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Die 55-jährige Steffi, Mutter zweier Söhne und scheinbar erfolgreich im Berufsleben, gerät in eine schwere Lebenskrise. Sie beginnt eine Psychoanalyse und entdeckt dort ihre Kindheit in einem Münchner Vorort wieder. Im Laufe der Therapie entwickelt sie eine magisch anmutende Bilderwelt, die ihr hilft, in ihrem eigenen Leben wieder Fuß zu fassen. Außerdem erzählt sie vom Radl fahren, vom Schwimmen, wie sie die Musik erobert und mit dem Rauchen aufgehört hat.
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Seitenzahl: 226
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Teil I
Dreieck der Weiblichkeit
Zwischenreich
Erinnern ans Kind
Der Radius wird weiter
Autobahnsee und andere Gewässer
Dicker Hintern
Aufbruchsignale
Das große Sterben
Teil II
Die Rüstung zerspringt
Weiße Wand
Erste Fädchen
Moder der Dunkelheit
Teil III
Räume
Musik(-haus)
Radeln mit Flügeln
Mali Lošinj und Aufbruch
Der Zylinder oder das gute Ende der Therapie
Väterlicher Ischias
Am Glashaus
Literaturverzeichnis
…und die findigen Tiere merken es schon, dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt.
Rainer Maria Rilke – aus den Duineser Elegien
„Das arme Baby, das hat ja gar keine Mama!“ Meine Schwester beugt sich über die Wiege und ist voll Mitgefühl für mich wenige Tage altes Wesen.
Diese viele Male wiederholte Anekdote meiner Ankunft im groß- und elterlichen Heim ist für mich in der Küche meiner Oma Luisl verortet: Meine Mutter kommt mit mir aus dem Gang in die Küche eingebogen, dort warten sie alle: Opa Gustl, Oma Luisl und meine Schwester Eva, vielleicht hat sogar noch Onkel Peter Platz gefunden. Mein Vater ist an der Garderobe hinter der Haustüre, er kommt nach meiner Mutter ins Haus, und räumt noch die Autoschlüssel weg. Jetzt wollen alle die neue Erdenbürgerin bestaunen und in diesen Moment drängelt Eva sich vor und setzt mit diesem Spruch das Motto. Wenn ich heute diese Szene erzähle, schnappe ich fast automatisch ein: „Und so ist es auch geblieben!“, hinterher, manchmal sage ich es laut, manchmal denke ich es nur. Wenn meine Mutter es erzählte, dann folgte darauf, wie an einer Kette aufgefädelt, die nächste Anekdote: dass sie nie den Kinderwagen schieben durfte, weil Evilein das nicht duldete. In diese Klage mischte sich Mutterstolz über Evas anscheinend fürsorgliches Verhalten, aber auch ein Moment der Kleine-Mädchen-Konkurrenz, weil mein Schwesterherz sie nicht ans neue Spielzeug gelassen hatte.
Im Kindergarten war meine damals dreijährige Schwester nicht, weil meine Mutter sie beim Abholen einige Male heulend auf dem Schrank geparkt vorgefunden und deswegen nach ein paar Tagen wieder abgemeldet hatte.
Ich kam in einer Geburtsklinik zur Welt, in der Floßmannstraße 8, mitten im Pasinger Villenviertel. Ich habe recherchiert, es gibt sie nicht mehr, wahrscheinlich schon sehr lange nicht. Ich besitze noch Oma Luisls kleinen, dunkelgrünen Taschenkalender aus dem Jahre 1962, in dem sie am 23. September „Steffi geboren viertel nach eins“ eingetragen hat. Als meine Schwester hauptberufliche Astrologin werden wollte, mussten wir alle unsere genauen Geburtsdaten inklusive Uhrzeit angeben, zur Bestimmung des Aszendenten.
Meine Mutter beharrte darauf, dass ich um zwölf Uhr geboren sei, und sie das wohl besser wissen würde als Oma. Da war ich mir nicht sicher. Ich habe bei der Geburt meiner Kinder nicht auf die Uhr geachtet und meine Mutter war zusätzlich mit Lachgas betäubt oder sediert worden. Wie das Erleben einer Geburt unter Lachgas wohl war? Konnte sie sich überhaupt daran erinnern? Das Erlebnis der Geburt nicht bei vollem Bewusstsein erlebt zu haben oder erleben zu wollen, würde ja irgendwie passen. Vielleicht wollte sie bei meiner Geburt nicht wirklich dabei sein?
