Ruß - Feridun Zaimoglu - E-Book

Ruß E-Book

Feridun Zaimoglu

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Beschreibung

Liebe, Trauer und Vergeltung im Ruhrpott – eine deutsche Saga Ein Kiosk in Duisburg ist der Ausgangspunkt einer rasanten Geschichte, die ihren Held durch den Ruhrpott, nach Warschau und bis auf die Großglocknerstraße führt – und an die Grenzen seiner Liebes- und Leidensfähigkeit. Mit »Liebesbrand« und »Hinterland« hat Feridun Zaimoglu erfolgreich die Romantik in die deutsche Gegenwartsliteratur zurückgeholt, und nun wendet er sich einer Region zu, die deutscher kaum sein könnte: dem Ruhrpott, Industriebrache im Wandel zur Dienstleistungsregion. Die Gegend ist im Umbruch, und gebrochen ist auch der Held dieser Geschichte. Renz war Arzt, doch als seine Frau von einem Einbrecher ermordet wurde, zerbrach seine Welt und brach sein Wille. Seit mehreren Jahren hilft er bei seinem Schwiegervater aus, der einen Kiosk mitten in Duisburg führt, kümmert sich um die Alltagssorgen der Trinker und Hänger, trauert um seine Frau und sinnt auf Vergeltung. Sein Leben kommt wieder in Fahrt, als er den Auftrag erhält, einen verstörten jungen Mann aus Warschau zurückzuholen. Wieder in Duisburg verliebt er sich in die Kellnerin Marja, doch dann holt ihn die Vergangenheit ein: Er erfährt von der Haftentlassung des Täters und heftet sich an seine Fersen. Zaimoglu zeigt das Drama eines Menschen, den kaum noch etwas im Leben hält, vor dem Hintergrund einer Welt, die durch eine lange Tradition geprägt ist und sich gerade neu erfindet. Große deutsche Literatur!

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Seitenzahl: 328

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Feridun Zaimoglu

Ruß

Roman

Kurzübersicht

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> Inhaltsverzeichnis

> Über Feridun Zaimoglu

> Über dieses Buch

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Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel
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1.

Vor Tau und Tag stand er auf, stellte sich im Schlafanzug ans Fenster, es schneite und der Schnee blieb liegen. Er sah: Tauben auf den Antennen. Krähen auf den Lichtmasten. Schnee auf dem Meisenknödel, der am Zweig vor dem Balkon hing – die Vögel, aufgeweckt und aufgescheucht vom Blau des winterklaren Himmels, hatten hineingehackt. Schnee auf den Ästen.

Er wandte sich ab, strich sich übers Gesicht, lief durch die Räume seiner Wohnung, nicht langsam, nicht in großer Hast. Im Bad schaute er kurz in den Spiegel, ließ das Waschbecken mit heißem Wasser volllaufen, dann tauchte er die Hände hinein. Zwei tote Fische, die nicht nach oben trieben, zwei tote Fische, die auf den Grund sanken. Die Hitze spürte er kaum, er zuckte nicht zurück. An zwei Streifen Haushaltstuch trocknete er die Hände. Er ging um die auf dicke Stollen gestelzte Truhe in der Mitte des Wohnzimmers, nun wurde es Zeit.

In den Morgenstunden malte Renz Ikonen, er malte magere Männer, jeden Tag, die schlechten Tage ausgenommen. Es gelang ihm selten ein Bild auf Anhieb, aber er versuchte es immer wieder, er war kein schlechter Zeichner.

Sein Blick fiel auf die Urne im Regal – ein Schritt, drei Schritte. Er hob den Deckel, befeuchtete eine Fingerkuppe, die Fingerspitze verschwand kurz in der Urne, dann rieb er sich Asche auf die Zunge. Renz schluckte nicht.

Er griff zur Haarspraydose und drückte auf den Sprühknopf – es ging nicht. Mit einer Nadel stach er mehrmals in die verstopfte Düse, beim nächsten Versuch ging es. Er sah sich das Blatt an, ließ Ruß und Goldblatt darauf niedergehen. Der leuchtende Kranz am Haupt des heiligen Mannes in Gold. Die Robe, die sich auf dem Spann der Füße in Falten legt, rußgeschwärzt. Nun drückte er auf die Düse, der Sprühnebel verklebte die hellen und dunklen Stücke mit dem Papier, es wellte sich, das Blatt glänzte. Er lehnte es gegen die halb leere Wasserflasche, trat zwei Schritte zurück, sah aus einigem Abstand hin. Der Täufer mit dem Gesicht seines Bekannten Kallu.

Kallu war fetter, der Täufer, sein gemalter Täufer, hatte eingefallene Wangen, dieser Täufer, so stellte Renz es sich vor, litt keine große Not, er aß sich einmal am Tag satt, verschmähte aber Beeren und Früchte. Sein Bart lief in Brusthöhe in verfilzten Locken aus. Da habe ich mich vermalt, dachte Renz, alles richtig bis auf den Bart. In der Schublade, in der er seine Bunt- und Pastellkreidestifte aufbewahrte, fand er auch den Pinsel zum Ausstreichen der überstehenden Farbe. Noch war es zu früh, der billige Lacküberzug musste trocknen, er würde den dünnen Film aufreißen, wenn er sich vor der Zeit an die Arbeit machte.

Er öffnete das Fenster, trat aber schnell zurück. Ein Mann, den er kannte, lief am Haus vorbei. Aus dem Augenwinkel sah Renz, dass das gewellte Blatt zur Seite fiel, sprang zum Tisch, drehte das Bild um und kratzte mit der Spitze eines Vorlegemessers am Lack auf dem Bart des Heiligen. Dann nahm er einen Teleskoppinsel, tauchte ihn in eine Kristallphiole und verstrich das verdünnte Weiß vorsichtig über die Bartlocken. Eine Viertelstunde saß er ab, Schicht um Schicht verdeckte er den Makel, den Fehler, den Pfusch. Den weißen Fleck bestrich er mit durchsichtigem Bindemittel. Renz war nicht unzufrieden, aber auch nicht glücklich. Es hätte ihm doch heute alles gelingen können.

