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"Sam Fatal" ist ein Kriminalroman der Superlative. Liebe, Sex und Intrigen in einem Krankenhaus im Objekt Wandlitz, im brandenburgischen Bernau bei Berlin, gepaart mit alten noch aktiven Stasi-Schergen halten den Leser gefangen in einer Zeit, Mitte der 1990er Jahre.
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Seitenzahl: 746
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Stephane Rambicourt
Sam Fatal
Liebe - Sex - Spannung - Intrigen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Epilog
Danke
Hinweis
Impressum neobooks
Um eine Wende zu schaffen, müssen
alle mitmachen,
alle sich ändern und
alle den Anderen respektieren.
Erfolgt das nicht, kann eine Wende erst funktionieren, wenn die Generationen nicht mehr da sind, die die Wende direkt erlebt haben!
Bedenke
nicht alles was war, war schlecht und
nicht alles was sein wird ist gut.
Das höchste Gut aber ist die Freiheit und
niemand hat das Recht dir die Freiheit zu nehmen!
Es ist Sommer und die Sonne scheint Samuel Grün, genannt Sam, ins Gesicht.
Sam machte auf seiner 2700 km langen Camino-Wanderung vom schwäbischen Neresheim nach Santiago de Compostella eine ausgiebige Pause und lag auf einer Wiese direkt am Flusslauf der Donau und träumte vor sich hin.
Er ist knapp 50 Jahre alt und seit über 25 Jahren mit seiner geliebten Frau Mariella verheiratet, die bei ihren Eltern in der Nähe von Karlsruhe geblieben war.
Während er so da lag und sich entspannte dachte er über sein bisheriges Leben nach.
„Das letzte Jahrzehnt waren doch sehr turbulent“, sinnierte er, „aber auch schön. Aufregend, zum Teil abenteuerlich und auch zum Teil sehr, sehr böse“.
Da war zunächst der Ärger mit seinen Eltern, weil Sam nicht das elterliche Textilunternehmen übernommen hat und auch seine viel versprechende Karriere als Profifußballer früh wegen Mariella aufgegeben hat.
Sam wollte eine Ausbildung machen. Sein absoluter Traumberuf war damals Kfz-Mechaniker; heute heißt der Beruf wohl Kfz-Mechatroniker.
„Können diese Kfz-Mechatroniker heute auch noch Autos reparieren, ohne ihre Computerdiagnosetools zu benutzen? Bestimmt nicht“, denkt Sam vor sich hin.
Leider hatte Sam´s Vater mitbekommen, dass Sam sich als 15-jähriger, ohne seine Erlaubnis, um eine Lehrstelle beworben hat. Und das in einer Zeit in der Lehrstellen total rar waren. Dummerweise hätte er die Lehrstelle trotz der vielen anderen Bewerbungen bekommen, wenn sein Vater nicht, ohne mit Sam zu reden, die Lehrstelle abgesagt hätte.
So musste Sam eben weiter zur Schule gehen und sein Abitur machen. Er entschloss sich Beamter zu werden, aber auf keinen Fall wollte er in die elterliche Firma eintreten. Da der Beamtenberuf für seine Eltern akzeptabel war, waren sie nach langem hin und her damit einverstanden, dass Sam diesen Beruf ergriff.
Sam´s Vater hatte sehr gute Beziehungen zur Stadtverwaltung seines Heimatortes Bruchsal bei Karlsruhe und so durfte Sam Beamter des gehobenen Dienstes werden. Sam’s Mutter war natürlich immer noch dagegen, konnte aber gegen den Dickkopf von Sam nichts ausrichten. Und so kam es, wie Sam das haben wollte, Studium und Ausbildung, dann Abschluss (nicht mit Prädikat aber ok) und er durfte sich Beamter auf Zeit nennen.
Dann kam auch noch das Theater und der Krach mit seinen Eltern, weil die nicht damit einverstanden waren, dass Sam Mariella heiraten wollte. Wenn es nach dem Willen seiner Eltern gegangen wäre, hätte er die Tochter der besten Freundin seiner Mutter, die außerdem auch noch aus ihrem Heimatdorf kam, heiraten sollen.
Ja, Sam hat seinen eigenen Dickkopf und diesen auch meistens durchgesetzt.
Von wem er wohl diesen starken Willen geerbt hat?
Bestimmt von seiner Mutter, denn sein Vater war in Sam’s Augen schwach; mit den üblichen Begleiterscheinungen wie saufen, rum schreien, Eifersucht und schlagen.
Offenbar konnte er nur so das Leben an der Seite seiner Ehefrau ertragen.
Wenn Sam’s Vater mal wieder betrunken war, oder Sam’s Mutter den Alkohol versteckt hatte, konnte es passieren, dass der Vater mit einer Axt auf die Mutter oder Sam losging. In der Regel hat er dann „nur“ die Zimmertüren demoliert oder sonstigen Sachschaden angerichtet.
Sam und Mariella liebten sich sehr und so kam es wie es kommen musste, dass sie so schnell wie möglich heiraten wollten. Mariella ist die Frau seines Lebens und wird es auch immer bleiben.
Mariella hatte Beine ohne Ende, ein engelsgleiches Gesicht, lange blonde Haare (bis zur Hüfte) und einen Po der einem in den Wahnsinn treiben konnte. Also hieß es für Sam und Mariella heiraten, parallel dazu einen neuen Job, weit weg von Sam’s Eltern suchen und so schnell wie möglich aus Bruchsal abhauen.
Heute, am Ufer der Donau, erinnert sich Sam an die Worte des alten deutschen Staatsmannes Otto von Bismarck, der auch der „Eiserne Kanzler“ genannt wurde, und von sich sagte: „Alles was ich heute geworden bin, verdanke ich einzig meiner lieben Frau.“ Dieses Zitat, dachte Sam, trifft heute voll und ganz auch auf mich zu.
So kam es dann, dass die berufliche Laufbahn von Sam in ein lebenslanges Fahrwasser geriet. Sam wurde Feuerwehrmann – nicht ein Feuerwehrmann der Feuer löscht, nein er hatte bei seinem neuen Job bei der Stadtverwaltung Tübingen und auch seinen späteren Arbeitgebern ständig Problemabteilungen zu sanieren und zu restrukturieren.
Heute hat jede Firma wohl eine ganze Armada von Controllern und externen Beratern auf der Lohnliste, die diese Aufgaben haben, aber Sam machte die Arbeit Spaß und er macht sie bis heute gerne und auch sehr erfolgreich.
Dies brachte ihm später dann auch das bedingungslose Vertrauen des neuen Oberbürgermeisters der Stadtverwaltung Tübingen ein, der später Oberbürgermeister einer großen Stadt werden sollte. So löste er bei dieser Stadtverwaltung die großen innerbetrieblichen Probleme. Dass er sich dabei nicht nur Freunde machte war ihm klar, aber damit konnte er gut leben.
Zuletzt hat er eine neue Organisationsform für die Sozialarbeit in der Stadt entwickelt und es wurde Sam, weil alles wie am Schnürchen lief, langweilig.
Mariella hatte sich in dieser Zeit vor allem um die Erziehung der Tochter Nina, die jetzt fast 30 Jahre ist, gekümmert und dabei eine sehr, sehr wertvolle und liebe Freundin, Schwester Hildegard, gefunden.
Nina ist in der Zwischenzeit verheiratet und wohnte in Karlsruhe.
Schwester Hildegard war eine Ordensfrau, Religionslehrerin und vor allem die Förderin und Fordererin von Mariella.
Sie hat die Fähigkeiten von Mariella sofort erkannt und sie in die Jugendarbeit der großen Kirchengemeinde in Tübingen mit integriert. Mariella, eigentlich gelernte Damenschneiderin, hatte die Fähigkeit alle Kinder durch ihre Ansprache, ihre Gestik, ihre Kinderliebe und was sonst noch, alle Kinder in ihren Bann zu ziehen. Sie war die geborene Lehrerin und Erzieherin. Die Kinder fliegen auf Mariella bis heute und sie liebt alle Kinder.
Schwester Hildegard animierte Mariella an der pädagogischen Hochschule in Tübingen zunächst als Gasthörerin und später in Vollzeit Pädagogik zu studieren und ihre Fähigkeiten in der Kinder- und Jugendarbeit der Kirchengemeinde weiter auszubauen.
Aus Langeweile studierte Sam neben seinem Beamtenjob, noch Betriebswirtschaft an einer Fachhochschule und schloss diese zweite Ausbildung mit einem „gut“ ab. Jetzt hätte er eigentlich die elterliche Textilfirma übernehmen können, aber der Graben zwischen ihm und seinen Eltern war zu tief.
Im Rahmen seiner Diplomarbeit über Therapiestandards in der Rehabilitation lernte Sam den Geschäftsführer eines privaten Krankenhaus Betreibers in einem kleinen Kurort im westlichen Württemberg, genauer im Schwarzwald, in Bad Liebenzell, kennen und schätzen.
Carlo Durmersheim, so hieß der Geschäftsführer, bot Sam ein lukratives Engagement in einer seiner Kliniken an und ermöglichte ihm seinen theoretischen Ansatz aus der Diplomarbeit in die Praxis umzusetzen.
Sam nahm dieses Angebot der Klinikgesellschaft gerne an, weil jetzt wieder etwas Neues und spannendes in seinem Leben passieren konnte.
Die ersten 2 Jahre führten Sam und Mariella eine Wochenendehe, was weder für Sam noch für Mariella, noch für Nina gut war. Deshalb entschieden Sam, Mariella und Nina Grün 1995 gemeinsam nach Bad Liebenzell im Schwarzwald umzuziehen. Ein schönes Haus, welches einen Architekturpreis gewonnen hatte, wurde als neue Wohnung gefunden. Nina konnte ihre Abiturvorbereitung entsprechend ihren Leistungskursen weiterführen, nur Mariella musste wieder von neuem anfangen.
