SALVAGE MERC ONE - Jake Bible - E-Book

SALVAGE MERC ONE E-Book

Jake Bible

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Beschreibung

Joseph Laribeau war dafür geboren, ein Marine der Galaktischen Flotte zu sein. Er war dafür geboren, die als SKRANG ALLIANCE bekannten feindlichen Aliens zu bekämpfen und als Marine Sergeant durch die Galaxie zu reisen. Er liebte sein Leben. Doch dann endete der Krieg und Joe wurde aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Damit verlor er den besten Job, den er je hatte, und es schien, als würde er nicht wieder in ein geregeltes Leben zurückfinden. Doch dann tritt eine wunderschöne Außerirdische in sein Leben und bietet ihm eine Chance an, die noch größer ist, als in der Flotte zu dienen: das Salvage Merc Corp. Unter seinem neuen Namen Salvage Merc 1-84 bekommt Joe Laribeau von seinen Vorgesetzten beim Corp den ultimativen Auftrag. Doch zu seiner Überraschung ist es keine militärische Rettungsaktion und auch keine Bergungsmission für ein Unternehmen. Vielmehr muss Joe sein Leben für einen seiner eigenen Leute riskieren. Er soll jene Legende finden und zurückbringen, mit der das Corp überhaupt erst begann: Er soll IHN finden - den SALVAGE MERC ONE.

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SALVAGE MERC ONE

Jake Bible

This Translation is published by arrangement with SEVERED PRESS, www.severedpress.com Title: SALVAGE MERC ONE. All rights reserved. First Published by Severed Press, 2016. Severed Press Logo are trademarks or registered trademarks of Severed Press. All rights reserved.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: SALVAGE MERC ONE Copyright Gesamtausgabe © 2017 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Kalle Max Hofmann

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2016) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-207-0

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhalt

SALVAGE MERC ONE
Impressum
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
ZWEIUNDZWANZIG
DREIUNDZWANZIG
VIERUNDZWANZIG
Über den Autor

EINS

Wenn du bei den Marines bist, lernst du ganz schnell, dass du im Kampf nur zwei Verbündete hast: Dein H16 Plasma-Sturmgewehr und den Soldaten, der direkt neben dir steht.

Alles andere kann zur Hölle fahren. Schon allein deswegen, weil es dein verdammter Job ist, alles dorthin zu schicken!

Eine wirklich passende Philosophie, wenn man dreckige Skrang und ihre noch viel schlimmeren Verbündeten, die B'clo'no, bekämpft.

Das Dumme ist nur, in der Sekunde, in welcher der Krieg vorbei war, hatte ich diese beiden Freunde verloren. Mein H16 vermisste ich wirklich. Es war die beste Multiwaffe, die sich ein stahlharter Marine wünschen konnte, wenn er mal in die Enge getrieben wurde. Ich habe mit diesem Baby einen ganzen Haufen Skrangs erledigt. Aber ich sehe natürlich ein, dass man am Ende seiner Dienstzeit die Waffe abgeben muss. So läuft das eben bei der Galaktischen Flotte.

Wie ich meinen zweiten Freund verloren habe? Den Marine, der in all diesen Feuergefechten gegen muskelbepackte Reptilien und Schleimmonster nicht von meiner Seite gewichen ist? Okay, den habe ich nicht wirklich verloren. Crawford ist bei der Flotte geblieben. Ihn haben sie nicht gebeten, zu gehen, denn er war immer noch im Vollbesitz all seiner Organe und Gliedmaßen. Er musste nie einen einzigen Chit für Implantate ausgeben. Er war zu hundert Prozent menschlich.

Oder anders gesagt: Bei ihm mussten sie nicht draufzahlen.

Ich dagegen habe die mir zustehenden Repchits im zweiten Dienstjahr gleich beide auf einmal einlösen müssen, denn ich war dummerweise in eine B'clo'no Paarungsfalle getreten, und das hat mich beide Beine gekostet, bis knapp unter die Knie. Ich weiß nicht mal, ob es ein Männchen oder ein Weibchen war, das da in der Grube auf mich gelauert hat, denn das ist bei diesen Schleimwesen schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass nicht mehr viel von dem Viech übrig blieb, als ich damit fertig war. Ist mir auch egal, ob es eine Milliarde Eier enthalten hat, so wie die Weibchen, oder nur eine Million, so wie die Männchen. Ich habe diesen Riesenhaufen Schnodder komplett in Stücke geschossen, als er mir die Beine weggefressen hat. Ein doppeltes Hurra auf mein H16!

Nachdem ich meine beiden Repchits also ausgegeben hatte und dann auch noch die Wartungskosten für meine schönen neuen Cyborg-Beine aufgelaufen waren, haben die Oberen entschieden, dass ich nicht gerade wirtschaftlich war. Nachdem der Krieg zu Ende ging, war die Galaktische Flotte wirklich ganz schön knauserig geworden. Nun musste das Geld für den Frieden ausgegeben werden, statt für die Vernichtung von Skrang und diesen verdammten, klebrigen B'clo'nos.

Crawford durfte bleiben … und mich haben sie rausgekickt.

Ist mir aber egal. Also, inzwischen ist es das. Am Anfang hat es mich tierisch gekränkt, aber so ist das im Leben. Ich habe mich einfach ein paar Monate um Sinn und Verstand gesoffen, bis ich in eine Wubloov-Kneipe auf diesem einen Planeten gestolpert bin … wie hieß er noch … ach ja, auf Xippeee war das.

Ich weiß, ich weiß… ich frage mich selbst immer, wer sich diese bescheuerten Namen für Planeten ausdenkt! Xippeee mit drei e? So ein Quatsch treibt mich in den Wahnsinn!

Wo war ich stehengeblieben?

Ach ja, bei Xippeee.

Da hing ich also volltrunken in dieser Bar, als eine Frau hereinkam. Sie war eine Halferin, eines dieser seltenen Mischlingswesen, die es in der Galaxis gibt. Sie war halb Mensch, halb Gwreq. Von denen hatte sie die Steinhaut abbekommen, aber sie besaß nur zwei Arme statt vier. Und sie war heiß. Damit meine ich, dass jeder in dieser Kaschemme sofort alles stehen und liegen ließ. Männer, Frauen und Asexer aller Rassen bekamen den Mund nicht mehr zu und starrten sie einfach nur an.

Ich für meinen Teil trank auch noch Wubloov, und das Zeug hat nach dem sechsten Pitcher ernsthafte halluzinogene Effekte. Deswegen bin ich erst mal davon ausgegangen, dass sie nur ein Hirngespinst war. Ohne Scheiß. Aber diese Halferin kam auf mich zu, ignorierte die Blicke aller Anwesenden, und setzte sich an meinen Tisch. Genau in diesem Moment bestellte ich einen weiteren Pitcher Wubloov, weil ich nicht wollte, dass dieser Trip jemals endete.

Als sie jedoch eine KL09-Blasterpistole aus einem Holster zog und sie auf den Tisch legte, dämmerte mir, dass sie vielleicht mehr als ein Produkt meiner Fantasie sein könnte. Was irgendwie ziemlich ätzend war, denn in meiner Fantasie hätte ich ihr bestimmt an die Wäsche gehen können. Aber im wirklichen Leben würde sich eine Traumfrau wie sie garantiert nicht mit einem vernarbten, abgehalfterten und sehr betrunkenen Ex-Marine einlassen. Egal, wie sexy meine Cyborg-Beine auch waren.