Draußen schrie ein Mann: Heut gibt’s Speck, das gibt Glanz auf die Kötteln! Kommt raus, ihr pennt euch doch in den Tod! Wüste Gebärden, der Mann torkelte, fing sich aber vor dem Fall. Seine Schreie trieben die Frauen ans Fenster, sie hatten sich gesteppte Morgenmäntel übergestreift. Die Neuverheiratete vom Haus gegenüber zupfte aufgeregt am Haarnetz, lehnte sich über die Fensterbank und rief dem Mann unten zu, er solle Ruhe geben und abziehen. Und der Mann gab kein Widerwort, Renz sah ihn davongehen, bis zur Baustelle am Ende des Marktplatzes, er hielt sich kurz an einem Steinpoller fest, dann verschwand er um die Ecke. Die Neuverheiratete schaute zu Renz herüber. Hätte er die Tischlampe rechtzeitig ausgeschaltet, müsste er ihr nun nicht verlegen zuwinken. Sie zog den Vorhang zu, und Renz löste sich vom Fensterplatz, der bittere Geschmack in seinem Mund ließ ihn würgen.

Er wollte, da das fixierte Blatt noch weiter trocknen musste, die Intarsienblattranken an der vorderen Kastenwand der Truhe abzeichnen. Bögen konnte er nicht, er musste aber. Also übte er den Schwung aus dem Handgelenk: ein Mann am Wintermorgen mit kreisender rechter Hand. Er zeichnete halbe und ganze Kreise in die Luft, der Schmerz fuhr ihm jäh in den Arm, darauf hatte er gewartet. Er legte seine Hand auf den Truhendeckel, ein zappelnder Fisch auf dem Trockenen. Er wartete ab, er geduldete sich. Bögen konnte er nicht, was missriet ihm noch trotz Übung? Bart und Haar und Knie am Mann, Rücken und Nacken und Schultern an der Frau. Bein konnte er, Kopf konnte er, Fingerkuppen konnte er. Die groben Poren der Nase von alten Männern hatte er bis zum Überdruss geübt, er konnte sie sogar auf Leinwand malen: Farbe aufstreichen, dünn, Farbe abtragen mit der Schmierkelle, mit dem festgedrückten Wattepfropfen nachtupfen.

Nun ballte er die Hand zur Faust und pumpte und pumpte. Über dem Abfalleimer schnitt er ein Brötchen auf, rupfte Bissen ab und schob sie sich in den Mund, kaute und schluckte, schluckte das Brot, schluckte die Asche hinunter.

In welchen Himmel ragt der Heilige?, dachte Renz, ist er nach langen Jahren herausgetreten aus der Höhle und blendet ihn das Blau? Ein Blau ohne Weiß, oder ein Eisblau ohne Licht. Am langen Stiel des Pinsels in seiner Hand entdeckte er verkrustete Farbe, Pickel und Pocken an der Zwinge. Also schabte er sie mit der Rasierklinge ab, um hiernach das Blau zu rühren, ein dunstverschleiertes Blau. Und dann trug er die Farbe auf, der Glorienschein strahlte, wie er strahlen sollte. Er befeuchtete die Bleistiftspitze und drückte die weiche Mine beim Zeichnen auf. Ein Kringel, ein zweiter Kringel, kein Zittern mehr. Am Ende hatte er es hinbekommen, es war ihm gelungen. Fast. Er könnte, wie er das manchmal tat, den Körper und den Himmel ausschneiden, auf ein anderes makelloses Blatt kleben und einen bartlosen Kopf dazumalen. Ein pfuschender Tafelmaler war Renz aber nicht, und er fertigte auch keine Abbilder von rattengesichtigen Heiligen an. Es wurde Zeit.

 

Den Schal stopfte er in den Ausschnitt seiner zugeknöpften Cordjacke, die Gürtelschnalle zog er über den obersten Hosenknopf, stieg in die Schuhe, rückte und drückte, bis die Fersen endlich hineinglitten. Sein Blick fiel auf die beiden kleinen Zinkkübel im Flur, Glasscherben statt Topferde, aus jedem eingefassten Scherbenhaufen ragte der Stängel einer Plastikblume in die Höhe. Krepppapier statt echter Blüten. Die Kübel nahm er mit, er konnte sie zur Not verschenken.

Die Straßenlaternen brannten noch, die Metzgerei war erleuchtet, die ins Pflaster eingetretenen Kaugummiplacken leuchteten an diesem trüben Morgen. Renz ging über die Straße, setzte hier und da den Fuß über Schneematschkämme und stand nach abgezählten siebzehneinhalb Schritten vor dem Seltershäuschen aus Klinker. Kein Schaden, keine neue gesprühte Losung oder Ferkelei. Nur zwei gestauchte Bierdosen, die zwischen den Scherengittern vorm Verkaufstresen steckten. Er schloss auf, klopfte an der Trittkante den Schnee von den Sohlen, faltete Zeitungspapier auf und legte die Doppelseiten übereinander auf den Boden. Dann schaltete er die Kaffeemaschine an, ging hinaus, schloss die Eisenkiste auf, die schwere Kette fiel klirrend auf seine Schuhe. Die eingeschweißten Zeitungsstapel trug er in die Bude, kehrte nach draußen zurück, um über die Plastikstangen unterm Flachdach Werbefahnen für Eis, Lotto und Zeitungen zu streifen. Eine Leiter brauchte Renz dafür nicht, er stellte sich einfach auf die Fußspitzen. Dann klappte er die Stelltafeln auf, eine Kreidetafel links außen, eine Tafel rechts außen, die Eingangsschneise zur Bude war markiert. Er fror. Eine schwarz-weiß gescheckte Taube flog ihm vor die Füße. Renz zog die Hosentaschen nach außen, Körner und Brotkrümel fielen der Taube vor den Schnabel. Sie fing sofort an zu picken, das müsste reichen. Wieder hinein, jetzt erst einmal die Inventarliste durchgehen.

Dann sah er das entstellte Gesicht unter der roten Strumpfhose, es erschien plötzlich in der Sichtluke über der Münzschale. Renz starrte auf die flachen Lippen, die sich öffneten und schlossen, sich öffneten und schlossen, und da stieß der Mann mit dem Kolben des schwarzen Metalls in seiner Hand gegen die Scheibe, klopfte mit der Mündung dagegen. Renz schob die Scheibe zur Seite, und der Mann sagte mit hoher, verstellter Stimme: Gib alles her, was du hast, aber zack, zack! Und weil sonst nichts half, packte er mit der freien Hand Renz am Kragen und schüttelte ihn. Renz riss sich los, griff nach hinten, bekam eine Konserve zu fassen, warf und traf. Im nächsten Moment sprang der Räuber weg, lief bis zu den Pollern, fiel trotz des vereisten Pflasters nicht hin, und das verblüffte Renz.

