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Putins Krieg ist eine »Spezialoperation« gegen die Moderne. Die Invasion richtet sich gegen die Ukraine, hat aber einen weiteren Fokus: die moderne Welt des Klimabewusstseins, der Energiewende und der digitalen Arbeit. Durch den Handel mit Öl und Gas, die Verbreitung von Korruption, die Förderung von Ungleichheit und Homophobie und die Subventionierung rechtsextremer Bewegungen zielt das russische Regime darauf ab, die laufende Transformation moderner Gesellschaften zu unterdrücken. Alexander Etkind enthüllt durch eine Analyse von Russlands Sozialstrukturen und kulturellen Dynamiken die Kräfte, die den Kampf gegen die Moderne antreiben, und plädiert für die Idee eines deföderierten Russlands, das nach einem Kriegsende andere Wege einschlagen könnte.
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2025
Editorial
Das vermeintliche »Ende der Geschichte« hat sich längst vielmehr als ein Ende der Gewissheiten entpuppt. Mehr denn je stellt sich nicht nur die Frage nach der jeweiligen »Generation X«. Jenseits solcher populären Figuren ist auch die Wissenschaft gefordert, ihren Beitrag zu einer anspruchsvollen Zeitdiagnose zu leisten.
Die Reihe X-TEXTE widmet sich dieser Aufgabe und bietet ein Forum für ein Denken ›für und wider die Zeit‹. Die hier versammelten Essays dechiffrieren unsere Gegenwart jenseits vereinfachender Formeln und Orakel. Sie verbinden sensible Beobachtungen mit scharfer Analyse und präsentieren beides in einer angenehm lesbaren Form.
Alexander Etkind ist in Russland geboren und emigrierte im Jahr 2004. Er lehrt an der Central European University in Wien, wo er den Open Society Hub for the Politics of the Anthropocene gegründet hat. Zuvor war er als Professor in Cambridge und als Fellow am King’s College tätig. Er besitzt einen Doktortitel in klinischer Psychologie und Kulturgeschichte.
Alexander Etkind
Russland gegen die Moderne
Eine »Spezialoperation« zur Unterdrückung der gesellschaftlichen TransformationÜbersetzt aus dem Englischen von Anja Herre
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.dnb.de/ abrufbar.
2025 © transcript Verlag, Bielefeld
Hermannstraße 26 | D-33602 Bielefeld | [email protected]
Originalausgabe mit dem Titel »Russia Against Modernity« veröffentlicht von Polity Press, 2023.
Alle Rechte vorbehalten. Die Verwertung der Texte und Bilder ist ohne Zustimmung des Verlages urheberrechtswidrig und strafbar. Das gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.
Umschlaggestaltung: Kordula Röckenhaus
Umschlagabbildung: Smart Future / Adobe Stock
Lektorat: Mirjam Galley
Korrektorat: Lara Marie Miele
Druck: Elanders Waiblingen GmbH, Waiblingen
Übersetzt von: Anja Herre
https://doi.org/10.14361/9783839475119
Print-ISBN: 978-3-8376-7511-5 | PDF-ISBN: 978-3-8394-7511-9 | ePUB-ISBN: 978-3-7328-7511-5
Buchreihen-ISSN: 2364-6616 | Buchreihen-eISSN: 2747-3775
Danksagung
Einleitung
Kapitel 1: Moderne im Anthropozän
Kapitel 2: Petrostaat
Kapitel 3: Parasitäre Staatsführung
Kapitel 4: Die sogenannte Elite
Kapitel 5: Die Öffentlichkeit
Kapitel 6: Geschlecht und Degeneration
Kapitel 7: Putins Krieg
Kapitel 8: Russland deföderieren
Anmerkungen
Hinter diesem Buch liegen jahrzehntelange Beobachtungen und Debatten, zu Papier gebracht wurde es innerhalb einiger Monate während der Invasion Russlands in der Ukraine im Jahr 2022. Mein Dank gilt den Institutionen, die mich in diesen Monaten und Jahren unterstützt haben: dem Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, dem Zukunftskolleg an der Universität Konstanz und der Zentraleuropäischen Universität in Wien. Diverse Generationen von Studierenden und Freund*innen in Sankt Petersburg, Cambridge, Lwiw, Florenz, Riga, Konstanz und Wien werden in diesem Buch meine Antworten auf ihre Fragen und Einwände finden.
John Thompson bei Polity Press bewilligte mein Vorhaben (nahezu) vorbehaltslos. Juliane Fürst war unter denjenigen, die das Manuskript begutachteten und mir Rückmeldung gaben. Dirk Moses und Leonard Benardo beauftragten mich mit dem Schreiben von Artikeln, die ich in diesem Buch wiederverwertet habe – ihr Vertrauen war von unschätzbarem Wert. Durch unsere Gespräche halfen mir Pavel Kolař, Gruia Badescu, Aleida Assmann, Masha Bratishcheva, Thomas Fetzer, Dmitry Simanovsky und Mark Etkind beim Finden der richtigen Worte für meine Gedanken.
Den deutschen Verlag für dieses Buch zu finden, war ein großes Glück. Danke an Dina Gusejnova dafür, dass sie die Verbindung zu transcript hergestellt hat, wo man in Echtzeit hervorragende Arbeit geleistet hat. Mit ihrer Kombination aus Begeisterung und Genauigkeit waren Anja Herre die ideale Übersetzerin und Mirjam Galley eine beispielhafte Lektorin. Eleonora Cabuk half mir, ein paar sprachliche Schwierigkeiten zu meistern. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat diese Übersetzung großzügig unterstützt und ich schätze Alexey Yusupov und seine für dieses Unterfangen entscheidende Hilfe und Weisheit.
