Personal. Grundlegende Fakultäten wie Philosophie und Medizin spielten nunmehr kaum noch eine Rolle, vor allem nicht als methodologische und innovative Impulsgeber der wissenschaftlichen Grundlagen einer Sinologie des 21. Jahrhunderts.2 Die Vereinheitlichung der Standards in Folge der Bologna-Reformen hielt die Chinawissenschaften trotz erheblicher Bemühungen um Profilbildung auf einem kaum lebensfähigen Angebotsniveau.3 Damit hat Deutschland die Grundlagen seiner Deutungs- und Interpretationsfähigkeit gegenüber China gerade zu einem Zeitpunkt beschnitten, an dem man gut vorbereitet in die historisch erste Phase möglicher Zusammenarbeiten an der Globalisierung hätte eintreten sollen.
Die Wucht dieses Defizits trat freilich erst in Erscheinung, nachdem China seine Neue-Seidenstrassen-Initiative ergriffen hatte – also nach der Veröffentlichung des vorliegenden Buches in seiner chinesischen Ausgabe 2012.4 Die deutsche Übersetzung erscheint nun 2020 und will ausdrücklich nicht obsolet sein. Wie passt das zusammen? Hätte man nicht besser die Texte noch einmal aktualisieren und zum 50. Jahrestag neu auflegen sollen? Dieses Dilemma mag anekdotisch für die Wichtigkeit stehen, Details und Nuancen der Beziehungen im historischen Zusammenhang zu beachten und kulturell zu würdigen.
Dieser von Gu Junli und Yang Jiepu herausgegebene Band trägt den Titel Rückblick und Nachdenken. 2012 wurde die erste große Huawei-Studie veröffentlicht, zum Thema Deutschland und China – Wahrnehmung und Realität5. Darin wird festgestellt: „China polarisiert und erscheint vielen Deutschen widersprüchlich“, die „Mediale Berichterstattung zu China [sei] eher negativ geprägt“, „die Wirtschaftsmacht Chinas wird als Bedrohung und Bereicherung gesehen“, und „zunehmender Austausch – geringe Kenntnis“ gingen Hand in Hand: So sieht eine frühe Übergangssituation aus. Entscheidungen, in welche Richtung sich diese Einstellungen und politischen Interessen entwickeln, können tatsächlich vom Rückblick und Nachdenken profitieren. Die Unrast und Verstrickung in eigene regionale Probleme dieser Zeit hätten kaum jemanden veranlasst, des 40. Jahrestages der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen China und Deutschland zu gedenken.
Als ein vorwärts gewandter Rückblick kommt das nun vorliegende Buch andererseits gerade zur rechten Zeit, wenn wir sehen, dass es jetzt besonders an deutsche Leser gerichtet ist: Mit der Verzögerung wird der politisch-strategischen Atempause Rechnung getragen, die Deutschland sich, stellvertretend für ganz Westeuropa, nach dem Ende des Kalten Krieges genommen hat. Bezeichnend dafür: Erst Ende 2019 laufen Vorbereitungen für eine europäische politische Chinastrategie an. Einen entsprechenden ganzheitlichen deutschen Plan gibt es nicht.
Jetzt steht zu hoffen, dass diese Denkpause dazu beiträgt, Kräfte neu zu sammeln und sich zu orientieren. Mit der Neuen Seidenstrasse, der „Belt and Road Initiative“ 一带一路, macht China klar, dass die Geschichte der Menschheit als politische, wirtschaftliche und kulturelle Bewegung keinesfalls an irgendeinem „Ende“ angekommen ist. Sie ist vielmehr erstmals in eine Qualität übergegangen, die wirklich als eine Globalisierung gekennzeichnet werden kann: Denn nun gelten Multilateralismus, Frieden, Gerechtigkeit und die soziale Verpflichtung nicht mehr exklusiv innerhalb von Ländern oder Blöcken, für Interessen oder Programme. Erstmals in der Geschichte können wir die Größe und Komplexität der Aufgaben überhaupt absehen, vor denen die Menschheit steht, will sie die zivilisatorischen Kräfte des Partikularismus, Materialismus, Kolonialismus und Sozialdarwinismus ablösen und in Kultivierung umformen.
Zum Nachdenken halten die Herausgeber Deutschland durch die Art ihrer Beschreibung der Beziehungen einen Spiegel vor. In dieser Handreichung kommt nicht nur ein womöglich etwas verzerrter, auf jeden Fall aber gut gemeinter Blick auf Deutschland zum Ausdruck; sie selbst ist reich an Mitteilungen und gibt Anlass, uns zu besinnen: Sind wir wirklich so? Was an unseren Positionen sollten wir noch besser erklären, selbst besser verstehen? Wo ergeben sich Anhaltspunkte für ein neugieriges, von Interesse und Sympathie getriebenes großes Gespräch der Kulturen, zum Beispiel über Ethik, Wissenschaft und Gesundheit? Können wir einander gut verstehen, wenn es um die geistigen Koordinatensysteme geht? Welche spannenden Debatten sollten wir führen, um das Wissen und den Reichtum unserer kulturellen Horizonte gemeinsam zu erweitern? Welche übergeordneten Interessen wollen wir zusammen verfolgen? Gibt es unversöhnliche Differenzen, die nur diplomatisch verhandelt werden können?
Wir gewinnen an diesen Texten konkrete Einblicke in die Wahrnehmung deutscher Außen- und Hochschulpolitik, sehen die ausgestreckte Hand eines (potentiell) Verbündeten in Sachen Klima- und Umweltschutz und globaler Diplomatie, erinnern uns an eine kulturell reflektierte Bildung als Grundlage für Wissenschaft und Technologie, erhalten Hinweise auf Potentiale für Werte- und Rechtsstaats-Entwicklung und noch einmal freundliche Anregungen für ein stärkeres Engagement deutscher Geisteskultur. Die Win-win-Perspektiven der wirtschaftlichen Wertschöpfung bilden wiederum einen übergeordneten gemeinsamen Bezugspunkt, wenn wir die Sozialverpflichtung darin aufgreifen.
Das Buch bietet somit eine Orientierungshilfe bei der Würdigung der Konstellation, in der sich die Beziehungen zwischen China und – dem zunächst zweigeteilten – Deutschland entwickelt haben. Davon kann die aktuelle Bestandsaufnahme profitieren. Während Deutschland im Zuge seiner Vereinigung nach 1989 eine umwälzende Normalisierung erlebte, kann Chinas Entwicklung seit 1979 als normalisierende Umwälzung beschrieben werden – gewissermaßen gegenläufig, wobei die jeweiligen inneren Entwicklungen zugleich als Bestandteile einer sich stark dynamisierenden Verschiebung der geostrategischen Rahmenbedingungen zu verstehen sind. Die Begegnung beider Kulturen gewinnt an Offenheit und Substanz, wenn wir den Horizont nicht auf „politische Systeme“ einschränken wollen.
Als Herausgeber wünsche ich den geneigten Lesern neue Einsichten und Anregungen aus den hier versammelten chinesischen Ansichten. Mein Dank geht an die aufrechten chinesischen Kollegen, die auch unter schwierigen Bedingungen das Vertrauen in die Geistes- und Kulturwissenschaften hochhalten, um die diplomatischen Beziehungen unserer Länder in den Dienst einer Politik zu stellen, die Gutes wirkt und gut tut.
Berlin, im November 2019
Ole Döring
1 Peter Kampen 1998: „Ostasienwissenschaften in der DDR und in den neuen Bundesländern“, in: Krauth/Wolz: Wissenschaft und Wiedervereinigung – Asien- und Afrikawissenschaften im Umbruch, Berlin: Akademie Verlag, 1998, 269-306.
2 Helmut Martin und Christiane Hammer (Hg.) 1998: Chinawissenschaften – deutschsprachige Entwicklungen. Geschichte, Personen, Perspektiven, Hamburg (MIA 303); in chinesischer Übersetzung: Deguo Hanxue, Zhang Xiping (Hg.), Daxiang chubanshe 2005.
3 Matthias Stepan, Andrea Frenzel, Jaqueline Ives, Marie Hoffmann 2016: „China kennen, China können“. Eine MERICS-Analyse zur China-Kompetenz in Deutschland. URL: https://www.merics.org/de/china-monitor/china-kompetenz (Zugriff am 6.12.2019).
4中德建交40周年回顾与展望/顾俊礼主编. 北京:社会科学文献出版社,2012. 11 ISBN 978-7-5097-3946-4.
