Sarantium - Die Verräter - Lara Morgan - E-Book

Sarantium - Die Verräter E-Book

Lara Morgan

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Beschreibung

Der uralte Pakt zwischen Drachen und Menschen ist zerbrochen und eine epische Schlacht steht bevor ...

Azoth, der grausame Herr der Drachen, versammelt seine Armeen, um das Reich Sarantium zu unterwerfen. Einzig die junge Shaan könnte ihn noch aufhalten, auch wenn ihr verzweifelter Plan auf ihre Gefährten wie Verrat wirkt. Denn zunächst muss sie das Vertrauen des bösen Drachengotts erlangen. Nur ihr Zwillingsbruder Tallis steht weiterhin zu ihr. Und Shaan weiß, dass sie ihren Weg weitergehen muss, oder Azoth wird alles, was sie liebt, zerschmettern …

»Sarantium - Die Verräter« ist 2010 unter dem Titel »Verrat der Drachen« erschienen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 806

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Das Buch

Azoth, der grausame Herr der Drachen, versammelt seine Armeen, um das Reich Sarantium zu unterwerfen. Die junge Shaan reist mit ihrem Zwillingsbruder Tallis in die Wüste und hofft, dort Verbündete gegen die Drachenarmee zu finden. Doch die Clans begegnen ihnen nur mit Misstrauen und Verachtung. Da erscheinen Shaan in einer Vision die alten Götter der Wüste und offenbaren ihr, wie sie ihre Heimat retten kann. Sie muss den Schöpferstein, Azoths Quell der Macht, zerstören. Doch sie muss auch verhindern, dass der Herr der Drachen getötet wird, sonst wird die Welt im Chaos versinken. Und während Shaan das Leben ihres schlimmsten Feindes beschützen muss, zweifeln ihre Freunde an ihrer Loyalität, und die Mächtigen von Sarantium halten sie für eine Verräterin. Einzig Tallis vertraut seiner Zwillingsschwester weiterhin – und bereitet sich darauf vor, sein Leben zu geben, damit sie ihre Vorhaben erfüllen kann.

Die Autorin

Lara Morgan ist in Westaustralien aufgewachsen und hat große Teile Europas ebenso bereist wie die Dschungel Borneos. Sie hat mehrere künstlerische Projekte geleitet und arbeitet als Redakteurin und Schriftstellerin.

Lara Morgan bei Blanvalet:

Sarantium – Die Zwillinge

Sarantium – Die Verräter

Sarantium – Die Götter Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet und www.twitter.com/BlanvaletVerlag

Lara Morgan

Sarantium Die Verräter

Roman

Übersetzt von Maike Claußnitzer

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Twins of Saranthium 02. Betrayal« bei Tor, Syndney.1. Auflage

Taschenbuchausgabe März 2018 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright der Originalausgabe © 2009 by Lara Morgan

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2010 by Penhaligon Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Dieser Roman erschien bereits 2010 als Hardcover im Penhaligon Verlag und 2012 als Taschenbuch im Blanvalet Verlag unter dem Titel »Der Verrat der Drachen«

Umschlaggestaltung und -illustration: Isabelle Hirtz, Inkcraft

JB · Herstellung: wag

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-21945-1V001www.blanvalet.de

Für meine Mutter,die mir Tolkien vorlasund mir die Türenzu neuen Welten aufstieß.Wenn die Alten erwachen,müssen die zwei sich trennen.Aus ihrem Schmerz wird das Licht hervorgehenund so in die Dunkelheit führen. Wer wird sie heimsingen?

Inhaltsverzeichnis

Der Herr der Drachen

Personen

Drachen

Glossar

Danksagung

Prolog

Die Nacht hatte sich über die uralte Stadt gesenkt, und mit ihr war der Regen gekommen, der wie Nebel über die Mauern wallte. Der Mond war hinter Wolken verborgen; die Flammen der Straßenlaternen flackerten und waberten in der Nässe und warfen ein schwaches, orangefarbenes Licht.

Azoth schritt durch die regennassen Straßen. Ein Alhanti folgte ihm auf den Fersen.

»Sorg dafür, dass einige Sklaven morgen daran zu arbeiten beginnen.« Er wies auf die Ruine eines ausgedehnten Gebäudes zu seiner Linken. Es hatte kein Dach mehr, und die meisten Mauern waren nur hüfthoch; der Rest der Steine lag in Haufen auf dem gesprungenen Pflaster.

Der Alhanti grunzte eine kehlige, zustimmende Antwort.

Arak, die Azim haben das Tor vollendet. Nuathins Stimme drang in Azoths Geist, und er sah im gleichen Moment den alten Drachen von der Stadtmauer her auf sich zugleiten.

Gut. Wähle einen von ihnen dazu aus, belohnt zu werden, antwortete er und spürte, wie Hoffnung in der alten Echse aufkeimte. Nuathin wollte auserkoren werden, mit dem Sterblichen verschmolzen zu werden. Azoth lächelte.

Noch nicht, Getreuer. Ich benötige deine Flügel noch.

Die Enttäuschung in Nuathins Geist war mit Händen zu greifen, aber Azoth ignorierte sie; erst galt es an andere zu denken.

Er warf einen Blick zurück auf die Seherin, die von dem Alhanti geführt wurde. Alterin, so nannten sie sie. Sie begegnete seinem Blick mit einer furchtlosen Nachdenklichkeit, die ihn erheiterte. Seherinnen! Sie hielten sich alle für unantastbar. Sogar Fortuse – die ursprüngliche Seherin, ihre Schöpferin – hatte ihn unterschätzt und würde ihren Widerstand noch bereuen!

Sie gingen zwischen den Ruinen hindurch und kamen auf den Tempelplatz hinaus. Die Gebäude hier waren schon fast wieder heil. Der Tempel hatte neue Türen, und seine schwarzen Steinwände summten vom Klang des Schöpfersteins, der nun unter dem Kuppeldach in Sicherheit war.

