Sagenhaftes Hildesheim - Uwe Grießmann - E-Book

Sagenhaftes Hildesheim E-Book

Uwe Grießmann

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Beschreibung

Sagenhaftes Hildesheim. Eine Stadt und ein Landkreis mit Geheimnissen. Woher stammt der Silberfund? Ist er tatsächlich das Tafelgeschirr des römischen Feldherrn Publius Quinctillius Varus? Woher hat der Kehrwiederturm seinen Namen? Wie überstand die Stadt eine der Belagerungen im Dreißigjährigen Krieg? Und was hat es mit den beiden Lichtungen mit ihren wilden Rosenstöcken auf sich? Sagen sind auf mündlichen Überlieferungen basierende kurze Geschichten. Oft haben sie einen märchenhaften oder fantastischen Inhalt, ohne dass auf die handelnden Personen besonders eingegangen wird. Währenddessen sind Legenden literarische Erzählungen über Personen, die herausragende – meist religiöse – Eigenschaften besitzen. Nun könnte man Sagen so erzählen, wie sie weitergegeben wurden, jedoch wollte ich das nicht tun. Stattdessen habe ich sie vollkommen neu interpretiert. Ich habe den Charakteren, die darin oftmals nur als Frau oder Mann, als Schneider oder Bauer, als Burgherr, Edeldame oder Bischof Erwähnung finden, Namen und Gestalt gegeben. Um sie herum entstanden Geschichten und Geschichte. Sie wandern durch die Straßen der Neustadt oder Hildesheims. Sie verirren sich in tiefen Wäldern oder werden von grausamen Räubern entführt. Dabei habe ich die ursprünglichen märchenhaften und fantastischen Elemente in einen Kontext gebracht, in dem sie glaubhaft werden.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Uwe Grießmann

Sagenhaftes Hildesheim

Zu diesem Buch:

Sagenhaftes Hildesheim. Eine Stadt und ein Landkreis mit Geheimnissen. Uwe Grießmann nimmt sich alter Sagen und Legenden an, spannt den Bogen über zwei Jahrtausende von den alten Germanen bis in die Neuzeit und verleiht den handelnden Figuren Namen und Gestalt. Durch seine Interpretationen bringt er die märchenhaften Geschichten in einen Kontext, in dem sie glaubhaft wirken.

Uwe Grießmann

Sagenhaftes Hildesheim

Erzählungen nach Sagen und Legenden

aus Stadt und Landkreis Hildesheim

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Bilderverzeichnis:

Cover (Ausschnitte):

»Undine« (1909), »Once there was a poor old woman« (1920), von Arthur Rackham (1867 – 1939).

© 2026 für diese Ausgabe:

Vorwort

Sagenhaftes Hildesheim. Eine Stadt und ein Landkreis mit Geheimnissen. Woher stammt der Silberfund? Ist er tatsächlich das Tafelgeschirr des römischen Feldherrn Publius Quinctillius Varus?

Woher hat der Kehrwiederturm seinen Namen?

Wie überstand die Stadt eine der Belagerungen im Dreißigjährigen Krieg?

Und was hat es mit den beiden Lichtungen mit ihren wilden Rosenstöcken auf sich?

Sagen sind auf mündlichen Überlieferungen basierende kurze Geschichten. Oft haben sie einen märchenhaften oder fantastischen Inhalt, ohne dass auf die handelnden Personen besonders eingegangen wird.

Währenddessen sind Legenden literarische Erzählungen über Personen, die herausragende – meist religiöse – Eigenschaften besitzen.

Nun könnte man Sagen so erzählen, wie sie weitergegeben wurden, jedoch wollte ich das nicht tun. Stattdessen habe ich sie vollkommen neu interpretiert. Ich habe den Charakteren, die darin oftmals nur als Frau oder Mann, als Schneider oder Bauer, als Burgherr, Edeldame oder Bischof Erwähnung finden, Namen und Gestalt gegeben. Um sie herum entstanden Geschichten und Geschichte. Sie wandern durch die Straßen der Neustadt oder Hildesheims. Sie verirren sich in tiefen Wäldern oder werden von grausamen Räubern entführt. Dabei habe ich die ursprünglichen märchenhaften und fantastischen Elemente in einen Kontext gebracht, in dem sie glaubhaft werden.