Welche Uhrzeit Eva Schwesterherz bei der Berechnung meines Aszendenten dann verwendete, weiß ich nicht mehr. Auch der Aszendent und alle anderen bedeutungsschwangeren Details sind mir nicht in Erinnerung geblieben.
*
Meine Schwester ist bei ihrer Geburt beinahe gestorben. Es gibt verschiedene Varianten dieser Geschichte: Entweder war sie mit der Hand an der Plazenta festgewachsen oder die Hand wurde verletzt, als man versuchte, sie mit der Zange herauszuholen. An die verblichene Narbe auf ihrem Handrücken kann ich mich erinnern. Alle Versionen dieser Erzählung endeten immer damit, dass die Schwestern des Dritten Orden den Arzt zu spät geholt hatten, weil es Sonntag war und sie sich nicht getraut hatten, ihn zu stören. So verbrachte Eva ihre ersten Wochen in der Lachnerschen Kinderklinik, wenn der Klang meiner Erinnerung mich nicht täuscht.
Dieser Lebensbeginn setzte das Motto: Sie war die Kranke, die besonders beschützt und umsorgt werden musste. Das hätte sich ändern können, als sie mit 18 oder 19 zu ihrem Freund und späteren Ehemann Sepp zog, aber dann bekam sie prompt Diabetes Typ 1, der sie wieder zurück in die mütterliche Be- und Überwachung warf. Von da an war es für uns alle in der Familie ein ehernes Gesetz, dass wir alle zwei Stunden etwas essen mussten, die berühmte Zwischenmahlzeit. Ich erinnere mich, dass ich in meinem ersten Semester in Heidelberg die Kommilitoninnen in Erstaunen versetzte, weil ich Panik bekam, wenn ich zwischen zwei Veranstaltungen nichts mehr zu essen bei mir hatte. Diese Regel war wie die zwei Backen einer Zange: Ich musste sie befolgen, um nicht selbst zuckerkrank zu werden, wohl wissend, dass das nur als abergläubisches Ritual Funktion hatte. Und ich musste mit Eva solidarisch sein. Die Zumutung, die es bedeuten könnte, nach der Uhr essen oder immer Traubenzucker mit sich herumtragen zu müssen, musste gerecht auf alle verteilt werden, damit sie sich nicht zurückgesetzt fühlte.
Immer wieder, wenn das Thema auf Evas Krankheit kam, berichtete meine Mutter von ihren Kirchenbesuchen, und schilderte in aller Anschaulichkeit, wie sie Gott darum angefleht hatte, Eva von der Krankheit zu befreien und sie selbst damit zu beladen. Wo die eigene Macht nicht hinreichte, musste dann das Leiden Christi bemüht werden. Sie hatte, wenn sie so etwas erzählte, diesen Seitenblick, gefühlt von schräg unten, mit dem sie meinen Blick einzufangen versuchte, ob ich auch begriff, was sie mir damit sagen wollte. Ich habe es bis heute nicht begriffen, aber ich weiß noch haargenau, wie es sich anfühlte, wenn ich mich in solchen Momenten innerlich wegdrehte. Dass ich dabei versuchte, meine Abscheu zu verbergen, verstand ich lange nicht.
*
Anfangen muss ich viel früher: bei meiner Mutter. Es gibt eine Geschichte, die sie mir wieder und wieder erzählt hat: Sie machte im Dessous-Geschäft Lange am Odeonsplatz die Buchhaltung – ich habe ihre Zeugnisse gefunden und daher weiß ich, dass sie für diesen Job ihre Stelle in der Universitätsbuchhandlung aufgegeben hatte; das nur am Rande, aber mit Kopfschütteln – und ihr Vater, Burghard hieß er, arbeitete auch in der Stadt. Zum Feierabend gingen die beiden auf einen Schoppen Wein, Schopperl war ihr Spitzname. Sie wussten, dass seine Frau, also ihre Mutter, zuhause mit dem Abendessen auf sie wartete und machten sich einen Spaß daraus, sie warten zu lassen. Ich fand das gruselig, meine Oma Jaja hat mir so leidgetan und der Genuss, mit dem sie mir diese Geschichte unterbreitete, setzte dem noch eins drauf.
