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Sandra Lang wäre eine ganz normale junge Frau, würde sie nicht über zwei außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen. Zum einen kann sie die Gedanken von andere Menschen lesen, wenn sich solche um sie drehen, allerdings nur, so lange sie sich in ihrer Sichtweite befinden. Zum anderen verfügt sie über die Gabe der Hypnosekunst, mit dem Nachteil, sich mit diesem Metier längst noch nicht so beschäftigt zu haben, wie es erforderlich wäre, um es vollständig beherrschen zu können. Der Verlust ihrer Eltern, die darauffolgende Lethargie aufgrund ihrer Trauer und die Evolution der Technik bringen Sandra in Existenznot, woraufhin sie entgegen früherer Ratschläge beschließt, ihre Fähigkeiten in bare Münze umzuwandeln. Damit beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt, aber was zunächst wie ein Schritt in die richtige Richtung erscheint, wird bald zu einem Höllentrip, mit dem die schnellste, höchste und in allen Formen kurvenreichste Achterbahnfahrt nicht mithalten kann.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Inhaltsverzeichnis
Über den Autor
Zur Person:
1. Kapitel
Sandra
2. Kapitel
1 Jahr später
Erster und letzter Einsatz
3. Kapitel
Die Verdächtigen
Zweifel
4. Kapitel
Die Toten
Gelsenthriller Sandra Lang
Impressum
Sandra Lang
Bestien
Gelsenthriller
Band 1
Roman Just ist in der Welt der Literatur in verschiedenen Genres unterwegs. Mit den Thrillern der "Tatort-Boston-Reihe" hat er den Einstieg in die Literaturwelt begonnen, sie dann mit den "Gelsenkrimis" fortgesetzt. Neben den Thrillern und Krimis arbeitet er an einer mehrteiligen Dystopie und einer historischen Familiensaga, hinzu kommen Ausflüge in andere Genres.
Der Autor und bekennender Selfpublisher ist Jahrgang 1961, lebt in Gelsenkirchen, leidet mit dem vor Ort ansässigen Fußballclub seit 1971 zu allen Zeiten mit, spielt außerdem gerne mit Mitmenschen Schach und beschäftigt sich leider nur noch gelegentlich mit der Astronomie.
Der Selfpublisher betreibt auf seiner Homepage zu allen seinen veröffentlichten Titeln Leserunden, außerdem bietet er einen Leserkreis, an dem ebenfalls aktiv teilgenommen werden kann.
Mehr über den Autor und seine Titel gibt es hier:
https://www.gelsenkrimi.dehttps://www.gelsenkrimi.de/ueber-michhttps://www.gelsenkrimi.de/leserkreishttps://www.gelsenkrimi.de/gelsenshop
https://www.autorromanjust.de/
Sternzeichen: Jungfrau
Gewicht: Im Moment viel zu viel
Erlernter Beruf: Kellner
Derzeit tätig als: Autor/Selfpublisher
Charaktereigenschaften: Impulsiv/Hilfsbereit
Laster: Nie zufrieden mit einem Ergebnis
Vorteil: Meistens sehr geduldig
Er mag: Klare Aussagen
Er mag nicht: Gier und Neid
Er kann nicht: Den Mund halten
Er kann: Zuhören
Er verachtet: Tyrannen und selbstverliebte Subjekte
Er liebt: Das Leben
Er will: Ziele erreichen
Er will nicht: Unterordnen
Er steht für: Menschlichkeit
Er verurteilt: Hass, Mobbing, Eitelkeit
Er denkt: Auch Einfaches ist nicht einfach zu erledigen
Er meint: Die Achtung und der Respekt vor der Würde eines Menschen werden durch das Gendern nicht gestärkt.
S
andra Lang übte als Übersetzerin einen Beruf aus, mit dem sich kaum noch Geld verdienen ließ. Obwohl sie acht Sprachen in Wort und Schrift fließend beherrschte, konnte sie der Konkurrenz in Form der Künstlichen Intelligenz in Bezug auf den Stundenlohn nichts entgegensetzen. Während sie für ihre Arbeit bezahlbare fünfzehn Euro je Stunde verlangte, für gewisse Dokumente feste und keinesfalls überteuerte Preise anbot, besaßen vermeintliche künftige Kunden inzwischen die Möglichkeit, sich dies und das von der KI kostenlos übersetzen zu lassen, mit dem Vorteil, dass sie in dieser Hinsicht einem gewöhnlichen Translator im Internet bereits überlegen war. Zwar ließen sich einige Unterlagen nicht so einfach von der einen Sprache in eine andere übertragen, mussten zudem über eine Beglaubigung verfügen, trotzdem litt der Kontostand unter dem spürbaren Umsatzeinbruch. Jedenfalls war die Nachfrage nach Übersetzungen in den vergangenen Monaten bedenklich gesunken, befand sich nun auf einem Niveau, das noch nicht einmal dafür ausreichte, von der Hand in den Mund zu leben. Ein berufliches Umdenken wäre von daher zwingend erforderlich gewesen, wenn Sandra nicht über Eigenschaften verfügt hätte, die für sie als Frau und Mensch einmalig waren. Ihre Fähigkeiten beruflich einzusetzen, sie damit in eine Lohntüte zu verwandeln, missfiel ihr gewaltig, aber sie wollte weder ihre Selbständigkeit und die damit verbundene Freiheit aufgeben noch von Sozialleistungen vom Staat abhängig sein. Um sich ersteres bewahren und letzteres verhindern zu können, musste eine Idee her, für die es eigentlich gar nicht erst eine Eingebung benötigte. Schließlich besaß Sandra angeborene Begabungen, die sie einerseits an diversen Orten zu einer unerwünschten Person degradiert hätten, andererseits und anderswo wie bei einer Auktion mit immer höheren Angeboten um ihre Gunst gerungen worden wäre. Doch daran lag es nicht, weshalb Sandra ihre Talente bis jetzt nicht zu Geld gemacht hatte.