5 http://www.huawei-studie.de/download
Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Ole Döring
Grußwort von Zhou Hong
Vorwort von Gu Junli
Teil 1: Texte der Botschafter
Persönliche Erlebnisse der chinesisch-deutschen Beziehungen – Vom Auslandskorrespondenten zum Botschafter
Die chinesisch-deutschen Beziehungen in Rückblick, Analyse und Ausblick
Rückblicke und Gedanken – Erinnerungen an 40 Jahre chinesisch-deutsche Beziehungen
Die umfassende Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen im neuen Jahrhundert
Teil 2: Texte der Wissenschaftler
Die Haltung Deutschlands bezüglich der europäischen Schulden
Die Soziale Marktwirtschaft: Erfahrungen und Implikationen
Das Verhalten Deutschlands während der Wirtschaftskrise: Gründe und Aussichten
Die chinesisch-deutschen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen in Rückblick, aktueller Situation und Perspektive
Wandel und Entwicklung der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland
Neue Gedanken zur Frage des „deutschen Europas“ und des „europäischen Deutschlands“
Deutschlands Bewerbung auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat: Prozesse, Hindernisse und Perspektiven
Beiträge deutscher Ideen zur heutigen Welt
Reformen und Perspektiven der deutschen Hochschulbildung
Teil 3: Forschungstexte
40 Jahre chinesisch-deutsche politische Beziehungen
Erfolge und Aussichten von 40 Jahren chinesisch-deutscher Wirtschafts- und Handelszusammenarbeit
Rückblick und Ausblick auf die chinesisch-deutsche Zusammenarbeit im Finanzbereich
Die chinesisch-deutsche Zusammenarbeit und der Austausch im Bereich von Wissenschaft und Technologie
Der chinesisch-deutsche Austausch und die Zusammenarbeit im Bereich des Umweltschutzes
Der chinesisch-deutsche Austausch und die Zusammenarbeit im Bereich des Klimawandels und der Energienutzung
Der chinesisch-deutsche Austausch und die Zusammenarbeit im Kulturbereich seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 40 Jahren
Wandel im Austausch – 40 Jahre chinesisch-deutsche Bildungskooperation
Die chinesisch-deutschen Militär- und Sicherheitsbeziehungen seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 40 Jahren
Die chinesisch-deutsche Rechtsstaatszusammenarbeit und der Rechtsstaatsdialog
Zhou Hong1
Im Bereich der kulturellen und ideellen Kontakte haben die chinesisch-deutschen Beziehungen schon eine sehr lange Geschichte. Die stabile Entwicklung der Beziehungen zwischen China und Deutschland und die Zusammenarbeit in Bereichen wie Wirtschaft, Politik und Kultur begannen jedoch erst mit der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen vor 40 Jahren. Davor gab es zwar stets Austausch zwischen China und Deutschland, doch erreichte dieser nie einen umfassenden, stabilen und tiefen Zustand.
Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und Deutschland im Jahr 1972 waren die beiden Länder selbst von großen Veränderungen betroffen: Nach der Wiedererlangung des rechtmäßigen Sitzes Chinas bei den Vereinten Nationen erreichte China mittels der Politik von Reform und Öffnung eine Entwicklung mit einer vorher nie dagewesenen Geschwindigkeit und wurde zu einer entscheidenden Kraft in Asien und der Welt. Deutschland wiederum profitierte von der europäischen Einigung und noch mehr von der überraschenden eigenen Wiedervereinigung und wurde zu einem starken Land mit großem Einfluss in Europa und der Welt. In ihren jeweiligen Entwicklungsprozessen unterstützten und förderten sich China und Deutschland gegenseitig. Dadurch wurden die chinesisch-deutschen Beziehungen kontinuierlich vertieft. So wurde nicht nur die Basis der bilateralen Beziehungen stabilisiert, sondern wurden auch die Wirtschaftsbeziehungen umfassend entwickelt. Mittels der Förderung wirtschaftlicher und politischer Aktivitäten wurde der Kontakt zwischen den Menschen in China und in Deutschland unablässig gesteigert und man konnte voneinander lernen.
China und Deutschland haben viele Gemeinsamkeiten und können sich in vielen Bereichen ergänzen, sodass hier ein großes Potenzial für vielfältige Zusammenarbeit existiert. China und Deutschland fördern beide die industrielle Entwicklung, sind große Exportnationen und streben traditionell nach Fortschritten. Beide gehen dabei aber nach der Devise „viel tun, aber wenig darüber reden“ vor und kommunizieren miteinander, ohne die eigene Meinung in den Vordergrund zu stellen. Die Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen war stets von einer reibungslosen und pragmatischen Zusammenarbeit geprägt. Allerdings litten die chinesisch-deutschen Beziehungen auch unter den negativen Einflüssen ideologischen Verhaltens sowie unter Missverständnissen. Dies fügte den Interessen Chinas und Deutschlands und den Menschen in beiden Ländern Schaden zu.
Unausgewogene Analysen und fehlerbehaftete Interpretationen der chinesisch-deutschen Beziehungen sind ein häufiges, aber schädliches Phänomen. Die Globalisierung verknüpft Länder, Gesellschaften und Menschen immer enger miteinander. Nahezu jeden Tag und jede Stunde werden neue grenzüberschreitende Abkommen geschlossen, neue Plattformen des Dialogs eingerichtet, neue Wege des Austauschs gegangen und neue Ergebnisse der Zusammenarbeit geschaffen. Aufgrund der Grenzen des Verständnisses und des Wissens ist es Beobachtern jedoch unmöglich, die spektakuläre Vielfalt der internationalen Beziehungen in all ihren Details zu erfassen. Durch die Grenzen des Wissens sind alle Analysen von Beobachtern durch Widersprüche und Einseitigkeiten belastet. Durch einseitige Beurteilungen und Darstellungen erleidet auch die praktische Zusammenarbeit zwischen Ländern einen mehr oder weniger großen Schaden. Dies trifft auch auf die chinesisch-deutschen Beziehungen zu.
Im vorliegenden Werk schufen die Herausgeber und Autoren für die Leser ein umfassendes Bild der chinesisch-deutschen Beziehungen als Erinnerung an die letzten 40 Jahre. Dieses Werk umfasst die Erinnerungen der vormals in Deutschland stationierten Botschafter Chinas sowie die Berichte der Experten über die Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen in Bereichen wie Politik, Handel, Finanzen, Wissenschaft, Technik, Umweltschutz, Energie, Bildung, Kultur, militärische Sicherheit und Recht. Auch wurden renommierte Wissenschaftler eingeladen, mit ihren umfassenden Kenntnissen und tiefen Einsichten Analysebeiträge zu verfassen. Mit all diesen Beiträgen wurde ein Sammelband erstellt, welcher alle Aspekte der chinesisch-deutschen Beziehungen der letzten 40 Jahre darstellt und uns vertrauenswürdige und realistische Analysen der Entwicklung dieser Beziehungen zum Verständnis und zur Erkenntnis zur Verfügung stellt.
Dieses Werk belegt auch die Tradition der Chinesen zur umfassenden Untersuchung von Fragestellungen und die Gepflogenheit, auch unterschiedliche Perspektiven in die Darstellung aufzunehmen. Dieser Ansatz einer umfassenden Untersuchung und der Fokus auf Entwicklungen förderten die Vielfalt der chinesischen Zivilisation und ermöglichten es China, in großem Umfang ausländische Einflüsse, inklusive der Einflüsse aus Deutschland, in den eigenen Fortschrittsprozess zu integrieren. Der umfassende und auf die Entwicklung gerichtete Blick ermöglicht es uns auch, die chinesisch-deutschen Beziehungen noch besser zu verstehen und zu begreifen. Das vorliegende Werk zeigt uns die wahren Kräfte und die wahre Situation der chinesisch-deutschen Beziehungen und belegt noch einmal, dass ideologische Haltungen und Missverständnisse den historischen Lauf der Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen nicht aufhalten können. Durch die Erinnerungen und Analysen dieses Sammelbands werden noch mehr Menschen die chinesisch-deutschen Beziehungen umfassend statt vorurteilsbelastet, tiefgehend statt oberflächlich und dynamisch statt statisch begreifen können. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Anstrengungen für die zukünftige Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen nützlich sein werden und dass die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland in allen Bereichen den Menschen der beiden Länder nützen und einen Beitrag zum Frieden in der Welt leisten wird.
1 Wissenschaftler und Leiter des Instituts für Europastudien an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, Mitglied der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, Vizeleiter der Abteilung für internationale Studien und Vorsitzender der Chinesischen Vereinigung für Europäische Studien.
Gu Junli
Im Jahr 2012 jährt sich die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und der Bundesrepublik Deutschland zum 40sten Mal. Während dieser 40 Jahre chinesisch-deutscher Beziehungen1 entwickelten sich die vielfältigen Strukturen der Zusammenarbeit aus dem Nichts, wandelten sich die bilateralen Handelsbeziehungen von klein zu groß, entwickelte sich der kulturelle Austausch von wenig zu viel und erreichten die Beziehungen der beiden Länder eine noch nie dagewesene Tiefe und Breite,2 sodass sich die chinesisch-deutschen diplomatischen Beziehungen nun in ihrer historisch glänzendsten Phase befinden.
Die Volksrepublik China suchte nach ihrer Gründung zunächst aktiv freundschaftliche Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland (BRD). Beide Staaten wurden nahezu zeitgleich gegründet, allerdings war die Volksrepublik China seit ihrer Gründung ein Mitglied des durch die Sowjetunion geführten sozialistischen Lagers und verkündete öffentlich die „einseitige Anlehnung“3 an die Sowjetunion. Die BRD wurde ursprünglich mit Unterstützung der USA gegründet und besaß damals noch keine volle Souveränität. Konrad Adenauer beschrieb dies einst so: „Früher wie heute bin ich der Überzeugung, dass nur mit einer Politik der engen und konsequenten Bündnisanbindung an den Westen eine friedliche und freie Vereinigung eines Tages erreicht werden kann.“45 Die beiden deutschen Staaten beschlossen angesichts der scharfen und ideologieorientierten Gegenüberstellung des amerikanischen und des sowjetischen Lagers, ihre oppositionelle Stellung langfristig aufrecht zu erhalten. Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts begann sich die sowjetische Außenpolitik gegenüber Europa und speziell gegenüber Deutschland zu wandeln. Infolgedessen passte auch China seine Außenpolitik an, insbesondere diejenige gegenüber Deutschland. Am 7.4.1955 unterschrieb der Vorsitzendende der Volksrepublik China den „Erlass zum Ende des Kriegszustands zwischen der Volksrepublik China und Deutschland“6. Da China bereits am 27.10.1949 mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) diplomatische Beziehungen aufgenommen hatte, existierte in der Realität hier kein Problem bezüglich eines noch offenen Endes des „Kriegszustands“. Es war daher deutlich, dass dieser Erlass Mao Zedongs an die BRD adressiert war. Der von Zhou Enlai am 30.1.1956 bei der 2. Politischen Konsultativkonferenz der 2. Vollversammlung des Nationalen Komitees vorgetragene politische Bericht sagt hier offiziell und direkt: „Damit ein friedliches und vereintes Deutschland ein friedensliebendes und demokratisches Land werden kann, befürwortet China auch eine Normalisierung der Beziehungen mit der BRD“.7 Mitte Juni 1956 bestätigte Zhou Enlai während eines Interviews mit Journalisten dies noch einmal: „Unsere Position ist es, dass normalisierte Beziehungen [zwischen China und der BRD] hilfreich für den Frieden sind.“8 Die BRD jedoch beantwortete im Zuge der amerikanischen Dialogpolitik dieses Zeichen des guten Willens Chinas nicht direkt, sondern verschickte am 21.9.1955 ein geheimes Telegramm an das deutsche Generalkonsulat in Hongkong, welches besagte: „Bundesregierung beabsichtigt nicht, auf chinesische Sondierungen wegen Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik einzugehen.“9 Auf diese Weise führte das aktive Zeichen der Freundschaft Chinas gegenüber der BRD zu keinem Ergebnis.
