Rückschau einer Zeitzeugin - Christa Goller - E-Book

Rückschau einer Zeitzeugin E-Book

Christa Goller

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Beschreibung

Erinnerungen eines Kriegskindes, Zeitzeugin des 2. Weltkriegs

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Seitenzahl: 62

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ausflug mit dem Essener Stenografenverein 1874 (1956)

Inhalt

Lebenserinnerungen

Vorkriegszeit

Ausbruch des 2. Weltkriegs

Leben bei Pflegeeltern auf dem Land

Freundschaft mit Flüchtlingskindern

Hamstern und andere Ideen

Einschulung – Volksschule Schoningen

Nachkriegsjahre

Einmarsch der Amerikaner

Der Alltag kehrte wieder ein

Mit dem Lastwagen von Schoningen nach Essen

Für immer wieder bei den Eltern

Schulbesuch – Volksschule Essen

Wir mussten alle erst einmal wieder zueinander finden.

In den Schulferien bei den Pflegeeltern

Berufsausbildungen

Treffpunkt Berlin

Nachtrag

Lebenserinnerungen

1938 – 2. Weltkrieg 1939 bis 1945, Nachkriegsjahre – Auswirkungen auf Schule und Beruf

Vorkriegszeit

Meine Mutter, Katharina Goller, geborene Jansen – geb. 17.04.1911, verst. 02.02.1996, kam aus einer Großfamilie. Sie hatte noch 8 Geschwister, eines ist allerdings schon mit ca. 3 oder 4 Jahren verstorben. Die Eltern hatten eine verhältnismäßig große Gaststätte in Mülheim an der Ruhr.

Mein Vater, Hubert Goller – geb. 07.05.1911, verst. 07.02.1980, war schon vor dem 2. Weltkrieg bei Krupp in der Hauptverwaltung in leitender Position beschäftigt. Er hatte noch 2 Schwestern und 1 Bruder und wohnte ebenfalls in Mülheim an der Ruhr. Zum Familienleben gehörten damals nicht nur Mutter, Vater und Kind sondern auch Oma, Opa, Tante, Onkel, Großtante und Großonkel. Sie hatten alle einen besonderen Stellenwert.

Kennen gelernt haben sich meine Eltern ca. 1928/1929 in der Gaststätte der Eltern meiner Mutter in Mülheim. Mein Vater spielte damals in dieser Gaststätte eine Zeit lang für eine Tanzschule auf dem Klavier. Es war die große Liebe zwischen den beiden.

Meine Mutter und ich im Jahr 1938

Am 29. Februar 1936 haben meine Eltern geheiratet und sind nach Essen gezogen. Am 7. April 1938 wurde ich in Essen geboren und auf den Namen Christa, Meta Goller getauft und war ein Wunschkind meiner Eltern. Zu der Zeit war die Welt noch in Ordnung.

Aufgrund von vielen Fotos die meine Eltern von mir gemacht haben, als ich noch klein war, kann ich mich erinnern – ca. vom 3. Lebensjahr an – 1941, dass sie oft mit mir spazieren gingen u. a. mit mir auch in der Gruga waren. Also eine glückliche Familie. Zu dieser Zeit gab es in Essen noch keine Bombenangriffe.

Ausbruch des 2. Weltkriegs

Mit meinem Vater 1942 in Essen, Mülheimer Straße

Am 3. September 1939 begann allerdings schon der 2. Weltkrieg. An diesem Tag erklärten England und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg. Der Krieg brach zunächst an der Front aus. Ich war gerade mal 1 Jahr und 5 Monate alt.

Aus unserer Familie wurden mehrere Männer und später auch meine Cousins eingezogen, die höchstens 15, 16 oder 17 Jahre alt waren; sie gerieten später in russische Kriegsgefangenschaft. Der jüngste Bruder meiner Mutter und ein Cousin von mir, sowie ein Schwager meines Vaters kehrten nicht mehr zurück. Sie sind gefallen.

Aus unserem Volksempfänger – so nannte man das kleine schwarze Etwas, das man auch Radio nannte – schrie manchmal die hysterische Stimme von Hitler; ich habe sie noch heute im Ohr. Das Volk jubelte und war begeistert. Mir lief als kleines Kind ein Schauer über den Rücken, und ich konnte nicht verstehen, dass die Menschen sich von diesem Mann so begeistern ließen. Damals wusste ich noch nichts von der großen Arbeitslosigkeit, die ja Anfang der 30er Jahre herrschte. Auch mein Vater war mal für 1 Jahr davon betroffen. Er hatte bei der DEMAG eine kaufmännische Ausbildung gemacht, wurde aber nicht übernommen. Dann hat er sich bei Krupp beworben und hat dort ca. 44 Jahre bis zum Rentenalter, d. h. bis zu seinem 63. Lebensjahr, gearbeitet.