Womöglich würde sie mittlerweile über ein Vermögen verfügen, wenn sie diesen Weg eingeschlagen hätte, nur ebenso groß war die Gefahr, längst irgendwo unter der Erde zu liegen. Sandras Fähigkeiten konnten nämlich unangenehme Begehrlichkeiten wecken, Feinde erzeugen, diese wiederum auf den Gedanken bringen, sie töten zu müssen. Dieses Risiko war ihr insbesondere durch die liebevolle und beschützende Erziehung ihrer Eltern bewusst geworden, nachdem ihnen die unerklärlichen, mysteriösen und fast schon beängstigenden Kräfte an ihrer Tochter aufgefallen waren. Im Anfangsstadium hielten es ihre Mutter, Gabriele, und ihr Vater, Stefan, für einen Zufall, dass sie von ihrem Kind Antworten auf Fragen, oder, Aussagen zu Überlegungen bekamen, die sie noch gar nicht laut geäußert hatten. Zugegebenermaßen wurde dem Elternpaar die eigene Tochter unheimlich, je öfter so etwas vorkam. Erst nach längerer Zeit bemerkte das Ehepaar, dass ihr Mädchen eingeschränkt und ungewollt imstande war, sowohl ihnen als auch Dritten in den Kopf zu sehen, allerdings nur, wenn sich ihre Gedanken um der anderen um sie drehten. Arztbesuche folgten, denn es galt herauszufinden, ob es sich bei Sandra um eine Gabe, einen Gendefekt eine unerkannte Krankheit handelte. Die Furcht, sie könnte unter einem Hirntumor leiden war zunächst allgegenwärtig. Aufgesucht wurden ausschließlich Mediziner, zu denen das Ehepaar Lang ein hohes Maß an Vertrauen besaß, denn unbedingt sollte verhindert werden, dass ihr Kind zu einem begehrten Objekt im Bereich der medizinischen Wissenschaft verkommen würde.
Es hatte nichts mit Science-Fiction, Fantasy oder Horror zu tun, es war wie es war: Sandra war kerngesund, sie fühlte sich pudelwohl in ihrer Haut, wies weder beim Hausarzt noch irgendeinem Facharzt irgendwelche Anomalitäten auf, doch damit nicht genug: Nachdem alle Untersuchungen abgeschlossen waren, Gabriele und Stefan erleichtert aufatmen konnten, fing eine Periode der Besinnung an. Sandra war zu diesem Zeitpunkt gerade mal sieben Jahre jung, als ihre Eltern die Vergangenheit Revue passieren ließen. Glücklich, erleichtert und stolz gaben sie sich beim Zusammensein mit Freunden, die ebenfalls vor oder nach Sandras Geburt Nachwuchs bekommen hatten. So komisch es sich anhören mochte, erst als Sandras Gesundheitschecks keine negativen Ergebnisse ergaben, das Mädchen ein positives und doch sonderbares Rätsel darstellte, fiel ihren Eltern eine Besonderheit auf, die ihnen bis dahin wie ein seltenes Geschenk vorgekommen war. Stefan und Gabriele bemühten sich sehr, sahen sich Fotos von früher an, versuchten sich an jeden einzelnen Geburtstag ihres Kindes zu erinnern, auch an die Tage, die so manche Eltern an den Rand des Wahnsinns zu bringen vermochten. Dabei stellten sie fest, begünstigt durch die damaligen und gegenwärtigen Zusammentreffen mit anderen befreundeten Elternpaaren, dass ihre Tochter nie geschrien, gewimmert und geweint hatte, auch niemals krank gewesen war.