Nachdem meine Schwester gestorben war, wollte meine Mutter einmal unbedingt mit mir allein essen gehen, in den Grünen Baum, wie ich mich erinnere. Damals gab es dort noch ein Raucherzimmer. Sie hatte sich etwas vorgenommen und erzählte mir genau diese Geschichte noch einmal und natürlich die, dass ihr Vater damals aus beruflichen Gründen in die Nazi-Partei hatte eintreten müssen. Mehr sagte sie dazu nie, aber sie vererbte mir die Unterlagen, aus denen ich ersehen konnte, dass er 1932 in die Partei eingetreten war, und dass er bei einer jüdischen Bank gearbeitet hatte. Dachte sie so weit, dass sie mir damit das Aufdecken ihrer Lüge vererbte? Wahrscheinlich nicht. Und sie hinterließ mir auch das schwarze Büchlein, in dem ihre Mutter, meine Oma Jaja erst die schönen Momente des Mutterseins und zusehends immer mehr ihre eigenen Nöte niedergeschrieben hatte. Einige Seiten sind herausgerissen, wer das gewesen war, kann ich natürlich nicht wissen. Aber aus diesem Büchlein weiß ich, dass ihr Vater 1938, als es bei der Bank, bei der er angestellt war, kompliziert wurde, nur besorgt war, dass sein jüdischer Chef, um seine eigene Haut zu retten, ihn anschwärzen könnte. Das berichtete Oma Jaja, seine Frau, voll Mitgefühl. Auch diese Seiten blieben erhalten, am Ende nur für mich.
Weil ich spürte, dass dies eine besondere Gelegenheit war, versuchte ich, ihr noch andere Geschichten zu entlocken, weil ich diese schon zu gut kannte, und ihr nichts mehr abgewinnen konnte, aber sie beharrte auf diesen.
Ich verstand erst im Lauf der Jahre, wie zentral die Anekdote vom Schoppen-trinken-Gehen war. In ihren letzten Wochen, als sie ihr Bett im Wohnzimmer am großen Fenster zum Garten hatte, mit Blick auf das Blumenmeer, das ich ihr auf der Terrasse bereitet hatte, sehe ich sie vor mir, wie sie das Foto von ihrem Vater abbusselt und mit einem theatralischen Seitenblick zu mir ein "Bald bin ich wieder bei dir, Papili!", ausruft.
Eine andere Erzählung gab es noch, die sie an diesem Abend im Grünen Baum nicht auspackte. Ich glaube, die gab es nur, wenn sie befürchtete, dass eine von uns Töchtern sich von ihrem gerade aktuellen Freund trennen wollte. Oma Jaja stammte aus Metz, leider machte sie das nicht zu der Französin, die mir für meinen Stammbaum gefallen hätte, sondern sie war die Tochter eines deutschen Zollbeamten, der nach dem 1870/71er Krieg dorthin versetzt worden war, das konnte ich mit Hilfe der übriggebliebenen Dokumente nachvollziehen.
Der Rest ist Legende: Sie soll sich von ihrem ersten Mann scheiden lassen haben, nachdem er eine Schülerin geschwängert hatte, sie waren beide Lehrer. Sie war sehr katholisch, ich hatte beim Ausräumen meines Elternhauses ein paar sehr eigenartige Bücher über einen „neuen“ Katholizismus gefunden, die mir sehr faschistoid vorkamen. Mir grauste es so, dass ich sie, entgegen meiner Sammlernatur, entsorgte und nichts genaueres mehr darüber berichten kann. Nach der Scheidung wurde sie wohl noch katholischer, so von wegen Schuld-auf-sich-geladen-haben und so. Und – Originalton meine Mutter! – sie musste dann nicht nur einen jüngeren, sondern auch noch einen kleineren Mann heiraten, weil sie keinen anderen mehr bekommen konnte, und das war dann meiner Mutter „Papili“.