Als ich ca. 4 oder 5 Jahre alt war – 1942/1943, fing es mit dem Sirenengeheul an. Diese Geräusche konnte ich natürlich noch nicht einordnen und machten mich ängstlich. Die Bombenangriffe, die darauf folgten, habe ich zur Genüge erlebt. Es war ein Hin-und-her-Gezerre zwischen Kinderbett, Luftschutzkeller oder Bunker. Am Sirenengeheul – mit Voralarm – konnten wir erkennen, ob wir den Weg bis zum Bunker, der mindestens ca. 15/20 Gehminuten von unserer Wohnung entfernt war, noch schaffen würden; d. h. von der Mülheimer Straße ­bis zur Breslauer Straße. Sobald wir im Bunker ankamen, hörten wir die höchste Alarmstufe und das Fallen der Bomben fast gleichzeitig.

Auch nachts wurden wir von Sirenen und Bombenangriffen überrascht. Manchmal bekamen wir auch Informationen durch den Volksempfänger. Dann hieß es: „Raus aus dem Bett, schnell anziehen!“ – oft blieben wir angezogen auf dem Bett liegen.

Bei höchster Alarmstufe hieß es: „Rein in den Luftschutzkeller – wenn es Voralarm gab – so schnell wie nur eben möglich zum Bunker.“ Im Bunker war man natürlich noch sicherer vor den Bombenangriffen.

Ich als 5-Jähriges Mädchen

Alles was wir brauchten lag griffbereit. Es gab sogar eine Gasmaske. Meine Mutter hatte sie mir mal aufgesetzt, ob sie auch passte. Zu dem Zeitpunkt war ich 5 Jahre alt. Es war ein komisches Gefühl. Ich hatte sie schneller wieder runter als drauf. Anfangs, als die Bombenangriffe noch nicht so oft hintereinander waren, nahm mein Vater sein Akkordeon, spielte Rheinländer und ähnliches und holte alle Nachbarn aus ihren Wohnungen; meine Mutter und ich gingen mit. Wir wohnten Parterre und hatten Nachbarn bis zur 2. Etage d. h., wir waren insgesamt 6 Familien. Die Nachbarn kannten das schon. Dann ging es runter in den Luftschutzkeller. Mein Vater versuchte uns alle von dem ganzen Elend abzulenken. Als die Bomben fielen, verging ihm natürlich das Spielen. Schließlich bangten wir alle um unser Leben. Wenn der gleich bleibende Sirenenton zu hören war, das war die Entwarnung, da wussten wir: „Es war mal wieder gut gegangen.“ Wie der Kölner so schön sagt: „jot jejange“.

Unser Häuserblock in Essen, Mülheimer Straße/Ecke Kruppstraße – heute A40, wurde 1938 durch Krupp gebaut. Und in jedem Haus gab es im Kellerbereich einen Luftschutzkeller, der einigermaßen sicher sein sollte. Also hatte man sich schon 1938 auf einen Krieg eingestellt?! Fürchterlich!!!

Anfangs waren die Bombenangriffe auf Essen noch nicht so oft hintereinander. In späteren Jahren habe ich dann in Zeitungen gelesen, weil Essen durch die Industrie unter einer riesigen Dunstglocke lag, sei es den Alliierten unmöglich gewesen, die Stadt von Anfang an gezielt zu treffen. Sie haben eine regelrechte Strategie entwickelt, um durch diese Dunstglocke ihr Ziel zu erreichen: Krupp und Essen zu vernichten. Krupp und Essen nannte man im Dritten Reich auch die Rüstungskammer Deutschland.

Im Laufe des Jahres 1943 erfolgten die Angriffe in immer kürzeren Zeitabständen. Plötzlich fiel auch bei uns auf dem Hof – nahe unserem Balkon – eine Bombe, Gott sei Dank hatte sie sich nicht entzündet. Was es für eine war – Luftmine? Brandbombe? Blindgänger? – weiß ich nicht mehr so genau. Es kam dann immer häufiger vor, dass wir den Weg zum Bunker nicht mehr schafften und in den Luftschutzkeller gehen mussten.

Eines Tages, war es Ende 1943 oder schon Anfang 1944, wurde ein Häuserblock – ganz in unserer Nähe, in der Raffelberger Straße – von einer Bombe getroffen und fiel in sich zusammen. Sogar wir haben noch die Erschütterung gespürt. Alle hatten Angst es könnte bei uns gewesen sein. Aber wir hatten mal wieder Glück gehabt, es war nicht bei uns und alles atmete auf. Danach haben meine Eltern sich entschlossen mich in Sicherheit zu bringen, vor allem auch aus gesundheitlichen Gründen. Durch das ständige raus aus dem Bett und rein in den Luftschutzkeller oder Bunker war ich ständig erkältet und hatte oft Mandelentzündungen.

Leben bei Pflegeeltern auf dem Land