»Warum sind wir hier?«, fragte Alterin.

»Weil es für den Verlauf der kommenden Ereignisse erforderlich ist.« Er blieb stehen und streckte die Hand aus, um ihr dunkles Haar zu streicheln. Eine Erinnerung drängte an die Oberfläche, eine, die so alt war, dass sie ihm nur zudriftete, wie ein Traum.

Ihr Gesicht. Es blitzte in seinem Verstand auf. Ein Flüstern, dann war es verschwunden. Seine Hand zitterte leicht, als er sich vom Blick der Seherin abwandte.

Sie war vom selben Volk wie diese Seherin gewesen. Schwäche, tadelte er sich selbst. Er hatte jenen alten Schmerz schon vor Jahrhunderten hinter sich gelassen: Die Vergrößerung seines Reichs hatte ihn gelindert, und das Wachsen seines neuen Reichs würde ihn auslöschen, wie Azoth auch jene Göttergeschwister auslöschen würde, die den Schmerz verursacht hatten. Er lächelte. Er würde Shaan so viel mitzuteilen haben, wenn er wieder einmal in ihre Träume kroch.

»Komm.« Er bedeutete dem Alhanti, die Seherin in den Tempel zu führen. »Ich habe dir etwas zu zeigen.«

Alterins Herz klopfte schnell, als sie die innere Kammer des Tempels betrat. Die Hand des Geschöpfs hatte sich eng um ihren Oberarm geschlossen und drohte, ihr die Schulter auszurenken, wenn sie sich wegbewegte. Sie konnte es nicht ertragen, es anzusehen, die dicke, echsenhafte Haut, die seinen Hals vom neu geformten Kamm bis zu den breiten Schultern bedeckte. Sie wollte nicht in das Gesicht aufsehen und den jungen Mann wiedererkennen, den sie einst gekannt hatte. Er hatte in ihrem Dorf gelebt, als Kind mit ihr gespielt; jetzt war nichts mehr von ihm übrig als die Hülle seines Körpers, der jetzt so viel größer und völlig verändert war.

Wieder fragte sie sich, warum die Geister sie auserwählt hatten, Zeugin zu werden. Sie hatten sie mit dem Namen »Uriel« belegt: Zeugin unaussprechlicher Dinge. Nein, sie war sich keineswegs sicher, ob sie stark genug war, das zu überleben.

»Du siehst« – Azoth drehte sich um und breitete die Arme weit aus, um den ganzen Raum zu umfassen – »den Beginn einer neuen Welt.«

Alterin sagte nichts. Im Zentrum der höhlenartigen Ausdehnung schwebte, getragen von ungesehenen Kräften, der Schöpferstein. Um ihn herum befanden sich drei Kokons; jeder war durch ein Bündel Lichtstrahlen mit ihm verbunden. Dunkle Schatten lagen in der Mitte jeder der Hüllen, warteten darauf, zu schlüpfen. In der Nähe schwebte ein weiteres Lichtbündel; Fühler streckten sich nach seinem nächsten Opfer aus.

»Hast du nichts zu sagen?« Er musterte sie.

»Nichts, was ich sage, kann deinen Willen ändern.«

»Du wirst dich vielleicht wundern.« Ein Blick hinter sie. »Komm.« Er sprach in der Drachenzunge, einem leisen Zischen, das ihr die Nackenhaare zu Berge stehen ließ.

Ein Geräusch wie Messer, die über Stein kratzten, ertönte, und eine schwarzhäutige Echse schob sich durch den Torbogen. Ihre Krallen klackten auf dem polierten Boden; das Wesen erzitterte und stieß einen heißen Atemzug aus; seine gelben Augen betrachteten sie, als es an ihr vorbeikam. Alterin kämpfte gegen das Bedürfnis an, so weit zurückzuweichen, wie sie konnte. Es war einer der älteren Drachen, so uralt, dass sie spürte, wie er seinen Wahnsinn hinter sich herzog wie eine Kielwelle im Wasser. Es war einer der sechs, die als Erste begonnen hatten, die Bewohner der Toten Lande anzugreifen, bevor Azoth zurückgekehrt war. Sie fragte sich, ob dies die schwarze Bestie war, die sie in Tallis’ Geist gesehen hatte.

Azoths Blick heftete sich auf sie, seine Augen dunkellilafarben.

»Du weißt, dass ich den Namen nicht gerne höre«, sagte er. »Sogar unausgesprochen.«

»Warum?«, sagte Alterin. »Weil er dich besiegt hat? Weil er Shaan mitgenommen hat?«

Azoth schnippte sich Regenwasser vom Hemd. »Ich habe zugelassen, dass er sie mitgenommen hat, ein Fehler, den ich berichtigen werde – zu seinem Schaden. Aber du solltest dir jetzt um jemand anderen Gedanken machen. – Hol ihn«, befahl Azoth einem anderen Alhanti, der in den Schatten wartete, und schenkte der Seherin ein wissendes Lächeln. Alterin verspürte einen Moment lang Furcht. Wen holen?

»Sag mir«, sagte Azoth, »was würdest du tun, um das Leben deines Geliebten zu retten?«

»Alterin, du?«

Die Stimme ließ sie beinahe in Ohnmacht fallen, als der Alhanti Jared durch die Eingangstür schleifte.

Sie schrie auf, und der Alhanti an ihrer Seite schlug sie, streckte sie zu Boden. Sie schmeckte Blut, als ihr Kopf auf den kalten Stein prallte.

»Alterin!« Jared mühte sich ab, zu ihr zu gelangen.

Azoth schritt auf sie zu und riss sie vom Fußboden hoch, so dass sie Jareds Gesicht sehen konnte, das panisch vor Angst und Zorn war, während er vergeblich gegen den Griff seines Wärters ankämpfte.