Die späte Erkenntnis führte unter den Eheleuten Lang zu einem Augenkontakt, dessen Blick sofort offenbarte, was sich die beiden wortlos fragten. "Warum erkennen wir es erst jetzt, weshalb ist uns dies und das nicht schon früher aufgefallen, wieso haben wir uns und unsere Tochter nicht hinterfragt, sind stattdessen vor unseren Freunden wegen ihres Gebarens fast schon schadenfroh aufgetreten?" Die aufkommenden Selbstvorwürfe mündeten bei Gabriele und Stefan in die Sorge, schlechte Eltern zu sein, wogegen Sandra sofort protestiert hätte, dagegen nach diesem Tag noch intensiver verbal eingeschritten wäre, denn: Ohnehin schon bis zu ihrem damaligen Alter sehr behütet aufgewachsen, erhielt sie fortan eine Zuwendung, die ihr das Gefühl gab, eine Prinzessin zu sein. Ihr wurde so viel Wärme, Nähe, Geborgenheit und Liebe entgegengebracht, es geschah anmutig, geradezu würdevoll, ohne sie einzuengen. Dennoch wünschte sich Sandra hin und wieder Geschwister, ihr Lebensglück teilen zu können, blieb jedoch unerfüllt. Das Los eines Einzelkindes schien ihr nachfolgend mehr zuzusetzen als ihren Eltern. Mit jedem Lebensjahr erfuhr Sandra durch ihre Eltern mehr über sich und die Tage, an die sich kein Menschenkind erinnern kann. Sie hatte das Licht der Welt erblickt und begann zu atmen, ohne dass ihr ein Klaps versetzt werden musste. Jammern, Wimmern, Schreien und Weinen blieben auch aus, als sich die ersten Milchzähne zeigten, die Mundhöhle plötzlich über ein bis dahin nicht vorhandenes Zahnfleisch verfügte. Darüber hinaus konnte sich kein Elternteil an eine Kinderkrankheit erinnern, von der Sandra betroffen gewesen wäre. Bei dieser beziehungsweise einer der späteren Aussprachen kam auch zutage, dass sie noch nie gegen irgendetwas geimpft worden war, niemals Husten, Fieber oder unter sonstigen Krankheitssymptomen gelitten hätte. Sandra konnte sich nicht davor schützen und ihre Eltern waren nicht imstande es zu verhindern, unter dem Strich konnte die dreiköpfige Familie nichts anderes tun als die Gegebenheiten zu akzeptieren.
Die Folge bestand aus eine Zwangsläufigkeit, die Gabriele und Stefan ihrer Tochter einzutrichtern begannen. Beinahe zwei Jahrzehnte lehrten sie ihr, wie sie mit ihrer Fähigkeit umgehen sollte. Ihrer Auffassung nach könnte das Leben für Sandra deutlich leichter sein, wenn sie die Gedanken anderer über ihre Person nicht kommentieren würde. So wuchs Sandra auf, mit dem Nebeneffekt, dass vor allem ihre Mutter in ihren Bann geriet. Unabhängig der Tatsache oder dem Glauben, dass Töchter eher dem Vater und Söhne vorrangig der Mutter zugeneigt sind, bei Sandra und ihrer Mama traf das Gegenteil zu, allerdings in einer ungewöhnlichen Art. Gabriele konnte ihrer Tochter nur bedingt in die Augen sehen, obwohl sich die Augenpaare mir einer kleinen Ausnahme farblich glichen. Beide weiblichen Wesen besaßen betörende blaue Augen, doch Sandras Pupillen besaßen eine Tiefe, die keine Grenzen zu haben schien. Hielt jemand ihrem Blick stand, versank die Person in einem Ozean, driftete ins Bodenlose, bis zu einem Punkt, an dem sich der Sinn des Lebens eröffnen könnte, doch stattdessen begab sich der Betroffene unfreiwillig in den unerwarteten und seinerseits nicht zu kontrollierenden Umstand einer Wehrlosigkeit. Kurz erklärt: Wer Sandra länger in die Augen sah, dem drohte der Verlust der Kontrolle über sich und seine Gedanken, die nur dann wieder erlangt werden konnte, wenn es die Frau zuließ. Schon deshalb vermied Sandra Blickkontakte von einer Dauer, die zu einem Trancezustand bei ihren Gesprächspartnern führen würde. Bezeichnenderweise fiel es bei ihrer Mutter nicht ins Gewicht, sie zeigte sich besonders anfällig. Bei ihr reichten häufig fünf Sekunden Augenkontakt aus, um sie willenlos zu machen. Insgesamt gesehen führte es im intakten Familienleben der Langs zu keinen Konfrontationen, mit der Einschränkung, dass die Mutter innerlich zunehmend von Ängsten um und vor ihrer Tochter geplagt wurde.
Das eher geringfügige Problem erledigte sich von selbst. Die Eltern Sandras gehörten noch zum alten Schlag, vertraten die Meinung, dass bei einem jungen Menschen, unabhängig seines Geschlechts, die Zulassung zur Volljährigkeit zunächst überprüft, noch keinesfalls mit dem erreichten Alter sofort vergeben werden sollte. So saß Sandra an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag in ihrer Wohnung, übte sich in Geduld, wartete und wartete, bis es endlich an der Wohnungstür schellte und klopfte, ihre sehnsüchtig erwarteten Eltern eingetroffen waren. Geburtstagsüberraschung: Bei den läutenden und an die Tür hämmernden Leute handelte es sich nicht um ihre geliebten Eltern, sondern um zwei Polizisten. Geburtstagsgeschenk: Teilnahmslos, aber doch anstandshalber bedrückt, wahrscheinlich wegen der Unwissenheit, was ihr Erscheinen für Folgen auslösen könnte, überbrachten die zwei Streifenpolizisten die Nachricht, dass ihre Eltern in einen Unfall verwickelt wurden und dabei zu Tode gekommen waren.