Mariella, in der Zwischenzeit mit viel Selbstvertrauen ausgestattet, fand jedoch auch in der neuen Heimat eine Möglichkeit ihren neuen Beruf auszuüben, sogar noch besser als es am bisherigen Wohnort möglich war. Sie fand einen guten Rektor einer Grundschule, der sie förderte und ein Lehrerkollegium vor, das sie voll und ganz akzeptierte und unterstützte. Als dann der Schulrektor in Pension ging, bekam Mariella eine neue Rektorin. Aber auch diese neue Schulrektorin schätzte Mariellas Arbeit sehr und förderte Mariella wie es nur möglich war.
Der neue Wohnort hat somit allen Mitgliedern der Familie Grün positive Anreize gegeben. Sie fanden schnell Anschluss und so wurden Sam und Mariella in die Stadtgemeinschaft aufgenommen. Sam und Mariella waren aktive Mitglieder eines Partnerschaftsvereins mit der französischen Partnerstadt.
Neben den deutschen Freundschaften waren die Freundschaften zu den französischen Partnern für Sam und Mariella sehr wichtig und vor allem sehr schön.
So trafen sich Sam und Mariella mehrfach im Jahr mit Henry, Christiane oder Serge und Chantal, mal in Deutschland, mal in Südfrankreich.
Neben ihrer beruflichen Tätigkeiten und dem deutsch-französischen Partnerschaftsverein, haben sich Sam und Mariella gerne auch in dem örtlichen Gesangsverein engagiert, zuletzt war Sam sogar 1. Vorsitzendes des Gesangvereins.
Das Leben der Familie Grün nahm seinen täglichen Lauf bis zu dem Zeitpunkt, als die Freundin und Kollegin von Mariella, Schwester Hildegard, den Vorschlag machte gemeinsam ein Studium nach dem „Marchtaler Plan“ zu machen. Mariella, die immer noch eng mit Schwester Hildegard befreundet war, hat dann dem Rat und Drängen von Schwester Hildegard nachgegeben und dieses Zusatzstudium in der Nähe von Ulm absolviert und abgeschlossen.
Heute denkt Sam Grün darüber nach, was wäre geschehen, wenn wir damals alles beim alten belassen und nichts verändert hätten?
„Wenn wir in Tübingen oder Bad Liebenzell weitergelebt hätten und vor Langeweile bei der täglichen Arbeit fast umgekommen wären? Was wäre aus uns geworden?“
Aber alles grübeln über das „Was wäre wenn“ hat keinen Sinn.
Denn kurze Zeit nach dem Studium von Mariella kamen Erfahrungen, die eigentlich keiner gebraucht hätte.
Nun gut, Sam hat gemeinsam mit Carlo Durmersheim und Prof. Dr. med. Kling, leitender Chefarzt der Klinik, ein Fachbuch über Krankenhausorganisation veröffentlicht und sich zusätzlich für die Einführung eines Qualitätsmanagements stark gemacht.
Die Buchveröffentlichung hat Sam bundesweite Anerkennung und sogar ein wenig Geld an Tantiemen eingebracht.
Im Rahmen dieses Qualitätsmanagements sollte Sam eine Klinik für ein Benchmarking auswählen, die ähnliche Strukturen aufwies wie die eigene.
So kam Sam auf eine Klinik im westlichen Sachsen, in Leipzig, und hat sich mit dem dortigen Verwaltungsdirektor Mark Schreiber auf Anhieb sehr gut verstanden.
Das Benchmarking wurde durchgeführt und hat die Geschäftsführer Carlo Durmersheim (Chef von Sam) und Klaus-Johann Mohnfeld (Chef von Mark Schreiber) sehr beeindruckt.
Es war der 17. Juli 2002. Mark Schreiber, ein dynamischer Manager, ca. 45 Jahre alt, mit einer sonorigen Stimme, hat das Telefon in der Hand und wählt die Handynummer von Samuel Grün im Schwarzwald.
„Grün“, meldet sich Sam und „hier ist Mark Schreiber aus Leipzig. Wie geht es ihnen denn so?“ fragte Schreiber.
Neben Schreiber steht der „Big Boss“ Eigentümer und Hauptgeschäftsführer der Mohnfeld-Kliniken und hört am Lautsprecher das Telefonat mit an.
Nach einigen belanglosen Nettigkeiten meinte Schreiber: „Sagen sie mal Herr Grün, hätten sie nicht Lust noch mal zu mir nach Leipzig oder auch nach Berlin bzw. Bernau bei Berlin zu kommen? Mein oberster Chef möchte sie gerne kennen lernen.“
„Warum das denn?“ fragte Sam nach.
„Er hat eventuell ein Angebot für sie“, so Schreiber weiter „es wird sicherlich ein super Angebot sein, wie ich den kenne.“
„Na gut, anhören kann man sich das ja mal. Aber eigentlich bin ich mit meinem Job hier ganz zufrieden. Ok, ich komme, Terminvorschlag?“ sagte Sam nach einer Weile, in der er sich seine aktuelle Situation in dem kleinen schwarzwälder Kurort vorstellte.
„Wäre es am Samstag, dem 22. Juni 2002 um 14.00 Uhr in Berlin recht?“ fragte Schreiber „ich würde das Hilton am Gendarmenmarkt vorschlagen.“
Sam, der vorher nur einmal in Berlin gewesen war, antwortete: „Ja, ist in Ordnung.“
Zu Hause angekommen erzählte Sam seiner Mariella von dem Anruf und meinte, dass man sich das ganze ja mal anhören und auch eventuell ansehen könnte. Mariella selbst war nicht sehr begeistert von der Geschichte, weil sie fürchtete in Bad Liebenzell alles aufgeben und in Berlin wieder von vorne beginnen zu müssen.
Und so machte Sam sich auf die Fahrt nach Berlin.
Den Gendarmenmarkt und das Hotel Hilton fanden sich leicht. Sam und die Herren Klaus-Johann und Uwe-Karl Mohnfeld, sowie Mark Schreiber trafen im Restaurant aufeinander.
Klaus-Johann Mohnfeld, ca. 55 Jahre alt, ist ein etwas untersetzter, kahlköpfiger Hans-Dampf in allen Gassen, mit wachem, hochintelligentem, aber auch knallhartem Blick und mit sehr viel Selbstbewusstsein.
Uwe-Karl Mohnfeld, der jüngere Bruder von Klaus-Johann, ca. 40 Jahre alt, groß gewachsen und unter dem totalen Einfluss seines Bruders stehend, der gerne auch mal einen trinkt, was Sam mit etwas Menschenkenntnis sofort sehen konnte.
Mark Schreiber meinte flüsternd zu Sam, dass man sich hier treffen würde, um keine schlafenden Hühner zu wecken. Was dies heißen sollte merkte Sam erst viel später.
Nach einem kleinen Essen kamen Klaus-Johann Mohnfeld und Uwe-Karl Mohnfeld zum Thema.
Sie erklärten, sie seien aus Nordrhein-Westfalen und haben aus einem Handwerksbetrieb heraus, quasi von Null beginnend einen Klinikkonzern mit mehreren Krankenhäusern, z.B. auf einer ostfriesischen Insel, im Harz, in Leipzig und vor allem in Brandenburg, mehreren Hotels und Pflegeheimen in ganz Deutschland aufgebaut.
Klaus-Johann und Uwe-Karl Mohnfeld wollten sich nun aus dem Tagesgeschäft der Kliniken herausnehmen, um noch etwas vom Leben zu haben und nicht immer und ständig unter Strom stehen zu müssen.
Die Geschäfte sollten Mark Schreiber und Sam Grün gleichberechtigt führen.
Für Sam war dies ein absolut tolles Angebot: Verantwortung für 3500 Mitarbeiter in allen Kliniken, ein supertolles Gehalt, ein Geschäftsauto und vieles mehr.
Um eine der Kliniken kurz zu besichtigen, fuhr man kurze Zeit später in die brandenburgische Mohnfeldklinik bei Bernau, knapp 20 km entfernt. Diese sollte auch der Hauptsitz von Sam und Schreiber werden.
Sam durfte in dem Bentley Continental GT von Klaus-Johann Mohnfeld mitfahren.
In der Klinik angekommen zeigten die Brüder und auch Mark Schreiber stolz die Örtlichkeiten und erläuterten den Ursprung und die bisherige Entwicklung der Klinik. Man sah gemeinsam die Bilanzen der vergangenen Jahre durch und ging die Liste der Hauptzuweiser (Krankenversicherungen, Kliniken usw. die Patienten in die Mohnfeldklinik überweisen) durch.
Das Klinikgelände war für Sam eine totale Augenweide. Es war mitten in einen weitläufigen Kiefern- und Birkenwald eingebetet. Wald wohin man nur schaute. Dazwischen eine Reihe von kleinen, wohl älteren Reihenhäusern und auch ältere Mehrfamilienhäuser.
Zentral auf dem Gelände war befand sich die Neurologische und Orthopädische Teilklinik, die sich sternförmig gut in das gesamte Ensemble einpasste.
Gegenüber dem Sternbau befand sich ein, vermutlich noch aus der DDR-Zeit stammendes Zweckgebäude, welche die kardiologische Klinik und einen Teil der Kinderklinik beherbergte. Mitten im Wald, verbunden durch kleine schmale Wege, waren mehre Wohnhäuser angesiedelt, die nicht schön aber wohl zweckmäßig auch noch in der DDR-Zeit erstellt worden waren. Mark Schreiber meinte dazu, dass in diesen Häusern die DDR-Führung gelebt hat.
An der Peripherie der Klinikanlage befanden sich neue, architektonisch sehr schön konzipierte Reihenhäuser, Mehrfamilienhäuser und auch ein gutes Hotel, welches ebenfalls zur Mohnfeldklinik gehörte.