»Sergeant Joe Laribeau?«, fragte sie, nachdem die Kellnerin meinen zweiten Pitcher Wubloov auf den Tisch gestellt hatte. Mein Gegenüber wartete, bis die Bedienung verschwunden war, dann goss sie sich ein Glas ein, schüttete es sich in den Rachen und deutete mit dem leeren Glas in meine Richtung. »Ich spreche Common, von daher weiß ich, dass Sie mich verstehen. Sind Sie Sergeant Joe Laribeau oder nicht?«

Sie sagte den letzten Satz wirklich sehr, sehr langsam, als wäre ich ein Zurückgebliebener, der nicht mehr als drei Worte pro Minute verarbeiten konnte. Und da ich gerade im Begriff war, meinen siebten Pitcher Wubloov zu leeren, hatte sie damit vermutlich gar nicht so unrecht.

Allerdings habe ich eine Gabe. Keine Ahnung, woher ich sie habe. Die Ärzte der Flotte dachten, dass es ein Alien-Virus sein könnte, den ich mir auf einem unserer Einsätze eingefangen habe, aber natürlich wollte sich keiner darauf festlegen. Denn dann wäre das ja im Dienst passiert, ein Arbeitsunfall sozusagen, und die Flotte müsste für die Folgen aufkommen.

Und was ist diese Gabe? Eine Form der absoluten Klarheit.

Vereinfacht gesagt, egal wie betrunken, krank, verletzt oder was auch immer ich bin, im Bruchteil einer Sekunde kann mein Verstand zu rasiermesserscharfer Konzentration zurückkehren. Das Grundrauschen des Lebens ist dann einfach verschwunden und ich kann kristallklar jedes noch so feine Detail wahrnehmen. Das hat aus mir einen Soldaten gemacht, der nicht danebenschießen kann. In diesen Momenten kommt es mir immer vor, als würden sich meine Gegner nur in Zeitlupe bewegen, sodass ich auf einzelne Moleküle zielen könnte, wenn ich wollte.

Jetzt würde man denken, dass die Flotte so einen Mann wie mich doch um jeden Preis behalten wollen müsste, aber wie gesagt, das Budget wurde zusammengestrichen und sie wollten nicht für mich verantwortlich sein, falls meine Gabe auf einmal verschwände und mir stattdessen acht Zehen aus der Stirn wüchsen. Denn genau das habe ich auch schon persönlich miterlebt. Es ist alles andere als schön anzusehen!

Dazu kommt, dass ich mich auf meine Gabe nicht verlassen kann. Ich kann sie nicht bewusst aktivieren, das passiert einfach von selbst – oder auch nicht. Aber bei dieser Halferin klappte es, und deswegen passte ich ganz genau auf. Eine fremde Person kennt meinen Namen und gießt sich ein Glas aus meinem Pitcher ein, ohne vorher zu fragen. Scheißegal, wie gut sie aussieht, da werde ich doch gleich misstrauisch.

»Wer?«, frage ich also.

»Sie sind es«, stellte sie fest und setzte dazu an, ihr Glas noch einmal zu füllen, aber ich packte ihre Hand und schüttelte meinen Kopf. Sie zog eine Augenbraue hoch, und da ihre Haut aus Stein bestand, sah das aus, als würde ein Haufen Kiesel einen Steinbogen über ihrem Auge bilden. Sie starrte böse auf meine Hand.

»Wer zur Hölle bist du?«, fragte ich, und verstärkte meinen Griff. Sie starrte immer noch auf meine Hand, ich starrte ihr ins Gesicht, und der ganze Laden war auf einmal stumm wie ein toter Nuft.

»Nimm bitte deine Hand weg«, sagte sie.

Ich warf einen Blick auf ihre KL09 und sie verlagerte ebenfalls ihre Aufmerksamkeit auf die Handfeuerwaffe.

»Ich habe sie extra auf den Tisch gelegt, damit du weißt, dass ich sie nicht heimlich auf deine Eier richte«, sagte die Frau. Sie seufzte und schob die Waffe mit ihrer freien Hand weiter in meine Richtung. »Du kannst sie ruhig behalten. Ich habe noch ein dutzend andere auf meinem Schiff. Du musst nur bestätigen, dass du Sergeant Joe Laribeau bist und mir dann für fünf Minuten zuhören.«

»Fünf galaktische Minuten oder Sterli-Minuten? Ich war nämlich mal auf Sterli gewesen, und die ziehen sich wirklich ewig hin«, antwortete ich.

»Echte Minuten«, sagte die Frau. Dann seufzte sie wieder. »Bitte, lass meine Hand los.«

Das tat ich. War ja nur fair, nachdem sie mir ihre Pistole rübergeschoben hatte. Sie ließ den Pitcher los und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Die nackte Haut ihrer Oberarme rieb sich an der Lehne und der halbe Laden zuckte bei dem Geräusch zusammen. Es klang nicht ganz so wie Fingernägel auf einer Tafel, war aber verdammt nah dran.

»Muss ich noch einmal fragen?«, sagte sie, fast flehend.

Dieser Tonfall änderte alles. Warum sollte eine Halferin mich anflehen, meinen Namen zu bestätigen? Das machte keinen Sinn. Vor allem, weil sie wahrscheinlich nur über den Tisch langen musste, um meinen Schädel mit ihren bloßen Händen zu zerquetschen, falls ihr der Sinn danach stand. Jedenfalls, wenn sie zusammen mit der Haut der Gwreq auch deren Stärke geerbt hatte. Wenn sie mich tot gewollt hätte, wäre ich das längst. Ich meine, die Hälfte der Leute in der Kneipe hätte zu viel Schiss, sie zu melden, und die anderen waren so heiß auf sie, dass sie das Ganze garantiert für ein sexy Lächeln vergessen hätten. Ich wäre dann nur noch ein Haufen Blut und Knochen mit zwei Cyborg-Beinen in der Mitte, und sie bräuchte keinerlei Konsequenzen zu fürchten.

»Ja, ich bin Joe Laribeau«, antwortete ich also wahrheitsgemäß.

Der erleichterte Ausdruck in ihrem Gesicht war unbezahlbar. An ihrem Gürtel piepte etwas und sie zog einen kleinen Scanner hervor. Den hielt sie für zwei Sekunden an ihr Auge, bis er zu piepsen aufhörte. Dann entspannte sie sich, clippte den Scanner wieder an ihren Gürtel und seufzte ein drittes Mal. Dieser Seufzer wurde von einem Lächeln begleitet, der die Außenhaut einer Sternenfregatte zum Schmelzen hätte bringen können.

»Ich bin Hopsheer Balai«, sagte sie und reichte mir ihre Hand.

Ich schlug ein und schob die Pistole zurück auf ihre Seite.

»Ich habe selbst eine«, sagte ich und tätschelte die Kanone, die an meine Wade geschnallt war. »Ich brauche keine Zweite.«

»Man braucht immer eine Zweite«, entgegnete Hopsheer und schob die Waffe wieder in meine Richtung. »In unserer Zunft verbrauchen wir Schusswaffen wie Toilettenpapier.«

»Wir? Zunft?«, fragte ich. »Erkläre mir mal bitte, worum es überhaupt geht, bevor mein Wubloov wieder seine Wirkung entfaltet.«

»Wieder seine Wirkung entfaltet?« Hopsheer lachte. »Deine Pupillen sind größer als die Monde von Venti. Ehrlich gesagt wundert es mich sogar, dass du dein Sprachzentrum noch ansteuern kannst. Wie viele Gläser hast du denn schon getrunken?«

»Gläser? Keine Ahnung«, sagte ich, während ich mir erneut einschenkte. »Aber dies ist Pitcher Nummer sieben. Nimm dir ruhig auch noch einen Schluck, wenn du willst. Aber nur, wenn du mir sagst, was zur abgefohten Hölle hier los ist!«

»Danke«, sagte Hopsheer und bediente sich. Sie deutete kurz mit dem Glas in meine Richtung und schüttete es dann wieder auf Ex in sich hinein. »Oh Mann, das ist gut. Der einzige Stoff in der Galaxis, der meinen Metabolismus durchdringen kann. Wenn man zur Hälfte Gwreq ist, macht das einem den Spaß an so ziemlich allen halb- und illegalen Substanzen kaputt.«

»Das ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe«, antwortete ich. »Ich hatte keine Ahnung, dass das überhaupt möglich ist!«

»Nur für Halfer wie mich«, sagte sie, als sie wieder nach dem Pitcher griff und plötzlich innehielt. Ich nickte ihr zu, und sie goss ihr Glas voll.