 

Er schreckte zusammen, als das Mobiltelefon in seiner Jackentasche klingelte.

Du bist heut früh dran, sagte Renz.

Ich kann nicht kommen, sagte sein Schwiegervater, wenn du denkst, ich mach blau, hast du dich geschnitten.

Ich hab einen Überfall überlebt.

Was ist los?

Gerade eben, sagte Renz, ein Kerl in meinem Alter oder etwas älter. Hatte ne rote Strumpfhose ohne Füßling überm Kopf. Die Waffe war nicht echt, glaub ich, das war ne bessere Zündstreifenpistole …

Da wird der Hund inner Pfanne verrückt!

Ja, sagte Renz.

Hast du ihn aus’m Hemd gehauen?

Der hat ne Raviolidose abgekriegt. Ausgeraubt hat er mich jedenfalls nicht.

Alles klar, heut ist ja dein besonderer Tag, sagte Eckart.

Ja.

Musst du unbedingt weg?

Muss sein, ja, sagte Renz.

Dann verdienen wir so gut wie nix. Und nix geteilt durch zwei ist wieder nix.

Ich hab noch bis Mittag, sagte Renz, den Vormittag kassieren wir wie gehabt. Und abends schließe ich wieder auf.

Auf der A2 ist ein Laster umgekippt. Kam im Funk durch. Würd ja gerne, kann aber nicht. Ich steck hier fest.

Das wird so nix, sagte Renz, du musst sie mal fragen, ob sie einen Freund hat. Oder ob sie einen Freund braucht.

Zähl das Rückgeld immer ab, sagte Eckart und beendete das Gespräch.

 

Renz’ Schwiegervater verbrachte zwei Nächte und anderthalb Tage in einem Rasthofmotel bei Hamm im Gewerbegebiet. Er schwärmte die Bedienung am Schaschlik- und Schnitzeltresen an, eine Frau mit Papierhaube und Papierschürze, eine müde Frau, die die Kelle schwang und fast immer ernst und nüchtern sprach. Sie hatte Eckart angesehen und gefragt: Was kann ich für Sie tun? Da hatte er gewusst, wenn er nicht aufpasste, würde es ihn erwischen – und er passte nicht auf. Die Angestellten stießen sich an, sie feixten und machten ihre Späßchen, doch Eckart saß nur in ihrer Nähe und traute sich nicht, die Müde von der Essensausgabe anzusprechen. Er glaubte fest daran: Das war eine Frau, die das Glück heraussang – aus dem Beton, aus dem Asphalt, aus dem Schnaps und dem Bier, aus dem alten Bratfett in der Pfanne. Wenn es so weiterging, würde für ihn ein Sonntagsmärchen wahr werden.

Nun war Ruhe. Nun öffneten die Geschäfte. Renz goss sich den Becher voll, verließ die Bude, rüttelte an der Tür der Toilette für Frauen, abgeschlossen, rüttelte an der Tür der Herrentoilette, auch zu. Sein allmorgendlicher Kontrollgang war im Pachtvertrag festgeschrieben, und auch abends musste er nachschauen, dass keiner sich versteckte in einer kalten Kabine. An die alte Bedürfnisanstalt hatte man die Bude angebaut, die Leute nannten Renz im Scherz den Pullerbudenwärter. Nun machten die Menschen in der Früh Laute und Geräusche, er schaute hoch zum Stück Duisburger Himmel über den Dächern der Häuser auf dem Neumarkt, graues Licht und ein Streifen Weiß. Was noch grünte, war sterbendes Grün, kein Blatt an den Ästen. Oktober, November, und nach dem letzten Monat war ein Jahr schon wieder um. Die Frau mit Haaren in Brombeerrot, Renz sah sie von einer schmalen Seite des Platzes zur anderen eilen, sie drehte sich mittendrin um, nickte ihm zu, und da er vergaß, zurückzunicken, eilte sie kopfschüttelnd weiter.

Renz träumte mit offenen Augen.

Wir tilgen den Makel, wir beheben den Fehler, wir werden sanft und nüchtern, wir werden zu Schweinen nicht entarten.

Wir wischen uns den schwarzen Staub vom Gesicht.

Wir spucken nicht in den Rhein. Wir spucken nicht in die Ruhr.

Wir träumen: Die Feuer sind nicht verloschen, die Hochöfen sind nicht ausgeblasen, die Hochofenabstiche färben den Himmel rot.

Wir pflücken wilde Möhre auf der Brache. Und essen. Wir legen die Portionswurst ins Näpfchen. Und essen. Es schwimmt eine Kugel Vanilleeis im Kaffee. Wir trinken und essen.

Wir können von Resten leben. Wir essen. Wir kommen über den Winter.

In der neuen Zeit legt man die schokolierte Espressobohne auf die Untertasse. Wir legen sie uns wie ein Bonbon auf die Zunge. Und zerknacken sie. Und essen und schlucken.

Renz wischte sich den Traum aus den Augen, stellte die Zinkkübel auf das dünne Holzbrett vor dem Verkaufstresen, an den Glasscherben fing sich das bisschen Licht, die Scherben funkelten in den Farben des kalten Herbsttages. Er ging wieder hinein, trank den Kaffee aus, setzte sich auf den Hocker, hüllte sich in die Decke ein.

Und dann kam Kallu im weißen Zopfstrickpulli, Nieten an den beiden vorderen Hosentaschen und kleine, in den Stoff eingestochene Bügel, sie sahen aus wie Rouladenklammern. Er rasierte sich, wie er einmal verkündet hatte, seit zwei Monaten selektiv, die Bartleisten setzten unter den Nasenlöchern auf der Oberlippe an und zogen sich einen Fingerbreit neben den Mundwinkeln bis zum Hals. Die Leisten trimmte er auf die richtige Länge, und die Restfläche seines Gesichts schabte er von Stoppeln frei. Renz sah ihn unterwegs die Raviolidose aufheben, natürlich steckte er sie ein.

Kallus erster Satz an der Sichtluke der Bude: Schnee gehört auf Postkarten.

Versteh ich, sagte Renz.

Was starrst du mich an?

Ich stell mir vor, wie du mit langem Bart aussiehst.