Die Bundesrepublik Deutschland lehnte es stets ab, mit Taiwan offizielle diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Dies legte die Basis für den chinesisch-deutschen Kontakt und die bilateralen Beziehungen. Nachdem die Kuomintang-Regierung den innerchinesischen Krieg verloren hatte und nach Taiwan geflohen war, wollte sie stets mit der Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen aufnehmen. Am 28.10.1949 rief der Vizeleiter des Taiwan verwaltenden „Exekutiv-Yuans“ Zhu Jiahua den Vorsitzenden einer deutschen sinologischen Vereinigung an und bat ihn, herzliche Glückwünsche an den Bundespräsidenten Theodor Heuss und den Bundeskanzler Konrad Adenauer sowie seine Hoffnung auf eine möglichst baldige Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Taiwan und der Bundesrepublik auszurichten,10 was jedoch von deutscher Seite nicht beachtet wurde. Im Jahr 1951 nahm die taiwanische Verwaltung direkt Kontakt mit dem in Paris stationierten deutschen Generalkonsul auf und schlug die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Taiwan und der BRD vor, stieß aber ebenfalls auf einen frostigen Empfang. Am 28.8.1951 schlugen auch die Amerikaner vor, dass die BRD mit Taiwan diplomatische Beziehungen aufnehme, was ebenfalls von der deutschen Seite abgelehnt wurde. Als Adenauer im Jahr 1954 Griechenland besuchte, schlug ihm der dort stationierte taiwanische sogenannte „Botschafter“ persönlich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Taiwan und der BRD vor,11 hatte damit aber ebenfalls keinen Erfolg. Dass die Bundesrepublik Deutschland langfristig daran festhielt, keine diplomatischen Beziehungen mit der Verwaltung Taiwans aufzunehmen, war ein großer Beitrag der durch Adenauer repräsentierten deutschen Politiker zur Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen und war auch ein großer Lichtblick in den chinesisch-deutschen Beziehungen.
Der erhöhte Druck der USA gegenüber der BRD war der wichtigste Grund für das Scheitern der ersten offiziellen chinesisch-deutschen Verhandlungen. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es große Veränderungen in der internationalen Lage: die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen entspannten sich, die graduelle Verschlechterung der sowjetisch-chinesischen Beziehungen wurde immer deutlicher und spitzte sich immer mehr zu und China und Frankreich nahmen bilaterale diplomatische Beziehungen auf. Außerdem wurden der internationale Wettbewerb der Märkte immer heftiger und das Verlangen der deutschen Wirtschaft nach Öffnung des Zugangs zum chinesischen Markt immer stärker. Unter dieser Situation fanden die ersten offiziellen Verhandlungen zwischen China und der BRD in Bern in der Schweiz mit vier Verhandlungsrunden rund um den 25.5.1964 statt. Die BRD plante, mittels Verhandlungen zu einem Handelsabkommen auf Regierungsebene mit China zu kommen und informierte in Den Haag die drei Länder USA, Großbritannien und Frankreich darüber. Während der Verhandlungen wollte die bundesdeutsche Seite jedoch eine „Berlinklausel“ einfügen, mit der sie versuchte, den internationalen Einfluss Chinas zu nutzen, um Ziele zu verwirklichen, die sie in den bisherigen Verhandlungen mit den osteuropäischen Ländern nicht erreichen konnte. Dies zielte darauf ab, mit der Unterzeichnung eines bilateralen Handelsabkommens auch einen politischen Vorteil in der „Berlinfrage“ zu erreichen. China hielt bei der „Berlinfrage“ an seinen Prinzipien fest, aber auch die BRD gab nicht nach. Noch negativer wirkte sich aus, dass Bundeskanzler Erhard bei einer Pressekonferenz anlässlich seines Besuchs der USA am 13.6. verlautbarte, dass Deutschland der amerikanischen Chinapolitik folgen werde und keine Absicht habe, mit China diplomatische Beziehungen aufzunehmen, mit China ein Handelsabkommen abzuschließen, China Handelskredite zu gewähren oder irgendeine andere Aktivität in dieser Richtung zu unternehmen. Dies zeigte, dass die BRD dem Druck der USA nachgegeben und sich der amerikanischen chinafeindlichen Politik angeschlossen hatte. Spätestens am 11.2.1965 drückte der erste Sekretär der Botschaft der Bundesrepublik in Großbritannien gegenüber der chinesischen Vertretung in Großbritannien aus, dass die deutsche Seite mit dem für den Handel zuständigen Beamten der chinesischen Seite Verhandlungen bezüglich der Frage des bilateralen Handels führen und sich bezüglich politischer Fragen von bilateralem Interesse austauschen wollen würde. Die chinesische Seite ging auf dieses Angebot jedoch nicht ein. Im September des Jahres 1965 sagte der chinesische Vizeaußenminister Chen Yiyuan während einer Pressekonferenz, dass es die chinesische Seite ablehne, mit der Bundesrepublik Handelsbeziehungen oder sonstige Beziehungen aufzunehmen. Damit endete der erste offizielle Kontakt zwischen China und der BRD ergebnislos.
Gegen Ende der 60er Jahre führten die starken Veränderungen der internationalen Lage zu einer politischen Annäherung zwischen China und der BRD. In diesen Jahren durchströmte eine Welle der Ost-West-Entspannung Europa. Die von Brandt geführte Regierung der BRD trieb unter dem Druck der internationalen Situation die „Neue Ostpolitik“ an. Im Zuge der Entwicklung der Gegensätze zwischen den USA und der Sowjetunion machten auch die Beziehungen zwischen China und dem Westen eine Trendwende durch. Im Jahr 1971 wurde der ständige Sitz Chinas im UN-Sicherheitsrat wiederhergestellt und Kissinger, der Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, besuchte im Geheimen China. 1972 besuchte der amerikanische Präsident Nixon China und unterzeichnete das chinesisch-amerikanische Shanghai-Kommuniqué, wodurch die chinesisch-amerikanischen Beziehungen in eine neue historische Zeit eintraten und wodurch gleichzeitig auch die Entwicklung der Beziehungen zwischen China und den westeuropäischen Staaten gefördert wurde.
Unter dem Impuls des oben dargestellten Hintergrunds und der allgemeinen Lage erfuhren auch die Beziehungen zwischen China und der BRD wichtige Veränderungen. Die BRD wollte von dem Dreieck China-Sowjetunion-USA ausgehend die wichtige internationale Stellung Chinas nutzen, um auf der einen Seite die Sowjetunion auf Abstand zu halten und sich auf der anderen Seite schrittweise von der amerikanischen Kontrolle zu befreien, um so den eigenen Handlungsspielraum innerhalb des kleinen europäischen Dreiecks zu vergrößern und auch auf den ausgedehnten Markt Chinas zugreifen zu können. China wiederum war der Ansicht, dass der Schwerpunkt des amerikanisch-sowjetischen Ringens in Europa lag und dass die Sowjetunion eine Strategie der Ablenkungsmanöver durchführte, um den Westen zu lähmen. Die Sowjetunion entsandte Truppen an die chinesisch-sowjetische Grenze, was für China eine noch größere Bedrohung als die Bedrohung durch die USA darstellte. China wollte daher die Beziehungen zu den USA verbessern und suchte zusammen auch mit der BRD nach einer gemeinsame Strategie zur Verhinderung eines „sowjetischen Wiedererstarkens“ sowie zur Stärkung des Handels mit den westlichen Staaten. China und Deutschland brauchten einander, sodass die Bedingungen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten günstig waren.
Der Chinabesuch des Vizefraktionsvorsitzenden der CDU und Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses Gerhard Schröder Mitte Juli 1972 stellte eine wichtige Zäsur in den Beziehungen zwischen China und der BRD dar. Damals war das Xinhua-Büro in Bonn die einzige offizielle Einrichtung Chinas in der BRD und damit der hauptsächliche Kommunikationskanal zwischen den beiden Staaten. Im Januar 1970 sagte ein Mitglied des Chinareferats des Auswärtigen Amts gegenüber dem in Bonn stationierten leitenden Journalisten von Xinhua, Wang Shu,12 dass das Auswärtige Amt gern Vertreter nach China entsenden würde und es begrüßen würde, wenn China Vertreter nach Bonn entsenden könnte, um Fragen von beiderseitigem Interesse zu besprechen. Im Anschluss daran wurden zahlreiche und vielfältige Nachrichten über diesen Kanal ausgetauscht. Am 21.2.1972 traf Schröder Wang Shu und übermittelte seine offizielle Bitte, China zu besuchen. Vom 14. bis 28.7.1972 realisierte er dann diesen Besuch. Während der Reise tauschten Vizeminister Qiao Guanghua und Schröder ihre Ansichten zur Möglichkeit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Staaten aus. Am 20.7. unterzeichneten beide ein Memorandum zur Frage der Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Der Besuch Schröders stellte den Auftakt zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und der BRD dar.
