Sanddornschwestern - Kathleen Freitag - E-Book

Sanddornschwestern E-Book

Kathleen Freitag

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Beschreibung

Kann Zeit alle Wunden heilen?

Heringsdorf, 1929: Agnes Goldberg führt mit ihren Eltern und ihren Schwestern Gesa und Irma das Hotel Sanddorn auf der Insel Usedom, als die Weltwirtschaftskrise ausbricht und Deutschland auf unsichere Zeiten zusteuert. Doch als wäre das nicht genug, bringt der junge Schriftsteller Benno das Leben der drei Schwestern zusätzlich durcheinander. Agnes verliebt sich, Irma versucht hinter Bennos Geheimnis zu kommen und Gesa findet durch tragische Verstrickungen den Tod. Von Schuldgefühlen zerfressen verlässt Agnes schließlich die Insel.

Berlin, 1990: Nach fast sechzig Jahren beschließt Agnes auf die Insel zurückzukehren. Schmerzhafte Erinnerungen werden dabei wachgerufen. Doch in Gesas altem, längst verschollen geglaubten Notizbuch erfährt sie endlich die ganze Wahrheit. Wird sie es schaffen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen?

Ein einfühlsamer Familienroman über Schuld, Trauer und Vergebung

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Zum Buch

Heringsdorf, 1929: Agnes Goldberg führt mit ihren Eltern und ihren Schwestern Gesa und Irma das Hotel Sanddorn auf der Insel Usedom, als die Weltwirtschaftskrise ausbricht und Deutschland auf unsichere Zeiten zusteuert. Doch als wäre das nicht genug, bringt der junge Schriftsteller Benno das Leben der drei Schwestern zusätzlich durcheinander. Agnes verliebt sich, Irma versucht hinter Bennos Geheimnis zu kommen und Gesa findet durch tragische Verstrickungen den Tod. Von Schuldgefühlen zerfressen verlässt Agnes schließlich die Insel.

Berlin, 1990: Nach fast sechzig Jahren beschließt Agnes auf die Insel zurückzukehren. Schmerzhafte Erinnerungen werden dabei wachgerufen. Doch in Gesas altem, längst verschollen geglaubten Notizbuch erfährt sie endlich die ganze Wahrheit. Wird sie es schaffen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen?

Zur Autorin

Kathleen Freitag, geboren in Berlin, arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik, Geschichte und Politik als Dramaturgin, verfasste Drehbücher u.a. für die ARD-Erfolgsserie „In aller Freundschaft“ und war als Lektorin tätig. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg und schreibt mit Begeisterung als freiberufliche Autorin Geschichten für Kinder und Erwachsene. „Die Seebadvilla“ ist ihr erster Roman.

Kathleen Freitag

Sanddornschwestern

Roman

HarperCollins

Originalausgabe

© 2026 HarperCollins in der

Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH

Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg

[email protected]

Covergestaltung von bürosüd, München,

unter Verwendung von Shutterstock

E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN9783749909452

www.harpercollins.de

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheberin und des Verlags bleiben davon unberührt.

Die innigsten Verbindungen folgen eigentlich nur aus dem Entgegengesetzten.

Goethe –

Für meine Geschwister

1

Agnes

September 1929

Ein erlesener Duft von Dill, gedünstetem Sellerie und in Butter ausgebratenem Heilbutt waberte unter der Küchentür hindurch und hüllte den großen Salon in vorfreudige Erwartung. Agnes’ Magen knurrte, und auch ihre Beine fühlten sich mittlerweile bleischwer an. Hinter ihren Schläfen spürte sie zudem ein leichtes, unangenehmes Pochen. Doch für solche profanen körperlichen Zipperlein hatte sie keine Zeit. Bis die ersten Gäste eintrafen, dauerte es nicht mehr lange.

Agnes eilte um die großen runden Tische herum, die unter den schweren Kronleuchtern aufgestellt waren. Auf den gestärkten Tischdecken drapierte sie die Gläser und das edle Besteck, welches sie akkurat zur Tischkante sowie zu den weißen Stoffservietten ausrichtete, die sie vorhin bereits zu Röschen gefaltet hatte. Hier und da polierte Agnes ein Messer nach, wischte einen übersehenen Wasserfleck vom Rand der Gläser. Sie gab sich redlich Mühe, auch wenn sie wusste, dass ihre Mutter Käthe später ohnehin jedes einzelne kostbare Teil des Tafelsilbers noch einmal kontrollieren und zurechtrücken würde. Dabei half Agnes beim Eindecken, seit sie eine Menügabel von einer Dessertgabel unterscheiden konnte. Doch es ihrer Mutter recht zu machen, würde für sie wohl eine Lebensaufgabe bleiben.

Schon seit Tagen waren die Familie sowie die Angestellten in dem kleinen, noblen Hotel Sanddorn, welches etwas abseits der Heringsdorfer Promenade lag und seit zwei Generationen von der Familie Goldberg geführt wurde, in geschäftiger Aufregung. Für das Fest, welches sie wie jedes Jahr zum Abschluss der Badesaison veranstalteten, musste alles vorbereitet sein. Das Parkett war frisch gereinigt worden, ebenso wie die hohen Fenster, die den Blick auf die Dünen und das Meer freigaben, welches hinter dem schmalen gepflasterten Küstenweg lag. Die Rundtische sowie die mit weißen Hussen versehenen Stühle standen entlang der Wände. Die Zierkissen auf der Chaiselongue, welche vor dem Kamin ihren Platz hatte, waren aufgeschüttelt. In der Mitte des Raumes thronte ein überaus üppiges Bouquet aus purpurn und grün eingefärbten Straußenfedern, das in Greifswald extra angefertigt worden war. Ihr Vater Joseph hatte die schmuckhafte Dekoration ein wenig übertrieben gefunden, doch Mutter war der Meinung gewesen, dass man den zahlungskräftigen Gästen etwas bieten musste, damit sie wiederkamen. Um das Bouquet herum lag die Tanzfläche, die zu später Stunde sicherlich gut gefüllt sein würde, wenn die angeheuerten Musiker auf der provisorischen Bühne Swing spielten. Schließlich wurden die Erinnerungen an den Großen Krieg, die drückenden Reparationsforderungen, die den wirtschaftlichen Aufschwung erschwert hatten, sowie die daraus resultierenden politischen Uneinigkeiten der noch jungen Weimarer Republik auf dem Tanzparkett nur allzu gern verdrängt.

Die Flügeltür zum Salon wurde aufgestoßen, und Gesa kam mit einem Korb herein, der mit Holzscheiten gefüllt war, und den sie nun neben dem Kamin abstellte. Dabei stöhnte sie angestrengt – für Agnes’ Geschmack ein wenig zu theatralisch – und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Anschließend begann sie, das Holz im Kamin aufzustapeln. »Ich weiß gar nicht, warum Vater heute Abend ein Feuer entzünden will. Draußen ist es noch schweinewarm!«, murmelte Gesa dabei.

