Sarantium - Die Götter - Lara Morgan - E-Book

Sarantium - Die Götter E-Book

Lara Morgan

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Beschreibung

Der letzte Kampf steht bevor ...

Das Reich Sarantium steht in Flammen, und die Zwillinge Shaan und Tallis sind die letzte Hoffnung der Bewohner. Aber Shaan ist mit dem gefallenen Azoth in einer geheimnisvollen Anderswelt gefangen und um sie zu befreien, muss Tallis es schaffen, den Vier Göttern einen mächtigen Ring zu entreißen. Nur gemeinsam können die Geschwister ihre Welt und die Menschen noch vor dem Untergang bewahren – doch dafür müssen sie das größte Opfer bringen ...

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Seitenzahl: 994

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Das Buch

Die Vier Götter halten die Macht in ihren Händen, und die Drachen sind in einen magischen Schlaf gefallen. Nur die Zwillinge Shaan und Tallis können die Menschheit jetzt noch vor einer Schreckensherrschaft bewahren. Doch Shaan ist zusammen mit dem gefallenen Gott Azoth in einer Anderswelt gefangen. Tallis ist entschlossen, seine Schwester zu retten, doch auch er gerät bei dem Versuch in Gefangenschaft. Währenddessen lassen die Götter eine Armee aus versklavten Menschen gegen die letzten Widerständler vorrücken. Den Zwillingen bleibt nur noch wenig Zeit, die drohende Katastrophe zu verhindern – und dazu müssen sie eine Entscheidung treffen, die ihre letzte sein könnte …

Die Autorin

Lara Morgan ist in Westaustralien aufgewachsen und hat große Teile Europas ebenso bereist wie die Dschungel Borneos. Sie hat mehrere künstlerische Projekte geleitet und arbeitet als Redakteurin und Schriftstellerin.

Lara Morgan bei Blanvalet:

Sarantium – Die Zwillinge

Sarantium – Die Verräter

Sarantium – Die Götter

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Lara Morgan

SarantiumDie Götter

Roman

Übersetzt von Maike Claußnitzer

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Twins of Saranthium 03. Redemption« bei Tor, Sydney.1. AuflageTaschenbuchausgabe April 2018 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 MünchenCopyright der Originalausgabe © 2016 by Lara MorganUmschlaggestaltung und -illustration: Isabelle Hirtz, Inkcraft JB Herstellung: samSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-20981-0V001www.blanvalet.de

Für meinen Dad, der immer wissen wollte, wie die Geschichte ausgeht. Dieses Buch ist für dich.

Prolog

Als sie die Augen öffnete, sah sie den Himmel, fahl wie verwässerte Milch. Sie lag auf dem Rücken, und die Luft war trocken und kalt. Ein seltsamer Geschmack nach Asche und bitterem Salz lag auf ihrer Zunge. Ihre linke Hand pochte vor Schmerz. Mit einem leisen Stöhnen wälzte sie sich auf die Seite und setzte sich auf. Der Boden bestand aus körnigem Sand, der unter ihr knirschte wie Eierschalen. Sie wiegte ihre linke Hand. Eine runde Verbrennung hob sich geschwollen und rötlich davon ab. Sie hielt den Arm an die Brust gezogen und sah sich um.

In allen Richtungen lag – nichts, nur flaches weißes Ödland. Ein fernes Geräusch wie von Wind, der durch Zweige heulte, sorgte dafür, dass sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Namenlose Angst stieg in ihr auf. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie hierhergekommen war, welcher Tag es war, oder auch nur welches Jahr.

Sie konnte sich nicht an ihren Namen erinnern.

Ihr Herz machte vor Panik einen Sprung, und sie kämpfte sich auf die Knie. Die nackte Haut ihrer Beine und Arme war von weißem Staub bedeckt. Ihr Brustkorb hob und senkte sich kaum merklich, da sie nur ganz flach atmete.

»Wo bin ich?« Ihr Flüstern war heiser und klang in der Einsamkeit brüchig und kaum hörbar.

»Nirgendwo«, antwortete eine Stimme.

Sie wirbelte herum. Ein Mann lag hinter ihr. Hochgewachsen. Sein dunkles Haar war von demselben weißen Staub bedeckt. Er hatte Arme und Beine von sich gestreckt, als würde kein bisschen Leben mehr in ihm stecken.

»Wer bist du? Was ist geschehen? Wo …« Sein gellendes Auflachen, in dem wilder Wahnsinn mitschwang, übertönte ihre Worte. Er starrte in den Himmel und lachte und lachte, aber es lag keine Freude in dem Geräusch, nur eine Art kläglicher Sinnlosigkeit.

»Hör auf!«, schrie sie ihn an. »Wer bist du? Was ist das hier für ein Ort?«

Sein Lachen verklang, und er wandte den Kopf, um sie anzusehen. Seine Augen waren so dunkel, dass sie schwarz wirkten. »Das solltest du doch wissen, mein Kind. Du hast uns hergebracht. Dies ist der Ort, wo nichts je begonnen hat. Nichts existiert.«

Kind? Sie fühlte sich ihm nicht verwandt, aber da war irgendetwas – etwas, das sie nicht klar benennen konnte, das ihr aber verriet: Es bestand eine Verbindung zwischen ihnen. Eine Verbindung, die nichts Gutes verhieß. »Wie lange sind wir schon hier?«, fragte sie.

»Seit einer Ewigkeit. Oder seit einem Augenblick. Es spielt keine Rolle.« Er schloss die Augen. »Zeit ist bedeutungslos.«

»Weißt du, wer ich bin?«

Er lachte erneut. Tränen quollen aus seinen Augen und liefen ihm über die eingefallenen Wangen, aber er lachte immer weiter, lag da und lachte in den endlosen Himmel empor.

Sie stand auf, schwankte, taumelte und blinzelte im gleißenden Licht. Der Rock ihres Kleides hing in Fetzen. Sie war barfuß. In der kalten Luft bekam sie eine Gänsehaut. Ringsum erstreckte sich nichts, eine große Ebene des Nichts, Sand, der Erde ähnelte, aber keine Erde war, Kristalle unter ihren nackten Füßen, zu einem weißen Staub zermahlen, der ihre Beine, ihre Arme und ihr Gesicht überzog.

Sie konnte keinen Horizont erkennen, keine Sonne und keinen Quell des matten, weißlich grauen Lichts. Der Mann lachte immer noch vor sich hin, mittlerweile leiser, wie über einen Scherz, den sie nicht verstand.

Ihre Hand pochte immer heftiger.

Was war ihr zugestoßen? Sie musterte die Verbrennung, starrte sie aufmerksam an. Aus dem Nirgendwo umspielte eine Brise ihre Beine, ließ ihr den zerlumpten Stoff um die Schenkel flattern. Und mit dem Wind kehrte die Erinnerung zurück: eine Schlacht, blendendes Sonnenlicht auf Schwert und Pfeil, Blut im Sand und die Schreie der Sterbenden, Heerscharen von Drachen und der Wind in ihrem Gesicht, als sie mit den Drachen dahinflog und der Schöpferstein ihr etwas zuraunte. Die Vier Götter, voll furchterregender Macht, ihr Bruder, der auf sie zurannte und selbst vor mörderischer Kraft leuchtete, gottgleich auch er, und dann Tallis, wie er sie über den Sand hinweg anstarrte, entsetzt und enttäuscht, und das Erschauern, als ihre Klinge in den Stein drang.

Ihr stockte der Atem. Sie strauchelte, blickte ins Nichts und flüsterte: »Shaan. Mein Name …«

Der Mann hörte auf zu lachen. Der weiße Staub knirschte, als er sich hochstemmte. Sie starrte ihn an. Allmählich breitete sich das Verstehen in ihrem Kopf aus, und sie begann zu zittern.

»Azoth?«

Er sah sie müde und wissend an. »Willkommen im Zwielicht, meine Liebe.«

Im Morgengrauen brach Tallis wieder zur Jagd auf. Er verließ leise die Höhle, die er im Jalwalah-Brunnen mit seiner Mutter teilte, und ließ den Ledervorhang der Tür behutsam hinter sich zufallen, um nicht die Bewohner der benachbarten Unterkünfte zu wecken. Dann folgte er dem gewundenen engen Gang aus dem Wohnbereich in die Große Höhle. Sanft leuchtende Öllampen erhellten in regelmäßigen Abständen den Weg, aber er hätte ihn auch mit geschlossenen Augen gefunden. So wie er es schon als Kind getan hatte, fuhr er mit der Hand über den Stein und zählte die Erhebungen und Spalten in der Wand, die kleinen Haarrisse, die seine Fingerspitzen streiften. Der scharfe, beißende Pflanzengeruch des Lampenöls stieg ihm in die Nase, und er fühlte sich daran erinnert, wie er damals hier entlanggerannt war, verfolgt von Irissa, Jared vor ihm, so dass sein Schatten über die Wand gehüpft war. Ihr Lachen hatte in den Tunneln widergehallt. Wie alt waren sie damals gewesen? Sieben, acht?