Begleiten Sie mich nun auf eine zweitausendjährige Reise durch die Vergangenheit bis hinein ins Heute. Tauchen Sie mit mir ein in das sagenhafte Hildesheim.

Uwe Grießmann im Sommer 2018

Die Opfergabe

Das Jahr 9 nach Christi Geburt

In den Wäldern Germaniens

Die beiden Späher bewegten sich nahezu lautlos durch den Wald. Kaum ein Ästchen zerbrach unter ihren nackten Füßen.

»Da vorne«, flüsterte Askan.

Richwin nickte, auch er hatte längst bemerkt, dass sie sich dem Waldrand näherten.

Die Männer verbargen sich hinter einen Busch. Keinen Steinwurf vor ihnen führte eine mit Kopfsteinen gepflasterte Römerstraße vorbei. Dahinter breitete sich ein fruchtbares, hügeliges Tal aus. Das helle Braun reifer Ähren, dazwischen leuchteten blaue Kornblumen. Das kräftige Grün des Auwalds, der sich entlang eines Flüsschens schlängelten und das dunkle Blau des Himmels, der sich über all dem spannte.

Richwin gönnte den Bauern, die die Ernte einbrachten, nur einen flüchtigen Blick. Er interessierte sich nur für das römische Kastell, welches auf der höchsten Erhebung errichtet worden war. Drei Grabenreihen umgaben die Festung, die unteren beiden waren mit Wasser gefüllt, der oberste Graben war leer. Das war seltsam.

Die Feste ist im Bau, erkannte er, denn statt befestigter Gebäude standen noch viele Zelte innerhalb des hölzernen Wehrs. Von einigen wenigen Feuerstellen stieg Rauch auf. Das ließ darauf schließen, dass das Bollwerk unterbesetzt war. Dennoch würde es schwierig werden, es einzunehmen.

»Geh zurück und erstatte Meldung«, flüsterte Richwin Askan zu. »Ich bin mir sicher, dass es ein Kastell für berittene Auxiliartruppen ist.«

»Ich sehe keine Ställe«, warf Askan ein.

»Siehst du das große weiße Zelt?«

Askan nickte.

»Die weitläufige Baustelle daneben, was meinst du, was das mal werden soll?«

»Du hast recht, das könnte eine Stallung werden. Wird es aber nicht«, grinste Askan. Er erhob sich und wenige Wimpernschläge später war er im Wald verschwunden.

Guter Mann, dachte Richwin nicht ohne Stolz, schließlich hatte er Askan ausgebildet. Bald bekommt er seinen eigenen Trupp, nahm er sich vor, konzentrierte sich wieder auf das Kastell. Verächtlich spuckte Richwin aus. Römer. Wir werden dieses Pack dahin vertreiben, wo es hergekommen ist und dann werden wir das verfluchte Rom erobern. So lautete jedenfalls die Order Arminius’. Wo immer Rom auch lag. Weit im Süden hieß es. Richwin war sich allerdings nicht so sicher, ob er den Einmarsch in Rom noch erleben würde. Er war nicht mehr der Jüngste. Und die Götter hatten ihn schon so manche brenzlige Situation bestehen lassen.

Doch noch standen dem Heer der Germanen andere Aufgaben bevor. Alle römischen Stellungen auslöschen und die Besatzer erschlagen.

Erst sieben Tage war es her, dass ihr Heer die gewaltige Armee des Publius Quinctillius Varus vernichtend geschlagen hatte. Drei Legionen, ebenso viele Alen, sechs Kohorten und die Auxiliartruppen, sowie der gesamte Tross waren in ihren Hinterhalt geraten. Fast zwanzigtausend römische Legionäre hatten sie niedergemetzelt. Seitdem verfolgten sie die wenigen überlebenden Römer. Immer gen Osten. Richwin lächelte. Er roch noch die Feuer, das Blut, hörte die Schreie der Sterbenden. Ein grimmiges Grinsen zog sich über sein Gesicht.

Es raschelte, Richwin nahm seinen Bogen an sich. Vorsichtig drehte er sich auf die rechte Seite. Der Pfeil lag bereits auf der Sehne, als er den weißen Hirsch erblickte. Ein Prachtexemplar. Dein Fleisch wird unser karges Abendmahl aufwerten. Schon der Gedanke daran ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen. Langsam legte er sich auf den Rücken, blickte seitwärts zu dem Tier und spannte den Bogen. Der Hirsch kam etwas näher, stoppte aber, als wittere er die Gefahr in der sich befand. Richwin ließ den Pfeil fliegen, er bohrte sich tief in den Körper des Tiers, genau ins Herz, sodass der Hirsch auf der Stelle zusammenbrach.

