Sagen, was ist? - Dieter Elendt - E-Book

Sagen, was ist? E-Book

Dieter Elendt

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Beschreibung

Kann man sagen, was ist? Wohl nur, wenn man weiß, was ist, wenn man glaubt, zu wissen, was ist - oder wenn man einfach das Sagen und damit die Macht hat. Der Autor geht dieser Frage und ihrer praktischen Bedeutung im Journalismus anhand von drei Beispielen, die kontrovers diskutiert werden, nach. Das Büchlein ist nicht nur für Journalisten geschrieben, sondern auch für alle diejenigen, die das Gefühl haben, dass manchmal nicht alles stimmt (ohne gleich von "Lüxenprewsse" zu reden). Der Lösungsvorschlag des Autors beruht auf einer tiefen Überzeugung: Wahrheit entsteht zu zweit.

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Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt:

Journalismus

Drei Beispiele

Klima

Impfung

Homöopathie

(Dreiundzwanzig kommentierte Argumente gegen Homöopathie)

Zusammenfassende Thesen

"Wenn ich ein Wort verwende", sagte Humpty Dumpty [...], "dann bedeutet es genau das, was ich will – nicht mehr und nicht weniger."

"Es ist nur die Frage", sagte Alice, "ob Sie Wörter einfach so sehr Unterschiedliches bedeuten lassen können."

"Es ist nur die Frage", sagte Humpty Dumpty, "wer hier das Sagen hat – so sieht's aus."

Lewis Carroll ("Alice hinter den Spiegeln")

Sagen, was ist

DER SPIEGEL

Als Humpty-Dumpty-Argumente werden Behauptungen bezeichnet, (1.) die in einer Diskussion als gültig angeführt werden, ohne dass eine andere Begründung für sie angegeben wird als die Berufung auf faktische Macht, die es erlaubt, auf wirkliche Argumente zu verzichten, oder (2.) in denen Worte mit einer Bedeutung gebraucht werden, die von der allgemein akzeptierten Bedeutung in krasser Weise abweicht.

Wikipedia

A) Journalismus an sich

When the legend becomes fact, print the legend.1

Hinter dem Spiegel (oder: im Schatten)

2017 veröffentlichte ich ein Büchlein, in dem ich meine Korrespondenz mit verschiedenen führenden und als seriös geltenden Medien bzw. deren Vertretern zum Thema "Homöopathie" darlegte2. Nein, das stimmt nicht ganz. Ich veröffentlichte nur einen Teil dieser Korrespondenz, da mir nur eine einzige beteiligte Person die Genehmigung zum Abdruck ihres Teils der Korrespondenz erteilte. So musste ich die anderen Antworten, die ich erhielt, schwärzen.

Alle jene Medien, um die es ging, haben von mir ein Exemplar jenes Büchleins erhalten. Ich habe keine einzige Antwort bekommen.

Korrespondenz mit Journalisten zum Thema Homöopathie habe ich weiter geführt, aber ich möchte davon absehen, sie abermals zu veröffentlichen, obwohl es diesmal nicht erforderlich wäre, die Antworten zu schwärzen, denn ich habe in der Zwischenzeit keine einzige inhaltlich relevante Antwort erhalten. Ich hatte eigentlich beschlossen, dass ich keine weitere Veröffentlichung zu diesem Thema herausbringen will.

Warum nun doch? Es hat zwei Gründe: Ich denke, dass die Betrugsgeschichte um den Reporter Relotius, die den SPIEGEL getroffen hat, weitergehendes Nachdenken erfordert als nur die Frage zu beantworten, wie man solchen Betrug künftig vermeiden kann. Ich halte klare Fälle von Betrug nur für die Spitze des Eisberges. Was da sonst noch unter Wasser schwimmt, hinter dem Spiegel verborgen ist oder sich im Schatten befindet, kann kaum abgeschätzt werden.

Der zweite Grund hat mit der Weihnachtsansprache des deutschen Bundespräsidenten 2018 zu tun, in der er anmahnte, dass wir auch mit Menschen reden sollten, die nicht mit uns einer Meinung sind.

Das möchte ich sehr gern, habe es versucht (leider mit wenig Erfolg) und werde es weiter versuchen.

Es gibt aber Leute, die das nicht wollen, auch wenn sie es immer wieder behaupten. Sagen wir besser, dass sie es nicht tun, denn über das Wollen kann man nur urteilen, wenn es zu Taten führt. "Ich hätte ja eigentlich gewollt..." ist eine Formulierung, deren Relevanz man anzweifeln kann.