Die Verhandlungen zwischen China und der BRD bezüglich der Aufnahme gegenseitiger diplomatischer Beziehungen verliefen absolut reibungslos. Die erste Verhandlungsrunde13 fand innerhalb des Auswärtigen Amts in Bonn statt. Anschließend wurden acht weitere Verhandlungsrunden abgehalten. Am 29.9 unterzeichneten die Vertreter der beiden Staaten, Wang Shu und von Staden, dann das Kommuniqué zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten. Da die BRD nie mit den taiwanischen Behörden diplomatische Beziehungen aufgenommen hatte, wurden die gesamten Verhandlungen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen auch nicht durch die Taiwanfrage gestört. Das Kommuniqué zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen erwähnte diese Frage daher nicht.
Die Reise von Bundesaußenminister Scheel nach China und die Unterzeichnung des Abkommens zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und Deutschland stellten einen historischen Durchbruch für die chinesisch-deutschen Beziehungen dar. Scheels Besuch war für China damals in direkter Folge des Besuchs des japanischen Premierministers und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und Japan Teil einer ganzheitlichen diplomatischen Aktion, die der eigenen Unabhängigkeit angesichts des amerikanisch-sowjetischen Konflikts dienen sollte. Ihm wurde eine wichtige strategische Bedeutung im Kampf gegen das „sowjetische Wiedererstarken“ und für die Stärkung Chinas beigemessen. Mao Zedong und Zhou Enlai nahmen dies daher sehr wichtig. Am 11.10.1972 besuchte eine von Bundesaußenminister Scheel angeführte 39-köpfige Delegation zusammen mit 29 Journalisten China. Entsprechend der vorher getroffenen Absprachen unterzeichneten der chinesische Außenminister Ji Pengfei und Bundesaußenminister Scheel am Tag von Scheels Ankunft in Peking als Vertreter ihrer jeweiligen Staaten ein Abkommen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen.14 Als Zhou Enlai bei der Konferenz Scheel traf, äußerte er, dass China den gleichzeitigen Beitritt beider deutscher Staaten zu den UN unterstütze, es aber nicht den Anspruch eines Staates unterstütze, für beide Territorien zu sprechen. Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen schlug ein neues Kapitel in den bilateralen Beziehungen auf. In einem am 18.10.1972 in der „Renmin Ribao“ erschienenem Leitartikel hieß es: „Durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und der BRD wird die Freundschaft zwischen den beiden Völkern um einen weiteren Schritt vertieft und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten kontinuierlich entwickelt werden.“ Ein Bericht des Bundespresseamts teilte mit, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu China ein „Meilenstein“ der neuen Ostpolitik sei und ein „Zeichen der Öffnung der Bundesrepublik zur Welt“.15
Nach der Aufnahme der chinesisch-deutschen diplomatischen Beziehungen entwickelte sich der Kontakt in Bereichen wie Handel, Technik und Kultur sehr schnell. Berühmte politische Aktivisten und Regierungsdelegationen besuchten sich gegenseitig häufig. Diese Besuche stellten ein wichtiges Zeichen für die rasche Entwicklung der politischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten dar. Dabei verlief die Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten jedoch nicht ohne Hindernisse. Sie durchlief im Großen und Ganzen drei unterschiedliche Phasen.
Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Staaten entwickelte sich der Handel zwischen beiden Staaten stark. Während das beiderseitige Handelsvolumen zum Zeitpunkt der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen nur 274 Mio. US-Dollar betrug, betrug es aufgrund des schnellen Wachstums im Jahr 1981 bereits 2,22 Mrd. Dollar. In vielen anderen Bereichen entwickelte sich die Zusammenarbeit ähnlich schnell. Im Oktober des Jahres 1975 führten beide Seiten einen Notenwechsel zur Einrichtung einer gemeinsamen Wirtschaftskommission durch, unterzeichneten ein Seefrachtabkommen, ein Abkommen zur zivilen Luftfracht, ein Abkommen zur wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit, ein Abkommen zur Einrichtung eines chinesischen Konsulats in Hamburg und eines deutschen Konsulats in Shanghai, ein Abkommen zur kulturellen Zusammenarbeit, ein Abkommen zur Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich, ein Abkommen zur Zusammenarbeit im Eisenbahnbereich, ein Protokoll zur Zusammenarbeit im Bereich landwirtschaftlicher Technik usw. Bundeskanzler Schmidt reiste im Oktober 1975 nach China und besuchte dabei auch als erstes westliches Regierungsoberhaupt die Stadt Urumqi in Xinjiang. Der chinesische Ministerpräsident Hua Guofeng besuchte die BRD im Oktober 1979. In schneller Folge folgte der Besuch vieler weiterer Persönlichkeiten.
Da die vom SPD-Mitglied Willy Brandt geführte Regierung der BRD zwar auf der einen Seite ein großes Interesse an der „Neuen Ostpolitik“ hatte, auf der anderen Seite jedoch auch den Druck der Sowjetunion fürchtete, kam es zu Differenzen zwischen China und Deutschland bezüglich des Umgangs mit der Sowjetunion, was manchmal die Entwicklung der bilateralen Beziehungen belastete. Somit entwickelten sich die bilateralen Beziehungen in den ersten Jahren nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwar gut, waren jedoch auch ziemlich seicht.
Im Oktober 1982 kam es zu einem Regierungswechsel in der BRD, als unter Helmut Kohl eine neue Regierung gebildet wurde. Unter dem Einfluss des Wandels der internationalen Lage richtete die Regierung Kohl die Chinapolitik der BRD neu aus. Die BRD unterstützte Chinas unabhängige und souveräne Außenpolitik sowie den Kurs der internen Reformen und der Öffnung und trachtete danach, die Beziehungen mit China zu entwickeln, die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China auszuweiten und zu stärken, und die technologischen Vorbehalte gegenüber China zu reduzieren. In dieser Zeit besuchten auch der chinesische Ministerpräsident Zhao Ziyang und der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Hu Yaobang nacheinander die BRD. Bundeskanzler Kohl besuchte zweimal China und reiste bei seinem zweiten Chinabesuch auch als erstes westliches Regierungsoberhaupt nach Tibet. Bis Ende des Jahres 1988 unterzeichneten beide Seiten insgesamt neun Abkommen, unter anderem ein Abkommen zur Vermeidung von Doppelbesteuerung im Bereich der Steuern auf Einkommen und Vermögen, ein Abkommen zur Finanzkooperation und ein Protokoll zur Errichtung eines Systems zu Konsultationen zwischen den Außenministerien. Das beiderseitige Handelsvolumen stieg auf einen Wert von 4,918 Mrd. US-Dollar an und auch die Kooperationen in anderen Bereichen entwickelten sich allumfassend. Die Beziehungen der beiden Staaten traten in ihre lebendigste Phase ein.
Die chinesisch-deutschen Beziehungen dieser Zeit wiesen zwei Charakteristika auf. Als erstes Charakteristikum ist zu nennen, dass in den sieben Jahren zwischen Juni 1989 und Juni 1996 schwere Reibungen zwischen den beiden Staaten entstanden und die bilateralen Beziehungen starke Rückschläge erlitten. Zu den Reibungen: Erstens setzte Deutschland nach den rund um den Juni 1989 in Peking entstandenen politischen Unruhen „Sanktionen“ gegen China in Kraft. Am 15.6.1989 beschloss der Deutsche Bundestag harte „Sanktionen“ gegen China und erhöhte den Druck von allen Seiten auf China. Obwohl Deutschland kein „Anführer“ der damaligen „Sanktionen“ gegen China war, war Deutschland doch das einzige europäische Land, in dem „Sanktionen“ gegen China durch einen Parlamentsbeschluss zustande kamen. Aus diesem Grund war es unmöglich, diese „Sanktionen“ innerhalb kurzer Zeit wieder aufzuheben. Sie hatten negative Auswirkungen und führten dazu, dass die bilateralen Beziehungen schwer beschädigt wurden und nur in kleineren Bereichen des Handels, der Kultur und der Technik mit Mühe aufrechterhalten werden konnten.
Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bot auch den chinesisch-deutschen Beziehungen die Chance auf eine Trendwende. Am Tag der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 sagte der chinesische Vize-Ministerpräsident anlässlich eines Treffens mit dem deutschen Botschafter in China: „Die chinesische Regierung und das chinesische Volk haben Verständnis für den Wunsch des deutschen Volkes nach einer Vereinigung und unterstützen dies. Wir respektieren die Wahl des deutschen Volkes und begrüßen die friedliche Wiedervereinigung.“ Er sagte weiter: „China hatte in der Vergangenheit ausgezeichnete Beziehungen zu den beiden deutschen Staaten und hofft nun, dass in der Zukunft auf der Basis der fünf Prinzipien friedlicher Koexistenz die bereits bestehenden ausgezeichneten Beziehungen mit dem vereinigten Deutschland verstärkt und entwickelt werden.“16 Weiterhin bewahrte China im Vergleich mit der Unberechenbarkeit Europas und anderer Gebiete der Welt zu Beginn der 90er Jahre eine innere Stabilität und entfaltete im Bereich der internationalen Angelegenheiten einen immer größeren Nutzen. China wurde für Deutschland umso wichtiger, je mehr die Globalisierung der Wirtschaft voranschritt. Unter dieser Situation erkannte die deutsche Regierung die Notwendigkeit zur Wiederherstellung der politischen Beziehungen zu China. Am 10.12.1992 erklärte der Deutsche Bundestag per Beschluss die 1989 gegen China verhängten „Sanktionen“ für beendet und verkündete die Normalisierung der chinesisch-deutschen Beziehungen. Von da an gewannen die politischen bilateralen Beziehungen wieder an Tiefe. Auch in den anderen Bereichen, insbesondere dem Handel, entwickelte sich die Kooperation stark. Im Januar 1993 beschloss die deutsche Regierung, die Lieferung von U-Booten nach Taiwan nicht zu genehmigen, was eine wichtige politische Entscheidung zur Entwicklung der deutschen Beziehungen zu China war. Im Oktober desselben Jahres veröffentlichte die deutsche Regierung ein neues „politisches Asienkonzept“, in welchem der „entscheidende Nutzen“ Chinas im asiatischen Raum und der Welt betont wird. In diesem Konzept wird der Wunsch genannt, mit China eine langfristige, stabile und umfassende Beziehung der Zusammenarbeit zu unterhalten. Die Veröffentlichung des neuen „politischen Asienkonzepts“ förderte die umfassende Entwicklung der chinesisch-deutschen Beziehungen weiter.