Er starb früh, 1955, da war sie 27 Jahre alt. Er hatte Lymphdrüsenkrebs gehabt und sich geweigert, ins Krankenhaus zu gehen und sich schulmedizinisch behandeln zu lassen. Hin und wieder besuchte ihn abends, wie heimlich, ein Heilpraktiker. Das erzählte sie mir mal ganz nebenbei, allerdings erst Jahre nachdem Evi, ihre erste Tochter, meine Eva Schwesterherz, an ihrem vom Irschenberger Wunderheiler-Arzt behandelten Brustkrebs gestorben war. Es scheint, als hätte sie diese Tragik der Wiederholung gar nicht gesehen, der leicht jammernde Unterton, den sie hatte, wenn sie das erzählte, war nicht ungewöhnlich, nicht anklagender als sonst.
*
Ich sehe anhand der Fotos, die ich von ihr habe, wie grundlegend sie sich schon mit Evas Geburt verändert hatte. Es gibt frühe Fotos, wohl aus der Zeit, als sie meinen Vater gerade kennengelernt hatte, wo das junge Paar vergnügt im Garten rumspringt. Dann gibt es die Fotos von einer wilden Faschingsparty, auf der einer der Partygäste auch am fortgeschrittenen Abend noch nüchtern genug war, das beschwipste Übereinander-Kugeln der verschiedenen Männlein und Weiblein ausgiebig zu dokumentieren und meine Eltern mittendrin.
Und dann gibt es Fotos von ihr, hochschwanger, im Garten auf einer Liege oder in ihrem neu eingerichteten, hochmodernen Wohnzimmer mit Nierentischchen und Bogenlampe mit Kokosnuss-Pendel, auf allen trägt sie ein sehr missmutiges Gesicht. Und das war es dann. Kein Lächeln mehr, bis auf ganz wenige Ausnahmen fangen die Kameras für den Rest ihres Lebens nur ihre zur Schau getragene Enttäuschung ein. Eva adaptierte diesen Blick übrigens schon früh. Auf vielen meiner Kindheitsfotos sieht man mich vergnügt neben den beiden missmutig Dreinschauenden.
Ich glaube, dass meine Mutter Kinder wollte, weil heiraten und Kinder kriegen einfach das war, was alle wollten, weil es das war, was man sich unter Lebensglück vorgestellt hat. Zu sagen, dass man keine Kinder will, sondern lieber weiterhin wilde Partys feiern, war damals vielleicht auch schwer vorstellbar. Und das Kinder-Haben war dann definitiv nicht so, wie sie sich es vorgestellt hatte. Sie hatte auch nicht bedacht, dass einem ja Konkurrenz heranwachsen könnte, vor allem dann, wenn man Töchter in die Welt setzt. Ich vermute ja, dass sie schon mit der Aufmerksamkeit, die so ein kleiner Säugling für sich beansprucht, haderte. Ihr Vater war zu Evas Geburt schon drei Jahre tot, aber vielleicht wollte sie in Wirklichkeit immer noch seine einzige Prinzessin sein? Ich weiß es nicht, aber schon die erste Tochter ist eine Kränkung, die sie nicht verwinden konnte.
*
Nach der schon durch Geburt geschwächten und deshalb für immer schützenswerten Eva kam dann drei Jahre später die kleine Steffi, und wenn ich so den Faden sehe, den ich bis jetzt gesponnen habe, so lässt sich meine schiere Existenz kaum erklären. Ich heiße Steffi nach Stefi von Gizycki, einer jüdischen Kindergarten- oder Volksschulfreundin meiner Mutter, die "irgendwann plötzlich nicht mehr da war". Ich hatte immer vermutet, dass sich in dieser Namensgebung ihr schlechtes Gewissen ausgedrückte, weil sie natürlich doch wusste, dass ihr Vater ein Nazi gewesen war. Erst Doktor Sigismund stieß mich darauf, dass es doch viel – ich weiß nicht mehr, welches Wort er gewählte hat, sagen wir mal: bedenklicher wäre, dass sie mich nach jemanden benannt hatte, der aus ihrem Leben verschwunden ist. Da ist in der Wahl des Vornamens der geheime Wunsch versteckt.
Vielleicht war deshalb „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ eines meiner Lieblingslieder als Kind. Der soll ja nicht nur verschwinden, der wird gleich erschossen, aber auf magische Weise taucht er jedes Jahr wieder neu auf. Es erschien mir zwar unlogisch, wie ein totgeschossener Vogel plötzlich wieder da sein soll, aber seine Wiederkehr in der vierten Strophe bereitete mir ein heimliches, eigentümlich vertraut wirkendes Vergnügen.