Damit wird die Auseinandersetzung, die ich ursprünglich über die Homöopathie führen wollte, allgemeiner. Es geht letztendlich um die Frage, wie jeder einzelne Mensch damit umgeht, dass es andere Menschen gibt, die eine andere Meinung vertreten.

Von meinen speziellen Erfahrungen mit der Homöopathie werde ich also diesmal zunächst mehr ins Allgemeine gehen, was heißt, dass ich unter anderem die Frage stellen werde, wie die großen Medien ihre Meinung (und damit unsere) bilden. Danach werde ich drei Themen-Beispiele nennen. Von dem ersten verstehe ich durchschnittlich viel, vom zweiten etwas mehr und beim dritten – der Homöopathie – bin ich Experte.

Wieder werde ich dieses Büchlein an alle großen Redaktionen schicken und ich hoffe, dass ich diesmal von irgendwoher eine Antwort bekomme.

Zwei Sachen müssen im Voraus noch erwähnt werden: Auch wenn das Frontispiz und auch manche andere Bemerkungen deutlich auf den "SPIEGEL" weisen, betone ich doch ausdrücklich, dass es sich um ein grundlegendes Problem der Medien handelt, das nicht nur den SPIEGEL betrifft. Im Besonderen (Homöopathie) glaube ich, das zeigen zu können. Im Allgemeinen ist es zumindest wahrscheinlich.

Und zweitens erfüllt dieses Büchlein keinen wissenschaftlichen Anspruch. Es ist vielmehr – wie sein Gegenstand – als ein "journalistischer" oder essayistischer Beitrag zu verstehen. Dementsprechend wird auch das Literaturverzeichnis wissenschaftlichen Kriterien nicht gerecht, sondern orientiert sich vor allem an den journalistischen Quellen, denn darum geht es ja auch.

Die zitierten Internet-Adressen entsprechen dem Stand vom 9.3.2019.

Dieter Albin Elendt, Icod de los vinos, März 2019

[email protected]

Die Gedanken sind frei, Wer kann sie erraten, Sie ziehen vorbei, Wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, Kein Jäger erschießen, Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!

Ich denke was ich will, Und was mich beglücket, Doch alles in der Still', Und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren Kann niemand verwehren, Es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!

Über Gedanken- und Meinungsfreiheit.

Die Gedanken sind frei.

Dieses alte Lied (es ist in seinen Grundzügen sehr alt3) sangen wir am Gründungsfeiertag der sogenannten DDR über Jahre hinweg im kleinen Kreis (und nicht nur die hier wiedergegebenen ersten zwei Sprophen), wohl wissend, dass das Regime über unsere Gedanken keine Macht hatte, da sie eben kein anderer Mensch wissen kann.

SCHILLERS Wort Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire4 habe ich daher nie verstanden. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen. Das stimmt zweifellos. Niemand kann meine Gedanken kennen, obwohl es reichlich Anstrengungen gegeben hat – praktisch und fiktiv –, solches zu versuchen. Eher kann man schon Gefühle sich erschließen, denn sie werden unbewusst nach außen getragen. Aber Gedanken sind nicht einsehbar.

Aber sind es meine Gedanken? Nietzsche stellte sich die Frage, ob ich es bin, der denkt oder ob nicht etwa ein "Es" in mir denkt und ich mir diese Gedanken nur aneigne und als Plagiat als meine ausgebe. Eine Frage, die sehr schwer zu beantworten ist.

Und was ist mit der Meinung? Meinung scheint noch privater zu sein als Gedanke. Sie ist ja "mein". Aber eigentlich kommt "Meinung" von "meinen", was ja auch etwas mit mir zu tun hat. Und schon sind wir bei Humpty Dumpty: Es bedeutet ganz genau, was ich will, nicht mehr und nicht weniger. Oder: Es ist genau so, wie ich meine.

Ein Gedanke muss immerhin gewisse Bestimmungsstücke aufweisen, um als solcher gelten zu können. Eine Meinung kann beliebig sein und bedarf keiner Begründung. Wenn jemand der Meinung ist, die Erde sei hohl und wir lebten an der Innenseite, so ist das völlig ok. Derselbe Gedanke bräuchte irgendeinen Beleg – und sei er noch so weit hergeholt.

Deshalb ist z.B. Hannah ARENDT ganz gewiss für Meinungsfreiheit, sie schätzt aber bloße Meinungen wegen ihrer Beliebigkeit gering und fordert Begründungen, um Meinungen zu qualifizieren.