Da entdeckte Sam auf einem kleinen Hinweisschild, dass es auf dem Klinikgelände auch eine Montessori-Schule gibt, in welcher Mariella sicherlich auch eine Arbeit finden könnte, zumal sie ja eine spezielle reformpädagogische Ausbildung hat.
Die Schule gehörte allerdings nicht zur Mohnfeldklinik, sondern einem speziell für die Gründung und den Betrieb der Montessorischule eingerichteten Verein.
Klaus-Johann Mohnfeld machte, welch ein Zufall, dann auch Sam sofort das Angebot in einem seiner Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe der Klinik und auch der Montessorischule zu wohnen.
Sam war total fasziniert von dem Gedanken hier zur arbeiten und auch zu leben und er fragte sich ob es seiner geliebten Mariella hier auch gefallen könnte.
In Berlin hatte schon Sam’s Vater während des Krieges einige Zeit gelebt, auch viel erzählt und aus der Presse hörte man tolle Dinge, die man dort erleben konnte.
Sam und seine Gastgeber schauten sich noch eine Weile auf dem Gelände um, bis Sam meinte, „das Angebot ist ja sehr verlockend und hört sich traumhaft an, aber wo ist denn der Haken bei der Geschichte? Da muss doch etwas sein, was hinter dem Angebot steckt?“ Sam war durch seine bisherigen Aufgaben für spezielle Probleme sehr sensibilisiert und vermutete, dass hinter dem Angebot der Brüder Mohnfeld doch wesentlich mehr stecken würde.
„Ja, also“, gab Klaus-Johann Mohnfeld ernst zu, „es gibt da etwas, das wir ihnen noch nicht gesagt haben. Unser großes Problemkind der gesamten Mohnfeld-Kliniken ist diese brandenburgische Klinik, die wir uns gerade angesehen haben,“ erläuterte Klaus-Johann Mohnfeld, „unser Problem ist nicht finanzieller oder baulicher Art, sondern betrifft vor allem unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kliniken hier in Brandenburg, aber auch zu einem kleinen Teil in Sachsen in zweierlei Hinsicht.
Da ist zum einen eine Verpflichtung die wir eingegangen sind, um das Gelände zu bekommen. Dies bedeutete, dass wir Mitarbeiter, die bereits vor uns auf dem Gelände gearbeitet haben, übernehmen und weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus Brandenburg und Sachsen einstellen mussten. Dieses Areal wurde vor der Wende vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS)betrieben. Diese alten und neuen Mitarbeiter müssen wir, um wettbewerbsfähig zu sein, auf einen in der Bundesrepublik Deutschland üblichen Standard bringen. Was in den vergangenen Jahren leider nicht möglich war und vor allem an der Ärzteschaft und dem Betriebsrat scheiterte. Ein grossteil der früheren MfS-Mitarbeiter machen neben ihrem Job immer noch die Dinge, die sie früher gelernt haben – alles und jeden zu bespitzeln und sich gegenseitig bei allen und jedem anzuschwärzen bzw. zu verraten. Andere versuchen immer und ständig das Rad neu zu erfinden. Eine vertrauensvolle, funktionelle und professionelle Arbeit mit den Mitarbeitern, das Entwickeln von Zukunftsvisionen, die Einführung von Pflegestandards und vieles mehr, ist bisher absolut unmöglich gewesen. Wir, mein Bruder und ich, sind es zwischenzeitlich Leid uns immer um alles und jeden kümmern, vermitteln und auch abmahnen zu müssen. Wir wollen nun unser Leben auch noch etwas genießen“, erzählte nun Klaus-Johann Mohnfeld.
Uwe-Karl Mohnfeld meinte nun dazu, dass Sam sich das Angebot wirklich sehr gut überlegen und dies auch mit seiner Ehefrau besprechen sollte.
„Die Zeit die sie hier aufwenden müssen, entspricht nicht einem 8-Stunden-Arbeitstag, sondern ist im Endeffekt ein 24-Stunden-Knochenjob und sie werden, schon weil sie aus dem Westen kommen, ständigen Mobbingversuchen, Spitzeleien usw. ausgesetzt sein.“, sagte Uwe-Karl Mohnfeld.
Nachdenklich und weitgehend stumm fuhren Klaus-Johann Mohnfeld und Sam Grün zurück zum Hotel Hilton, wo Sam’s Auto in der Garage stand.
Vor dem Auseinandergehen tauschten Klaus-Johann Mohnfeld und Sam noch ihre privaten Handy-Nummern aus und Sam versicherte sich innerhalb 1 Woche zu melden und eine definitive Rückantwort zu geben.
Die Rückfahrt nach Hause ging problemlos über die Bühne, trotz der fast 1000 km weiten Strecke.
Zuhause angekommen wartete Mariella schon sehnsüchtig auf Sam und wollte natürlich in allen Einzelheiten wissen was in Berlin besprochen wurde. Sam erzählte ihr von dem Angebot und auch dass es dort eine Montessorischule geben würde und sie ein schönes Reihenhaus anmieten könnten, welches seinem Chef selbst gehören würde.
Davon, dass die Klinik eigentlich am Ende der Welt ist, außen herum nur Wald und sonst nichts oder die Mitarbeiterprobleme wie von Klaus-Johann Mohnfeld skizziert, sagte Sam nichts. Für ihn war klar, dass er den Job übernehmen würde.
Und so konnte sich auch Mariella langsam an den Gedanken gewöhnen in Kürze nach Berlin, genauer Bernau bei Berlin umzuziehen. Aber Mariella und Sam wollten sich noch nicht sofort pro oder contra entscheiden; ein, zwei Nächte darüber zu schlafen und dann noch mal zu reden war für eine derart weitreichende Entscheidung sicherlich richtig.
Mariella und Sam trafen aber schon am folgenden Tag ihre Entscheidung pro Bernau bei Berlin. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
Es mussten Gespräche mit Durmersheim, (Sam’s Chef) und Frau Dr. Spielberg (Mariellas Rektorin) bzw. dem Schulamt wegen der Arbeitsvertragsauflösungen geführt werden.
Sam hatte ein langes und intensives Gespräch mit seinem Chef Carlo Durmersheim, und kündigte seinen Arbeitsvertrag mit der Sanny-Klinikgruppe mit dem Ziel bei den Mohnfeldkliniken einzusteigen.
Durmersheim meinte, dass aus Sicherheitsgründen, Sam´s Ausscheiden schnell über die Bühne gehen sollte.
So kündigte Sam seinen Arbeitsvertrag zum 31. August.
Mariellas Rektorin war allerdings nicht so kulant wie Carlo Durmersheim und verlangte von Mariella die strikte Einhaltung der Kündigungszeit und die Einarbeitung einer Nachfolgerin. Mariella sollte somit erst zum 31. Oktober aus dem Vertrag aussteigen können.
Kurz vor seinem Gespräch mit Carlo Durmersheim rief Sam bei Klaus-Johann Mohnfeld direkt auf dem Handy an und sagte, dass er und seine Ehefrau sich eingehend mit dem Angebot beschäftigt haben und sie es sich sehr gut vorstellen könnten nach Berlin zu kommen, was Klaus-Johann Mohnfeld mit Wohlwollen zur Kenntnis nahm.
Mit Klaus-Johann Mohnfeld vereinbarte Sam für den folgenden Sonntag, 30. Juli, ein Treffen direkt in der Mohnfeldklinik um den Vertrag zu unterzeichnen und auch das angebotene Reihenhaus zu besichtigen. Start sollte der 1.September sein.
Klaus-Johann Mohnfeld versprach außerdem sich mit dem Montessoriverein in Verbindung zu setzen um Mariella die Möglichkeiten einer Beschäftigung zu ermöglichen. Klaus-Johann Mohnfeld meinte, dass er, obwohl er nicht dem Verein angehörte, doch seinen Einfluss positiv geltend machen könnte.
Gesagt, getan. Sam und Mariella fuhren die knapp tausend Kilometer nach Bernau bei Berlin und quartierten sich für die Nacht von Samstag auf Sonntag in einem nahe gelegenen Romantikhotel ein, um dann sonntags ausgeruht und in Ruhe in die Vertragsverhandlungen mit den Mohnfeld-Brüdern zu gehen.
Zur gleichen Zeit führte Mark Schreiber Mariella über das Klinikgelände und vor allem zur Montessorischule, so dass Mariella sich einen guten Überblick über die Anlage machen konnte. Mariella war sehr beeindruckt von der weitläufigen Klinikanlage und freute sich bereits auf die neue Herausforderung.
Nachdem die Vertragsverhandlungen, mit Start 1.September, zwischen Sam und den Mohnfeldbrüdern abgeschlossen und Mariella mit Mark Schreiber wieder zu Sam und den Mohnfeldbrüdern gestoßen waren, wurde mit Klaus-Johann Mohnfeld das Reihenhaus auf dem Klinikgelände besichtigt.
Mariella, die sich sehr für Design und schöne Dinge begeistern konnte, fand den Zuschnitt der Wohnräume sehr extravagant, so dass auch hier einer Vertragsunterzeichnung nichts im Wege stand.
Nach einem kleinen Mittagsessen fuhren Sam und Mariella wieder zurück in den Schwarzwald. Die Gespräche während der Fahrt handelten ausschließlich von der Klinik und den Träumen, die sich die beiden im hohen Norden erfüllen wollten.
Die Zeit in Bad Liebenzell im Schwarzwald verging wie im Flug.
Sam wurde auf Anweisung von Carlo Durmersheim weitest gehend aus dem allgemeinen Geschäftsablauf der Sanny-Klinik ausgeschlossen und so konnte er gut seinen vorab Umzug und den großen Umzug planen und vorbereiten.
