Sag, was Du denkst! - Thilo Spahl - E-Book

Sag, was Du denkst! E-Book

Thilo Spahl

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Beschreibung

Eine offene Debattenkultur ist der Kern jeder demokratischen Gesellschaft. Sprachvorschriften, Zensur, Drohung, Skandalisierung, Diffamierung sind die Instrumente der Cancel Culture. Ein falsches Wort auf Facebook, ein misslungener Witz oder zwei falsche Likes bei Twitter können schon genügen, damit die Disziplinierungsmaschine anspringt. Es steht nicht gut um die Meinungsfreiheit in Deutschland. In vielen Bereichen hat sich ein ängstlicher Konformismus breit gemacht. Besonders deutlich und besonders bedenklich ist das an Hochschulen, in der Politik und in den Medien. Es ist höchste Zeit, dass wir unkonventionelle, exzentrische, unbequeme Meinungen und harte Auseinandersetzungen wieder als Bereicherung betrachten. Wir müssen als Gesellschaft so selbstbewusst sein, auch hässliche, abwegige und „gefährliche“ Meinungen nicht zu unterdrücken, sondern ihnen im hellen Licht der Öffentlichkeit und im Vertrauen auf die Urteilsfähigkeit unserer Mitmenschen zu begegnen. Die Autoren dieses Bandes zeigen Probleme auf, analysieren Hintergründe, verdeutlichen den fundamentalen Wert von Meinungsvielfalt und plädieren für das Recht auf Redefreiheit ohne Wenn und Aber. Mit Beiträgen von: Robert Benkens, Detlef Brendel, Michael Bross, Nick Buckley, Ilka Bühner, Karim Dabbouz, Frank Furedi, Alexander Horn, Mick Hume, Carlos A. Gebauer, Christoph Lövenich, Sebastian Lüning, Milosz Matuschek, Sabine Mertens, Michael von Prollius, Thilo Spahl, Fritz Vahrenholt, Karo Voormann, Colin Wright und Kolja Zydatiss

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Thilo Spahl (Hg.)

Sag, was Du denkst!

Meinungsfreiheit in Zeiten der Cancel Culture

Eine offene Debattenkultur ist der Kern jeder demokratischen Gesellschaft. Sprachvorschriften, Zensur, Drohung, Skandalisierung, Diffamierung sind die Instrumente der Cancel Culture. Ein falsches Wort auf Facebook, ein misslungener Witz oder zwei falsche Likes bei Twitter können schon genügen, damit die Disziplinierungsmaschine anspringt.

Es steht nicht gut um die Meinungsfreiheit in Deutschland. In vielen Bereichen hat sich ein ängstlicher Konformismus breit gemacht. Besonders deutlich und besonders bedenklich ist das an Hochschulen, in der Politik und in den Medien. Es ist höchste Zeit, dass wir unkonventionelle, exzentrische, unbequeme Meinungen und harte Auseinandersetzungen wieder als Bereicherung betrachten. Wir müssen als Gesellschaft so selbstbewusst sein, auch hässliche, abwegige und „gefährliche“ Meinungen nicht zu unterdrücken, sondern ihnen im hellen Licht der Öffentlichkeit und im Vertrauen auf die Urteilsfähigkeit unserer Mitmenschen zu begegnen.

Die Autoren dieses Bandes zeigen Probleme auf, analysieren Hintergründe, verdeutlichen den fundamentalen Wert von Meinungsvielfalt und plädieren für das Recht auf Redefreiheit ohne Wenn und Aber.

ePub-Ausgabe ISBN 978-3-944610-83-2 Taschenbuch ISBN: 978-3-944610-81-8 1. Auflage 2021 / Novo Band 134 © Novo Argumente Verlag, Frankfurt 2021 Brönnerstr. 17, 60313 Frankfurtwww.novo-argumente.com Alle Rechte vorbehalten. Covergestaltung: www.elenareiniger.de Gestaltung und Satz E-Book: Erik Lindhorst

Inhalt

Thilo Spahl

Einleitung

Autorenübersicht

1.Meinungsfreiheit

Frank Furedi

Skepsis ist heutewichtiger denn je

Mick Hume

Ein Hoch auf die Ketzerund Querulanten

Alexander Horn

Demokratie ohne Volk

Sabine Mertens

Die sexuelle Revolutionfrisst nicht nur ihre Kinder

2.Meinungsvielfalt

Robert Benkens

Schule als Safe Space?

Kolja Zydatiss

Die Rückkehr derOrthodoxie

Sebastian Lüning und Fritz Vahrenholt

Kritik am Klima-alarmismus: Zwei Bücherund ihre Folgen

Michael Bross

Meinungsfreiheit in dermultipolaren Gesellschaft

3.Meinungsbildung

Karim Dabbouz

Das große Ordnen

Christoph Lövenich

Fakt ist…?

Carlos A. Gebauer

Ich fordere Deinungsfreiheit!

Michael von Prollius

Vom Wert der alternativenPerspektiven

4.Cancel Culture

Milosz Matuschek

Das Verführte Denken undseine Helfer

Interview mit Karo Voormann

„Der Zweck ist Einschüchterung aller anderen“

Colin Wright

Cancel Culture am eigenenLeib erfahren

Interview mit Nick Buckley

„Die Denunzianten sindFeiglinge“

Detlef Brendel

Kampf der Kulturen

Ilka Bühner

Vorsicht, Humor!

Thilo Spahl

Sag, was Dudenkst!

9. März 2021 in Deutschland: Eine Volontärin beim Bayerischen Rundfunk beschreibt in einem kurzen Videokommentar für das ARD-„Mittagsmagazin“, warum sie von gesprochenen Gendersternchen nichts hält. Sie endet mit den Worten: „Ich finde, wir sollten die Sprache endlich in Ruhe lassen und versuchen, das richtige Leben gerechter zu machen. Meine Meinung! Und Ihre?“ [1]

Sie wird daraufhin von einem Redakteur der Frankfurter Rundschau mit folgenden Worten öffentlich abgekanzelt: „Dieser Kommentar von @juliaruhs ist ein schönes Beispiel für schädlichen Journalismus. Die Kollegin argumentiert völlig jenseits des wissenschaftlichen Forschungsstandes und ventiliert ihre Ressentiments – und das noch mit rechten Kampfbegriffen wie „Genderunfug“.“ [2] In seinem Twitterprofil beschreibt sich der Redakteur so: „Journalist. Würde gern weniger über rechten Terror schreiben müssen.“ Er hat immerhin über 27.000 Follower.