»Lass sie gehen!« Jared starrte Azoth finster an, aber der Gefallene lächelte nur und sah Alterin an.

»Du hast die Wahl, Seherin. Wenn du auf den Geistpfaden wandelst und meine Geschwister aufspürst, überlebt er. Wenn du mir trotzt, stirbt er. Ich könnte die Drachen augenblicklich mit seinem Blut füttern.« Er grub einen Fingernagel in ihr Fleisch. »Oder soll ich euch beide töten?«

Alterin hätte vor Wut schreien mögen. Die Geister hatten sie hiervor nicht gewarnt, sie hatten ihr nicht geholfen. Dies hier war keine Wahl. Sie hatte Jared nicht mehr gesehen, seit Azoth sie beide vor Wochen in den Palast hatte bringen lassen. Sie hatte gehofft, er sei vielleicht entkommen, nach Süden geflüchtet. Einigen Leuten aus ihrem Dorf war das gelungen; sie waren in den Dschungel geflohen, als Azoth das erste Mal erschienen war, bevor er sie hatte aufhalten können. Aber Jared war geblieben – ihretwegen.

Sein Gesicht war zerkratzt und mit Prellungen übersät, sein Hemd blutig und in Fetzen gerissen, da man ihn ausgepeitscht hatte. Sie konnte den Ausdruck von Liebe und Trotz in seinen Augen nicht ertragen.

»Tu’s nicht«, sagte er. »Er kann dich nicht zwingen, ihm zu helfen.«

Aber das konnte er. Jared hatte keine Angst, zu sterben, aber sie konnte ihn nicht aufgeben. Das Gewicht ihrer Antwort lastete wie ein Stein um ihren Hals.

»Alterin, nein!« Jared hielt ihren Blick fest. »Einer für die vielen, meine Liebe. Sei stark.«

Azoth wusste bereits, wie ihre Antwort lauten würde. »Sag es«, befahl er, den Mund nahe an ihrem Ohr.

Als ihre Stimme etwas hervorbrachte, war es ein Flüstern. »Lass ihn am Leben.«

»So sei es. Bring ihn zum Stein.«

»Was?«, schrie Alterin. Begreifen stand in Jareds Augen, und er begann, ihren Namen zu schreien, während der Alhanti ihn auf die ausgreifenden Lichtranken zuzerrte.

»Nein!« Sie wandte sich zu Azoth um. »Du hast gesagt, er würde am Leben bleiben!«

»Das wird er auch, als Alhanti.« Azoths Gesicht war ausdruckslos.

»Nein!« Sie bäumte sich in seinem Griff auf. »Ich werde es nicht tun! Ich werde sie nicht suchen, wenn du das tust!«

»Doch, das wirst du.« Sein Ton war ruhig und nüchtern, während zugleich der erste Ausläufer des Lichts Jareds Haut berührte und er zu schreien begann.

Zeugin, flüsterten die Geister, und Verzweiflung überkam Alterin.

Paretim und Fortuse waren schon fünf Tage lang durch die Berge gereist, als sie ein abgeschiedenes Dorf erreichten. Die Siedlung war klein: kaum mehr als hundert Einwohner. Die Wälder, von denen sie umgeben war, waren hoch und uralt, und die Straße, die hindurchführte, war wenig begangen. Die Dorfleute hatten sich daran gewöhnt, einfach zu leben, und stellten wenige Fragen über das, was jenseits der Laternen vorging, die die Grenze ihres Städtchens markierten.

Der magere Jugendliche, der die Theke im Dorfkrug wischte, war der Erste, der sie sah, als sie durch die Tür kamen. Er hatte schon früher Fremde gesehen, aber meistens im Wald, flüchtige Schatten, die er aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte. Diese beiden waren anders. Das sah er an der Art, wie der Mann sich ohne zu blinzeln in dem kleinen Raum umschaute. Er roch es an der völligen Abwesenheit von Schweiß, den man an Reisenden hätte erwarten sollen, aber vor allem spürte er es an dem schwachen Prickeln, das ihm die Wirbelsäule hinauflief. Er hatte einen anderen wie ihn zehn Tage zuvor in den Wäldern gesehen, als er draußen gewesen war, um die Ziegen heimzutreiben: einen Mann, hochgewachsen und leichtfüßig, mit kurzem, weißem Haar. Er hatte einen Blick darauf erhascht, wie er flink wie ein Hirsch zwischen den Bäumen hindurchgerannt war. Der Junge erinnerte sich, dass er damals denselben Gedanken gehabt hatte, der ihm jetzt kam: unnatürlich.

Er beobachtete, wie der Wirt auf sie zutrat. An der Art, wie Kreegan sich die Vorderseite des Hemds immer wieder abwischte, als hätte er etwas darauf verschüttet, erkannte er, wie nervös er war.

Der Mann sagte etwas, das der Junge nicht hören konnte, und wenn er redete, sah er an Kreegan vorbei, als ob er mehr mit sich selbst als mit einer anderen Person sprach. So, als sei Kreegan ein Pfosten oder ein Hund.

Die Frau, die neben ihm stand, war die schönste Frau, die der Junge je gesehen hatte. Sie war beinahe so groß wie der Mann und hatte langes, lockiges rotes Haar, Lippen, die voll wie wilde Beeren waren, und Brüste, die sich blass und gerundet aus dem eckigen Ausschnitt ihres Kleids hervorwölbten. Aber irgendetwas an ihr ließ seine Eier den Wunsch verspüren, sich möglichst weit nach oben in seinen Körper hinein zu verkriechen. Er wischte weiter die Theke ab und hoffte, dass sie nicht mit ihm sprechen wollen würden, spürte aber dann, dass der Mann vor ihm stand.