Dies ist ein schlankes Buch über eine schlanke Moderne und ihre pompösen, archaischen Widersacher. Es ist ein Buch der Kriegszeiten, und meine Ungeduld wird zu spüren sein. Allerdings habe ich schon lange vor der Fortführung von Russlands Krieg in der Ukraine im Februar 2022 mit der Arbeit daran begonnen. Die Kapitel bestehen aus meinen Schriftsätzen über Russlands Energie, Klimamaßnahmen, Umgang mit Covid-19, Öffentlichkeit, Demografie, Genderfragen, soziale Ungleichheit und Krieg. Im letzten Kapitel entwerfe ich den abenteuerlichen, wenngleich zunehmend realistischen Plan, Russland zu deföderieren. Zum Zeitpunkt der Niederschrift war der Krieg noch nicht vorbei. Da ich mir sicher war, dass er irgendwann – besser früher als später – enden würde, entschied ich mich, den Text in der Vergangenheitsform zu schreiben.
Kurz und bündig sollte dieser Text werden, eher ein Pamphlet als ein Traktat und so verspielt verfasst, dass sich die grausigen Themen besser begreifen lassen. Frieden ist gut für Komplexität. Krieg bringt Klarheit. Nichts neutralisiert den Gaumen so gut wie Krieg. Krieg ändert alles – erst die Gegenwart, dann die Zukunft und schließlich die Vergangenheit. Bei der Entwicklung meines Konzepts von der »Stopmoderne« stütze ich mich unter anderem auf die Neue Politische Ökonomie, Ideengeschichte und Internationale Beziehungen.
Einige meiner Lieblingsautoren – Alexander Tschajanow, John Maynard Keynes, Karl Polanyi, Michail Bachtin und Fernand Braudel – haben ihre wichtigsten Bücher während eines großen Krieges geschrieben. Verzweiflung ist entscheidend – wie eine Lupe vergrößert sie die schlimmsten Momente, damit das Verborgene enthüllt und das Unsichtbare untersucht werden kann. Durch Mitgefühl für die Einen und Missachtung für die Anderen bleibt von wissenschaftlicher Besonnenheit kaum mehr als ein Häufchen Asche. Trauer besteht aus Erinnerungen, Bildern im Kopf und Mutmaßungen: Wie konnte es dazu kommen? Hätte es sich verhindern lassen? Bei dieser Mimesis hat allerdings auch Nemesis1 ihre Hände im Spiel: Wie widerstehen und überwinden? Mit welcher Art der Rache ließe sich ein erneuter Gewaltkreislauf durchbrechen?
Nachkriegszeiten sind geistig produktiv: Es gedeihen Ideen für die Nachfolgegenerationen, wenngleich diese sich dadurch nicht von weiteren Kriegen abhalten lassen.2 Nach einem Krieg florieren Investitionen und Architektur, Philosophie und Geschichtswissenschaft: Die Welt bedarf des Neuaufbaus, des Neustarts und der Neuverankerung. Als das Russische Reich die Stadt Königsberg erstmals annektierte, verfasste der dort ansässige Professor Immanuel Kant seine Kritik der reinen Vernunft, nachdem die Truppen sein Land verlassen hatten. Zeit seines Lebens strebte Kant nach dem »ewigen Frieden«. Russland aber vereitelte sein Vorhaben – wenige Orte auf der Welt sind so weit vom Frieden entfernt wie Kaliningrad.3 1921 entdeckte Marc Bloch in Strasbourg, noch eine von Hand zu Hand weitergereichten Stadt, die tödliche Macht der Lüge: »Falschnachrichten… bevölkern das Leben der Menschheit […] Unwahre Meldungen! […] in jedem Land sahen wir sie aus dem Boden schießen und sich vermehren … Es gilt das alte deutsche Sprichwort: ›Befällt der Krieg das Land, verbreiten Lügen sich wie Sand.‹«4
In einer Lügenwüste entstehen Friedensoasen aus Brunnen der Wahrheit, sofern der Sand sie nicht wieder einnimmt. Wir sind lebendige Teilchen aus diesem Sand und diesem Wasser, und wir haben die Wahl. Dies ist die Geschichte, in der wir leben.
Vor und während dem im Jahr 2014 begonnenen Russisch-Ukrainischen Krieg hatte das Thema Moderne für Russland denselben Stellenwert wie das Thema Handlungsmacht für die Ukraine.1 Als Vorhut des Fortschritts – so sahen Sympathisant*innen die Sowjetunion, und mit seinem Russland gedachte Putin ihr Erbe anzutreten. Zygmunt Bauman, ein in Polen geborener Soziologe mit Weitsicht, schrieb 1992: »Während seiner ganzen Geschichte war der Kommunismus der devoteste, leidenschaftlichste, tapferste Verfechter der Moderne […] Unter der Schirmherrschaft des Kommunismus – und nicht unter der des Kapitalismus – wurde der kühne Traum der Moderne […] radikal bis an seine Grenzen getrieben: große Entwürfe, unbegrenzte soziale Lenkung und Steuerung, große und wuchtige Technologie, totale Transformation der Natur.«2 In dieser Ansammlung aus Stahl, Öl und Schießpulver war kaum Platz für die Menschen. Der allmächtige Staat ordnete Mensch wie Natur einer Moderne im Turbogang unter, die mit der Zeit immer mehr stagnierte, sogar überholt anmutete. Dies war die Paläomoderne, und die Sowjetunion war ihre energischste Verfechterin.