»Ich bin kein Rassist, aber das wäre mal ein Argument gegen artenübergreifende Fortpflanzung.« Ich lächelte, damit sie auch ganz sicher verstand, dass das ein Witz sein sollte.

»Das brauchst du mir nicht erzählen«, sagte sie und nippte diesmal nur an ihrem Drink. »Ich habe mal sechs Schüsse in den Bauch bekommen und musste daraufhin siebzehn Stunden operiert werden … und die Narkose hat nichts gebracht, außer ein bisschen zu kitzeln.«

»Foh«, sagte ich, wartete ein paar Sekunden ab und schaute sie einfach nur an, denn wer würde das nicht tun wollen? Doch sie sagte nichts weiter.

»Okay, aber insgesamt ist das schon ein bisschen gruselig«, meinte ich dann. »Du bist wirklich heiß, aber ich stehe nicht auf verrückte Weiber. Tut mir leid. Habe schon meinen Anteil von denen durchgefoht. Diese eine Nemorianerin bin ich erst nach drei Wochen wieder losgeworden. Die hat doch glatt ihren Wassertank in einen GF-Frachter geladen, um mir zu folgen. Nur, um mir zu sagen, dass sie mich liebt, hat sie ihren Wasserplaneten verlassen!«

»Nemorianer sind eine Nymphenrasse«, erklärte Hopsheer, »Die gehen eine permanente emotionale Verbindung ein, wenn sie Sex haben. Hättest dir also denken können, dass das kompliziert wird.«

»Tja, bei dem Teil hat mir meine Gabe leider nicht weitergeholfen«, sagte ich.

»Deine Gabe«, schrie Hopsheer förmlich.

Einige der Gäste, die uns bis zu diesem Punkt beobachtet hatten, drehten sich nun weg. Denn niemand würde gerne von einem aufgeregten Gwreq dabei erwischt werden, dass man ihn anstarrte – selbst wenn es nur ein Halfer war. Denn auf diese Art konnte man leicht einen bis zwei Arme verlieren.

»Genau deswegen bin ich hier«, sagte Hopsheer. »Deine Akte ist in die Hände der SMC gelangt und meine Bosse haben die Notiz über deine Gabe gelesen: Perfekte Wahrnehmung unter Stress.« Sie deutete auf den Pitcher. »Das erklärt, warum du trotz Wubloov noch sprechen kannst.«

»Und …?«, fragte ich. »Moment, sagtest du SMC? So wie in Salvage Merc Corporation?«

»Genau die«, sagte sie und warf mir wieder dieses Lächeln zu, während sie an ihrem Drink nippte. Dann stellte sie das Glas ab und lehnte sich nach vorn.

»Die SMC sucht nach neuen Rekruten. Wir hatten in letzter Zeit einige bedauernswerte Verluste, vor allem durch diese Edger-Rebellen, die durch die Galaxis ziehen und Probleme machen. Sobald die einen Salvage Merc ankommen sehen, werden sie nervös und denken, dass die Nummer ein Ticket für sie hat.«

»Wollen sie das denn nicht?«, fragte ich. »Übrigens, was ist eine Nummer?«

»Häh?«, fragte sie und beobachtete über ihre Schulter zwei Männer, die gerade hereingekommen waren.

»Was meinst du mit Nummer?«, fragte ich noch einmal. »Ich weiß, dass ein Ticket ein Auftrag für einen Söldner ist. Aber ich habe keine Ahnung, was eine Nummer in dem Zusammenhang ist.«

»Ich bin die Nummer«, sagte Hopsheer, die Augen immer noch auf die beiden Fremden gerichtet, die vom Eingang aus zur Bar gingen. »Wir Mercs sind die Nummern. Jeder von uns hat eine Nummer. Ich bin Salvage Merc Acht. Und deswegen nennen wir uns untereinander Nummern. Das ist so ein Insider, weißt du?«

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich und ihre Hand glitt ganz unauffällig zu der Pistole, die immer noch auf dem Tisch lag. »Das wirst du alles in unserem Hauptquartier lernen.«

»Ich habe nie gesagt, dass ich mit dir in euer Hauptquartier komme«, antwortete ich.

Die zwei Neuankömmlinge bestellten an der Bar, dann drehten sie sich um und starrten direkt zu unserem Tisch. Sie hatten abgesägte Scatterblaster über die Schultern geschnallt. Rostige Dinger, die so aussahen, als würden sie höchstens in ihren Händen explodieren, wenn sie den Abzug drückten. Aber meine Vermutung war, dass das nur ein Trick war, um potenzielle Gegner in Sicherheit zu wiegen. Wahrscheinlich funktionierten sie in Wahrheit tadellos und würden meinen Kopf mit einem einzigen Schuss abtrennen.

»Das solltest du aber«, sagte Hopsheer und deutete mit dem Kopf in Richtung Bar. »Siehst du diese Jungs? Die sind nicht hier, um zu trinken.«

»Habe ich mir schon gedacht«, stimmte ich zu.

»Der Grund, warum meine Bosse deine Akte gesehen haben, ist, dass jemand sämtliche Daten von hochdekorierten Marines ins Grid kopiert hat«, sagte sie. »Für den durchschnittlichen Weltraumcowboy ist das kein Problem, aber für jemanden wie dich, der so eine Gabe und dazu noch Cyborg-Beine hat, könnte es brenzlig werden.«

»Wieso das denn«, fragte ich. »Ich habe die Flotte doch schon vor zwei Jahren verlassen.«

»Das ist egal« entgegnete Hopsheer und ihr Griff um die Waffe verengte sich. »Diese Typen sind Kopfgeldjäger. Sie sind von jemandem geschickt worden, um dich in die Gewalt desjenigen zu bringen, der am meisten bezahlt. Die müssen dir nur einen KI-Chip in den Kopf implantieren und schon bist du eine fernsteuerbare Mordmaschine!«

»KI-Chips sind aber illegal, und das in der gesamten Galaxis«, sagte ich. »Darauf steht lebenslange Haft.«

»Ein heißes Indiz dafür, dass die Organisation, die diese Freaks geschickt hat, nicht gerade gesetzestreu ist«, sagte Hopsheer. »Sieht so aus, als hätte ich dich in allerletzter Sekunde gefunden!«

»Galaktische oder Sterli-Sekunde?«, fragte ich mit einem Lächeln. Ich lockerte den Verschluss um meine KL09 und zog sie langsam aus dem Holster. »Das war ein Scherz.«

»Und ein witziger noch dazu«, stellte Hopsheer nüchtern fest. Dann verhärtete sich ihr Blick. Und zwar buchstäblich, denn ihre Augen wurden zu Stein. »Ich muss jetzt wissen, ob du daran Interesse hast, ein Salvage Merc zu werden.«