Er sah auf und hielt inne; das in einer Faust zusammengeknüllte Tuch sog den plötzlichen Schweiß seiner Handfläche auf.

Der Fremde lächelte und musterte ihn aus funkelnden, blauen Augen. »Du hast schon einen anderen herkommen sehen.«

Es war keine Frage, und der Junge wusste, dass dieser Mann es wissen würde, wenn er ihn belog. Er leckte sich die Lippen ab und wünschte, jemand anders wäre an jenem Tag die Ziegen holen gegangen, etwa der dicke Dewy, der Sohn des Schmieds, oder dieser Knirps Geffin.

Der Fremde musterte ihn, ohne zu blinzeln, und hinter ihm starrte die Frau das Stroh auf dem Boden und die rauchgeschwärzten Wände an, als hätte sie so etwas noch nie gesehen. Er schluckte.

»Ich hab im Wald einen Mann gesehen«, sagte er, räusperte sich und fügte dann hinzu: »Er ist gerannt.« Er wusste nicht, ob das wichtig war, aber er sagte es einfach.

Der hochgewachsene, dunkelhaarige Fremde nickte. »Ja. In welche Richtung?«

Der Junge zuckte die Schultern. »Nach Süden, schätze ich. Bergab.«

Der Mann stieß ein Lachen aus, kurz wie ein Husten, und sah sich nach der Frau um, als teile er einen Scherz mit ihr. Die Frau lächelte, und der Junge bemerkte mit einem Schlag, dass ihre Augen immer wieder die Farbe wechselten: Erst grau, dann grün, und als sie ihn direkt ansah, wurden sie blau, genau wie die des Mannes.

Er wich zurück, bis er das Regal hinter sich spüren konnte, und war froh über die Theke, die sie voneinander trennte. Er sah zu Kreegan hinüber, aber der Wirt starrte sie alle nur an, als würde er zusehen, wie sein Haus abbrannte.

Der Junge fragte sich, wer sie waren, warum sie hier waren. Der seltsame Mann hörte auf zu lachen und wandte sich ihm abrupt wieder zu, als hätte er seinen Gedanken gehört. Er sah ihn einen Moment lang an und sagte dann: »Wir sind gekommen, um euch zu retten.«

»Wovor?«, fragte der Junge und verdrehte den Wischlappen zwischen den Händen.

Der Mann lächelte, und erst später, als der Junge spürte, wie seine Seele befreit wurde und die kühlen Finger der Frau ihn geradezu besessen machten, verstand er: Sie waren nicht mehr gottlos.

Die Stadt Salmut, Sarantium

Shaan konnte ihren linken Arm nicht richtig durchs Wasser ziehen. Er trieb von ihrem Körper weg wie Seetang, als sie versuchte, einen Schwimmzug vorwärts zu machen. Sie ächzte, zwang ihren Arm über die Wasseroberfläche und ließ ihn dann spritzend wieder versinken; Schmerz breitete sich von ihrer Schulter bis in die Finger aus.

»Noch einmal«, sagte Tallis. Er stand neben ihr bis zur Taille im Wasser, eine Hand unter ihrem Bauch, um sie oben zu halten. »Mach es noch einmal und benutze diesmal deine Schultermuskeln. Hör auf, deinen Arm aus dem Rücken heraus vorschnellen zu lassen.«

»Das habe ich nicht getan«, sagte sie.

»Hast du doch, ich konnte es spüren. Diesmal werde ich loslassen. Jetzt – tritt zu.« Seine Hand verschwand, und Shaan ging unter. Salzwasser stieg ihr in Nase und Mund, als sie zu fluchen versuchte.

Sie sah den Meeresgrund unter sich, Sand, der von Tallis’ Füßen aufgewirbelt wurde, als er zurücktrat. In ihrer Wut trat sie hart zu und zog sich mit dem gesunden rechten Arm nach vorn. Ihr linkes Bein konnte nicht mithalten, und sie trieb im Kreis zu ihrem Bruder zurück, so dass sie seine Hüfte rammte. Er zog sie an die Oberfläche.

»Dungschnäuziger Muthuhirte!« Sie packte ihn am Unterarm, zog sich hoch und spuckte Meerwasser.

»Verteile dein Gewicht auf beide Beine«, sagte Tallis.

»Das tue ich.«

Er hielt ihre Ellenbogen, um sie zu stützen, als sie sich das Haar aus dem Gesicht strich und sich das Wasser aus den Augen rieb. »Tust du nicht. Das merke ich«, sagte er.

»Na gut!« Shaan ließ zu, dass sich ihr Gewicht auf den linken Fuß verlagerte. Ein dumpfer Schmerz sagte ihr, dass die Muskeln die Last aufnahmen, unterstützt vom Auftrieb des Wassers. Einen Moment lang hielt sie sich am Arm ihres Bruders fest und sah auf ihre Füße unter Wasser hinab, während der Sand in der Strömung forttrieb und das Meer wieder klar wurde.

Hinter ihnen brandeten die Wellen an den Strand, und Shaan konnte gerade eben die gedämpften Rufe von Reitern bei ihren Waffenübungen von den Klippen oberhalb herabschallen hören. Sie kamen nun schon eine Woche lang jeden Tag kurz nach Sonnenaufgang hierher, um in der geschützten Bucht unterhalb der Drachenanlage zu schwimmen. Es tat weh – es war qualvoll –, aber sie musste zugeben, dass es wirkte. Sie konnte jetzt gehen, und ihr linker Arm gewann Kraft und Beweglichkeit zurück.

Sie sah Tallis an. »Ich bin fertig«, sagte sie, und er lächelte.

»In Ordnung, das ist für heute genug, denke ich, aber morgen schwimmen wir zu dem Felsen da hinaus.« Er wies auf einen einsamen roten Felsen, der mitten in der Bucht aus dem Wasser ragte.