Der vorab Umzug sollte 4 Tage vor dem Start an der neuen Arbeitsstelle erfolgen, also packte Sam alles zusammen und organisierte über seinen Schwager einen Kleintransporter um Bett, Schreibtisch usw. nach Berlin bringen zu können. Und so geschah es. Thomas, Sam’s Schwager, fuhr den Kleintransporter und Sam den PKW vollbeladen nach Bernau zur neuen Wohnung. Dort angekommen gab es gleich ein großes Problem.
Der Hausmeister der Wohnanlage sollte mit Sam die Wohnungsübergabe machen, war aber nirgends auffindbar. So musste Sam Klaus-Johann Mohnfeld auf dem Handy anrufen, der dann, weil er unterwegs war, den Chef der Haustechnik der Klinik anrief, der dafür sorgen sollte, dass Sam in die Wohnung kam.
Der Haustechniker hat sich dann auch sofort bei Sam gemeldet und sich als Paul Scharner vorgestellt. Scharner war ein ca. 60 Jahre alter untersetzter Mann, mit Glatze und stechenden Augen. Er kam auch sofort zu Sam und der neuen Wohnung, hatte aber keinen Schlüssel dabei, da dieser beim Hausmeister der Wohnanlage war.
Aber Scharner meinte gleich, dass dies kein Problem sei, weil er immer wissen würde wer sich wo aufhält und er habe auch schon einen Mitarbeiter losgeschickt, den Wohnanlagenhausmeister zu holen oder zumindest den Schlüssel zu bringen. Und so warteten Sam und Paul Scharner auf das was weiter passieren würde.
Paul Scharner erzählte Sam, dass er schon seit über 30 Jahren auf dem Klinikgelände als technischer Leiter arbeitet und auch die frühere Führungsriege der alten Deutschen Demokratischen Republik kennen würde. Eine gewisse Verehrung konnte Sam aus Scharners Worten deutlich heraus hören.
Scharner wollte gerne wissen wo Sam denn herkomme, wie er an die Wohnung gekommen sei und was er denn arbeiten würde.
Sam klärte Scharner darüber auf, dass er künftig mit Mark Schreiber die Geschicke der Mohnfeldkliniken leiten wird und er wohl künftig sein Chef sein ist.
Scharner blickte Sam mit seinen durchdringenden Augen an und beglückwünschte ihn mit einem, wie Sam meinte, süffisanten Lächeln. Weitere Fragen ersparte sich Scharner und auch Sam fand, dass eine kleine Gesprächspause sicher sinnvoll sei.
Nach ca. 20 Minuten kam der Mitarbeiter von Scharner mit dem Wohnungsschlüssel und sagte leise, so dass es für Sam kaum hörbar war, dass Mohnfeld den alten Hausmeister gerade gefeuert hat und im Moment bei der Personalabteilung sitzen würde. Anschließend kam noch eine leise, aber gewaltige Schimpfkanonade über Klaus-Johann Mohnfeld, was allerdings von Scharner mit einem einfachen Handstreich unterbunden wurde.
Es hatte den Anschein, dass der junge Haustechniker seinem alten Chef irgendwie hörig war. Scharner flüsterte seinem Mitarbeiter einige Worte zu und der verschwand auf dem schnellsten Wege.
Für Sam war die Situation sehr peinlich und so versuchte er die Situation zu entschärfen in dem er Scharner bat, nun doch schnell die Wohnungsübergabe zu machen.
Sam ging deshalb auf die Haustüre zu und wartete, bis Scharner geöffnet hatte. Zählerstände wurden abgelesen, kleinere Mängel aufgenommen und zur Bereinigung Termine abgesprochen.
Am Ende der Wohnungsübergabe bot Scharner Sam an, beim Ausladen zu helfen, was dieser, in Erinnerung an die Worte von Klaus-Johann Mohnfeld bezüglich der Mitarbeiterprobleme, dankend ablehnte.
Nachdem Scharner weggegangen war, begann Sam sein Auto zu entladen, allerdings, immer mit dem Gefühl beobachtet zu werden. Sam war gerade fast fertig, als Thomas mit dem Kleintransporter angefahren kam, so dass sie diesen nach einer kleinen Pause auch zügig entladen konnten. Es war ja nur ein kleiner Teil des Hausstandes von Sam und Mariella, weil der große Umzug, der von einem Umzugsunternehmen erledigt werden würde noch bevorstand.
Da Thomas so schnell wie möglich wieder zurück fahren wollte, lud Sam ihn noch zum Essen bei einem Italiener auf dem Klinikgelände ein. Sam hatte immer noch das Gefühl beobachtet zu werden, das allerdings von Thomas, dem er alles erzählt hatte, nicht geteilt wurde.
Nach dem Essen verabschiedete sich Thomas und Sam begann sein Bett in einem nicht einsehbaren Raum der Wohnung für die Nacht aufzubauen. Vorhänge waren ja noch nicht da und Rollläden mochte Sam nicht.
Da Sam nicht gleich einschlafen konnte, ließ er sich die letzten Ereignisse mit Scharner durch den Kopf gehen. Vielleicht hatte Thomas Recht und es war alles nur Einbildung. Nach einigem Überlegen sagte Sam zu sich selbst, „alles nur Einbildung, was soll denn der Scharner von mir wollen – nichts. Ich werde sein Chef sein und dass er schon so lange auf dem Gelände ist, hat sicherlich auch seine Vorteile.“
Mit diesen Gedanken schlief Sam schnell und tief ein.
Am folgenden Morgen machte sich Sam gleich an den Aufbau seiner noch spärlichen Möbel und Computer, räumte seine Kleider auf und prüfte ob alles soweit noch ok war. Gegen Mittag schlenderte er wieder zu dem, am Abend zuvor kennen gelernten, italienischen Lokal und aß dort eine Kleinigkeit. Anschließend ging er wieder zurück zur Wohnung und beendete seinen vorab Umzug.
Nachdem die Sonne wundervoll in den neuen Garten schien, wollte Sam sich ein wenig erholen und Sonnen. Vielleicht ergibt sich auch die Möglichkeit, dachte Sam, die neuen Nachbarn kennen zu lernen.
Und so ging er in den Garten, schaute sich um, was alles zu tun wäre um den Garten für Mariella zu richten. Er hatte ja noch Zeit um die wichtigsten Dinge zu tun.
Während Sam den Garten inspizierte, fühlte er wieder Blicke auf sich gerichtet. Er sah sich um, sah aber niemanden.
Sam ging weiter durch den Garten, da hörte er Geräusche vom Nachbargrundstück. Er ging in Richtung der Geräusche und sah einen Mann, der auch im Garten beschäftigt war. Sam ging an den Zaum seines Grundstückes und grüßte freundlich in Richtung des neuen Nachbarn; der sich allerdings nur kurz umdrehte, Sam sah und ohne Gegengruß sofort im Haus verschwand.
„Wer nicht will, muss mich nicht grüßen“, sagte Sam laut vor sich hin und ging weiter um sich nun zu sonnen.
Als die Sonne weg war und der Abend herein brach, setzte sich Sam vor den Fernseher und ließ sich berieseln. Gegen 20 Uhr war es soweit, die mit Mariella vereinbarte Zeit zum Telefonieren war da. Sam rief Mariella an und erzählte ihr alles über den vorab Umzug, den Ärger mit dem Wohnungsschlüssel, das Gespräch mit Scharner, dem Haustechniker, und vor allem die komische unfreundliche Reaktion des neuen Nachbarn.
Mariella meinte nur, Sam solle das Ganze nicht so ernst nehmen und sagte auf schwäbisch „es gibt halt sodde und sodde“.
Nach dem Telefonat legte sich Sam wieder vor den Fernseher, in der Hoffnung davor einzuschlafen. Leider funktionierte das heute nicht. Gegen 23 Uhr zog Sam sich an, um über das Klinikgelände und die Wohnanlage zu spazieren.
Es war totenstille, nur die Nachtvögel im Wald und der ständige Ost-Wind waren zu hören. Da erreichte Sam eine kleine Gaststätte, die inmitten des Gesamtareals lag. Die Gaststätte hieß „Zur Heimat“ und war, so erinnerte sich Sam an die Worte von Klaus-Johann Mohnfeld, noch das alte ursprüngliche Lokal, das es bereits vor der Wende auf dem Gelände gab. Auch die Betreiber waren immer noch die gleichen.
In dem Lokal brannte noch Licht und so ging Sam auf das Haus zu, in der Absicht noch ein Bier oder ein schönes Glas Rotwein zu trinken.
Als er die Tür öffnen wollte, wurde er von einem Mann, im Format Türsteher, barsch abgewiesen mit den Worten „Geschlossene Gesellschaft“. Sam meinte nur „schade“ und ging weiter über das Gelände bis zum Waldrand.
Nun war Sam auch ohne Bier oder Rotwein müde und ging den gleichen Weg zurück den er gekommen war in Richtung seiner neuen Wohnung.
Nachdem er einen Teil des Weges gegangen war, sah er in dem vorher total ruhigen Bereich, jetzt viele Menschen, die unterwegs waren. Sam dachte, dass sich diese geschlossene Gesellschaft wohl jetzt aufgelöst hat.
Interessant fand Sam die Tatsache, dass alle Personen die er sah, in Uniformen steckten, die er vorher noch nie gesehen hatte. Viele der Leute hatten an ihrer Uniform eine Menge Abzeichen, die Sam bisher nur aus dem Fernsehen von russischen Generälen kannte. Sam überlegte, ob das wohl eine Faschingsveranstaltung gewesen sei, aber er verwarf sofort den Gedanken, weil die Menschen alle mit sehr ernstem Gesicht und zum Teil heftig gestikulierend unterwegs waren. Als sie Sam sahen, haben sie sofort auf die andere Seite geschaut und trotz freundlichem „Guten Abend“ von Sam nicht gegrüßt. Einen kurzen Moment dachte Sam Paul Scharner, den Haustechnik-Chef zu erkennen, der sich aber sofort in eine von Sam entgegensetzte Richtung verzog. „Komisches Volk“, sagte sich Sam und erreichte endlich seine Wohnung.