Die zweite Reibung entstand aus dem massiv falschen Vorgehen Deutschlands bezüglich der Tibetfrage. Im Juni tolerierte die deutsche Regierung eine durch die Friedrich-Naumann-Stiftung, welche dem damals regierenden Koalitionspartner FDP nahesteht, in Bonn veranstaltete internationale Konferenz zur Tibetfrage, mischte sich damit öffentlich in eine interne Angelegenheit Chinas ein und erregte damit das Missfallen Chinas. Nach dem Ende der Konferenz nahm der Deutsche Bundestag einen Antrag zum Thema „Die Menschenrechtslage in China verbessern“ an, in dem die Dalai-Lama-Clique öffentlich „Exilregierung“ genannt und die chinesische Regierung sogar zu Verhandlungen aufgefordert wird. Bundesaußenminister Kinkel drückte überraschenderweise seine „volle Unterstützung“ dieses Beschlusses aus und drohte damit, dass der Inhalt des Beschlusses ein „Grundelement“ der Tibetpolitik der deutschen Regierung werden könnte. Die chinesische Regierung reagierte auf diese Entwicklung scharf und sagte, dass das Verhalten einiger Leute in Deutschland, welche die Prinzipien des Völkerrechts mit Füßen treten, eine schändliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas sei. China ergriff auch diplomatische Schritte, indem es die Besuchspläne von Mitarbeitern des deutschen Außenministers absagte und einige Aktivitäten des Büros der Naumann-Stiftung in Beijing untersagte. Die chinesisch-deutschen Beziehungen waren nun auf ihrem tiefsten Punkt seit 1989 angelangt.
Das zweite Charakteristikum ist, dass sich die Kooperation in allen Bereichen trotz der starken Auf- und Abstiege der bilateralen Beziehungen in dieser Zeit aufgrund der beiderseitigen Bedürfnisse doch umfassend entwickelte und es viele gegenseitige Besuche gab. So reiste im November 1993 Helmut Kohl als Kanzler des vereinten Deutschlands nach China. Im Januar 1994 reiste der Kommissionsvorsitzende Qiao Shi nach Deutschland und im Juni 1994 reiste auch Ministerpräsident Li Peng nach Deutschland. Staatspräsident Jiang Zemin reiste dann im Juli 1995 zu einem Staatsbesuch nach Deutschland. Im November 1995 kam Kohl zum vierten Mal nach China. 1996 folgten weitere Besuche anderer Regierungsmitglieder. Weiterhin veröffentlichten im Oktober 1997 die Außenminister der beiden Länder in der chinesischen „Renmin Ribao“ und der deutschen „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen gemeinsam verfassten Artikel, in dem sie zum 25. Jubiläum der chinesisch-deutschen Beziehungen gratulierten. Während dieser Zeit wuchs das beiderseitige Handelsvolumen von 4,988 Mrd. US-Dollar im Jahr 1989 auf 14,35 Mrd. US-Dollar im Jahr 1998. Im September 1994 unterzeichneten beide Seiten ein Abkommen zur Kooperation im Umweltschutzbereich. Im Juli 1995 unterzeichneten beide Länder ein Abkommen zur Einrichtung eines chinesischen Generalkonsulats in München und eines deutschen Generalkonsulats in Guangzhou. Gleichzeitig entwickelte sich die Zusammenarbeit in den Bereichen Technik, Kultur, Bildung usw. ebenfalls umfassend.
Nach dem Ende des Kalten Krieges kristallisierte sich eine Welt mit einem extrem starken großen Land und mehreren weiteren ebenfalls starken Ländern heraus. Unter dieser Situation durchlebte Deutschland einige Jahre, der es den Ostteil in den Westteil des Landes integrierte. Deutschland begann schließlich mit einer Außenpolitik, die „Normalisierung“ genannt wurde, de facto aber eine „Aufstiegsstrategie“ war. China und Deutschland suchten in dieser Zeit der beiderseitigen Aufstiegsstrategien nach neuen Anknüpfungspunkten gemeinsamer Interessen. Aus diesem Grund begannen beide Seiten mit dem Aufbau eines Rahmens für eine gemeinsame strategische Partnerschaft.
Die Zeit der Regierung Schröder ist dabei die erste Phase. Die offensichtlichsten Charakteristika dieser Phase sind der Aufbau einer Vertrauensbasis durch beide Seiten und die Verbesserung der Lage der bilateralen Beziehungen. In seiner Funktion als Bundeskanzler besuchte Gerhard Schröder China zum ersten Mal am 8.5.1999, vier Tage nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Jugoslawien durch die von den USA angeführte NATO. Während des Besuchs bat Schröder im Namen Deutschlands und der NATO für die Bombardierung der Botschaft „bedingungslos“ um Entschuldigung und äußerte öffentlich, dass die NATO diese Ereignisse rückhaltlos und gänzlich aufklären sowie die Ergebnisse dieser Untersuchung gegenüber der Öffentlichkeit darlegen müsse. Am 2.11. desselben Jahres besuchte Schröder China zum zweiten Mal. Während der Pressekonferenz äußerte er dabei öffentlich, dass die von ihm geführte Regierung rückhaltlos die „Ein-China-Politik“ unterstütze und sich an keinerlei Aktivitäten beteiligen werde, welche eine Gefahr für die Integrität Chinas darstellen könnten. Er schlug vor, dass China den G8 beitreten könne und drückte seine Hoffnung aus, dass China möglichst schnell der WTO beitrete. Die energische Haltung Schröders während seiner Besuche in China verkörperte die Beständigkeit und die Stabilität der deutschen Politik gegenüber China.
Die hohe Frequenz der hochrangigen gegenseitigen Besuche brachte einen neuen Höhepunkt der beiderseitigen Beziehungen. Im Juni 2000 besuchte der chinesische Ministerpräsident Zhu Rongji Deutschland. Im Oktober des darauffolgenden Jahres besuchte Schröder zum dritten Mal China. Der chinesische Staatspräsident Jiang Zemin besuchte im April 2002 zum zweiten Mal Deutschland. Im Dezember 2002 kam Schröder zu einem Arbeitsbesuch nach China und wohnte der Eröffnungszeremonie der Shanghaier Magnetschwebebahn bei. Im September 2003 kam der deutsche Bundespräsident Johannes Rau zu einem Staatsbesuch nach China und im Dezember desselben Jahres besuchte Schröder China zum fünften Mal. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao besuchte im April 2002 zum ersten Mal Deutschland und veröffentlichte mit Kanzler Schröder eine gemeinsame Erklärung, in der beide den umfassenden Konsens beider Länder zu einigen wichtigen internationalen Fragen erklärten. Beide Seiten stimmten darin überein, innerhalb des Rahmens der strategischen Partnerschaft zwischen China und der EU eine Beziehung der Partnerschaft mit globaler Verantwortung einzugehen zu wollen. Beide Seiten wollten intensiv die Zusammenarbeit vertiefen, den Multilateralismus stärken, die Koordinierung intensivieren und eine neue Weltordnung der gemeinsamen Kooperation anstreben.17 Auch gaben sie die Einrichtung eines Mechanismus jährlicher Treffen zwischen dem chinesischen Ministerpräsidenten und dem deutschen Kanzler bekannt. Im Dezember desselben Jahres besuchte Schröder China zum sechsten und damit zum letzten Mal innerhalb seiner Kanzlerschaft. Die Häufigkeit der hochrangigen Besuche zeigt die Stärkung des politischen Vertrauens zwischen den beiden Staaten während dieser Phase.
Die häufigen hochrangigen Besuche trieben die schnelle Entwicklung der Zusammenarbeit in den unterschiedlichen Bereichen an. In dieser Zeit nahmen die Besuche auf der Ministerebene und höher sowie die Kontakte zwischen anderen Regierungsmitgliedern stark zu. Beide Seiten entwickelten gemeinsame Standpunkte bezüglich einiger wichtiger internationaler Fragen wie des Erhalts des Weltfriedens und der Förderung allgemeiner Entwicklung. Sie stärkten die gegenseitigen Rücksprachen und die Koordinierung kontinuierlich. China und Deutschland unterzeichneten eine Erklärung über die Zusammenarbeit zwischen dem Vorsitzenden des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses und dem Bundestagspräsidenten und errichteten einen Mechanismus zu regelmäßigen Treffen ihrer Gesetzgebungsinstitutionen. Sie unterzeichneten ein Abkommen zum juristischen Austausch und zur Zusammenarbeit und errichteten den Mechanismus des chinesisch-deutschen Rechtsstaatsdialogs. Auch unterzeichneten sie ein Abkommen über die kulturelle Zusammenarbeit, ein Abkommen über die gegenseitige Anerkennung von Gleichwertigkeit im Hochschulbereich, ein Memorandum zur Durchführung von Gruppenreisen chinesischer Staatsbürger in die Bundesrepublik Deutschland sowie eine Reihe weiterer Abkommen zur Zusammenarbeit in verschiedenen Fachbereichen. Die Zusammenarbeit in Bereichen wie Technik, Bildung und Kultur entfaltete sich allseitig und es wurden vielschichtige und vielseitige Kooperationsmechanismen installiert. Die zivilgesellschaftlichen und lokalen Kontakte wurden zunehmend enger. Der Handel hatte dabei weiterhin eine wichtige Funktion für die bilaterale Zusammenarbeit. Das bilaterale Handelsvolumen betrug im Jahr 1998 14,35 Mrd. US-Dollar. Bis zum Jahr 2003 wurde es auf 41,88 Mrd. Dollar gesteigert und bis zum Jahr 2005 noch einmal auf 63,25 Mrd. Dollar.
