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Eisleben hat nur Luther, dachte ich anfangs und war gelinde gesagt erschrocken bis erstaunt von der Vielfalt die es bot. Am Ende war ich gar verzaubert, welch sagenhaft schönen Orte und wichtige Persönlichkeiten (wie Gertrud von Helfta) sich in und um Eisleben demjenigen auftun, der sich einmal tiefer mit dieser Region bzw. seiner Heimat beschäftigt. Über 170 Sagen habe ich von der Lutherstadt und den umliegenden Ortschaften des Mansfelder Landes bis hin zum Süßen und Salzigen See zusammengetragen, um dir, lieber Leser, einen neuen Blick in eine altehrwürdige, geschichtsträchtige und kulturell interessante Region zu vermitteln. Eine Gegend, die selbst der spätantike, römische Dichter Vernantius Fortunatas als >Heiligtum der Väter< beschrieb. Nirgends in Deutschland gibt es mehr Kobold- und Geistersagen, die teils vom alten Glauben und längst vergessenen Göttern erzählen. Lass dich also über die zahlreichen Geschichten, die dich an fast vergessene Orte führen, einladen, Eisleben und Umland einmal völlig anders kennenzulernen. Komm mit unter Tage zum Bergmönch oder zu den Nixen, betritt den Steinkreis der Frau Holle oder erfahre, auf welcher Kanzel der Teufel einst Leichtgläubige betörte!
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Seitenzahl: 299
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Carsten Kiehne gehört seit vielen Jahren zu den renommiertesten Kennern der Harzer Sagenwelt. Als Autor und Herausgeber vieler Bücher wie „Kräutersagen aus dem Harz", „Sagenhaftes Glück" & „Bäume – heilig & heilsam" sowie TV- Auftritten wie im ZDF & MDR ist er überregional bekannt. Als Initiator der Interessensinitiative „Sagenhafter Harz" gibt er Vorträge, Workshops & Führungen zum Thema im gesamten Harz, sowie Erzähler-Ausbildungen. (Dipl.SozPäd., Psychotherapeut HP, Meditationslehrer, Erzähler)
All Jenen gewidmet, die ihre Heimat von ganzem Herzen lieben!
Vorwort
Sagen & Märchen
Sagenhaftes Eis…
Eislebens Namen
Was die Liebe kann
Optimistischer Berater
Knoblauchkönig
Der Vogel des Königs
Till Eulenspiegel
Eulenspiegel im Gasthaus
Die Wilde Jagd
Wilde Jagd über Mansfeld
Luthers Taufkirche
Der Mönch
Hexen erkennen
Hexenspuren
Hexenzauber
Heckegeld loswerden
Neid als Schatten …
Feld- & Stadtmaus
Wie Frau den Mann findet
Was Luther frieren ließ
Luthers letzte Predigt
Einhornmedizin
Luthers Todesstunde
Geburtshaus gestohlen
Unverbrannter Luther
Heilige Gertrud von Helfta
Gertruds Wunder
Nicht in ihrer Hand
Versagte Liebe
Kamerad Martin
Vom Mansfelder Schloss
Raubritter in der Hüneburg
Der Zwerg der Hüneburg
Der Hünekessel
Das graue Männchen
Wallfahrt zur Wimmelburg
Der Wolf von Wolferode
Feuerreiter
Rattenfänger in Helfta
Die versinkende Kutsche
Der Name von Helfta
Geheimnisvolle Tauben
Untergang Burg Hausberg
Kegelspiel
Versinkendes Schloss
Teufelskanzel
Frau Hölling
Blutiges Femgericht
Wunderquelle
Die grüne Jungfer
Katharinenholz
Diebeskammer
Räuber im Katharinenholz
Das Schwert im Fels
Vermauerte Tür
Der dunkle Mönch
Aus welcher Quelle …
Klugheit ist eine Strafe
Strafender Schulmeister
Bestrafter Gotteslästerer
Bornstedter Bauernstein
Das nächtliche Abenteuer
Der Ring der Frau Bucher
Das Fest fällt ins Wasser
Der beleidigte Nix
Des Nixen Rache
Nixe im Süßen See
Das Leben zu Besuch
Einsamer Wanderer
Die versunkene Stadt
Teufelsbrücke
Wasserbaumeister
Der schwindende Salzsee
Der Name Röblingen
Wandelnde Laterne
Versunkene Glocke
Steinberg bei Erdeborn
Kranke Grafentochter
Niedergang der Seeburg
Pächter der Seeburg
Seeburger Mönch
Gute Geister zurückholen
Wendeltreppe im Witwenturm
Galgensäule am Süßen See
Mehr vom Galgen
Raben am Galgenberg
Osterhausens Hangehügel
Kloster Sittichenbach
Der Schatz Sittichenbachs
Venediger an der Pfanne
Das goldene Horn
Die Wegleuchte Hornburgs
Schatz in der Holzzelle
Die Irrlichter der Holzzelle
Sühnekreuze bei Eisleben
Die Schweineburg
Bornstedter Ritterbild
Nächtlicher Zweikampf
Aufhucker
Die günstige Grafemühle
Kröte am Brachborn
Der sonderbare Fuchs
Nun ist’s genug
Mahnender Finger
Das Mordholz
Versteck im Weinkeller
Stein im Nonnental
Wo der Teufel nie hinkam
Geister in Hedersleben
Pest in Hergisdorf
Feuriger Kobold
Hexen in Hergisdorf
Das blaue Flämmchen
Verunglückte Schatzhebung
Mansfelder Himmelfahrtsbier
Dreckschweinfest
Die Heilkraft des Kupfers
Der Bergmönch bei Helbra
Die Amtmannsfrau
Räuber bei Helbra
Mittagsfrau & Helbras Name
Tippelsdorfer Nonnenkloster
Der Sämann von Ziegelrode
Ahlsdorfer Wunderblume
Der Schimmelreiter
Vom Hutberg
Neckendorfer Teich
Die klugen Richter
Koboldsagen
Abschlussgedanken
„Eisleben – die Lutherstadt“, heißt es heute überall. Zugegeben, Luther hat mich das erste Mal nach Eisleben geführt, als ich den Harzer Lutherweg von Nordhausen über Stolberg, Wippra, Mansfeld nach Eisleben pilgerte und den Weg – Gottseigedankt – auch überlebte. Ich muss es sagen: der Lutherweg ist furchtbar ausgebaut und beschildert und in vielen Passagen, kaum mehr auffindbar und zudem oft wenig attraktiv. Das – stellte ich bei meinen Recherchen für dieses Büchlein fest – trifft auch auf die meisten Wanderwege um Eisleben herum zu: es gibt kaum Ausschilderungen und nach meinem Geschmack, sehr wenig wirklich attraktive Wegstrecken. Die Ziele hingegen – zumeist sagenumwoben – sind gigantisch. Recht schnell durfte ich feststellen: Eisleben und Umgebung ist ein Paradies für kulturliebende, geschichtsinteressierte, feingeistige & spirituelle Menschen!