»Warum?«

»Weil mein Ticket nur beinhaltet, dich zu finden – nicht, dich mitzunehmen«, sagte Hopsheer. »Du musst aus freien Stücken mitkommen. Das bedeutet, ich darf dich nicht mit Waffengewalt verteidigen, es sei denn, du äußerst spezifisch den Wunsch, ein Salvage Merc zu werden. In der Sekunde, wo du das tust, stehst du unter dem Schutz der SMC und diese beiden Männer sind für mich Freiwild.«

»Ich wäre ziemlich bescheuert, wenn ich dich zurückweisen würde«, sagte ich. »Das meine ich auch auf erotische Art.«

»Jetzt sei kein Terpig«, knurrte sie und verzog das Gesicht. »Wir sind doch gut miteinander ausgekommen, bis du das gesagt hast.«

»Sorry«, sagte ich und trank mein Glas leer. Dann schlug ich es auf die Tischplatte und stand auf. »Ich bin ganz offiziell daran interessiert, ein Salvage Merc zu werden. Wann geht's los?«

»Sofort«, meinte Hopsheer, stand auf und drehte sich in Richtung der beiden Männer, die sich gerade von ihren Barhockern erhoben und langsam auf uns zukamen. »Bleib hinter mir.«

»Ich kann gut auf mich selbst aufpassen«, sagte ich.

»Nicht bei diesen abgefohten Jirks«, entgegnete sie.

»Jirks?«, schluckte ich. »Hauträuber? Okay, ja, dann geh du lieber voran!«

Ich konnte sehen, wie ihre Haut sich unter ihrer Kleidung verhärtete. Der Stoff spannte sich und ihre Bewegungen wurden kantiger. Nicht holperig oder ungelenk, sondern eher kraftvoller. Sie war bereit, zu kämpfen.

»Kein Kopfgeld für ihn«, sagte einer der Jirks.

Die Haut, die er trug, hatte einen hellen Lilafarbton, was bedeutete, dass er vor Kurzem jemandem aus dem Tersch-System getötet haben musste, wo sie diese helle, rote Sonne hatten. Seine Augen glänzten golden und als er lächelte, zeigten sich zu Spitzen gefeilte Zähne. Das bedeutete, dass er einer niedrigen Jirk-Kaste angehörte. Denn die Zähne verrieten die unteren Ränge der Hauträuber. Sie eigneten sich jeden Aspekt ihres Opfers an, bis auf die Zähne. Höhergestellte Jirks konnten hingegen auch ihr Gebiss anpassen. Und leider stammten die meisten Jirk-Assassinen aus gutem Hause, sodass es verdammt schwer war, die Bastarde zu fangen und zu verurteilen. Sie standen unter dem Schutz der Familien.

Aber das galt nicht für diese Jungs. Die stammten definitiv aus der Arbeiterklasse. Fußvolk, das geschickt wurde, um die Drecksarbeit zu erledigen.

»Er ist ein freier Mann«, sagte Hopsheer. »Er hat keine Gesetze gebrochen, weder lokale noch galaktische, und deswegen gibt es in der Tat kein Kopfgeld für ihn.«

»Ich bin sowieso allergisch gegen Kopfgeld«, sagte ich. Da machte sich wieder der Wubloov bemerkbar. Ich hätte lieber gar nichts sagen sollen, aber wenn ich betrunken war, wurde ich immer vorlaut. Denn meine Gabe wirkte sich leider nicht auf meinen Mund aus. »Sorry, ignoriert mich«, fügte ich schuldbewusst hinzu.

»Wir gehen«, sagte Hopsheer, doch der zweite Mann, der ebenfalls lilafarbene Haut hatte, stellte sich neben seinen Kompagnon, sodass der Weg versperrt war.

»Jetzt kommt schon, Jungs«, sagte Hopsheer. »Ich will euch nicht töten, und ich schätze mal, ihr wollt mich auch nicht töten. Jirks hassen es doch, Halfer zu sein, oder? Wenn ihr mich tötet, nehmt ihr meine Gestalt an, wenn ihr nicht Unmengen Energie darauf verschwendet, es nicht zu tun.«

»Ich würde deine Gestalt lieber durchnehmen, statt sie anzunehmen«, sagte der zweite Jirk. »Das bedeutet, ich würde dich gerne fohen wie eine …«

»Ja, ich weiß, was das bedeutet«, unterbrach Hopsheer ihn. Ich konnte ihre steinernen Augen zwar nicht sehen, da sie mir den Rücken zugewendet hatte, aber ich war ziemlich sicher, dass sie sie in diesem Moment verdrehte.

»Du hast dein Ticket abgehakt«, sagte der erste Jirk. »Dein Job ist erledigt. Du hast den Kerl gefunden, jetzt mach dich aus dem Staub. Wir übernehmen ab hier.«

»Ihr müsst euch doch nicht um mich streiten«, sagte ich. »Es ist genug für alle da. Was haltet ihr davon, wenn ich dieser wunderschönen Frau ins SMC-Hauptquartier folge, mir anhöre, was die zu sagen haben, anschließend zu eurer Organisation komme, mir dort die Arbeitsbedingungen erklären lasse, meine Optionen abwäge und mich dann entscheide. Wenn die Leute, die euch angeheuert haben, ein besseres Angebot machen, steige ich gern bei denen ein. Aber deswegen muss doch niemand kämpfen, niemand muss sterben, seine Haut verlieren oder irgendwelche hässlichen Dinge sagen.«

»Warum hast du mich wunderschön genannt?«, fragte Hopsheer, ohne sich umzudrehen. Ihr Fokus ruhte immer noch auf den Jirks. »Du hättest mich eine Frau nennen können, aber du hast mich eine wunderschöne Frau genannt. Vollkommen unnötig, mein Aussehen ins Spiel zu bringen. Meine Attraktivität macht mich nicht zu dem Menschen, der ich bin.«

»Okay, dann entschuldige?«, sagte ich ziemlich verwirrt. Bisher war es für mich noch nie nach hinten losgegangen, wenn ich eine Frau wunderschön genannt hatte. »Du hast recht? Ich hätte dich einfach nur Frau nennen sollen?«

»Warum klingen deine Sätze alle wie Fragen?«, schnauzte sie mich an.

Die beiden Jirks schauten zwischen uns hin und her und lachten. Doch das hörte abrupt auf, als Hopsheer beiden mitten in die Brust schoss. Ich hatte nicht einmal wahrgenommen, dass sie ihre Pistole gehoben hatte. Die beiden Typen fielen in sich zusammen, es blieben nur zwei Häufchen aus Klamotten und leerer, toter Haut übrig. Anschließend verwandelte sich die Kneipe in ein schreiendes Chaos, und alle Gäste versuchten, so schnell wie möglich nach draußen zu kommen.

Hopsheer zeigte dem Barkeeper ihren SMC-Ausweis. Er nickte und zeigte auf eine Videokamera in der Ecke.

»SMC oder nicht, die Behörden werden darüber entscheiden«, sagte er.

»Ich weiß«, entgegnete Hopsheer. »Aber ich würde mich freuen, wenn Ihre Aussage zu meinen Gunsten ausfallen würde. Wir wissen doch alle, worauf dieses Gespräch hinausgelaufen wäre.«

»Ich möchte bitte zu Protokoll geben, dass ich mich bedroht fühlte und Angst um mein Leben hatte, sodass Salvage Merc Acht hier in meinen Augen genau das richtige gemacht und die Gefahr neutralisiert hat«, sagte ich direkt in die Kamera. »Wenn sie diese Jirks nicht erschossen hätte, wäre ich höchstwahrscheinlich gekidnapped und an eine sehr böse, kriminelle Organisation ausgeliefert worden! Mögen die acht Millionen Götter meine Zeugen sein!«

»Was machst du denn da?«, fragte Hopsheer. »Das Ding nimmt keinen Ton auf!«

Dann schaute sie schweigend und unterschwellig bedrohlich den Barkeeper so lange an, bis er ihr zunickte.