9. März 2021 in Frankreich: Zwei Dozenten der französischen Hochschule Science Po Grenoble stehen seit Montag unter Polizeischutz. Zuvor hatten Studierende dort Plakate aufgehängt, auf denen die beiden mit vollständigen Namen als „Faschisten“ und als „islamophob“ bezeichnet worden waren. Fotos der Plakate wurden von einer Studentengewerkschaft im Internet veröffentlicht. Einer der beiden ist der deutsche Germanist Klaus Kinzler. Die Angriffe folgen auf einen Mail-Austausch mit einer Kollegin, in dem er den Begriff der Islamophobie kritisiert hat. Klaus Kinzler nimmt die Angriffe auf seine Person, gegen die ihn offenbar nur eine Minderheit seiner Kollegen zu verteidigen bereit ist, selbstbewusst und gefasst hin. In einem Interview äußert er sogar Verständnis für die Studenten. Diejenigen, die er kenne, seien „liebenswürdige Menschen, die mit Sicherheit nichts vortäuschen. Die fühlen sich wirklich verletzt. Einer von ihnen spricht im Unterricht immer von seiner Identität, die wir anderen nicht verstehen könnten. Der hat diese neue Doktrin komplett verinnerlicht.“ Sorgen macht er sich um seinen Kollegen, der ebenfalls ins Visier der Studenten geraten ist. Er sei ein konservativer Katholik, man könnte ihn im konservativen Flügel der CDU verorten, ein brillanter Kopf, der Unterricht mit Herzblut mache. Aber er kritisiere den Islamismus. „Und das ist einfach ein No-Go. Seine Frau hat große Angst um ihn. Da herrscht tatsächlich Panik zu Hause.“ [3]

9. März 2021 in England. Der Star-Moderator Piers Morgan äußert sich in seiner Show „Good Morning Britain“ beim Sender ITV abschätzig über Meghan Markle, und nimmt nach einem heftigen Proteststurm seinen Hut. Das große Interview mit Meghan und ihrem Ehemann Prinz Harry lief am Vorabend im selben Sender, der dafür rund eine Million Pfund bezahlte. Morgan tweetet: „Ich habe am Montag gesagt, dass ich Meghan Markle nichts glaube von dem, was sie im Oprah-Interview sagte. Ich hatte Zeit, über diese Ansicht nachzudenken und glaube ihr immer noch nicht. Wenn Sie es anders sehen, O.K. Ich bin glücklich, auf dem Hügel der Meinungsfreiheit zu sterben. Danke für all die Liebe und den Hass. Ich bin weg, um mehr Zeit mit meiner Meinung zu verbringen.“ [4]

Zu den Jobs von Meghan und Harry gehört es, für eine Million Dollar pro Auftritt Reden zu halten, die sich den Themen „Rassendiskriminierung, Geschlechtergleichheit, seelische Gesundheit, Frauen und Mädchen sowie Umweltschutz“ (und „intersektionales Zusammenhängen dieser Themen“) widmen. [5]

Die Momentaufnahme in drei Ländern zeigt uns also eine wissenschaftsfeindliche Journalistin im Dunstkreis des rechten Terrors, einen faschistischen Germanistikprofessor und einen rassistischen Fernsehmoderator. Nur: Die Journalistin ist überhaupt nicht wissenschaftsfeindlich, der Germanist ist überhaupt kein Faschist und der vermeintlich rassistische Moderator hat sich lediglich erdreistet, die Selbstinszenierung einer Fernsehprinzessin in der Opferrolle zu hinterfragen (im Gegensatz zur deutschen taz, wo man überzeugt ist, dass die Multimillionärin Markle im Gespräch mit ihrer Milliardärsfreundin Winfrey „den Alltag vieler Marginalisierter“ beschreibt [6]).

Die drei Beispiele haben mit Machtausübung zu tun. Die Sensibilität der Einen rechtfertigt die Unterdrückung der Anderen, die damit beginnt, sie einzuschüchtern, sie zu zwingen, genau darauf zu achten, was sie sagen, und die auch dazu führen kann, dass sie ihren Job, ihre soziale Existenz, im Extremfall ihr Leben verlieren.

Der Kampf gegen dieMeinungsfreiheit

Neben dem Machtmissbrauch der Gesinnungswächter und ihrer Empörungsgehilfen, die im Namen von Personenkollektiven auftreten, die sie oft nicht darum gebeten haben, beobachten wir ein zweites Phänomen: den offenen Kampf gegen die Meinungsfreiheit mit der Begründung, es gelte Bedrohungen der Demokratie (und neuerdings der Volksgesundheit) in Gestalt von „Hassrede“ und „Fake News“ abzuwehren. Diese Haltung, die offensichtlich mit einer gewissen Demokratiemüdigkeit einhergeht, hat zuletzt erschreckende Ausmaße angenommen. Demonstrationsfreiheit wurde massiv eingeschränkt, die Zensur im Netz wurde massiv ausgeweitet, Beiträge in den sozialen Medien werden massenhaft gelöscht, Accounts werden in großer Zahl gesperrt und sogar gelöscht, ganze Kanäle werden zerstört, wie das Beispiel des Kurznachrichtendienstes „Parler“ Anfang des Jahres zeigte. Kritiker von politischen Entscheidungen werden pauschal als Extremisten diffamiert.