Agnes schmunzelte kurz ob der Wortwahl ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester, die ihrer Mutter ganz sicher nicht gefallen hätte, wäre sie zugegen gewesen. Doch seitdem sich Gesa die Frauen in Berlin mit ihren Bubikopffrisuren, Zigarettenspitzen und dem Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung zum Vorbild genommen hatte, hatte sie nicht nur ihre Kleider gegen Hosen getauscht, sondern ihren Wortschatz gleich mit.

»Vielleicht, weil es gemütlicher ist«, mutmaßte Agnes.

»Gemütlich? Das soll doch ein Fest werden. Ich will Schaumwein trinken, Charleston tanzen und mich vergnügen.«

Geladen waren zum einen jene Feriengäste, die sich über die Sommermonate im Hotel eingemietet hatten. Die letzten Wochen hatten sie damit verbracht, im Meer zu planschen, sich in den geflochtenen Strandkörben den salzigen Wind um die Nase wehen zu lassen oder unter den herrschaftlich anmutenden Kolonnaden der Seebrücke zu flanieren. Bald schon würden sie ihre Rückreise antreten.

Zum anderen wurden wichtige Usedomer Persönlichkeiten, Politiker und Unternehmer an diesem Abend erwartet. Um der guten Geschäftsbeziehungen willen, wie ihr Vater erklärte. Der Heringsdorfer Bürgermeister Helmut Gräfe sollte zugegen sein, dessen Lachen immer zu den unpassendsten Gelegenheiten erschallte und Agnes jedes Mal eine Gänsehaut bescherte. Genauso wie der Fischfabrikant Borsch mit seiner dritten Ehefrau, die immer ein wenig zu viel Portwein trank, sowie das Ehepaar Schaller, das noch steifer war als Vaters frisch gemangelte Hemden. Das Einzige, was bei denen in Bewegung war, war der Cognac beim Schwenken der Gläser.

Eine vergnügliche Gesellschaft war sicher etwas anderes.

»Wir sind hier nun einmal nicht im verruchten Berlin«, erwiderte Agnes.

»Schade eigentlich! Dann wäre hier endlich mal was los«, entgegnete ihre Schwester zur Antwort.

Obwohl sie im Gegensatz zu Gesa recht froh war, fernab der Großstadt zu leben, wo es zahllose Etablissements gab, deren sündiger Ruf sich längst herumgesprochen hatte, lächelte Agnes. »Außerdem erwartet Mutter von uns, dass wir den Bediensteten helfen.«

Ein Grinsen huschte über Gesas Gesicht. »Dann tanzen wir eben jetzt Charleston!« Sie beäugte das Koffergrammofon, welches ihr Vater letztes Jahr von einem gut betuchten Gast als Dank für seine Gastfreundlichkeit geschenkt bekommen hatte und das er noch mehr im sorgsamen Blick behielt als den amerikanischen Aktienmarkt. Im Gegensatz zu den alten Tonträgern, die noch mit Trichter und Kurbel daherkamen, konnte das neuere Modell elektronisch betrieben werden.

Gesa warf den letzten Scheit in den Kamin und bahnte sich anschließend einen Weg durch die Tische zur Kommode, auf der der musikalische Holzkasten stand. Kurz bevor sie die Kommode erreichte, stellte sich Agnes ihr in den Weg und schüttelte mahnend den Kopf. »Ich will ja keine Spielverderberin sein …«

»Bist du aber!«, unterbrach Gesa und sah sie beleidigt an.

»Die Tische sind noch nicht fertig eingedeckt, und die Servierplatten sind auch noch nicht poliert«, fuhr die Ältere fort und klang dabei ungewollt auch ein wenig nach ihrer Mutter. »Und die Platzkarten fehlen auch noch.«

Gesa schmollte, und Agnes hatte bereits das Gefühl, dass ihre Schwester von der Schnapsidee Abstand nahm, als sie plötzlich die Richtung wechselte, um davonzuhuschen. Doch Gesa hatte nicht mit Agnes’ Wendigkeit gerechnet, die ebenso flink um den Tisch herumhastete, sodass Gesa ihr direkt in die Arme lief. Gesa versuchte sich aus der Umarmung zu befreien und stieß dabei mit ihrer Hüfte gegen den Tisch. Die Gläser wackelten bedrohlich, das Besteck verrutschte.

Statt ihrer Schwester böse zu sein, rutschte Agnes plötzlich ein glucksendes Kichern heraus. Die Situation erinnerte sie an früher, als sie sich noch regelmäßig durch das große Haus gejagt hatten. Gesa konnte nicht anders, als in ihr Lachen einzustimmen.

Ehe sie sich beruhigt hatten, wurde die Tür zum Salon erneut aufgestoßen. Gesa erschrak, und auch Agnes fuhr der Schreck in die Knochen, weshalb sie sich schnell voneinander lösten. Als sie aber sahen, wer da nun durch die Tür geschlendert kam, atmeten sie gleichzeitig erleichtert auf.

»Ach, du bist es nur!«, begrüßte Agnes ihre zehn Jahre jüngere Schwester Irma, die alle nur Irmchen nannten.

Diese stemmte die Hände in die Hüften und warf ihren Schwestern einen schmollmündigen Blick zu. »Habt ihr etwa ohne mich Spaß?«

»Nein! Natürlich nicht!«, antwortete Gesa grinsend und nicht ganz unironisch. »Agnes weigert sich nur, mit mir Charleston zu tanzen.«

Irmchens Gesicht hellte sich auf. »Ich tanze mit dir! Wenn du mir zeigst, wie es geht?«

»Klar!«

»Aber nicht jetzt!«, unterbrach Agnes schnell die Einigkeit ihrer Schwestern und schob bereits das verrutschte Geschirr an seinen ursprünglichen Platz zurück. »Wir haben noch viel zu tun.«

Augenrollend, aber ohne Murren und Meckern ging Gesa zu den Servierplatten, die auf dem Buffettisch gestapelt bereitstanden, und begann, diese mit einem Tuch auf Hochglanz zu polieren.

»Verteilst du bitte die Platzkarten, Irmchen?«, bat Agnes ihre jüngere Schwester.

Diese sah zwar ob der verpassten Tanzstunde ein wenig enttäuscht aus, doch sie nahm die Kärtchen, auf die Agnes bereits die Namen der Gäste in einer schwungvoll-dekorativen Schrift notiert hatte. Nach einer auf einem Zettel skizzierten Sitzordnung, die ihre Mutter einige schlaflose Nächte gekostet haben musste, verteilte Irmchen die Kärtchen. Agnes fuhr unterdessen mit dem Eindecken fort.