Richwin dankte Skadi, der germanischen Göttin der Jagd, und wandte sich dann wieder dem Kastell zu. Seinem Blick entging nicht die geringste Kleinigkeit.

Nur das leise Knacken eines Zweiges verriet Richwin, dass sich jemand näherte. Er zückte das Kurzschwert und wirbelte herum. Innerhalb eines Wimpernschlags stand er. Doch er ließ die Waffe sinken. Askan war zurückgekehrt, er hatte Inguiomer mitgebracht.

»Gut gemacht«, flüsterte der zweite Heerführer ihm zu und klopfte Richwin auf den Rücken. »Was tut sich da unten?«

»Kurz bevor ihr gekommen seid, haben ein paar Reiter das Kastell erreicht. Sie waren vollkommen verdreckt und trugen Verbände.« Richwin grinste und deutete auf den Römerweg. »Zehn Reiter waren es«, berichtete er. »Danach sind übrigens die Bauern von den Feldern verschwunden.«

Inguiomer nickte. »Was denkst du? Wie viele Soldaten sind in der Festung? Eine Kohorte? «

»Unwahrscheinlich. Da drin sind höchstens ein paar Turmae. Mehr nicht.«

Das Gesicht verziehend brummte Inguiomer: »Unterschätze diese Bastarde niemals. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ihr Kastell so ungeschützt lassen. Darin verschanzen sich mehr Legionäre. Wetten wir?« Er streckte Richwin den Arm hin. Doch der lehnte ab. »Wenn du es sagst. Davon verstehe ich nichts. Ich bin nur der Anführer der Späher.« Sollte er die Wette gewinnen, wäre Inguiomer ihm nicht mehr so gut gesonnen, wie derzeit. Der zweite Heerführer konnte ziemlich aufbrausend werden.

»Dafür hast du andere Qualitäten«, beschied Inguiomer und zog sich mit Askan zurück. »Wir werden die Bastarde bei Einbruch der Dämmerung angreifen. Dazu sollten tausend Männer reichen.«

Richwin lachte leise auf und strich sich durch seinen langen Bart. Er blieb auf der Lauer liegen und prägte sich alles ein, was irgendwie von Interesse war.

***

Die Bogenschützen erreichten Richwins Stellung zuerst. Sie verschmolzen mit den Bäumen und waren sogar für ihn kaum mehr auffindbar. Diese Taktik der Unsichtbarkeit und der Überraschung war es, die für den Sieg über Varus den Ausschlag gegeben hatte.

Kurz darauf kamen zusätzliche Männer hinzu. Vermesser schätzten die Entfernung, beratschlagten sich, gaben leise Befehle an die Melder weiter. Speerträger legten sich auf die Lauer. All dies geschah fast geräuschlos. Eintausend Männer versammelten sich um ihn herum, selbst der Anführer der Späher nahm sie kaum wahr. Arminius hatte seine Ausbilder gut unterwiesen.

Doch die Römer ahnten wohl, was auf sie zukam. Plötzlich öffneten sich die Tore des Kastells und etwa dreißig Reiter, eine volle Turma, preschten heraus. Ohne zu zögern, ritten sie direkt auf die Römerstraße, genau auf die Angreifer zu.

Richwin hob die Hand. Da kein ranghöherer Offizier anwesend war, war er derzeit der Anführer. Er imitierte nun das Schimpfen einer Amsel. Diese Töne brachten die Bogenschützen dazu, Stellung zu nehmen. Locker hielten sie die Bögen auf die Erde gesenkt, die Pfeile jedoch bereits eingenockt.

Nicht mehr lange, und die Besatzer waren heran. Von den Heerführern war nichts zu sehen. Richwin winkte einen der Vermesser zu sich. »Sag Arminius und Inguiomer Bescheid. Und beeile dich! Wenn die vorbeikommen und die Falle ...«

»Ich bin lange genug dabei«, antwortete der Mann und hastete davon.

Die Reiter kamen näher, nur noch wenige Augenblicke, und sie ritten vorbei.