So privat Meinung auch ist, ist sie doch sehr beeinflussbar. Der ebenso zynische wie geniale Werbespruch der BILD-Zeitung BILD Dir Deine Meinung zeugt davon. Ich halte es auch für richtig, wenn Gedanken und Meinungen nicht ein für allemal feststehen, sondern modifiziert werden können. Leider öffnet das andererseits Tür und Tor für bewusste oder unbewusste Manipulation von außen. Meine Gedanken und Meinungen sind also nicht unbedingt und gewiss meine Meinungen. Meine Weltsicht geschieht zum Teil auch durch die Augen von Journalisten5.

Ich denke, was ich will und was mich beglücket.

Das zu denken, was mich beglücket, ist eine Einschränkung, die ich überhaupt nicht befürworten kann (gleichwohl das Recht eines jeden Menschen). Schön wäre es ja, wenn wir so verfahren könnten, aber es gibt heute so viele Sachen zu bedenken, die wirklich nicht beglückend sind, und dennoch fordern, dass wir uns (zumindest) in Gedanken mit ihnen befassen – um des Überlebens willen.

Doch alles in der Still' und wie es sich schicket.

Dabei läuft es mir eiskalt der Rücken hinunter. Wirklich eiskalt. Wie es sich schicket bedeutet nichts weiter als eine gesellschaftlich definierte Einschränkung des Denkens, die ich als inakzeptabel ansehe. Und in der Still' heißt, dass man wohl denken, aber nicht sagen darf.

Diese Zeile führt uns zur zweiten Stufe der Gedanken- und Meinungsfreiheit: dem Recht, jede beliebige Meinung bzw. jeden beliebigen Gedanken auch äußern zu dürfen. Dieses Recht ist mit gewissen Einschränkungen auch im Grundgesetz und in den Gesetzen Deutschlands fixiert.

Bei der ersten Stufe der Meinungsfreiheit gab es noch keine Einschränkungen. Sie wären auch nicht durchsetzbar, weil

Verstöße nicht verifiziert werden können – außer vielleicht durch Folter.

Die Einschränkungen der zweiten Stufe sind noch gering. In Deutschland ist es etwa verboten, den Holocaust öffentlich zu leugnen. Ansonsten darf weitgehend jeder sagen, was er will, wenn es sich dabei nicht um den Aufruf zu Straftaten handelt6.

Man könnte denken oder meinen, dass damit die Meinungsfreiheit schon gewährleistet ist. Theoretisch ist dem auch so.

Man könnte aber als eine dritte Stufe der Meinungsfreiheit annehmen, dass jeder das Recht haben sollte, in der Äußerung seiner Meinung auch öffentlich gehört zu werden.

Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Man kann wohl dieses Recht auf Anhörung einfordern, man kann aber nicht die Pflicht der anderen zum Zuhören einfordern. Es gibt Kompromisse, wie etwa speakers corner im Hyde Park. Die Möglichkeit, gehört zu werden, ist aber ein elementares Recht, das sich unmittelbar an das Recht zur freien Meinungsäußerung anschließt.

Leider besteht dieses Recht oftmals nur theoretisch. Und auch – um wieder eine Stufe zurück zu gehen – das Recht zur freien Äußerung ist irgendwie nur theoretisch existent, wenn es niemanden gibt, der zuhört.

Hierzu möchte ich John Stuart MILL zitieren (Über die Freiheit, im englischen Original 1859"):

Und da es nur wenige Geisteseigenschaften gibt, die seltener sind als diejenige richterliche Fähigkeit, die ein einsichtsvolles Urteil fällen kann, zwischen zwei Seiten einer Frage, wovon nur der Anwalt der einen gegenwärtig ist, so hat die Wahrheit nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn jede Seite, jede Meinung, die irgendein Bruchteil der Wahrheit verkörpert, nicht nur Anwälte findet, sondern auch solche findet, die angehört werden.

Dem mag ich vom Geiste her nahezu vollständig zustimmen, obwohl es ein paar Probleme gibt:

Zunächst einmal ist zu sagen, dass es John Stuart MILL um Wahrheit geht und dass er meint, dass die Wahrheit nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn alle Seiten gehört werden, die ein Bruchteil der Wahrheit enthalten.

Da beißt sich die Katze natürlich in den Schwanz. Um der Wahrheit eine Aussicht auf Erfolg zu geben, sollen wir alle Seiten zu Wort kommen lassen, die einen Bruchteil der Wahrheit enthalten.

Um zu entscheiden, welche Seiten einen Anteil der Wahrheit haben, müssten wir jedoch bereits wissen, was die Wahrheit ist. Das ist es, was ich mit der Katze und dem Schwanz meine. Dennoch hat die Vorgehensweise, die Wahrheit zu finden (oder es zu versuchen), indem man alle anhört, eine lange Tradition.

Meines Wissens geht sie auf Sokrates zurück.