Putins Krieg war eine »Spezialoperation« gegen das ukrainische Volk, gegen dessen Souveränität und Kultur. Obendrein war er eine breitangelegte Operation gegen die moderne Welt und ihr Klimawandelbewusstsein, ihre Energiewende und digitale Arbeit.
Jegliche Auffassung von Moderne besitzt beschreibende und normgebende Komponenten. Das Anthropozän war der Katalysator ihrer Verbindung. Ein neuer Typus Moderne – reflexiv, nachhaltig, dezentral – sollte uns helfen, das Anthropozän zu überleben.3 Da die neue Moderne zwischen dem Planeten und seinen Menschen ausgehandelt wurde, unterscheidet sie sich grundlegend von früheren Formen, beispielsweise Max Webers bürokratisierter Moderne des späten 19. oder der Paläomoderne des frühen 20. Jahrhunderts. In Anlehnung an Gaia, das allumfassende planetare System von Leben und Materie, bezeichne ich sie als Gaiamoderne.4 In der Paläomoderne galt ausgiebige Naturnutzung als Fortschritt: Je mehr Ressourcen und Energie verbraucht wurden, desto fortschrittlicher eine Zivilisation. Im Gegensatz dazu verbraucht der menschliche Fortschritt in der Gaiamoderne pro Arbeits- und Vergnügungseinheit weniger Energie und Materie. Beide Formen weisen ein gegensätzliches Verhältnis zwischen Natur und Fortschritt auf.
Gaias Zeit ist unbegrenzt, unterliegt jedoch, wie wir auch, dem Wandel der Geschichte. In ihrer neuen Lage wird die Menschheit die durch die Paläomoderne verursachte globale Umweltverschmutzung und Korruption überwinden müssen. Sie wird vom Verbrennen fossiler Stoffe absehen und solche Fetische wie Wachstum vergessen müssen. Sie wird Widerstandsfähigkeiten gegen natürliche Bedrohungen entwickeln müssen. Klein ist in dieser Ära das neue Schön, ganz gleich, ob es um Fahrzeuge, Computer oder Waffen geht. Diese Moderne bestätigt jedoch auch die Vitalität des Staates, die an jeder Konfrontation mit natürlichen Herausforderungen nur wächst. Ohne den Staat können wir auf diese Herausforderungen nicht reagieren, und unsere Politik ist für Gaia lebenswichtig.
Anders als der vormoderne Leviathan, ein hypermaskulines Ungeheuer, das sein Volk durch Einschüchterung Benehmen und Produktivität lehrt, ist der moderne Staat Teil von Gaia: Ein femininer Organismus, der Natur und Mensch in einem Mammutleib umfasst, gütig und doch unerbittlich. Während der Leviathan die Geschichte um des Regenten willen aufhalten sollte, lebt und wandelt sich Gaia mit uns, und unsere Geschichte ist eins. Zwar ist unsere Gesellschaft nach wie vor eine Risikogesellschaft, der Staat aber entwickelt sich hin zum neuen Naturzustand.5
Die Gaiamoderne ist real und ist es doch auch nicht – sie ist gleichermaßen eine Utopie. Sie ist eine utilitaristische Moderne, vorausgesetzt, in ihrer Gleichung sind die Variablen Natur und Mensch enthalten. Sie ist demokratisch: Expert*innen vertreten die Natur, aber das Urteil obliegt dem Volk. Das Wichtigste: Sie ist selbstkritisch. Nachdem wir bei so vielen Aufgaben gescheitert sind, steuern wir zu Gaias Leben unsere Reflexivität bei.
Die Gaiamoderne ist eine permanente Revolution und zugleich eine Weltrevolution. Anders als Trotzki, der diese Begriffe geprägt hat, fehlt unserer politischen Führung die Zeit für Experimente. Handelt die Politik deshalb so zögerlich?
In der Gaiamoderne entfaltet sich ein bestimmter Geschmack, ein System ästhetischer Vorlieben, das sich merklich von dem der Paläomoderne abhebt. Stellen Sie sich ein Gespräch zwischen Greta Thunberg und Donald Trump vor, oder zwischen Putin und Selenskyj, bei dem beide Seiten eine tiefe Abneigung für ihr Gegenüber hegen. Während zwei Formen der Moderne gewohnheitsmäßig in der Öffentlichkeit aufeinandertreffen, nimmt ihre gegenseitige Aversion zunächst ästhetische und erst später politische Gestalt an. Ironischerweise haben kulturelle Faktoren im Autoritarismus mehr Gewicht als in einer Demokratie. In einer Demokratie richten sich politische Entscheidungen nach ökonomischen und ökologischen Gegebenheiten, wie die Menschen sie in Debatten und Wahlen zum Ausdruck bringen. Bei einer autoritären Führung unterliegen Gesellschaftsstruktur und Politisches Handeln den jeweiligen Vorlieben: ästhetischer Geschmack, kulturelle und sexuelle Vorurteile, Ansichten über Geschichte und ethnische Stereotype.