Nein! Der Centurio stoppte, hob die Hand. Der Trupp hielt an. Die Römer hatten die Falle entdeckt. Das Zeichen für die Bogenschützen war der dreifache Ruf eines Kuckucks und der Ruf kam sofort. Schon traf sein Pfeil den Anführer in den Hals. Hunderte Geschosse schwirrten auf die Römer zu, durchschlugen ihre Lederpanzerung, durch die kurze Distanz auch die metallenen Panzerungen der beiden Offiziere. Keines der wertvollen Tiere bekam einen Kratzer ab. Die überlebenden feindlichen Soldaten wanden sich vor Schmerzen auf der Erde.

Zwei Kehlenschlitzer machten sich nun an die blutige Arbeit. Ein paar Männer führten die erbeuteten Pferde davon.

»Angriff!«, erscholl eine Stimme. Es war die von Arminius.

Der Befehl ließ kein Chaos losbrechen, wie in früheren Zeiten, denn Arminius hatte seine Armee nach römischen Vorbild aufgestellt. Die Offiziere gaben leise Anweisungen an ihre Untergebenen weiter und eine Abteilung nach der anderen marschierte los. Trommeln ertönten und Schreie.

»Wir kommen, Römer!«

»Macht euch bereit! Zum Sterben!«

Richwin sammelte seine Leute unter sich, doch eine schwielige Faust legte sich auf seine Schulter. »Du bleibst hier.« Es war Arminius, einer der wenigen Männer, die er kannte, die keinen Bart trugen. Abgesehen von den Römern natürlich. Auch die waren immer rasiert; aber die, die er kennengelernt hatte, waren meist recht schnell gestorben.

Richwin nickte und gab Askan den Befehl, seine Abteilung zu führen.

»Inguiomer wird das alleine schaffen. Er hat von mir genaue Instruktionen erhalten.« Arminius wanderte zu dem toten Hirschen. Er hockte sich vor das Tier und zog den Pfeil mit einem kräftigen Ruck aus dem Körper. Als er zurückkam, setze er sich gegen einen Baum gelehnt auf die Erde. Er forderte Richwin auf, es ihm gleichzutun. »Ein direkter Herztreffer. Du bist ein guter Schütze, Richwin.« Arminius ließ den Pfeil ein paar Mal auf seine Hand klatschen, dann gab er ihn zurück. »Wir haben gemeinsam viele Schlachten geschlagen«, verkündete der Heerführer.

»Das ist wahr, Arminius. Allerdings war keine so wie die Schlacht gegen Varus.« Richwin lachte rau auf.

»Publius Quinctillius Varus. Er war einst mein Freund. Wusstest du das?«

Richwin schüttelte das Haupt.

»Ich kannte alle seine Taktiken und Stärken. Aber auch seine Schwachstellen, seine Überheblichkeit, seinen Unwillen, Ratschläge anzunehmen. Er hielt sich für den größten Eroberer der Welt. Jetzt ist sein Kopf nach Rom unterwegs. Meine Warnung an Kaiser Augustus. Melder!«

»Ja, Herr?«

»Alle vier Tore müssen gestürmt werden. Niemand darf entkommen!«, befahl Arminius.

»Ja, Herr.« Der Melder rannte davon, Richtung Kastell. Dort flogen die ersten Pfeile. Das Kampfgeschrei war deutlich zu hören. Im Inneren der Befestigung stiegen nun mehr Rauchfahnen in den Himmel.

»Sie versuchen noch, Pech zu sieden. Dafür ist’s ein bisschen zu spät«, sagte Richwin.

»Ja«, antwortete Arminius knapp. »Das wird kein großer Sieg. Es wird ein Gemetzel. Aber die Römer hätten nicht versuchen sollen, Germanien zu erobern.«

»Woher stammt dein Hass gegen sie?«, wollte Richwin wissen. »Du hast doch bei ihnen gelebt.«

»Als Geisel.« Arminius nickte bedächtig. »Mein Herz lernte zu hassen, als ich mit Varus in meine Heimat zurückgekehrt war. Davor war ich fast selbst einer von ihnen geworden. Ich war in Rom ein angesehener Mann, ein hoher Offizier. Kommandeur eines Auxiliarverbandes. Dann kehrte ich mit Varus nach Germanien zurück. Die Römer benahmen sich wie Herren und taten so, als wären die Germanen nur räudige Hunde. So gingen sie mit meinem Volk um. Diesen Kerlen ging es nur ums Gold, um die Tributzahlungen.« Der Cheruskerfürst schwieg. Das Thema war für ihn offenbar erledigt.