Irgendwo hinter ihm weinte ein Säugling, und der Verlustschmerz traf ihn wie ein Messerstich; bei den Erinnerungen bekam er vor Trauer eine Gänsehaut. Jared würde nie seine eigenen Kinder durch diese Gänge laufen sehen, und Tallis zweifelte, ob es ihm selbst vergönnt sein würde. Selbst wenn Irissa dank einer glücklichen Fügung noch am Leben war, warum hätte sie mit ihm zusammen sein wollen, dem Mann, der dem Leben ihres Bruders ein Ende gesetzt hatte?

Er beschleunigte seine Schritte. Hier lauerten zu viele Erinnerungen. Zu viel Verlorenes.

Aus den niedrigen Wohntunneln gelangte er in die Große Höhle des Jalwalah-Brunnens. Die Felswände der kreisförmigen Höhle ragten hoch auf, ihre Wölbung verlor sich in der Dunkelheit. Öffnungen in den Wänden führten zu weiteren Wohnhöhlen und der Wabe aus heißen Quellen unter der Erde. In der Mitte befand sich die Gemeinschaftsfeuerstelle, die so groß war, dass man ein ganzes Muthu darüber braten konnte. Jenseits davon umschloss der Ausgang in die Wüste als großer Halbkreis den düsteren Himmel der Morgendämmerung. Es waren nur wenige Menschen hier: diejenigen, die das erste Mahl des Tages zubereiteten, darunter seine Mutter Mailun. Obwohl sie damit beschäftigt war, Brotteig zu kneten, erspähte sie ihn und winkte ihn mit einer Kopfbewegung zu sich heran, aber Tallis tat so, als würde er sie nicht verstehen, hob stattdessen nur die Hand zum Gruß und eilte ins Freie. Er hatte schon seit mehreren Tagen nicht mehr mit ihr gesprochen, sondern darauf geachtet, nur dann in ihre Wohnhöhle zu kommen, wenn Mailun schlief oder unterwegs war. Er war noch nicht bereit, sich Gedanken über den Besuch bei den Baal zu machen, den Miram, der neue Anführer der Jalwalah, von ihm erwartete, und danach würde ihn Mailun als Erstes fragen.

Er trat aus dem schwachen Licht des Brunnens in den nur unwesentlich helleren Morgen. Die Luft war kalt, die Sonne ein schmaler orangefarbener Streifen am Horizont, und der Sand knirschte als eisige Kruste unter den dünnen Sohlen seiner Stiefel. Zwei junge Clansleute, die sich am Höhlenausgang leise unterhielten und Speere in der Hand trugen, wandten den Blick ab, als er vorüberkam. Eine alte Frau, die eine Tasse Kaf trank und den Sonnenaufgang beobachtete, kniff missbilligend die Lippen zusammen. Er spürte ihren Blick im Rücken, als er an der Außenwand des Brunnens entlanghuschte.

Der Jalwalah-Brunnen ragte als Monolith hoch über ihm auf und gab gespeicherte Wärme in die Kälte des Morgens ab. Wieder hier zu sein brachte ein gerüttelt Maß bittersüßen Leids mit sich: Erinnerungen an alles, was seit dem Erscheinen der Götter verloren gegangen war. Blutvergießen. Zu Kaa geschickte Freunde und Verwandte. Die Jalwalah hatten schon im Kampf gegen Azoth viele Krieger verloren, aber das Eintreffen der Vier Götter, die jeden auf dem Schlachtfeld niedergestreckt hatten, hatte fast alle ausgelöscht. Jetzt hatten sie vielleicht noch siebzig, wenn man die Jugendlichen mitzählte, die nicht in den Krieg gezogen waren. So sah es auch bei den meisten anderen Clans aus, bei einigen gar schlimmer. Die Baal, die schon immer zahlreicher gewesen waren, hatten noch die meisten Krieger, aber sogar sie waren zu wenige. Was den Rest von Sarantium außerhalb der Wüste betraf, knechteten oder töteten die Götter alle Menschen, Ortschaft um Ortschaft. Wie lange noch, bis niemand mehr übrig war – oder bis die Götter einen Weg fanden, die unsichtbare Barriere zu umgehen, die sie von der Wüste fernhielt?

Tallis kam an dem kleinen Lager einer Gruppe von Feuchtländern aus Galicia vorbei. Sie hatten ihre Zelte nicht weit vom Eingang der Großen Höhle entfernt aufgeschlagen, nahe genug, um an alles zu gelangen, was sie benötigten, aber dennoch getrennt von den Clansleuten zu bleiben. Mehrere andere Lager wie dieses verteilten sich rings um den Brunnen. Überlebende, Flüchtlinge vor dem Marsch der Götter quer durch die Lande – diejenigen, die das Glück gehabt hatten, weit genug entfernt zu sein, um dem Seelensammeln zu entgehen. Alle, die es irgendwie schafften, landeten hier oder bei den Baal. Bei den anderen Clans hatten so wenige die Schlacht überlebt, dass sie es sich nicht leisten konnten, noch mehr hungrige Mäuler zu stopfen; vielleicht wollten sie es auch nicht.

Eine junge Frau, die in einem Topf über einem Feuer rührte, schaute auf, als er vorbeikam. Sie trug ein Kopftuch, wie es in den Freilanden Sitte war, und wandte rasch den Blick ab, als er ihr in die Augen sah. Alle kannten ihn jetzt, aber niemand sprach mit ihm, was Tallis nur recht war. Das Letzte, was er wollte, war, Fragen darüber zu beantworten, was er gegen die Götter unternehmen konnte. Er wusste keine Antworten darauf. Er war gescheitert. Er hatte die Rückkehr der Vier Götter nicht verhindert, er hatte die Schlacht nicht für die Menschen gewonnen. Er konnte ihnen nicht helfen, und Shaan war verschwunden. Seine Zwillingsschwester war verloren. Er hatte nichts mehr zu geben.

Asrith hat niemanden gesehen. Sie spricht, aber kein Semorphim antwortet. Marathins zischelndes Drachenflüstern erfüllte seinen Geist.

Merk dir ihre Position, sandte Tallis ihr zu. Wir fliegen trotzdem hin.

Er ging schneller und ließ die Zelte hinter sich, bis er auf die andere Seite des Brunnens gelangte. Marathin wartete von ihm abgewandt und blickte in die Wüste hinaus, ein riesiger buckliger Schatten im Sand neben einem verdorrten Dornstrauch.

Tallis strich ihr mit den Fingern sacht über die Haut, während er an ihr entlangging, und spürte, wie sich die Verbindung zwischen ihnen bei der Berührung vertiefte. Ihre Schuppen waren rau und heiß. Die Drachin war älter als viele andere, aber es zeigte sich noch nicht, zumindest nicht so wie damals bei Nuathin, Azoths uraltem und liebstem Drachen. Nuathins Schuppen waren im Laufe der Zeit beinahe grau geworden, aber Marathins dunkelgrüne Haut funkelte im Licht der aufgehenden Sonne unter einer dicken Schicht aus Fett und Moschus. Sie war – für einen Drachen – im mittleren Alter, vielleicht um die sechshundert Jahre alt; Tallis war sich nicht sicher. Sie wandte den Kopf und beobachtete ihn aus einem Auge, während sie heiße Luft aus den Nüstern schnaubte und den Sand verwirbelte.

Unsere Jagd zieht sich in die Länge, sagte sie. Fliegen wir dennoch weiter?

Wir fliegen, bis ich sage, dass es genug ist. Er verstärkte seinen Einfluss auf sie, und sie senkte den Kopf ein winziges Stück und schnappte mit den Zähnen. Arak-ferish, flüsterte sie.

Tallis streckte die Hand nach ihren Flügelansätzen aus und stieg auf ihr Vorderbein, um sich auf ihren Rücken zu schwingen, doch dann spürte er, dass jemand hinter ihm war. Er hielt inne und versteifte sich, da er wusste, wer es war.

»Mutter …« Eine Hand noch immer auf der Drachin, wandte er sich zu ihr um. »Du bist mir gefolgt.«

Mailuns Tonfall war zurückhaltend: »Du solltest etwas essen, bevor du aufbrichst.« Sie hielt ein mit Stoff umwickeltes Päckchen auf einen kleinen Tontopf in der Hand.

Tallis unterdrückte ein Seufzen. »Ich habe keinen Hunger. Ich suche mir unterwegs etwas.«

»Was denn, eine Marratte? Zu dieser Jahreszeit sind sie mager. Nimm das hier mit und …«

Ärger flammte in ihm auf, und er antwortete grob: »Bakriss, Mutter!«

Sie schnappte vor Zorn nach Luft. »Was hast du gesagt? War das Drachensprache?«

Ja. Er hatte die Drachensprache gebraucht, ohne nachzudenken, und das auch noch in ruppigem Befehlston. »Ach … nichts, Mutter. Es tut mir leid.« Aber seine Stimme strafte seine Worte Lügen. Er war gereizt und angespannt und wusste nicht, was er dagegen unternehmen sollte.

Sie musterte ihn besorgt. »Du verbringst zu viel Zeit mit ihnen, Tallis.«

»Je mehr Zeit ich mit den Drachen verbringe, desto besser verstehe ich sie. Die Jagd ist eine gute Gelegenheit dazu.«

»Aber wir haben genug zu essen.« Sie runzelte die Stirn und wedelte mit dem Paket. »Du musst heute nicht jagen.«

»Ich bin nicht auf der Suche nach Nahrung.« Endlich nahm er ihre Gabe entgegen und verstaute sie in seinem Bündel.