Das war auf den Tag und auf die Stunde vor genau vier Jahren geschehen. Wie in den Sommern zuvor, saß Sandra allein in ihrer Wohnung, die sie trotz der tragischen Botschaft nicht gewechselt hatte. Ihr Werdegang ließ sich vor und nach dem Ableben ihrer Eltern einfach beschreiben: Vordergründig musste sie nicht den Alltag und die Welt kennenlernen, sondern den Umgang mit ihren Fähigkeiten. Als Waise war sie gezwungen zu ergründen, wie sie mit der Vergangenheit und Gegenwart umgehen sollte. Dazu gesellten sich die Existenzschwierigkeiten sowie die Verdrängung der Tatsachen. War Sandra zu sich ehrlich, konnte sie nicht leugnen, die Jahre seit dem Tod ihrer Eltern verschleudert zu haben. Sie, die dazu fähig war, fremde Leute in andere Sphären und Dimensionen zu bringen, befand sich in einer Lethargie, die einem tranceähnlichen Zustand glich. Die Todesnachricht hatte sie aus der Bahn geworfen, daran konnte ihr bis dahin zurückgelegter Werdegang nichts ändern, dementsprechend leicht las er sich: Bis zur fünften Klasse Grundschule, anschließend aufgrund ihrer Gabe kostspieliger Privatunterricht, der ihre Eltern ein Vermögen gekostet hatte, was sich in Bezug auf den Nachlass zu ihren Lasten bemerkbar machte. Ihr Erbe bestand aus Schulden, die sie übernahm, da sie sich dazu verpflichtet fühlte.
Mit achtzehn verließ sie die elterliche Wohnung, letztlich nur, um ihrer Mutter einen Seelenfrieden zu bescheren. Vorteilhaft erwies sich dabei der Hang zur Eigenständigkeit, begünstigt durch die angeeigneten Sprachkenntnisse. Ab dem neunzehnten Lebensjahr, zudem in den eigenen vier gemieteten Wänden, lief alles gut: Die Auftragslage war ansprechend, teilweise ausgezeichnet, begann sich zunächst leicht zu verschlechtern, als die KI der Allgemeinheit zugänglich wurde. Besonders Sandra hätte ein Lied davon singen und es bestätigen können, dass die künstliche Intelligenz, allerorts ständig als Hilfsmittel gepriesen, nicht nur fähig war dazu zu lernen, sondern dabei war, ihre Existenz als Übersetzerin zu vernichten. Innerhalb eines Jahres sank das Volumen ihrer Aufträge von durchschnittlich fünfhundert Übersetzungen monatlich auf gegenwärtig höchstens zwei in der Woche. Davon konnte sie nicht leben, geschweige die übernommenen Verbindlichkeiten bezahlen. Ein heftiger Teil ihrer Ersparnisse war trotz bestehender Versicherungen ihrer Eltern für deren Bestattung draufgegangen. Die Erklärung dafür fand sie erst bei der Haushaltsauflösung ihrer Erzeuger. Sie hatten sich wegen ihr in Schulden gestürzt, konnten weder Lebens- noch Sterbeversicherung bezahlen. Erst bei diese Gelegenheit erfuhr Sandra vollumfänglich, was und wie viel ihre Eltern für sie geleistet und geopfert hatten. Spätestens in diesen Tagen fiel sie deswegen in ein Loch voller Selbstvorwürfe, gepaart mit dem Verteufeln ihrer Fähigkeiten, da sie mit diesen dennoch nicht imstande gewesen wäre, ihr Dasein als Waise zu verhindern. Der fünfundzwanzigste Geburtstag lud Sandra intensiver zum Nachdenken ein als alle anderen zuvor. In ihrem Arbeitszimmer existierten einige Fächer und Schubladen, in denen sich nur unbezahlte Rechnungen finden ließen. Ein paar davon waren längst überfällig. Mahnbescheide und Gerichtsvollzieher drohten, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kuckuck an ihrem Inventar kleben würde. Auch wenn ihre Eltern dagegen gewesen wären, sie besaß keine Alternativen, sah sich gezwungen, ihre Talente zu ihrem Beruf zu machen.
