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Die Freude am freien Gestalten und an der sinnlichen Empfindung beim Spiel mit dem Sand übt Wirkung und Einfluss auf den Spielenden aus. Wie sich Empfinden und Selbstbild, Problembewältigung und Selbstfindung im Sandspiel ausdrücken, zeigt Dora Kalff an einfühlsam erzählten Beispielen aus ihrer Therapieerfahrung, veranschaulicht durch zahlreiche Abbildungen dieser faszinierenden Sandbilder.
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Seitenzahl: 178
Veröffentlichungsjahr: 2022
Dora M. Kalif
Sandspiel
Seine therapeutische Wirkung auf die Psyche
Mit einem Nachwort von Martin Kalff
6. AuflageMit 79 Abbildungen
Ernst Reinhardt Verlag München
Die 1. Auflage erschien 1966 im Rascher Verlag Zürich.
Die 2. Auflage erschien 1979 im Eugen Rentsch Verlag Zürich.
Seit der 3. Auflage erscheint dieses Buch im Ernst Reinhardt Verlag.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar. ISBN 978-3-497-03151-1 (Print) ISBN 978-3-497-61618-3 (PDF-E-Book) ISBN 978-3-497-61619-0 (EPUB) 6. Auflage
© 2022 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
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Printed in EU
Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München Net: www.reinhardt-verlag.deE-Mail: [email protected]
Inhalt
Einführung
Christoph – Überwindung einer Angstneurose
Kim – Heilung einer Lernhemmung
Daniela – Loslösung aus einer zu starken Mutterbindung
Christian – Heilung einer Enuresis (Bettnässen)
James – Instinktverlust infolge einer Identifikation mit einer extravertierten Mutter
Dede – Überwindung einer Sprechhemmung
Marina – Hintergründe einer Leseunfähigkeit bei einem adoptierten Kind
23jähriges Mädchen – Aufbau eines zu schwachen Ego
Junger Mann – Religiöse Hintergründe bei einem Fall von Erröten
Nachwort
Literaturverzeichnis
Nachwort von Martin Kalff
Meinen SöhnenPeter Baudouin und Martin Michael
Einführung
Durch meine Arbeit an Kindern und Jugendlichen ist mir klar geworden, daß sich in der Kindheit Entsprechungen zu der von C. G. Jung unter dem Prinzip einer Ganzheitsschau beschriebenen Dynamik zur Persönlichkeitszentrierung zeigen, und ich möchte diese Erkenntnisse in einigen Entwicklungsgeschichten wiedergeben. Dazu bedarf es einiger Erläuterungen.
Die Ergebnisse meiner Beobachtungen stimmen mit der psychologischen Erfahrung überein, daß das Selbst den psychischen Entwicklungsprozeß von Geburt an dirigiert. Unter dem «Selbst» versteht Jung «die Summe seiner bewußten und unbewußten Gegebenheiten». Der Mensch wird als eine Totalität geboren, die nach Erich Neumann zunächst im Selbst der Mutter aufgehoben ist. Alle Anforderungen des Neugeborenen, die an das «Mütterliche» schlechthin appellieren, wie Stillung des Hungers, Schutz vor Kälte usw., sind der leiblichen Mutter anheimgestellt. Wir nennen dies die Phase der Mutter-Kind-Einheit, in der das Kind in der mütterlichen Liebe selbstverständliche Sicherheit und Geborgenheit erfährt.
Nach einem Jahr löst sich das Selbst des Kindes, nämlich das Zentrum dieser Totalität, aus derjenigen der Mutter. Das Kind erfährt nun die Geborgenheit mehr und mehr in der Beziehung zur Mutter, in ihren Zärtlichkeitsbezeugungen. Aus der Geborgenheit erwächst eine Vertrauensbeziehung.
Die daraus erwachsene Sicherheit ist die Grundlage der dritten Phase, die am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Lebensjahrs eintritt und in welcher sich das Zentrum des Selbst im Unbewußten des Kindes festigt und sich in Symbolen der Ganzheit zu manifestieren beginnt.