»Du suchst immer noch nach Rorc und Irissa?« Ihr Ton wurde sanfter. »Sohn, ich hoffe jeden Tag, dass zumindest einer von beiden zu uns zurückkommt, aber es ist nun schon drei Monate her, und du hast doch gesehen, was die Götter in der Schlacht angerichtet haben.«

»Einige haben aber dennoch überlebt, und es ist ein langer Weg vom Schlachtfeld an der Klippe bis zu den Clans, gerade zu Fuß. Sie könnten noch dort draußen sein.« Er hielt inne; er wollte sie nicht belügen. »Aber das ist nicht der Grund dafür, dass ich heute auf die Jagd gehe.«

Verstehen dämmerte in ihren Augen. »Du suchst nach weiteren Drachen.«

»Ich brauche sie, wenn wir Shaan zurückholen wollen.«

Seine Mutter warf einen Blick auf Marathins abgewandten Kopf. »Du brauchst die Drachen nicht, Tallis. Du brauchst deine Schwester.«

Tallis ballte die Fäuste, frustrierter, als er es hätte sein sollen, aber unfähig, sich zu beherrschen. Warum konnte sie es einfach nicht verstehen? Die seltsame dunkle Macht in ihm durchzuckte seine Adern und steigerte seine Erregung noch. »Sie könnten uns helfen.«

»Mag sein, aber sie könnten auch versuchen, uns zu töten. Viele von ihnen haben auf Azoths Seite gestanden. Vergiss das nicht.«

»Und einige von ihnen haben auf meinen Ruf gehört«, sagte er.

»Und, hast du sie gefunden? Auch nur einen einzigen von ihnen?«

»Noch nicht.«

»Lass sie in Ruhe, Sohn! Bitte! Ich möchte dich nicht auf einer Suche verlieren, die nirgendwohin führt.« Sie streckte die Hand nach ihm aus. »Geh nicht. Was, wenn die Götter dich entdecken, während du suchst?«

»Die Götter können die Wüste nicht … betreten, Mutter«, antwortete er stur.

»Aber alles andere ist ihnen untertan. Und ich weiß, dass du auf deiner Suche weit umherstreifst. Alle glauben, dass die Drachen aus diesen Landen geflohen sind. Warum kannst du es nicht auch glauben? Sie waren Azoths Geschöpfe, weshalb sollten sie also auf dich hören, selbst wenn du sie findest?«

Der Schmerz in ihrem Blick zerriss ihm schier das Herz, aber er wandte ihr den Rücken zu und schwang sich auf Marathin. »Es tut mir leid, aber ich habe eine … Verbindung zu den Drachen. Ich weiß, wie man mit ihnen spricht. Wenn ich sie finde, dann kann ich sie auch dazu bringen, auf mich zu hören.«

»Sohn …«

»Bakriss!« Ruhe. Er schleuderte ihr das Wort entgegen und biss sich dann beschämt kräftig auf die Lippen. »Mutter, bitte.« Er versuchte, sanfter zu klingen, doch die Macht, die seine Adern durchströmte, ließ seine Stimme rau werden. »Ich erwarte nicht von dir, es zu verstehen.«

»Das tue ich auch nicht.« Mailuns Gesichtsausdruck war bekümmert. »Ich wünschte nur, du würdest genauso viel Mühe darauf verwenden, deine Schwester zu finden, wie auf deine Suche nach den Drachen.«

Ihre Anklage erschütterte Tallis. »Ich suche jeden Tag nach ihr, Mutter, ständig! Ich vermisse sie mehr, als du ahnst. Ich muss sie hier in mir spüren.« Er legte sich die Hand mit gespreizten Fingern auf die Brust. »Es ist, als würde mir ein Körperteil fehlen. Aber sie ist verschollen, und wenn ich die Drachen finde, hilft das vielleicht dabei, sie zurückzuholen.«

»Du musst die Baal aufsuchen«, drängte Mailun ihn. »Die Seherin kann …«

»Was würde das nützen?« Er zügelte seinen Ärger nur mühsam. »Ich war vor kaum zwei Monaten wochenlang da und habe nichts erreicht.«

»Du hast die Gewissheit erlangt, dass der Ring des Propheten das ist, was wir brauchen, um sie zurückzuholen«, sagte Mailun. Sie legte ihm eine Hand aufs Bein und sah flehentlich zu ihm auf dem Drachenrücken empor. »Bitte komm mit mir zurück und versuch es noch einmal.«

Er schnaufte. »Was für einen Zweck hat es, denselben Boden wieder und wieder zu beackern?«

»Die Seherin, Veila, hat immer noch nicht alle Schriftrollen des Propheten gelesen. In ihnen ist vielleicht noch mehr enthalten.«

»Wenn sie etwas findet, wird sie es mir schon sagen«, antwortete Tallis. »Mutter, du weißt, dass der Ring sich in Salmut befindet. Ich kann nicht gegen die Vier und den Schöpferstein kämpfen, um den Ring zu holen. Ich brauche die Hilfe der Drachen. Ich muss sie finden.«

»Glaubst du denn, ich würde von dir verlangen, allein zu gehen?« Mailun zuckte zurück. »Aber es ist besser, weiter in den Schriftrollen nach Antworten zu suchen, als auf dem Pfad zu bleiben, den du gerade beschreitest. Die Drachen sind unergründlich, Sohn, sie sind die Schöpfung eines Gottes, und ihre Loyalität zu Azoth kann nicht gebrochen werden.«

Er holte tief Luft. »Ich fliege jetzt los, Mutter. Du hältst besser Abstand.«

Ihr Gesicht verkrampfte sich, und sie blieb einen Augenblick stehen und starrte zu ihm hoch, bevor sie verkniffen fragte: »Wie lange bleibst du diesmal fort?«

»Einige Tage. Ich weiß es nicht genau. Ich schaue auch bei Balkis vorbei. Gehst du jetzt bitte?«

Sie zögerte und wollte offenbar noch etwas sagen, trat dann aber mit unfroher Miene zurück.

Los!, sandte er an Marathin, und die Drachin schwang sich in die Luft, schlug mit den Flügeln und wirbelte Sand auf, während sie sich nach Norden wandten.

Mailun sah ihm nach. Es war, als würde sie beobachten, wie er langsam von einer Klippe stürzte, ohne etwas unternehmen zu können, um ihn zu retten. Nichts, was sie sagte oder tat, machte noch irgendeinen Eindruck auf ihn. Er verbrachte die meiste Zeit mit den Drachen und ging nicht auf ihre und Mirams Bitten ein, sich mehr um seine Leute zu kümmern. Die Clans waren dezimiert worden und deshalb jetzt größtenteils führerlos. Dennoch saß Tallis, einer der Wenigen, die diese Führungsrolle übernehmen konnten, häufiger auf dem Drachenrücken, als sich auf dem Boden aufzuhalten. Mailun hatte schon einmal geglaubt, sie hätte ihn verloren, als er fortgegangen war und sie ihm nach Salmut hatte folgen müssen, um ihn nach Hause zu holen. Doch wohin er jetzt ging, konnte sie ihm nicht mehr folgen. Das Erbe des Gottes, das von ihren eigenen Vorfahren herstammte, war in ihm zu stark. Azoths Erbe war zu stark. Tallis war voller Zorn über das, was geschehen war. Mailun hatte Angst, wohin ihn das führen und was aus ihm werden würde. Sie kehrte zum Brunnen zurück und durchquerte gerade die Große Höhle, als sie Miram aus den Gängen auf sich zukommen sah.

»Ist er wieder fort?«, fragte die Clanführerin, als sie sich begegneten.

Mailun nickte. »Er sagte, er wolle Balkis aufsuchen.«

»Nun, zumindest in der Hinsicht beugt er sich den Notwendigkeiten. Vielleicht schickt der Feuchtländer uns noch mehr Leute, auf die wir aufpassen müssen.« Miram schenkte einem schwangeren Mädchen, das auf die Feuerstelle zuging, um sich etwas zu essen zu holen, ein rasches, aber angespanntes Lächeln. »Doch es macht mir Sorgen, Mailun. Er verbringt zu viel Zeit mit den Drachen und verschwendet zu viel Mühe darauf, sie zurückzulocken. Die meisten Überlebenden der Clans haben sich damit abgefunden oder sich zumindest damit abzufinden versucht, dass dein Sohn in Bezug auf diese Tiere besondere Fähigkeiten hat. Sie wissen, wie viel sie den Drachen in der letzten Schlacht zu verdanken haben. Aber dennoch widerspricht es allem, woran wir so lange geglaubt haben.«

»Nun ja, alles verändert sich, und sie sollten daran denken, dass die Führer uns das alles eingebrockt haben. Die Götter sind ihre Geschöpfe – ihr Fehler.«

Miram legte ihr mit mitfühlendem Blick eine Hand auf den Arm. »Ich weiß. Wir wissen es, aber das macht alles nicht einfacher. Wir bemühen uns.«

Mailun spürte, dass ihr die Tränen in die Augen schossen, und unterdrückte den Drang, sich den schmerzenden Kopf zu reiben. Sie seufzte. »Es tut mir leid. Die Sorgen lasten zu schwer auf mir. Tallis klammert sich immer noch an seinen Einfall, dass er Heerscharen von Drachen dazu bringen könnte, die Stadt Salmut anzugreifen, um den Ring zurückzugewinnen.«

»Wer weiß? Vielleicht gelingt ihm das ja sogar.«

Mailun sah sie überrascht an.