Offene Diskussionen werden offenbar von einigen maßgeblichen Personen des öffentlichen Lebens als etwas ausgesprochen Lästiges betrachtet und daher als gefährlich denunziert. Kanzlerin Merkel hat schon zu Beginn der Pandemie den Begriff der „Öffnungsdiskussionsorgien“ geprägt. Diskussionen sind unanständig, sind gefährlich, sind „überhaupt nicht hilfreich“ (um ein weiteres geflügeltes Wort der Kanzlerin zu bemühen). Debatten sind immer dann gefährlich, wenn die falschen Menschen teilnehmen und diese die falschen Meinungen äußern.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang der Wandel des Wortes „Querdenker“. Bis Anfang 2020 war das ein positiv besetzter Begriff, mit dem man Menschen bezeichnete, die kreativ waren, sich über Konventionen hinwegsetzten und so die Diskussion belebten und das Aufbrechen verkrusteter Dogmen ermöglichten. Im Zuge der Corona-Krise ist der Begriff zum Ausdruck der Diffamierung geworden. Nun gut, könnte man sagen, die Verwendung von Wörtern unterliegt einem Wandel. Das ist nicht weiter schlimm. Und Auslöser dieses Wandels war die Vereinnahmung des Begriffs durch die nach ihm benannte Bewegung der Corona-Kritiker. Doch hier hat sich nicht nur der Begriff gewandelt. Es hat sich die Einstellung zu dem gewandelt, wofür er bisher stand. Wer die Orthodoxie herausfordert, ist heute kein Aufrüttler oder Innovator, sondern ein Verräter.

Weil sie falsche Überzeugungen haben (und zum Teil wirklich abstrusen Ideen anhängen), sollen immer mehr Menschen keine Bühne mehr haben. Als in Berlin im letzten Sommer eine große Corona-Demo verboten wurde, verdeutlichte Innensenator Andreas Geisel seine Haltung zur Meinungs- und Demonstrationsfreiheit mit den Worten: „Ich bin nicht bereit, ein zweites Mal hinzunehmen, dass Berlin als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird. Ich erwarte eine klare Abgrenzung aller Demokratinnen und Demokraten gegenüber denjenigen, die unter dem Deckmantel der Versammlungs- und Meinungsfreiheit unser System verächtlich machen.“ [7] Bis heute funktioniert diese Deckmantel-Rhetorik erstaunlich gut. Wer will sich schon für Leugner und Extremisten einsetzen?

Noch besser als Geisel beherrscht Robert Habeck das Spiel. Er schafft es sogar, George Orwell für den Kampf gegen die Meinungsfreiheit ins Feld zu führen. Der ist 70 Jahre tot und so erlosch zum Ende des Jahres 2020 das Urheberrecht an seinen Werken in Deutschland. Daher erscheinen gleich sechs Neuübersetzungen seines berühmtesten Buchs „1984“. Habeck schreibt im Vorwort einer dieser Neuübersetzungen, in dem er sich zur Hälfte dem Roman und zur Hälfte der AfD widmet: „[…] wir leben in der besten Demokratie, die es in Deutschland je gab, wir leben in der freiesten Gesellschaft, die wir je hatten –, und die Feinde der Freiheit, der Demokratie, des Rechtsstaats, sie zielen darauf, die Freiheit der Rede und der Gesellschaft durch gezielte Verantwortungslosigkeit zu zerstören.“ [8] Aus seiner Perspektive sind jene das Problem, die die Freiheit missbrauchen, um Böses oder Falsches zu sagen, und uns so zwingen, unsere schöne Redefreiheit einzuschränken. Orwell könnte mit einem Zitat aus „Farm der Tiere“ antworten: „Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, Leuten zu sagen, was sie nicht hören wollen.“

Das Versagen der Medien

Die Medien hätten die Aufgabe, die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Aber sie tun es zum großen Teil nicht, sondern schlagen sich auf die Seite der Empörungsaktivisten und jener Politiker, die die eigene Entfremdung von den Bürgern als heroischen Kampf gegen den Populismus umdeuten.

Ein Grund für das Versagen der Medien ist ihr Abwehrkampf gegen die sozialen Medien, die als Sprachrohr der Asozialen etikettiert werden. Diese Abneigung rührt zum einen daher, dass die kostenlosen Inhalte im Netz natürlich das Geschäftsmodell der traditionellen Medien untergraben. Zum anderen haben die alternativen Medien es geschafft, den etablierten bei einer der vornehmsten Aufgaben der Presse den Rang abzulaufen. Sie profilieren sich erheblich damit und erleben deswegen auch Zulauf, weil sie Kritik an den Herrschenden üben, also die Rolle der Vierten Gewalt übernehmen. Grund genug, sie zur Gefahr für die Demokratie zu erklären und Maßnahmen der Zensur zu befürworten.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist aufgrund der Finanzierung über Zwangsgebühren vor Wettbewerb geschützt, fühlt sich aber daher umso mehr dem Staat als Garanten dieses Einkommens verpflichtet und muss sich daher umso mehr den Vorwurf gefallen lassen, unkritisch zu sein. Aufgrund der politischen Orientierung eines offenbar großen Teils der Mitarbeiter hat er zudem das Problem der paternalistischen Tendenzen. Dies führt nicht nur zu viel wokem Programm, sondern auch zu teilweise peinlichen Versuchen, die Fortschrittlichkeit der Gesinnung durch gesprochene Gendersternchen u.ä. zu demonstrieren, oder Menschen, die sich gegen die Erhöhung der Rundfunkgebühren aussprechen, zu Feinden der Demokratie zu erklären.