Inguiomer setzte nun Brandpfeile ein. Hunderte flogen in das Kastell, wie feurige Vögel, die lange Rauchschweife hinter sich herzogen.

Die ersten Zelte fielen den Flammen zum Opfer. Schwarzer Rauch stieg auf. Der Schlachtenlärm wogte zu ihnen herüber. Von hier aus war jedoch kein Unterschied zwischen Todesschreien und Kriegsgebrüll auszumachen. Zu sehen war auch nicht mehr viel, weil der Qualm die Sicht behinderte.

Arminius hatte die Augen geschlossen. »Was denkst du?«, fragte er.

»Dass ich langsam in das Alter komme, in dem ich mir ein dralles Weib nehmen sollte, welches mir eine Menge Nachfahren beschert«, antwortete der Anführer der Späher grinsend.

Der Heerführer lachte. »Gut gesprochen! Der Krieg gegen Rom ist nicht gut für Germanien. Zu viele Männer sterben auf den Schlachtfeldern, anstatt das Reich zu mehren.«

Wind kam auf. Er vertrieb den Qualm für eine kurze Weile. Richwin sah einen Trupp gepanzerter Krieger, die mit einem Rammbock auf das Tor des Kastells zustürmten. Alle fielen sie im Pfeilhagel. Doch andere übernahmen ihren Plätze, nur, um ebenfalls zu sterben. Der achte oder neunte Versuch gelang jedoch. Der Schlag, mit dem das lange Belagerungsgerät auf das Tor aufkrachte, war bis hier zu hören. Das Geschrei wurde lauter, als hunderte Kämpfer in die Festung vordrangen.

»Schau nur, sie fliehen.«

Aus dem hinteren Tor stürmten Reiter heraus. Es waren vielleicht noch drei Turmae. Auch eine große Anzahl bepackter Lastpferde führten sie mit sich. Doch ritten sie nicht Arminius’ angreifenden Truppen entgegen, sie flohen Richtung Osten. Der Melder hatte Inguiomer anscheinend noch nicht erreicht. Arminius fluchte laut. »Es ist an der Zeit, dass du ein eigenes Pferd bekommst«, sagte Arminius. »Such dir eines der Tiere aus, die wir heute erbeutet haben. Ich empfehle dir den Schwarzen.«

Richwin hatte nicht bemerkt, dass der Cheruskerfürst die Tiere gemustert hatte. Aber der Grund für sein Geschenk war klar. Niemals würde er die Römer entkommen lassen. Und er, Richwin, sollte sich an der Jagd beteiligen. Er blickte noch einmal auf den Hirsch, von dessen Fleisch er wohl kaum etwas abbekommen würde, dann holte er sich den Rappen.

Der Endkampf um das Kastell war kurz und brutal. Nur ein paar Bauern und die germanischstämmigen Bediensteten überlebten ihn. Schließlich waren sie von den Besatzern versklavt worden. Kein einziger Römer wurde jedoch verschont.

Arminius klopfte Richwin erneut auf die Schulter. »Wenn Inguiomer zurückkommt, führe ihn zu mir. Dann beginnt die Hetzjagd.«

***

Arminius wartete im Zelt auf seinen Onkel und den Späher. Die beiden Heerführer unterhielten sich kurz im Flüsterton miteinander, sodass Richwin nichts verstand. Er wusste, dass die beiden Cheruskerfürsten sich gegenseitig nicht besonders schätzten. Inguiomer war nämlich unempfänglich für Arminius’ Ratschläge, obgleich der Ältere bereits eine ganze Menge Schlachten verloren hatte. Dass er nun unter seinem Neffen kämpfen musste, schlug ihm wahrscheinlich mächtig auf den Magen.

***

»Kein Römer wird Germanien lebend verlassen!«, schrie Arminius und reckte die Faust gen Himmel. Jubel brandete ihm entgegen.