Das Kind spielt, zeichnet oder malt in einer jahrtausendealten Symbolsprache, mit welcher auch der Erwachsene bewußt oder unbewußt durch alle Zeiten hindurch, in allen Kulturen, seiner Ganzheit Ausdruck verliehen hat. Eine besondere Rolle in dieser Symbolik spielen Kreis und Quadrat. Der Kreis ist nach C. G. Jung meist aufzufassen als «Symbol der Vollkommenheit und des vollkommenen Wesens, ist ein allverbreiteter Ausdruck für Himmel, Sonne, Gott und für das Urbild des Menschen und der Seele» (Abb. 1, 2, 3, 4). Die Vierheit hingegen tritt nach meiner Erfahrung dort auf, wo eine Ganzheit sich vorbereitet. Ich habe beobachtet, daß in der psychischen Entwicklung die Vier vor dem Symbol des Kreises (Abb. 5, 6, 7) oder aber in Verbindung mit diesem sichtbar wird.
Meine Auffassung wurde mir auf eine schöne Weise vor einigen Jahren bestätigt, als ich in San Francisco die Sammlung von Rhoda Kellogg von tausenden von Kinderzeichnungen und Fingerfarben-malereien von Zwei- bis Vierjährigen sehen durfte, die sie als Vorsteherin einer Nursery School während vieler Jahre gesammelt hatte. Ein großer Teil davon wies die bekannten Ganzheitssymbole auf.
Aber nicht nur in Zeichnungen oder Malereien treten diese Symbole auf; sie kommen auch in der kindlichen Ausdrucksweise vor. So fragte mich eines Tages ein dreijähriger Knabe: «Wenn es wahr ist, daß die Erde eine Kugel ist und Gott alle Menschen sieht, ist Er dann wie ein Kreis?» Auf jeder seiner Zeichnungen zog er jeweils an der oberen Bildseite einen blauen Strich von einem Ende zum andern. Auf meine Frage, was der Strich denn bedeute, antwortete er, das sei der liebe Gott. Diese Striche, jeder ein winziges Teilchen eines riesengroßen Kreises, sprachen von seiner Vorstellung.
Ein anderer Junge, ungefähr gleichen Alters, entdeckte eines Tages Zinnfigürchen auf meinem Flügel. Er stellte sie alle zu einem vollkommenen Kreis auf, dann verließ er das Zimmer für eine Weile, und als er wiederkam, stellte er ein mitgebrachtes kleines, weißes Porzellantäubchen hinter eine Photographie, die auf dem Flügel stand. Als ich ihn fragte, was das Täubchen in diesem Versteck mache, antwortete er: «Wir sehen den lieben Gott ja auch nicht.»
An diesen Aussagen erkennen wir den numinosen Gehalt des Symbols. Der Kreis ist nicht nur eine geometrische Form, sondern ein Symbol, das etwas unsichtbar im Menschen Lebendes ans Licht treten läßt. Symbole sprechen für innere, energiegeladene Bilder, für Dispositionen des Menschseins, die, wenn sie sichtbar werden, die Entwicklung des Menschen immer wieder beeinflussen. Symbole numinosen oder religiösen Inhalts sprechen daher von einer inneren, geistigen Ordnung, die den Bezug zur Gottheit bewirkt. Sie verleiht dem Menschen die Sicherheit, die ihm u. a. die Entfaltung seiner Persönlichkeit gewährleistet.
Die Manifestation des Selbst möchte ich als den wichtigsten Augenblick in der Entwicklung der Persönlichkeit bezeichnen.
Bei der psychotherapeutischen Arbeit hat es sich erwiesen, daß das Ich sich nur auf Grund einer gelungenen Manifestierung des Selbst, sei es als Traumsymbol oder als Darstellung im Sandkasten, gesund entwickeln kann. Eine solche Manifestierung des Selbst scheint mir Gewähr für die Entfaltung und Konsolidierung der Persönlichkeit zu sein.