Miram fuhr fort: »Vielleicht zeigt ihm die Weisheit der Führer den Weg.«

»Wenn dem so ist und sie meinen Sohn in den Tod schicken, ist das ein Vorwurf mehr, den ich ihnen machen kann. Nein!« Sie packte Miram beim Arm, als die Frau Anstalten machte, etwas zu erwidern. »Sag mir nicht, dass ich meine Zunge hüten soll. Du weißt, wie viel sie mir schon abverlangt haben.«

»Sie haben uns allen viel abverlangt.«

»Ja, aber wie viele können behaupten, dass sie ihnen zwei Herzensgefährten und eine Tochter genommen haben? Nein«, sie schüttelte den Kopf, »ich breche allein zu den Baal auf, Miram, noch heute, länger warte ich nicht. Wenn die Seherin aus Salmut Antworten für mich hat, muss ich es erfahren.«

Miram nickte. »Ich gebe dir zwei junge Leute mit, die ohnehin zu den Baal zurückkehren wollen. Ich möchte ein paar Päckchen überbringen lassen und kann mich nicht darauf verlassen, dass sie es allein schaffen. Sie sind kaum vierzehn Jahre alt, und du und ich wissen doch beide, wie Jungen in dem Alter sind.«

»Werden sie rechtzeitig zum Aufbruch bereit sein?«, fragte Mailun. Nun, da sie eine Entscheidung gefällt hatte, waren ihr alle Verzögerungen zuwider.

»Ja. Ich lasse sie in der Großen Höhle auf dich warten.«

Mailun erklärte sich bereit, sich von den Jungen begleiten zu lassen, und ging rasch daran, eine kleine Tasche für die Reise zu packen.

Tallis und Marathin flogen schnell und überquerten die unsichtbare Grenze zwischen dem Land der Jalwalah und dem der Halmahda im Laufe des späten Nachmittags. Unter ihnen durchstreiften die Muthuherden des Clans die Dornbuschhaine und fraßen das verdorrte Gras, das im trockenen Sand wuchs. Die Halmahda hatten bei der Schlacht an der Klippe viele verloren und lebten näher an den Grenzen, an denen die Schergen der Götter patrouillierten. Jetzt war nur noch eine Handvoll Familien im Brunnen verblieben. Der Ring aus hohen Felsen, der ihre in den Stein gemeißelten Heimstätten umgab, war unzureichend bewacht: Ein einsamer Clankrieger reckte einen Speer zu Tallis herauf, als er über ihn hinwegflog. Der Mann wirkte in dem weiten Land klein und allzu verwundbar.

Noch vor Mitternacht gelangten sie an den Rand der Lande der Shalneef und lagerten an der windabgewandten Seite einer Sanddüne, die eines der abgelegenen Wasserlöcher schützte. Marathin lag hinter Tallis’ Rücken und spendete ihm sowohl Schutz als auch Wärme, doch Tallis’ Träume waren von Drachenstimmen erfüllt. Mehr und mehr spürte er sie, wenn er schlief, als würde seine Macht nach ihnen suchen, sobald sein Bewusstsein eingelullt war. Das bescherte ihm eine ruhelose Nacht, und er erwachte noch vor Einbruch der Morgendämmerung mit trockenen schmerzenden Augen und benommenem Kopf. Die Luft war kalt; das Feuer, das er entzündet hatte, war längst heruntergebrannt. Marathin lag immer noch hinter ihm und beobachtete den Sonnenaufgang. Ihre Wärme vertrieb die Kühle.

Nachts waren viele Semorphimstimmen in deinem Geist. Sie wandte den großen Kopf, um aus einem grünen Auge auf ihn herabzustarren.

Du hast sie gehört? Tallis reckte den steifen Hals und rollte die Schultern.

Nur als Echo aus deinem Verstand, Ferish, aber sie sind weit entfernt und verborgen.

Und hast du irgendjemanden erkannt?

Sie schnaubte. Mein Schwarm ist fort, Ferish, nur Haraka spricht noch zu mir. Du bist die Krone. Das Erkennen ist deine Aufgabe, nicht meine. Sie wirkte gereizt, und Tallis seufzte, weil er sie schon wieder mit der falschen Frage verärgert hatte. Er musste noch viel darüber lernen, was es hieß, die Krone eines Drachenschwarms zu sein. Tallis beobachtete den Horizont, an dem sich als dünner Streifen das erste Tageslicht abzeichnete. Der Duft der Wüste drang ihm bis in die Lunge, trocken, mit einem Beigeschmack von Feuerschärfe. Er schloss die Augen und griff mit allen Sinnen aus, suchte, ohne zu erwarten, etwas zu finden. Alle Geräusche traten deutlicher hervor: die Brise, die über den Sand strich, Marathins Atemzüge, das leise, spröde Rascheln eine Dornstrauchs im Wind und unter der Erde die Schritte einer Marratte, die sich aus ihrem Bau in den Tag hinauswagte.

Tallis griff nach seinem Bogen. Die Ratte war nicht weit entfernt, unmittelbar hinter dem Sandhügel. Es würde ihm guttun, etwas so Einfaches zu unternehmen, wie auf die Jagd nach Nahrung zu gehen. Barfuß brach er auf und umrundete lautlos die windabgewandte Seite der Düne. Der Sand erstreckte sich still und leer ringsum und ließ ihn einsinken, als er vorwärtsschlich, an einem Felsvorsprung Halt machte und den Bogen hob.

Das Tier reckte erst die Nase, dann den halben Körper aus dem Bau und wandte Tallis den Rücken zu. Tallis beschirmte sich vor den Sinnen der Ratte und tarnte seine Macht. Er zielte mit dem Pfeil nach unten und erspürte das Herz des kleinen hilflosen Dings. Die Welt verengte sich auf den Herzschlag der Ratte, schnell und winzig. Er ließ den Pfeil beim Ausatmen fliegen. Das Geschoss traf, und die Marratte fiel tot in den Sand.

Tallis senkte den Bogen und stand einen Moment lang reglos da. Er hatte das Gefühl, das Echo von Jareds Stimme zu hören, der mit belustigtem Unterton zu ihm sagte: »Nicht schlecht, Dungschnauze! Mach’s noch einmal, dann kommst du meinem Jagderfolg vielleicht ein wenig näher.« Ein leichtes Lächeln, das weiße Zähne aufblitzen ließ, während die Metallnieten in Jareds vielen Zöpfen aneinanderklirrten.

Schmerz füllte Tallis’ Brust aus. Es war nicht das erste Mal, dass er sich die Stimme seines Erdbruders einbildete. Manchmal klang sie allzu echt. Attar hatte ihm einmal erzählt, dass diejenigen, die sich nicht die Mühe machten, ihr Talent, mit den Drachen zu sprechen, angemessen zu schulen, dem Wahnsinn verfielen. Sie wurden gewalttätig. Suchten von sich aus den Tod. Vielleicht war es auch mit ihm inzwischen so weit gekommen.

Er war sich nicht sicher, ob ihm das Sorgen machte.

Der Tod verbindet uns, zischte Marathin jenseits der Düne. Die Vielen des Schwarms sind nie ganz dahin.

Tallis antwortete nicht. Manchmal bewies die Drachin mehr Scharfblick, als ihm recht war. Er sammelte seine Beute auf, nahm sie aus und säuberte sie. Dann entfachte er sein Feuer wieder, bereitete das Fleisch zu und aß es schnell, während die Sonne aufging.

Sie flogen noch einen Tag und eine Nacht weiter, und Tallis spürte, wie der Druck in seinem Brustkorb nachließ, als sie sich der Grenze der Clanlande näherten. In Gesellschaft irgendeines Clanmitglieds zu sein, das fühlte sich in letzter Zeit für ihn so anstrengend an, wie einen Stein um den Hals zu tragen. Sein Versagen lastete schwer auf ihm: Er hatte die Clans nicht gerettet. Auch seine Schwester nicht. Seine Enttäuschung über sich selbst war derart heftig, dass sie ihm fast so sehr zu schaffen machte wie das Clanblut, das er immer noch an seinen Händen spürte. Er war kaum noch in der Lage, jemandem in die Augen zu sehen. Ganz gleich, was sie ihm sagten – dass die Götter zu stark gewesen seien, dass sie keine Aussicht auf Erfolg gehabt hätten … es spielte keine Rolle. Er wusste und spürte, dass es etwas hätte geben sollen, das er hätte tun können.