Zunächst hat mich das verwirrt, dann erstaunt und schließlich mein Interesse geweckt. Ich fand über 200 Sagen auf kleinstem Raum, so etwas kannte ich bisher nur sehr selten. Recht schnell fand ich den Grund: Die Gegend um Eisleben herum ist seit mindestens 6.500 Jahren durchgängig von Ackerbauern & Viehzüchtern besiedelt. Der älteste Faustkeil, den man bei Helfta fand, ist sage & schreibe 250.000 Jahre alt. Wir sprechen hier also von einem riesigen vor- & frühgeschichtlichem Siedlungsbegiet, von dem die Fürstengräber von Helmsdorf (im großen Galgenhügel am Paulusschacht) & am Grunde des Süßen Sees bei Aseleben erzählen. Überdies war Helfta eine gewichtige Kaiserpfalz von Otto I. – hier weiß also jeder Hügel, jeder See & jeder tausendjährige Baum eine Menge Geschichten zu erzählen, von den vielen Klöstern mal ganz zu schweigen.
Oft vergessen wird dabei heute, dass Eisleben weit mehr als Luther war. Gertrud von Helfta wird m.E. völlig unterschätzt, genau wie die Hackeborn, Agricola, Novalis oder Größler. Natürlich kamen Größen, wie der Märchenerzähler Hans Christian Andersen, der Komponist Joseph Sebastian Bach oder der Philosoph Friedrich Nietzsche nach Eisleben, um unter anderem die Lutherstädten – z.B. das Geburts- & das Sterbehaus – aufzusuchen. Eisleben bietet darüber hinaus jedoch viel mehr kulturell wichtige & freilich wirtschaftlich interessante Orte & Gegebenheiten, die damals die Großen (wie den 1. deutschen Kaiser Otto I.) erwogen hatten, hier zu siedeln, Klöster, Pfalzen & Burgen zu errichten. Bedenke, dass Menschen hier bereits in der Bronzezeit Kupfer am Goldberg abbauten oder Salz bei Erdeborn gewannen. Nicht nur der gute Boden und das milde Klima, sondern auch die fischreichen Seen boten beste Siedlungsbedingungen. (vgl. Knape)
Viele Sagen der Region geben daher m.E. noch heute über Glauben & Brauchtum Ausdruck, was weit in vorchristliche Zeiten reicht, z.B. die Sagen um die Wilde Jagd/ den wilden Jäger oder „kopflosen Reiter“, der zweifelsfrei mit Gottvater Wodan/ Odin in Verbindung zu bringen ist. – Auch die Erdmutter selbst, in den Märchen Frau Holle, findet man in Eisleben als Frau Hölling, grüne Jungfer oder als Gräfin, die mit ihrer Kutsche im Morast versinkt – der „verballhornte“ Mythos der Göttin Nerthus. – Manch ein Berg im Umkreis wurde derart verteufelt, z.B. die Teufelskanzel/ Teufelsschlucht bei Neckendorf, was eine vorchristliche Kultstätte vermuten lässt. Nicht zuletzt sind es die Orts- & Flurnamen, die den Kundigen erkennen lassen, dass dies für unsere frühen Vorfahren ein heiliger Raum war. So können die Orte Eis-leben, Ase-leben, Ahls-dorf sich durchaus vom germanischen Göttergeschlecht der Asen herleiten lassen. Im Gotischen heißt der Tempel bzw. das Heiligtum noch heute „ahls“. Nicht zuletzt besingt Venantius Fortunatus, ein römischer Dichter der Spätantike, im Jahre 587 das „Mannes Feld“, gelegen beim Süßen und Salzigen See als „Heiligtum der Väter“! (vgl. Größler, Gebrüder Grimm & Winckler) Kein Wunder also, dass diese Gegend mit Klöstern überzogen wurde, um den Heiden Einhalt zu gebieten & sie (nicht immer friedlich) zum Christentum zu bewegen. So lässt sich ein beinahe 1.500jähriger christlicher Einfluss finden – für Deutschland enorm. Von Herzen wünsche ich dir viel Freude beim Erkunden, dein
… sie sind gewaltverherrlichend & Frauen-verachtend, skizzieren zutiefst fragwürdige Rollenbilder & völlig veraltete Moralvorstellungen. Viel mehr noch wird den alten Geschichten heute vorgeworfen, wobei man – wenn man den Kindern überhaupt noch Sagen & Märchen erzählt – ihnen die weichgespülten Varianten vorgibt. Ich bin als Dipl.Sozialpädagoge & Psychotherapeut HP seit Jahren in vielen Kindergärten unterwegs & stelle immer wieder fest, dass die Kinder kaum mehr Märchen, geschweige denn ihre lokalen Heimatsagen kennen. An manchen Kitas gibt es diesbezüglich sogar Verbote von Seiten der Eltern oder der Leitung.