Das Beschwören der Gefahr, die von falschen Meinungen ausgeht, führt unweigerlich dazu, dass Meinungsvielfalt und unterschiedliche Perspektiven im eigenen Programm möglichst weitgehend vermieden werden. Der „Tatort“-Regisseur Tom Bohn beschreibt die Situation beim Fernsehen: „[ …] ich denke, der Meinungskorridor in den Öffentlich-Rechtlichen ist zu schmal, auf beiden Seiten, nach links wie rechts. Sowohl im Feature- als auch im Nachrichtenbereich gibt es zu viel Political Correctness. […] Es hat sich ein System eingeschlichen, dass man sagt ‚bitte alles nur so, dass wir möglichst nirgendwo anecken‘, um auf keinen Fall für rechts, links, homophob, fremdenfeindlich oder sonstwas gehalten zu werden. Es gibt eine Mainstream-Fahrspur und wenn man die verlässt, wird man angegangen: Von Kollegen, von der Presse usw. – Das ist nicht korrekt. Für mich gehört es sehr wohl zur kreativen Arbeit, ebenso zur politischen Berichterstattung, dass auch mal kontroverse Thesen geäußert werden können.“ [9]

Das Versagen der Linken

Kämpfer für die Meinungsfreiheit waren in der Geschichte immer die Progressiven, also jene, die die jeweilige Orthodoxie infrage stellten, da sie wussten, dass die herrschende Meinung immer die Meinung der Herrschenden ist [10] und Freiheit immer die Freiheit der Andersdenkenden. [11] Es wäre auch heute eine Aufgabe der Linken, sich auf diese Tradition zu besinnen. Doch genau das Gegenteil ist zu beobachten. Der Kampf gegen die Meinungsfreiheit wird heute als „Kampf gegen rechts“ betrachtet. Cancel Culture gilt entweder als notwendiges Korrektiv oder als nicht existent und „Erfindung der Rechten“. Grotesk, aber wahr.

Meinungsfreiheit ist die Voraussetzung echter Demokratie. Demokratie besteht nämlich nicht darin, dass eine aufgeklärte Elite erstens dem Volk sagt, was richtig und falsch ist, und uns zweitens davor schützt, von anderen beleidigt oder verwirrt oder indoktriniert zu werden. Egal wie gut gemeint das sein mag, es ist dennoch Paternalismus und Entmündigung und damit letztlich Ausdruck der Verachtung normaler Menschen, die als schwach und anfällig für alles Böse betrachtet werden. Das hat mit Demokratie nichts zu tun. Demokratie basiert darauf, dass sich jeder frei eine Meinung bilden kann. Und es ist das Versagen der Linken, dass sie sich diesem paternalistischen Gesellschaftsbild viel zu sehr genähert hat. Und das Versagen der Liberalen, dass sie sich nicht klar gegen diesen Trend positionieren. Das Resultat ist, dass viele, dem Selbstverständnis nach linksliberale Menschen, einem Elitismus verfallen sind.

Glücklicherweise regt sich allmählich auch im linken politischen Spektrum Widerstand. Einer der überzeugendsten Kritiker dieser traurigen Entwicklung ist Bernd Stegemann. Er schreibt: „Die soziale Linke wollte die Menschen befreien, indem sie die beengten Verhältnisse aufsprengt. Die woke Linke will die Menschen erziehen und macht ihr eigenes Leben dabei zum Vorbild. Einst bedeutete ‚links‘ Emanzipation, heute bedeutet es Bevormundung.“ [12]

Wir haben in diesem Buch Beiträge versammelt, die die verschiedenen Aspekte des Kampfs gegen die Meinungsfreiheit beleuchten und gute Gründe für die Verteidigung der Meinungsfreiheit als Mutter aller Freiheiten vorbringen. Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre!

1Video in einem Tweet des ARD Mittagsmagazins, 09.03.2021.

2Tweet von Hanning Voigts, 10.03.2021.

3Martina Meister: „Fällt der Begriff Islamophobie, wird nur noch geprügelt“, Welt online, 09.03.2021.

4Zitiert nach: “Englands Presse in Aufruhr: Nächster Rücktritt wegen Meghan“, BR online, 10.03.2021.

5Paula Froelich: „Meghan Markle, Prince Harry set to make up to $1M per speech“, Page Six, 27.06.2020.

6Carolina Schwarz: „Oprah-Interview von Harry und Meghan: Eine Stimme für viele“, taz online, 08.03.2021.

7„Berlin verbietet Corona-Demonstrationen“, Pressemitteilung Berliner Senat, 26.08.2020.

8George Orwell: „1984. Mit einem Vorwort von Robert Habeck. Neu übersetzt von Lutz-W. Wolf“, dtv 2021.

9Tom Bohn: „Der Meinungskorridor ist zu schmal“, Planet Interview, 11.02.2021.

10„Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“ Karl Marx: „Die deutsche Ideologie“, MEW 3, 1932 [1846/], S. 46.

11„Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der ‚Gerechtigkeit‘, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die ‚Freiheit‘ zum Privilegium wird.“ Rosa Luxemburg: „Zur russischen Revolution“ in: dies.: „Gesammelte Werke“, Bd. 4, Berlin 1974, S. 359.

12Bernd Stegemann: „Die Doppelmoral der Disneyland-Linken“, Welt online, 19.03.2021.

1.MEINUNGSFREIHEIT

Frank Furedi

Skepsis ist heutewichtiger denn je

In einer Welt, in der in allen möglichen Bereichen, von Lockdowns bis Klimawandel, dogmatische Gewissheiten vorherrschen, sind kritische Fragen unbedingt erforderlich

Dank der Aufklärung, der Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens und der Technik konnte sich der skeptische Geist in der Neuzeit weitgehend wohl fühlen. Aber das gilt jetzt nicht mehr, wie es scheint.

Denn die Meinungsfreiheit, auf die die skeptische Betrachtung der Welt angewiesen ist, ist in den letzten Jahren immer mehr unter Beschuss geraten. Sie wird zunehmend als ein Problem, ein Risiko, eine Bedrohung dargestellt. Freie Meinungsäußerung schadet den Schwachen, heißt es, und macht die Schwachen zu Opfern. Politiker, Akademiker und Kommentatoren sprechen heute routinemäßig von der „Militarisierung der freien Rede“, meist durch ruchlose, rechtsextreme Kräfte. Eine Gruppe von Juraprofessoren von renommierten Ivy-League-Universitäten argumentierte kürzlich sogar, die Redefreiheit, die unter dem einst sakrosankten Ersten Verfassungszusatz geschützt ist, gefährde dank Trumps Gebrauch davon nun die Demokratie selbst. [1]

Dass die freie Meinungsäußerung – die eigentliche Voraussetzung für die Demokratie – mittlerweile als Bedrohung für selbige dargestellt werden kann, verdeutlicht, dass diejenigen, die die kulturellen und politischen Institutionen kontrollieren, in zunehmendem Maße nicht mehr bereit sind, abweichende Meinungen zu tolerieren. Und wenn die freie Meinungsäußerung als so bedrohlich angesehen wird, dann folgt daraus, dass diejenigen, die sie praktizieren, eine Gefahr für die Gesellschaft sind. Besonders jetzt, während der Pandemie. Dies ist offenbar das Schicksal des zeitgenössischen Skeptikers.