Am dritten Tisch stutzte Irmchen plötzlich. »Fräulein Liebig und Doktor Reus sitzen nicht zusammen?«

Agnes schüttelte den Kopf. »Mutter hielt es für angebrachter, die ledige Dame neben Familie Peters zu platzieren.«

»Aber ich könnte schwören, dass sie ein Auge auf den werten Herrn geworfen hat. Und der Doktor scheint auch nicht ganz abgeneigt. Das wäre doch die …«

»Wir mischen uns nicht in die Angelegenheiten unserer Gäste ein«, unterbrach Agnes sie milde, aber bestimmt. »Das schickt sich nicht. Auch nicht, so neugierig zu sein!«

Irmchen schnaubte kurz ob der Zurechtweisung, doch sie schluckte jegliche Widerrede herunter. Dafür landeten die nächsten Platzkarten etwas unsanfter auf dem Tisch. Sie zu kommentieren, konnte sie sich jedoch nicht verkneifen. »Oberst Wolters sitzt viel zu dicht beim Bürgermeister. Wenn die beiden zu viel getrunken haben, streiten sie sich immer über Politik. Und Herrn Ebert hätte ich auch nicht so nah ans Dessertbuffet gesetzt. Letztes Jahr hat er alle Zitronentörtchen aufgefuttert …«

Ihre Schwestern warfen sich einen schmunzelnden Blick zu, reagierten aber nicht auf Irmchens Ausführungen, die sie in ihren nicht vorhandenen Damenbart nuschelte.

Genauso wie Gesa trug Irmchen nun einmal ihr Herz auf der Zunge. Zudem war sie mit einer großen Portion Neugier und kindlicher Unbedarftheit ausgestattet, um die sie die Jüngste manchmal beneidete. Sie war das Nesthäkchen der Familie und wusste dies auch durchaus zu nutzen. Gerade ihren Vater konnte sie mit bewundernswerter Leichtigkeit um den Finger wickeln, sodass er ihr viel mehr Freiheiten gewährte als er seinen älteren Töchtern jemals zugestanden hatte. Dennoch liebte Agnes ihre jüngste Schwester genauso wie Gesa. Ohne die beiden konnte sie sich ein Leben nicht vorstellen.

2

Gesa

»Und deshalb ist es von existenzieller Wichtigkeit, dass der Versailler Vertrag für nichtig erklärt wird.«

Gesa hörte ihrem Tischnachbarn schon seit fünf Minuten nicht mehr zu. Vielleicht auch schon länger. Den jungen Mann aus Schlesien, der sich den Sommer über in ihr Hotel einquartiert hatte, schien das jedoch nicht weiter zu stören. Augenscheinlich begnügte er sich nur allzu gern damit, sich selbst reden zu hören. Gesa verteufelte ihre Mutter immer noch, dass sie diesen selbstgefälligen Pfau neben sie platziert hatte.

Der Abend war bereits fortgeschritten. Die Teller waren von den Bediensteten längst abgeräumt worden, auf Anweisung ihrer Mutter hatten Gesa, Agnes und Irmchen dabei geholfen. Das Essen war ausgezeichnet gewesen, ihr Vater hatte sich mal wieder selbst übertroffen. Der Heilbutt war zart gewesen und hatte buttrig geschmeckt, der Sellerie mit seiner kräftig-erdigen Note hatte den Gaumen umspielt, und der Dillrahm war definitiv eine Sünde wert gewesen.

Sogar Irmchen, die sonst immer ziemlich mäkelig daherkam, hatte die Soße geschmeckt. Immer wieder hatte sie ihren Finger in die Sauciere getunkt, die vor ihr auf dem Tisch platziert war. Natürlich nur, wenn niemand hingesehen hatte. Denn eine Predigt ihrer Mutter über das Benehmen einer heranwachsenden Dame hatte sie sich ganz sicher nicht einhandeln wollen.

Die Stimmung im Saal war mittlerweile ausgelassener, Gläser wurden zum Prosit erhoben und schneller geleert, als den Bediensteten lieb war. Die Musiker spielten sich in einen rhythmischen Rausch, sehr zum Gefallen der Tanzenden. Herrenschuhe schwoften im schnellen Foxtrott über das Parkett, pomadengestriegeltes Haar glänzte mit dem Licht des Kronleuchters um die Wette. An den Kleidern der Damen funkelten die Pailletten wie Sterne in klarer Nacht, während der Fransensaum ihre Knöchel umspielte. Die Gäste genossen den unbeschwerten und stimmungsvollen Abend.

Nur Gesas Tischnachbar machte keine Anstalten, sie zum Tanz aufzufordern. Ihn jedoch einfach sitzen lassen, konnte sie auch nicht. Auch wenn sie gerne einmal aus der Reihe schunkelte, ein wenig Sittsamkeit besaß sie dennoch.

Seinen Worten ernsthaft zu folgen, ginge allerdings zu weit, weshalb sie sich gelangweilt umschaute.

Sie entdeckte Fräulein Liebig und Doktor Reus, die auf wundersame Weise doch zusammensaßen und sich nun ein wenig mehr als verliebte Blicke zuzuwerfen schienen. Zumindest ruhte die Hand des Doktors unter dem Tisch nicht auf seinem Knie.

Ein Stück weiter saß Schulrektor Behring allein an einem Tisch, neben ihm eine leere Weinkaraffe. Um seine rötliche Schnapsnase surrte eine Fliege. Genervt fuchtelte er mit der Hand vor seinem Gesicht herum, um sie zu verscheuchen. Doch das Insekt hatte ein schnelleres Reaktionsvermögen als der betrunkene alte Schulmann.

In der Ecke neben dem Kamin saß Oberst Wolters, der neuerdings über seiner Uniform am Oberarm eine Sturmbinde trug, die aus rotem Wollstoff war und einen weißen Kreis mit einem schwarzen Hakenkreuz zeigte. Immer häufiger sah Gesa diese prägnante Binde auf der Insel, vornehmlich an Männern, um ihre Zugehörigkeit zu der nur einige Jahre zuvor neu gegründeten NSDAP des Österreichers Adolf Hitler zu zeigen. Die Gesinnung der Männer war Gesa jedoch durch und durch zuwider. Zu verkrampft, ernst und intolerant kamen sie ihr vor. Und außerdem beherbergten sie im Hotel viele Gäste jüdischen Glaubens, die stets die anständigsten und höflichsten waren.