Während er die Tür öffnete, nahm er aus dem Augenwinkel wahr, dass auch sein Nachbarehepaar gerade nach Hause kam und beide ebenfalls in diesen komischen Uniformen steckten.
Sam machte sich keine weiteren Gedanken und schlief schnell ein.
Die nächsten beiden Tage vergingen ohne Probleme und Sam telefonierte jeden Abend mit seiner Mariella.
Dann kam der Arbeitsbeginn. Montag, der 1. September 2002. Pünktlich um 8 Uhr traf Sam im Verwaltungsgebäude der Mohnfeldkliniken ein.
Mark Schreiber erwartete ihn bereits. Im großen Sekretariat, welches Sam und Schreiber gemeinsam benutzen werden, stellte Schreiber Sam die Sekretärinnen der Geschäftsleitung, Frau Müller und Frau Schmidt, vor.
Nachdem Sam sein Büro in Besitz genommen hatte, erschienen Mark Schreiber und Frau Müller mit Kaffee und Gebäck um den heutigen Tagesablauf zu besprechen. Schreiber wies Sam darauf hin, dass die Brüder Mohnfeld erst gegen 9.00 Uhr erscheinen werden und dann den leitenden Mitarbeitern und der gesamten Verwaltung den neuen Kopf und die neue Organisationsstruktur bekannt geben werden, was für 9.30 Uhr im großen Besprechungsraum vorgesehen ist.
Anschließend sollte Sam unter Führung des leitenden Chefarztes Dr. Dr. Bergovic mit den jeweiligen Chefärzten die einzelnen Teilkliniken besichtigen um einen Gesamteindruck über die brandenburgische Mohnfeldklinik zu erhalten. Die Chefärzte der Kliniken Leipzig, Harz und Nordsee usw. sind zwar am heutigen Termin anwesend, die Besichtigung sollte aber erst in den nächsten Tagen erfolgen.
Neben dem klinischen Bereich der brandenburgischen Mohnfeldklinik stehen für den heutigen Tag noch die outgesourcten Gesellschaften wie Mohnfeld-Catering und Mohnfeld-Housekeeping zur Besichtigung an.
Pünktlich um 9.00 Uhr erschienen Klaus-Johann Mohnfeld und Uwe-Karl Mohnfeld im neuen Büro von Sam und begrüßten ihn ganz herzlich. Bei der anschließenden großen Besprechungsrunde stellte Mark Schreiber Sam die Damen und Herren der Buchhaltung, die hauptsächlich in der Mohnfeldklinik im Harz arbeiteten, den bisherigen stellvertretenden Verwaltungsdirektor Erich Pommer, Frau Dr. phil. Karola Kociekowa die die zentralen Personalabteilung leitet und die Damen aus der Patientenaufnahme bzw. Patientenbetreuung, unter Leitung von Frau Elvira Poppe, vor.
Auch Paul Scharner, der Haustechniker mit seinem Stellvertreter und der leitende Chefarzt Dr. Dr. Bergovic und die Chefärzte der einzelnen Teilkliniken begrüßten recht kühl und reserviert Samuel Grün.
Klaus-Johann Mohnfeld hielt eine Ansprache, in welcher er die neue Organisationsstruktur und die neue personelle Ausrichtung mit Samuel Grün und Mark Schreiber an der Spitze vorstellte.
Er erklärte den Mitarbeitern, dass er und sein Bruder sich künftig aus der Geschäftleitung der Mohnfeldkliniken zurückziehen werden und die Geschäftsführung künftig Samuel Grün, der künftig auf dem Klinikgelände wohnen und leben wird und Mark Schreiber aus Leipzig inne haben werden. Klaus-Johann Mohnfeld machte deutlich, das es ihm bei der personellen Besetzung vor allem auch darum gegangen sei, einen der Posten mit einem fähigen und erfahrenen Mitarbeiter aus dem Westen der Bundesrepublik zu besetzen, da die Mohnfeld-Kliniken sich an den Qualitätsstandard der Bundesrepublik Deutschland anpassen muss, ob es allen Mitarbeitern gefällt oder nicht. Die Kliniken, so Mohnfeld seien in einem globalen Umfeld nur dann überlebensfähig, wenn gewisse Qualitätsstandards, auch in Brandenburg und in Leipzig, eingehalten werden.
„Die Zeit der ständigen Neuerfindung im Osten Deutschlands ist vorbei; anerkannte Qualitätsstandards haben ab heute absoluten Vorrang“, erklärte Klaus-Johann Mohnfeld.
Sam und auch die Brüder Mohnfeld nahmen eine heftige Unruhe und ein heftiges Geflüster unter den Mitarbeitern wahr und es war deutlich im Raum Hohn, Empörung und Ablehnung zu spüren. Sam empfand diese feindselige Atmosphäre ausgesprochen befremdlich. Klaus-Johann Mohnfeld führte dies im späteren Vieraugengespräch mit Sam vor allem auf seine Aussagen zur Qualität zurück.
Als Klaus-Johann Mohnfeld nach dem kleinen Empfang für Sam, außer den Buchhaltungsleuten hatte keiner der Mitarbeiter mit Sam gesprochen, zur Besichtigungstour aufforderte, kam der leitende Chefarzt Dr. Dr. Bergovic auf Sam zu und forderte ihn auf ihm zu folgen.
Sam hatte den Eindruck, dass Bergovic nicht sonderlich motiviert war mit ihm durch die Klinik zu gehen. Nach einem kurzen, äußerst schweigsamen Spaziergang machten sie sich an die Arbeit, jetzt zumindest reagierte er auf Sam’s Nachfragen und bemühte sich annäherungsweise um Kooperation, wenn auch sehr gequält.
Trotzdem spulten Bergovic und Sam professionell das Programm ab. Sam lernte neben den Chefärzten auch die anwesenden Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger, Psychologen und Physiotherapeuten usw. kennen.
Sam machte sich nebenher Notizen, was Dr. Dr. Bergovic nicht sonderlich zu gefallen schien, aber Sam wollte mit verschiedenen Personen gerne selbst intensivere Gespräche –ohne Dr. Dr. Bergovic– führen.
Im Rahmen der Besichtigungstour sah Sam die Orthopädie, die Neurologie, die Psychosomatik und die Kinderklinik. Die Besichtigungstour wurde im absoluten Schnellverfahren von Dr. Dr. Bergovic und den jeweiligen Chefärzten durchgeführt, ohne dass Sam einen Einblick in die jeweilige Einrichtung bekommen konnte. Dies nahm Sam zum Anlass Dr. Dr. Bergovic zu erklären, dass er alleine nochmals eine Besichtigungstour durch die Klinik und das gesamte Klinikareal machen werde.
Sam versuchte immer wieder Dr. Dr. Bergovic in ein persönliches Gespräch zu verwickeln, was aber von Bergovic abgeblockt wurde.
Wieder in der Verwaltung angekommen war, traf Sam dort auf eisiges Schweigen. Bevor er in sein neues Büro ging, bat er Frau Müller doch den Herren Mohnfeld, Schreiber und Pommer mitzuteilen, dass er wieder zurück sei. Wie mit Klaus-Johann Mohnfeld abgesprochen, trafen sich die Brüder Mohnfeld, Schreiber und Sam dann um 16 Uhr um mit den Buchhaltungsleuten aus dem Harz die Bilanzen der letzten 5 Jahre zu besprechen und Probleme, die von der Buchhaltung identifiziert wurden, aufzugreifen. Ein Hauptaugenmerk traf dabei die Patientenverwaltung und –Betreuung, die es nach Meinung der Buchhaltung bisher nicht schaffte die Rechnungen zeitnah zu stellen und für einen schnelleren Patientendurchlauf zu sorgen. Schreiber nahm die Mitarbeiterinnen und vor allem die Leiterin Elvira Poppe in Schutz und meinte, dass die Ärzteschaft die Entlassberichte zu spät fertig stellen würde und deshalb die Rechnungen erst spät herausgehen würden.
Sam und Schreiber einigten sich darauf, dass Sam sich um die Patientenverwaltung und Schreiber sich um die Ärzteschaft hochintensiv kümmern werden, da eine schnelle Rechnungslegung existenziell für die Kliniken sei.
Uwe-Karl Mohnfeld und Sam verabredeten sich für 19 Uhr zum Essen in einer Pizzeria die Uwe-Karl Mohnfeld gehört und sich im Nachbarort Wandlitz befindet.
Um 18 Uhr verließ Sam sein Büro, nicht ohne vorher Frau Müller zu veranlassen am nächsten morgen um 9 Uhr Frau Poppe zum Gespräch zu bitten.
Als Sam in seiner neuen Wohnung angekommen war, rief er sofort Mariella an und berichtete ihr von seinem ersten Arbeitstag.
Er erzählte von dem eher negativen Klima in der Verwaltung und von den Reaktionen der leitenden Mitarbeiter auf die Ankündigungen von Klaus-Johann Mohnfeld. Mariella versuchte Sam wieder aufzubauen und meinte, dass das alles sich erst noch langsam entwickeln muss.
Um 19 Uhr traf Sam dann in der Pizzeria von Uwe-Karl Mohnfeld ein, der ihn dort bereits erwartete.
Uwe-Karl Mohnfeld stellte Sam seinen langjährigen Freund Lou Berger vor, der ebenfalls auf dem Klinikgelände in der Wohnanlage wohnte.