Schauen wir uns nur an, wie zuletzt über sogenannte Lockdown-Skeptiker gesprochen wurde. Sie wurden beschuldigt, „Blut an den Händen zu haben“ und „tödliche Überzeugungen“ zu vertreten. [2] Sie sollten geächtet, zensiert und gedemütigt werden. Ein Kolumnist des Guardian forderte sogar, einem bestimmten Wissenschaftler, der den Lockdown-Konsens kritisierte, den Zugang zu den Medien zu verwehren, um zu verhindern, dass er seine Meinung öffentlich vertreten kann. [3] Skeptizismus wird nun routinemäßig als gefährlich dargestellt, als etwas, das unterdrückt werden muss, damit wir nicht alle leiden. [4]

Es ist nicht nur die Kritik an Lockdowns, die unter Beschuss gekommen ist. Kritik an weiteren Ansichten des Establishments wird auf ähnliche Weise behandelt – nämlich als gefährlich oder bedrohlich. Tatsächlich haben die Versuche unserer kulturellen, politischen und bildungspolitischen Eliten, jegliche Kritik zu dämonisieren, zur breiteren Dämonisierung von Skepsis im Allgemeinen beigetragen. Denken Sie an den Schwefelgeruch, der denen anhaftet, die als Euroskeptiker oder Klimaskeptiker bezeichnet werden. Sie werden nicht als bloße Verfechter abweichender Meinungen dargestellt, sie werden uns als moralisch minderwertig und potenziell gefährlich verkauft.

Ebenso werden ihre Bücher, Artikel und Rundfunkauftritte so behandelt, wie mittelalterliche Kirchenautoritäten mit ketzerischen Texten umgegangen sind: als Quellen des Verderbens. Nehmen wir Joseph Stiglitz’ Rezension von Bjørn Lomborgs Buch „False Alarm: How Climate Change Panic Costs Us Trillions, Hurts the Poor, and Fails to Fix the Planet“. Der Wirtschaftsnobelpreisträger erklärt, dass „es geradezu gefährlich wäre, wenn es [Lomborg] gelänge, jemanden zu überzeugen“. [5]

Oder nehmen Sie die hysterische Kritik an den Autoren der „Great Barrington Declaration“, die die Lockdowns in Frage stellt, und Lockdown-skeptische Einzelpersonen wie Sunetra Gupta, eine Professorin für theoretische Epidemiologie an der Universität Oxford. Sie werden persönlich und beruflich verleumdet, und – noch beunruhigender – ihre Kritiker wollen sie aus der Öffentlichkeit verbannen. [6] Dies hat alle Merkmale einer modernen High-Tech-Hexenjagd.

Natürlich redet niemand davon, die Skeptiker bei lebendigem Leibe zu verbrennen oder sie zu ertränken. Aber das kulturelle und akademische Establishment scheint zu wollen, dass Skeptiker aus dem öffentlichen Leben entfernt werden. Insbesondere skeptische Wissenschaftler. Ihre Mainstream-Gegner fordern, dass Fernseh- und Radiomacher diese „randständigen“ Wissenschaftler nicht mehr mit dem angeblich fadenscheinigen Argument der journalistischen Ausgewogenheit in ihre Sendungen einladen. [7] Die Ansichten der Skeptiker, so wird unterstellt, haben einfach nicht das gleiche akademische und wissenschaftliche Gewicht wie die des Mainstream-Konsenses.

Dieses Argument ist nicht neu. Besorgt über die Präsenz des Klimaskeptizismus in den Medien behauptete die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes, dass die „Ethik des Journalismus nicht für die Wissenschaft funktioniert“. [8] Sie bestand darauf, dass Debatten über wissenschaftliche Themen nur von bezahlten Mitgliedern wissenschaftlicher Institutionen geführt werden sollten, deren Argumente in Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht wurden. Einem anderen Kommentator zufolge sei es eine Form von moralischer Feigheit, Klimaskeptikern Zugang zu den Medien zu gewähren, die vermutlich aus der Weigerung resultiere, sich auf die Seite der einen und einzigen Wahrheit zu stellen. [9]

Im vergangenen, von der Pandemie dominierten Jahr hat sich dieser Kreuzzug gegen die Skepsis verschärft. Zum Beispiel haben Big-Tech-Unternehmen wie YouTube, Twitter und Facebook die Zensur und Regulierung der Debatte über die Corona-Politik mit der Bedrohung durch die Pandemie gerechtfertigt. Als YouTube-Chefin Susan Wojcicki ankündigte, dass alles, was den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation widerspricht, entfernt werde, schien sie sich mit der Stimme Gottes auf Erden zu verwechseln.

Die moralische Abwertungdes Skeptikers

Historisch gesehen wurde der Ruf nach Zensur damit begründet, dass ein Text entweder politisch subversiv oder moralisch verderblich sei. Diese Rechtfertigung ist heute ein wesentlicher Bestandteil des Anti-Skepsis-Dogmas.