Neben Wolters saß Ulrich, der Sohn des Offiziers, den Gesa schon seit Kindertagen kannte. Gemeinsam hatten sie die Schulbank gedrückt, wobei er ihr immer unsympathisch war. Sein Grinsen war noch schmieriger als seine Pomadenfrisur und wirkte stets ein wenig undurchsichtig und herablassend. Zudem trug er ein ziemlich großes Ego herum, das dem seines Vaters in nichts nachstand. Aus dem Schatten seines Anverwandten schien er es jedoch nicht herausgeschafft zu haben. Auch er trug die Binde am Arm.

Ulrichs Blick traf plötzlich den ihren, er wollte schon wieder seine Mundwinkel hochziehen, da wandte Gesa sich zügig ihrem Tischnachbarn zu. »Mögen Sie Literatur?«, fragte sie ganz unvermittelt.

»Wie bitte?«, stutzte ihr Gegenüber ganz perplex ob ihrer plötzlichen Wortmeldung.

»Ich bevorzuge Thomas Mann und Hesse«, fuhr sie fort. »Döblin finde ich ganz erfrischend. Den Vorabdruck seines neuesten Werkes habe ich praktisch verschlungen.«

»Erfrischend? Eine interessante Beschreibung.«

»Seine Darstellung Berlins ist verstörend und fesselnd zugleich.« Gesa hob etwas provokativ ihre Augenbraue. »Ich schreibe übrigens auch. Stört Sie das?«

Normalerweise prahlte sie nicht mit ihren literarischen Ambitionen. Ganz im Gegenteil, nur wenige, ihr vertraute Personen wussten, dass sie hin und wieder gern zu Schreibstift und Notizbüchlein griff. Zumeist geschah dies abends, im Kerzenschein in ihrem Kämmerlein. Wenn Irmchen längst schlummerte und Agnes ihrer Stopfarbeit nachging, versuchte sie Ideen für einen Roman auf Papier zu bringen. Bisher war jedoch nichts Brauchbares dabei gewesen und sie wartete noch immer auf eine brillante Eingebung, oder wenigstens auf eine halbwegs passable. Doch hier auf der Insel, auf der sie gefühlt jeden Dünenhalm, jede Muschel und jedes Sandkorn kannte, auf der das Jauchzen der Möwen so vertraut klang wie ein Wiegenlied, würde sie wohl noch ewig darauf warten. Denn nie geschah hier etwas Spannendes, das es sich lohnen würde aufzuschreiben.

Warum sie diesem Mann dennoch davon erzählte, wusste sie nicht genau. Vermutlich, weil er morgen eh abreisen würde.

»W…wieso sollte es?«, erwiderte dieser ein wenig eingeschüchtert.

»Manche Männer fühlen sich durch die literarische Intelligenz einer Frau bedroht. Gehören Sie auch dazu?«

»Ich … ähm … wie!? Nein, ich finde es recht erquickend, wenn sich eine Frau zur Erheiterung auch den Künsten widmet.«

Gesa horchte auf. »Zur Erheiterung?«

»Nun ja, die Schriftstellerei ist wahrlich kein Beruf für eine Frau«, erwiderte er und schien sein Selbstbewusstsein wiedergefunden zu haben. »Ohnehin verstehe ich nicht, warum die Weibsbilder plötzlich alle arbeiten möchten. Überall findet man sie: in den Vorzimmern, Betrieben und Fabriken.«

»Vielleicht bereitet ihnen die Arbeit Freude. Sie fühlen sich frei und unabhängig.«

»Genug Freiheiten haben die Frauen doch nun wahrlich. Neuerdings dürfen sie sogar wählen gehen. Eine Frau gehört nicht ins Vorzimmer, sondern an den …«

»Entschuldigen Sie mich«, unterbrach Gesa ihn unwirsch. »Ich muss mal für kleine unmündige Frauchens.«

Ihr Gegenüber blickte sie aufgrund ihrer unverblümten und so gar nicht damenhaften Direktheit perplex an. Doch Gesa hatte keine Lust mehr, freundlich zu sein, und erst recht nicht, sich weiter diesen biedermeierlichen Unsinn anzuhören. Sie erhob sich und stapfte durch den Saal Richtung Ausgang.

Als sie die Tür hinter sich schloss, atmete sie einmal tief durch und blickte sich dann um. Die Eingangshalle der Villa – ein großer, heller Raum, dessen Wände Landschaftsgemälde und Schmuckteppiche zierten – war menschenleer und beinahe erholsam ruhig. Nur dumpf drangen die Klänge der Musiker durch die verputzten Mauern. Aus der Küche hörte sie Geschirr klappern, vermutlich brachten die Küchenhilfen die Töpfe, Pfannen sowie den gusseisernen, kohlebefeuerten Herd wieder auf Hochglanz. Schließlich musste alles fürs morgige Frühstücksbuffet wieder bereit sein. Auch ihre Mutter Käthe, Agnes sowie Irmchen vermutete Gesa dort, im Saal hatte sie die drei zumindest nicht gesehen.

Gesa stieß sich von der Tür ab und ging an der breiten Treppe vorbei, die sich auf der rechten Seite des Raumes im Halbrund hinauf in die beiden Obergeschosse schlängelte. Eine Holztreppe mit schmalen, abgetretenen Stufen, die weniger herrschaftlich daherkam, führte anschließend auf den Dachboden, wo die Mädchen gemeinsam eine große Kammer bewohnten.

Hinter dem Empfangstresen neben der Treppe, dessen Eichenholz mit kleinen Verzierungen versehen war, ging es in den privaten Bereich der Villa, in der das Schlafzimmer ihrer Eltern sowie das Arbeitszimmer lagen. Auch ein Badezimmer gab es dort, welches nur ihrer Familie vorbehalten war. In den oberen Etagen gab es jeweils ein separates WC, nur Waschschüsseln waren in den Gästezimmern vorhanden. Die große Suite im zweiten Obergeschoss besaß sogar einen eigenen Waschraum mit Sitzbadewanne.

Nachdem Gesa die Tür hinter sich verriegelt hatte, öffnete sie das kleine Fenster im Bad ihrer Eltern und ließ ein wenig Luft herein. Die frische Brise, die den Duft nach Meer und Salz mit sich brachte und nun ihre Nase umwehte, tat ihr gut. Sie nahm ein paar tiefe Atemzüge, bevor sie ihren Blick zum Spiegel richtete. Mit den Fingern strich sie sich ihren kurzen Pony glatt, der ihre Stirn nur im Ansatz bedeckte und den Agnes am Morgen noch nachgeschnitten hatte. Sehr zum Argwohn ihrer Mutter, die ihren langen Haaren immer noch hinterhertrauerte. Der Bubikopf war aber nun einmal das, was die moderne Frau trug. Und Gesa wollte alles andere, als der Zeit hinterherzurennen.