Mit ihrem Bedarf an natürlichen Ressourcen wie fossilen Brennstoffen und Metallerzen fußte die Paläomoderne auf Ressourcenkolonisation, Siedlerimperialismus und Kriegskapitalismus. Kostbare Ressourcen waren weitab der Ballungszentren zu finden – das machte sie kostbar. Dafür mussten neue Gebiete eingenommen, annektiert und kolonisiert werden. Die Einheimischen wurden misshandelt, umgesiedelt oder getötet, und an Stelle der einheimischen Bevölkerung wurde eine neue »produktive« – oder vielmehr extraktive – Bevölkerung angesiedelt. Die für ihr wirtschaftliches und gesellschaftliches Fundament nach Rohmaterial gierende Paläomoderne hatte zwei historische Formen: eine äußere und eine innere. Erstere entstand durch Überseekolonialisierung, letztere war eine Eigenheit großer Weltreiche und Russland ein perfektes Beispiel dafür. Mit jeder Annexion und jedem Zerfall eines Imperiums verkehrten sich innerliche und äußerliche Kolonialisierung jeweils ins Gegenteil. Das Äußere wurde zum Inneren und umgekehrt. Die Kernprozesse – Rassismus, Völkermord, Ausbeutung, Kreolisierung – blieben dieselben.6
Die Gaiamoderne stellt das paläomoderne Vermächtnis auf den Kopf. Fortschritt sollte grün und sicher sein, nachhaltig und dezentral. Durch die Nutzung erneuerbarer Energien werden eigenständige ›Prosumenten‹ ihre feudale Abhängigkeit von fernen Wüsten und Sümpfen abschaffen. Die neue Moderne wird andere Transportwege gehen als die Paläomoderne. Ohne Pipelines und Tankschiffe zu unserer Versorgung werden Piraten und Terroristen uns weniger Schaden zufügen und weniger Sicherheitsexperten Kontrolle über uns ausüben können. In dieser utopischen Moderne wird zwischen öffentlichem Gut und Schlecht unterschieden, die in der paläomodernen Gesellschaft zusammengehörten. Mit Sinn für anthropologische Vielfalt – ethnisch, sexuell und intellektuell – wird man in der Neuen Moderne Monopole und Oligarchien verabscheuen. Bildung und Unterhaltung werden digital, wodurch Werkstoffe und Emissionen eingespart werden. Die Gaiamoderne wird kosmopolitisch sein: Sie wird nicht von der Globalisierung profitieren, sondern allen zum Vorteil gereichen, weil – wie in manchen gnostischen Irrlehren – entweder alles gerettet wird oder alles untergeht. Die Gaiamoderne ist eine Utopie im Werden. Wir durchleben ihre Geburtswehen und der Lauf der Geschichte nimmt an Tempo zu.
Allerdings haben manche Menschen zum Schutz ihrer Schätze und alten Gewohnheiten ihre Gegenoffensiven eingeleitet. Dazu gehörte der russische Einmarsch in die Ukraine. Das wachsende Bewusstsein für Klimawandel und soziale Ungleichheit stellten für Putins ölgenährte Bürokratie die eigentliche Bedrohung dar. Die bunte Schar aus ›Öligarchen‹ und Bürokraten empfand den Fortschritt der Geschichte als existenzielle Bedrohung: Dies schade dem Geschäft mit Öl und Gas. Russland würde so seiner wichtigsten Einkommensquelle und obendrein der einzigartigen Vorteile beraubt, die sich vermutlich aus dem Klimawandel ziehen ließen. Und die etablierte, hochgradig ungleiche Gesellschafts- und Geschlechterordnung würde um den Faktor ›Unberechenbarkeit‹ ergänzt.
Der russische Staat begegnete der Moderne, indem er nach Öl und Gas bohrte, andere Länder besetzte, Gold hortete, rechtsextreme Bewegungen in aller Welt unterstützte und die Ukraine zerstörte. Diese Politik war keinesfalls träge, sondern das ganze Gegenteil – aktive, sogar proaktive Zielstrebigkeit. Russlands Demodernisierung hatte Vorsatz: eine von der Elite frei gewählte Strukturierungsmethode, die der breiteren Bevölkerung, und in der Folge auch der Welt, aufgedrängt wurde.7 Russland hatte dabei durchaus Verbündete, das Projekt ›Umkehrung der Moderne‹ war jedoch eine »Spezialoperation« für sich: Stopmodernismus.
Mit überraschender Konzentration und Kreativität bediente man sich im Kreml verschiedener Strategien zur Abwehr und Umkehrung der Gaiamoderne – Klimawandelleugnung, Wahlbeeinflussung, und schließlich Krieg. Einen koordinierenden Geheimplan gab es vorab nicht. Anthony Giddens’ ›Strukturationstheorie‹ eröffnet einen besseren Blickwinkel: Durch Handlungsmacht werden Strukturen geschaffen, durch die sich weitere Handlungsmöglichkeiten verändern, und durch dieses Handeln verändern sich wiederum die Strukturen, aus denen sich neue Möglichkeiten ergeben oder auch nicht.8 Statt eines Masterplans für den Zukunftswandel bestimmten die Vorlieben der herrschenden Klasse deren jeweilige Entscheidungen: Präferenz statt Plan.