Sie überquerten den südöstlichen Rand der Gorankette dort, wo er sich eng an die Grenze der Clanlande schmiegte und dichte Wälder sich bis zum Ostsporn erstreckten. Hierher waren die Götter noch nicht gekommen. Es lagen kaum Städte inmitten der Wildnis, nur Hull und Venin auf der Seite des Waldes, die einst zu den Freilanden gehört hatte. Die wenigen weit verstreuten und namenlosen Siedlungen tief im Wald hatten bisher überlebt. Andere weiter westlich waren früh eingenommen worden, aber jenseits der zentralen Siedlung Sarassi wurden die Wälder dichter, über und über durchzogen von trügerischen Schluchten, verborgenen Höhlen und dem undurchdringlichem Gestrüpp des giftigen Tannendorns. Die Menschen, die in diesen äußerst entlegenen Gegenden hausten, lebten schon seit Jahrhunderten dort und verstanden sich gut darauf, sich nicht in die Falle locken zu lassen. Einsam und still waren sie der Aufmerksamkeit der Götter entgangen.

In einer jener Siedlungen hatte Balkis einen Vorposten eingerichtet. Tallis schirmte sich und Marathin so gut ab, wie er konnte, und umhüllte sie beide mit einem Mantel der Verwirrung, falls einer der Vier Götter gerade aufmerksam war. Marathin flog tief, glitt dahin und schlängelte sich zwischen den obersten Baumwipfeln hindurch.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als Tallis plötzlich etwas Rotes ins Auge fiel.

Halt! Bleib in der Luft stehen, befahl er Marathin.

Die Drachin bremste ihren Schwung sofort ab und flatterte, um an Ort und Stelle zu bleiben. Ihr Körper bewegte sich wellenförmig, so dass Tallis sich mit den Schenkeln gut festhalten musste. Der Lederriemen, an den er sich klammerte, drang ihm in die Hände. Mit zusammengekniffenen Augen spähte er in den Wald hinab und versuchte, durch das dichte Blätterdach etwas zu erkennen. Was auch immer es war, es war schnell gewesen und huschte nun durchs Unterholz. Etwas Großes.

Bewegung. Marathin reckte den Hals, sah sich um, krümmte sich dann plötzlich zusammen und schnaufte. Geschaffener!, schrie ihre Geiststimme in Tallis’ Verstand.

Tallis zuckte zusammen, und seine Haut prickelte: Er spürte Falschheit, Fäulnis und trotzigen Hass.

Nur eine Art von Kreatur konnte ihn all das wahrnehmen lassen: Alhanti, Azoths Geschöpfe, Mischwesen aus Mensch und Drache, die mithilfe der Macht des Schöpfersteins zusammengeschweißt worden waren. Azoth hatte sie in seiner Schlacht gegen das Volk von Sarantium eingesetzt, aber als die Vier Götter auf den Plan getreten waren, hatten sich die Alhanti wie alle anderen zur Flucht gewandt. Tallis hatte schon einige von ihnen in den Bergen gesehen, aber noch keinen aus solcher Nähe.

Tiefer, schneller, trieb er Marathin an und duckte sich über ihren Nacken, als sie im Sturzflug auf die Bäume zuschoss. Der Wind zerrte an seinem Haar, ihm tränten die Augen und der Magen drehte sich ihm bei ihrem raschen Sinkflug um. Galle stieg ihm in den Mund, aber er spuckte sie aus, wischte sich das Kinn an der Schulter ab und durchsuchte weiter mit stetem Blick den Wald.

Die Bäume waren hoch. Dichte Gehölze aus Pinien und knorrigen Eichen mit dunkelgrünen Blättern. Nur hier und da unterbrachen offene Lichtungen mit grauem Felsboden den Bewuchs.

Da! Zu ihrer Rechten rannte der Alhanti über einen offenen Bergkamm. Er war hochgewachsen, männlich und bullig und hatte einen dicken Rückenkamm aus Drachenhaut, der sich bis in seinen Nacken erstreckte. Sein rotes Hemd war zerlumpt und flatterte so sehr im Gegenwind, den die rasche Bewegung erzeugte, dass die sehnigen Muskeln seines Oberkörpers zu sehen waren. Und er wusste, dass Tallis da war. Schotter stob unter seinen Füßen davon, und bevor der Alhanti die Baumgrenze erreichte, wirbelte er herum und starrte zu Tallis hinauf, derart nah, dass Tallis die Wut in seinen Augen bemerkte, und auch, dass der Alhanti erkannte, wer und was Tallis war. Die Augen hatten einst einem Menschen gehört, einem Sohn, vielleicht einem Ehemann und Vater. Jetzt bestand der Alhanti nur noch aus Hass und Verdruss. Er spürte, dass der Mensch, der in ihm gefangen war, dem Wahnsinn anheimgefallen war, und dass der Drache, der ihm das Leben genommen hatte, darüber triumphierte.

Tiefer, befahl Tallis Marathin und zog das Kurzschwert, das er am Gürtel trug. Er schwang ein Bein über ihren Rücken, so dass er seitlich auf ihr ritt, und dann, als Marathin ganz niedrig über den Bergkamm hinwegsauste, sprang er ab.

Der harte Boden stauchte seine Beine, und er fiel auf ein Knie, während ihm das Schwert entglitt und klirrend auf den Steinen landete. Zischend schoss sein Atem zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor, und er schmeckte Blut von seinen Lippen, sprang aber schnell wieder auf.

Folge mir, befahl er Marathin und rannte dann hinter dem Alhanti her.

Unter den Bäumen war es dunkel. Der Boden war mit freiliegenden Wurzeln und Dornbüschen übersät, in denen sich seine Beine und Füße verfingen. Er musste sich anstrengen, um etwas zu sehen. Mit allen Sinnen griff er aus und tastete nach der Bestie. Sein Atem tönte ihm laut in den Ohren, und er hörte, wie der Alhanti vor ihm im Laufschritt durchs Unterholz brach. Gleich darauf brüllte er: »Arak-ferish!« Die tiefe Stimme hallte im Wald wider.

Zur Antwort stieg die mörderische Dunkelheit in Tallis auf. Er hieß sie willkommen und schöpfte tief aus ihr. Die Welt verengte sich, sein Blut rauschte, und er wurde zu etwas anderem, einem Wesen, das aus flüssigem Metall und Tod bestand. Er rannte auf den Alhanti zu. Das Schwert lag ihm leicht in der Hand, war wie ein Teil von ihm, und er sprang über Baumwurzeln und stürmte unter Zweigen hindurch, als wären sie nichts als Nebel auf seinem Weg. Er sah den Alhanti vor sich, der immer noch rannte und sich mit einem wahnsinnigen Grinsen nach ihm umsah, das Furcht wich, als Tallis sich plötzlich auf ihn stürzte.

Er schlug kräftig zu. Blut spritzte, und Tallis sah den abgehackten Arm durch die Luft fliegen wie im Traum. Alle Geräusche waren gedämpft, er war hochkonzentriert und ließ sich nicht ablenken. Im Handumdrehen lag der Alhanti tot zu seinen Füßen, und er stand zitternd über ihn gebeugt, während ihm das warme Blut über die Finger tropfte.

Ferish.

Marathins Stimme war ein Raunen, und er fiel auf die Knie. Die Welt kehrte zu ihm zurück. Anders als die des Alhanti war die Geiststimme der Drachin, die seinen Namen aussprach, Balsam für ihn, beruhigte ihn und lockte ihn wieder aus der Dunkelheit hervor.

Er zwang seine Macht nieder, zog sie ein und sah auf die sterblichen Überreste zu seinen Füßen hinab. Seine Stiefel waren mit Blutspritzern und Eingeweidefetzen übersät. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen und wandte sich ab, erschöpft bis in die Knochen.

Warte hinten auf der Lichtung auf mich, teilte er Marathin mit. Er musste Attar aufsuchen. Balkis konnte warten. Wenn irgendeine Hoffnung bestand, weitere Drachen zu finden, musste er es wissen. Die Herrschaft der Götter musste ein Ende nehmen, bevor keine Menschen mehr da waren, um von ihnen zu erzählen.

Sie änderten die Flugrichtung und gelangten an den Rand des Ostsporns in die Nähe der Stelle, an der die großen Wälder begannen. Hier war es kühler, das Land unwirtlich und leer. Große Ebenen mit sanften Hügeln verschmolzen mit kleinen dichten Gehölzen und jäh aufragenden nackten Felsen. Ein plötzlicher Guss aus tiefhängenden Regenwolken durchnässte Tallis’ Kleider.

Haraka kommt, zischte Marathin plötzlich in seinem Geist, und Tallis griff mit allen Sinnen aus. Der jüngere Drache befand sich mehrere Meilen nördlich von ihnen, näher bei den Wäldern. Tallis ärgerte sich, dass er ihn nicht früher gespürt hatte.

Sie trafen sich auf einer Lichtung am äußeren Rand des großen Waldes mit dem Drachen. Eine Hütte, die aus den soliden Hölzern des nahen Waldes errichtet, aber längst von ihren einstigen Bewohnern verlassen worden war, lag eingekeilt zwischen einem moosbedeckten Felsvorsprung und einem uralten knorrigen Baum. Attar saß auf Harakas Rücken und grüßte Tallis, als beide Drachen unter lautstarkem Flügelschlag, der einen wahren Sturm heraufbeschwor, auf dem grasbedeckten Boden aufsetzten. Ein nebliger Nieselregen begann zu fallen, während beide Reiter absprangen. Tallis stieg der durchdringende Moschusgeruch von etwas Verwesendem in der Nähe in die Nase.