„Vernünftig“, könntest du jetzt meinen, ohne den aktuellen Wissensstand zu kennen bzw. zu reflektieren, ob das Weglassen dieser Geschichten überhaupt den gewünschten Erfolg erbringt, dem ist nämlich nicht so, ganz im Gegenteil: Ängste nehmen zu, auch das Gefühl isoliert zu sein/ die Einsamkeit. Immer mehr Kinder werden psychisch auffällig, körperlich krank. „Aber das hat doch nichts mit dem Weglassen der Geschichten zu tun“, denkst du!? Sicher kennst du Albert Einstein. Weißt du, was er postulierte?
„Willst du kluge Kinder haben, erzähle ihnen Märchen. Sollen sie noch klüger werden, erzähle ihnen noch mehr Märchen!“ – Gerald Hüther, Hirnforscher & Top-Neurobiologe Europas meint sogar: „Sagen & Märchen sind Doping für Kinderhirne!“ – Warum das so ist, ist leicht erklärt: Neben dem moralischem Fingerzeig der Geschichten – von dem Kinder unendlich viel lernen, bedenke: Kinder eignen sich viel durch Modelllernen an (sie imitieren den Helden der Erzählung) – ist‘s das Storytelling. Denk bitte einmal ans Lieblingsmärchen deiner Kindheit, warum war welches Märchen für dich so interessant/ ergreifend? Mit solchen Geschichten lernt dein Kind, dass es selbst Held sein kann, denn oftmals sind hier junge Menschen Helden (ganz ohne Superkräfte). Nicht die Schlauesten obsiegen, sondern diejenigen, die ihrem Herzen folgen, um Hilfe bitten, vertrauen, dass am Ende alles gut wird & trotzdem ihr Bestes geben, weshalb am Ende alles gut geht. Kinder lernen durch solche Geschichten Urvertrauen, werden resilienter & lernen nebenbei ihre Heimat besser kennen & lieben! 😉
„Aber in manchen Geschichten sterben Menschen, wie kann so etwas gut für unsere Kinder sein?“, magst du vielleicht zuletzt einwenden …
Anmerkung zum Tod im Märchen: Vor allem kleine Kinder hören die Geschichten ganz anders als Erwachsene. Für sie sind Sterben & Tod oftmals nur Sinnbild von Verwandlung, ein normaler Prozess im Rhythmus von Werden & Vergehen. Schwer wird es für Kinder dann, wenn wir eine konflikthafte Beziehung zum Tod haben, ihn aus dem Leben ausklammern. Ich kenne viele Eltern, die ihre Kinder nicht mit zu Beerdigungen nehmen, was aber unglaublich wichtig ist, da auch die Kinder sich verabschieden müssen, Verlust & Loslassen lernen müssen & wir uns oft erst im Angesicht des Todes bewusst werden, wie schön & wertvoll das Leben eigentlich ist. – Hochinteressant ist es vor allem, die Sichtweise von Kindern auf den Tod, Gott & den Himmel kennenzulernen. Ich bitte dich, lieber Leser, nicht zu antworten, wenn dein Kind oder Enkel fragt, was nach dem Tode kommt. Bitte, gib die Frage zurück & lausche staunend, welche tiefweisen Antworten Kinder diesbezüglich haben! Ich habe als Sozialpädagoge – mal nebenbei erwähnt – viele Kleinkinder betreuen dürfen, die völlig selbstverständlich mit einem eben Verstorbenen (also einem „Geist“) gesprochen haben & von diesem Dinge erfuhren, die sie gar nicht wissen konnten!
Nun aber viel Spaß mit den spannenden und humorvollen Geschichten …
Eisleben hat mich wie keine andere Stadt, über die ich bislang schrieb, viele Tage lang zum Narren gehalten. Du musst wissen, lieber Leser, wenn ich gefangen bin von einer Stadt, die ich besuche (nenne es von mir aus auch begeistert, vernarrt oder verliebt …) kaufe ich mir für mein großes Sagen- und Märchenarchiv gleich alle Literatur, die ich zu meinem neuen Sagenort auftreiben kann, um mich umfassend zu belesen. Zu Eisleben habe ich gleich einige spannende Bücher gefunden, z.B. „Das Schulmännle“ von Witter. Oh, ich studierte die Sagen über Nacht und wollte den Sagenschatz gar nicht wieder aus der Hand legen. „Gleich Morgen“, dachte ich mir in meinem nächtlichen Wahn, „Fahre ich nach Eisleben, um mir die ganzen tollen und sagenumwobenen Ecken anzusehen!“ Kennst du, lieber Leser, das Schulmännle von Eisleben, den Einsiedler Thomas, … schon von ihm gehört? Am Thomasberg soll’s spuken und tote Musiker im Löfflershaus umgehen! Wusstest du das? Ich las auch viel zu Eislebens Entstehung, zu den feurigen Männern, die die Stadt ansteckten, zu Frau Holle, die hier wohnt, vom Huckauf am Galgenberg und von den vierzig Rittern, die die Stadt einst retteten. Das alles sagt dir gar nichts, nein??? Dann liegt das nicht daran, lieber Leser, dass du unwissend bist, sondern vielmehr an der Tatsache, dass ich entweder manchmal etwas langsam im Denken und Schlussfolgern oder in Gänze ein ziemlicher Idiot bin. Ich nämlich fand keinen einzigen der im Buch angegebenen Sagenorte in der Nähe von Eislebens. Ich wunderte mich, tatsächlich mehrere Stunden lang, dass ein lokales Sagenbuch vom Harzrand, Städte erwähnt, die knapp 200km entfernt im südlichen Thüringen lagen. Sicher kannst du’s dir denken, oder? Ich hatte kein Buch von Eisleben in der Hand, sondern von … genau … Eisfeld! Das stimmte mich nun nicht mehr nur traurig, denn die ganzen tollen Sagenorte, die ich erkunden wollte, gab’s eben gar nicht in der Gegend, die ich zu besuchen beabsichtigte. Nein, ich war auch maßlos genervt von meiner Naivität, denn ich hatte Stunden umsonst damit zugebracht, mich auf einen Sagenvortrag für Eisleben mit den Sagen von Eisfeld vorzubereiten – die ganze Arbeit war umsonst. So scheint es mir, lieber Leser, dass Eisleben mehr Narren aufzubieten hat als nur Till Eulenspiegel!