»Danke«, sagte sie, »ich werde mich persönlich darum kümmern, dass meine Bosse Ihr Entgegenkommen zur Kenntnis nehmen. Das wird für Sie und Ihren Betrieb von Vorteil sein.«

»Das will ich doch hoffen«, antwortete der Barmann.

Hopsheer packte mich an der Schulter und zog mich in Richtung Tür.

»Warte doch mal«, sagte ich und versuchte, mich loszureißen. Es blieb bei dem Versuch. »Hey, lass doch mal los! Ich muss noch meine Rechnung begleichen!«

»Das geht auf's Haus«, sagte der Barkeeper, »Zischt endlich ab.«

»Auf keinen Fall«, sagte ich, als Hopsheer mich endlich losließ.

Ich ging zu dem Terminal an der Bar und hielt mein Handgelenk daran. Es zeigte meine Rechnung an und zog die Summe von meinem Konto ab.

»In Kneipen mache ich nie Schulden«, sagte ich. »Die Zeche zu prellen bringt Unglück!«

»Wenn du meinst«, erwiderte der Barmann, den Blick fest auf die Überreste der Kopfgeldjäger gerichtet. »Könnt ihr jetzt bitte gehen? Ich muss hier noch aufräumen und den Laden für heute dichtmachen, dann rufe ich die Behörden.«

»Wir gehen«, sagte Hopsheer. »Vielen Dank noch mal.«

»Stimmt, danke«, sagte ich, als ich Hopsheer in das schwache gelbliche Licht folgte, das noch vom Tage übrig war.

Mein Blick wanderte nach oben zu den zwei überlappenden Sonnen, die an Xippeees Himmel prangten, und ich schüttelte den Kopf. Ich war in eine Kneipe gegangen, um ein paar Pitcher psychoaktiven Biers zu trinken, und war als Gast eines Salvage Mercs wieder herausgekommen – mit der Aussicht auf ein Vorstellungsgespräch im SMC-Hauptquartier.

Die Galaxis war schon verrückt.

ZWEI

Sechs Monate später stand ich vor einer Höhle auf dem kleineren der beiden Kontinente des Planeten Hepnug. Ich hielt die SMC-Version des H16 Plasma-Karabiners in einer Hand und die Anweisungen für mein Ticket in der anderen. Zu meiner Linken saß mein leforianischer Assistent Mgurn und putzte sich. Seine Rasse erinnerte an eine Mischung aus gepanzerten Käfern und Dänischen Doggen. Sie waren höchst loyal, konnten schneller graben als ein Gump auf Steroiden, konnten meilenweit mit perfekter Schärfe sehen und noch viele andere tolle Dinge. Wirklich tolle Gehilfen, wenn man über dieses ständige Lecken hinwegsah.

»Hörst du bald mal auf?«, zischte ich ihn an. »Warum musst du dich immer putzen, wenn wir gerade kurz davor sind, ein Ticket abzuhaken?«

»Ich werde eben nervös«, entgegnete Mgurn und ließ seine geteilten Kiefer zuschnappen, wobei seine dehnbare Zunge in der dunklen Mundhöhle verschwand. »Das weißt du doch.«

»Deswegen kriegt ihr Leforianer nie im Leben eine Nummer«, sagte ich. »Im Einsatz könnt ihr euch einfach nicht zusammenreißen.«

»Warum gibst du dich dann überhaupt mit mir ab«, ätzte Mgurn. »Wieso fragst du nicht nach einem Assistenten von Ichterra oder Klav?«

»Ichterraner treiben mich mit dem Wasser in den Wahnsinn, das ihnen die ganze Zeit aus den Kiemen läuft«, sagte ich. »Und Klavs bestehen ja quasi nur aus Augen. Okay, sie sind superschlau, aber ich weiß nie, wo ich hingucken soll, wenn ich mit ihnen rede.«

Mgurn fing mit seinem üblichen Schnauben an, das immer ertönte, wenn er sich über mich ärgerte, aber ich ignorierte das und konzentrierte mich auf mein Ticket.

Salvage Ticket #4867345231: Finden Sie ein Team aus Wissenschaftlern, das auf dem Planeten Hepnug im Brgeete-System im Einsatz war. Die Daten, die das Team gesammelt hat, sind Ihr Primärziel. Die Rettung der Wissenschaftler ist nebensächlich. Für jedes überlebende Teammitglied gibt es einen Bonus von 200 Chits. Der Zeitfaktor ist kritisch, die Mission muss innerhalb einer Woche erledigt sein.

Dieser letzte Punkt war das Schwierige daran. Vom SMC-Hauptquartier brauchte man schon einen ganzen Tag zum Brgeete-System. Dann drei Tage, um den Planeten zu durchsuchen, denn das verdammte Ding war voller Höhlen. Und die Rückreise dauerte sogar zwei Tage, wegen des starken Energieausstoßes der Sonnen von Brgeete. Der brachte die Antriebe sämtlicher Schiffe durcheinander, außer vielleicht von Fregatten der Behemoth-Klasse oder noch größeren Dingern. Kurz gesagt hatten wir keine Zeit zu verlieren.

Inzwischen war schon der vierte Tag meiner Suche angebrochen, da es zu allem Überfluss auch gerade noch Lava-Saison auf dem Planeten war. Es gab nicht mal Vulkanausbrüche, sondern nur fiese Lavaschauer, die einfach so vom Himmel regneten, und das zu allen Tages- und Nachtzeiten. Klar, ich hatte mein persönliches Schutzschild gegen Naturgewalten dabei, genau wie Mgurn, aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war, dass abgefohte Lava vom Himmel fiel! Das machte das Ganze kompliziert.

»Meine Sensoren zeigen an, dass das Team mit seinem Equipment in dieser Höhle ist«, sagte Mgurn. Er schaute hinauf zum Himmel und blinzelte. »Ich vermute, wir haben drei bis fünf Stunden Zeit, bevor der nächste Schauer runterkommt. Wir müssen zusehen, dass wir es bis dahin geschafft haben und in Sicherheit sind, sonst verlieren wir noch einen weiteren Tag.«

Er sagte »einen weiteren Tag«, als wäre das mein Fehler. Was eigentlich auch total passte, da ich seine Vorschläge ignoriert hatte und auf der abgewandten Seite des Planeten gelandet war. Leforianer hatten wirklich ein erstaunliches Talent, die richtigen Landeplätze vorauszusagen, das richtige Equipment für jede Mission einzupacken, die besten Plätze für ein Nachtlager zu finden und so ziemlich jedes Essen im bekannten Universum zuzubereiten. Mercs nannten ihre leforianischen Assistenten deswegen gern »Mutti«, aber natürlich sagten sie ihnen das nie ins Gesicht. Denn dann wurden sie unglaublich zickig!