Kannst du abhaken, sagte Kallu, ich rasier mich acht Mal die Woche. Sieben Mal morgens, am Sonntag auch vorm Schlafengehen.

Wieso denn das?

Mein Vatter selig hats mir eingeprügelt. Der meinte immer: Sonntag machst du dich zwo Male fein für den guten Gott … Is auch egal. Gib mir lieber Reformzaretten, nicht die Milden, da hat sich Eckart mit der Marke vertan, gestern. Und ein Pott voll von deinem Landserkaffee will ich auch haben. Was kost der?

Achtzig Cent, sagte Renz und stellte ihm die Zigarettenschachtel und den dampfenden Becher hin. Kallu riss das Zellophan auf, fummelte sich eine Filterzigarette heraus, hielt die hohle Hand an der Zippoflamme. Nahm einen tiefen Zug. Trank einen großen Schluck.

Himmelarsch, rief er aus, schmeckt wie Knüppel auffen Kopp.

Vier gestrichene Löffel Kaffee kipp ich in die Filtertüte, sagte Renz, erst aufgießen, dann warten, bis das Wasser ganz durchläuft. Dann nachgießen.

Das ist ne Mörderbrühe, sagte Kallu.

Musst du nicht trinken.

Doch, muss ich. Im Keller hab ich Ratten. Die machen sich über alles her, dem Nachbarn haben sie sogar die Jutesäcke zerfressen. Da musst du dir was einfallen lassen, hab ich ihm gesagt, kannst ja nicht mitm Pumpgewehr im Kabäuschen wachen wien Soldat und das Viech abballern. Gibt ja Riesensauerei. Wollt der aber, der Nachbar, der is doof wie ne Karre Asche. Ich hab gedacht, wenn der Tortenarsch im Keller schießen tut, sind meine Flaschen in Gefahr. Ein Querschläger, und ich zieh die Arschkarte. Seine Kellerzelle ist gleich neben meiner. Ich also nach unten, schlepp drei Kisten auf einmal zu mir hoch auffen Balkon. Und was glaubst du, was passiert is?

Kein Schimmer, sagte Renz.

Na rate mal.

Bist ausgerutscht, runtergefallen und unten vorm Haus aufgeschlagen.

Hör mal auf jetzt, sagte Kallu, die Flaschen, alle kaputt, wegen Frost zerplatzt. Der Nachbar müsste mir Schadenersatz zahlen. Nur, seit ich weiß, der knallt im Keller die Ratten ab, hab ich Schiss. Der könnt mich glatt wegballern und dann sagen: Na ja, Kallu isn Riesentier vonnem Mann, das war reine Notwehr, der hat mich angefallen.

Der hat Angst vor seinem Schatten, sagte Renz.

Eben. Vor solchen Leuten musst du dich hüten. Da denkst du, ich bin ihm über. Und dann, na dann stehst du in deinem kurzen gewaschenen Hemd da.

 

Sie waren losgezogen, die vor sich hin summenden Kraftprotze, das tätowierte Volk, die fahlen Brüder, die die nassen Asphaltwege absuchten nach kleinem Dreck, man nannte sie die Ruhrathleten. Renz erkannte die Alten, er erkannte die Neuzugänge. Auch Kallu sah sich nach ihnen um. Jeder hatte einen Eimer und eine Greifzange, sie schwärmten über den Platz in Keilformation aus. An der Spitze schritt einer, den kannte man hier nicht, der kam wohl aus einem anderen Bezirk – er duckte sich weg bei jedem Schritt, und wegen der Kälte vermummt war er auch. Hinter ihm die Jungen, mancher dünn, mancher dick, einer hatte Unterarme wie Jonglierkeulen, der sah tapfer aus. Er war flink, wahrscheinlich arbeitete er im Schlaf.

Die Truppe machte einen Schwenk an der Schmalseite des Platzes. Die Männer blieben stehen, wischten sich die Stirn trocken, steckten die Handtücher wieder ein, starrten zurück. Renz blickte weg, Kallu starrte weiter. Dann sagte er: Pünktlich auf die Minute, Bahn frei für die Gebrüder.

Renz griff blind zwei Schachteln Ohne Filter aus dem Zigarettenregal, legte die aufgerissenen Schachteln aufs Brett, und um die kurze Zeit bis zur Ankunft der neuen Kunden zu überbrücken, polierte er die Münzschale mit einem feuchten Lappen.

Grüß die Herren zur Morgenstund, sagte Hansgerd.

Ich frag mich, ist das mein Glückstag oder geh ich drauf, sagte Norbert mit der Plastikhand.

Du hast keine großen Organschäden, sagte Kallu, heut wird sein wie gestern und morgen.

Renz sah sie Rauch aus Mund und Nase ausstoßen, der Qualm hielt sich kurz in der Luft, dann zerstob er im Wind. Die Pfennigarbeiter waren weitergezogen, er hatte gehofft, dass sie bei ihm eine Pause einlegten. Bei ihm gab es keinen Rabatt, er schrieb nichts an, und Schuldzettel stellte er auch nicht aus – das hatte sich herumgesprochen. Manche kamen trotzdem, manche machten einen Bogen um seine Bude.

Gestern sollst du gemeint haben, mir meine Frau übernimmt das Schneeschippen, sagte Norbert zu Kallu.

Das is falsch, sagte Kallu, deine Frau war gestern hier. Die Schippe hatse uns allen vorgezeigt, dann hat sie von gesprochen, dass sie wullacken muss wie blöd.

Wenn die n Pappschälchen mit Pommes leer futtert, hatse danach Rückenschmerzen, sagte Norbert, wir wohnen Parterre, und im Mietvertrag steht: Bei Schnee und Eis obliegt die Räumpflicht dem Mieter.

Angeschissen, rief Hansgerd.

So isses, sagte Norbert, wir habens schwarz auf weiß, dass wir ranmüssen. Ich hab mich mal schlaugemacht. Wenns rutschig wird vor der Haustür musst du streuen. Und streuen darfst du nur Sand, Schlacke oder Granulat.

Watt?

Granulat.

Aha.

Gehst hin zum Wertstoffhof, gibts für lau. Aber musst schon n eigenen Eimer mitbringen, sonst schicken sie dich weg.

Und du bist angeschissen, sagte Hansgerd.

So isses. Salz is verboten. Nur wenns hagelt. Oder wenn die Leute auffen Sohlen Schlitten fahren. Dann streust du Salz.