Umgekehrt nehme ich bei einer schwachen und neurotischen Ich-Entwicklung mit Gewißheit an, daß diese Manifestierung des Selbst (im Symbol) wegen mangelnder mütterlicher Beschützung sich nicht ergeben hat oder daß sie in der frühesten, zartesten Entwicklung durch äußere Einflüsse wie Krieg, Krankheit oder auch Unverständnis der Umgebung entscheidend gestört wurde. Ich habe mir deshalb zur Aufgabe gemacht, in der Therapie für das Kind einen freien und zugleich geschützten Raum innerhalb unserer Beziehung herzustellen. Dieser freie Raum in der therapeutischen Situation ergibt sich dann, wenn der Therapeut das Kind völlig annehmen kann, so daß er innerlich ebenso intensiv an allem, was da vor sich geht, beteiligt ist wie das Kind selbst. Wenn dieses spürt, daß es in all seiner Not, aber auch in seinem Glück nicht allein ist, fühlt es sich in seinen Äußerungen frei und doch geschützt. Ein solches Vertrauensverhältnis ist darum so wichtig, weil es unter Umständen die Situation der ersten Phase, diejenige der Mutter-Kind-Einheit, wieder herstellen kann. Damit wird eine psychische Situation des In-sich-Ruhens geschaffen, die gleichzeitig alle Kräfte zur Persönlichkeitsentwicklung, sowohl intellektuelle als auch geistige, im Keim enthält.
Es ist Aufgabe des Therapeuten, diese Kräfte zu erkennen und sie, wie der Hüter eines kostbaren Gutes, in ihrer Entwicklung zu beschützen. Als «Hüter» bedeutet er für das Kind den Raum, die Freiheit und zugleich die Grenzen. Eine individuell bemessene Begrenzung ist deshalb bedeutsam, weil eine Verwandlung der Energien nicht im Uferlosen, sondern nur innerhalb der Grenzen des Einzelnen erfolgreich vor sich gehen kann.
Der im 17. Jahrhundert geborene Mystiker und Seelsorger Gerhard Tersteegen handelte nach folgendem Grundsatz: «Wer mit Seelen umgeht, muß sein wie ein Kindermädchen, so ein Kind am Leibband hält und solches nur vor Gefahren und Fallen bewahret, sonst aber dem Kinde seinen freien Gang lässet.» Damit hat er ausgesprochen, daß es für die Seelsorge keine eindeutigen Theorien gibt, daß man das Einmalige im Menschen anerkennen möge, um unter kluger Leitung der Individualität die freie Entfaltung zu ermöglichen.
Die Entwicklung im Schutz des Therapeuten ist dem Erreichen des Ziels zu vergleichen, das von Pestalozzi in seiner Schrift Wie Gertrud ihre Kinder lehrt angestrebt wird: daß durch die echte Liebe der Mutter der Mensch die innere Einheit erreiche und damit den Zugang zum Göttlichen finde.
Da nach meiner Erfahrung ein gesundes Ich sich nur auf einer Basis der Geborgenheit des Kindes formen kann, muß ich annehmen, daß bei einem schwachen Ich die Manifestation des Selbst als Symbol, die normalerweise im Alter von zwei bis drei Jahren beobachtet werden kann, nicht stattgefunden hat. Es zeigt sich indessen, daß in den meisten Fällen die in der Kindheit verunmöglichte symbolische Manifestierung des Selbst bis zu einem gewissen Grad auf jeder Lebensstufe nachgeholt werden kann.