In dieser Hinsicht ist es bezeichnend, dass Stiglitz Lomborg vorwarf, mit seinem Buch „False Alarm“ „geistige Verschmutzung“ zu verursachen. Dieser Begriff erinnert an die Anschuldigung, die in früheren Zeiten gegen ketzerische und moralisch verdorbene Literatur erhoben wurde – nämlich, dass sie moralisch verunreinigend oder eine Form von moralischem Gift sei. So unterschied Josiah Leeds in „Concerning Printed Poison“ (1885) zwischen dem „obszönen“ und dem „verderblichen Einfluss billiger Romane“, die seiner Meinung nach zwar nicht „notwendigerweise schmutzig“ seien, aber dennoch eine „giftige“ Wirkung auf die Gesellschaft zeitigten. [10]

Natürlich werden die Skeptiker von heute nicht der Obszönität oder der moralischen Verderbtheit beschuldigt. Nein, sie werden des „Leugnens“ beschuldigt. [11] Dies ist ihre böse Tat, ihre Ketzerei. Indem man Skepsis als Leugnung kategorisiert, schreibt man der Ausübung des Skeptizismus eine böse Absicht zu. Der Skeptiker stellt also nicht eine Position des Establishments in Frage oder zweifelt sie an, sondern er leugnet die Wahrheit der Position des Establishments. Die quasi-religiöse Kraft dieser Strategie ist so groß, dass der Guardian, der größtenteils den Positionen des Establishments anhängt, 2019 seinen Styleguide aktualisierte und darin festgelegte, dass Klimaskeptiker von nun an als „Leugner der Klimawissenschaft“ bezeichnet werden sollten. [12] Es überrascht nicht, dass dieselbe rhetorische Strategie auch auf diejenigen angewandt wurde, die der Lockdown-Politik skeptisch gegenüberstehen, wobei Vorwürfe des „Corona-Leugnens“ in den sozialen Medien und in der Presse mittlerweile gang und gäbe sind. [13]

Die Idee des Leugnens ist sicherlich theologisch aufgeladen, leitet sie sich doch von der einst unverzeihlichen Sünde des Leugnens von Gottes Wort ab. Aber ein großer Teil seiner heutigen moralischen Kraft beruht auf der Assoziation mit der Leugnung des Holocausts. Dies ist der Begriff, der auf diejenigen angewandt wird, die die menschliche Tragödie des Holocausts leugnen und dadurch zu dessen nachträglichen Kollaborateuren werden – ein Akt der Leugnung, der zu Recht als böse angesehen wird. Denselben Begriff auf diejenigen anzuwenden, die die Position des Establishments zu Lockdowns oder zum Klimawandel in Frage stellen, ist ein grober Missbrauch des Vermächtnisses des Holocausts.

Traurigerweise ist solch schamloser Missbrauch der Shoah Standard unter den Feinden der Skepsis. Sie haben den Akt der Holocaustleugnung in ein allgemeines Übel verwandelt, eine frei schwebende Blasphemie, die allen möglichen skeptischen Positionen zugeschrieben werden kann. So formuliert z.B. eine Kommentatorin: „Leugnen ist schädlich und kann schlimme Auswirkungen haben. Die Leugnung des Klimawandels führt zur Unterlassung von Maßnahmen, die einen gesunden Planeten erhalten würden. Die Verleugnung von Masken führt zu einer erhöhten Ausbreitung und Sterblichkeit durch das Covid-Virus.“ [14]

Tatsächlich hat es oft den Anschein, die Moralapostel hätten sich so sehr daran gewöhnt, alles als Leugnung zu betrachten, dass sie nicht mehr wissen, wie eine Meinungsverschiedenheit aussieht. Das ist kaum verwunderlich. Der Vorwurf des Leugnens wird durch eine Intoleranz gegenüber jedem genährt, der die überlieferte Weisheit in Frage stellt.

Im Mittelalter war das Verbrechen der Ketzerei mit der Leugnung eines Glaubenssatzes der katholischen Kirche verbunden. Wenn Ketzer sich weigerten, von ihrem falschen Glauben abzulassen, wurden sie mit der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen bestraft. Diese Praxis blieb auch nach der Reformation bestehen. In England z.B. zogen Bartholomew Legatt und Edward Wightman den Zorn der Kirche von England auf sich, weil sie die Gottheit Christi leugneten. Beide wurden 1612 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Wightman gilt als der letzte Ketzer, der in England auf diese Weise hingerichtet wurde.

Die heutigen Leugner werden nicht als Sünder behandelt, die auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, sondern oft als psychisch kranke Individuen, die von der Mainstream-Debatte ausgesperrt werden müssten, während sie auf eine Therapie warten. Tatsächlich ist dies eines der charakteristischen Merkmale des zeitgenössischen antiskeptischen Denkens: die Psychologisierung derjenigen, die sich des Leugnens schuldig gemacht haben. Skeptiker liegen nicht nur falsch; sie sind auch krank. So wurde auf einer akademischen Konferenz 2009 allen Ernstes die Frage gestellt, ob diejenigen, die den Klimawandel leugnen, „an einer Sucht nach Konsum leiden“. [15]

Leugnen ist sogar Teil des Vokabulars der Psychologie geworden. Es wird als Abwehrmechanismus beschrieben, der einen Patienten von der Realität abschirmt. [16] Als quasi-diagnostische Kategorie eingesetzt, verwandelt der Leugnungsbegriff die Skepsis in ein psychologisches Problem. Mit dem Skeptiker, der als Leugner begriffen wird, darf nicht auf Augenhöhe debattiert werden. Er ist als moralisch und geistig minderwertig zu behandeln. So erklärt Celeste Kidd, eine Kognitionswissenschaftlerin in Berkeley: „Wir wissen noch nicht, ob man Menschen die Neigung, an zweifelhaften Überzeugungen festzuhalten, abtrainieren kann […]. Wenn Menschen sich ihrer Fehlbarkeit bewusst sind, könnte man ihnen beibringen, ihr Verhalten entsprechend zu mäßigen. Wir untersuchen die Realisierbarkeit dieser Idee. Wir werden es testen und sehen, ob es klappt. Denn so funktioniert Wissenschaft.“ [17]

Wenn „Wissenschaft“ wie Gehirnwäsche „funktioniert“, dann steckt die Gesellschaft in großen Schwierigkeiten. Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass „Wissenschaft“ in der Sowjetunion so praktiziert wurde, dass diejenigen, die abweichende Ansichten vertraten, routinemäßig als psychisch gestört diagnostiziert wurden. Überraschend ist das nicht. Die Pathologisierung der Skepsis erlaubt es den in Machtpositionen Stehenden, Kritiker nicht nur als falsch, sondern auch als krank abzutun.