Seine Suche nach der Wahrheit fand ja immer im Dialog statt, meistens zu zweit und manchmal zu mehreren. Fast immer stellte er Autoritäten in Frage (außer im "Symposion" bei Diotima) und immer war sein Ziel, sich der Wahrheit anzunähern, auch wenn er dabei manchmal wieder von vorn beginnen musste.

Ich will jetzt nicht darüber mutmaßen, was die Suche nach der Wahrheit mit dem Schierlingsbecher zu tun gehabt haben könnte.

Von Sokrates ausgehend fällt mir Hannah ARENDTS großartiger Essay über den griechischen Denker ein7, der letztendlich in der Aussage gipfelt: "Wahrheit entsteht zu zweit".

Das mag ich als groß bezeichnen. Nicht mehr ist die Rede von der Wahrheit, die wir finden könnten oder auch nicht. Vielmehr ist die Rede von Wahrheit als etwas Entstehendem und als Entstehendem auch Veränderlichem.

Und natürlich fällt mir Karl POPPER ein mit seinem Plädoyer für die offene Gesellschaft, die in eben jenem Dialog besteht8. Und es fällt mir die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten von 2018 ein.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wir haben es, Sie haben es in der Hand: Sprechen Sie mit Menschen, die nicht Ihrer Meinung sind! Sprechen Sie ganz bewusst mal mit jemandem, über den Sie vielleicht schon eine Meinung haben, mit dem Sie aber sonst kein Wort gewechselt hätten. Ein Versuch ist das wert. Das ist mein Weihnachtswunsch an Sie. Und das ist auch mein eigener Vorsatz für das nächste Jahr. Lassen Sie uns dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft mit sich im Gespräch bleibt!

Wunderbar! dem mag ich vollkommen zustimmen. Der Bundespräsident spricht mir wirklich aus dem Herzen (und er hat mit seinen Worten dazu beigetragen, dass ich dieses Büchlein geschrieben habe)

ABER:

Es bleibt ein kleiner schwarzer Punkt inmitten der heilen Welt des Dialogs.

Im Erbgut der Stadt der Gerechten verbirgt sich eine Saat des Bösen; Gewissheit und Stolz, im Recht zu sein – und dies mehr als so viele andere, die sich gerechter denn gerecht nennen – gären zu Ärgernissen, Rivalitäten, Racheakten, und der natürliche Wunsch, sich an den Ungerechten schadlos zu halten, färbt sich mit dem leidenschaftlichen Verlangen, ihre Stelle einzunehmen und desgleichen zu tun.9

Dieser kleine schwarze Punkt beginnt schon bei Sokrates, denn auch Sokrates wusste irgendwann, dass er Recht hat. Seine berühmte Aussage, dass er wisse, dass er nichts weiß, aber gerade deswegen der Klügste sei, kann man auch als eine ungeheure Selbstüberschätzung ansehen. Ich muss sagen, dass ich mich ein wenig vor Sokrates fürchte, obwohl er mein Freund ist. Ich fürchte mich ein wenig vor ihm, weil er immer Recht hat. Und weil er das weiß10.

Aber wer möchte nicht in einer Diskussion über den Gegner obsiegen? Derjenige, der an einer Annäherung an die Wahrheit interessiert ist, sollte an dem Sieg nicht interessiert sein, weil er weiß, dass Wahrheit zu zweit entsteht. Aber wenn es schon bei Sokrates möglicherweise jenen schwarzen Punkt gab, wie sollen dann wir auf seine geistige und moralische Höhe kommen?

Erst einmal müssten wir zum Dialog bereit sein, denn wenn es so ist, dass wir uns der Wahrheit nur annähern, sie aber nicht besitzen können, dann kann es so sein, dass der andere auch ein Bruchteil der Wahrheit kennt. Wenn es weiter so ist, dass wirklich Wahrheit zu zweit (mindestens zu zweit) entsteht, dann gibt es nur eine Schlussfolgerung:

Wer den Dialog vermeidet, ist an der Wahrheit nicht interessiert.

Der Narzissmus, dass ich der Wahrheit am nächsten gekomen bin (wenn ich sie nicht schon besitze) ist schuld daran, dass es keinen Dialog gibt.

Aber es gibt ihn natürlich. Im privaten Bereich, in kleinen Gruppen, wo der narzisstische Gewinn oder andersherum die narzisstische Kränkung nicht so enorm sind.

In der Öffentlichkeit sind die Kränkung wie der Gewinn ungleich größer. Deshalb wird dort weitgehend auf Dialog verzichtet und der Dialog ersetzt durch Talkshows, in denen jeder Recht behalten will. Und wir Zuschauer stehen am Rand und benoten die Kontrahenten. Es ist gruselig11.