C. G. Jung selbst weist im Kapitel «Allgemeines zur Symbolik» (Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion, Gesammelte Werke Band XI, S. 208) darauf hin, wie wichtig es sei, «daß die Symbole, welche auf die Ganzheit zielen, vom Arzt richtig verstanden werden. Sie bilden nämlich das Hilfsmittel, mit dem sich neurotische Dissoziationen aufheben lassen, indem sie dem Bewußtsein wieder jenen Geist und jene Haltung zuführen, welche seit jeher von der Menschheit als lösend und heilend empfunden wurden. Es sind ,représentations collectives’, welche von Urzeit an die so nötige Verbindung von Bewußtsein und Unbewußtsein ermöglichten. Diese Vereinigung kann weder intellektuell noch praktisch vollzogen werden, weil in ersterem Falle die Instinktsphäre rebelliert und in letzterem Vernunft und Moral sich sträuben. Jede Dissoziation innerhalb des Gebietes der psychogenen Neurose beruht auf einem derartigen Gegensatz, welcher nur durch das Symbol geeint werden kann.»
1 Kreis, Dreieck und Viereck als Urformen des Universums nach Sengai, «The World of Zen», N. W. Ross, New York, 1960
2 Sandbild «Kreise im Sand» eines 11jährigen Knaben
3 Die Sonne als Gottesbild aus C. G. Jung «Symbole der Wandlung», Walter, 1973
4 Sandbild «Sonne» eines 15jährigen Knaben
5 Chinesische Symbole fur Himmel (Rund) und Erde (Viereck), Chou-Dynastie, aus Chinese Art, Finlay Mackenzie, 1966
6 Malerei eines Dreijährigen (Sammlung Rhoda Kellogg, San Francisco)
7 Ausgrabung einer Siedlung aus der Vikingerzeit, Dänemark, Publikation des Dänischen Nationalmuseums
8 Sandbild eines 8jährigen Knaben
Davon spricht auch Bachofen, wenn er in seiner Schrift zur Urreligion schreibt: «Das ist ja eben die hohe Würde des Symbols, daß es verschiedene Stufen der Auffassung zuläßt und selbst anregt und von den Wahrheiten des physischen Lebens zu denen einer höheren, geistigen Ordnung weiterführt.» Das Symbol verkörpert ein Bild eines bewußtseinstranszendenten Inhalts und weist auf die ewige Grundlage unserer von Gott gegebenen Natur. Wird es erkannt und erlebt, führt es den Menschen zur eigentlichen Würde seines Menschseins.
Das Symbol nun spielt auch in der Sandkastentherapie, die ich auf Grund des Lowenfeldschen Sandspiels weiter ausgebaut habe, eine große Rolle. Ich verwende dazu einen Sandkasten mit festgelegten Dimensionen (57x72x7 cm), der die Phantasie der Spielenden begrenzt und so als ordnender, beschützender Faktor wirkt.
Das vom Kind mit einer Auswahl aus hunderten von kleinen Figuren hergestellte Sandbild kann als dreidimensionale Darstellung einer psychischen Situation aufgefaßt werden. Ein unbewußtes Problem wird wie ein Drama im Sandkasten aufgeführt. Der Konflikt wird von der inneren Welt in die äußere transponiert und sichtbar gemacht. Dieses Phantasiespiel beeinflußt die Dynamik des Unbewußten im Kind und wirkt so auf seine Psyche ein.
Der Analytiker interpretiert für sich die im Laufe ganzer Serien von Sandbildern auftauchenden Symbole. Das so gewonnene Verständnis der im Sandbild auftauchenden Problematik schafft eine Vertrauensatmosphäre zwischen Analytiker und Kind, eine Art Mutter-Kind-Einheit, die ihren heilenden Einfluß ausübt. Die Einsicht des Therapeuten braucht dabei dem Kind nicht in Worten mitgeteilt zu werden. Es geht hier um das bereits erwähnte Erleben des Symbols im geschützten Raum.
Unter Umständen allerdings werden die Bilder dem Kind auf eine leicht verständliche Weise und im Zusammenhang mit seiner äußeren Lebenssituation erklärt. Damit wird anhand des äußeren Bildes die innere Problematik sichtbar gemacht, was die Entwicklung einen Schritt weiter führt.