O rtschaften, die auf „leben“ enden, würden sich von suebischen Stämmen ableiten lassen, die zur Zeit der Völkerwanderung (3.5. Jahrhundert) diese Gegend besiedelten: wahrscheinlich die Angeln oder Wanen. Als Wanen bezeichnete man allerdings auch ein eigentlich friedvolles Göttergeschlecht, bemüht um die Vegetation von Mutter Erde, um Aussaat und Ernte, das im Kampf mit den kriegerischen Göttern der Asen lag. Manch einer will den Namen Eislebens also auch daher abgeleitet wissen, dass hier die Asen lebten und Frieden mit den Wanen schlossen: „Asen-leben eben!“
Andere wiederum meinen, die Gegend wäre von Menschen besiedelt worden, die noch von viel weiter weg kamen, aus Ägypten nämlich, wo man die Göttin Isis anbetet. Dieses Wandervolk hätte an eben dieser Stelle eine alte Zauberin angetroffen, die sie als ihre Göttin der Geburt, Wiedergeburt und Magie verehrten. Eisleben wäre somit ein Kultplatz der Isis, hier würde „Isis leben“.
D ie große Göttin, ob nun Isis oder Holle oder Frija geheißen, wurde von den Isen verehrt, Priesterinnen aus denen die Christen später Hexen machten. Der Begriff Hexe kommt nämlich unter anderem vom germanischen Begriff „hagedise“ – ein Hagen wäre ein umfriedeter Kraftort. Die Ise ist eine Frau (abgeleitet von der Rune ISA, die einen Menschen darstellt, der auf einem Kraftort barfuß steht und die Hände gestreckt gen Himmel hält, also betet), die mit den Göttern spricht, eine Priesterin des alten Glaubens also, womit aus der Hagedise bei den nuschelnden Harzern eine hegese wurde und daraus die Hexe! Eisleben wäre demnach ein Kultplatz, auf dem einst viele Isen lebten!
„Möglicherweise!“ meinen manche, behaupten aber, dass der Name von den Haseln käme, mit dem die Menschen hier einst ihre kleine Ansiedlung mitsamt des Kultplatzes (dem Hagen) umgeben hätten. Eisleben hätte darum „Hasel-leben“ geheißen.
Als man aber die vielen Eisensteine fand, das Kupfer und an allen Ecken um Eisleben der Bergbau begann, nannte man es Eisenleben. Nicht nur die Brennöfen hätten fortwährend zu einer solchen Hitze in der Umgebung geführt, dass es immer wieder zu gewaltigen Bränden kam, weshalb man die mittlerweile bedeutende Stadt nah und fern bald „Heißleben“ taufte. – Nur die kleine Eiszeit konnte daran etwas ändern, hörte ich von einer Stadtführerin, die sagte: „Hier müsst ihr nachher Eis essen gehen, hier gibt’s das beste Eis unserer Lutherstadt! – Die Eiszeit nämlich, vor allem die bitterkalten Winter, kühlte die Stadt herunter, so dass es erstens bis heute nicht zur gefürchteten Klimakatastrophe kam und zweitens, unsere Stadt einen sinnvollen Namen hat: Eisleben nämlich, nicht wegen dem Softeis, sondern aufgrund der abgekühlten heißblütigen Gemüter. So heißt es noch heute: ein Bürger Eislebens wäre durch gar nichts aus der Ruhe zu bringen.“ Ich bin mir ja nicht sicher, ob du das um jeden Preis austesten solltest! 😉 (einer Stadtführerin abgelauscht)
Einer Bäuerin bei Eisleben war einmal der liebe Mann gestorben, so dass sie mit ihren drei Töchtern allein auf dem Hof nach dem Rechten sehen musste. Da kam ihr ein Tagelöhner, der nach Kost und Logie fragte und dafür auch gerne arbeiten wollte, gerade recht. Der junge Mann bleib Tage, Wochen und Monate, so dass die alte Bäuerin ihn wie einen Sohn von Herzen liebgewann und anbot: „Wenn du wacker weiter wirkst, kannst du gern bei uns bleiben und eine meiner Töchter heiraten!“ Die Idee gefiel dem Jüngling so gut, dass er einwilligte, hatte er doch ohnehin schon ein Auge auf die Älteste geworfen (und sie auf ihn)!