Russlands kompromissloser Krieg gegen die Ukraine und die Welt machte aus einer zögerlichen Demodernisierung einen verheerenden Feldzug gegen die Moderne. Die im Verborgenen vorbereitete, den amerikanischen und britischen Geheimdiensten aber bekannte Invasion schockierte die Mehrheit der Intellektuellen in Russland, der Ukraine und Europa. Noch im Januar 2022 erachteten sowohl meine russischen als auch ukrainischen Freund*innen und Kolleg*innen die Wahrscheinlichkeit eines Einmarsches als verschwindend gering und allein den Gedanken als lachhaft. Laut Masha Gessen, die kurz vor der Invasion sowohl Moskau als auch Kyjiw besuchte, sah niemand diesen Krieg kommen: »Die Aussicht auf Krieg war im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich. Selbst als er schon begonnen hatte, blieb er unvorstellbar, undenkbar.«9 Und doch kam die Invasion. Menschen leben in unterschiedlichen Welten, die durch diverse Bindekräfte vernetzt sind: psychologische, ästhetische und politische. Beim Ausbruch eines Krieges prallen diese Welten aufeinander – für manche ein Schock, ein Triumph für andere und harte Arbeit für alle, die ihre jeweiligen Lebenswelten neu strukturieren müssen.
Der Krieg war eine bewusste Entscheidung in der Art, wie sie Carl Schmitt, der im Kreml halbwegs anerkannte führende politische Theoretiker, für die politische Praxis als unverzichtbar erachtete. Der Krieg erfolgte aus keinerlei rationalem Kalkül, wie es zuvor existiert hatte, wodurch sich die Grundlagen für künftige Kalkulationen veränderten. Das Handeln Einzelner und einiger Institutionen bestimmte über das Leben, die Arbeit oder den Tod von Millionen Menschen.10 Das ist Gelebte Strukturierung. Durch Handeln entstehen Strukturen, die wiederum handlungsprägend sind, und die Akteure wandeln sich im Prozess. Sie mögen einen Plan haben oder auch nicht, und wenn ja, dann befolgen sie ihn vielleicht nicht. Handelnde entscheiden aber nach persönlichem Geschmack, der sich mit jeder weiteren Entscheidung verfestigt. Auf diese Weise halten ästhetische und kulturelle Vorlieben Einzug in die politische Arena, prägen Wirtschaftsbeziehungen und treiben den Lauf der Geschichte voran.
Moderne Nationen entwickeln sich in einem Balanceakt zwischen der Zivilgesellschaft und dem Staat.11 Ein subjektives Gefühl hält sie zusammen: Vertrauen. Ein Gefühl, eine Empfindung, die strukturellen Gebilden zugrunde liegt. So bemerkte der deutsche Soziologe Niklas Luhmann treffend: »Ohne jegliches Vertrauen könnte [man] morgens sein Bett nicht verlassen.«12 Sowohl vor dem Krieg als auch währenddessen vermieste ein solches Gefühl Millionen Russ*innen den Morgen, und den Abend noch dazu: Mangelndes Vertrauen zerstört ein Individuum. Sind viele Menschen betroffen, zerstört es die Gesellschaft. Vertrauensbrüche sind abrupt und verhängnisvoll – und wir kennen sie als Revolutionen.
Vom allmächtigen Staat kann Vertrauen aufoktroyiert werden: Russlandhistoriker*innen sprechen vom erzwungenen oder imitierten Vertrauen.13 Befindet sich der Staat jedoch im Niedergang, bleibt nur die Wahl zwischen Schweigen und Protest. Wahrhafter Wandel kann Jahrzehnte dauern, ohne dass in der Zwischenzeit sehr viel mehr als Korruption, Umweltverschmutzung und Emissionen zustande gebracht würde. »Die Antizipation der Katastrophe verändert die Welt«, konstatiert Beck.14
In der Paläomoderne war das wichtigste Beispiel für Vertrauen der Kredit: Mehrere Kreditnehmer waren an einen Kapitalgeber gebunden, und das gegenseitige Vertrauen oblag der individuellen Verantwortung. In der Gaiamoderne hat Vertrauen mit Mülltrennung zu tun, mit sauberem Wasser und Frieden. Das lässt sich nur gemeinsam mittels koordinierter Bemühungen erreichen. Die kollektive Verantwortung liegt bei Obrigkeit und Bevölkerung gleichermaßen. Ob im Umgang mit Umweltverschmutzung, Pandemie oder Diktatur: Die Menschen leben wieder im Naturzustand, wie Hobbes ihn einst erdachte – dieses Mal geht es jedoch um den Zustand des Staates und der Natur.
Unsere Lage gleicht einer neuen Wildnis, in der Vertrauen verstreut und selektiv ist. Freunden vertrauen und sie prüfen, Feinde verabscheuen. Erinnern Sie sich noch an den Postmodernismus, in dem angeblich alle Kultur gleich war? Das war gelogen – Stopmodernismus ist die eigentliche Bedrohung. Seine Merkmale sind jedoch noch unklar, oder wenigstens waren sie das vor dem Krieg. Es ist die Zeit für eine neue Reflexivität. Schluss mit blindem Vertrauen: Die Risiken sind kalkulierbar, die Gegenmaßnahmen auch. Vertrauen Sie ruhig Ihrem Nachbarn, dass er weder die Luft verpestet noch den Virus übermäßig verbreitet – aber Kontrolle ist doch besser. Selbiges gilt für die Obrigkeit. Es ist deren Pflicht, Sie zu schützen. Produziert sie eher mehr Emissionen als weniger, dann weg mit ihr. Es ist Zeit für eine neue moralische Autonomie. Vertrauen Sie sich selbst und Sie kommen morgens aus dem Bett.