Einzelheiten und Aufbau der Bilder geben dem Therapeuten auBerdem Richtlinien für die Behandlung. Oft gibt schon das Initialbild Aufschluß über die Situation – es enthält dann, im Symbol verborgen, das zu erstrebende Ziel: die Verwirklichung des Selbst. Daraufhin werden neue Energien frei, die zu einer gesunden Ich-Entwicklung führen.
Die normale Entwicklung dieser Energien hat ein achtjähriger Knabe sehr schön in einem Sandbild (Abb. 8) dargestellt: rechts oben sozusagen das Selbst, verkörpert im guten Hirten mit den Schafen. Dunkle, fremde Mächte (Marokkaner) steuern in geordneten Reihen auf den in sich geschlossenen Bereich zu, einem Bild des in sich ruhenden Knaben. Die verteidigenden Mächte sind bewaffnet; der Knabe bemerkte jedoch dazu: «Eigentlich brauchten sie keine Waffen» – er ahnte, daß er ihnen gewachsen war.
Meine Erfahrungen decken sich mit der Theorie der Ich-Entwicklungsstufen von Erich Neumann, der sie folgendermaßen definierte :
1. die animalische, vegetative Stufe
2. die Kampfphase
3. die Anpassung an das Kollektiv.
Das Ich zeichnet sich also zunächst in Bildern ab, in denen Tiere und Vegetation vorherrschen. Die nächste Stufe bringt die vor allem in der Pubertät immer wieder auftretenden Kampfhandlungen. Das Kind ist nun schon so weit gestärkt, daß es den Kampf mit äußeren Einflüssen auf sich nehmen und sich mit ihnen auseinandersetzen kann. Schließlich wird es in der Umwelt als Person aufgenommen und eingegliedert.
In meinen Studien der chinesischen Gedankenwelt bin ich einem Diagramm begegnet, das, wie mir scheint, unseren Auffassungen entspricht (Abb. 9). Es ist das Diagramm des Chou-Tun-Yi, eines Philosophen der Sung-Zeit, der um das Jahr 1000 gelebt hat. Hier ist der Uranfang aller Dinge in einem Kreis dargestellt, in dem ich eine Analogie zum Selbst bei der Geburt sehe. Ein zweiter Kreis enthält das Yin und Yang, aus deren ineinanderfließenden Bewegung die Elemente sich entwickeln. Ich möchte diesen Kreis in unserem Zusammenhang mit dem, was ich über die Manifestation des Selbst ausführe, vergleichen. Er enthält die im Keim vorhandenen Kräfte zur Ich-Bildung und Persönlichkeitsentwicklung (siehe auch Abb. 10, 11). Wie die 5 Elemente aus dieser Konstellation, so entfaltet sich die Persönlichkeit um den zentrierenden Punkt des Ich. Ich setze diesen Schritt der Entwicklung in der ersten Lebenshälfte gleich. Auch in unserer Tradition ist die Fünf die Zahl des natürlichen Menschen (Abb. 12, 13). Der Mensch wird hier als Pentagramm mit ausgestrecktenArmen und Beinen zusammen mit dem Kopf als Mikrokosmos im Makrokosmos gesehen.
Der dritte Kreis könnte demnach mit dem Sichtbarwerden des Selbst im Individuationsprozeß in der zweiten Lebenshälfte verglichen werden. Den vierten Kreis sehe ich als Ausgang der dem Eingang gegenübersteht, also als Abschluß der Bewegung, die vom Leben zum Tode führt. Nach dem Gesetz der Wandlung, auf dem das Diagramm beruht, liegt im Tode – sowie im Opfer einer zu Ende gelebten psychischen Situation – der Keim zu neuem Leben.
Diese Darstellungen mögen uns zeigen, daß unser Leben über alle Traditionen hinweg einem physischen und psychischen Ablauf entspricht, der als Basis der individuellen Entwicklung angeschaut werden kann.
Es scheint mir daher, daß unsere therapeutischen Bemühungen nur von dieser Sicht aus dem Kind und dem Jugendlichen gerecht werden können.