Dass Eva nicht bereit war, Konkurrenz in Sachen Mutterliebe zu akzeptieren, ist das eine, aber was heißt das für das kleine, neue Baby, also für mich? In der Symbiose zwischen meiner Mutter und meiner Schwester, die übrigens nie wirklich gelöst wurde, ist kein Platz für eine Dritte im Bunde. Ich kann ja nur gestört haben, oder?
In einem der ersten Bilder, das vor meinem inneren Auge auftauchte, als die Depression mich zwang, zurückzuschauen, sehe ich mich in Oma Luisls Küche stehen. Meine Mutter sitzt auf der Eckbank und hat sich zu Eva gewendet, die vor ihr steht. Eva ist es unangenehm, sie will sich wegdrehen, kann sich aber aus dem mütterlichen Griff nicht rauswinden. Oma, Opa, Vati, alle stehen da und schauen auf die beiden, und ich nutze die Gelegenheit, mich wahlweise hinter Omas breitem Hintern oder Vatis langem Rücken zu verstecken. Ich freue mich über diese gute Idee, weil, wenn sie mich nicht sieht, kann sie mich auch nicht greifen.
50 Jahre später, ich bin seit einem halben Jahr bei Dr. Sigismund in analytischer Psychotherapie, der Krebs wütet in meinem Körper, aber ich weiß noch nichts davon, ich ahne es nicht. Nach einem Besuch der besten Freundin von allen steigen morgens, in der Stunde, in der ich schon wach bin, aber noch im Bett liegen bleibe, weil der Weg in den Tag noch zu weit scheint, Bilder auf, von realen Erinnerungen kaum zu unterscheiden. Ich sehe im Vorbeifahren auf der langen, piniengerahmten Straße, die die Fischerhütte, die unser Ferienhaus war und Riga miteinander verbindet, ein altes Emaille-Schild, grün mit dunkelroter Schrift, Pedlesco steht drauf, hinter dem Schild entsteht eine alte Tankstelle. Obwohl das eine Erinnerung sein könnte, spüre ich, dass dieses Bild von woanders herkommt; damals wie heute kann ich keinen tieferen Sinn drin entdecken. Von ganz innen kommen diese Szenen, das spüre ich, aber aus welcher Tiefe kann ich nicht benennen und vielleicht habe ich deshalb bis heute keinen wirklich treffenden Begriff dafür gefunden. Es sind keine Wach- oder Klarträume, weil es heißt, in denen könnte man auf die Handlung Einfluss nehmen, und das kann ich nicht. Es ist keine Trance, weil ich wach bin und klar. Auch hätte Dr. Sigismund später, als mir diese Szenen auf seiner Couch widerfahren sind, mich unterbrechen können, wenn er es gewollt hätte, das geht in meiner Vorstellung bei einer Trance auch nicht. Sie führen mich in eine eigene Welt, die meine ist wie sonst nix, aber keine Erinnerungen, die ich mit jemandem teilen könnte, weil sie auf diese Weise nicht real sind, und dennoch auf eine tiefe Weise wahr, mein Zwischenreich. Eine der schlimmsten Szenen, die mich lange verfolgt hat, führt in die frühe Kindheit zurück, in eine Zeit, aus der keine eigenen Erinnerungen stammen können:
Ich sehe ein kleines Baby auf der Wickelkommode liegen, um den Hals ein hellgelbes Plastikband, das mit übergroßen Druckknöpfen am Tisch festgeklickt ist, damit die Mutter „in Ruhe“ die Windeln wechseln kann. Ich kann parallel beide Rollen einnehmen, spüre das Würgen und die Panik am Hals und bin die Mutter im Begriff, sich am Windelpaket zu schaffen zu machen. Hier in unserem schönen hohen Mannheimer Haus im Fitness-Musik-Gästezimmer, auf der Wickelkommode, auf der Max gewickelt worden war, als ich sie türkis gestrichen hatte, und davor Eva und ich, als sie weiß mit roten Schubladen war. Ich spüre das Würgen und die Panik am Hals, aber das Baby hat schon gelernt, stillzuhalten, um nicht ersticken zu müssen, brav findet es die Mutter. Ich versuche, in die Rolle der Mutter zu schlüpfen um das gelbe Band wegreißen und das kleine Wesen in meinen Armen bergen zu können. Aber es reißt mich zurück und ich stehe wieder als aus der Zeit gefallener Beobachter da und muss mir meine Vergangenheit anschauen.