Was ist Skeptizismus?

In einer Zeit, in der Skepsis routinemäßig von den Verfechtern des Status quo verleumdet und verdammt wird, ist es wichtig zu klären, was der Begriff wirklich bedeutet und warum wir ihn verteidigen sollten.

Als philosophische Einstellung gibt es den Skeptizismus schon seit den alten Griechen. „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagte Sokrates. Er meinte damit, dass Unwissenheit der Ausgangspunkt für eine konsequente Suche nach der Wahrheit ist. Dies charakterisiert die bestimmende Haltung des Skeptikers: die Aussetzung des Urteils. Ein Skeptiker ist also jemand, der nicht entschieden hat oder nicht in der Lage ist, zu entscheiden, was wahr, richtig oder gut ist.

Diese Aussetzung des Urteils bedeutet nicht unbedingt eine Verweigerung des Urteils. Sie kann die Aufschiebung des Urteils bedeuten, während der Skeptiker das vorliegende Problem weiter erforscht. Im Gegensatz zum Zweifel, der ein negatives Urteil hinsichtlich der Wahrheit beinhaltet, stellt die Skepsis eine Vorform des Urteils dar. Sie steht im Gegensatz zu Dogmen und einer Haltung der unhinterfragten Gewissheit. In manchen Fällen kann die Aussetzung des Urteils natürlich ein Akt des Ausweichens sein. Aber die Aussetzung des Urteils kann auch ein Auftakt zu einer Verpflichtung sein, auf der Suche nach Klarheit und Wahrheit weiterzuforschen.

Als philosophische Orientierung stellt der Skeptizismus eine Herausforderung für die allzu menschliche Versuchung dar, sich einem Dogma hinzugeben. Für die alten Griechen ging es beim Skeptizismus nicht darum, eine bestimmte Behauptung nicht zu glauben oder zu leugnen. Der echte Skeptiker behauptete selten zu wissen, dass eine bestimmte Aussage falsch sei. Skepsis bedeutete Untersuchung. Obwohl er durch eine komplexe Reihe von Gründen motiviert sein kann, liegt dem Skeptizismus die Überzeugung zugrunde, dass die Wahrheit schwer zu entdecken ist.

Wie jede gute Idee sollte auch der Skeptizismus nicht dogmatisch verfolgt werden. Es gibt keinen Grund, die Idee des Wissens im Allgemeinen im Interesse einer unendlichen, skeptischen Untersuchung aufzugeben. Eine skeptische Vernunft akzeptiert die Ergebnisse z.B. wissenschaftlicher Forschung als wahrscheinlich und ist lediglich offen für die Möglichkeit, dass sie in Zukunft modifiziert und sogar verworfen werden müssen.

Dieses Potenzial, Wissen zu entwickeln, ohne den Anspruch auf Gewissheit oder die Entdeckung der Wahrheit zu erheben, ist in der heutigen, ausgesprochen unsicheren Welt von entscheidender Bedeutung. Es ist nicht nur für die Entwicklung der Wissenschaft essentiell, sondern auch für das Gedeihen eines demokratischen öffentlichen Lebens. Es kann keine Freiheit des Denkens geben ohne das Recht, skeptisch zu sein. Deshalb ist die heutige Dämonisierung des Skeptikers – als Leugner, Verderber, moralisch Minderwertiger – nicht nur Ausdruck polemischer Exzesse seitens der Unterstützer des Establishments; sie ist auch ein Angriff auf den menschlichen Forschergeist selbst.

Die Gesellschaft braucht Skepsis, um sich zu entwickeln. Skepsis ermutigt die Gesellschaft, Annahmen und selbstverständliche „Fakten“ in Frage zu stellen, die sonst erstarren und zu Dogmen werden könnten. Sie ermöglicht es unserem intellektuellen Leben, sich neuen Erfahrungen zu öffnen. Kurz gesagt, sie ist das Gegenmittel gegen ein Übermaß an Gewissheit.

Eine skeptische Haltung ist gerade jetzt besonders wichtig. In diesem gefährlichen Moment, in dem die Menschheit mit der tödlichen Bedrohung Covid-19 konfrontiert ist, besteht die Versuchung, die Debatte zu schließen und die Redefreiheit einzuschränken. Unter den aktuellen Umständen können abweichende Meinungen leicht als Bedrohung für die Gesundheit der Menschen karikiert werden. Manche meinen gar, dass die Debatte selbst ein Luxus sei, den wir uns nicht mehr leisten könnten. Doch gerade in einer Notsituation wie der Pandemie werden Debatte und freie Meinungsäußerung unverzichtbar. Sie sind die Mittel, mit denen wir die Kreativität und die Weisheit der Menschen freisetzen können, um die Krise zu bewältigen, in der wir uns jetzt befinden.

Der Biologe Thomas Henry Huxley schrieb im 19. Jahrhundert, dass „Skepsis die höchste aller Pflichten ist; blinder Glaube die unverzeihliche Sünde“. Heute mehr denn je ist es wert, diese Aussage zu beherzigen. Unsere zukünftige Freiheit könnte davon abhängen.

1Thomas B. Edsall: „Have Trump’s Lies Wrecked Free Speech?“, New York Times online, 06.01.2021.

2Yasmin Anwar: „Coronavirus skeptics, deniers: Why some of us stick to deadly beliefs“, Berkeley News online, 26.03.2020.

3Owen Jones: „Giving people false hope about the pandemic isn’t ‚balanced‘ – it’s dangerous“, Guardian online, 01.01.2021.

4„The Guardian view on Tory lockdown sceptics: a dangerous trend“ (Editorial), Guardian online, 04.11.2020.