Wie er einmal so außerhalb Eislebens auf der Weide saß und Flöte spielend auf die Schafherde aufpasste, kamen Räuber aus dem Katharinenholz, überfielen, banden und knebelten ihn und wollten die Herde wegführen. Auch den Hirten führte man weg, würde man für ihn doch sicherlich ein gutes Lösegeld bekommen. Einer der Räuber löste den Knebel, hieb dem Hirten in die Seite und sagte: „Wer bist du? Sag an, was kriegen wir für dich?“ - „Was ihr wollt“, sagte der arme Hirte. „Ich bin der einzige Sohn des reichsten Bauern. Behandelt mich gut und ihr werdet reich belohnt. Und wenn ihr mich nicht mehr knebelt, will ich für euch auf meiner Flöte spielen, dass ihr in Laune kommt, wenn ihr die Tiere fortführt.“ – „Das gefällt mir!“, sagte der Anführer und ließ ihn aufspielen und eine sonderliche Melodie drang durch den Wald über die Weide bis hin ins Bauerngehöft hinein und riss dort die älteste Tochter aus ihren Gedanken: „Rasch ihr Töne, mit dem Wind; reist nach Eisleben geschwind; hilf, mein liebes schönes Kind; Räuber in der Nähe sind; sie entführen unsere Herde, hilf, dass ich nicht ohn‘ dich sterbe!“ Für die Räuber klang das Lied aber so: „Tüdelüundtüdellind, tadelidadeldebind, ringelreinreichwillichwerden, klingelklongelhierauferden!“
Da rief die Tochter nach der Mutter und erzählte, was geschah. Die Alte aber wusste keinen Rat: „Was soll eine Frau schon gegen Räuber tun?“ Das Mädchen aber nahm die Flinte ihres Vaters, füllte sich einen großen Sack mit Asche und ritt den Räubern nach.
Kurz bevor sie die eingeholt hatte, hieb sie den Aschesack hier gegen den Baum, dort gegen den Baum, dass es nur so qualmte. Dann schoss sie in die Luft, wieder und wieder. Erschrocken drehten sich die Räuber um, sahen eine große Staubwolke, hörten die Schüsse, wie von hundert Gewehren und riefen: „Lauft, lauft, Kameraden, die Büttel aus Eisleben sind hinter uns her. Seht den aufgewirbelten Staub, zwanzig, nein dreißig Pferde müssen es sein, dreißig Reiter und sicher noch hundert zu Fuß hinterher. Lauft, lauft, sonst ist unser Leben verwirkt.“
Da nahmen die gefährlichsten Räuber des Harzes Reißaus vor einem Mädchen und ließen den Hirten und die Schafe zurück. Und wer so viel Mut in großer Gefahr bewies, der scheut auch keine kleine Gefahr. So schritt sie dem jungen Mann – dem die Augen aufleuchteten, wie er sie sah – tapfer entgegen und presste ihre Lippen einfach auf die Seinen. Es war ihr Vorteil, dass er nicht fortlaufen konnte, weil er noch festgebunden dastand, doch sein Geheimnis war, dass er nicht im Traum ans Fortlaufen dachte. – Viele Abende lagen sie fortan gemeinsam unter der großen Linde auf der Weide, ließen sich vom warmen Winde küssen und küssten sich noch öfter selbst. Die Räuber aber trauten sich nie wieder nach Eisleben, aus Furcht vor der wehrhaften Stadt … so, lieber Leser, setzt nur die Liebe schachmatt!
Als der Herr von Salm noch als einfacher Graf auf der Wasserburg zu Eisleben saß, hatte er einen Berater, der so unverhohlen guter Laune war und an allem stets das Gute sah. Jener frohe Mut oder Optimismus, wie wir‘s heute nennen, ging dem Grafen ganz gehörig auf den Geist. – Stell dir zum Beispiel vor, die Frau des Grafen hatte einen Liebhaber, was dem Herrn freilich sehr zu Herzen ging. Sein Berater hingegen beglückwünschte ihn, denn die Herrin war ein echter Drache. „Wäre Ihr Weib einmal von einem Lindwurm entführt worden, mein lieber Herr von Salm, so hätt‘ man den Drachen eher vor ihr retten müssen als umgekehrt. Freut euch also über die Affäre, denn so macht sie einem anderen die Hölle heiß.“
Als man wegen einer Landstreitigkeit dem Grafen eine seiner Burgen nahm und dass gegen das gängige Recht, freute sich der Berater und rief: „Ihr unverschämter Glückspilz. Stellt euch nur vor, Ihr hättet die Burg teuer restaurieren müssen – und das war doch bitter nötig – und nun seid Ihr durch den Glücksfall frei davon und obendrein frei von der Heerfolge, die der jeweilige Herr eben dieser Feste dem König schuldig ist!“
Einmal aber trieb der Berater es zu weit mit seinem Optimismus: der Graf hatte sich beim Ausritt durchs Katharinenholz, nahe der Diebeskammer, durch einen kurzen Moment der Unachtsamkeit den Finger abgeschnitten und schrie, worauf der Berater herbeilief und sagte: „Wie wundervoll!“ – „Um Himmels Willen, was soll daran denn wundervoll sein???“, schrie der König. – „Das weiß ich gerade auch noch nicht“, entgegnete der Berater, „Doch nichts passiert ohne Grund und alles ist immer zu irgendetwas gut!“ – Da warf der Herr von Salm diesen Dummkopf in einen trockenen Brunnen im Walde und ritt alleine weiter. Weit kam er aber nicht, denn furchtbare Räuber ergriffen ihn und wollten ihn den alten Göttern opfern. „Nein, schau einmal: er hat einen Finger zu wenig und blutet bereits. So ein miserables Opfer wollen die Götter nicht!“ – So ließ man ihn laufen, worauf er zurück zum Brunnen eilte, den Berater herauszog und um Verzeihung bat. „Mein Herr, Ihr müsst nichts entschuldigen. Hättet ihr mich nicht hineingeworfen, hätten die Räuber mich genommen!“ – So leuchtete dem Grafen langsam ein, dass man an allem etwas Gutes finden kann (wenn man nur möchte)! (Einheimischen abgelauscht & aufgeschrieben; Foto oben: vermutlich das Relief des „Knoblauchkönigs“ am Rathaus)
Wie er Optimismus mit Unbesiegbarkeit verwechselte
„Niemand liebt mich, nicht einmal meine Verwandten stehen mir im Kampf gegen den verhassten König Heinrich IV. bei“, klagte Hermann von Luxemburg, Graf von Salm, den die Sachsen im Jahr 1081 zum Gegenkönig eines Tyrannen aufgestellt hatten. Traurig sah er vom Turm seiner Wasserburg am „Faulen See“ in die Weite, aus der schon in wenigen Tagen ein starkes Heer gegen ihn aufmarschieren würde: die Friesen, die geballte Faust seines Gegners Heinrich. „Herr König, dies kann man auch anders betrachten: wenn Niemand zu Ihnen hält, kann sich keiner von Ihnen abwenden … und Sie werden nicht mehr enttäuscht. Wichtig ist, dass Sie an sich und die gute Sachen glauben. Glauben Sie, der Teufel wäre hinter Ihnen her, so rufen Sie Ihn erst herbei. Wichtig ist in Ihrer Lage eher, den Grafen von Mansfeld zur Hilfe zu rufen.“ – „Das ist wohl ein guter Rat, doch sage mir, wie kann ich mich von den Teufeln, die mir im Herzen zuflüstern oder vom Bösen Blick der Hexen schützen?!“, fragte König Herrmann und hörte, dass es den Knoblauch brauche. Eine Knoblauchzehe als Kette getragen, würde alle Dämonen verjagen, die Äußeren und auch die Inneren. Zudem ziehe Knoblauch das Glück an und bringe Wohlstand ins Haus. – Wie der Graf von Salm dies nun berücksichtigte, sich eine Knoblauchkette anfertigen ließ und fortwährend trug, schien ihm das Glück wirklich hold zu sein. Der Graf von Mansfeld kam und siegte und schlug die Friesen – die Eisleben viele Wochen schon belagert hatten – vernichtend, dort wo die Friesenstraße (heute Freistraße) liegt.