Solche Szenen begleiteten mich immer einige Tage und verzweifelt versuchte ich, einen Ausweg zu finden, es ist mir nicht gelungen. Heute ist diese Szene blass geworden, hat sich aber nicht verändert, wie andere es tun.
In der therapeutischen Chronologie tauchte diese Szene erst relativ spät auf, eine viel frühere, vielleicht sogar die erste richtige Szene mit Handlung, war diese:
Ich bin vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Im Café vom Pflanzenschauhaus im Mannheimer Luisenpark (also Jahrzehnte weit weg von der kindlichen Münchner Realität) sitzen sie alle beisammen, die Verwandtschaft vermutlich. Mir wird langweilig und ich gehe raus und setze mich neben den Teich am Eingang. Überall blüht es in allen Farben, der große Teich ein paar Meter weiter ist bedeckt mit Seerosen, die Flamingos staken durchs Wasser, aber in und an diesem Teich ist kein Grün, das nackte Wasser ist in graue Steinplatten gefasst, auf die setze ich mich. Urplötzlich schießt mit großem Geplatsche ein furchterregendes, tief dunkelgrünes Krokodil mit weit aufgerissenem Maul aus der Mitte des Wassers. Es ist nur ein kurzer Schreck der Überraschung, das Krokodil selbst macht mir keine Angst, und es verwandelt sich auch prompt in eine Kasperle-Theaterfigur, aus Papier gefaltet mit einem Körper aus karierten Zickzack-Schnüren. In diesem Moment rutsche ich aus mir Kind heraus, stehe plötzlich als Erwachsene ein paar Meter weit weg auf der anderen Seite des Weges und beobachte diese Szene. Eine kleine Steffi in einem hellrosa Mäntelchen mit großen Perlmuttknöpfen steht da, in ein ernsthaftes Gespräch mit einem uralten Krokodil vertieft, ich bin tief gerührt von diesem Kind.
Wir saßen in diesem Café auch in Wirklichkeit einmal zusammen, sogar mit Verwandtschaft, allerdings in einem anderen Zeitalter: bei unserer Hochzeit. Da war aus der kleinen rosanen Steffi eine groß gewachsene Braut im kleinen Schwarzen geworden, und aus dem stillen Mädchen eine, die mit ausgreifender und erstaunlich anmutiger Gestik ihre Reden begleitete. Das weiß ich, seit wir kürzlich uns die lange verschollenen VHS-Kassetten angesehen haben, auf denen ich mich ausführlich bewundern kann, als wäre ich ein Gegenüber. Aber es ist nicht nur das Café am Pflanzenschauhaus, auch den grau eingefassten Teich ohne jeden Blumenschmuck kenne ich, wenn auch nur von einem alten Foto. Da kniet meine Patentante Inge im strahlend weißen Hochzeitskleid vorsichtig an einem solchen in Betonplatten gefassten Teich, neben ihr Evilein, und beide schauen freundlich in die Kamera. Ich wundere mich, warum nicht ich auf diesem Foto zu sehen bin, sie war ja schließlich meine Patentante. Ich fühle mich zurückgesetzt, bis mir klar wird, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren war.
Diese Assoziationen entstehen erst jetzt, wenn ich versuche, die Szene genauer zu fassen. Als ich diese Szene während der Therapie erlebte, war es schön, die kleine Steffi sehen zu können. Das Heraustreten aus mir kleinem Selbst war befreiend und am Ende wirkte es zurück auf das kleine Mädchen. Als könnte ich erwachsene Frau mit meinen wohlwollenden Blick zu diesem stillen Kind von damals zurückreichen.
Eva und ich unterhielten uns ein paar wenige Male über unsre Kindheitserinnerungen und waren uns einig, dass wir erstaunlich wenig aus dieser Zeit wussten, genau wie jede von uns sich sicher war, die langen (und irgendwie auch bangen?) Nachmittage, bis die missgelaunte Mutter von der Landesanstalt heimkam, allein im Haus verbracht zu haben. Und jetzt sehe ich, dass mit den Traumsequenzen aus Therapie-Zeiten sich auch viele Erinnerungen wieder zu mir bequemt haben und beim Schreiben tauchen täglich mehr auf.