Die Frage war, wie sie es anstellen sollte. Den Menschen die Zukunft voraussagen konnte sie nicht, hätte sie es versucht, wäre sie ausschließlich in der Lage gewesen zu erfahren, was und wie die Leute bei solchen Sitzungen über sie denken würden. Diesen Geschäftsgedanken aufzugeben, fiel ihr schon deswegen nicht schwer, denn die Schulden auf diese Weise abbezahlen und den Lebensunterhalt finanzieren zu können, erschien ihr ein aussichtsloses Unterfangen zu werden. Die Idee schob sie somit in den Mülleimer in ihrem Kopf. Weiterhin zweifelte sie daran, dass auf der Straße ausreichend Personen herumliefen, die begierig darauf waren, sich hypnotisieren zu lassen. Die Fähigkeit auf Showbühnen vorzuführen kam ihr absurd vor, außerdem benötigte sie sofort Einnahmen und nicht erst, wenn sie als Hypnotiseurin eine gefragte Künstlerin sein sollte. Bis dahin war es ein zu langwieriger Weg, der ihr ohnehin versperrt blieb. Der klamme Geldbeutel ließ eine berufliche Neuausrichtung nicht zu, aus diesem Grund gestaltete es sich schwierig, sich irgendwo vorzustellen und eine Arbeit anzunehmen. Dabei handelte es sich um ein grundsätzliches Problem. Kurzzeitig, vor ihrer Selbständigkeit als Übersetzerin, hatte Sandra eine Tätigkeit als Dolmetscherin ausgeübt, doch es trat ein, wovor sie von ihren Eltern gewarnt und beschützt worden war. Es zu vermeiden ging nicht, auch in diesem Beruf befand man sich zwischendurch in größeren Menschengruppen, hinzu kam der Kontakt zu Vorgesetzten und Kollegen, der durch Begegnungen mit Menschen bei der Fahrt in die Arbeit und wieder nach Hause ergänzt wurde. Sandras Kopf drohte während diesen Zeiträumen zu platzen. Jeder Dritte, unabhängig seines Geschlechts, dachte etwas über sie. Der eine Kerl wollte sie in seinen Gedanken nackt sehen, der andere hätte sie am liebsten auf der Stelle flachgelegt. Eine ältere Dame hielt sie für ein Straßenmädchen, die nächste Frau wunderte sich über ihr Outfit, ab und zu blickte sie in Gehirne, die ihr wohlgesonnen waren. Unabhängig davon, der Lärm in ihrem Kopf war ohrenbetäubend, fügte körperliche Schmerzen zu, wäre auf Dauer imstande gewesen, Sandra in den Wahnsinn zu treiben. Durch diese Umstände wurde sie zur Selbständigkeit gezwungen, deshalb lief das Leben außerhalb ihrer vier Wände mehr oder weniger an ihr vorbei, nur so konnte und durfte es nicht weitergehen.
Die Zweizimmerwohnung Sandras war zu klein, um alle einst von ihren Eltern aufgehobenen persönlichen Gegenstände dort zu verwahren. Ihre Notlage führte sie zum ersten mal seit deren Unfalltod in den Keller, wo etliche Kartons mit ihren Habseligkeiten aufbewahrt wurden. Schweren Herzens begann sie in den Kisten herumzuwühlen, entdeckte in einer Fotoalben, sah sich Bilder von früher an, die erfreuliche Erinnerungen weckten und doch traurig stimmten. Ein schlechtes Gewissen holte Sandra ein, als sie aus einem der Kartons eine Schachtel hervorholte, von der sie wusste, dass sich der Schmuck ihrer Mutter darin befand. Monatelang hatte sie die mit roten Samt überzogene Schatulle oben in ihrer Wohnung gelagert, doch als sie in Versuchung gekommen war, die Broschen, Anhänger, Ketten und Ringe zu einem Pfandleiher zu bringen, verfrachtete sie den Behälter in den Keller, um nicht schwach zu werden. Auf dem Rückweg in ihr Domizil kam sich Sandra wie eine Diebin vor, auch wurde sie von dem Gefühl beschlichen, einen Hochverrat an ihren Eltern, insbesondere an ihrer Mutter, zu begehen. Bedrückt schüttete sie den Inhalt des pralinengroßen Schmuckkästchens auf den Wohnzimmertisch, musterte die Gegenstände, von deren Wert sie absolut keine Ahnung hatte. Sandra wollte nicht alles versetzen. In der Hoffnung, dass der Ertrag von einigen Goldringen ihr helfen würden über die Runden zu kommen und sich irgendwo um einen Job bewerben zu können, suchte sie vorab einen Schmuckhändler auf. Im Wissen, das Pfandleihhäuser dazu neigten, die Existenzsorgen ihrer Kunden zu ihren Gunsten auszunutzen, beugte sie damit der Gefahr vor, über den Tisch gezogen zu werden.
S
andra war trotz ihrer Fähigkeiten, dem erlittenen Verlust, der gegebenen Umstände und ihrer überwiegend und vor allem zuletzt sehr zurückgezogenen Lebensweise alles andere als weltfremd. Ihre Auffassungsgabe besaß das Potenzial der Lichtgeschwindigkeit, ihre Denkweise unterlag einer Logik, die sogar Albert Einstein beeindruckt hätte. Nebenbei erwähnt: Sandra wäre aufgrund ihrer Sprachkenntnisse eine hervorragende Lehrerin geworden, nur bestand auch hier die Gefahr, von den Gedanken ihrer Schüler erdrückt zu werden.