Nachdem Schröders Reformpolitik den Unwillen der Wähler erregt hatte, kam die Regierung Merkel im September 2005 an die Macht. Sie legte ihren Schwerpunkt auf Veränderungen der Innenpolitik. In der Außenpolitik wurde, abgesehen von ein paar konkreten Änderungen spezifischer politischer Linien (zum Beispiel in der USA-Politik), die „Aufstiegsstrategie“ fortgeführt. Da das gerade aufsteigende China dabei ein natürlicher Partner Deutschlands war, verlor die Regierung Merkel während des Prozesses des Ausgleichs zwischen den großen Ländern ihren Argwohn gegenüber China. Gegenseitiges Verständnis und pragmatische Zusammenarbeit wurden der Kern der Chinapolitik.
Der Regierungsantritt Angela Merkels läutete den zweiten Teil der Phase der umfassenden und schnellen Entwicklung ein. Die chinesisch-deutschen Beziehungen dieses Teils waren durch drei Charakteristika geprägt. Erstens wuchs das Vertrauen zwischen den beiden Ländern stark. Die gegenseitigen Beziehungen nahmen an Stellenwert zu. Obwohl die Regierung Merkel zu Beginn ein starkes ideologisches Interesse hatte, zwangen die starken Handelsinteressen sie doch zur Fortführung der Chinapolitik der Regierung Schröder. Im Mai 2006 besuchte Kanzlerin Merkel zum ersten Mal China. Während des Besuchs unterzeichneten beide Seiten nicht nur 19 Handelsverträge mit einem Handelsvolumen von einer Milliarde US-Dollar, sondern kündigten auch die Einrichtung des chinesisch-deutschen strategischen Dialogs an. Im September 2006 besuchte Ministerpräsident Wen Jiabao Deutschland. Die beiden Länder vertieften noch einmal das gegenseitige Verständnis und die Kommunikation. Die Beziehungen begaben sich auf die „Überholspur“. Im Jahr 2007 jährten sich die chinesisch-deutschen Beziehungen zum 35. Mal und der deutsche Bundespräsident Horst Köhler und Kanzlerin Angela Merkel besuchten China im Mai und August. Der chinesische Staatspräsident Hu Jintao wohnte im Juni dem in Deutschland abgehaltenen Dialog zwischen den Staatschefs der Entwicklungsländer und den G8-Ländern bei und traf dabei auch Frau Merkel. Bedauerlicherweise warf das Treffen Merkels mit dem Dalai Lama im September einen Schatten auf die sich schnell entwickelnden chinesisch-deutschen Beziehungen. Glücklicherweise jedoch versprach die deutsche Regierung kurz darauf feierlich, an der „Ein-China-Politik“ festzuhalten. Sie erkannte an, dass Taiwan und Tibet Teile des Hoheitsgebiets Chinas sind und versprach, Taiwans „Referendum zum Beitritt zu den UN“ abzulehnen und keinerlei Aktivitäten zur Unabhängigkeit Tibets zu unterstützen oder zu fördern.18 Dieses Versprechen der deutschen Regierung wurde zum politischen Prinzip der Konsolidierung und Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern in der neuen Zeit. Während der internationalen Finanzkrise zeigte sich der Charakter der „besonderen chinesisch-deutschen Beziehungen“ noch einmal deutlich. Am 29.1.2009 führte Ministerpräsident Wen Jiabao einen „Blitzbesuch“ Deutschlands von weniger als 24 Stunden durch. In der freundschaftlichen und offenen Atmosphäre der chinesisch-deutschen Beziehungen wurden Ansichten ausgetauscht und eine große Übereinstimmung erreicht, insbesondere bezüglich des Umgangs mit der Finanzkrise. Es wurden eine Erklärung über gemeinsame Anstrengungen zur Stabilisierung der Weltwirtschaft sowie eine Vielzahl an Kooperationsabkommen unterschrieben. Ministerpräsident Wens Deutschlandbesuch stärkte die Beziehungen zwischen China und Deutschland umfassend. Als Kanzlerin Merkel im Juli 2010 China besuchte, verfassten beide Länder einen gemeinsamen Bericht über die umfassende Entwicklung der strategischen Partnerschaft, mit sie die Zusammenarbeit in 28 Bereichen wie der Politik, der Wirtschaft, der Kultur und der Gesellschaft umfassend planten. Im Oktober 2010 führte Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao einen „außerplanmäßigen Besuch“ Deutschlands von weniger als sieben Stunden anlässlich seiner Teilnahme am 8. Asia-Europe-Meeting durch. Beide Seiten veröffentlichten eine gemeinsame Presseerklärung zum Treffen zwischen dem chinesischen Ministerpräsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin. Kanzlerin Merkel lud Ministerpräsident Wen Jiabao ein, gemeinsam mit ihr das erste Treffen der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen zu leiten. Im Juni 2011 leiteten Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Wen Jiabao gemeinsam dieses erste Treffen der deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen in Berlin und veröffentlichten eine gemeinsame Presseerklärung. Die deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen sind hochrangig, thematisch weit, großformatig und sehr pragmatisch. Sie sind ein neues Instrument der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit und ein Symbol der neuen Entwicklung, der neuen Bewegung und der neuen Stellung der deutsch-chinesischen Beziehungen. Im Februar 2012, in diesem entscheidenden Moment, als Europa von der Schuldenkrise heimgesucht wurde, besuchte Kanzlerin Merkel zum fünften Mal China. Im April 2012 besuchte Ministerpräsident Wen Jiabao anlässlich seiner Reise durch vier europäische Länder zum sechsten Mal Deutschland. Er besuchte dabei auch die Industriemesse in Hannover. Der Ministerpräsident und die Kanzlerin trafen sich wiederum. Als Ende April Kanzlerin Merkel China besuchte, leitete sie mit Ministerpräsident Wen Jiabao die zweiten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen. Die hohe Frequenz der gegenseitigen Besuche, die an vielen Orten durchgeführten persönlichen Treffen sowie Maßnahmen wie die Einrichtung telefonischer Hotlines und regelmäßiger Briefwechsel führten zu einem hohen Konsens zwischen den Regierungen der beiden Länder in vielen wichtigen Fragen, welcher nicht nur die Richtung der Zusammenarbeit anzeigte, sondern auch die strategische Partnerschaftsbeziehung stark bereicherte und die bilateralen Beziehungen in eine Phase der historischen Höhe führte.
Daneben fungierte die Handelszusammenarbeit auch weiterhin als Motor und Stabilisator der bilateralen Beziehungen. Im 21. Jahrhundert entwickelte sich der bilaterale Handel stetig und schnell. Im Jahr 2000 betrug das Handelsvolumen 19,69 Mrd. Dollar. Im Jahr 2004 wurde es auf 54,12 Mrd. Dollar gesteigert und im Jahr 2008 noch einmal auf 114,98 Mrd. Dollar. Im Jahr 2011 betrug es 169,15 Mrd. Dollar und damit das 617-fache des Handelsvolumens zur Zeit der Aufnahme der chinesisch-deutschen Beziehungen. Der Handel mit Deutschland macht ein Drittel des Handels zwischen China und der EU aus. China ist der wichtigste Handelspartner Deutschlands in Asien und der drittwichtigste Handelspartner Deutschlands in der Welt. Es wird prognostiziert, dass das Handelsvolumen bis zum Jahr 2012 auf 200 Mrd. Dollar und bis zum Jahr 2015 auf 280 Mrd. Dollar anwachsen wird.19 Vor dem Hintergrund der Globalisierung des Handels liegen große Potenziale im bilateralen Handel und der Wirtschaftkooperation. Deutschland ist in Europa das Land mit dem meisten Technologietransfer nach China. Bis zum Ende des Jahres 2011 bewilligte China insgesamt 16.319 Verträge zum Technologieimport aus Deutschland mit einem Handelsvolumen von 50 Mrd. Dollar hauptsächlich in den Bereichen Verkehr, Informationstechnologie, Elektrotechnik, Maschinenbau, Metallverarbeitung und chemische und pharmazeutische Herstellung. Deutschland ist innerhalb der EU das Land mit den meisten Investitionen in China. Bis Ende 2011 wurden 7.110 Investitionsprojekte deutscher Unternehmen in China mit einem Gesamtinvestitionsvolumen in Höhe von 18,5 Mrd. Dollar bewilligt. Mehr als 7.500 deutsche Unternehmen sind in China präsent. Auch stellt Deutschland, das seit 1982 Entwicklungshilfe an China zahlt und finanzielle und technische Zusammenarbeit betreibt, innerhalb der EU am meisten Entwicklungshilfe für China bereit. Im Rahmen der finanziellen Zusammenarbeit vergibt das Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit seit 1985 vergünstigte Kredite und direkte Zahlungen an China, um die chinesische wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung zu fördern. Die deutsche KfW vergibt seit 2006 Kredite an China. Das deutsche Bundesministerium für Umwelt vergibt seit 2008 in kleinerem Maße vergünstigte Kredite an China und leistet programmbezogene Direktzahlungen im Bereich des Klimaschutzes. Die Förderkredite wurden so zu einer zentralen finanziellen Ressource der Zusammenarbeit. Ende 2010 betrug das bilaterale Zusammenarbeitskapital 8,1 Mrd. Dollar, wovon 7,5 Mrd. Kredite und 0,6 Mrd. Direktzahlungen waren, aufgeteilt auf mehr als 200 Projekte. Die chinesisch-deutsche technische Zusammenarbeit ist nicht profitorientiert. Zwischen 1982 und Mai 2010 stellte Deutschland China 861 Mio. Dollar nicht-profitorientierter Kapitalhilfen in 129 Projekten mit Bezug zu Bereichen wie Armutsbekämpfung, Entwicklung neuer Energien, Finanzen, soziale Sicherung und Ausbildung zur Verfügung.