Eine Bekannte sagte letzthin zu mir, dass sie nur ganz wenige Erinnerungen an ihre Kindheit hätte und mein erster Gedanke war, dass auch sie keine so gute Kindheit gehabt haben konnte, was sich dann prompt bestätigte. Mitten in der von in voller Lautstärke spielenden Musikern und viel Zigarettenrauch gefüllten Luft der Dorfkneipe, dort, wo ich meine dritte und vermutlich letzte Heimat gefunden habe, fing sie an, wie aus dem Nichts, davon zu erzählen, wie ihre alte Mutter sie mit andauernden Beleidigungen überschüttete und das genau dann, wenn sie einmal im Monat die fast 700 km weite Reise zu ihr machte, um ihr das Haus zu putzen. Wie war es früher als Kind, fragte ich sie, und sie antwortete, dass sie es nicht wüsste. Das kam mir bekannt vor, es war lange bei mir genauso, und jetzt werde ich nicht fertig damit, aus dem Bergwerk meiner Erinnerungen zu schürfen.
Eine erste Erinnerung stammt aus der Zeit, als wir noch alle im alten Teil des Hauses zusammenlebten, die Großeltern Gustl und Luisl, meine Eltern, Eva und ich und Onkel Peter, der damals noch nicht verheiratet war. Ich erinnere mich an ein wohliges Gefühl, als ich mich schon auf der Treppe auf die Gesellschaft der Großeltern in Omas warmer Küche freute, wenn ich morgens gerade aus dem Bett geschlüpft war. Auch da muss ich so vier oder fünf Jahre alt gewesen sein.
An die Stille erinnere ich mich, die mich umgab, wenn ich allein im Bett lag, untertags. Nur ein schummriges Licht kam durch die Ritzen des Rollladens und ich durfte nicht aufstehen, ich hatte die Masern. Da war ich auch noch kein Schulkind.
*
Auf der Schwelle zum Schulkind war ich dann aber, als Mutti mich rief und unten an der Treppe Oma Jaja auf mich wartete, also nicht Oma Luisl, die mit uns wohnte, sondern die Oma Jaja, die aus der Schwabinger Unertlstraße zu uns auf Besuch kam, und sie hatte einen Schulranzen für mich dabei. Ein einfacher Tornister aus Leder, und drinnen verbarg sich ein großer Marienkäfer aus Schokolade, der mir besonders gut gefiel.
Das war schon nicht mehr die Treppe zu Oma Luisls Küche, nein, es war die Treppe im neugebauten Anbau, die war offen und man konnte die Füße zwischen den Stufen durchstecken und dann dasitzen und zum Beispiel ein Buch lesen. Das war sehr unbequem und ich blieb nie lange dabei, versuchte es aber immer wieder.
Diese Treppe ist zu einem Symbolort geworden, eine der zentralsten Szenen meiner Therapie fand dort statt:
Ich sitze auf der Treppe in O’menzing, Mama steht unten in der Küchentür im Dirndl. Ich sitze in der wärmenden Sonne am großen Fenster im Treppenhaus, strahlendes Licht umfängt mich, ich bin unbedarft und ahne nichts von dem Schlag, zu dem sie, siegessicher lächelnd, ausholt. Sie rammt mir einen schwarz verkohlten, angespitzten Pfahl in den Solarplexus, ins SONNENGEFLECHT, und sie macht es mit Worten. Ich höre sie sprechen, kann den Sinn des Gesagten aber nicht aufnehmen und doch genügt ein halber Satz, die kleine Steffi zu zerstören. Es ist die Fünfjährige, die sie da trifft, wieder die Zeit, kurz nachdem wir in den Anbau gezogen waren, zu dem diese Treppe gehört. Blünsi nannte mein Schwesterherz mich damals immer, das sollte von Blunsen kommen und beschrieb mich mit meinem Babyspeck und den angeblichen Würstelfingern. Da war ich der Zeit, in der ich drinnen wie draußen vorzugsweise in dunkelroten Gummistiefeln rumlief, noch nicht ganz entwachsen.