»Irgendwelche Lebenszeichen?«, fragte ich, als ich das Salvage-Ticket aus der Projektionsfläche meines Holo-Armbandes wischte und stattdessen die Liste der Gegenstände aufrief, die nötig waren, um das Ticket erfolgreich abzuschließen. »Obwohl es mir eigentlich egal ist.«

»Wirklich?«, fragte Mgurn. »Ich würde die Wissenschaftler nämlich lieber lebendig vorfinden, damit wir auch die Bonus-Chits einstreichen können. Ich muss dich ja hoffentlich nicht daran erinnern, dass ich als Assistent nur einen Bruchteil der Chits bekomme, die dir zustehen.«

»Nein, das musst du nicht«, entgegnete ich, während ich auf den Höhleneingang zuging. »Aus den Chits machst du schließlich jedes Mal ein Riesenthema, seit dem ersten Tag unserer Zusammenarbeit!«

»Meine Schwester bekommt gerade ihren zweiten Wurf kleiner Welpen, Joe«, sagte Mgurn. »Den zweiten Wurf! Und wo ist der Vater? Wenn ich das nur wüsste! Der faule Sohn eines Gumps hat sie in dem Moment sitzen lassen, als er von der Schwangerschaft erfuhr! Ein Wurf war okay für ihn, aber zwei? Nein, damit kommt er nicht klar!«

»Ich weiß, Mgurn, ich weiß«, sagte ich. »Ich kann dir ein paar von meinen Chits abgeben, wenn es sein muss.«

»Ein Almosen? Pah!« Mgurn verzog das Gesicht. »Ich arbeite, um zu überleben, Joe. Ich arbeite mir meinen Sitzpanzer ab, herzlichen Dank! Ich brauche keine milden Gaben von dir!«

»Mann, ich wollte doch nur meine Hilfe anbieten! Kein Grund, mir gleich den Kopf abzureißen«, sagte ich am Eingang der Höhle, wobei ich mein H16 in die Dunkelheit gerichtet ließ, während seine Scanfunktion auf Hochtouren arbeitete. »Kriegst du die gleichen Werte? Ich empfange überhaupt keine Anzeichen von Leben. Nicht mal irgendwelches Kriechzeug. Die Höhle ist komplett tot!«

»Komplett tot?«, fragte Mgurn, nachdem er sich abgeregt hatte. Das konnte ich daran erkennen, dass sich sein viergeteilter Kiefer wieder zusammengelegt hatte und seine Nervosität zurückgekehrt war. »Wir mögen keine komplett toten Höhlen!«

»Nein, das tun wir nicht«, bekräftigte ich.

Ich richtete mein H16 auf einige Felsen am Höhleneingang und ging richtig nah ran, um auch die feinsten Sensoren mit einzubeziehen. Doch da waren nicht mal Schimmelsporen. Und jeder Planet hatte Schimmelsporen. Ich wette, selbst im Zentrum der heißesten Sonnen gab es Schimmelsporen. Das Zeug wurde man einfach nicht los.

»Es gibt verschiedene Erklärungen für diese Abwesenheit von Lebensformen«, dozierte Mgurn. »Und keine davon verheißt Gutes.«

»Da ist nicht mal Schimmel«, sagte ich.

»Ja, das rieche ich«, antwortete Mgurn.

»Das kannst du? Warum hast du nichts gesagt?«, herrschte ich ihn an.

»Weil ich es erst mit Messwerten verifizieren wollte«, erwiderte er und klopfte mit seinem Scanner gegen seinen gepanzerten Unterarm.

Leforianer haben wegen ihres insektenartigen Kreislaufs keine Cyber-Implantate, denn die funktionieren bei den ständigen Interferenzen nicht. Ja, sie haben Fell und sehen aus, wie große Hundekäfer, aber ihr Blut und ihre inneren Säfte sind einfach nicht kompatibel mit Tech-Implantaten.

Mgurn schlug seinen Scanner noch einmal gegen seinen Panzer und ich betrachtete diesen Vorgang mit steigender Sorge.

»Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Die Werte ergeben keinen Sinn«, sagte er. »Selbst mit meinem externen Scanner.«

Er kniete sich auf den Boden, öffnete seinen Rucksack und zog einen zweiten Scanner hervor. Mit diesem erstellte er ein komplettes Protokoll der Höhle.

»So sparen wir jedenfalls keine Zeit«, nörgelte ich.

»Aber so bewahren wir unsere Hintern davor, gefressen zu werden«, antwortete er.

»Gefressen?«

»Gefressen.« Er nickte und zeigte mir den Scanner.

»Oh, Scheiße!«, murmelte ich.

»Allerdings«, stimmte Mgurn zu.

»B'flo'dos«, sagten wir gleichzeitig.

B'flo'dos sind eine unzähmbare Rasse von Wesen, die ihrer Umgebung sämtliche Energie entziehen. Sie kommen aus demselben Sonnensystem wie die B'clo'nos, sind aber eine andere Spezies. Sie bestehen zwar auch aus Schleim, sind aber komplett schwarz und kaum zu sehen, wenn man nicht direkt vor ihnen steht, da sie sogar Lichtenergie absorbieren. Diesen Dingern will man auf keinen Fall über den Weg laufen, nicht mal als Merc. In meiner Zeit bei den Marines musste ich mich notgedrungen mit ihnen auseinandersetzen, da die B'clo'nos sie als Kanonenfutter für Kamikaze-Angriffe einsetzen.

»Wenn es uns berührt, sind wir tot«, sagte Mgurn.

»Ich weiß.«

»Hast du schon mal gesehen, wie ein B'flo'do eine Person leersaugt?«, fragte er.

»Das weißt du ganz genau.«

»Und wie ist dein Plan?«

»Ich habe keinen«, sagte ich. »Vielleicht können wir es herauslocken? Einer spielt den Köder, während der andere sich das Equipment schnappt?«

»Ich bin stärker als du und kann mehr tragen«, sagte Mgurn. »Und du hast deine Cyborg-Beine, wodurch du schneller rennen kannst. Normalerweise würde ich das nicht über einen Menschen sagen, da wir Leforianer ziemlich flott unterwegs sind, aber du bist offensichtlich eine Ausnahme.«

»Ja, das habe ich mir auch schon gedacht, als ich den Plan vorgeschlagen habe«, sagte ich. »Super.«

»Dann locke das Ding am besten in Richtung Osten«, sagte Mgurn, während er seine Gliedmaßen dehnte und den Torso zur Auflockerung hin und her rotieren ließ. »Ich brauche etwa … mal überlegen … fünfzehn Minuten? In der Zeit müsste ich das Equipment in unser Schiff geladen haben.«

»Und was dann?«, fragte ich. »Das Ding wird unseren ganzen Sprit absaugen, wenn es mir zum Schiff folgt!«

»Dann musst du es abschütteln«, sagte Mgurn und deutet auf die Wüstenregion östlich von uns. »Da draußen gibt es praktisch kein Leben. B'flo'dos ermüden schnell. Wenn du es in die Dünen führst, wird es da nichts finden, um seinen Energiebedarf zu decken. Dadurch wird es langsam genug werden, dass du zum Schiff zurückkommen kannst. Wenige Sekunden nachdem du an Bord bist, werden wir den Planeten auch schon verlassen haben.«

»Es gibt allerdings ein paar zweifelhafte Schwachstellen in dem Plan«, gab ich zu bedenken. Mgurn zuckte mit den Schultern, was bei Leforianern immer komisch aussah, weil sich dabei ihr Rückenpanzer in die Luft hob. »Es ist schließlich dein Plan«, sagte er. »Dann musst du die Schwachstellen wohl unterwegs ausbügeln.«

»Na toll«, entgegnete ich und deutete auf einen kleinen Felsvorsprung unweit des Höhleneingangs. »Verstecke dich dort. Lass dich nicht blicken, bis wir weit genug weg sind. Dann schwing deinen Käferarsch in die Höhle und schnapp dir das Equipment!«