Ein anderes Mal ward der Herr von Salm geplagt von einem schlimmen Leid, der Knoblauch aber half ihm wieder auf die Beine. Selbst das Gift – dass ihm ein Gegner ins Essen getan hatte – ward mit dem Knoblauch unschädlich gemacht. Ja, diese Wunderknolle schien das Allheilmittel schlechthin zu sein. – Bei einem Ausritt mit seinem Ratgeber – welcher ihm den Rat gab, nicht ohne ritterlichen Schutz auszureiten, was der König mit dem Satz abtat, er hätte doch seinen Knoblauch dabei – entkam er sogar einer Räuberbande. Sie ritt an ihm vorbei, als wäre er getarnt, als stehe er unterm Schutz des großen Einen.
Von all diesen denkwürdigen Ereignissen angespornt, ließ der Herr von Salm nun rund um Eisleben Knoblauch anpflanzen, so viel, dass es bald selbst auch dem letzten Bürger stank. Dank des Knoblauchs aber schien es sich wirklich alles zum Guten zu wenden, so dass der „Knoblauchkönig“ (wie Hermann von Luxemburg bald von seinem Feinde spöttisch bezeichnet wurde und, was auch die Gebrüder Grimm später verewigten), einen Sieg nach dem anderen verzeichnete. So nahm er Heinrich dem IV. sogar Würzburg ab. Von da an wurde der Knoblauchkönig immer waghalsiger, bis er in Unterzahl – beinahe bloß mit Knoblauchzehen bewaffnet – seinem Feinde entgegenritt. Da ward er im Kampfe, trotz größtem Optimismus, von einem einfachen Schergen Heinrichs IV. erschlagen und alles rief im Spotte „König Knoblauch ist tot!“ – Dies geschah am Mittwoch nach Pfingsten im Jahre 1088, weshalb man diesen Tag im Volksmund noch heute den Knoblauchsmittwoch nennt!
Ein winziges Relief des übermütigen Königs ist an der Nordwand des Rathauses verewigt und soll uns lehren, dass auch der größte Optimismus nicht den Tod verjagt. Andersherum wird fast ein Schuh draus: Die pessimistische Denkweise hat wahrscheinlich dazu geführt, dass der Homo Sapiens überhaupt überlebte, gibt der Begründer der Positiven Psychologie Martin Seligmann zu bedenken. „Pessimistisches Denken heißt, eine Gefahr fürs Leben überhaupt als eine solche wahrzunehmen und so zu handeln, dass der Gefahrenmoment nicht eintritt. Was also ist der Preis für meinen Optimismus?“, gibt Seligmann zu bedenken und schlussfolgert: „Ist’s das Leben, ist der Preis zu hoch!“ (nach Seligmann, Seidel, Gebrüder Grimm & Größler)
Vom Knoblauchkönig wird auch erzählt, dass er einen schimmernden Vogel besaß, der so schön sang, dass es dem König blendend ging, sobald der Piepmatz losträllerte. Eines Morgens aber, als der Knoblauchkönig sagte: „Sing, sing mein Vöglein“, kam nichts. Der Käfig war leer, der Vogel war weg, so dass der König in böse Schwermut verfiel, die kein Medikus heilen konnte. Sollte der König gesund werden, gab’s nur einen Weg: der Vogel musste wieder her, worauf es überall im Reiche hieß: „Hört ihr Leut‘ und lasst euch sagen, wer des Königs Vogel fängt, ihn zu seinem Schloss bringt, dem reiche Belohnung winkt!“
Freilich war bald ganz Eisleben auf den Beinen, um den Vogel zu finden und die versprochene Belohnung einzuhamstern. Nur ein gutherziger, armer Bauer hatte besseres zu tun: das Feld bestellen und sein krankes Weib versorgen. Gerade vor dessen Türe aber ließ sich das Vöglein nieder und sang so hübsch, dass die totkranke Frau aus ihrem Bett hochstand – was sie schon Tage nicht mehr tun konnte – und verjüngt und quicklebendig die Fenster der Schlafkammer öffnete, um dem Vöglein noch besser zu lauschen und die Sonne hereinzulassen. Da staunte der Bauer nicht schlecht, freute sich von Herzen über die Gesundung seines Weibes und erkannte, dass es der verlorene Wundervogel des Königs sein musste. „Ich werd‘ ihn uns‘rem König zurückbringen, dass auch er gesunden möge!“
Unser armer Bauer war sicher drei Stunden gegangen, an eine Wegkreuzung gekommen und wusste von hier den Weg zur Wasserburg nicht. Nun ja, man kommt wenig vor die Türe, ist man allzeit damit beschäftigt, sich für das Lebensnotwendige den Buckel auf dem Feld krummzumachen. „Eine Belohnung für den Vogel käme mir schon recht“, dachte sich der Bauer und sah eine prächtige Kutsche kommen. Ein reicher Kaufmann saß darauf und den sprach unser Bauer an: „Heda, guter Mann, wie geht’s zur Wasserburg des Königs?“ – „Was willst du denn da?“, fragte der Kaufmann. „Ich will dem König seinen Vogel wiederbringen!“ – „Der Vogel des Königs“, dachte der Kaufmann und wusste, dass auf diesen Fang eine fette Belohnung stand. „Ich will dich hinbringen, liebes Bäuerchen, wenn du mir die Hälfte der Belohnung überlässt“, forderte der gierige Kaufmann.