»Ich hasse dich«, sagte sie.

»Ich weiß. Komm schon.« Er ließ ihren Arm los und stupste sie, zwang sie, allein zum Strand zurückzugehen.

Shaan seufzte und watete durchs Wasser; ihr Bein schmerzte, als sie sich vorwärtsschob. Eine kleine Welle bildete sich, und mit einem listigen Blick auf ihren Bruder ließ sie sich vornüberfallen und vom Wasser ans Ufer tragen.

»Du schummelst!«, rief Tallis.

»Dungschnauze!«, rief sie zurück. Ihr Bauch stieß auf den Strand, und sie lag in der Brandung und wartete darauf, dass er sie einholte. Sandiges Wasser spülte bis zu ihrer Taille hoch und strömte wieder fort, hinterließ Sandkörner, die sich in ihren kurzen Hosen festsetzten. Sie schloss die Augen und öffnete sie dann fast sofort wieder, da die Entspannung sie in den Schlaf zu ziehen drohte. Nein, Schlaf war keine gute Idee. Sie rollte sich auf den Rücken und starrte in den Himmel hinauf. Die Regenzeit machte ihn zu einer eintönigen Masse tiefhängender Wolken; die Luft war schwer vor Feuchtigkeit. Shaan blinzelte sich Wasser aus den Augen und versuchte, nicht an die Träume zu denken, die wieder begonnen hatten: die Dunkelheit, den Schmerz des Steins, der sie versengte, und Azoth, dessen Finger sich auf ihrer Haut so echt anfühlten … Zu echt. Sie rieb sich die Arme.

»Frierst du?« Tallis war aus dem Wasser gekommen und stand über sie gebeugt da; Wassertropfen besprenkelten ihr Gesicht.

»Nein.« Sie winkte ihm, Abstand zu halten. »Hör auf zu tropfen.«

»Du bist schon nass.« Er schüttelte den Kopf und verspritzte mehr Wasser, während die Silberröhrchen an den Enden seiner Zöpfe aneinanderklimperten. »Was ist los?«

»Nichts.«

Er runzelte die Stirn. »Lügnerin.«

»Ich bin nur müde.« Sie schloss die Augen, so dass sie seinem Blick nicht begegnen musste.

»Wieder Träume von Azoth?«, fragte er.

Sie hatte ihm nicht alles erzählt: wie wirklich sie geworden waren, dass es sich anfühlte, als ob Azoth neben ihr im Bett lag. Wie sollte man das dem eigenen Bruder anvertrauen? Sie seufzte. »Du musst dir keine Sorgen machen, es sind nur Albträume. Ich werde nicht ausreißen, um ihn zu suchen.«

»Das hatte ich auch nicht angenommen.«

Sein Tonfall war ruhig, aber Shaan spürte die Besorgnis dahinter.

Er streckte ihr eine Hand hin. »Komm schon, steh auf. Du bist bald ganz voller Sand.«

»Macht nichts.« Sie schloss die Augen.

»Fein, dann bleib da.« Er entfernte sich, und sie hörte, wie er in dem kleinen Bündel herumwühlte, das sie auf ein paar Felsen hatten stehen lassen. »Aua!«

Als Shaan die Augen öffnete und sich herumwälzte, sah sie Tallis auf einem Felsen hocken; er hielt sich den Daumen.

»Was ist geschehen?«

»Krebs im Bündel«, sagte er und verzog das Gesicht.

»Was?« Sie beobachtete ihn lächelnd. »Hast du etwa nicht nachgesehen, bevor du die Hand hineingesteckt hast?«

Er schenkte ihr einen Blick, der ihr sagte, wo sie sich ihren Kommentar hinstecken konnte.

Stöhnend stieß sie sich hoch, bis sie saß. »Wie tief ist die Wunde?«

Er kam zu ihr, kniete sich neben sie und zeigte ihr einen tiefen Schnitt quer über den Ballen seines rechten Daumens.

Shaan starrte das glänzende Blut an, und ihre Heiterkeit verflog, als sich ein Druck in ihrer Brust bildete und ein leichtes Kribbeln ihren linken Arm hinunterfloss.

»Was ist?«, fragte Tallis. »Ist es wieder dieses Gefühl?«

»Ja.« Sie war unfähig, von der Wunde wegzusehen. Irgendetwas, irgendeine Kraft in ihr, versuchte hervorzubrechen, drang auf sie ein. Sie wusste, was es wollte. Seit Azoth sie gezwungen hatte, den Schöpferstein von jenem dunklen Ort zu holen, seit der Stein sie berührt und beinahe getötet hatte, war sie in der Lage gewesen, einen Teil davon in sich zu spüren. Er hatte sie mit der Kraft seiner Wiedergeburt gelähmt, aber auch etwas zurückgelassen. Sie fühlte sich mit ihm verbunden, als sei ein Stück von ihm unter ihrer Haut zurückgeblieben.

Tallis legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich kann es in dir spüren. Es ist eine Helligkeit, aber ihr wohnt auch Dunkelheit inne, eine Anspannung.«

»Ich spüre es.« Shaan starrte die Wunde an seinem Daumen an und ballte die Hand zur Faust.

»Es kommt von dem Stein, nicht wahr?«, sagte er. Als sie nicht antwortete, beugte er sich näher heran.