»Ich bin der Meinung, wir sollten bei diesem Ticket über eine Fifty-Fifty-Aufteilung der Chits nachdenken«, meinte Mgurn. »Schließlich leiste ich die gesamte Bergungsarbeit. Ich will ja gar nicht mehr haben als du, aber die Hälfte wäre angemessen.«

»Ich könnte die Mission auch einfach abbrechen, die Strafzahlung leisten und dann nichts kriegen. Wie wäre es dann mit fifty-fifty? Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Hälfte von null ebenfalls null ist.«

»Deine mathematischen Kenntnisse sind beeindruckend«, grummelte Mgurn. »Dann vielleicht zehn Prozent extra?«

»Von mir aus«, sagte ich. Dann zielte ich auf den Boden direkt vor der Höhle. »Versteck dich. Wir müssen die Sache hinter uns bringen.«

Mgurn leistete keine Widerworte und beeilte sich, zu dem Felsvorsprung zu kommen. Dort angelangt drehte er seinen Rückenpanzer nach außen, um zusätzlichen Schutz zu erhalten. Ich hatte im Gegensatz zu ihm nur meine SMC-Uniform, um mich zu schützen. Wie der letzte Idiot hatte ich keine Kampfpanzerung angezogen, sondern nur meinen Umwelt-Schutzschirm mitgenommen. Schließlich war Hepnug ein ruhiger Planet ohne Gefahren – zumindest hatte ich das gedacht. Andererseits war es auch egal, denn der B'flo'do hätte einer Kampfpanzerung wahrscheinlich sowieso als erstes den Saft abgesaugt und sie damit zu einem Haufen schweren Ballasts reduziert.

Ich betätigte den Abzug meines H16 und ein kräftiger Energiestrahl ließ die Erde vor der Höhle aufspritzen. Ich hatte einen Gleitstrahl ausgewählt, der hatte deutlich weniger Kraft als ein Plasmaprojektil, war aber sehr effektiv, wenn man sich durch Hindernisse schneiden musste. Und in diesem Moment musste ich ja eigentlich sowieso nur den Appetit des B'flo'dos anregen – so einen Happen würde er sich bestimmt nicht entgehen lassen!

Oder etwa doch?

Ich war mindestens fünf Minuten so zugange und machte mir langsam Sorgen, dass mein H16 leer sein würde, bevor der verdammte B'flo'do sich zeigte.

»Gibt es ein Problem«, erklang Mgurns gedämpfte Stimme aus Richtung der Felswand.

»Er kommt nicht«, stellte ich fest.

»Möglicherweise hat er so viel gefressen, dass er sich im Schlafzustand befindet«, vermutete Mgurn. »Das soll durchaus vorkommen.«

»Aber nur, nachdem sie einen ganzen Kampfkreuzer leergesaugt haben«, sagte ich. »Von ein paar Wissenschaftlern und ihren Geräten kann er ganz sicher nicht satt sein. Vielleicht hat er unseren Plan durchschaut.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen – B'flo'dos sind dumm wie Steine«, sagte Mgurn.

»Wo zur Hölle bleibt er dann?«, fragte ich.

Und die Antwort bekam ich eine halbe Sekunde später.

Ein Tentakel aus Dunkelheit sprang meinem H16 entgegen. Ich hechtete zurück und schaffte es geradeso, dem Angriff auszuweichen.

»Er kommt«, flüsterte ich und ging schnell rückwärts und schoss alle paar Meter in den Boden, um das Viech aus seinem Versteck zu locken. Das Tentakel folgte mir, aber der Rest des B'flo'dos blieb versteckt. Das Ding war verdammt noch mal zu vorsichtig, das passte überhaupt nicht zu einem B'flo'do. Mgurn hatte schon recht, sie waren dumm wie Steine und jagten normalerweise jedem noch so kleinen Quäntchen Energie hinterher. Aber dieses Exemplar spielte auf Nummer sicher. Und das machte mich nervöser, als wenn es mit dem Kopf voran auf mich zustürmen würde. Also, nicht dass B'flo'dos Köpfe hätten. Sie waren Schleimkreaturen, genau wie ihre entfernten Verwandten, die B'clo'nos.

Nach einigen Metern stoppte das Tentakel. Es dehnte sich die beinahe zwanzig Meter vom Höhleneingang bis zu mir aus, was bedeutete, dass es zu einem verdammt großen B'flo'do gehören musste. Bei diesen Proportionen könnte es mich in einem Sekundenbruchteil schnappen. Von daher machte sein Verhalten überhaupt keinen Sinn. Der einzige Grund, warum es so vorsichtig sein könnte, war, dass sich in der Nähe ein noch gefährlicheres Raubtier befand.

Aber Hepnug war ein toter Planet. Es gab überhaupt keine Raubtiere, weil es überhaupt kein Leben auf diesem gottverdammten Felsbrocken gab. Außer Schimmelsporen natürlich, denn wie ich schon sagte, gab es überall Schimmelsporen.

Das Tentakel stoppte also, schüttelte sich ein paarmal und schnellte dann zurück in die Höhle. Dabei knallte es wie eine Peitsche, und ich bemerkte, wie Mgurn in seinem Versteck zusammenzuckte.

»Was war das?«, rief er.

»Der B'flo'do«, antwortete ich, wobei ich den Lauf meines H16 anhob und ihn gegen meine Schulter lehnte. »Er hat Schiss bekommen und ist zurück in die Höhle abgehauen.«

»Nein, ich meine dieses tiefe Grollen«, sagte Mgurn und drehte sich um. »Kannst du dieses Rumpeln nicht hören?«

»Nein, kann ich nicht«, antwortete ich. »Ich bin ja kein Hundekäfer.«

»Muss das sein?«, platzte es aus Mgurn heraus. »Du bist manchmal so ein ekelhafter Rassist!«

»Ich habe nur Spaß gemacht«, sagte ich, »beruhige dich!«

Seine vier Augen weiteten sich und er richtete sich zu seiner vollen Größe von zwei Metern auf. Ich konnte sehen, wie sich die Muskeln unter seiner Panzerung verkrampften, und wusste, dass etwas sehr, sehr Schlimmes im Anmarsch war.

»Ist es hinter mir?«, fragte ich.

Mgurn nickte.

»Ist es sehr, sehr groß?«

Mgurn nickte wieder.

»B'flo'do?«, fragte ich.

»Allerdings«, sagte Mgurn, »B'flo'do.«

Ich atmete tief durch und drehte mich langsam um. Ja. Es war ein wirklich sehr, sehr großer B'flo'do. Jetzt wusste ich, warum der in der Höhle nicht herauskommen wollte, egal mit wie viel Energie ich ihn lockte. B'flo'dos sind nicht immer kannibalisch veranlagt, aber diese Masse schwarzen Schleims vor mir war fast so groß wie mein Schiff, von daher konnte ich verstehen, dass der kleinere gezögert hatte. Exemplare dieser Größe waren dafür bekannt, sich über kleinere Artgenossen herzumachen, wenn sie besonders hungrig waren.

Und ich wäre bereit gewesen zu wetten, dass dieser Riesenhaufen Schleim besonders hungrig war, da er sich auf einem toten Planeten befand.

»Okay«, sagte ich, »wir haben ein Problem.«

Das Erste, was ich tat, war das Notsignal an meinem Handgelenk zu betätigen. Das Implantat würde ein Trans-Raum-Signal direkt ans SMC Hauptquartier schicken. Normalerweise sendete keine Nummer freiwillig so einen Hilferuf, da es als ein Zeichen von Schwäche angesehen wurde. Andererseits hatten schon einige Kollegen auf die harte Tour gelernt, dass das eigene Überleben wichtiger ist als gekränkter Stolz. Von daher nahm ich ein bisschen Spott gern in Kauf, wenn im Gegenzug sofort eine Rettungsmission gestartet würde.