„Ja, gut“, sagte der Bauer, denn die Hälfte der Belohnung wäre sicherlich immer noch mehr als genug, damit er und seine Frau ein gutes Leben führen konnten. So stieg der Bauer auf die Kutsche, ward vors Schloss gefahren und fühlte sich wirklich selbst wie ein König. Vorm Burgtor aber stand eine Wache, die fragte: „Halt, wohin des Weges?“ – „Zum König“, sagte der Bauer fröhlich. „Ich möchte ihm seinen Vogel wiederbringen!“ – „Der Vogel des Königs“, dachte die Wache und lachte: „Ich lass euch rein, wenn ich die Hälfte der Belohnung kriege.“ – „Das geht nicht, guter Mann“, sprach der Bauer. „Ich hab‘ dem Kaufmann schon die Hälfte versprochen.“ – „Dann will ich die Hälfte deiner Hälfte“, sagte die Wache und der Bauer willigte ein, denn die Hälfte der Hälfte wäre immer noch weit mehr, als seine Frau und er gerade hätten. – So kamen sie vor den Thronsaal des Knoblauchkönigs, vor dem dessen Diener stand und fragte: „Halt, wohin des Weges?“ – „Zum König“, sagte der Bauer wieder. „Ich möchte ihm gerne seinen Vogel wiederbringen!“ – „Der Vogel des Königs?“, dachte der Diener und sagte: „Ich lasse euch nur rein, wenn ich die Hälfte der Belohnung bekomme.“ – „Das geht doch nicht“, sagte der Bauer. „Ich habe bereits dem Kaufmann die Hälfte versprochen.“ – „Dann will ich die Hälfte deiner Hälfte“, forderte der Diener. „Aber die bekommt doch schon die Torwache“, sagte der Bauer traurig. – „Na dann gib mir deinen Anteil, sonst geht’s nicht weiter“, sagte der Diener streng. – Weil der Bauer nun seinen König sehr schätzte und wollte, dass er wieder gesund wird, willigte er ein und ward in den Thronsaal gelassen. Wie der König nun seinen Vogel sah, sprang er hoch und hatte gleich seine Lebenskraft wieder. „Danke, oh tausend Dank, guter Bauer, dass ihr mir meinen Vogel wiederbringt. Was kann ich euch dafür geben. Sagt was ihr wollt, ihr kriegt es: Gold, Edelgestein, Land???“
Der Bauer überlegte lang, er bräuchte so viel, würde aber gar nichts bekommen, weil ganz gleich, was er nähme, der Kaufmann, die Wache und der Diener alles bekämen. „Hat er denn keinen Wunsch?“, fragte der König! – „Doch“, sagte der Bauer lächelnd. „Einhundert Stockhiebe sollen meine Belohnung sein!“ Der König stutzte nur, bis er die ganze Geschichte hörte. Die Belohnung für den Vogel wurde sogleich verteilt und der Bauer nachträglich für seine Gewitztheit belohnt und diese Belohnung kam nur ihm und seiner Frau zugute! (einem Stadtführer abgelauscht & aufgeschrieben)
Im ehemals Baumannschen Hause in der Freistraße soll Till Eulenspiegel einmal bei einem Bäcker als Geselle gearbeitet haben, doch der Bäcker hatte – du kannst es dir schon denken – nicht so recht seine Freude an ihm. Einmal nämlich hat er den Narren zurechtgewiesen, dass man nicht so lange ausschlafen dürfe, denn ein rechter Bäcker hat schon im Mondschein Mehl zu sieben. In der nächsten Nacht hat Till Eulenspiegel all die Siebe in die Bäume gehängt und das Mehl nach oben in die Luft geworfen, um „in den Mondschein“ hineinzusieben. Das hat ihm der Bäcker aber noch gerade eben einmal durchgehen lassen, denn „Jeder säuft mal zu viel, wenn er jung ist!“ – Tags darauf fragte der Schalk den Meister, was er denn nun backen solle, worauf der Bäcker unüberlegt sagte: „Groß und klein, wie sie der Hirt zum Tore raustreibt!“ Du kannst dir sicher denken, dass der Meister Brote und Brötchen meinte, das aber hat er nicht gesagt, weshalb unser Till begann, lauter hübsche Tiere zu kneten – Schafe, Kühe, Ziegen und sogar einen Schäferhund – und damit viel Zeit vergeudete. Für dieses Possenspiel wurde er mit Schimpf und Schande aus der Bäckerei gejagt, obwohl – wie der Meister später einsehen musste – die Tierfiguren „wie warme Semmeln“ von der Theke gingen. Vielleicht hat der Schalk damit ja in Eisleben, ganz ohne es zu wissen und zu wollen, die Plätzchen mit ihren hübschen Formen erfunden! (nach Winckler)
In einem Gasthaus bei Eisleben gab es einmal einen großmäuligen Wirt, der wann immer er konnte mit seiner Mannheit prahlte – vielleicht kennst du ihn ja? Wie einmal drei Kaufleute recht spät erst eintrafen, fragte der Wirt murrend, woher sie jetzt erst kämen. Sie antworteten noch immer ganz im Schrecken festsitzend: „Ein Wolf hat uns übel mitgespielt!“ – Da lachte der Wirt und rief, dass es noch die Leute auf der Straße hören konnten: „Ein Wolf verjagt mir drei Männer??? Gebt mir zwei Wölfe im offenen Felde und ich würde sie alleine verjagen oder eigenhändig erschlagen!“ Den ganzen Abend neckte er sie ohne Unterlass.