»Du kannst das nicht einfach übergehen, Shaan. Wir müssen herausfinden, was es bedeutet.«

»Ich übergehe es nicht.«

»Dann versuch’s«, sagte er. »Versuche es zu benutzen, jetzt, bei mir. Das ist der beste Weg. Wenn etwas schiefgeht …«

Sie wusste, worauf er hinauswollte. Er glaubte, über genug Macht zu verfügen, um was auch immer ihr innewohnte aufzuhalten, um jegliche Dunkelheit einzumauern, die vielleicht entkommen würde. Seine Augen waren so ruhig, furchtlos. Sie spürte die Kraft in ihm, die mit jedem Tag stärker wurde, als ob er dadurch, dass er sie gerettet und den Drachen Befehle erteilt hatte, den Käfig um seine Stärke aufgeschlossen hätte. Aber das Risiko …

»Es ist zu gefährlich. Ich will das nicht, Tallis.«

»Du hast keine Wahl. Was, wenn diese … Fähigkeit deiner Kontrolle entgleitet? Du kannst nicht warten, bis sie dich kontrolliert. Wenn ich in der Wüste schon gewusst hätte, wozu ich fähig war …« Er hielt inne; Schmerz huschte über sein Gesicht. »Du musst versuchen, herauszufinden, was du bewirken kannst, Shaan.«

Die Last in ihrer Brust drängte nach Befreiung wie ein gefangener Drache.

»In Ordnung«, sagte sie. »Aber …«

»Hör auf, wann immer du willst«, schloss er und hielt ihr die Hand hin. Glänzendes Blut bildete Tropfen auf seiner Haut.

Sie berührte seine Wunde langsam mit einer Fingerspitze ihrer linken Hand. Das Blut war warm, und als sie damit in Berührung kam, durchfuhr ein heftiges Aufblitzen von Wissen ihren Geist: wie das Blut aus seinem Herzen hervorpulsierte … Das verästelte Netzwerk aus Adern, die Muskeln, die Organe, die Haut und wie alles zusammenpasste, um das Ganze zu bilden. Sie blinzelte; sie konnte sehen, wie sie es heilen konnte. Sie hörte das Pochen des Herzens ihres Bruders laut in ihrem Kopf, den Atem in seiner Lunge, fühlte sich ihm näher als je zuvor. Es war überwältigend, und mit einem Keuchen zog sie sich zurück.

»Nein.« Sie faltete die Hände und zog sie an sich.

Tallis saß sehr still, und sie schwiegen beide, während sie Atem schöpfte.

»Du hast es gespürt, nicht wahr?«, sagte er nach einem Augenblick. »Du wusstest, wie der Schnitt geheilt werden kann.«

»Ja … Ich glaube schon. Ich weiß es nicht, aber es war zu viel, ich konnte …« Sie hielt inne, wollte es nicht aussprechen.

»Du wusstest, dass du auch mein Herz zum Stillstand bringen könntest, wenn du wolltest«, schloss Tallis für sie, und sie nickte.

»Ich glaube ja, vielleicht. Wahrscheinlich.« Der Druck war immer noch da, hatte sich aber verringert, als ob das bloße Berühren der Wunde ihn irgendwie gelindert hätte. Shaan stand auf und ging zur Wasserkante, sah hinaus auf die gedrängten Wolken am Horizont. Tallis folgte ihr und watete ins Wasser, um sich den Sand von den Beinen zu waschen.

»Früher bin ich einfach hierhergekommen, um Fische zu fangen«, sagte sie. »Das war alles, was ich getan habe – Fische fangen, im Gasthaus beim Servieren helfen, in der Drachenanlage arbeiten. Jetzt …« Sie holte tief Atem. »Früher wollte ich mehr als das. Ich wollte die Drachen reiten, anders sein. Der Wunsch ist mir erfüllt worden, nicht wahr?«

»Ich denke, wir waren beide schon damals anders«, sagte Tallis, »es war uns nur nicht bewusst.«

»Bis ich Azoth zurückgebracht habe.« Shaan starrte die Wellen an.

»Es war nicht deine Schuld.«

»Ich bin mit ihm gegangen. Ich habe den Stein zurückgeholt.«

»Du hattest keine Wahl. Er war stärker.«

»Das ist er immer noch – besonders jetzt.«

»Vielleicht«, sagte Tallis.

Shaan stieß den Sand mit dem Fuß an. »Ich weiß nicht, wie wir ihn bekämpfen sollen.«

»Vielleicht wird es Rorc gelingen, eine Armee zu bilden, die groß genug ist.«

»Um den Stein zu besiegen?« Shaan schüttelte den Kopf. »Seine Kraft ist … Er öffnete ein Loch in der Luft, Tallis, wie eine Tür ins Nichts.«

Seine Stirn legte sich in Falten. »Ich weiß, aber wir müssen es versuchen.«

Shaan dachte an das, was die Frau aus den Wildlanden, Alterin, ihr erzählt hatte. »Vielleicht werden die Vier Verlorenen Götter kommen«, sagte sie.

»Glaubst du, dass es sie wirklich gibt?«

»Ich weiß es nicht. Sie sind eine Legende, ein Mythos.« Sie zuckte die Schultern. »Aber das war auch Azoth.« Sie lächelte kurz. »Morfessa wurde ganz aufgeregt, als ich ihm erzählt habe, was Alterin gesagt hat – dass sie geträumt hätte, sie seien zurück. Doch ich spüre sie nicht. Du etwa …?« Sie sah ihn an, aber er schüttelte den Kopf.