»Clansmann!«, rief Attar und schritt auf ihn zu. »Du kommst früher als erwartet.« Sie umfassten sich an den Unterarmen, und Attar schlug ihm kräftig auf die Schulter. »Was ist geschehen?«

Tallis wandte sich der Hütte zu. »Lass uns drinnen reden.«

Vom Wald her kam ein kalter Wind auf. Es dunkelte schon. Tallis löste sein kleines Bündel von der Aufhängung an Marathins Flügelansätzen, und die Drachen schwangen sich beide wieder in die Luft und flogen Richtung Wald, um zu jagen.

»Ich wette, die Biester haben ein besseres Abendessen als wir!«, sagte Attar. Mit einem Tritt stieß er die Hüttentür auf; von seiner Hand baumelte sein eigenes Bündel. »Ah, endlich zu Hause! Hier mieft es gleich so vertraut.«

Die Hütte diente Attar schon seit zwei Wochen als Quartier, und von innen war sie mittlerweile viel trockener und besser gedämmt als bei Tallis’ letzten Besuchen. Der Drachenreiter hatte die Ritzen zwischen den dicken Holzbalken abgedichtet und den Boden aus festgestampfter Erde gefegt. Die Feuerstelle qualmte nicht allzu sehr, als Tallis den kleinen Packen Wüstenmoos entzündete, den er zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Attar häufte von dem Stapel mit getrocknetem Holz in der Nähe Reisig darauf und zündete eine Öllampe an. Sie setzten sich auf grobe Leinwandplanen und wärmten sich, während der Feuerschein über die Wände tanzte.

»Gemütlich wie das Schlafzimmer einer Hure«, sagte Attar lachend und warf Tallis wie so oft aus zusammengekniffenen Augen einen listigen Blick zu. »Du hast Blut an den Stiefeln.«

»Ein Alhanti.« Tallis berichtete ihm knapp von seiner Begegnung.

Attar grummelte und spuckte ins Feuer. Sein Speichel verdampfte zischend auf den Kohlen. »Du weißt, dass es wie ein Signalfeuer für die Götter ist, wenn du aus deiner Macht schöpfst. Ihnen wäre nichts lieber, als dich am Spieß zu braten.«

»Ich war vorsichtig«, beteuerte Tallis. »Und schnell. Sie haben nichts bemerkt.«

»Wollen wir’s hoffen.« Attar schüttelte den Kopf.

Seine Reaktion ärgerte Tallis. »Findest du etwa, ich hätte ihn ziehen lassen sollen, damit er einige der wenigen Überlebenden umbringt? Und hätte ich den Menschen in ihm weiter leiden lassen sollen?«

Ruhig wie eh und je zuckte Attar die Schultern. »Wahrscheinlich nicht, aber jedes Mal, wenn du dich jener Dunkelheit bedienst, schält sie ein Stück deiner selbst von dir ab. Ich sehe es deinen Augen an und höre es an deiner Stimme. Sie verändert dich. Du bist inzwischen sehr weit von dem Jungen entfernt, den ich einst in der Wüste gefunden habe, Tallis.«

Aller Kampfgeist verließ Tallis, und er sank erschöpft am Feuer zusammen. Wie immer hatte Attar sofort das Wesentliche erkannt. Tallis sagte leise: »Wir sind alle sehr weit von den Menschen entfernt, die wir einst waren, Attar, aber was sollte ich deiner Meinung nach sonst tun? Ich kann nicht ändern, was ich bin, und die Macht ist ein Teil davon. Ich brauche sie, um Shaan zu finden und die Götter zu töten.«

»So scheint es.« Attar rückte näher an ihn heran. »Aber ich mochte jenen Wüstenjungen, und es wäre traurig, ihn verschwinden zu sehen.«

Tallis fand nicht die rechten Worte, um ihn zu trösten. Der Wüstenjunge, der er früher gewesen war, war längst fort – an dem Tag verschwunden, als er gezwungen gewesen war, Jared zu töten. Dem Tag, an dem er seine Schwester verloren hatte. Er nahm einen Packen Fladenbrot und einen Topf mit würziger Bohnensuppe aus seinem Bündel und reichte beides Attar. »Vom Kochfeuer meiner Mutter.«

Attar stieß einen wohligen Laut aus und nahm die Speisen entgegen. »Deine Mutter ist eine gute Frau, auch wenn sie einen sturen Dreckskerl zum Sohn hat.«

Tallis holte auch noch ein Stück Muthufleisch hervor und begann, es an einem behelfsmäßigen Bratspieß über den Flammen zu brutzeln, während Attar den Topf zum Wärmen an den Rand des Feuers stellte.

»Nun sag schon«, bat Tallis und sah den Krieger an. »Irgendeine Spur?«

Attar atmete aus und verlagerte seine Körperhaltung, schüttelte dann aber den Kopf. »Ich habe den ganzen verdammten Rand des Ostsporns abgesucht.«

»Hat Haraka irgendetwas gesagt?«

Attar zögerte. »Ich bin mir nicht sicher«, sagte er widerstrebend.

»Aber?«, hakte Tallis nach.

»Er dachte, er hätte etwas gespürt, ein Wesen tief im Dschungel, aber als er versuchte, ihm zu folgen …« Attar hob die Hand und zuckte die Schultern. »Nichts.«

Tallis kaute auf seinen Lippen herum und starrte ins Feuer. Lohnte es sich, der Sache nachzugehen? »Was ist mit Alterins Leuten?«, fragte er.

»Nichts.« Attar rieb sich durchs Leder seiner Hose hindurch mit beiden Händen die Schienbeine. »Ich habe aber vor, morgen noch einmal in ihr Dorf zurückzukehren und so viel von den Wildlanden abzusuchen, wie ich nur kann.«

Tallis starrte das Muthufleisch an, während Attar den Bratspieß drehte und das Fett zischend ins Feuer tropfte. Er hatte Attar hierher gesandt, um den Sporn abzusuchen und die lange Reise bis in die Wildlande jenseits der Schwarzen Berge zu unternehmen, weil er selbst nicht das Risiko eingehen wollte, zu lange fortzubleiben, falls Veila oder eine der Träumerinnen etwas Entscheidendes über Shaan herausfand oder falls sich für ihn die Gelegenheit ergab, nach Salmut zu gelangen und den Ring des Propheten an sich zu bringen. Aber jetzt, da er hier war, verspürte er das Bedürfnis, selbst zu suchen.

»Nein, du kehrst nach Hause zurück. Ich übernehme das«, sagte er.

»Du weißt, dass das wahrscheinlich der letzte Ort ist, an dem sie sich aufhält. Die Wildländer kehren nie in eine zerstörte Siedlung zurück – ›böser Geist‹, so nennen sie es.«

»Vielleicht kann ich einen Pfad finden, jemanden, der mich führt.« Tallis hatte das Gefühl, der Dschungelfrau zumindest das schuldig zu sein. Sie hatte Jared das Leben gerettet. Ganz gleich, was zwischen ihnen vor einer gefühlten Ewigkeit geschehen war und wie viel Angst ihm ihre seltsame Verbundenheit gemacht hatte, er wollte zumindest versuchen, sie zu finden und ihr und ihrem Volk zu helfen. Vielleicht war sie gar nicht mehr am Leben.

Attar zuckte die Schultern. »Deine Entscheidung. Vielleicht sind ja ein paar Drachen auf den Inseln? Ich könnte als Nächstes dorthin fliegen. Ohne Zweifel würden viele von ihnen an ihren Geburtsort zurückkehren. Asrith …«

»Sie hat es versucht«, sagte Tallis. »Wenn irgendwelche Drachen dort waren, sind sie schon wieder fort. Ich habe versucht, sie zu erspüren, aber …« Er schüttelte den Kopf. »Ich konnte es einfach nicht.« Die Enttäuschung wallte so machtvoll in ihm auf, dass ihm davon übel wurde. »Ich muss den Ring an mich bringen«, fuhr er leise fort.