Das hörte der Schalk Till Eulenspiegel, der auch im Gasthaus saß und die geknickten Kaufleute sah. Kurzerhand ging er zu ihnen hinüber und sagte: „Werte Herren, für freie Kost und Logie habe ich eine Idee, wie wir es dem großmäuligen Wirt tüchtig einschenken, auf dass er nie wieder so prahlt!“ – Man einigte und verabredete sich, nach den Geschäften wieder hier im Gasthaus zu logieren und den Wirt gemeinsam zu lehren, nicht solche Schelte zu nutzen. Auch am anderen Morgen konnte sich der Wirt nicht beherrschen, machte Wolfswitze auf Kosten der Kaufleute und rief ihnen noch auf der Straße spöttisch nach: „Seht zu, dass euch kein Wolf frisst!“ – Sie aber riefen zurück: „Habt Dank für die Warnung. Wenn er uns frisst, seht ihr uns nicht wieder. Frisst er euch, so sehen wir euch nicht mehr!“
So zogen die Kaufleute ihrer Wege, Till Eulenspiegel zog es aber in den Harz, stellte einem Wolf nach, fing ihn tatsächlich, tötete ihn und ließ ihn starrfrieren. Das starre Ding packte er in einen Sack und wanderte pfeifend nach Eisleben zurück, wo ihn die Kaufleute im Gasthaus bereits erwarteten. „Heute Nacht“, sagte Eulenspiegel und lachte. „Wartet’s nur ab!“
Als zur Geisterstunde der letzte Gast und der Knecht und der Wirt zu Bett gegangen waren, schlich sich Eulenspiegel in die Stallung, holte den toten, gefrorenen Wolf und stellte ihn vor den Kamin. Jetzt noch rasch das Maul weit aufgesperrt und einen Kinderschuh hineingesteckt – wie sah das im Dunkeln recht gruselig aus. Rasch legte sich Eulenspiegel zu den Kaufleuten in die Kammer und ließ sie nach dem Wirt rufen: „Herr Wirt, Herr Wirt – es dürstet uns. Sendet uns Magd oder Knecht, dass wir nicht verdursten.“ – „Das ist der Sachsen Art, saufen bei Tag und Nacht, wie Männer; wenn’s aber ans Jagen geht, plärren sie wie Mädchen“, schimpfte der Wirt und befahl der Magd aufzustehen und die verlangten Getränke zu servieren.
Wie die Magd nun aber an den Herd trat, um Licht zu machen, sah sie das Untier, erschrak so heftig und meinte, es hätte die Kinder gefressen, dass sie auf den Hof lief und sich versteckte. – Da riefen die Kaufleute nach dem Knecht, der auch kam, das Untier sah, erschrak und in den Keller lief, sich dort zu verstecken. – Wo Magd oder Knecht mit den Getränken blieben, riefen jetzt alle Kaufleute zusammen, weshalb der Wirt selbst hochstand, vor den Herd trat und sich dort vor dem Untier so verjagte, dass ihm die Haare grau worden: „Ihr Lieben Kaufleute, helft mir, hier steht ein Monster!“ – Da kamen die Kaufleute mit ihrem lieben Eulenspiegel aus dem Zimmer, worauf der Schalk den toten Wolf umtrat und sagte: „Wolltet ihr nicht eben noch zwei tolle Wölfe draußen mit der eigenen Hand erschlagen? Und jetzt fürchtet ihr euch in eurer eigenen Küche vor einem toten Tier? Lasst mir lieber das Gerede von eurer Mannheit, sonst reden wir, was hier geschah!“
Bald kam die Magd vom Hof in die Küche zurück und der Knecht lugte aus dem Keller hervor und alles ging im höchsten Grade belehrt zu Bett. Niemals wieder hat sich der Wirt nach dieser denkwürdigen Nacht über irgendeinen Gast lustig gemacht, denn wer weiß schon, was irgendwer ihm als nächstes an den Herd setzt? Eulenspiegel aber bekam, wie versprochen, Kost und Logie frei, etwas Geld obendrauf, dafür, dass er den Spaß seines Lebens hatte. (nach Winckler)
Am Fastnachtsdonnerstag standen früher die Leute in Eisleben in Reih und Glied vor ihren Häusern, um sich den Zug der Wilden Jagd anzuschauen, ganz so, als würde ein König oder Kaiser vorüberziehen. Zuerst hörte man es in den Lüften johlen und heulen, dann sah man die Winde, die sich fast überschlugen und dann spürte man den eiskalten Hauchs eines Windes, der nicht von dieser Welt war: der wilde Jäger mit seinem Totenheer. Vorweg ging ein alter Mann mit weißem Stab, der „treue Eckert“ mit Namen. Er schaut sich in den Reihen der Lebenden um, geht zu diesem und jenen hin, ihnen zu sagen, dass sie rasch ins Haus gehen sollten, denn manch einen, der am Schneideweg steht, den nimmt die Jagd einfach mit. Zu sehr zieht sie in ihren Bann.