Lou Berger sagte, er sei Inhaber einer kleinen Druckerei in Basdorf und ist seit Jahren mit Uwe-Karl Mohnfeld befreundet.
„Ich bin gebürtiger Pfälzer, aus der Nähe von Ludwigshafen, und lebe seit meinem 18. Lebensjahr in Berlin, erst wegen der Bundeswehr, dann wegen der Musik und seit der Wende wegen meiner Firma“, erklärte Lou Berger.
Sam und Lou Berger verstanden sich auf Anhieb gut, was wohl an den gleichen Musikinteressen lag. Sam und Lou standen beide auf Musik der Rolling Stones, Pink Floyd, Santana usw..
Als die drei gespeist hatten, verabschiedete sich Uwe-Karl Mohnfeld von den beiden und meinte noch, dass er am nächsten Morgen mit seiner Familie und seinem Bruder endlich für immer in den Süden, nach Mallorca bzw. Süd-Frankreich, gehen würde.
Nachdem Sam und Lou eine Weile über Musik geplaudert hatten, fragte Sam: „Sag mal, was ist denn da auf dem Klinikgelände los, man grüßt sich nicht, manche laufen abends in Uniformen wie russische Generäle durch die Gegend und die Klinikmitarbeiter reagieren so seltsam auf die Veränderungen die Klaus-Johann Mohnfeld mitgeteilt hat. Hast du eine Ahnung was das soll?“
Da fing Lou Berger an zu grinsen.
„Weißt du eigentlich wo du hier gelandet bis? Wir sind hier in der Machtzentrale der alten DDR und viele deiner neuen Mitarbeiter haben vorher heiß und innig für die alten Betonköpfe im Politbüro der DDR gearbeitet. Glaubst du, nur weil die Mauer weg ist, freuen sich diese Leute, wenn du, der Klassenfeind, ihnen jetzt zu sagen hat wo es lang geht? Ich glaub das war dir bis heute nicht so richtig klar oder? Hat denn Uwe-Karl nichts gesagt? Die Mohnfelds hatten doch schon von Anfang an große Probleme mit diesen Leuten. Am schlimmsten sind der Kardiologe und Stasiarzt, so wie der Orthopädie-Chefarzt, zu DDR-Zeiten oberster Sportdopingarzt der DDR oder die Poppe, zu DDR-Zeiten ein hohes Tier bei der Stasi. Da war keiner geringer als ein Oberst.“
Lou Berger führte weiter aus, „du bist für diese alten Stasileute der personifizierte Satan. Du hast einem von ihnen, dem Pommer den Job weggenommen. Du bist der Feind! Und dann passiert das auch noch kurz vor dem Jahrestag der Staatsgründung am 7. Oktober. Ganz, ganz schlecht. Die Mohnfelds wissen warum sie sich gerade jetzt aus dem Staub machen, glaub mir.“
Nach diesen, für Sam doch sehr überraschenden Informationen und einem kurzen Smalltalk fuhr Sam versonnen und nachdenklich nach Hause. Mit Lou Berger hatte er sich für den nächsten Abend auf dem Klinikgelände verabredet.
Zur gleichen Zeit als Sam mit Uwe-Karl Mohnfeld und Lou Berger in der Pizzeria in Wandlitz saßen, hatten sich einige Mitarbeiter der Mohnfeldkliniken in der Gaststätte „Zur Heimat“ getroffen. Zusammen gerufen wurden sie von Elvira Poppe, der Leiterin der Patientenverwaltung.
Elvira Poppe, eine kleine etwas pummelige, knapp 60 jährige Frau mit strengem Haarschnitt. Sie war vor der Wende Generaloberst im Generalsstab des Ministeriums für Staatssicherheit und auch die persönliche Adjutantin des Ministers für Staatssicherheit. Sie war damit in alle Aktivitäten des Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) eingeweiht. Einige Aktionen der Stasi gegen den Klassenfeind hatte sie selbst geleitet. Poppe hat ein sehr großes Organisationstalent und strahlte Autorität, Selbstsicherheit und Brutalität aus.
Einer ihrer Mitstreiter des heutigen Abends war Dr. Dr. Bergovic, der viele Jahre der vertraute Leibarzt des Ministers der Stasi war und jetzt Chefarzt der Kardiologie und ärztlicher Direktor an der Mohnfeldklinik in Bernau ist. Bergovic strahlte nicht die väterliche Güte eines ältlichen Arztes aus, sondern war eher tückisch und verschlagen. Seine ärztliche Spezialität war das Verhören von Staatsfeinden, unterstützt mit medizinischen Mitteln. Seine Promotionen hatte er in einem sowjetischen Gefangenenlager gemacht.
Des Weiteren waren da noch Erich Pommer, langjähriges SED und späteres PDS-Mitglied, früherer Kreisvorsitzender in Bautzen und scharf darauf endlich in die Geschäftsleitung der Monfeld-Kliniken einzuziehen, sowie Paul Scharner, der langjährige Haustechniker des Gesamtareals und vornehmlich im inneren Ring der Anlage tätig und Dr. Phil. Karola Kociekowa, die heutige Personalchefin der Mohnfeld-kliniken. Auch Olga Pawlowa, heute Stationsschwester der Mohnfeld-Kinderklinik, und vor der Wende Verbindungsoffizierin des sowjetischen Geheimdienstes KGB mit Sitz auf dem früheren Stasigelände, war mit von der Partie.
Diese sechs Personen gehörten dem neuen Politbüro an, das sich zum Ziel gesetzt hatte die alte DDR ausgehend von der brandenburgischen Mohnfeldklinik wieder auferstehen zu lassen. Aber heute gab es einen ganz besonderen Anlass um kurzfristig zusammen zu kommen, nämlich die neue Organisationsstruktur und die Neueinstellung von Samuel Grün.
„Diese Neuerungen gehen gegen meinen Plan, baldigst die Mohnfeldkliniken komplett zu übernehmen“, meinte Poppe und fügte hinzu, „dass man sich jetzt neue Gedanken über das weitere Vorgehen und auch den baldigen Jahrestag der DDR-Gründung machen müsse. Nicht zuletzt auch darüber, wie wir die Frau unseres geliebten verstorbenen Staatsratsvorsitzenden ungesehen zum Jahrestag auf das Gelände bringen können; sie wird am 6. Oktober in Minsk landen und wir müssen dafür sorgen, dass sie ohne Ärger und Presse zu uns kommt.“
Olga Pawlow stand auf und stellte sich vor Pommer. Sie meinte „mit diesem Schlappschwanz wird das nie was. Es wäre besser dafür zu sorgen, dass er uns nicht mehr im Weg ist.“ Bei diesen Worten strich sie über Pommers Glatze und fuhr langsam zu seinem Hals, den sie dann mit stahlhartem Griff festhielt. „Früher war es etwas einfacher, da schickte man diese Leute einfach zur Jagd oder ins Arbeitslager, dann war das Thema erledigt“, flüsterte sie leise in Pommers Ohr.
„Schluss damit“, fauchte Poppe, „ich will jetzt Vorschläge. Wird’s bald? Kaderleiterin Kociekowa was wissen wir über Samuel Grün?“
Dr. phil. Karola Kociekowa erhebt sich und beginnt zu referieren:
„Samuel Grün
49 Jahre alt
verheiratet
Ehefrau Mariella Grün, Lehrerin
Tochter Nina Grün, Krankenschwester, verheiratet im Westen,
Betriebswirt wie es im Westen heißt, bei uns ist
das der Ingenieur für Ökonomie,
Buchautor über Krankenhausorganisation,
Verfasser verschiedener Presseartikel,
anscheinend konservative Einstellung,
Hobbys, nichts besonderes Musik, Angeln, Reiten usw.
Hat hier die 3. Arbeitsstelle, ist immer aufgestiegen“
„Kociekowa und Scharner ihr werdet mehr über diesen Mann herausfinden“, entgegnete Elvira Poppe, „Oberleutnant Scharner haben sie sich einen Zugang zu seiner Wohnung verschaffen können?“
Scharner schnellt von seinem Platz hoch und salutiert, „jawohl Frau Generaloberst Poppe, musste ihm helfen in die Wohnung zu kommen, da ergab sich die Gelegenheit. Hatte schon gedacht, dass das sinnvoll ist.“
„Kociekowa, sie prüfen, ob der Einsatz von Schwalben bei ihm und eines Romeos bei seiner Frau Sinn macht“, befiehlt Poppe. Dann führt sie aus, „es sollte aber nicht so ausgehen wie bei Schreiber. Der ist bis jetzt noch nicht auf unserer Seite, aber die auf ihn angesetzte Schwalbe hat jetzt Beton Schuhe im See an. Das sollten wir vermeiden!“
Poppe sprach weiter: „heute Abend trifft sich Zielperson mit Mohnfeld in Wandlitz. Habe die Abschnittsbevollmächtigte von Wandlitz gebeten die Observierung und das Abhören zu übernehmen, dafür bekommt ihr Mann eine Anstellung bei dir Scharner, kapiert! Das Ergebnis der Aktion gebe ich bei der nächsten Sitzung bekannt.“
In der Tagesordnung weiterführend forderte Poppe Scharner und Dr. Dr. Bergovic auf sich um die Abholung der Ehefrau des früheren Staatsratsvorsitzenden zu kümmern. „Unsere Genossin wird am 5. Oktober in Minsk landen und von dort über Kaliningrad mit einem Kreutzer über die Ostsee bis in die Nähe von Stralsund gebracht. Da das Schiff nicht in die Hoheitsgewässer eindringen kann, muss die Genossin auf See in ein ziviles Schiff übernommen und dann auf das Klinikgelände gebracht werden. Es steht eine abgedunkelte Limousine für sie bereit. Die Sitzung jetzt ist beendet.“ erklärt Poppe.