Bei dem Schmuckhändler handelte es sich um einen älteren grauhaarigen, zudem geschäftstüchtigen Herrn, der zu faul zu sein schien, in Rente zu gehen. »Also junge Dame, es geht mich nichts an, aber falls Sie daran denken, die Ringe in ein Pfandleihaus zu bringen, dort wird Ihnen nur ein Bruchteil des Wertes ausgezahlt.«
»Wie kommen Sie darauf, dass ich es plane?«, erkundigte sich Sandra, sah von einer Vitrine mit goldenen und silbernen Kettchen zu dem Händler. Ihre Frage hätte es in der Folge zugelassen, anwesende Hellseher an einem Gespräch teilhaben zu können, welches normalen vor Ort befindlichen Kunden ein Rätsel geblieben wäre.
"Dummchen", dachte sich der Ladenbesitzer, ohne es böse zu meinen, legte die ihm anvertrauten Ringe auf den Verlaufstresen. Laut meinte er: »Wissen Sie, Kindchen, ich verkaufe und erwerbe Schmuck seit ich denken kann. In all den Jahrzehnten lernt man die Menschen einigermaßen einzuschätzen. Wenn Sie etwas anderes vorhaben würden, hätten Sie mich gefragt, was mir die Ringe wert wären.«
Sandra ließ ein kurzes Lächeln aufblitzen, mit Mühe gelang es ihr, dass "Dummchen" zu ignorieren. »Ich will die Ringe nicht verkaufen«, antwortete sie und nahm sie an sich, kam daraufhin auf das eigentliche Ziel ihres Erscheinens zu sprechen: »Wie viel sind sie wert?«
"Wenn du wüsstest!", dachte sich der Geschäftsmann, der sich in seinem Berufsleben einen Hang zu übermäßigen Gewinnen angeeignet hatte. "Ich biete ihr mal die Hälfte an, bereits dieser Betrag sollte sie aus den Schuhen hauen. Im Pfandhaus bekommt sie die Summe nie", überlegte er sich eine Strategie, die ihm aufgrund Sandras jugendlicher Ausstrahlung als erfolgsversprechend erschien. »Im Pfandleihhaus bekommen Sie keine tausend Euro, ich würde Ihnen das Doppelte geben.«
Es waren solche, ähnliche, schlimmere und manchmal sogar humorvolle Begegnungen, durch die Sandra Lang gelernt hatte, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Längst war sie fähig sich zu wehren, zu kontern, wenn notwendig, aufbrausend zu werden. Hin und wieder musste sie sich anschließend zurückziehen um die herbe Enttäuschung über ihre Mitmenschen zu verdauen oder ihre Verletzlichkeit vor ihnen zu verbergen. Insofern stellte der Schmuckhändler keine große Herausforderung für sie dar, allerdings glaubte sie seiner Einschätzung, die das Pfandleihhaus betraf. Ihre Verhandlungsposition beinhaltete somit keinerlei Optionen, die sie zu ihren Gunsten hätte verwenden können. Sie war pleite, benötigte das Geld, legte die Ringe wieder zurück auf die Verkaufsfläche neben der Kasse. »Können wir einen Deal machen?«
»Kommt drauf an«, erwiderte der Händler, ließ sich zu einem Gedankengang hinreißen, auf den ohne sein Wissen Sandra gehofft hatte. "Jetzt habe ich dich, mehr als zweieinhalbtausend bekommst du nicht.«
»Also, mein Angebot: Ich Dummchen weiß, dass die Ringe ungefähr viertausend Euro wert sind, ich wäre bereit sie für dreieinhalbtausend hierzulassen, aber nur, wenn ich sie in drei Monaten für ihren wahren Wert auslösen darf. Sollte ich es nicht schaffen, haben Sie trotzdem ein sehr gutes Geschäft gemacht.«
»Okay, ich kann Ihrem Charme nicht widerstehen«, zeigte sich der Schmuckhändler einverstanden. Es geschah auf eine freundliche Art, obwohl sich der reife Herr seltsam durchschaut, gedanklich fast nackt vorkam, sich gedrängt sah, Sandra mit einem unausgesprochenen Schimpfwort zu belegen.
Sandra reagierte sofort: »Wenn ich in Ihren Augen ein Miststück bin, dann sind Sie in den meinen ein alter, schäbiger Halunke, der froh sein darf, dass ich Ihr Geschäftsgebaren für mich behalte.« Mit dreieinhalbtausend Euro verließ sie im Anschluss den Laden, vergaß dabei nicht warnend, vielleicht auch nur erinnernd, zu erwähnen, dass sie in drei Monaten die Ringe abholen würde.
D
er erhaltene Betrag, es war Sandra klar, musste reichen, um einen passenden Arbeitgeber zu finden, bei den Gläubigern durch eine kleine Anzahlung eine Stundung und Ratenzahlungsmöglichkeiten ab ihrem ersten Lohn auszuhandeln. Miete, Strom Internet sowie Handyvertrag mussten auch noch bezahlt werden. Spielraum für Optimismus blieb deshalb kaum übrig.