Um das Anthropozän zu überleben, müssen wir den Expert*innen vertrauen. Wir leben in einer Welt der Wahrscheinlichkeiten, die wir nicht erfassen können. Expert*innen berichten uns von Klimawandel, Viren, Umweltverschmutzung und anderen Herausforderungen. In den seltensten Fällen können wir ihre Daten überprüfen, diskutieren aber eifrig ihre Ergebnisse und Empfehlungen. So funktioniert Öffentlichkeit, ein zentraler Mechanismus der Gaiamoderne. Misstrauen spaltet die Öffentlichkeit in Fragmente, die sich dem gegenseitigen Austausch verweigern. Es schafft eine kulturelle Kluft zwischen Bevölkerung einerseits und Expert*innen und Obrigkeit andererseits. Der Bevölkerung fehlt es an Vertrauen und Fügungswillen. Sabotage ist als Waffe des letzten Auswegs stärker, als es den Anschein hat. An vielen Stellen funktioniert Misstrauen als selbsterfüllende Prophezeiung. Man hat das Gefühl, es lohnt sich nicht, den Müll zu trennen, also lässt man es bleiben. Der ungetrennte Müll landet zusammen mit dem getrennten auf derselben Halde und so bestätigt sich die eigene Gleichgültigkeit. Wenn Sie sich nicht impfen lassen, geht die Welt auch nicht unter. Sie mögen krank werden oder sterben, aber nur die Expert*innen werden wissen, warum.
Diese kulturelle Kluft zwischen Elite und Bevölkerung bleibt niemals leer. Die Menschen füllen sie mit belanglosen Spitzfindigkeiten – ›Volkskultur‹ (Michail Bachtin), ›hidden transcripts‹ (James Scott) oder Verschwörungstheorien, wie wir sie inzwischen nennen. Sind Expert*innen zu abgehoben, die Elite zu überheblich und die Kluft zu groß, treten Verschwörungstheorien gern als selbsterfüllende Prophezeiung ein. In Russland zerstörten Korruption, Ungleichheit und schlechte Führung das gesellschaftliche Vertrauen.15 Tragischerweise erreichte diese Entwicklung genau dann ihren Höhepunkt, als Vertrauen mehr denn je notwendig gewesen wäre: Am Vorabend der Covid-19-Pandemie, in Zusammenhang mit der globalen CO2-Senkung und während des unerklärten Krieges.
Putins Ziel war die Wiederherstellung der Paläomoderne nach sowjetischer Art – die Herrschaft über Öl, Stahl und Rauch, die Hoheit einer Militärmacht, die erzwungene Einheit der Nation. Macht und Ruhm der Sowjetunion gründeten auf dem sozialistischen Ideal von Brüderlichkeit und Gleichheit aller. Obwohl Putins Umsetzung scheiterte, so war dieses Ideal doch vergleichsweise wirksam in der Eindämmung von Korruption. Putin und seine Anhänger suchten die Faszination des Sowjetischen mit postsowjetischer Schiebung zu verbinden. Ihre Reinszenierung der Paläomoderne verband Hinterlassenschaften aus der Sowjetzeit – Ressourcenverschwendung, Zynismus und Misstrauen – mit dem radikalen Novum einer massiven und stetig steigenden Ungleichheit. Ulrich Beck zufolge sind »soziale Unterschiede und Klimawandel zwei Seiten derselben Medaille«.16 Auch der Widerstand dagegen hatte ein- und denselben Ursprung. Diesen beiden wesentlichen Herausforderungen – Klima und Ungleichheit – zum Trotz gehorchte man im Kreml einem libertären, leugnenden Konservatismus. Durch die Nachahmung oder Neuerfindung dieser Ideologie stärkten die russischen Herrscher rechtsextreme Bewegungen in aller Welt.
Russlands Umweltprobleme waren kolossal. Der Globale Norden und die Arktis erwiesen sich als noch anfälliger für den Klimawandel als der Süden. 1991 bedeckte der Permafrost noch zwei Drittel des russischen Hoheitsgebiets; seitdem ist er stetig zurückgegangen. Unter Städten, Pipelines und Schienenverkehr schmolz der Boden weg.17 Das willkürliche Wegbrechen des Permafrostes setzte enorme Mengen an Methan frei, was die globale Erwärmung beschleunigte. 2021 wurden fast zwanzig Millionen Hektar sibirischen Waldes durch Flächenbrände zerstört – Russlands verheerendste Brandsaison aller Zeiten. Von der Tundra bis zur Taiga wandelten sich die sibirischen Ökosysteme von Kohlenstoffsenken zu aktiven Emissionsverursachern. Hinsichtlich seiner Anfälligkeit in der Klimakrise ließ sich Russland mit Kanada und Alaska vergleichen; allerdings standen nur in Russland Großstädte wie Jakutsk und Norilsk auf tauendem Permafrost.
Durch den Krieg und die Sanktionen aus dem Jahr 2022 nahm das äußerst umweltschädliche Abfackeln von Erdgas zu. Als für die Öl- und Gasbranche typische Verschwendung war das Abfackeln allgegenwärtig: Da man schwerlich die Bohrungen einzustellen oder Gas einzulagern vermochte, konnte man sich des Überschusses nur durch Abbrennen entledigen. Je weniger Gas die russischen Konzerne verkaufen konnten, desto mehr wurde gleich an Ort und Stelle oder irgendwann später abgefackelt. Im August 2022 verbrannte allein eine Verdichterstation nahe der finnischen Grenze jeden Tag sibirisches Gas im Wert von zehn Millionen US-Dollar.18 Wie auf Geheiß von Nemesis befeuerte dies zuerst die Umweltverschmutzung rund um Sankt Petersburg, Putins Heimatstadt, und dann die globalen Emissionen.