Die Kinder, die zu mir in Behandlung kommen, leiden vor allem daran, daß ihnen die innere Sicherheit und Geborgenheit fehlt. Irgend etwas – seien es ungünstige häusliche Verhältnisse, oder mögen die Ursachen außerhalb des Zuhauses liegen – verhindert ihre normale Entwicklung, die allein das innere Gleichgewicht mit sich bringt.
Ich halte es daher für außerordentlich wichtig, die Praxis nicht von der Umgebung und Atmosphäre, innerhalb der sie vor sich geht, zu trennen. Wenn sich die schwere Haustür (mein Haus trägt die Jahreszahl 1485) hinter dem Kind geschlossen hat, tritt es in eine alte, getäfelte Stube, in der ein prächtiger Kachelofen einen großen Platz einnimmt. Mittels ein paar eingebauten Stufen ist er leicht zu erklimmen. Das Kind darf nun vorerst tun und lassen, was es will: Es kann sich auf den Ofen setzen oder legen, von oben die Stube oder durch das Fenster die in dem kleinen Springbrunnen im Garten badenden Vögel betrachten; es kann Bilderbücher und Zeitschriften durchblättern und lesen, oder es fühlt sich ermutigt, die vielen alten, oft ungewohnt anmutenden Dinge und Bilder, die das alte Haus birgt, auszukundschaften und genau zu besehen. Das Interesse wird noch verstärkt durch die unregelmäßige Anordnung der Räume und Treppen, die die Kleineren hin und wieder zu einem Versteckspiel geradezu einladen. Im älteren Kind wird unter Umständen die Lust zum Abenteuer, zur Suche nach einem verborgenen Schatz, geweckt. All dem trage ich nach Möglichkeit Rechnung. Oft führe ich die Kinder in den Keller, wo sie die meterdicken Mauern danach untersuchen, ob sie vielleicht mit einem unterirdischen Gang in Verbindung stünden. Oder wir begeben uns auf den riesengroßen Estrich mit seinen Zwischenböden, die zu Entdeckungen einladen. Im Grunde sind die Kinder dabei auf der Suche nach etwas Verborgenem, das sie in sich selbst finden möchten – was ihnen aber bisher nicht gelungen war.
10 Knochenzeichnung aus Dänemark, Mann und Frau in der Umhegung (nach Fehrle)
11 Gipsplastik eines 12jährigen Mädchens, «Tänzer und Tänzerin», im 5zackigen Stern
12 Christus (als Anthropos) auf der Erdkugel stehend, umgeben von den vier Elementen. Aus C. G. Jung, «Psychologie und Alchemie», Walter, 1972
13 Mensch als Mikrokosmos (Pentagramm) nach A. U. Nettesheim. Aus «Dictionary of Symbols», London, 1962
14 Spielfiguren für des Lowenfeldsche Sandspiel
15a Eingang zum Haus «Zur Hinder Zuenen»
15b Spielzimmer mit Sicht auf Garten
So bietet ihnen das Haus, welches vor hunderten von Jahren auf einen Felsen gebaut worden war und dessen Räume nicht mit Hilfe von Meterstab und Zirkel ihre Form bekamen, sondern wie durch ein Naturgesetz gewachsen sind, eine Atmosphäre, die dem natürlichen, vor allem den jungen Menschen entspricht. Ja, mehr als das: Das Kind findet hier eine Welt vor, die ihm offen steht, von der es völlig auf- und angenommen wird. Tritt es dann in das Spielzimmer mit dem Sandkasten, so ist der Bann schon gebrochen, der vielleicht durch die Frage entstand: Was werde ich vorfinden, was werde ich tun müssen?