Ihr Bein tat weh, und sie verlagerte ihr Gewicht. »Noch vier Götter; wäre das etwas Gutes, selbst wenn sie ihn aufhalten?«

»Ich weiß es nicht.«

Nein, das wusste keiner von ihnen. Aber zu viel an die Götter zu denken, rief ihr Azoth ins Gedächtnis, und so sagte Shaan: »Wie steht es um deine Ausbildung bei den Verführern?«

»Ach …« Tallis kam aus dem Wasser, hob einen kleinen Stein hoch und ließ ihn auf der Hand auf und ab tanzen. »Sie mögen mich nicht.«

»Weil du besser bist als sie?«

»Nur bei manchen Dingen«, sagte er und ließ den Stein übers Wasser hüpfen. »Und weil ich bin, wer ich bin.«

»Du machst sie nervös.«

»So scheint es.«

»Dennoch muss das besser sein, als nicht viel tun zu können.« Seit sie sich gut genug fühlte, um nicht mehr im Bett zu liegen, hatte Shaan einen Großteil ihrer Tage in den Tempelgärten verbracht, oder damit, den Schwestern zu helfen, die Myriaden von alten Geschichtsschriftrollen zu katalogisieren, die sie zu bewachen schienen. Es begann an ihren Nerven zu zerren, aber sie war noch zu schwach, um Arbeit außerhalb des Tempels zu finden. Tallis hatte vorgeschlagen, dass sie sich mit ihm die Drachenbox teilen sollte, die er in der Kuppel übernommen hatte, aber dann hätte sie sich bei allem auf ihn verlassen müssen, und sie verabscheute den Gedanken, so abhängig zu sein.

»Ich will Arbeit, die mir ein bisschen Geld einbringen könnte«, sagte sie. »Ich bin es leid, so nutzlos zu sein. Sogar ein paar der Schwestern behandeln mich, als ob …«

»… als ob sie darauf warten, dass du etwas tust?«, fragte Tallis.

Shaan nickte. »Ich vermisse mein Zimmer im Wirtshaus. Du hast wenigstens eine gewisse Aufgabe, wenn du bei den Verführern und Rorc arbeitest. Ich komme mir vor, als ob ich noch darauf warte, herauszufinden, was meine ist.«

»Ich glaube nicht, dass Rorc so recht weiß, was er mit mir anfangen soll«, sagte Tallis. »Ich glaube, ich übe nur mit den Verführern, damit sie versuchen können, herauszufinden, was ich bin. Komm!« Er kehrte dem Strand den Rücken. »Gehen wir. Ich bin hungrig und soll nachher weiterüben.«

Sie sammelten ihre Sachen ein und begannen den langsamen Fußmarsch die Klippen hinauf zur Drachenanlage.

Shaan trennte sich in der Drachenanlage von Tallis und ging zurück zu dem geschlossenen Wagen, der sie aus dem Tempel hergebracht hatte. Es war einer der vier, den die Schwestern unterhielten, und es schien ihnen nichts auszumachen, dass Shaan ihn jeden Morgen nahm – zumindest hatte sie bisher noch niemand aufgehalten.

Sie band die Vorhänge zurück, um mehr Luft hereinzulassen, während der Kutscher das Muthu durch die überfüllten Straßen des Kaufmannsviertels trieb. Die Läden wurden geöffnet, und dann und wann zog Shaan Aufmerksamkeit, einen geflüsterten Kommentar oder einen Seitenblick auf sich. Sie strich sich das nasse Haar zurück und ignorierte alles, froh, dass sie nicht im Seefahrerviertel war; auf den Märkten dort hatte sie ein grob skizziertes Bild von sich und Tallis im Kampf mit einer Gestalt, von der sie annahm, dass sie Azoth darstellen sollte, gesehen.

Nachdem Tallis sie gerettet hatte, hatten sich die Gerüchte um die Flucht der Drachen und die Rückkehr des Gefallenen nur noch vermehrt, und seltsame Geschichten waren seither über Tallis und Shaan im Umlauf, eher Märchen als Wahrheit, aber genug, um so manch einem Unbehagen einzuflößen und dafür zu sorgen, dass andere sie behandelten, als wäre sie … nun, sie war sich nicht sicher was. Eine Heldin? Sie bezweifelte, dass es solche Bilder gegeben hätte, wenn sie die Wahrheit gekannt hätten – wahrscheinlich wären eher Messer geworfen und Schlingen geknüpft worden. Sie hatte früher gedacht, ihr Leben sei hart, aber ihr war nicht bewusst gewesen, über wie viel Freiheit sie in Wirklichkeit verfügt hatte. Als sie einen Blick aus dem Wagen warf, sah sie einen ärmlich gekleideten Mann, der eine Hand aufs Herz legte und ihr eine getrocknete rote Blume zu Füßen warf, als sie vorüberkam.

»Rette uns!«, rief er.

Rette mich, dachte Shaan und zog die Vorhänge ruckartig herunter, so dass Staub in die Luft stob, als der Wagen um die Ecke auf den Tempel zu rumpelte.

Als sie ankam, ging sie direkt in ihr Zimmer, um sich umzuziehen, und brach dann in die Küche auf, um sich etwas zu essen zu holen. Das Ende des Schlafzimmertrakts ging auf einen großen Hof an der Rückseite des Gebäudekomplexes hinaus, und Shaan konnte durch die Flucht offener Fenster gegenüber sehen, dass viele der Schwestern bereits in der Tempelbibliothek an der Arbeit waren. Sie versuchte, den Schmerz in ihrem Bein zu ignorieren, während sie hinter einer Reihe von Bäumen in Kübeln entlangging, so dass niemand sie sehen und sie dazu zwingen konnte, noch mehr von diesen verdammten Schriftrollen zu katalogisieren. Im Speisesaal war niemand bis auf eine junge Dienerin. Shaan bat sie um eine Schale Haferbrei mit Früchten und hatte diesen schon halb aufgegessen, als Schwester Lyria hereinkam.

»Shaan.« Ihre Stimme hallte in dem Raum mit der hohen Decke wider, als sie ihn durchquerte, um zu Shaan zu gelangen. »Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe, denn ich brauche heute Morgen Hilfe in den Heilräumen.« Sie blieb am Ende von Shaans Bank stehen und sah erwartungsvoll drein. »Wie geht es deinem Arm und deinem Bein? Dank des Schwimmens scheint es dir schon viel besser zu gehen.«

»Ja, viel besser.« Shaan musterte sie argwöhnisch.

»Gut, das ist gut.« Lyrias Blick war nicht ganz freundlich.