»Doch ehe wir aufbrechen, habe ich etwas zu verkünden. Ab Morgen werden wir eine neue Einheit aufstellen. Die Hornissen. Diese Vespa crabro tauchen aus dem Nichts auf und stechen den Feind schmerzhaft, ehe sie wieder im Nichts verschwinden.«

Richwin ahnte bereits, auf was der Heerführer anspielte. Er tätschelte sein nervöses Pferd und grinste. »Ruhig Schwarzer.«

»Eine selbstständige berittene Volleinheit Bogenschützen, die nicht in den großen Schlachten eingesetzt wird«, setze Arminius seine Rede fort. Er trieb sein Pferd zu Richwin. »Die Hornissen werden die Geißel der Römer werden und Richwin wird sie anführen. Denk’ schon mal darüber nach, welche Männer du zu Hornissen machen möchtest«, rief er laut zu Richwin. »Ich unterstelle dir vorerst eine Ala.«

Ohne ein weiteres Wort ritt der Anführer los. Die Reiterei, mehr als fünfhundert Mann stark, folgte ihnen im gemächlichen Galopp.

***

Arminius und seine Männer ließen sich Zeit. Dank der hinterlassenen Spuren, verfolgten sie die Römer so lange, bis sie auf deren Feldlager trafen. Das Lager war denkbar schlecht geschützt. Auf einen Wink Arminius’, stürzten sich die weit überlegenen Germanen in blindem Hass auf die Feinde. Ein gnadenloses Gemetzel entbrannte. Richwin benutzte für den Kampf sein Kurzschwert. Er ritt auf dem Rappen auf den Führer der Berittenen, einen Tribun zu. Dem stand blankes Entsetzen in den Augen. Die purpurfarbene Tunika wehte im Wind, als der Offizier sein Heil in der Flucht suchte. Er rannte aus dem Lager, doch es war zu spät, Richwins Tritt in den Rücken fällte den Feigling wie einen Baum. Er sprang vom Pferd und setzte den Fuß auf die Kehle des Offiziers. »Ave Tribunus militum. Bist wohl nicht mehr gewohnt, wie ein Mann zu kämpfen?«, fragte er, obgleich er ahnte, dass der Römer kein germanisch sprach. Die Antwort war ein Röcheln. »Dann stirb eben wie eine Ratte.« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, bohrte er sein Schwert in die Brust des Tribuns. Das Japsen erstarb. Richwin drehte sich um. Das Schlachten lag in den Endzügen. Ein paar der Legionäre versuchten, noch zu fliehen, aber gegen Berittene hatten sie keine Chance. Ihr Blut versickerte in der Lichtung des Waldes.

***

»Es ist dein Recht als Bezwinger des Tribuns.« Arminius deutete auf das größte Zelt, an dessen Spitze ein purpurner Wimpel flatterte. Arminius überließ Richwin den Vortritt. In der Ecke standen mehrere Truhen, Richwin öffnete eine davon. Staunend nahm er eines der Gefäße heraus. Eine wunderschöne Schale aus reinem Silber. In den Boden tief eingetrieben eine Frau, die in reichen, vergoldeten Gewändern auf einem Thron saß. In ihrer linken Hand hielt sie einen gebogenen Stab, mit dem rechten Arm umklammerte sie einen Schild.

»Athena«, sagte Arminius. »Die Göttin der Weisheit, des Kampfes und der Kunst«, erklärte er Richwin die Darstellung. »Und sie ist ebenso sehr die Göttin der Strategie. Vielleicht hätten die Römer auf sie hören sollen. Sie ist wunderschön, nicht wahr?«

Richwin nickte. Er reichte die Schale an Arminius weiter und nahm ein Trinkgefäß aus der Truhe. Einen schön getriebenen Becher aus Silber. Arminius öffnete eine zweite Truhe. Diese war gefüllt mit silbernen Tellern, einem Silberkessel und kostbaren Behältern.