Oder Granulat.

Granulat geht immer, sagte Norbert, meine Frau hat mal damit gestreut, da hatte sie rote Flossen von. Sie sagt: Das nächste Mal zieh ich mir Handschuhe an, das brennt dann nicht nach.

Nun zier dich nich, sagte Kallu zu Renz.

Sein Schwiegervater hatte das Schnapsfach neu sortiert. Also stand Renz auf, drehte sich um: Korn, Wodka, Birnenbrand, Waldhimbeerschnaps, Feigenlikör, echter Überseerum – das preiswerte Sortiment. Ganz am Rande standen die größeren Flaschen Zisterzienserlikör aus Bochum-Stiepel. Eckart war zum Kloster gefahren und hatte einen Vorzugspreis ausgehandelt. Am Anfang des Monats tranken die Männer Likör, die ersten fünf Tage des Monats, dann wurde das Geld knapp und sie tranken bis zum Monatsende nur noch Korn oder Wodka.

Auf die, die uns Böses wollen, sagte Kallu und führte die Flasche zum Mund.

Auf das Wohl der Schweinebacken, rief Hansgerd aus.

Norbert hasste Trinksprüche, also hielt er mit der Linken die Flasche am Bauch, drückte mit der Prothese gegen den Boden und nahm einen tiefen Schluck. Sie standen da, die Männer, schauten hinüber zu den Geschäften, der Apotheker hatte Leuchtkegel ins Schaufenster gestellt, die Kegel wechselten die Farbe von Dunkelblau zu strahlend Gelb, von Gelb zurück zu Blau. Man musste achtgeben, dass man sich nicht beim Schauen verlor, es war, als starrte man in die Kerzenflamme. Es war, als sähe man in den Farben kleine Bilder und in den Bildern das eine oder andere bekannte Gesicht.

Renz musste darauf hoffen, dass die Kälte den Männern nicht zusetzte. Bei Schneeregen war der Platz wie leer gefegt – sogar Hansgerd blieb zu Hause und las seine Groschenhefte über den ersten Krieg, über die Soldaten im Krieg, über das Land, das die besiegten Heimkehrer verkommen nannten, weil es die Sieger bejauchzte. Einmal hatte Renz im Seltershäuschen geschlafen, weil es ihn rief, was genau, das wusste er nicht zu sagen. Es rief ihn, es zog ihn fort von der Arbeit an einer Ikone, und er hatte sich auf einem Feldbett in viele Decken gehüllt und war wach gelegen. Nichts war passiert, keiner war gekommen, keiner hatte Lärm geschlagen.

 

Dort, wo früher die Germania mit Schwert stand, das Denkmal, das im zweiten Krieg in die Metallschmelze ging, genau dort entdeckte Renz den Alten von der Pfennigarbeiterkolonne. Kallu stieß Norbert an und wies mit dem Kinn in die Richtung, der Alte gab sich einen Ruck, setzte sich plötzlich in Bewegung, der Eimer in seiner Hand schlug bei jedem Schritt gegen sein Bein.

Kaffee und Rum, sagte er. Legte einen Schein hin, steckte das Rückgeld ungezählt in die Tasche. Kippte Rum in den Kaffee. Trank den Pott zur Hälfte leer.

Er sagte: Ich bin ja nicht weltfremd, bloß weil ich Kippen und rotten Laub vom Boden aufsammel. Habt ihr was gegen mich?

Nö, sagte Hansgerd, angeschissen sind wir alle.

Ihr habt mich alle angeschaut, als würd mir der Draht aus der Mütze gucken.

Andersrum wird n Schuh draus, sagte Kallu, du hast gegafft, als wärn wir fiese Mamelucken. Als hätt man uns ausser Köttelbecke rausgezogen …

Als würden wir stinken, sagte Norbert.

Gib mir nochn Rum, sagte der Alte. Ich kenn den Eckart, deshalb hab ich rübergelinst. Bist du jetzt der Budenmann?

Wir wechseln uns ab, sagte Renz, er hat halt seine freien Tage.

Bestell einen Gruß von mir.

Von wem?

Von mir, sagte der Alte, von Kurt. Du bist doch der, dem man die Frau abgemurkst hat. Oder bist du n andrer?

Ist egal.

Ich tu mich nicht mit dir streiten. Der Eckart kennt mich auch gut. Sag ihm, sein Kumpel aussem Schacht grüßt ihn schön. Isser wieder verknallt?

Kein Schimmer, sagte Renz.

Isser bestimmt. Damals hat er Benzin auffe Jacke geträufelt und is dann ab ins Tanzlokal. Damit die Mädchen denken, der Junge hat n Auto, der is ne gute Partie. Hat aber die Fahrradklammern anner Hose vergessen. Bis dann mal.

 

Kallu, Norbert, Hansgerd, Renz: Sie sahen ihn davontrotten, einen Mann, dem es nichts ausmachte, vor wildfremden Leuten Geschichten zu erzählen. War das richtig oder war das unanständig, sie dachten darüber nach und kamen zu keinem Schluss. Vielleicht war er nur mutig. Vielleicht hatte ihn beim Trinken von rumversetztem Kaffee der Mut verlassen. Es war ja die Zeit, da sich Menschen vor anfahrende Züge warfen, sie sprangen auf die Gleise. Immer im Spätherbst. Fast immer im Winter.

Komische Type, sagte Kallu, aber sag mal, is der Eckart immer noch in das Tresenlieschen verschossen?

Ja, sagte Renz.

Da könnt man meinen, irgendwann isses Schluss mit der Liebelei.

Der hält sich gut in Schuss, sagte Norbert, der hat Manieren. Immer wenn er hier bedient, kommen die Frauen. Die habens so eilig, dass sie mit Lockenwicklern am Kopp herflitzen. Und dann sagt er ihnen auch noch nette Sachen.

Das machst du doch bei dir deiner Frau auch, sagte Hansgerd.

Is nicht dasselbe. Vonnem fremden Mann nimmt ne Frau viel lieber Pralinen an. Liebt das Lieschen zurück?, sagte Kallu.

Noch klempnert er an der Vorarbeit, sagte Renz.

Was heißt das?

Na, er macht ihr schöne Augen.

Solang er nicht mit Petersilie im Knopfloch bei ihr aufschlägt, isser nicht abgemeldet. Kleine Geschenke vergolden das Leben. Geschenke soll er ihr machen. Geht mich ja nix an. Was mach ich jetzt mitn Ratten im Keller?