Bereits am nächsten Tag saß Sandra ihrem Arbeitgeber gegenüber, bei dem es sich zwar ebenfalls um einen Angestellten handelte, der jedoch bei einer Einstellung ihr Vorgesetzter sein würde. Wie es die Beschreibung der Situation zu verstehen gab, wussten die beiden zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es dazu kommen sollte. Sandra Lang schien in diesen Tagen unter der Einnahme eines Realitätsserums zu leiden. Nachdem sie endlich ihre komplett gegen die Wand gefahrene aussichtslose finanzielle Lage begriffen und nicht mehr verdrängt hatte, war ihr erst durch den Schmuckhändler bewusst geworden, wie sie ihre Fähigkeiten zu Geld umwandeln konnte. Die Gedanken der anderen stellten nichts anderes als bare Münze dar. Die einzige Schwierigkeit an sie zu gelangen, lag darin, die Überlegungen der Leute so zu manipulieren, dass sie im Einklang zu ihrer Person standen. Ohne es gewollt oder daran gedacht zu haben, war es bei dem Schmuckhändler passiert, als er über den Wert der Ringe und den auszuzahlenden Betrag im Pfandleihhaus nachgedacht hatte. Mit der Fangfrage über einen Deal und den darauffolgenden Gedanken des Geschäftsmannes erkannte Sandra, über welche Macht sie verfügte, sobald sie diese richtig einzusetzen verstand.
Sandra machte sich nichts vor, sie musste üben und die Manipulation von Gedanken bis zur Perfektion lernen, doch kein Training konnte einen Wettkampf ersetzen, weswegen sie aufgrund ihrer Notsituation bereit war, ins kalte Wasser zu springen. Zeit war etwas, das sie nicht besaß, sonst drohte ihr nicht allein der totale Bankrott, sondern auch eine Obdachlosigkeit, mit der ein Job in weite Ferne rückte. Die trüben Zukunftsaussichten waren Motivation genug, um sich augenblicklich nach einem Arbeitsplatz umzusehen. Spontan fuhr sie los, Terminvereinbarungen interessierten sie nicht. Frech und forsch trat sie auf, gelangte so in das Büro ihres künftigen Vorgesetzten, nachdem sie zuvor einige Leute an dessen Arbeitsstätte wegen deren Gedanken in Bezug auf ihre Person und ihr Auftreten in Verlegenheit gebracht hatte.
Im Büro des Mannes, der sich am Ende für ihre Einstellung aussprechen sollte, er stellte sich als Alexander Most vor, gab ihm Sandra sofort zu verstehen, dass sie an keinem der gewöhnlichen Einstellungsgespräche interessiert war. Stattdessen bat sie ihn, sie im Stehen von oben bis unten zu mustern, danach wieder Platz zu nehmen. Tatsächlich kam er der Bitte nach, gleich danach legte Sandra los: »Um es einmal klarzustellen: Mein Name ist Sandra Lang, für Sie also keineswegs einfach nur Sandra, erst recht nicht Püppchen, Mäuschen oder Schnecke, schon gar nicht Fräulein. Sie reden mich mit Frau Lang an, falls Ihnen der simple Name zu kurz erscheint, schwer über die Lippen kommt, Ihnen gegebenenfalls geschlechtliche beziehungsweise gesellschaftliche Knacknüsse bereitet, schiebe ich meinen Allerwertesten aus Ihrem Büro. Ich fasse es als Kompliment auf, dass ich in Ihren Augen einigermaßen vorzeigbar bin, den Standpunkt hätten Sie mir auch laut sagen können, nur mit etwas mehr Niveau. Falls Sie dazu neigen, alle Ihre Mitarbeiterinnen als Objekte zu betrachten, bin ich an einer Stellung nicht interessiert, falls ich es häufiger mit Ihnen zu tun hätte. Ich habe mich bisher auch nirgendwo versteckt, wie Sie selbst gedanklich feststellen konnten, besteht wegen meinem Äußeren kein Grund dazu. Falls eine Anstellung meiner Person in Betracht gezogen wird, bitte ich um eine flotte Benachrichtigung, da ich meine Dienste auch woanders anbieten werde. Um Ihre Frage zu beantworten, die Ihnen gerade durch den Kopf geht: Nein, ich kann nicht hellsehen. Zum besseren Verständnis eine Erläuterung. Ja, ich verfüge bedingt über die Gabe Gedanken lesen zu können, allerdings nur, wenn solche in Verbindung zu meiner Person stehen. Ob der Verfassungsschutz für eine solche Fähigkeit Verwendung hätte, kann ich nicht beurteilen.« Sandra erhob sich, legte eine Visitenkarte auf den Schreibtisch. »Einen Anruf bezüglich einer Absage können Sie sich schenken, falls ein Arbeitsverhältnis zustande kommen soll, möchte ich innerhalb von achtundvierzig Stunden Bescheid wissen, unmittelbar nach der Zusage auf der Lohnliste stehen.« Kaum ausgesprochen verließ sie den Raum und das Gebäude mit Sitz in Köln.