»Hier steckst du also?« Die beiden Krieger drehten sich um. Inguiomer trat zu ihnen und nahm Arminius die Athenaschale aus der Hand. »Römischer Tand«, tat er seine Meinung kund. »Aber es ist eine Menge Silber, das wir einschmelzen können.«

Doch Arminius stoppte seinen Onkel mit einer Handbewegung. »Wir werden das Tafelsilber den Göttern opfern. Wir haben genügend Silber und Gold erbeutet. Und diese Athenaschale wird Wotan sicher erfreuen.« Er blickte Richwin an. »Dir steht ein Zehnt meines Anteils zu. Mein Onkel und ich ...«, die Worte klangen schneidend, »wir teilen nämlich stets die Hälfte der Beute untereinander auf.«

Richwin verneigte sich leicht vor dem Cheruskerfürsten. »Wenn du deinen Anteil den Göttern opfern möchtest, dann werde ich der Letzte sein, der den Göttern ihr Kontingent verwehrt.«

Arminius lächelte. »Gut gesprochen. Richwin. Ich danke dir dafür.« Nun wendete er sich dem Onkel zu. »Bist du mit der Opfergabe einverstanden?«

Inguiomer schüttelte den Kopf. »Mach du damit, was du möchtest. Ich werde mit meinem Teil tun, was ich will.«

Schätze anhäufen, dachte Richwin. Bisher hatte er vor Inguiomer noch etwas Respekt gehabt, der schmolz jedoch immer weiter dahin.

***

Arminius reichte Richwin einen Spaten. Der nahm ihn entgegen, setzte ihn auf den Waldboden. Dann trat er kräftig zu, schaufelte die Erde heraus. Richwin entleerte den Spaten zur Seite. Damit war seine Pflicht erfüllt. Er überreichte das Werkzeug einem einfachen Fußsoldaten und beobachtete, wie der Mann in der brütenden Hitze schnell ins Schwitzen geriet. Schließlich jedoch wendete Richwin sich ab, schaute sich um. Die toten Römer waren am Rande der Lichtung auf einen Scheiterhaufen geworfen worden. Ein paar Männer steckten ihn gerade an.

Die beim Kampf Gefallenen Germanen und ihre Reittiere hatten sie bereits in einem ehrbaren Hügelgrab bestattet.

In der Mitte der Waldwiese rankte eine Wildrose in die Höhe. Ihre Blüten leuchteten in einem wunderschönen Rosa. Richwin lächelte.

»Ein schöner Ort für die Götter«, raunte Arminius.

»Wohl wahr«, antwortete Richwin.

Vögel zwitscherten, ein Reh kam auf die Lichtung, als es jedoch die Krieger erblickte, flüchtete es.

»Wohl wahr.«

»Nun befreien wir das germanische Reich vom Joch der Despoten«, rief Arminius und reckte die Faust gen Himmel.

Wer ein Schild bei sich trug, der schlug mit seiner Waffe dagegen. »Tod den Römern«, brüllten alle. »Tod den Unterdrückern!«

Der Soldat hatte das Loch für die Opfergabe ausgeschachtet. »Komm mit«, forderte Arminius Richwin auf. Zusammen füllten sie drei große Behälter, einen Eimer, einen Krater und einen Kantharos mit den kleineren Beutestücken. Teller, Becher, Platten, Schalen, einen Klapptisch und einen Kandelaber. Oben auf das silberne Tafelgeschirr legte Arminius noch eine kleine Kelle. Er sprach ein leises Gebet zu Wotan, nahm die Schaufel entgegen und begann damit, die Opfergabe mit Erde zu bedecken.

Die Sage vom Hildesheimer Silberfund

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Silberfund vom Cheruskerfürst Arminius als Opfergabe vergraben wurde. Bei diesem Fund handelt sich um ein Tafelgeschirr aus augusteischer Zeit, wie die Punzen und Nummerierungen auf den Einzelstücken beweisen.

Noch heute sind sich die Historiker uneins, woher genau die Stücke stammen.

Einige vermuten, dass es sich um das Tafelsilber des Publius Quinctilius Varus handelt. Aber hat der große Feldherr wirklich nur von einfachem Silber gespeist? Das ist unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist es, dass es sich um das Geschirr eines hohen Offiziers handelt. Es war für drei Teilnehmer eines Gastmahls ausgelegt. Deshalb handelt es sich offenbar nur um die Hälfte eines Tafelgeschirrs, wo jedoch befindet sich die andere Hälfte? Derzeit behält der Silberfund sein Geheimnis für sich.

Da die 70 Stücke auf staatlichem Gebiet gefunden wurden (einer Armeekaserne), wurden sie nach Berlin überführt. Das Roemer-Pelizaeus-Museum erhielt stattdessen originale Repliken. Sie werden heute der Öffentlichkeit im Museum des Knochenhauer-Amtshauses zugänglich gemacht.