Die haben wir auch im Haus, sagte Norbert, meine Frau holt den Kammerjäger. Rattenfallen bringen nix, meint sie, die Viecher sind schlau geworden mit der Zeit. Eher geht n Kind inne Falle als ne Ratte. Is oft passiert, da haben wir ne Abmahnung gekriegt. Solang die nicht inne Wohnung trippeln, können die unten anstellen, was sie wollen.

Die muss man schon totschlagen, sagte Renz, heute zwei Ratten, morgen ein Rattenvolk.

Wo er recht hat, hat er recht, sagte Hansgerd.

Heut Nachmittag bleibt die Bude zu. Dass ihrs wisst. Eckart kann nicht, und ich hab was zu erledigen.

Bei dem Wetter bleibt man am besten zu Hause, sagte Kallu, aber morgen hast du auf.

Hab ich.

Was dieser Kurt da gesagt hat, na ja, wir habens nicht gehört.

Zum Ohr rein, ausm Ohr raus, sagte Hansgerd.

Sie tranken aus, zogen die Hosen hoch, knöpften die Jacken und Mäntel zu, der vorzeitige Aufbruch passte ihnen nicht, aber Renz schob den Hocker nach hinten. Sie sahen nur ein bisschen was von dem Mann, dann wieder mehr, als er Lakritzschnecken und süßes Zeugs in eine Papiertüte fallen ließ. Das Kind ging zu ihnen auf Abstand, weil sie nach Schweiß, Schnaps und Durst nach mehr Schnaps rochen, es griff in die Tüte, und das süße Zeugs verschwand in seinem Mund. Renz, der Witwer, starrte hinaus auf den Knaben. Kallu machte den Anfang, er zog mit den beiden Zinkkübeln ab, er hatte nachgefragt. Norbert und Hansgerd wollten noch eine kleine Sache besprechen, sie gingen an dem in der Kälte kauenden Knaben vorbei über den Platz, verschwanden hinter der Baustelle.

Renz starrte, sah aber nichts.

Wir haben Schächte auf unverritzten Grubenfeldern abgeteuft. Wir haben Kohle zutage gehoben durch Schächte, und die Kohle ward bald verhauen.

Wir kennen die Keilhaue.

Wir kennen Schlägel und Eisen.

Wir riefen: Auf Gott gewagt!, und vertrauten auf Maschinenkräfte.

Dem Neuling, dem Kind, den Stadtaffen, den Studenten – ihnen erzählten wir: Das Kohlenflöz streicht zutage aus. Gestein über dem Flöz heißt das Hangende. Gestein unter dem Flöz heißt das Liegende. Das Hangende und das Liegende bilden das Nebengestein.

Wir küssen mit spitzem Mund die Luft. Wir pulen die Erbsen aus den Schoten. Die Nacht, der Morgen; die Nacht, der Morgen – jeden vergangenen Tag streichen wir im Kalender aus.

Wir sind neu. Wir sind stolz auf unsre Gespensterstadt.

Der Knabe war fort, ein Kunde klopfte mit der Münze auf die Schale, Renz bediente ihn und die Kunden, die nach ihm kamen, und in der Mittagsflaute schloss er das Seltershäuschen ab. Zum Hafen zog es ihn, junge Leute gingen auf dem alten Leinpfad im Hafenmund spazieren, ein Haufen junger Frauen, vier oder fünf magere Jungs dazwischen, eine Frau in Renz’ Alter zeigte hierhin und dorthin, es gefiel ihr wohl, dass der Wind ihr die Haare über ihre Wangen blies. Er setzte sich draußen hin, rückte mit dem Stuhl in die Sonne, bestellte Kotelett mit Bratkartoffeln. Die Kellnerin schrieb eine Zahl auf den Bierdeckel. Renz wollte nichts trinken. Er blickte auf die Speditionsinsel hinüber, weil der Zeigefinger der windverliebten Frau in die Richtung wies, dort war ödes Land.

Die Kellnerin stellte den randvollen Teller vor ihm auf den Tisch, Renz nahm Messer und Gabel, und da aber ihr Schatten immer noch auf ihn fiel, wartete er mit dem ersten Bissen.

Sie sind doch der Mann von der Bude, sagte sie, was für ein Aufwand.

Was?

Jeden Morgen die Bude aufschließen, den lieben Tag rausgucken, die Säufer bei Laune halten.

Fast jeden Tag.

Ist fast dasselbe, oder?

Ja, fast, sagte Renz.

Wenn man Sie als Kind gefragt hat: Was willst du mal werden? … Haben Sie da gesagt: Ich mach ne Trinkhalle auf?

Gefragt hat mich keiner.

Man wünscht sich doch was Großes, sagte die Kellnerin.

Man ja, ich nicht.

Jetzt sind Sie das geworden.

Ja, das bin ich, sagte Renz und schob die Gabel unter die am Rand verbrannten Kartoffelscheiben. Er kaute lange am ersten Bissen, und erst als die Kellnerin an einem anderen Tisch bediente, schluckte er die zu Brei zermahlenen Kartoffeln herunter. Seltsam kam es ihm vor, dass es noch so viele Frauen gab in Duisburg. Viele waren weggezogen nach Düsseldorf oder in andere Städte in der Ferne. Sie schrieben keine Briefe an die Zurückgebliebenen, sie riefen meist mittags an und sagten: Wunderbar ist es hier, wunderschön ist das Leben, besonders tapfer ist mein Mann. Das wusste er von Norbert mit der Plastikhand, seiner Tochter gefiel es erst sehr gut im Norden, dann immer weniger, jetzt wollte sie sich scheiden lassen von ihrem Mann, nach drei Jahren Ehe nur, und Norbert sagte: Die is von hier, die kommt nicht weg vom Pott. Rubinfiasko nannte er es, wenn die jungen Leute zurückkehrten zu Heim und Hafen, sie waren nicht wirklich gescheitert, sie hatten noch zwei Drittel Leben vor sich.

Renz ließ keinen Rest stehen und gab genügend Trinkgeld, dass die Kellnerin nicht böse wurde. Sie kam seiner Bitte nach, bestellte das Taxi, und Renz wusste, er hatte es sich bei ihr nicht mit grobem Benehmen verscherzt.