Es geht aber noch schlimmer: Jene, die unbedingt Recht behalten wollen (oder jene, die von diesen beeinflusst sind), können andere Parteien/Meinungen systematisch von der Diskussion ausschließen. Das geschieht tatsächlich und das ist wirklich schade, denn dann gibt es nicht einmal mehr den Schlagabtausch.

Der SPIEGEL sagt, was ist. Andere sagen das auch.

Um über gewisse Gegenstände mit Dreistigkeit zu schreiben, ist fast notwendig, dass man nicht viel davon versteht.

Lichtenberg

Fakten , Hypothesen und Meinungen

Auf den ersten Blick sind Fakten und Meinungen unterschiedliche Kategorien. Wenn ich der Meinung bin, der Mond bestehe aus grünem Käse12, darf ich das, auch wenn es nicht den Tatsachen entspricht. Bevor die ersten Gesteinsproben vom Mond auf die Erde gebracht wurden, hätte ich sogar behaupten können, man könne es doch schließlich nicht wissen, auch wenn die Käse-Hypothese noch so absurd ist. Absurdität ist eine Kategorie des Geistes, nicht der materiellen Wirklichkeit.

Dann wird es schwieriger. Es sind bestimmte Fakten über das Mondgestein bekannt, die die Käse-Hypothese widerlegen. Die Hypothese aufrecht zu erhalten, wenn sie widerlegt ist, wäre wissenschaftstheoretisch nicht in Ordnung, sie aber in eine Meinung zu verwandeln und ihr weiter anzuhängen ist legal und wird nicht sanktioniert (außer womöglich, dass jenen, die sie ernsthaft vertreten, gelegentlich ein Vogel gezeigt wird).

In diesem Beispiel ist es einfach, zwischen Faktum und Meinung zu unterscheiden.

Davon ausgehend macht es, auch wenn ich vorhin den Dialog gefordert habe und mich dabei auf berühmte Leute bezog, nicht immer Sinn, alle Meinungen in den Dialog einzubeziehen.

Ehrlich gesagt würde ich nicht unbedingt und gern ernsthaft mit Leuten, die der Käse-Hypothese, der Scheibenwelt- oder der Hohlwelthypothese anhängen, über eben diese Hypothesen reden.

Eine weitere Frage ist, ob man Fakten und Meinungen immer sicher unterscheiden kann.

Meine persönliche Auffassung dazu ist, dass man es wenigstens versuchen sollte, sonst gerät alles zur Beliebigkeit. Ich denke, dass Journalisten da wirklich in einer besonderen Verantwortung sind13. Aber sicher ist diese Unterscheidung nicht – oder nicht immer.

Alternative Fakten, Hypothesen und Meinungen

Andere könnten aber auch sagen (und sie tun es tatsächlich), es mache keinen Sinn, mit Homöopathen zu reden (und schon gar nicht, sie öffentlich zu Wort kommen zu lassen, denn es sei ja erwiesen, dass in den homöopathischen Arzneimitteln nichts drin ist, weshalb Homöopathie genau solcher Blödsinn sei wie die Mond-Käse-Hypothese).

Ist im Falle der Homöopathie die Faktenlage so eindeutig wie beim Mond? Ist es ebenso sicher, dass Homöopathie nicht funktioniert wie dass der Mond nicht aus grünem Käse besteht?

Die hier zu stellende Frage ist die nach der Grenze, jenseits derer Dispute ihren Sinn verlieren, weil tatsächlich vollkommen klar ist, was ist.

Diese Grenze zu finden (und auch gelegentlich wieder in Frage zu stellen), ist Teil der journalistischen Verantwortung.

Manchmal ist es einfach. Wenn ich Leute um ihre Lebensumstände befrage, kann ich davon ausgehen, dass sie mir sagen, wie es ist (bzw. wie sie es empfinden). Hier ist nur die Frage, ob sie die Wahrheit sagen und ob der Berichterstatter die Wahrheit sagt (siehe Relotius). Dabei kann es Betrug geben. Es sind Kontrollmechanismen nötig, um das so weit als möglich zu verhindern. Zu 100 % wird das wahrscheinlich nicht zu erreichen sein. Aber das ist in meinen Augen nicht das eigentliche Problem.

Einfach ist es auch, zu sehen, dass zur Amtseinführung von Obama mehr Leute waren als zu der von Trump (es sei denn, es handelte sich bei zumindest bei einem der beiden Bilder um eine Fälschung).

An manchen Stellen wird es aber schwieriger.