Sie machte sich mit kaltem Wasser aus der Waschschüssel noch etwas frisch und verließ das Bad wieder.

Auf dem Weg zurück zur Eingangshalle kam sie am Arbeitszimmer vorbei. Die Tür war nur angelehnt, der Geruch nach Zigarre und Brandy quoll durch den schmalen Spalt. Einige Männer schienen sich von den Feierlichkeiten zurückgezogen zu haben.

Da auch sie es nicht allzu eilig hatte, zur Festgesellschaft zurückzukehren, blieb sie stehen. Mit angehaltenem Atem lauschte sie den Stimmen, die samt dem Zigarrenrauch zu ihr waberten.

»Heringsdorf geht es so gut wie nie. Der Kurort floriert«, schnappte Gesa die Worte des Bürgermeisters auf. »Noch zwei, drei Jahre und ein paar Investitionen, und wir können Kolberg Konkurrenz machen.«

Ein zustimmendes Grummeln ging durch die Männerrunde. Gläser klirrten, auf die rosigen Aussichten wurde offensichtlich angestoßen.

Tatsächlich waren die Gästezahlen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Seit der Überwindung der Hyperinflation und der kriselnden Wirtschaft nach dem Großen Krieg strömten jeden Sommer mehr und mehr Sonnenhungrige, Badebegeisterte und Wellenverwöhnte aus den Großstädten des Landes an die Usedomer Strände. Wer es sich leisten konnte, nächtigte in einer der zahlreichen exquisiten Bädervillen, welche die Strandpromenaden Ahlbecks, Heringsdorfs oder Bansins zierten und die – dem alten Wilhelm sei Dank – als Kaiserbäder bezeichnet wurden. Die weniger gut Betuchten wie Kleinunternehmer, Mittelständler und Akademiker in niedrigeren Positionen, die sich trotzdem ein paar Tage vom harten Arbeitsleben erholen wollten, fanden in den Küstenorten wie Koserow, Karlshagen oder Zinnowitz ein Pensionszimmer oder Kämmerlein.

»Laufen deine Geschäfte auch so gut, Goldberg?« Der Stimme nach zu urteilen, musste es Borsch sein, der Fischfabrikant, der sich nun an ihren Vater wandte.

»Meine Buchungsbücher sind voll. Sogar schon fürs nächste Jahr. Ich kann mich also nicht beklagen«, antwortete Joseph.

»Diese Geschäfte meine ich doch gar nicht«, erwiderte er. »Ich habe gehört, dass du gute Beziehungen über den großen Teich hegst …«

»Soso! Das hast du gehört«, wich ihr Vater aus.

»Stimmt es denn?«, hakte der Fischfabrikant nach.

Ihr Vater schien zu zögern, zumindest blieb es für einen Moment ruhig.

Dann mischte sich Oberst Wolters ein, offensichtlich hatte er den Saal ebenso verlassen, als Gesa auf der Toilette war. »In Amerika sollen sich gerade so einige eine goldene Nase verdienen.«

»Ich dachte, den Goldrausch gibt es nur noch in den Abenteuerromanen, die mein jüngster Spross so gerne liest«, spottete der Bürgermeister.

»Ich meinte nicht Gold, sondern Papier!«, antwortete Wolters.

»Aktien!«, bestätigte der Fabrikant und fuhr fort: »Die Börse in New York floriert. Die Kurse kennen nur einen Weg, und zwar den steil nach oben. Ein Narr, wer da nicht mitmischt.«

»Ich weiß nicht«, erwiderte der Bürgermeister und schien skeptisch zu bleiben. »Ich halte mein Geld lieber zusammen und vor allen Dingen auf diesem Kontinent.«

»Haben Sie nun investiert?«, wandte sich der Fabrikbesitzer noch einmal an ihren Vater.

»Ja! In dieses Haus und meine Familie!«, konterte Joseph.

Das plötzliche Knarren der aufgehenden Küchentür ließ Gesa aufhorchen. Sie huschte schnell in die Garderobe, die in der Halle direkt neben dem Empfangstresen lag. Zwischen langen beigefarbenen Trenchcoats, karierten Herrenmänteln, feinen Wolljäckchen und Nerzmänteln, die für die spätsommerlichen Temperaturen sicherlich viel zu warm waren, ging sie in Deckung.

Durch den Stoff hindurch beobachtete sie ihre Mutter, die aus der Küche hinaustrat. Mit Tabletts bewaffnet, auf denen kleine Canapés thronten, schickte sie zwei Bedienstete in den Saal schickte. Dann schaute sie sich kurz suchend um. Gesa rutschte noch weiter in den Garderobenschrank hinein und hielt auch vorsichtshalber die Luft an. Wenn ihre Mutter sie entdeckte, käme sie vermutlich nicht umhin, ihr in der Küche zu helfen. Und darauf hatte sie noch weniger Lust, als zu ihrem langweiligen Tischpartner zurückzukehren.

Erst als ihre Mutter die Tür zur Küche wieder geschlossen hatte, atmete Gesa erleichtert aus.

»Du stehst auf meinem Fuß!«, ertönte es halblaut flüsternd hinter ihr.

Gesa zuckte zusammen, legte sich eine Hand auf die Brust. »Meine Güte, Irmchen! Hast du mich erschreckt«, hauchte sie, bevor sie irritiert nachfragte: »Was machst du hier?«

»Vermutlich dasselbe wie du, mich vor Mutter verstecken.«

Verstehend nickte sie. Für ihre jüngere Schwester mussten diese Veranstaltungen noch langweiliger sein.

»Warum willst du nicht zurück in den Saal?«, fragte Irmchen nun. »Magst du den jungen Mann nicht?«

»So weit würde ich nicht gehen, ich kenn ihn ja nicht. Aber ich habe auch nicht das Bedürfnis, ihn weiter kennenzulernen.«

»Er hat dir andauernd auf den Busen gestarrt!«

Gesa drehte sich um, im Halbdunkel sah sie das Gesicht ihrer Schwester, welches nicht danach aussah, als wäre der Kommentar scherzhaft gemeint. »Hat er?« Augenscheinlich hatte sie ihrem Tischnachbarn noch weniger Beachtung geschenkt, als sie geglaubt hatte.

Irmchen nickte, und Gesa konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Wie unanständig.«

»Sei froh! Mich beachtet nie jemand.«

»Du bist ja auch noch ein Kind!«

Irmchen stemmte empört ihre Hände in die Hüfte, zumindest probierte sie es. In der Garderobe war es doch enger, als es anfänglich den Eindruck gemacht hatte. Erst recht zu zweit. »Bin ich gar nicht«, widersprach Irmchen. »Letzten Monat war mein vierzehnter Geburtstag.«

»Eben!«

Irmchen kräuselte eingeschnappt ihre Lippen. Das ging trotz der Enge schon besser.