B
ereits am nächsten Vormittag läutete Sandras Handy, am Apparat war niemand anders als Alexander Most. Nachdem er sich mit seinem Namen und der Angabe der ihn beschäftigenden Institution gemeldet hatte, glaubte Sandra zunächst Licht am Ende des katastrophalen finanziellen und des vor dem Konkurs stehenden beruflichen Tunnels zu sehen, doch der Anrufer dämpfte ihre aufkommende Euphorie. »Frau Lang, nach Rücksprache mit meinen Vorgesetzten, besteht grundsätzlich Interesse an einer Einstellung, aber unabhängig Ihrer Bedingungen, müssen wir auf einen Eignungstest bestehen. Wir wollen Ihre Fähigkeit einer Prüfung unterziehen.«
Sandra stellte das Handy auf laut, legte es auf den Küchentisch, an dem sie beim Frühstück saß. »Wieso?«, fragte sie mit einem Hauch von Enttäuschung in ihrer Stimme.
»Ihre Aussagen bei unserem Vieraugengespräch können auf Zufall, gepaart mit logischem Denken und ein wenig Rateglück, zurückgeführt werden. Sie wissen es sicher besser als ich: Frauen besitzen in dieser Hinsicht so etwas wie einen siebten Sinn, erst recht, wenn sie sich ihrer äußerlichen Erscheinung bewusst sind. Sie werden unsere Haltung sicher verstehen, sollte der Test erfolgreich verlaufen, gehören Sie unmittelbar danach zu unserem Team.«
Der letzte Satz entlockte Sandra ein Schmunzeln, die Zukunftssorgen in Form von einer undurchdringlichen Dunkelheit in einer endlosen Röhre erhielten wieder eine Notbeleuchtung. »Gut, ich bin einverstanden, wann und wo?«
»Wenn Sie möchten, können wir die Angelegenheit noch heute durchziehen«, antwortete Alexander Most.
Drei Stunden später befand sich Sandra Lang erneut beim Verfassungsschutz in Köln, dort in einem Raum, von dem ihr unbekannt war, dass es ihn in dem Gebäude offiziell gar nicht gab. Der Verfassungsschutz besaß nämlich kein eigenständiges Polizeirecht im klassischen Sinn, sondern war ein Inlandsnachrichtendienst mit Befugnissen zur Informationsbeschaffung. Dazu gehörten Observation, Telekommunikationsüberwachung unter strenger Kontrolle und das Einsetzen von V-Leuten. Ergaben sich dadurch konkrete Gefahren für den Staat und die Bevölkerung wurden die gesammelten Informationen an die Polizei weitergeleitet, um Straftaten zu verhindern. Sandra hatte sich nie zuvor mit dem Verfassungsschutz beschäftigt, ihr Wissen über die Institution war somit eingeschränkt, obwohl sie durch ihre Recherchen vor ihrem aufdringlichen Vorstellungsgespräch ein paar Hintergrundinformationen besorgen konnte. Hätte sie über eine kriminelle Ader verfügt, wäre sie sofort erstaunt gewesen, dass in dem Objekt Räumlichkeiten existierten, die eindeutig Verhören und Gegenüberstellungen dienten. So blickte Sandra durch einen Einwegspiegel in ein Zimmer, in dem sich sieben Männer und drei Frauen befanden, in Reih und Glied stehend offenbar auf ein Kommando warteten, während sie von diesen durchwegs leger gekleideten Personen nicht gesehen werden konnte. Fragend sah sie zu Alexander Most, der sich in Begleitung eines Mannes befand, der sich ihr nicht vorgestellt hatte.
»Nun, Frau Lang, der Test in nicht schwierig, sollte auch nicht allzu lange dauern. Sie haben mir zu verstehen gegeben, dass Sie Gedanken lesen können, wir wollen uns davon in zwei Phasen überzeugen. Sollte es Ihnen gelingen, unsere verständlichen Zweifel zu beseitigen, können Sie im Anschluss einen Arbeitsvertrag mit allem Drum und Dran unterschreiben. Er unterscheidet sich kaum von einem gewöhnlichen Arbeitspapier, sieht man von einigen Klauseln und der Verschwiegenheitspflicht ab. Aber darüber reden wir nachher«, erklärte Alexander Most in einer Art, als ob er von der Stasi ausgebildet worden wäre. Seine Worte trug er ohne Regung und monoton vor, fast wie jemand, der keine Seele besitzen würde.
»Ich kann mich nicht daran erinnern, gesagt zu haben, hellsehen zu können«, widersprach Sandra, korrigierte: »Ich bin fähig, sämtliche Gedanken zu lesen, die mit mir im Zusammenhang stehen.«
»Wird diese Gabe richtig eingesetzt, erfährt man unter Umständen Dinge, die einem sonst unbekannt blieben«, bestätigte Alexander einen Gedankengang Sandras, der sich ihr nach dem Gespräch mit dem Schmuckhändler offenbart hatte.
»Deswegen kam ich auf die Idee mich hier vorzustellen«, entgegnete Sandra, verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Wie soll der Test ablaufen?«