Weiterhin entwickelte sich auch der zivile Austausch rasant und wurde zu einem wichtigen Inhalt der bilateralen strategischen partnerschaftlichen Beziehungen. Der zivile Austausch ist ein wichtiger Kanal des Kontakts der Menschen der beiden Länder und die Basis für gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. In den letzten Jahren war die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern in Bereichen wie Technik, Bildung, Kultur und Reisen vielfältig und stark. Deutschland ist das wichtigste Reiseziel innerhalb der EU für chinesische Reisende. Im Jahr 2011 reisten insgesamt mehr als 500.000 Menschen aus China nach Deutschland oder aus Deutschland nach China. 1982 wurde das Programm zu Partnerschaften zwischen Bundesländern und Provinzen gestartet. 2011 gab es 69 Partnerschaften zwischen deutschen Bundesländern und chinesischen Provinzen und 19 Partnerschaften zwischen deutschen Bundesländern und chinesischen direkt der Zentralregierung unterstehenden Städten. Aktuell gibt es nahezu 30.000 chinesische Studierende in Deutschland und mehr als 5.000 deutsche Studierende in China. Zwischen mehr als 500 Hochschulen beider Länder bestehen bilaterale internationale Kontakte. Der zivile Austausch erstreckt sich auf viele Bereiche und trägt viele Früchte.
China nahm mit Deutschland erst später als mit Großbritannien und Frankreich diplomatische Beziehungen auf, doch die chinesisch-deutschen Beziehungen entwickelten sich schneller, pragmatischer und tiefer als die chinesisch-britischen und die chinesisch-französischen Beziehungen. Dies lag hauptsächlich an drei Faktoren.
Erstens haben die chinesisch-deutschen Beziehungen in China und in Deutschland einen hohen Stellenwert. Am 13.10.2003 veröffentlichte die chinesische Regierung die erste Ausgabe der „Dokumente zu Chinas Europapolitik“, in dem drei große Ziele der Europapolitik festgelegt werden:
1. Gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Vertrauen, unter Berücksichtigung unterschiedlicher Auffassungen nach Gemeinsamkeiten trachten, die Entwicklung gesunder und stabiler politischer Beziehungen fördern, gemeinsam den Frieden und die Stabilität in der Welt sichern.
2. Gemeinsam profitieren, auf Augenhöhe verhandeln, die wirtschaftliche Zusammenarbeit vertiefen, die gemeinsame Entwicklung vorantreiben.
3. Voneinander lernen und miteinander aufblühen, Schwächen gegenseitig ausgleichen, den zivilen Austausch verbreitern, die Harmonie und den Kontakt zwischen den Kulturen des Ostens und des Westens befördern.20
Chinas Europapolitik umfasst natürlich auch die Deutschlandpolitik. Zwischen China und Deutschland gibt es keine historisch belasteten Probleme und keine Interessenkonflikte. Deutschland ist eine aufstrebende Macht bei der Sicherung des Weltfriedens. China baut stabile Beziehungen zu Europa auf und gleicht die internationale Struktur mit den USA als dominierendem Land aus. Deutschland ist gut ausgestattet mit Kapital, wichtigen Erfahrungen, fortschrittlicher Technologie und reichhaltigem Gedankengut. Beide Länder ergänzen sich wirtschaftlich gut. Deutschland kann ein wichtiger Partner bei der Errichtung der „Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand“ in China sein. China hat mehr als 1,3 Mrd. Menschen, ausgedehnte Märkte und reichhaltige Ressourcen. In der Durchführung der „Reform- und Öffnungspolitik“ und der mit gesammelten Kräften durchgeführten Modernisierung finden Produkte, Kapital und hoch entwickelte Technik aus Deutschland einen ausgedehnten Markt vor. Außerdem ist China ein großes Land, eines der fünf Länder im ständigen Sicherheitsrat der UN und Mitglied im „atomaren Club“. Es ist nicht nur ein großes Land mit Gewicht in Asien, sondern ist auch ein aufstrebendes Land mit großer Bedeutung für die Sicherung der weltweiten Stabilität und Prosperität.
Zweitens haben beide Länder eine ausgleichende strategische Funktion für die „Aufstiegsstrategie“ des jeweils anderen Landes. Deutschland erlebte mehrere Phasen des Auf- und Niedergangs. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich seine Wirtschaft wieder und nun ist es bereits die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Im internationalen Handel war Deutschland lange der Exportweltmeister. Die Goldreserven und ausländischen Devisenreserven betragen nahezu 100 Mrd. Euro, womit Deutschland weltweit in der ersten Reihe steht. Nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 wuchs die nationale Stärke Deutschlands stark an. Deutschland erfüllte damit nicht mehr die Kriterien eines „Landes mit mittlerer Stärke im Zentrum Europas“.21 Es begann, seine auswärtige Strategie anzupassen, öffentlich die eigenen Interessen zu verfolgen und den Prozess des politischen Aufstiegs einzuleiten. Aufgrund der Restriktionen durch internationale Verträge ist Deutschland der Besitz atomarer, biologischer und chemischer Waffen verboten.22 Deutschland als eine europäische und internationale Gestaltungsmacht betont nun noch stärker seinen Anspruch auf einen Sitz im Ständigen Sicherheitsrat der UN als neues Ziel seiner politischen Strategie. Um dieses Ziel zu erreichen, musste Deutschland sich mit dem neu aufstrebenden China anfreunden und es zu einem wichtigen strategischen Partner auf dem Weg in die Welt machen. Im Gegensatz zu Deutschland besitzt China in den internationalen Organisationen inklusive der UN bereits bedeutsamen Einfluss und fördert hier den Fokus auf den prosperierenden und friedlichen Aufstieg des chinesischen Volkes. Die wirtschaftliche und die gesellschaftliche Entwicklung stellen die Hauptsäulen des Aufstiegs Chinas dar. Das Niveau der deutschen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung übertrifft das von China weit, sodass sich China in diesen Bereichen an Deutschland orientieren kann. Die Vorzüge beider Länder ergänzen und kombinieren sich, sodass sie den internationalen Einfluss beider Länder stärken.
Drittens werden der beiderseitige Konsens, die gemeinsamen Interessen und die gemeinsamen Verantwortungen bezüglich internationaler Fragen immer größer. China und Deutschland haben beide große Einfluss und globale Verantwortung in ihren jeweiligen Gebieten. Ihre beiderseitigen außenpolitischen Strategien haben relativ viele Anknüpfungspunkte. Deutschland unterstützt den Multilateralismus, die Gewaltlosigkeit in den internationalen Beziehungen, die Demokratisierung, die Fairness, die Verrechtlichung, die Lösung internationaler Streitfragen mit vielseitigen Mechanismen, eine stärkere Rolle der UN, die Nichtverbreitung von Atomwaffen und die Abrüstung. China ist der Auffassung, dass Frieden und Entwicklung die wichtigsten aktuellen Themen sind und dass sich die Welt im neuen Zeitalter der Multipolarisierung, der wirtschaftlichen Globalisierung und der Diversifizierung wirtschaftlicher Modelle befindet. China unterstützt den Aufbau einer friedlichen, gerechten, rationalen und stabilen neuen internationalen Ordnung. Beide Länder haben gleiche oder ähnliche Interessen bei wichtigen internationalen Fragen wie zu UN-Missionen zur Friedenssicherung, zu den Aktivitäten zur Terrorismusbekämpfung, zur Sicherung der regionalen Stabilität und zur Reform und Überwachung des internationalen Finanzsystems. Beide Seiten unterhalten eine enge Kommunikation und Kooperation bei multilateralen Mechanismen wie dem Sicherheitsrat, den UN-Institutionen für Menschenrechte und den G20. Bezüglich der Iran- und der Afghanistanfrage, dem Klimaschutz, der globalen Finanzregulierung und aktuellen Fragen einiger Regionen entwickelten sie eine fruchtbare Zusammenarbeit. Die gemeinsamen Interessen, gemeinsamen Ansichten und gemeinsamen Verantwortungen beider Länder brachten nicht nur Vorteile für die beiden Länder und ihre Bevölkerungen, sondern sind auch ein energischer Beitrag für den Frieden und die Entwicklung der Welt.
China und Deutschland liegen in Asien und Europa und damit in zwei unterschiedlichen Kontinenten. Die Geschichte, die kulturellen Traditionen sowie die gesellschaftlichen und politischen Systeme beider Länder unterscheiden sich und der Unterschied des Niveaus und der Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung ist relativ groß. Ihre innenpolitischen und internationalen Positionen sind nicht immer gleich und beide Seiten haben bezüglich einiger wichtiger Fragen unterschiedliche Standpunkte, Interessen und Lösungsansätze. Aus diesen Gründen ist es unvermeidlich, dass Konflikte und Differenzen entstehen. Der entscheidende Punkt ist dann aber, wie sorgfältig diese Gegensätze und Differenzen gelöst werden. Der Autor ist der Meinung, dass neben der Beachtung der Basisprinzipien internationaler Beziehungen dabei folgende drei Punkte beachtet werden müssen:
Jedes unabhängige Land hat eine unverletzliche Souveränität und Kerninteressen. Auch für China und Deutschland gilt dies natürlich. Da China jedoch mehr als 100 Jahre lang die Invasion und Demütigung durch die westlichen Großmächte erleiden musste, ist es sehr sensibel bei den Fragen zur eigenen Souveränität, der Unteilbarkeit des eigenen Staatsgebiets, der Einheit des Volkes und der nationalen Sicherheit. Die Entwicklung der chinesisch-deutschen diplomatischen Beziehungen während der letzten 40 Jahre zeigt, dass bilaterale Probleme vor allem mit Bezug zu Tibet und Menschenrechten entstehen. Alle drei Zeiträume der Reibungen in den bilateralen Beziehungen hatten mit diesen beiden Fragen zu tun. Der Respekt vor den gegenseitigen Kerninteressen und Hauptsorgen ist der entscheidende Punkt für eine stabile Entwicklung der bilateralen strategischen partnerschaftlichen Beziehungen. Je stärker die gegenseitigen Kerninteressen und Hauptsorgen respektiert werden, desto stabiler sind die strategischen partnerschaftlichen Beziehungen, desto größer ist der Raum für weitere Steigerungen und desto größer ist die Möglichkeit für eine Ausweitung der Bereiche der Zusammenarbeit.