Attar nahm das Fleisch vom Spieß. »Erst essen, dann Sorgen machen, Clansmann. Sorgen sind auf vollen Magen erträglicher.« Er schenkte ihm ein schwaches Lächeln, aber in seinem Blick verbarg sich eigene Besorgnis. »Brütest du irgendetwas aus?«

Tallis sah auf das Essen hinab. »Heute Abend nicht mehr.«

»Das ist gut. Meine Knie fühlen sich nämlich an, als hätte jemand einen glühenden Metalldorn hindurchgestoßen, und mein Rücken so, als wären gleich mehrere Drachen darauf herumgetrampelt. Ich glaube, heute Abend könnte ich deine Umtriebe nicht ertragen.« Stöhnend lehnte er sich zurück. »Eins schwöre ich dir, wenn das hier erst vorbei ist, suche ich mir eine süße Frau, die kochen kann, und verbringe meine Tage mit Schwimmen, nicht mit Fliegen.«

Tallis wurde von Träumen gepeinigt. Schlachtenlärm erscholl um ihn herum: Stahl, der klirrend auf Stahl traf, die durchdringenden Schreie der kämpfenden Drachen, der Geruch von Blut und Leder, Metall und Schweiß in der heißen Luft – und die Schreckensschreie der Sterbenden. Tallis versuchte zu laufen, konnte sich aber kaum bewegen, da er von irgendeiner unsichtbaren Substanz gefangen gehalten wurde, die seine Gliedmaßen herabzog und seinen Schwertarm beim Ausholen behinderte. Mühsam stapfte er vorwärts. Skanorianer drangen von beiden Seiten auf ihn ein, aber weder kämpften sie gegen ihn noch schienen sie ihn auch nur zu sehen. Ihre dunklen Gesichter waren zu Masken der Furcht und des Schmerzes erstarrt, und vor ihm, auf einer Freifläche zwischen den ringenden Armeen, stand Jared, aber nicht als Alhanti wie in Wirklichkeit, sondern als er selbst. Sein Erdbruder stand inmitten des Schlachtengetümmels, das dunkle Haar geflochten, in sein Clanhemd gekleidet und mit seinem Bogen bewaffnet. Ein trauriges Lächeln lag auf seinem Gesicht. Um ihn herum brandete und tobte das Gewimmel aus Körpern als Masse schreiender Gesichter und zuckender Gliedmaßen, aber Jared achtete gar nicht auf sie, und sie berührten ihn kein einziges Mal. Zu seinen Füßen lag im blutgetränkten Sand der andere Jared, der Alhanti, ein Messer tief in seiner Brust. Irissa beugte sich schluchzend über ihn und schrie, während sich von hinten ein Skanorianer mit unnatürlichen, langsamen Bewegungen an sie heranschlich und ein Kurzschwert erhoben hielt, um es ihr in den Rücken zu rammen. Tallis spürte das Blut noch heiß auf seiner Hand. Es tropfte ihm von den Fingern, und er versuchte, Irissa zuzurufen, dass sie sich umdrehen sollte, und bemühte sich, zu ihr zu gelangen, aber die Fesseln hielten ihn zurück. Dann richtete sie sich plötzlich wundersamerweise auf und wandte sich ihm zu, als hätte sie ihn gehört, aber es war nicht ihr Gesicht, das er sah, sondern das der Frau aus den Wildlanden, die ihn entsetzt mit weit aufgerissenen Augen anstarrte: Alterin.

Uriel? Er hauchte ihren wahren Namen, den er einst, als sie sich im Dschungel zum ersten Mal begegnet waren, in ihrem Geist erspäht hatte, und alles um ihn herum veränderte sich. Die Schlacht und Jareds Leichnam verschwammen, als ob sie aus Wasser bestünden, und lösten sich dann plötzlich auf. Tallis schien in einem Spiegel in Alterins Augen zu starren, als wäre er in ihr und würde nach draußen sehen. Ihr stockte der Atem, und er spürte, wie ihr Brustkorb sich weitete, hörte jäh das panische Pochen ihres Bluts, fühlte die Kälte, die ihre Haut berührte. Sie hob eine Hand, um ihr Spiegelbild im rostbefleckten Glas zu berühren, die Augen vor Furcht weit aufgerissen. Sie spürte ihn ebenfalls, aber Verwirrung machte sich in ihr breit, als würde sie ihn nicht erkennen. Sie öffnete die Lippen und schien zum Sprechen anzusetzen, als hinter ihr eine barsche Stimme ertönte.

»Los, auftragen!« Und Tallis verschwamm alles vor den Augen, als Alterin mit grober Hand umgedreht wurde. »Setz dich in Bewegung.« Der Mann, den er nicht sah, stieß sie vorwärts, und Alterin ging schnell einen engen Gang entlang und starrte dabei zu Boden. Sandbedeckte Kacheln lagen unter ihren Füßen, und dann hörte er Stimmen. Alterins Inneres war verkrampft, denn sie war sehr nervös. Sie waren jetzt draußen, gelangten durch ein Tor ins Freie, dann über einen Boden aus gestampfter Erde, und noch mehr Stimmen ertönten ringsum, die meisten von Männern, einige von Frauen. Alterin schaute nicht auf, bis sie hinter einem langen Holztisch stehen blieb, auf dem eine große Schüssel mit Fleischeintopf vor ihr stand. Sie hob eine Kelle – und dann sah Tallis es, und ihm stockte selbst der Atem. Sie waren in einem offenen Pavillon, unter dem ein halbes Dutzend Tische samt Bänken standen, und an ihnen saßen Clansmänner und -frauen. Sie wirkten niedergeschlagen und argwöhnisch, manche auch zornig. Einige waren verwundet, hie und da wiesen welche frische Narben auf. Sie erhoben sich und begannen sich am Tisch aufzureihen, um sich etwas zu essen zu holen. Dann ertönte ein lauter dumpfer Knall, als würde schweres Holz zu Boden krachen. Alterin schaute ruckartig auf, und Tallis sah jenseits des Pavillons eine Freifläche – umgeben von einem hohen Zaun –, in deren Mitte ein von Muthus gezogener Karren hielt. Das Holzgitter an seiner Rückseite war geöffnet, und weitere Clanangehörige stiegen nach und nach aus. Einige bluteten; alle waren staubbedeckt und schweißüberströmt. Alterin krampfte die Hand um die Kelle, und Tallis’ eigenes Herz setzte einen Moment lang aus. Sie war da! Irissa, mit stolzem Blick und schön, und gleich neben ihr stand Rorc! Irgendetwas in Tallis brach zusammen, und Zorn und seine düstere Todesmacht regten sich bei Irissas Anblick. Sie war am Leben. Rorc war am Leben. Und Irissa war verletzt. Blut tropfte aus einer Wunde an ihrer Schulter. Tallis’ Kraft entrollte sich wie eine Schlange, und Alterin ließ die Kelle fallen, keuchte auf und schlang die Arme um sich, da sie die tosende Hitze seiner Macht spürte. Tallis sehnte sich danach, zu Irissa zu gelangen, und seine Macht sehnte sich mit ihm und griff aus.

Nein! Eine feste, aber kindliche Stimme streifte seinen Geist, und irgendetwas fing seine Macht ein und zwängte sie in ihn zurück. Du kannst ihr nicht helfen. Hilf dir selbst, hilf Shaan. Er wurde mit voller Wucht zurückgedrängt. Aber Irissa war so nahe! Er konnte sie nicht loslassen.

Tallis stemmte sich gegen die Kraft, griff nach Irissa und setzte sich in der Dunkelheit der Hütte auf.

Einen Moment lang war er orientierungslos. Er blinzelte und erschauerte. Sein Herz raste plötzlich, als ob er gerannt wäre. Um sich zu sammeln, holte er tief Atem.

Er rieb sich die Augen, während sich ein dumpfer Schmerz in seinem Schädel ausbreitete.

Irissa zu sehen hatte ihn niedergeschmettert. Er konnte es nicht glauben; es musste ein Traum gewesen sein. Aber irgendein Instinkt verriet ihm, dass dem nicht so war. Alterin war zu echt gewesen, er hatte sie gespürt, ihre Eigenheiten wiedererkannt, den Kern ihres Wesens, ganz wie damals. Alterin war am Leben, und er hatte mit ihren Augen gesehen. Aber wie und warum? Der Klang der Kinderstimme hallte noch immer in seinem Geist nach.

Jene Stimme …

Er hatte sie irgendwo schon einmal gehört, dessen war er sicher. Es war die eines kleinen Mädchens, und sie klang vertraut und fühlte sich auch so an, aber er konnte sie nicht einordnen. Wer es auch war, in ihr steckte Kraft. Zu viel Kraft, denn sie hatte seine Macht zurückgedrängt, als wäre sie nichts. Eine Führerin? Aber welche? Und warum?

Es musste kurz vor Tagesanbruch sein. Das Feuer war längst niedergebrannt, und die Hütte war dunkel, vom Geruch der Asche und von Attars Schnarchen erfüllt. Missmutig stand Tallis auf und ging ins Freie.

Das Licht der nahenden Morgendämmerung begann gerade erst, den Schatten der Nacht zu verdrängen, und das dichte Gras war feucht von schwerem Tau. Es benetzte seine Stiefel und durchtränkte den Saum seiner Hosenbeine, als er von der Hütte fort auf den Wald zuging. Die eng stehenden Bäume waren kaum mehr als eine dunkle Masse, die vor dem aschgrauen Himmel aufragte, und er schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, kostete die beißende Kälte der Morgenluft aus und rief die Drachen. Marathin war da draußen über dem Wald. Haraka folgte ihr. Sie waren am Rande der dichten Wälder auf der Jagd gewesen. Langsam stieg Hitze in Tallis’ Blut auf und strahlte bis in seine Haut aus, als die beiden näher kamen.

Arak-ferish, flüsterten sie und ließen die Flügel durch die Luft schnellen, übten leisen Druck auf sie aus und verwoben sich mit ihr. Der Boden erzitterte, als sie mit einem Geräusch landeten, das klang, als würde ein Blasebalg Luft ausstoßen.

Gute Jagd?, fragte Tallis.

Haraka schnaubte, und Tallis schnappte das Bild eines Berghirsches auf, der unter den Klauen des Drachen fiel.

Doch das war nur eine kleine Beute für die beiden gewesen, und er spürte ihren reißenden Hunger, der noch nicht gestillt war. Wir kehren bald zurück, sandte er ihnen zu.