Gesa legte den Kopf schief und versuchte, ihre Schwester zu beschwichtigen. »Sei froh, dass du noch keine Frau bist. Als Kind hast du alle Freiheiten. Die Welt steht dir offen, und du kannst tun und lassen, was du willst.«

»Das kannst du doch auch noch.«

Schnaubend dachte Gesa an den jungen Mann und auch an ihre Mutter. Auch wenn die Frauen in den letzten Jahren zahlreiche Rechte erkämpft hatten, galten diese hier nicht unbedingt. Und nicht für sie. Manchmal erschien ihr die Insel so klein wie eine alte, rostige Sardinenbüchse, die betulich auf der Ostsee schipperte, abgeschottet vom Rest der sich immer schneller drehenden Welt. Moderne Ansichten, Werte oder gar Kleider und Accessoires waren hier genauso vergeblich zu finden wie die berühmte Stecknadel im Sandhaufen. Nur die Gäste aus Berlin umwehte der Hauch von Boheme, der sich nach ihrer Abreise jedoch schneller verflüchtigte als ein Pariser Duftwässerchen.

»Wollen wir abhauen?«, fragte Gesa nun.

Irmchen horchte auf. »Wohin?«

»An den Strand.«

»Und Agnes?«

Gesa überlegte kurz. Agnes war vermutlich die Einzige der Schwestern, die der Bitte ihrer Mutter um Hilfe geflissentlich nachkam. »Um die kümmere ich mich.«

3

Irma

Irma hockte in den Dünen und zitterte etwas. Sie hätte ihre Strickjacke mitnehmen sollen. Doch als Gesa vorgeschlagen hatte, sich davonzuschleichen und zum Strand zu gehen, hatte sie sich so gefreut, dass sie an die nun stetig immer kühler werdenden Abende gar nicht gedacht hatte.

Denn es kam nicht oft vor, dass Agnes und Gesa sie irgendwohin mitnahmen. Oder in irgendetwas einweihten, ein Geheimnis oder so. Wie alle Erwachsene hielten sie ihre jüngste Schwester noch für ein Kind, was Irma natürlich maßlos ärgerte. Genauso wie der alberne Spitzname Irmchen, den sie früher ja ganz niedlich fand, nun aber einfach nicht loswurde. Dabei hatte sie doch letzten Monat ihren vierzehnten Geburtstag gefeiert, ihr Busen begann endlich zu wachsen, und Michel, der Bäckersjunge, hatte ihr sogar schon einmal einen Kuss auf den Mund gedrückt. Zuerst hatte sie es ganz eklig gefunden, dann aber hatte sie sich doch ein bisschen wie ein richtiges Fräulein gefühlt.

Gesa und Agnes hingegen waren um einige Jahre älter, teilten sich schon viel länger die Kammer unter dem Dach. Und während Irma noch die Schulbank drücken musste, arbeiteten Agnes und Gesa bereits vollumfänglich im Hotel ihrer Eltern mit. Und auch wenn sie so unterschiedlich waren wie ein unverhoffter Regenguss im August und ein wohlig-heimeliges Kaminfeuer im Dezember, schien kein Blatt zwischen sie zu passen. Erst recht keines, auf dem der Name der in ihren Augen sicherlich manchmal etwas lästigen kleinen Schwester geschrieben stand. So zumindest hatte Irma das Gefühl.

Fröstelnd rieb sie sich ihre Arme, während sie sich immer wieder umdrehte. Sie hatte Gesa versprochen, am Strandeingang auf sie und Agnes zu warten. Wie diese ihre älteste Schwester aus der Küche lotsen wollte, ohne dass Mutter es mitbekam, wusste Irma nicht. Doch Gesa würde etwas einfallen, da war sie sich ganz sicher.

Hinter ihr auf der Strandstraße spazierte ein älteres Paar vorbei. Der Mann trug einen Frack, der Zylinder auf seinem Kopf wackelte bei jedem Schritt etwas, während der Gehstock im Takt seiner Schritte gemächlich auf den Pflasterstein klopfte. Die Frau, die sich bei ihm eingehakt hatte, trug einen auffallend schönen, edelsteinbesetzten Haarreifen, der im Licht der gasbefeuerten Laterne sogar etwas zu funkeln schien.

Irma duckte sich noch etwas tiefer, sodass sie beinahe ganz im hohen Dünengras verschwand, um von dem vorbeischlendernden Paar nicht entdeckt zu werden. Nicht, dass sie sie gleich zurückschicken würden. Schließlich hatte ein junges Mädchen um diese Uhrzeit nichts allein am Strand zu suchen.

Langsam fragte sie sich auch, ob ihre Schwestern überhaupt noch kommen würden. Vielleicht hatte Gesa Agnes nicht überreden können, mit ihnen zum Strand zu gehen. Oder sie hatte nun auch beim Abwasch helfen müssen. Doch Irma war geduldig und würde weiter warten, wenn es sein musste, noch eine weitere halbe Stunde. Denn auf dieses Fest zog es sie nicht unbedingt zurück.

Beim Abendessen hatte sie bei Mutter am Tisch sitzen müssen, die immer wieder mit gerümpfter Nase zu ihr geschaut hatte, um zu prüfen, ob sie auch ja gerade auf ihrem Stuhl saß, das Besteck richtig hielt und nicht mit offenem Mund kaute. Vor lauter mahnender Blicke war ihr beinahe der Appetit vergangen. Nur von der Soße hatte sie die Finger nicht so recht lassen können. Zum Glück hatte ihre Mutter nicht gesehen, wie Vater ihr einen extra Klecks auf den Teller gegeben hatte. Ohne Kartoffeln und Gemüse!

Später dann, als die ersten Gäste angefangen hatten zu tanzen, hatte sie sich auch nur gelangweilt. Die Zeiten, in denen sie sich ohne Scham in die Mitte der Tanzfläche gestellt hatte, um sich zu drehen, bis ihr ganz schummrig und schwindelig war, waren definitiv vorbei. Sie zum Tanz aufgefordert hatte aber auch niemand. Um sie herum waren alle in Gespräche vertieft gewesen, und Irma hatte nicht mitreden können. Denn für Politik interessierte sie sich genauso wenig wie für das neueste Staubsaugermodell, das jetzt wohl sogar elektrisch betrieben werden konnte. Als sie dann aus dem Saal geschlichen war, hatte das auch niemand bemerkt. Nicht einmal ihr Vater.