Gegensätze und Differenzen in den diplomatischen Beziehungen zwischen zwei Ländern sind unvermeidlich und müssen nicht gefürchtet werden. Der entscheidende Punkt ist stattdessen, wie sorgfältig damit umgegangen wird. Es müssen dafür die Prinzipien gegenseitiger Respekt, gleichberechtigter gegenseitiger Vorteil und aufrichtige Verhandlungen beachtet werden. Dabei sind „Respekt“ und „Ehrlichkeit“ die entscheidenden Punkte. Da beide Seiten strategische Partner sind, sollte der Andere als Freund und nicht als Gegner gesehen werden und mit viel Respekt, viel Einsicht und viel Ehrlichkeit behandelt werden. Etwas mehr Respekt bringt etwas mehr Verständnis und etwas weniger Argwohn. Etwas mehr Respekt bringt etwas weniger Differenzen und Widerstand. Etwas mehr Respekt bringt etwas mehr politisches Vertrauen. Gegenseitiger Respekt und ehrlicher Umgang miteinander sind die Basis der bilateralen Zusammenarbeit.
„Man darf nicht weiter ideologische Differenzen zum Ausgangspunkt aller Fragen nehmen. Angesichts der gemeinsamen globalen Herausforderungen müssen wir die gemeinsamen Interessen zum Ausgangspunkt neuer Denkweisen nehmen.“23 Neben einer korrekten Einstellung zum sorgfältigen Umgang mit Gegensätzen und Differenzen ist auch der Aufbau eines Mechanismus zum Abbau von Gegensätzen nötig. Sobald Gegensätze und Differenzen auftreten, sollten beide Seiten dies nicht an die Medien weitergeben. Sie sollten stattdessen unter Vermeidung der Färbung durch die Medien und der Störung durch die öffentliche Meinung zunächst innerhalb eines solchen Mechanismus offen und ehrlich ihre Meinungen austauschen, gleichberechtigt verhandeln, sich um Bereinigung und Aufschub der Gegensätze und Differenzen bemühen oder zumindest eine starke Verschärfung des Tons sowie eine Störung der gesamten bilateralen strategischen Zusammenarbeit verhindern. Der Schutz der Stabilität der gesamten Zusammenarbeit ist die Basis und die Garantie der strategischen Zusammenarbeit und muss daher unbedingt wertgeschätzt werden.
In den 40 Jahren seit der Aufnahme der chinesisch-deutschen diplomatischen Beziehungen machten die Kooperationsbeziehungen zwischen den beiden Ländern in allen Bereichen eine zeitliche Bewährungsprobe inmitten des Wandels der internationalen Lage durch und erlangten dabei ein nie vorher dagewesenes Entwicklungstempo. Aktuell und angesichts der komplizierten und unbeständigen internationalen Lage und der globalen Herausforderungen „können wir uns mit unseren je eigenen Erfahrungen beim Aufbau der Gesellschaft und bei der Lösung der globalen Fragen gegenseitig ein Vorbild sein.“24 Wir sollten „mittels einer noch offeneren Haltung die Stellung, die Ziele und die Richtung der bilateralen Beziehungen betrachten und an ihnen festhalten. Wir sollten den Dialog, den Austausch und die Zusammenarbeit noch weiter stärken und die chinesisch-deutsche strategische Partnerschaft in eine lange und erfolgreiche Zukunft führen.“25
Ich wünsche uns, dass die chinesisch-deutsche freundschaftliche Zusammenarbeit wie die Wasser des Jangtse und des Rheins ewig fließen möge!
1 Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Deutschland in zwei unterschiedliche Republiken aufgeteilt. Die Volksrepublik China und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) nahmen am 27.10.1949 diplomatische Beziehungen auf. Am 3.10.1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland (BRD) bei und die Beziehungen zwischen China und der DDR wurden beendet. Daher folgte die Entwicklung der diplomatischen Beziehungen zwischen China und dem wiedervereinten Deutschland der Tradition und der Entwicklung der diplomatischen Beziehungen zwischen China und der BRD.
2 Hu Jintao trifft Merkel, http://www.xinhuanet.com, 3.2.2012.
3 Mao Zedong: Ausgewählte Werke, Band 4, Renmin Press, 1967, S. 1410.
4 (dt.) Konrad Adenauer: Erinnerungen, chinesische Übersetzung, Band 2, Shanghai Renmin Press, 1976, S. 88 (Anmerkung des Übersetzers: Alle Seitenangaben deutscher ins Chinesische übersetzter Werke folgen hier den chinesischen Übersetzungen).
5 Anmerkung des Übersetzers: Alle hier angegebenen Zitate aus deutschen Quellen folgen dem Wortlaut im chinesischen Text und wurden für diese Ausgabe aus dem chinesischen Text frei ins Deutsche rückübersetzt.
6 Renmin Ribao, 9.4.1955, 1. Auflage.
7 Xinhua Banyuekan, 1956, Nr. 5, S. 13.
8 Xinhua Banyuekan, 1956, Nr. 5, S. 15.
9 (dt.) Ernst Majonica: Die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zur Volksrepublik China, Stuttgart, Kohlhammer, 1971, S. 36.
10 (dt.) Handbuch deutsch-chinesischer Nachrichten, Hamburg, 1996, S. 176.
11 Pan Qichang (Hrsg.): 100 Jahre chinesisch-deutsche Beziehungen, Shijie Zhishi Press, 2006, S. 160.
12 Wang Shu: geb. im Oktober 1924 in Changshu, Jiangsu, war u. a. Gesandter und Botschafter Chinas in der BRD, Herausgeber von „Hong Qi“, Vizeminister des chinesischen Außenministeriums, Botschafter in Österreich und Institutsleiter des Chinesischen Forschungsinstituts für Internationale Fragen.
13 Die chinesischen Teilnehmer waren dabei der Bevollmächtigte Wang Shu sowie die Mitarbeiter Mei Zhaorong, Wang Yanyi und Xing Guimin. Die deutschen Teilnehmer waren der Leiter der politischen Abteilung Bernd von Staden, der Leiter der Justizabteilung, der Leiter der Abteilung für die Deutsche Frage sowie ein Dolmetscher.
14 Während der Verhandlungen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen präsentierte die chinesische Seite einen Text zum Abkommen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit über 90 Zeichen und einen mit über 50 Zeichen. Während der ersten Verhandlungsrunde entstand das Abkommen dann in seiner jetzigen und offiziellen Version.
15 (dt.) Bundespresseamt: Bericht, Nr. 144, 17.10.1972.
16 Renmin Ribao, 4.10.1990.
17 Renmin Ribao, 5.5.2004.
18 Renmin Ribao, 23.1.2008.
19 http://xinhuanet.com, 24.4.2012.
20 Entwicklungsbericht 2003–2004, Zhongguo Shehui Kexue Press, 2004, S. 105.
21 Kaiser, Karl und Maull, Hans W. (Hrsg.): Deutschlands neue Außenpolitik, Band 1, München, 1994, S. 1.
22 Im „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ wird in Art. 3, Absatz 1 festgelegt: „Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik bekräftigen ihren Verzicht auf Herstellung und Besitz von und auf Verfügungsgewalt über atomare, biologische und chemische Waffen. Sie erklären, dass auch das vereinte Deutschland sich an diese Verpflichtungen halten wird.“ Zitiert in (chin.) „Deutsche Wiedervereinigung“, Shijie zhishi Press, 1990, S. 295.
23 Rede des deutschen Botschafters in China, Dr. Michael Schaefer, bei einer vom DAAD veranstalteten Konferenz der chinesischen Deutschland-Alumni, http://www.china.diplo.de, 6.6.2012.
24 Ebenda.
25 Xinhua: Hu Jintao trifft die deutsche Bundeskanzlerin Merkel, http://xinhuanet.com, 6.6.2012.
Wang Shu1
In diesem Jahr, am 11.10.2012, jährt sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und der BRD zum 40. Mal. Dies ist ein für beide Länder erinnerungswürdiger Tag. In diesen 40 Jahren entwickelten sich durch gemeinsame Anstrengungen die Kooperationsbeziehungen und der Austausch zwischen beiden Ländern rasant. China und Deutschland wurden jeweils zu einem der wichtigsten Kooperationspartner des Anderen. Dies ist auch für mich ein erinnerungswürdiger Tag. Ich habe den ganzen Prozess der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern erlebt, als ich von einem Korrespondenten zu einem Botschafter wurde. Als vor 40 Jahren die Außenminister beider Länder in Beijing in der Großen Halle des Volkes das gemeinsame Abkommen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen unterzeichneten, wurde ein neues Kapitel der Beziehungen zwischen den beiden Ländern aufgeschlagen. Der damalige Glanz ist mir bis heute klar und unvergesslich vor Augen.