Marathin klopfte leicht mit dem Schwanz auf den nassen Boden und legte den großen Kopf schief. Schlachtenträume, sagte sie. Der Alte träumt auch.

Tallis sah sie scharf an. »Der Alte« war einer ihrer Namen für Nuathin, Azoths uralten Lieblingsdrachen. Habt ihr ihn gespürt?

Haraka verlagerte seine Haltung, und Marathin schnappte mit den Zähnen und verrenkte den Hals in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Fern. Begraben.

Warum konnte er ihn nicht spüren? Tallis versuchte, seine Enttäuschung im Zaum zu halten, und die Drachin zischte leise und ließ den Kopf ins Gras sinken. Der Vater. Fort.

Ich weiß, fuhr er sie an, und sie zuckte zurück, als seine Macht sich ausbreitete und seinen Worten Nachdruck verlieh. Wo ist Nuathin? Attar hat gesagt, ihr hättet keine Spur gefunden. Er musterte Haraka, und der Drache duckte sich tiefer zu Boden.

Er war vorher noch nicht da. Hat dich gespürt. Hast ihn gestört.

Seine Präsenz störte den uralten Drachen? Tallis stutzte und fragte sich, ob er Nuathin wohl jetzt rufen konnte. Würde es wirken?

Wo ist er?, fragte er Haraka. Der jüngere Drache schüttelte den Kopf, und die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne glänzten auf seiner Haut. Weit weg am warmen Ort. Er träumt.

Er träumt?

Er schläft den langen Schlaf, sagte Marathin. Wartet auf den Vater.

Den langen Schlaf? Tallis kam schlagartig eine Erkenntnis.

Schlafen auch andere den langen Schlaf?, fragte er Marathin.

Viele. Es ist unsere Art.

Warum hatte sie ihm das vorher noch nicht gesagt? Er spürte durch ihre innere Verbindung, dass der lange Schlaf eine Art Winterschlaf war, und ihm wurde zugleich klar, warum keiner der Drachen, die noch übrig waren, ihm davon erzählt hatte. Sie nahmen an, dass er es wusste. Er war die Krone ihres Schwarms, ihr Anführer. Ein Drache teilte seinem Anführer nichts mit, wovon er glaubte, dass er es schon wusste, denn das zu tun hätte geheißen anzunehmen, dass der Anführer nicht mehr wusste als sie, und das durfte nicht sein. Eine Krone verkörperte Macht und Wissen. Sie hatten ihm aus Respekt nichts verraten.

Könnte ich ihn aufwecken?, fragte er.

Marathins Gedanken erschauerten. Er ist alt, die wahren Wege haben großen Einfluss auf ihn. Er liegt tief begraben. Wir wissen es nicht.

Tallis stampfte einmal fest mit dem Fuß auf den Boden, hockte sich hin und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.

Die Drachen blieben stumm, während er die Fäuste im Boden ballte und die feuchte Erde anstarrte. Die dunkle Macht in ihm schlängelte sich und rollte sich auf, erfüllte seine Adern und seinen Geist, und er rang darum, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen, da das Leben der ganzen Welt mit einem leisen Summen in ihm herumwirbelte. Der Boden fühlte sich unter seinen Händen unwirklich an, und plötzlich kam Wind auf, als die Sonne am Horizont erschien, drückte das Gras nieder und wehte ihm ins Gesicht. Er spürte, dass Attar in der Tür der Hütte stand und ihn misstrauisch beobachtete. Es fühlte sich an, als würde ein enges Eisenband um seine Stirn liegen, alles in ihn hineinpressen und dort festhalten. Er wusste nicht, was geschehen würde, wenn er es löste. Der Wind wurde stärker und frischte zu einer Böe auf. Ein gedämpftes Stöhnen ertönte, als sie auf den Wald traf. Zweige schlugen um sich, trafen krachend aufeinander. Tallis grub die Finger in den feuchten Boden und starrte nach vorn, ohne etwas zu sehen. Eine seltsame Trance bemächtigte sich seiner. Beinahe durchlebte er den Moment noch einmal, in dem er sein Messer gegen Azoth erhoben hatte. Der Gott war überrumpelt gewesen. Seine Gelegenheit zuzustoßen – und dann hatte Shaan auf die Macht des Schöpfersteins zurückgegriffen, um ihn aufzuhalten. Er zitterte vor Anstrengung, weil er sich so heftig danach sehnte, jenen Augenblick zurückzugewinnen und Azoth die Klinge ins Herz zu rammen.

Arak-ferish …, flüsterte Marathin leise, fast ängstlich in seinem Verstand. Sanft, ganz sanft, kam die Präsenz der Drachin in seinen Geist gehuscht. Arak-ferish … Tallis blinzelte und zitterte vor Wut und Macht. Mit äußerster Willenskraft unterdrückte er nach und nach die Dunkelheit. Der Wind legte sich. Er zog die Hände aus der Erde, wischte sie sich an der Hose ab und kam langsam auf die Beine. Beide Drachen hatten sich tief zu Boden geduckt und beobachteten ihn. Er holte zitternd Atem und wandte sich dann Attar zu.

Der Drachenreiter stand mit wachsamer Miene in der Tür der Hütte. »Schlechter Morgen?«

Tallis fühlte sich unsicher auf den Beinen. »Etwas in der Art.«

Attar nickte. Er hielt einen Wasserschlauch in der Hand, kam auf Tallis zu und blieb ein paar Schritte vor ihm stehen. »Durst?«

Tallis zögerte, nickte dann, nahm den Schlauch und trank einen großen Schluck, um sich zu fangen. Das Wasser war warm und schmeckte leicht nach Flussschlamm, aber es war ihm willkommen. Er war auf einmal so ausgedörrt wie die Wüste selbst. Er leerte den Schlauch fast ganz, aber Attar sagte nichts. Die Strahlen der Sonne breiteten sich immer weiter aus, bis über die Baumwipfel, doch die Stelle, an der sie beide standen, lag noch im Schatten und war kalt. Die Drachen regten sich und entspannten sich wieder. Haraka ließ den Kopf zu Boden sinken und schloss die Augen.

»So«, sagte Attar am Ende. »Essen?«

Tallis nickte und wischte sich den Mund ab. »Es ist noch Fladenbrot in meinem Bündel.« Er gab Attar den Wasserschlauch zurück und ging wieder in die Hütte.

Sie setzten sich nach draußen auf zwei niedrige Felsen und aßen Fladenbrot und den Rest des Muthufleischs vom Vorabend.

»Ohne sie ist es schlimmer, nicht wahr?«, fragte Attar nach einer Weile.

Tallis stützte sich auf seine Oberschenkel und beobachtete die Drachen. »Es ist nicht nur das.« Er fragte sich, ob Attar ahnte, wie nahe er daran gewesen war, die Beherrschung zu verlieren.

»Was ist dein Plan, wenn du denn einen hast?« Attar spuckte ein Knorpelstück auf den Boden.

»Ich wollte eigentlich so viele Drachen finden, wie ich kann, und nach Salmut reiten, um den Ring des Propheten zurückzuholen.«

Attar zog eine Augenbraue hoch. »Eigentlich?

»Die Drachen liegen in einem tiefen Schlaf. Vielleicht zu tief, als dass ich sie aufwecken könnte, egal, wo sie sind.«

»Gibst du auf?«

»Nein.« Tallis beobachtete, wie das Sonnenlicht die Bäume berührte und der Himmel erwachte. »Marathin könnte sie womöglich für mich aufspüren. Sie hat eine Idee.«

»Ideen sind gut«, bemerkte Attar milde, »aber Gewissheit ist besser.«

»Ich brauche vielleicht deine Hilfe, wenn ich Erfolg habe.«

Attar ließ das Brot, in das er gerade hatte beißen wollen, langsam wieder in den Schoß sinken. »Warum habe ich nur den Eindruck, dass du mich um mehr bitten willst als darum, Alterins Leute zu suchen?«

Tallis fragte: »Was weißt du über die Kampfarena in Salmut?«

»Du meinst dieses mörderische Zerrbild eines Heerlagers, das man dort gebaut hat, wo einst die Drachenanlage war?« Attar kniff angewidert die Augen zusammen. »Ein bisschen weiß ich darüber. Balkis hat mir erzählt, dass die Götter dort gern zu ihrer Unterhaltung Clansleute und Geknechtete gegeneinander antreten lassen. Sie halten auch in Hasan Daag und einigen kleineren Städten solche Kämpfe ab, aber soweit ich gehört habe, hat Salmut die größte Arena. Paretim hat den Exerzierplatz der Drachenreiter zu seiner ganz eigenen Bühne des Todes gemacht.«

»Er hält dort Turniere ab«, sagte Tallis. »So gut wie alle Geknechteten gehen hin, um zuzusehen. Tuon hat mir gesagt, dass die Stadt kaum bewacht ist, wenn sie stattfinden.«

»Und du glaubst, dass das der beste Zeitpunkt ist, nach Salmut einzudringen?«, fragte Attar.

»Es ist alles, womit ich arbeiten kann.« Tallis spielte mit einem Kanten Fladenbrot herum. »Du musst für mich herausfinden, wann die nächste Vorstellung stattfinden soll. Es hängt davon ab, ob er genug Clangefangene hat, um einen unterhaltsamen Kampf zu bieten.«