Im Wissen um die Brände in Sibirien, den Rückgang des Permafrostes und den massiven Ausstoß von Methan pries der Putinismus Russlands Rolle als Energieimperium. Mit dem Argument, der Export von Öl und Gas sei für die Volkswirtschaft essenziell, mutmaßten Expert*innen über die möglichen Vorteile des Klimawandels für Russland.19 Wäre für ein Land im Norden mit instabiler Landwirtschaft ein wenig mehr Wärme nicht besser? Würde nicht die Öffnung der Nordostpassage nach China endlich den uralten Traum von Iwan dem Schrecklichen wahrmachen? Das Leugnen des Klimawandels gehörte ebenso zum Putinismus wie Kulturkonservatismus, Homophobie, wirtschaftliche Ungleichheit und Bestechung. Alles hing miteinander zusammen.20 Im Juli 2022 begründete Putin Europas Energiewende mit dessen »Vorliebe für nicht-traditionelle Beziehungen«, einem russischen Euphemismus für Homosexualität. An der Stelle verschmolzen Klimawandelleugnung und Homophobie problemlos miteinander.21 Putins sämtliche Reden waren geprägt von Machismo: Im August jenes Jahres konstatierte er, nur durch Maskulinität könnten Regierungen weltweit vor der amerikanischen imperialistischen Verschwörung bewahrt werden.22
Nach außen pochte der Putinismus zwar beharrlich auf seine Kontinuität mit dem Sozialismus sowjetischer Art, seine libertären Richtlinien ließen sich aber mit keinerlei linksgerichteter Ideologie verbinden. Hellsichtige Wissenschaftler*innen erkannten im Putinismus eine Tendenz zum Faschismus, soziale Spannungen verhinderten allerdings eine Entwicklung hin zur Massenbewegung.23 Falls dem Putinismus überhaupt eine Ideologie zugrunde lag, dann war es der Imperialismus in seiner besonderen Form des Revanchismus. Trotz seiner nationalistischen Grundgesinnung war der Putinismus auch eine internationale Bewegung; von seiner finanziellen und politischen Basis in Russland breitete er sich weltweit aus. Vor dem Russisch-Ukrainischen Krieg wahrten Putin und seine Anhänger*innen die Balance zwischen ihrer ultrakonservativen Botschaft und ihrer revisionistischen Haltung, die nur bei ihren russischen Unterstützer*innen Anklang fand. Der Krieg offenbarte die Zerbrechlichkeit dieser Allianz. Für Putins internationale Verbündete hatte der postsowjetische Revanchismus keinerlei Bedeutung. Selbst die republikanische Partei in den USA, die jahrzehntelang ein loyaler Partner für Moskau gewesen war, verurteilte die Invasion in der Ukraine.
Auf wirtschaftlicher Ebene setzte der Putinismus auf Russlands Energieexporte. Der Kreml profitierte am meisten von Lieferketten, die vom sibirischen Sumpfland aus in europäische und asiatische Benzintanks, Heizkessel und Klimaanlagen mündeten. Im Zeitalter der Klimakrise und der sozialen Ungleichheit wollte man im Kreml sowohl die Abhängigkeit vom Handel mit fossilen Energien als auch die dadurch verursachten Umweltschäden vertuschen. Auf das wachsende Bewusstsein für den Klimawandel hatte die russische Regierung drei Antworten parat: Leugnung, Täuschung und Kriegsvorbereitung.
Drei Jahrzehnte wirtschaftliches Auf und Ab im postsowjetischen Russland deckten sich mit dessen langwieriger und schwerfälliger Kenntnisnahme der Klimakrise. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 hieß die Welt fünfzehn unabhängige Staaten willkommen, darunter Russland und die Ukraine. 1992 verabschiedeten die Vereinten Nationen ihr Rahmenübereinkommen über Klimaänderungen, in dem eine »gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems« eingeräumt wurde. In dem Jahr arbeitete Putin gerade in Sankt Petersburg, wo er den Außenhandel überwachte und einen ersten Vorgeschmack auf Korruption bekam. Aus dem Kyoto-Protokoll von 1997 ging der erste internationale Kontrollmechanismus für Emissionen hervor. 1998 konnte Russland aufgrund von Minenstreiks und der Finanzkrise seine Verpflichtungen nicht erfüllen. Inmitten dieser Unruhen wurde Putin zum Leiter des Inlandsgeheimdienstes (FSB) ernannt – seine Machtgrundlage für die kommenden Jahrzehnte. Im Jahr 2000 prägte der nobelpreisgekürte Chemiker Paul Crutzen den Begriff des ›Anthropozäns‹ und Putin wurde zeitgleich Präsident von Russland. 2004 übernahm Rex Tillerson, ein Ingenieur aus Texas, der auf russisches Öl spezialisiert war, die Geschäftsleitung bei ExxonMobil. Im selben Jahr begann in Kyjiw die Orange Revolution. 2005 lancierten ExxonMobil und die Koch-Brüder in den amerikanischen Medien eine umfassende Kampagne zur Klimawandelleugnung. 2008 tauschte Putin die Rollen mit seinem Adjutanten Dmitri Medwedew, der ein schwammiges Modernisierungsprogramm ausarbeitete. 2012 kehrte Putin von Protesten in Moskau begleitet in den Kreml zurück. Zwischen 2009 und 2011 versuchte »Climategate«, die wissenschaftliche Forschung zum Klimawandel zu diskreditieren. 2014 ebnete der Euromaidan der Entwicklung der Ukraine in Europa den Weg. Im Jahr dieser ›Revolution der Würde‹ besetzte und annektierte Putin die Krim. 2015 wurde das Pariser Klimaabkommen abgeschlossen. Von Putin unterstützt wurde Donald Trump 2016 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und ernannte Rex Tillerson zu seinem Secretary of State. Die USA traten 2017 aus dem Pariser Abkommen aus. Im Verlauf der globalen Covid-19-Pandemie, die 2019 in China ihren Anfang nahm, beklagte Russland die weltweit höchste Übersterblichkeit. 2020 verabschiedete die EU mit dem Europäischen Green Deal einen ehrgeizigen Plan zur Halbierung ihrer Emissionen. 2022 eskalierte Russland seinen Krieg gegen die Ukraine.