 

Mit dem Taxifahrer sprach er kein Wort während der Fahrt, er stieg am Hauptbahnhof aus. Auf dem Vorplatz Rattengesichter, in früheren Zeiten hätte man ihnen mit dem Duellsäbel in den Kopf gehackt. Von denen wusste keiner, dass es Feiertagsaufschlag im Waschsalon gab und dass man deshalb mit dem vollen Wäschekorb in der vorletzten Woche vor dem Feiertag hingehen musste. Es war möglich zu wissen, was ein Kaputter wollte und was nicht.

Renz ließ sich vom Bahnhofsbäcker ein Kümmelbrötchen mit Mett auf die Hand geben, er war nicht satt geworden. Er stellte sich abseits, aß schnell auf und hörte unbeteiligt zwei Männern zu, die sich darüber unterhielten, wie es richtig hieß: Ausgusssauger? Gummiglocke? Pömpel?

Regen, grauer Himmel. Ein Rummel, ein einziger Rummel, alles hallte nach – Renz hörte Schreie und drückte sofort das Kreuz durch. Männer, die nach Moos und billiger Zitronenseife rochen, müde Hunde an straffer Leine, junge verschweinte Kerle mit Hüftspeck in hautengen, kurzärmeligen Hemden, einen Himmel sahen sie nicht, sie müssten sich vor Verrücktheit eigentlich die Kehle aufschneiden. Ihm machte es nichts aus, sie zu sehen, er konnte so tun, als ob ihn die ganze Malaise nichts anginge, sie kamen aus allen Richtungen, sie standen an allen Ecken. Kein freier Platz, kein freier Platz. Vorm Haupteingang des Bahnhofs die Pommesbude, die Frau im weißen Arbeitskittel beim Würstchenwenden, ein verschweinter Kerl biss ins Brötchen und glotzte sie an, schaute ihr dabei zu, wie sie mit der Zange drei Reihen Würste durchging. Schwarzgrauer Himmel, der Regen hörte plötzlich auf. Hochverkehr auf den Straßen, auf den Gehwegen, auf den Gleisen.

Eine Mütze trug Renz nicht, er fuhr sich durchs nasse Haar, gab kein Geld und keine Zigarette an die Bettler, drehte ihnen den Rücken zu, marschierte los. Durch den breiten Gang, durch den langen Tunnel, die Treppen hoch zum Bahnsteig. In Wolken gehüllt, von Wolken verhüllt, taub, stumm, kein Feuer und Flackern in den Augen, so blieb man unverletzt. Sonst begab man sich in eine Geschichte, sonst fand man sich in einer Geschichte wieder. Wegen eines Notarzteinsatzes stand der Zug auf dem Bahnsteig gegenüber, der Sanitäter klappte die Trage auf dem Gestell hoch, schrie einen Jungen an, er solle aufhören zu knipsen, sonst würde er ihm das Telefon ins Maul stopfen. Renz stieg schnell in den Zug ein, hielt sich während der Fahrt an der Schlaufe fest, roch den Schweiß der anderen, schwieg.

Was ihr uns anvertraut, das veruntreuen wir nicht: Wir waren die Kinder im Borbecker Halblang, wir zogen die Strickstrümpfe hoch bis zu den Kniekehlen.

Was wir für euch aufbewahren, das ist kein billiges Zeugs, kein Schrux, kein Kram. Was war, das ist nicht mehr, doch Rhein und Ruhr strömen immer noch zusammen.

Nennt uns nicht olle Piefkes. Nennt uns nicht Taubenzüchter. Ruß wischen wir weg. Den schwarzen Staub im Gesicht waschen wir weg. Fein und sauber siehts in unsren guten Stuben aus.

Wie Pfoten alter Hunde hängt uns das Haar über die Ohren. Kredit kriegen wir lang nicht mehr von der Bank.

Wir sind nicht erledigt. In Overbruch und in Mündelheim. In Alt-Homberg und in Duissern. In Baerl und in Rahm. In Hochemmerich und in Röttgersbach. Wo wir waren, da wir sind.

In Essen stieg er aus, holte tief Luft, sah nichts und niemanden wirklich an, ging blind zur Haltestelle und stieg im Stadtteil Holsterhausen aus. Der Busfahrer rief ihm zu, er solle mal ausschlafen oder zu einem Frisör. Renz war nicht in der Laune, mitzulachen. Hier die Straße lang, dort nicht abbiegen, nicht in die erste, nicht in die zweite, in die dritte Straße rein, Hände in den Taschen. Dort der Knast, einmal um den Block. Renz straffte sich, sah nicht auf und sah nicht hin. Über die Straße, über den Mittelstreifen, wieder über die Straße. Freier Tisch auf der Terrasse des Restaurants Leonardo, freier Stuhl, Kellner kam, Kellner ging, Kellner kam wieder mit Kaffee und Wasser. Renz bezahlte gleich, die Enden des Kassenzettels rollten sich ein, er tippte verlegen auf die Handknöchel.

An der Fassade des Gerichts gegenüber erkannte er die Schlange, der ein Spiegel vorgehalten wird. Anfang Oktober, und Renz saß hier in der Kälte und dachte nach über Schlange und Spiegel. Billige Symbole, in Stein gehauene Gegenstände und Geschöpfe, Zeichen, die man nicht deuten durfte, sonst bekam man Kopfschmerzen. Die Schlange stand für Tücke, der Spiegel für die richtige Waffe. Die hohen Herren belehrten das Volk, darüber in Zorn zu geraten war falsch, wütend durfte er nicht werden. Der Kaffee schmeckte nach heißem parfümierten Wasser – trink ihn bis zum letzten Schluck, dachte Renz, du hast dafür bezahlt. Neben der Bude auf dem Mittelstreifen stand ein Mann und starrte ihn an. Wegsehen. Es dämmerte, langsam im Dunkeln verschwinden.

 

Renz fuhr denselben Weg zurück, mit dem Bus zum Essener Bahnhof, mit dem Zug zum Duisburger Bahnhof, dann aber, aus einer Laune heraus, mit dem Taxi zum Homberger Hebeturm. Sieben Etagen, kein Fahrstuhl. Renz las das Schild an der Fassade, das Ruhrorter Gegenstück wurde in den Siebzigern abgebrochen, in den Türmen wurden die Eisenbahnwaggons auf das Niveau der Dampffähre gesenkt und wieder gehoben. Er kannte die Geschichte, damals war vorbei – man baute Brücken und der Fährenverkehr wurde eingestellt, alles vor seiner Zeit.