Erst kürzlich habe ich einen Artikel gelesen von einer Journalistin, die an einer LSD-Studie in Basel teilgenommen hat, den finde ich jetzt natürlich nicht wieder. Sie erzählte, dass sie nach der Einnahme der Droge gesehen oder erlebt hat – wie soll man es nennen? – wie ihr Ex sie aufspießt und wie einen überdimensionierten Schmetterling in einer Art Setzkasten mit einer Stecknadel feststeckt. Die Parallelität zum verkohlten Pfahl ist frappant. Was mich fasziniert, ist, wie ähnlich das Erleben einer Szene unter LSD-Einfluss und meine Traum(a)szene ist, für die ich, wie man sieht, immer noch keinen treffenden Begriff gefunden habe.
*
Ich erinnere mich daran, wie ich im Garten neben Vati stand, und ihm dabei Gesellschaft leistete, wie er schweigend Laub rechte. Irgendwann waren meine Füße in den nassgeschwitzten Gummistiefeln so durchgefroren, dass ich, das Weinen kaum unterdrücken könnend, zurück ins Haus ging, empfangen von den Vorwürfen meiner Mutter, dass mein armer Vater jetzt ganz allein weiterarbeiten müsste. Ich hatte ihm ja eigentlich helfen wollen, aber dafür war kein Raum in der Stille, die sich um ihn wie eine unsichtbare Kugel geschlossen hatte.
Was ist an dieser Szene so schlimm, dass es mir schier das Herz zerreißt, wenn ich mich daran erinnere? Die Nähe zum Vater, die ich gesucht hatte, war nicht da und die Illusion davon ist in den nassen Gummistiefeln erfroren. Und dann war ich selbst dran schuld, weil ich wegging. Hätte ich auch einen Rechen bekommen und hätte ich helfen können, mir wäre nicht so eise-klotze-kalt geworden. Warum kam er nicht auf diese Idee? Das kann ich natürlich nur aus heutiger Sicht fragen, damals war das einfach so, dass er beim Arbeiten, sei es beim Garteln oder beim Heimwerken, so in sich versunken war, dass man ihn nicht erreichen konnte, dass man es sich gar nicht anders vorstellen konnte.
Was machte ich dann als nächstes in der warmen Stube? Am Fenster stehen und mich fragen, ob ich nicht doch lieber wieder raus gehen sollte. Mit der Schwester fernsehen? Irgendwie ist da kein Raum für nichts.
Das ist ein Exempel, ein Mikro-Beispiel für eine Methode, die mich ausradiert, meine Person löst sich im Widerstreit der Gefühle auf. Statt wohligem Wärmen der durchgefrorenen Füße nur unauflösbares schlechtes Gewissen. Ich kenne bis heute solche Momente, in denen meine Gefühle und sogar körperlicher Schmerz in grellem Weiß weggeblendet werden von einer unauflösbaren, von existenzieller Not beherrschten Angst. Ich soll nicht da sein, ich soll verschwinden wie meine namensgebende jüdische Stefi, aber ich kann doch nicht anders, als mit meinen einnehmenden 1,82 Meter und heute den dazu passenden Kilos da zu sein und entsprechenden Raum einzunehmen.
Eine Folge von solchen Szenen ist die Unfähigkeit, mich abzugrenzen. Ich reagiere auch heute noch auf widerstreitende Anforderungen an mich, übrigens auch, wenn ich sie mir nur selbst zusammenreime, mit kompletter Selbstauflösung. Ich spüre meine durchnässten, eiskalten Füße dann nicht mehr, nur noch die väterliche Enttäuschung, das ist der virtuelle Teil. Die Wut auf die vorwurfsgetränkte Mutter wäre der reale Teil, aber das ist streng verboten, und muss schnell runtergeschluckt werden, bevor ich sie richtig spüren kann.
Von heute aus kann ich mich kleine Steffi im Schneidersitz vor die Terrassentüre platzieren, drinnen, aber doch auf der imaginären Schwelle nach draußen. Das ist genau die Stelle, an der ich mich, wenn es schneite, auf dem Rücken liegend von den dicken Flocken verwirren lassen konnte. Diese Vorstellung fängt mich ein.
*