Beim Verlassen der Gaststätte, bat Poppe noch Pawlowa um ein vertrauliches Gespräch, in welchem Sie die Pawlowa bittet, Pommer im Auge zu behalten und falls er Probleme macht, dafür zu sorgen, dass das „Problem“ behoben wird. Danach verließen beide die Gaststätte.
Sam schlief in dieser Nacht recht unruhig. Waren es die Worte von Lou Berger? Was konnte man von Berger halten? Oder war es einfach nur das gute Essen in dem Lokal?
Bereits um 6 Uhr wachte er auf, duschte in Ruhe, frühstückte und ging leise in seinen Garten um die morgenfrische Luft, gemischt mit seiner Zigarettenluft, zu inhalieren. Es war total still und ruhig um ihn herum, nur die Vögel zwitscherten.
Eine Reihe von Autos parkten direkt gegenüber Sam´s Garten.
Sam setzte sich auf einen seiner Klappstühle und sah sich den Sonnenaufgang an, während er an seiner Zigarette zog und genüsslich den Rauch ausblies. In der Hand hatte er noch eine dampfend heiße Tasse mit Kaffee an der er immer wieder mal nippte. Sam fühlte sich wohl und voller Tatendrang für den neuen Tag.
Um 8 Uhr erreichte Sam dann das Verwaltungsgebäude und suchte sein Büro auf. Mit seiner Sekretärin, Frau Müller, besprach er kurz das Programm des heutigen Tages und bat sie um Kaffee.
In einem Telefonat mit der Personalchefin Frau Dr. phil. Kociekowa forderte Sam die üblichen Statistiken und die Personalakten von Elvira Poppe und den anderen Damen der Patientenaufnahme bzw. –Betreuung an. Auf die Rückfrage von Frau Dr. Kociekowa antworte Sam nur, dass er sie in 5 Minuten auf seinem Tisch haben möchte, weil er mit Frau Poppe ein Gespräch zu führen habe.
Als Dr. Karola Kociekowa dies hörte, wurde sie sofort hellhörig, suchte die Personalakten heraus, gab sie in Sams Vorzimmer ab und verließ kurz das Haus um privat zu telefonieren. Sie erreichte Poppe, Dr. Dr. Bergovic, Pawlowa und Scharner und informierte sie über Sams Aktenanforderung.
Während Poppe, Bergovic und Scharner sie zur Ruhe und zum abwarten mahnten, wurde Pawlowa sofort energisch und wollte sofort zur Verwaltung kommen, was aber Kociekowa ablehnte. Sie ging wieder zurück an ihren Arbeitsplatz und fragte sich, was der Wessi, gemeint war Samuel Grün, mit den Akten vorhatte.
Pünktlich um 9 Uhr erschien Elvira Poppe bei Sam. Sam bot ihr einen Platz am Besprechungstisch an und bat sie sich noch etwas zu gedulden, er sei gleich soweit mit ihr zu sprechen. Er machte dies bisher immer so, um seinen Mitarbeitern Zeit zu geben sich zu sammeln aber auch um ihm in diesem Fall etwas Zeit beim durchsehen der Personalakte Poppe zu haben.
Nach etwas 5 Minuten setzte sich Sam zu Elvira Poppe an den Besprechungstisch. In das Gespräch einführend fragte Sam Elvira Poppe, wie sie denn die gestrigen Ereignisse aufgenommen habe. Es sei doch eine sehr große Änderung durch den Rückzug der Mohnfeld-Brüder und die Änderung der Organisationstruktur für die Klinik und die Mitarbeiter. Elvira Poppe reagierte sehr gelassen und meinte, dass die Änderungen gar nicht so groß seien, für sie und die Mitarbeiter sei es doch letztlich egal, ob die Chefs Mohnfeld oder Schreiber und Grün heißen. Es müsse nur klar kommuniziert werden, wer für was zuständig sei.
Sam hatte den Eindruck, dass Elvira Poppe tatsächlich von dem Führungswechsel unberührt sei und ihn sein Gefühl vom gestrigen Tag doch etwas getäuscht hatte. Frau Poppe machte ihm gegenüber den Eindruck, als ob sie gegen Sam auch keine Vorbehalte hatte. Sie plauderten dann etwas über den Klinikalltag, ihre Funktion und Aufgaben in der Klinik und Elvira Poppe meinte, dass es bestimmt einige Dinge zu verbessern gäbe. Anschließend kam Sam zu dem heiklen Thema der Patientenabrechnungen. Sam meinte, „die Buchhaltung würde sich beschweren, dass die Patientenrechnungen nicht zeitnah raus gehen und der Klinik dadurch ein erheblicher Schaden entstehen würde. Wie kommt denn so etwas zu Stande? Wir möchten doch alle, dass unser Monatsgehalt regelmäßig und pünktlich auf unserem Konto ist.“
Elvira Poppe entgegnete, „Ich habe die Abrechnungen immer pünktlich, wie mit der bisherigen Verwaltungsleitung, Herrn Pommer, vereinbart, heraus gegeben. Wenn dies nun anders gewünscht wird, ist sie natürlich gerne bereit, die Rechnungen zu neuen Zeitpunkten heraus zu geben, wie sie die Verwaltungsleitung festlegt.“ Hinzufügend meinte sie noch, „ich hab ja nichts davon wenn die Rechnungen früher oder später raus gehen.“
Sam erklärte ihr, dass er das gerne zur Kenntnis nehme und sich von der Buchhaltung einen Plan erstellen lassen werde, nach welchem die Rechnungen zukünftig rausgehen werden müssen. „Diesen Plan werde ich wohl in den nächsten Tagen per Mail erhalten und ihnen dann die neuen Termine weiter geben“, sagte Sam.
Das Gespräch abschließend meinte Sam, dass er es sehr interessant fand, das Elvira Poppe Verbesserungspotentiale sehen würde. Er bat sie diese ihm schriftlich einzureichen. Sam wollte jedoch darauf achten, dass nicht wie von Klaus-Johann Mohnfeld gemeint, das Rad neu erfunden wird, fand es aber interessant, dass sich diese Mitarbeiterin Gedanken machte.
Sam informierte Schreiber über den aktuellen Stand und fragte ihn, ob er alleine oder vielleicht besser beide einmal mit Pommer sprechen sollten. „Es wäre doch sicherlich auch in Pommers Sinn, wenn wir gemeinsam mal mit ihm reden, auch im Hinblick auf eine eventuelle Weiterentwicklung Pommers“, meinte Sam.
Da Schreiber Sam zustimmte, wurde über das Vorzimmer gleich ein Termin für eine Stunde später vereinbart.
Pommer erschien in Sam’s Büro und Schreiber stieß sofort zu den Beiden hinzu. Erich Pommer machte, so meinten Sam und Schreiber übereinstimmend, einen jämmerlichen verängstigten Eindruck. Schreiber, der Pommer schon etwas länger kannte, fragte deshalb „was ist denn mit ihnen los? Haben sie Angst vor uns oder was ist? Wir tun doch niemandem etwas.“ Aber Pommer bleibt still und antwortet nicht.
„Herr Pommer, wir haben sie zu uns gebeten um uns etwas besser kennen zu lernen und um uns mit Ihnen abzustimmen“, sagte Sam, dem das Ganze nun doch langsam auf den Nerv ging, „außerdem möchten wir gerne von ihnen Informationen haben, die nur sie uns geben können“.
Pommer sinkt immer weiter in sich zusammen und nuschelt kaum hörbar: „ich möchte hiermit kündigen, wenn möglich fristlos.“
Jetzt wird es auch Schreiber zu dumm und deshalb sagt er „raus mit der Sprache was ist los.“
Pommer aber flüstert immer wieder „ich kündige hiermit fristlos, ich muss schnell weg. Kann ich endlich gehen?“
Nach einer halben Stunde in welcher Sam und Schreiber ständig versuchten Pommer zum reden zu bringen, sagte Schreiber, „ok wenn es das ist was sie wollen, dann soll es so sein.“
Als Pommer dies hörte, sprang er auf, rannte aus Sam’s Büro und dem Verwaltungsgebäude und verließ augenblicklich auch das Klinikgelände.
Das Ganze erinnerte schon fast an eine Flucht.
Sam und Schreiber sahen sich verwundert an und hatten den gleichen Gedanken. Sofort wurde die Buchhaltung im Harz angerufen und mit einer sofortigen Überprüfung der Bücher hinsichtlich einer Unregelmäßigkeit durch Erich Pommer begonnen.
Schreiber und Sam konnten diesen Abgang nicht glauben. So etwas hatten sie in ihrer langjährigen beruflichen Laufbahn noch nie erlebt.
Wie sich kurze Zeit später herausstellen sollte, muss Pommer über Nacht komplett seine Zelte auf dem Gelände der Mohnfeldkliniken abgebrochen haben, denn nachdem Pommer Sam’s Büro verlassen hatte, wurde er von niemandem mehr gesehen. Seine schriftliche fristlose Kündigung hatte er zuvor noch im Geschäftsleitungssekretariat abgegeben.
Nun mussten Schreiber und Sam unter sich die Aufgaben und Arbeiten von Pommer aufteilen und dringend nach Ersatz suchen.
Um Sam und Schreiber wieder schnell zu entlasten, holten sie die bisherige stellvertretende Verwaltungsleiterin aus Leipzig nach Brandenburg. Bis dies jedoch zum Tragen kam ging die Woche vorüber. Mit Hilfe der Sekretärinnen Müller und Schmidt, wurden die aktuellen Arbeiten von Pommer analysiert und kategorisiert.
Am frühen Abend kam dann die Mitteilung aus der Buchhaltung, dass alles korrekt abgerechnet sei und keine unerklärbaren Zahlungen von Pommer angewiesen wurden.