Doch statt in ihr Zimmer zu gehen oder in der Küche auszuhelfen, hatte es sie in die Garderobe gezogen. Sie mochte es, mit den Fingern über die feinen Nerze zu streichen, die Hüte der Herren aufzuprobieren, und hin und wieder lugte sie auch mal ganz gerne in die Taschen der Mäntel hinein. Nicht um etwas zu stehlen. Gott bewahre, sie war gut erzogen, und bisher hatte es ihr noch nie an etwas gemangelt. Selbst im Krieg und während der Hyperinflation war es der Familie dank Vaters Sparsamkeit und Mutters Spürsinn für Geschäfte gut ergangen. Doch sie war von Natur aus neugierig, und nichts sagte mehr über einen Menschen aus, als sein Tascheninhalt.

Erneut konnte Irma Schritte ausmachen, sie duckte sich wieder etwas tiefer.

»Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist! Mutter braucht uns doch«, hörte sie Agnes’ Stimme hinter den Dünen flüstern. Irma atmete erleichtert durch, während Gesa antwortete: »Nur ein paar Minuten. Dann gehen wir wieder zurück. Versprochen!«

Auch wenn die Gaslaternen nur sehr sparsam Licht zu spenden vermochten und die Gesichter ihrer Schwestern im Schatten lagen, konnte Irma Agnes’ skeptisches Gesicht genau sehen. Sie kroch nun aus dem Gebüsch hervor, Agnes erschreckte sich kurz.

Dann aber funkelte sie ihre Schwester mahnend an. »Du auch?«

Ehe Irma antworten konnte, nahm Gesa sie sogleich in Schutz. »Es war meine Idee«, entgegnete sie und legte Irma eine Strickjacke um die Schultern, die sie ihr mitgebracht hatte. Irma warf ihr dafür einen dankbaren Blick zu.

»Nun kommt schon. Bevor es wirklich auffällt, dass wir uns davongeschlichen haben«, forderte Gesa ihre Schwestern auf und betrat als Erste den Strand. Die anderen beiden folgten ihr.

Um diese Uhrzeit war der Küstenabschnitt, der etwas abseits der Seebrücke lag, menschenleer. Nur ein paar Möwen kreischten kurz auf, als sich Irma ihrer Halbschuhe und feinen Söckchen entledigte und dabei beinahe das Gleichgewicht verlor. Gesa und Agnes hingegen behielten ihre Schuhe an.

Als die Schwestern sich dem Ufer näherten, umwehte ihre Nasen nur eine leichte Brise, weshalb das Wasser bedächtig und beinahe geräuschlos im Sand auslief. Lediglich die Wellen, die sich an den im Licht des Halbmondes nur schwach zu erahnenden Holzbohlen brachen, hielten sich nicht an die Nachtruhe. Irma liebte das Geräusch, genauso wie den Duft nach angespülten Algen und Muscheln sowie das Gefühl, auf einem Meer an feinen Sandkörnern barfuß zu laufen.

Nahe dem Ufer blieben die Schwestern stehen. Ein wenig unsicher blickte Agnes sich um. »Und nun? Was wollen wir hier?«

Gesa zog eine Flasche Portwein aus ihrer Jacke. »Wir trinken auf das Ende der Saison!«

Agnes’ Augen wurden groß, als sie die Flasche in Gesas Händen sah. »Hast du die etwa …?«

»Merkt doch niemand, wenn in der Speisekammer eine Flasche fehlt. Herr Schaller wird heute Abend eh Vaters halben Schnapsvorrat leer saufen.«

»Gesa!«, empörte sich Agnes.

Doch die zuckte nur mit den Schultern. »Ist doch wahr!«

Irma konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. »Wo sie recht hat, hat sie recht«, pflichtete sie Gesa bei.

Nun verzog auch Agnes ihren Mund zu einem Schmunzeln. »Nun ja, vielleicht ist da ein Körnchen Wahrheit dran.«

»Ein Körnchen? Oder doch ein ganzer Korn?«, erwiderte Gesa allzu trocken.

Agnes konnte sich nicht mehr zurückhalten. Ganz undamenhaft prustete sie los. Als sie sich beruhigt hatte, nahm sie ihrer Schwester die Flasche aus der Hand. »Dann gib schon her!«

Gesa reichte ihr einen Korkenzieher, den sie ebenso eingesteckt hatte, und ließ Agnes die Flasche öffnen. Kurz ließ sie ihre Nase über den Flaschenhals wandern, dann hob sie die Flasche zum Prost. »Auf dass Heringsdorf nun wieder etwas beschaulicher wird.«

»Langweiliger meinst du wohl!«, funkte Gesa dazwischen.

Doch Agnes ignorierte ihren Kommentar. Stattdessen setzte sie die Flasche an und trank in kleinen Schlückchen. Anschließend reichte sie die Flasche an Gesa weiter, die kurz überlegte, bevor sie ihren Toast aussprach: »Auf die Wäscheberge, die, wenn die meisten Gäste abgereist sind, endlich weniger werden.« Sie nahm einen kräftigen Schluck und hielt dann ihrer jüngsten Schwester die Flasche hin. Irma warf ihr einen ebenso überraschten Blick zu wie Agnes. »Sie ist noch zu jung!«

Doch Gesa winkte ab. »Ist sie nicht!« Sie zwinkerte Irma zu, die mit einem etwas unsicheren Lächeln die Flasche nahm. Mit Alkohol hatte sie noch nicht viele Erfahrungen gesammelt. An Mutters Tee hatte sie zwar schon oft geschnuppert, den diese an kalten Winterabenden gerne mit einem Schuss Rum verfeinerte. Und mit dem Finger war sie auch schon einmal durch den Schaum eines frisch gezapften Pils gefahren. Mehr aber auch nicht. Mutter war da sehr streng, und selbst Vater hielt nichts davon, Kindern allzu früh den Zugang zu berauschenden Getränken sowie Tabak zu gewähren.

Noch einmal sah sie kurz zu Agnes, die zwar immer noch ziemlich skeptisch dreinblickte, aber keinerlei Anstalten machte, ihr die Flasche aus der Hand zu nehmen. Irma atmete durch, überlegte kurz, bis ihr auch etwas einfiel. »Ich trinke auf den Sanddorn. Bald kann ich mit Vater wieder in der Küche stehen und köstliches Gelee kochen.«

Links und rechts der Villa wuchsen große Sanddornsträucher, ihr Großvater hatte sie einst gepflanzt und auch das Hotel nach den säuerlich schmeckenden Beeren benannt, die in voller Pracht kräftig orange leuchteten. Das ganze Jahr über freute Irma sich auf die Ernte, die in den nächsten Wochen noch anstehen würde.