Der wilde Rosenstock

Im Jahr des Herrn 815

In den Wäldern Sachsens

Der Tross stoppte auf einer Lichtung im Wald. Louis le Débonnaire stieg von seinem Pferd und blickte sich um. Es war ein idealer Lagerplatz. Allerdings war es ihm völlig gleichgültig, dass die Vorhut das Lager genau nach Vorschrift aufgebaut hatte. Hauptsache, das Zelt des Kaisers war errichtet. Und das befand sich – wie immer – in der Mitte des Zeltlagers.

Dennoch bemühten sich die Bücklinge um ihn. »Mögt Ihr erst beten, Eure Majestät? Oder erst ein wenig ruhen?«, fragte sein Hofmeister.

»Wir wollen beten«, beschied der Herrscher des mächtigen Fränkischen Reiches, welches sich im Norden vom Atlantischen Ozean über die Nordsee und Teile der Ostsee erstreckte. Nur die Dänen wollten sich nicht unterwerfen. Von den Grenzen der Spanischen Mark, bis weit in den Osten, wo sein Vater, Karl der Große Sachsen, Thüringen, Bayern und Kärnten erobert hatte. Im Süden begrenzte das Mittelmeer sein Hoheitsgebiet, das sich bis nach Rom ausdehnte.

Zum Gebet nutzte Louis gerne einen Platz in der Natur, wenn denn keine Kirche zur Verfügung stand. Und hier in der Gegend gab es nur unendlichen Wald und mitten darin diese Lichtung. Der Hofmeister schritt voran. »Es ist nicht weit, Eure kaiserliche Hoheit«, versprach er und führte Louis und dessen beachtliches Gefolge an den Rand der Waldwiese.

Das erste, was Louis auffiel, waren mehrere heidnische Hügelgräber. Angewidert verzog er sein Gesicht und betrachtete dann den wilden Rosenstock. Der jedoch war eine Augenweide. Zarte rosafarbene Blüten, wohin das Auge blickte. Ein wahrhaft göttlicher Ort. Direkt vor dem Busch stand die Betbank. Louis ließ sich nieder, faltete die Hände zum Gebet und lauschte dem sofort einsetzenden einschläfernden Singsang des Priesters.

»Oh Gott, Allmächtiger.«

Der Du Himmel und Erde erschaffen hast.

Und den Menschen so viele gute Gaben gegeben hast.

Gib mir in Deiner Gnade rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, dem Teufel zu widerstehen, und das Böse zu meiden und Deinen Willen zu verwirklichen.

Dem Gebet schlossen sich endlose Kommemorationen an, so wie es der gottesfürchtige Kaiser mochte. Darob wurde die Unruhe unter seinem Gefolge nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar. Gerade so sehr, dass der Herrscher strenge Blicke nach hinten warf. Augenblicklich herrschte andachtsgemäßes Stillschweigen.

Als der Priester, Vater Burghard, endlich endete, sprach der fromme Monarch selbst noch ein paar stumme Gebete und erhob sich seufzend.

Etwas raschelte. Soldaten rannten mit gezogenen Schwertern in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Schließlich schleppte einer auf seinen Schultern einen Jungen herbei, vielleicht acht oder neun Lenze zählte er. Ungerührt warf er den Knaben zu Boden. »Er hat sich im Gebüsch versteckt. Keine Ahnung, was der im Schilde führte.« Den erbeuteten Bogen, von Kindeshand hergestellt, und kaum geeignet, jemanden ernsthaft zu verletzen, zeigte er dem Kaiser.

Louis verschränkte die Arme hinter dem Rücken. »Nun? Hatte er vor Uns zu töten?«, fragte er.

»Euch alle?«, schoss die Frage des schmutzigen kleinen Kerls zurück. Das brachte ihm eine spontane Ohrfeige vom Soldaten ein.

Die Augen des Jungen füllten sich mit Tränen. Tapfer sagte er: »Nein! Ich war auf der Suche nach Wild. Einen Hasen wollt ich schießen. Da bin ich auf das Lager hier gestoßen. Das wollt ich mir ansehen.«

Louis lachte auf. »Das haben Wir Uns schon gedacht. Woher kommt er?«

»Wer?«, fragte der Junge verwirrt.

»Du, du ungehobelter Bastard«, fauchte ihn der Soldat an.