Nachdem diese Formalie geklärt war, riefen Sam und Schreiber die Personalchefin Dr. phil. Karola Kociekowa zu sich um die Eckdaten einer sofortigen Ausschreibung der Stelle festzulegen und deren Veröffentlichung zu veranlassen.
Intern waren sich Sam und Schreiber darüber einig, dass zukünftig nur ein neuer Mitarbeiter aus Westdeutschland für die Stelle in Frage kommen würde.
Dr. Karola Kociekowa notierte sich wie in Trance alles, was Schreiber und Sam als Grundlagen für die Stellenausschreibung festlegten. In ihrem Kopf schwirrte nur der Gedanken herum, „wie kann ich auf dem schnellsten Wege Elvira Poppe und die Pawlowa informieren und wann sind denn die Zwei hier endlich fertig? Hatte Poppe nicht gesagt, sie hätte Schreiber im Griff?“
Endlich, Sam und Schreiber sind fertig und Kociekowa will gehen, da sagt Sam noch, er möchte den Anzeigenentwurf in einer halben Stunde auf dem Tisch haben. Wie sollte Sie das so schnell fertig bringen? Sie muss doch schnellstens telefonieren.
Also ging sie aus Sam’s Büro, warf ihre Unterlagen auf ihren Schreibtisch und verschwand auf der Toilette um sofort Poppe anzurufen und ihr von den neusten Entwicklungen zu berichten.
Nachdem Elvira Poppe hörte, was sich heute mit Pommer abgespielt hatte, rief sie sofort bei Olga Pawlowa an, erklärte ihr, dass Pommer offenbar untergetaucht sei und sie sich sofort mit ihren Freunden von KGB auf die Suche machen müsse. Auf die Frage von Olga Pawlowa was sie mit ihm machen soll, wenn sie ihn hat, meinte Elvira Poppe nur: „Blöde Frage, wie immer natürlich, aber krieg ihn erst einmal. Er hat jetzt fast einen Tag Vorsprung.“
Elvira Poppe hatte keine Angst, dass Pommer etwas ausplaudern würde oder sonst einen Verrat begehen könnte, obwohl er als Mitglied des Politbüros viel wusste, wie zum Beispiel die Geschichte um Schreibers Schwalbe oder auch der zu erwartende Besuch. Aber sie war sich sicher, er wird nicht reden, denn dann wäre auch er dran. Also wird er versuchen sich abzusetzen.
Sie wollte deshalb neben den alten KGB-Seilschaften auch ihre alten Stasi-Informanten bzw. informelle Mitarbeiter, die noch nicht geoutet sind einschalten.
Kurz vor dem Zusammenbruch der DDR und der Sowjetunion hatte Elvira Poppe, eine sehr gute Informatikerin, geheime Datenbanken des Ministeriums für Staatssicherheit und des KGB-Stützpunktes in Berlin-Karlshorst kopiert und ist damit in der Lage, auf alle relevanten Personen zu zugehen und sie zu aktivieren. Sie hatte die Daten vor dem Zugriff des Volkes in Sicherheit bringen und die Originale zerstören können.
Die Computer, die diese Datenbank bearbeiteten, nahmen in ihrer Wohnung 3 große verdeckte Wandschränke in Anspruch und keiner wusste etwas davon, außer ihr früherer Vorgesetzter und die Ehefrau des früheren Staatsratsvorsitzenden. Und dies sollte auch so bleiben.
Elvira Poppe führte mit einigen Personen nun noch Telefonate um Pommer wie einen Hasen zu jagen und dann auch erlegen zu lassen. Poppes und Pawlowas Vorliebe für das Erlegen waren unauffällige Unfälle und wenn es schnell gehen musste, die Drahtschlinge und für das Aufräumen hinterher das verschwinden lassen der Leichen mit Betonschuhen in einem der vielen Seen in der Umgebung.
Während bei Poppe und Pawlowa die Telefonleitungen glühten und daraufhin zig Ex-Kollegen zu Bahnhöfen, Flughäfen usw. aufbrachen, nahm Sam die Stellenausschreibung von Dr. Kociekowa entgegen und ordnete an in welchen Medien die Anzeige zu erscheinen hat. Dies war für Kociekowa neu, weil sie bisher immer diese Dinge alleine entscheiden durfte. Aber sie fügte sich und bereitete alles nach Sam’s Wünschen vor.
Sam traf beim Verlassen des Verwaltungsgebäudes auf Mark Schreiber und meinte spaßeshalber ob es wohl hier immer so turbulent zugehen würde. Beide machten noch ihre Späße über die eine oder andere Situation des heutigen Tages und verabschiedeten sich dann von einander.
Als Sam zu Hause war, war es fast 19 Uhr und dann auch Zeit sofort seine Mariella im Schwarzwald anzurufen. Er erzählte ihr vom heutigen Tag und vor allem was er mit Pommer erlebt hatte. Mariella wiederum erzählte Sam, vom Fortschritt der Umzugsvorbereitungen und dass neben Nina, auch ihre Freundin Christina mitgeholfen haben. Für den nächsten Tag haben sich neben Nina auch noch Mariellas Schwestern Ursula und Andrea mit ihrer Tochter Jessy zum Packen angesagt. Mariella war sich sicher, dass alles für den großen Umzug mit einer Umzugsfirma fertig werden würde.
Mariella meinte noch, dass es ihr gut tun wird, wenn sie nach dem Umzug einige Zeit zur Regeneration haben würde und ein neuer Job nicht gleich da sein müsste.
Sam informierte Mariella noch darüber, dass er sich am nächsten Morgen mit der Leiterin der Montessorischule auf dem Gelände treffen würde, um mit ihr über seinen neuen Job für Mariella zu sprechen. „Die hat sich riesig über meinen Anruf und vor allem über deine außergewöhnlich tolle Ausbildung gefreut. Mal sehen was die morgen sagt“, meinte Sam.
Da Sam sich ja noch mit Lou Berger in dessen Wohnung treffen wollte, aß er ein paar Bissen und machte sich auf den Weg. „Hoffentlich find ich die Wohnung gleich“, dachte Sam.
Er machte sich aber zu Unrecht darüber Gedanken, denn als Sam das Haus verließ, kam ihm schon Lou Berger entgegen. Er führte Sam auf dem direkten Weg zu seiner Wohnung und meinte süffisant, „die gehört auch Klaus-Johann Mohnfeld, wie eigentlich alles hier.“
In der Wohnung angekommen kam Sam nicht mehr aus dem Staunen heraus. Lou Berger hatte nicht nur eine sehr umfangreiche Plattensammlung mit Sam’s Lieblingsbands, nein, er hatte auch noch eine Gitarrensammlung mit Instrumenten von Gibson und Fender. Auf einer Gibson SG war sogar ein Originalautogramm von dem weltbekannten Bandleader und Gitarristen Carlos Santana, nach Sam’s Meinung einer der besten Gitarristen aller Zeiten. Sam war überwältigt.
Lou Berger erzählte Sam, dass er bei einer Deutschland-Tournee von Santana als Roady mit dabei war und in Carlos Santana persönlich einen tollen Menschen kennen gelernt hat.
Nach etwa einer Stunde wollten Sam und Lou noch in die Pizzeria auf dem Klinikgelände gehen um etwas zu essen und zu trinken. Jetzt hatte Sam einen mords Hunger und Lust auf einen schönen samtigen Chianti.
Während des Essens erzählte Lou Berger, über sein Leben auf dem Klinikgelände und gab Sam einige Verhaltensregeln mit auf den Weg, mit denen Lou Berger bisher auf dem Klinikgelände ganz gut zu Recht gekommen ist.
Nachdem sie sich von einander verabschiedeten, meinte Lou Berger noch zu Sam, „Merke dir eines, hier auf dem Gelände wirst du immer und überall und eigentlich auch durch jeden den du siehst oder auch nicht siehst beobachtet. Und wenn du dir einen privaten Ausrutscher leistest, egal welcher Art, bist du erpressbar und das wird für deren Zwecke ausgenutzt. Du bist hier in der guten Stube der Stasi. Deswegen habe ich meine Aktivitäten jeglicher Art nach Berlin-West verlegt, aber auch dort können sie dich kriegen, wenn sie es darauf anlegen. Du bist hier in einer sehr exponierten Stellung und damit potentieller Gegner und auch ein ständiges Angriffsziel.“ Zur Untermauerung seiner Worte wies Lou Berger mit seinen Augen und dem Kinn auf einige Personen hin, die nach Meinung von Sam eher zufällig unweit von ihnen standen oder vorbeigingen.
Sam bedankte sich bei Lou für den schönen Abend und sie verabredeten sich zu einem Schallplattentausch, sobald Sam seine eigene Sammlung in seiner Wohnung haben würde. Und so ging jeder seinen Weg.
Auf dem Rückweg zur Wohnung wollte Sam die Schlussworte von Lou testen und sah sich unauffällig immer wieder um und ging hoch konzentriert weiter. Sam konnte aber keine Beobachtungen oder ähnliches feststellen und so ging er auf direktem Wege nach Hause, duschte noch kurz und ging ins Bett.
Sam schlief tief und fest ein, was nicht zu letzt dem guten Chianti, den er getrunken hatte, zu verdanken war.
Um 6 Uhr klingelte Sam’s Wecker. Sam wollte heute wieder mit dem Joggen beginnen und so frühstückte er kurz, trank 3 Tassen Kaffee und rauchte eine Zigarette. Er nahm sich einen Plan des Klinikgeländes zur Hand, wärmte sich auf und begann zu laufen. Die gute frische Waldluft tat gut und so kam Sam nach einer knappen halben Stunde wieder in seiner Wohnung an, duschte und rasierte sich und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Kurz vor 8 Uhr war Sam bei der Verwaltung angekommen und ging gut gelaunt in sein Büro. Er stimmte die heutigen Termine mit Frau Müller ab und ließ sich Kaffee bringen.