Renz drehte sich um und sah den Mann, hinter ihm den verlassenen Spielplatz, keine Mutter, kein Kind. Da setzte er sich in Bewegung, ging auf den Kerl zu. Der wich nicht aus und ließ ihn näher kommen, und als Renz zwei Schritte vor ihm stehen blieb, sagte er: Der Mörder deiner Frau kommt raus.

Wer bist du?

Nicht der Mörder deiner Frau, das bin ich.

Bist du ein Verrückter, oder was?

Nein, sagte der Mann.

Du hast mich verfolgt, sagte Renz, das warst du, der mich angestarrt hat.

Ja.

Fühlst du dich toll, wenn du anderen Leuten nachläufst?

Nein. Ich sollte dich suchen und finden. Das habe ich getan.

Was willst du?

Der Mörder deiner Frau wird bald entlassen, sagte der Mann.

Das hab ich verstanden. Und?

Und was? Woher ich das weiß?

Nein. Was dich das angeht.

Über den Mörder weiß ich, das ist kein Mensch, der listig ist. Er verletzt, er sticht zu, er drischt los. Wenn er kneift, dann so lange, bis aus dem Fleisch Blut heraustritt.

Ist mir egal. Wer bist du?

Mich schickt dein Freund Heinrich Voss.

Renz blinzelte ihn an. Was könnte dieser Mann im Schilde führen? Gehörte er zu denen, die große Mittel aufwenden, um einem Mann oder einer Frau oder einem Kind wehzutun?

Er schnellte vor, sprang ihn aus dem Stand an, doch der Fremde wand sich aus Renz’ Griff, fasste ihn am Hals, presste kurz seinen Kehlkopf. Renz ging zu Boden, sah die abgerissenen Telefonbuchseiten, die der eisige Wind aufflattern ließ, fiel hin und rollte sich aber zur Seite ab. Mit einem Satz war er wieder auf den Beinen, und da sagte der Mann: Wenn man den Mörder im Mörser zerstampft mit schwerem Stößel, so wird jedes Korn närrisch bleiben. Kommt dir der Satz bekannt vor? Müsste er eigentlich. Ich sollte ihn aufsagen, das hat mir Heinrich Voss aufgetragen. Ich will dir nicht schaden, er auch nicht. Ich heiße Karl, mehr musst du nicht wissen. Hast du dich beruhigt?

Beschreib ihn mir, sagte Renz, macht er noch Sport so wie früher?

Er sitzt im Rollstuhl, sagte Karl lächelnd, sonst gehts ihm blendend.

Und sein Sohn?

Er hat zwei Töchter, auch ihnen geht es blendend.

Wieso hat er dich auf mich angesetzt?

Na also, wir werden vernünftig, sagte Karl und holte das Mobiltelefon aus der Tasche, ich habe dich gefunden, also rufe ich ihn an, und du sprichst mit ihm.

 

Renz sah ihn auf die Tasten drücken, er meldete sich mit seinem Namen, horchte in den Hörer, behielt ihn die ganze Zeit im Auge. Dann streckte er die Hand aus. Nach kurzem Zögern nahm er das Telefon und hielt es ans Ohr.

Ja.

Ich übernehme es, sagte Heinrich.

Was?

Der Kerl kommt bald frei. Blut an seinen Händen. Blut an meinen Händen.

Willst du mich verarschen?

Wer weiß das schon?

Was willst du von mir, Heinrich?

Deine Frau war was Besonderes. Und eines Tages kommt ein Schwein daher und schlägt sie tot. Mensch, Renz, erzähl mir nicht, dass du sie vergessen hast.

Hab ich nicht.

Genau, sagte Heinrich, das Schwein hat sie dir genommen. Hat dein Leben auf den Kopf gestellt. Das war nicht der liebe Gott.

Ich versteh das alles nicht, flüsterte Renz, das ist mir alles zu hoch.

Dann komm ich zur Sache. Du überlässt den Kerl mir. Dafür tust du mir einen Gefallen. Du passt eine Weile auf meinen Halbbruder auf. Nur für ein paar Wochen. Karl passt auf euch beide auf. Ihr reist herum. Ihr staunt über die weite Welt. Ihr gebt mein Geld aus.

Was ist mit deinem Bruder?

Halbbruder, sagte Heinrich. Mein Vater kam aus dem Krieg, machte meine Mutter dick. Stahl sich zur Nachbarin. Sie zogen in eine andere Wohnung. Er wurde mit ihr glücklich, sie gebar ihm einen Sohn, und so weiter. Josef, also mein Halbbruder, macht mir keine großen Sorgen. Er verbraucht sich, das ist alles.

Du bist verrückt.

Bin ich, klar. Eine Schnapsidee, vielleicht, geb ich zu. Aber du bist Arzt, du kannst heilen.

Ich bin kein Arzt mehr, sagte Renz.

Vorbei ist vorbei, ich weiß. Renz, das ist kein Spiel, ich mein es ernst. Lass mich nicht hängen.

Du hast einen im Tee, sagte Renz.

Es gibt Sachen, die wachsen sich zurecht. Schlechten Wein schmeckt man nach dem vierten Schluck weg. Aber die Sache mit deiner Frau, Gott hab sie selig … na ja, wir machen sie nicht wieder lebendig, wir stellen nur auf deine Waagschale zwei Kilo mehr drauf. Verstehst du?

Ungefähr.

Also, du entscheidest nicht gleich. Mein Vorschlag kommt überraschend. Über so was würd auch ich erst einmal grübeln. Eine Nacht darüber schlafen. Abends bin ich müde. Morgens komm ich nach dem Kaffee und der vierten Zigarette in die Gänge. Ist doch bei dir auch so.

Ich rauche nicht mehr.

Die neue Zeitrechnung, sagte Heinrich und lachte laut auf, das klappt nicht, mein Lieber, das Alte lebt, das Alte schlingt sich wie eine Natter um deinen Hals und beißt dich tot. Übrigens, der Josef, das ist kein verrückter Verwandter vom Dachboden, den habe ich nicht losgebunden, damit er Schaden anrichtet. Der hat nix am Kopf. Der ist nur nicht so solide, wie ichs haben will. Gut, Schluss für heute. Wir reden morgen weiter. Denk nach, Renz, die Welt ist gerecht.