Langsam führte sie die Flasche an ihren Mund, ein süßlicher Duft entwich dem Flaschenhals, der gar nicht mal so übel roch. Nach Kirschen, Feige und einem Hauch Karamell. Als ihre Lippen die Öffnung umschlossen, spürte sie, dass diese etwas klebrig war. Sie nahm einen kräftigen Schluck und verzog augenblicklich angewidert das Gesicht. Der Portwein schmeckte zwar süß, aber mit der Schärfe, die ihren Rachen einzuhüllen schien, hatte sie nicht gerechnet.

Gesa lachte, und auch Agnes konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Irma hingegen funkelte ihre Schwestern nur böse an. Es hätte sie ruhig jemand warnen können, dass die Plörre ekelhaft schmeckte. Schnell reichte sie die Flasche wieder an Gesa.

Nachdem diese sich beruhigt hatte, ließ sie sich in den Sand plumpsen. Irma setzte sich zu ihr, und auch Agnes ließ sich nieder, nachdem sie ihr Kleid glatt gestrichen hatte. Die drei schauten auf das Meer hinaus, während die beiden Älteren abwechselnd am Portwein nippten.

Nach einer kurzen Weile seufzte Irma. »Irgendwie aber auch schade, dass der Sommer schon rum ist«, bedauerte sie dabei. »Ich war noch gar nicht so viel baden.«

Gesa grinste, während sie Agnes die Flasche reichte. »In den letzten Monaten warst du beinahe jeden Tag im Meer schwimmen.«

Zuerst wollte sie protestieren, doch als Irma genauer darüber nachdachte, musste sie einsehen, dass ihre Schwester doch recht hatte. Sogar in der verregneten letzten Augustwoche sowie zur Sommersonnenwende, wo das Thermometer gerade einmal auf 15 Grad angestiegen war, hatte sie die Kleider gegen ihren rot gepunkteten Badeanzug getauscht, der ihr bald zu klein war. Agnes hingegen zog es nur bei wirklich schönem Wetter in die Wellen, und Gesa ging nie baden. Sie konnte nicht schwimmen.

»Aber du hast recht«, stimmte Gesa ihr nun zu. »Die Sommertage sind nur so verflogen. Was aber auch an der ganzen Schufterei in der Villa gelegen haben könnte.«

»Noch ist der Herbst nicht da. Du kannst sicher noch mal in die Ostsee springen«, meinte Agnes aufmunternd.

»Ich hoffe es!«

»Ganz bestimmt!«

Leise Musik war zu hören, offensichtlich hatte jemand die Fenster zum Saal geöffnet. Vermutlich, um etwas frische Luft hineinzulassen. Der Raum war zwar groß, doch das Kaminfeuer sorgte für zusätzliche Wärme. Der Wind trug die Melodie bis zu ihnen an den Strand hinunter.

Gesa horchte auf. »Ist das Swing?«

Die anderen hörten nun auch genauer hin. Während Agnes nickte, war sich Irma unsicher. Zwar kannte sie die Schellackplatten ihres Vaters auswendig, und den Wiener Walzer hatte er ihr auch schon beigebracht. Doch zu den Tanzveranstaltungen, die ihre Schwestern gerne besuchten, durfte Irma noch nicht mit.

Augenblicklich sprang Gesa auf, drehte sich zu ihren Schwestern um und verbeugte sich beinahe förmlich vor ihnen. »Darf ich bitten?«, fragte sie mit nasal verstellter Stimme.

Irma kicherte, verstand aber nicht so recht, was dieses Schauspiel sollte.

Agnes schien es wohl genauso zu gehen. »Was?«

»Lasst uns tanzen!«

»Jetzt? Hier?«, stutzte Agnes.

Gesa zuckte mit den Schultern. »Vorhin durften wir ja nicht!«

»Du hast wirklich ein Talent dazu, in den unpassendsten Momenten …«

Doch Gesa hörte schon gar nicht mehr zu. Sie richtete sich auf und begann, die Arme vor ihrem Körper zur Musik kreisen zu lassen.

»Kommt schon! Irmchen, ich kann dir zeigen, wie man Charleston tanzt.«

Irma hatte ihre Schwester heimlich beobachtet, wie sie in der Kammer die Schritte dieses neumodischen Tanzes geübt hatte. Dabei war sie ganz fasziniert von den Bewegungen gewesen, die auch immer etwas burschikos Anzügliches hatten.

Deshalb ließ sie sich nun auch kein drittes Mal bitten und sprang auf, um sich neben ihre Schwester in den Sand zu stellen. Sie versuchte, die Bewegungen nachzuahmen, was vermutlich ziemlich albern aussah. Doch es machte Spaß, und sie war überglücklich, dass Gesa ihr die Schritte zeigte.

Agnes hingegen blieb sitzen, trotz flehender Blicke ihrer Schwestern.

»Geb dir ’nen Ruck!«, forderte Gesa sie erneut auf. »Sei nicht steifer als Mutter.«

»Bin ich doch gar nicht!«, protestierte Agnes.

»Es ist niemand hier, und du sitzt da, als wärst du zum Teenachmittag geladen.«

Trotz der Portweinflasche, die sie bereits neben sich abgestellt hatte, saß Agnes ganz ordentlich im Sand. Ihr Rücken war schnurgerade aufgerichtet, die Beine zur Seite weggeknickt. Kein Sandkorn lag auf ihrem glatt gestrichenen Kleid.

Agnes sah sich um. Außer den Möwen, die noch nicht das Weite gesucht hatten, war niemand hier. Sie seufzte kurz, erhob sich und begann sich tatsächlich im Takt der Musik zu bewegen. Erst etwas zögerlich und zaghaft, dann immer überzeugter und schwungvoller. Schließlich ergriff sie sogar die Hände ihrer Schwestern. Gemeinsam drehten sie sich, sodass der Sand unter ihren Füßen nur so aufgewirbelt wurde. Ein einvernehmliches Kichern schallte durch die Nacht. Und Irma war es egal, ob es bis zur Villa zu hören war.

4

Agnes

August 1990

Ein Kaffeefleck zierte die weiße, mit Spitze verzierte Tischdecke, die Agnes nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank holte. Die leere Thermoskanne stand direkt daneben. Ob sie beim Einschenken gekleckert hatte oder es einer ihrer Gäste mit der Kaffeesahne übertrieben hatte, konnte Agnes nicht mit Bestimmtheit sagen. Ein wenig gedankenverloren kratzte sie mit ihrem Fingernagel über den Fleck, der jedoch längst eingetrocknet war. Sie würde die Decke einweichen müssen, bevor sie sie in die Wäsche tat.

»Soll ich dir noch beim Abräumen helfen?«

Agnes schreckte kurz auf und drehte sich zu ihrer Enkelin Nina um, die ihr einen freundlichen Blick aus dem Flur zuwarf. Den Kuchen hatte sie zuvor schon in die Küche gebracht.