5Joseph E. Stiglitz: „Are We Overreacting on Climate Change?“, New York Times online, 27.07.2020.

6Peter Geoghegan: „Now the Swedish model has failed, it’s time to ask who was pushing it“, Guardian online, 03.01.2021.

7Guardian-Redakteurin Carole Cadwalladr twitterte z.B.: „Warum in aller Welt verspürte @BBCr4today das Bedürfnis, den Ansichten der Lockdown-Gegnerin @SunetraGupta ausgerechnet heute eine Plattform zu geben? Das ist nicht nur schlechte public health, sondern auch schlechter Journalismus.“ (05.01.2021).

8Jonathan Wolff: „The ethics of journalism don’t work for science“, Guardian online, 03.07.2007.

9Mark Lynas: „Neutrality is cowardice“, New Statesman online, 30.08.2007.

10Zit. n. Frank Furedi: „The Power of Reading“, Bloomsbury Academic 2015, S. 141.

11Keith Kahn-Harris: „Denialism: what drives people to reject the truth“, Guardian online, 03.08.2018.

12Damian Carrington: „Why the Guardian is changing the language it uses about the environment“, Guardian online, 17.05.2019.

13Paul Mason: „The Covid deniers have been humiliated but they are still dangerous“, New Statesman online, 06.01.2021.

14Prudy Gourguechon: „What No COVID Risk? No Climate Change? How To Overcome Toxic Denial“, Forbes online, 19.10.2020.

15Zit. n. Ken Mclaughlin: „Surviving Identity“, Routledge 2012, S. 102.

16Vgl. Megan Marples: „Pandemic denial: Why some people can’t accept Covid-19’s realities“, CNN online, 16.08.2020.

17Zit. n. Anwar, s. Anm. 1.

Mick Hume

Ein Hochauf die Ketzer undQuerulanten

Redefreiheit ist nicht nur etwas für die höflichen Verfechter eines ‚zivilisierten‘ Diskurses. Sie muss vor allem für jene gelten, die anecken – die Häretiker

Meiner Meinung nach – die ich hoffentlich immer noch äußern darf – konzentriert sich die Diskussion über Meinungsfreiheit heute zu sehr auf Themen wie „freie Rede und zivilisierter Diskurs“. Gelehrte Experten halten Vorträge über die Bedeutung der freien Meinungsäußerung im Rahmen einer zivilisierten Debatte über wichtige Fragen der Gesellschaft, als Mittel, um unsere Differenzen zu überwinden und um zu einer rationalen, begründeten Schlussfolgerung zu gelangen.

Daraus folgt, dass sie die Meinungsfreiheit für respektable Wissenschaftler, Aktivisten der Zivilgesellschaft und BBC-Comedians verteidigen wollen, aber weniger die der schimpfend-rechthaberischen Online-Randalierer oder gar die eines Großmaul, das zufällig zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden war.

Manchmal scheint es, als ob die freie Meinungsäußerung Gefahr läuft, ein eher höfliches Mittelklasse-Thema zu werden, ein weiterer wichtiger Teil unseres kulturellen Lebens, der von den Experten und der kleinbürgerlichen Supper-Party-Avantgarde kolonisiert und monopolisiert wird. Kein Wunder, dass manche, darunter so glühende Verfechter der freien Meinungsäußerung wie Lionel Shriver, sich inzwischen von der ganzen Debatte gelangweilt zeigen. [1]

Was die Free-Speech-Elite über die Wichtigkeit einer offenen Diskussion und eines respektvollen Diskurses sagt, stimmt soweit natürlich. Aber es geht nicht annähernd weit genug. Redefreiheit ist nicht nur zur Konfliktlösung oder zum Erreichen der richtigen Schlussfolgerung bedeutsam. Es geht nicht nur um Ergebnisse. Es geht um den Ausdruck von Freiheit, nicht nur als Mittel, sondern als Zweck an sich.

Orthodoxie und Häresie

Die Redefreiheit ist das, was uns in der Geschichte als eine Gesellschaft unabhängiger, moralisch autonomer Individuen auszeichnet. Wie sagte schon der große Niederländer aus der Zeit der Aufklärung, Spinoza, vor etwa 350 Jahren: „In einem freien Staat darf jeder denken, was er will, und sagen, was er denkt“. Es ist der ultimative Ausdruck unserer Freiheit, dass wir für uns selbst denken dürfen, in welche Richtung das auch immer führen mag. Und wir müssen diese Freiheit für jeden, jede oder jeden genderfluiden Einzelnen verteidigen, oder für niemanden.

Aus diesem Grund gilt die Redefreiheit nicht nur für die Höflichen, die Nüchternen, die (nach eigener Einschätzung) Wichtigen oder die politisch Korrekten. Aus dem gleichen Grund führt die freie Meinungsäußerung, wo immer sie wirklich ausgeübt wird, dazu, dass Meinungen und Ideen geäußert werden, die für den Seminarraum einer Universität oder den Tisch einer Abendgesellschaft als ungeeignet erscheinen. So ist das Leben in Spinozas „freiem Staat“.

Um dem Kampf für die Meinungsfreiheit heute mehr Leben einzuhauchen, sollten wir vielleicht versuchen, uns auf eine seiner Wurzeln zu besinnen, nämlich auf den Begriff der Häresie. Diejenigen, die als Ketzer und Gotteslästerer gebrandmarkt wurden, waren oft die Helden des historischen Kampfes für die Meinungsfreiheit. Was als Ketzerei angesehen wird, hat sich in verschiedenen Gesellschaften und Epochen verändert. Eine Sache, die geschichtlich relevante Ketzer gemeinsam hatten, ist jedoch, dass sie nicht auf einen höflichen Meinungsaustausch oder ein ruhiges Leben aus waren.

Ketzerei wird allgemein definiert als ein Glaube, der im Gegensatz zur orthodoxen religiösen Meinung steht; oder in nicht-religiöser Hinsicht als eine Meinung, die in tiefem Widerspruch zu dem steht, was allgemein akzeptiert ist.

---ENDE DER LESEPROBE---