Hinter meinem Rücken erklang ein spitzer Schrei und ich wirbelte herum, um gerade noch zu sehen, wie Mgurn von dem kleineren B'flo'do in die Höhle gezogen wurde. Problem Nummer zwei.

Genau in diesem Moment wünschte ich mal wieder, dass ich meine Gabe willentlich benutzen könnte, denn ein bisschen Über-Fokus und Klarheit hätte ich ganz gut gebrauchen können. Wenn sich die Zeit ein wenig verlangsamen würde, hätte ich vielleicht diesen zusätzlichen Sekundenbruchteil, um alle meine Optionen abzuwägen – um die Dinge in Relation zu setzen und die beste Entscheidung zu treffen, bevor ich wieder einmal eine nicht-ganz-so-gute Entscheidung treffen würde, wie ich das mit beeindruckender Regelmäßigkeit immer mal wieder tat.

Okay. Okay, okay, okay. Mgurn brauchte Hilfe. Er würde innerhalb weniger Minuten nur noch ein Haufen Exo-Panzerung und Endo-Knochen sein, wenn ich mich nicht um B'flo'do Junior kümmern würde.

Ich setzte zu einem großen Schritt an, und den riesigen B'flo'do durchzuckte sofort eine Vibration, als würde er sich darauf vorbereiten, seine Masse in meine Richtung zu wuchten.

Ich stoppte meine Bewegung abrupt, behielt sogar den Fuß mitten in der Luft und verharrte so, da ich Angst hatte, das Monster würde mich schnappen, sobald ich ihn auf den Boden setzte. Andererseits war es nicht gerade die ideale Pose, auf einem Bein zu stehen, wenn es um Leben oder Tod ging – Cyborg-Beine hin oder her!

Mgurn quiekte noch einmal, dann schrie er aus voller Kehle.

»JOE!«

»Warte!«, rief ich.

»JOE!!!«

»Ich weiß, ich weiß!«, antwortete ich. »Ich mache gerade einen Plan!«

Und das tat ich. Mein Gehirn schaltete den Turbo ein und ich erstellte eine gedankliche Liste meiner Optionen. Die ersten zehn Punkte auf dieser Liste lauteten sterben, also setzte ich gleich bei Nummer elf an und schaute hinunter auf mein H16.

Man muss dazu sagen, obwohl die Galaxis ziemlich gesetzlos erschien, erst recht in dem Chaos nach dem Krieg, bekam man Waffen nicht gerade hinterher geschmissen. Ich musste mein SMC H16 aus eigener Tasche bezahlen. Genau wie die Upgrades für mein Schiff, die Sachen, die ich trug sowie das gesamte Equipment, das nötig war, um ein Ticket erfolgreich zu erledigen. Von daher ging mir die Entscheidung nicht leicht übers Herz.

Ganz langsam öffnete ich die Energiekupplung unter dem Lauf des Karabiners. Selbst diese kleine Bewegung macht den großen B'flo'do ganz hibbelig. Seine schleimige Masse glitt langsam auf mich zu, und ich musste meine gesamte Willenskraft aufwenden, um nicht schreiend wegzurennen.

Meine Finger ertasteten den Regulator innerhalb der Kupplung und ich zog vorsichtig daran, bis er herausploppte. Ich achtete darauf, den Regulator nicht zu verlieren, weil er fast so viel kostete, wie die gesamte Waffe, und stopfte ihn in meine Tasche. Dann warf ich einen letzten Blick auf mein treues Gewehr, sprach ein kurzes Gebet an die Acht Millionen Götter und betätigte den Abzug.

Jetzt wurde das Glibbermonster komplett fickerig.

Ohne den Regulator würde die Energiekupplung innerhalb weniger Sekunden überhitzen. Schließlich war dieses kleine Teil dazu da, den Energieausstoß zu begrenzen und eine zuverlässige Feuertemperatur für die Waffe aufrecht zu erhalten. Im Gegensatz dazu würde jetzt das genaue Gegenteil passieren und mein gutes, altes H16 einen schmerzhaften Tod sterben.

Und ich würde einen ebenso schmerzhaften Tod sterben, wenn ich mich nicht schleunigst entfernte.

In so einem Moment war man dankbar dafür, Cyborg-Beine zu haben.

Mein überhitzendes H16 immer noch in der Hand, drehte ich mich um und rannte so schnell meine qualitätsgefertigten Beine mich trugen. Mgurn hörte auf zu schreien und B'flo'do Junior kam aus seiner Höhle geschossen, da das rapide ansteigende Energieniveau seine Vorsicht offensichtlich verpuffen ließ. Ich rannte direkt auf das Wesen zu, in dem Wissen, dass ich vielleicht noch eine Sekunde Zeit hatte, um das zu tun, was getan werden musste.

Und genau das war die Art von Druck, die nötig war, um meine Gabe auszulösen. Während ich auf einen tödlichen Außerirdischen zurannte und von einem noch viel, viel, viel größeren und tödlicherem Außerirdischen verfolgt wurde, die beide das wollten, was ich in den Händen hielt, begann die Welt sich zu verlangsamen. Meine Gedanken wurden kristallklar und messerscharf und sämtlicher mentaler Ballast wurde aus meinem Bewusstsein verdrängt.

Ich warf das H16 in die Luft und schmiss mich zu Boden. Junior sprang aus seiner Position vor der Höhle auf die Waffe zu und ich wusste, dass Mister Big genau das Gleiche tun würde. Ich spürte den Luftzug seiner entfesselten Masse an meinem Rücken, als ich mich über die Schulter abrollte und unter dem Kleinen hindurchrutschte.

Ich tauchte direkt vor der Höhle auf und rannte in die relative Sicherheit ihrer Dunkelheit. Während ich durch diese Finsternis stolperte, zählte ich im Kopf die Sekunden.

»Joe!«, schrie Mgurn, als ich um eine Ecke in der Höhle geschossen kam. Er sah ziemlich mitgenommen aus. Die Hälfte seiner Rüstung war zu Asche ergraut und seine beiden Unterkiefer baumelten kraftlos gegen seinen Brustpanzer. »Wo ist es? Was ist los?«

Ich rannte zu ihm hinüber, packte ihn bei den struppigen Haaren seines Exoskelettes und beeilte mich, seinen Hundekäferarsch tiefer in die Höhle zu zerren. Als wir um eine weitere Ecke kamen, konnte ich geradeso die Umrisse von wissenschaftlichem Equipment sowie die leergesaugten sterblichen Überreste einiger Humanoiden erkennen, als die Welt draußen im thermonuklearen Feuer verdampfte.

Okay, technisch gesehen war es nicht wirklich eine thermonukleare Explosion, aber es fühlte sich verdammt noch mal so an. Jeder, der sich in einer halben Meile Umkreis der Höhle befand, war ernsthaft gefoht.

Mgurn kreischte noch ein bisschen weiter, weil das einfach sein Ding war, und ich drückte uns beide zu Boden, während Felsbrocken und Dreck um uns herumspritzten. Ich hatte schon Steinchen in meiner Nase und eine gute Ladung Hepnug-Erde in meiner Lunge, bevor ich auch nur dazu kam, mir die Hand vors Gesicht zu halten. Wenigstens brach die Höhlendecke nicht über uns zusammen, denn sonst hätte mich eine Hand vor dem Gesicht auch nicht vor einem schmerzvollen Tod bewahrt.

»Joe?«, hustete Mgurn, als er sich auf den Rücken wälzte und mehrfach hustete. »Was hast du getan?«