Im Spielzimmer (Abb. 15b) findet es nun viele Dinge vor: Farben, Ton, Mosaiksteine, Gips und vieles andere, das zur Benützung einlädt, liegen auf einem großen Tisch offen da. Daneben stehen Sandkästen und auf einem Gestell (Abb. 14) hunderte von kleinen Figuren aus Blei oder anderem Material: Menschen – nicht nur verschiedene Berufe und Typen der heutigen Zeit, sondern auch Figuren aus vergangenen Jahrhunderten, Neger, kämpfende Indianer u. a. –, wilde und domestizierte Tiere, Häuser verschiedenster Bauart, Bäume, Sträucher, Blumen, Zäune, Verkehrssignale, aber auch Autos, Züge, alte Kutschen, Boote; kurzum, es sind lauter Dinge, die in der weiten Welt, aber auch in der Phantasie des Kindes vorkommen.
Sie gehören zu dem Material, welches Frau Dr. Lowenfeld in London zu ihrem «Weltspiel» zusammengestellt hat. Sie verstand es, sich ganz in die Welt des Kindes zu versetzen; und daraus schuf sie in genialer Eingebung ein Spiel, das es dem Kind ermöglicht, in einem Sandkasten, dessen Maße genau dem menschlichen Blickfeld entsprechen, eine Welt – seine Welt – aufzubauen. Unter den vielen Gegenständen wählt es jene aus, von denen es besonders angesprochen wird, die ihm etwas bedeuten. Es formt im Sand Hügel, Tunnels oder Ebenen, Seen und Flüsse, gerade so, wie es eben aus seiner Situation heraus die Welt sieht, und läßt darin die Figuren so handeln, wie es sie in seiner Phantasie erlebt.
Das Kind ist also völlig frei in der Gestaltung, in der Wahl der Figuren und ihrer Verwendung. Aber so wie echte Freiheit immer eine Begrenzung voraussetzt, so setzt das auf den Menschen zugeschnittene Maß des Sandkastens dem Dargestellten eine Grenze, innerhalb deren sich die Wandlung vollzieht. Das Kind erlebt also ganz unbewußt das, was ich als den freien und Zugleich geschützten Raum bezeichne. In ihm begibt sich nun, was ich an einigen Fällen darzustellen versuche. Es ist mir allerdings bewußt, daß meine Darstellung aus Rücksicht auf die Patienten gewisse Lücken aufweisen muß.
Christoph
Überwindung einer Angstneurose
An der Hand seines hochgewachsenen, bäuerlich aussehenden Vaters machte der 9jährige Christoph einen überaus zarten und ängstlichen Eindruck. Er kam jedoch meiner Aufforderung, mit mir ins Spielzimmer zu kommen, willig nach. Etwas zögernd, doch neugierig schaute er sich um. Kleine Löckchen kräuselten sich um seine blasse, ziemlich hohe Stirn. Das sollte ein Kind vom Lande sein? Nach einer Weile blieb sein Blick auf der kleinen «Käpselipistole» (Knallpistole) haften, die in einiger Entfernung von ihm lag. «Möchtest du damit spielen?» fragte ich ihn. Eine kurze, aber bestimmte Abwehrbewegung verriet mir, daß er davor Angst hatte.
Von seinem Vater hörte ich, daß die Schulbehörde ihn aufgefordert habe, den Knaben zu einem Psychologen zu bringen, da er immer wieder heimlich von der Schule fern blieb. Christoph verließ sein Zuhause pünktlich vor Schulbeginn und kam auch zur richtigen Zeit nach Schulschluß wieder nach Hause. Daher ahnte die Mutter zunächst nicht, daß er oft die Schule schwänzte.
Mit seinen Eltern und einem um zwei Jahre jüngeren Bruder wohnte Christoph abseits in ländlicher Umgebung. Sein Schulweg führte durch Wiesen mit Obstbäumen zur Dorfschule. Was mochte er in der Zeit, da die andern Kinder in der Schulstube saßen, getan haben? Niemand wußte es.
Sein Blick streifte den Sandkasten. «Hast du auch schon mit Sand gespielt?» «Ja, früher, das ist nur noch gut für meinen kleinen Bruder, ich bin schon zu groß dazu», antwortete er.
«Aber vielleicht hast du noch nie mit Figuren wie diesen hier» – ich zeigte ihm meine Sammlung – «im Sand gespielt.»