Das Verbrennen fossiler Treibstoffe verursachte die CO2-Emissionen, die zur Klimakrise führten. So einfach die Wahrheit war, so stark war das Interesse Einiger, sie zu leugnen. Russland war ein wichtiger Exporteur von Öl, Gas und Kohle. Klimabewusstsein, das begriffen Putins Expert*innen sehr wohl, stellte eine Bedrohung seiner existenziellen Interessen dar. Hervorragend beobachten lässt sich Russlands Klimawandelleugnung an den Schriften von Andrei Illarionow, der von 2000 bis 2005 Präsident Putins Wirtschaftsberater und später Senior Fellow am Cato Institute in Washington, D.C. war. Nach seinen ganze Bücher umfassenden Analysen, in denen er den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel leugnete, konstatierte Illarionow 2004, das Kyoto-Protokoll sei eine Art »internationaler Gosplan« (ein Verweis auf das staatliche Planungskomitee der UdSSR), nur viel schlimmer. Er behauptete gar, »das Kyoto-Protokoll [habe] Ähnlichkeit mit dem Gulag und Ausschwitz«. Die Verbindung? – Kyoto sei »ein Todesabkommen […] da sein wichtigstes Ziel darin besteht, Wirtschaftswachstum und Konjunktur in den teilnehmenden Ländern zu unterdrücken.«24 Damit sprach Illarionow einem Großteil der russischen Elite aus der Seele.
2009 veröffentlichten die anonymen »Climategate«-Hacker Tausende gestohlene private EMails in der Hoffnung, so zu beweisen, dass es sich beim Klimawandel um eine wissenschaftliche Verschwörung handelte. Zwei Jahre später folgten von einem russischen Server weitere 5000 EMails mit Klimabezug. Diese Cyberangriffe auf die Klimaforschung waren die Vorhut größerer Operationen, die die Politik des folgenden Jahrzehnts bestimmen sollten. Illarionow wurde später eifriger Unterstützer von Donald Trump. 2021 wurde er infolge seiner Behauptungen, der Angriff aufs Capitol sei eine »Falle« der Polizei gewesen, aus dem Cato Institute entlassen. In Interviews leugnete er mehrfach Russlands Mobilmachung bis zur schließlichen Invasion in der Ukraine. Das Cato Institute, ein libertärer von den Koch-Brüdern finanzierter Thinktank, diente der globalen Bewegung der Klimawandelleugnung als intellektuelles Zentrum. Der Vater der Brüder, Fred Koch, war auch der Vater der sowjetischen Raffinerieindustrie. Infolge seiner neuartigen Verfahren zum Cracken von Öl baute Koch zwischen 1929 und 1932 in der Sowjetunion fünfzehn Raffinerien auf. Zu Zeiten des stalinistischen Terrors wurden seine Freunde und Partner unter seinen Augen verhaftet und ermordet.25 Ebenso ernüchtert wie viele seiner Gesinnungsgenossen wurde Koch zum leidenschaftlichen Gegner der internationalen Linken; ich bezeichne das als Ayn-Rand-Syndrom.26 Schließlich verlegte Koch seine Geschäfte wieder zurück in die USA, unterstützte aber auch den Raffineriebau in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Seine Erben, Charles und David Koch, Eigentümer des größten Petrochemieunternehmens in den USA, stützten 2016 Trumps Kandidatur ambivalent. Ihr eigentliches Interesse bestand in der Verbindung zwischen dem Libertarismus und der Klimawandelleugnung, die so bezeichnend für den Putinismus ist.
Für die globalen Klimamaßnahmen stellte Russlands Leugnen ein strategisches Hindernis dar. Euroatlantische Staatsoberhäupter malten sich die CO2-Senkung als Prozess der Zusammenarbeit und des gemeinschaftlichen Opfers aus. Viele von ihnen hegten im Hinblick auf CO2-Senkung auch Zweifel und Unbehagen. Nur die Profiteure des Geschäfts mit Öl und Gas wussten sehr genau, wie viel für sie auf dem Spiel stand, sollte der Handel eingestellt werden. In Wahrheit wären die Verkäufer wesentlich schlechter dran als die Käufer. Aus verschiedenen Gründen unterschätzten Staatsakteur*innen und Klimaaktivist*innen diese strukturelle Asymmetrie. Etwas naiv hielten sie das Klimabewusstsein an sämtlichen Knotenpunkten des Handels mit fossilen Energien für gleichwertig. Doch Russlands Nichtteilnahme am Klimaabkommen machte aus der gemeinsamen Sache ein Nullsummenspiel.