»Ich bin nicht sehr gut darin, kranken Leuten zu helfen, Schwester, und ich kann Euch ohnehin nicht unterstützen; ich bin zur Führerin gerufen worden«, sagte Shaan.

»Ja, ich weiß, aber das ist erst später am Vormittag, nicht wahr, und ich habe zu wenige Helfer. Es ist keine schwere Arbeit.« Die Schwester zog eine Augenbraue hoch. »Es sei denn, du würdest lieber Schriftrollen in der Bibliothek stapeln?«

Shaan legte ihren Löffel mit absichtlicher Langsamkeit hin. »Nein, das würde ich nicht lieber tun«, sagte sie. Sie konnte vieles ertragen, wenn es ihr dadurch erspart blieb, noch mehr von diesen staubigen Schriftrollen zu sortieren.

»Gut, dann komm mit.« Schwester Lyria schenkte ihr ein kühles Lächeln. »Ich werde sicherstellen, dass du nicht zu spät zur Führerin kommst.«

Shaan unterdrückte ein Seufzen und stand langsam auf. Die Heilräume lagen näher an der Vorderseite des Tempels, hinter den Unterkünften, und sie folgte Lyria durch die kühlen Gänge, vorbei an Zimmer um Zimmer voll schlafender Patienten. Das Gefühl begann sich wieder in ihrer Hand aufzubauen, als sie sich so inmitten all der Kranken wahrnahm. Sie begann sich zu fragen, ob es richtig gewesen war, herzukommen; vielleicht würde dieses Bedürfnis, zu heilen, hier schwer im Zaum zu halten sein.

Schwester Lyria schien ihren Widerwillen zu spüren. »Wir haben hier viele Patienten, die Hilfe brauchen.« Sie warf ihr einen missbilligenden Blick zu. »Es wird dich von deinen eigenen Verletzungen ablenken, wenn du dich um andere kümmerst.«

»Wenn Ihr das sagt«, sagte Shaan und fing sich einen finsteren Blick ein, während sie ein Zimmer mehrere Türen vom Eingang entfernt betraten.

Der junge Mann im Bett war ein Schutzsuchender, wie viele der anderen. Er war aus einem Dorf weit im Nordosten am Rand der Wildlande gekommen. Seine Familie war tot, ermordet, als das Dorf von Scanorianern angegriffen worden war; wie viele der anderen war er mit einer Krankheit geschlagen, die seine Gliedmaßen allmählich zerstörte und das Atmen erschwerte. Er hatte hohes Fieber, und Schwester Lyria flüsterte, dass man nicht sicher sein konnte, ob er den Tag überstehen würde.

»Hier.« Sie reichte Shaan ein feuchtes Tuch und eine Schale, die mit einem Kräuteraufguss versetztes Wasser enthielt. »Kühl ihm den Kopf; tu für ihn, was du kannst. Ich muss mich um andere kümmern, die wir vielleicht retten können.«

Sie ließ Shaan allein; das Rascheln ihres langen Rocks verklang, als sie eine andere Abteilung betrat. Shaan tunkte das Tuch ins Wasser und legte den Stoff über die Stirn des Mannes. Sie konnte durch den dicken Lappen die Hitze spüren, die seine Haut ausstrahlte, und sein Atem ging schwer und unregelmäßig. Er war nicht viel älter als sie, mit blasser Haut und rotbraunem Haar, so fein, dass seine Kopfhaut durch die kurzen Strähnen zu sehen war. Seine Wangen waren eingefallen, die Haut mit roten Flecken überzogen, und der dumpfe, hefeartige Geruch der Ungewaschenen und Kranken hing über ihm. Er lag im Sterben, daran konnte kein Zweifel bestehen. Shaan hob das nun heiße Tuch an und zog es noch einmal durchs kühle Wasser, während sie das bleiche, bewusstlose Gesicht des Patienten betrachtete.

Hatte Tallis recht? Würde es besser sein, es herauszufinden, statt abzuwarten? Sie konnte dem Mann nicht noch mehr Leid zufügen, als er ohnehin schon auszustehen hatte. Und als sie Tallis’ Wunde berührt hatte, hatte sie keinen Drang verspürt, ihm Schaden zuzufügen, nur den, zu heilen. Konnte dies doch noch etwas Gutes sein?

Sie wischte sich das Wasser von den Händen und legte langsam ihre nackte, linke Hand auf die Stirn des jungen Mannes. Sofort baute sich ein anschwellendes Gefühl hinter ihrem Brustbein auf, sammelte sich und lief in einer feurigen Energielinie aus ihrem Brustkorb in ihren Arm. Der Kopf des Mannes hob sich zu ihrer Hand, als würde er davon angezogen, und schockiert riss sie die Finger weg. Sie hatte die Krankheit gesehen, gespürt, wie ihre Energie hindurchdrang. Einen Moment lang stand sie mit gefalteten Händen da und beobachtete ihn. Ging sein Atem weniger schwer?

Shaan dachte über die ruhelose Energie nach, die in ihrer Brust schwebte, als ob sie den Mann musterte, sich nach ihm ausstreckte. Die Schwestern hatten gesagt, dass er höchstwahrscheinlich sterben würde.

Sie ging zur Tür und sah nach, ob irgendjemand kam, und schloss sie dann. Ihr Herz schlug einen ängstlichen Trommelwirbel, und ihre Hände zitterten, als sie über den jungen Mann gebeugt stand, aber mit einem langen, tiefen Atemzug senkte sie langsam und vorsichtig die linke Hand wieder auf seine Stirn.

Ihre Finger begannen stark zu prickeln, bevor sie seine Haut erreichten; dann, bei der Berührung, wuchs der seltsame Druck in ihrem Brustkorb, füllte ihn bis an die Rippen aus, bis sie das Gefühl hatte, Feuer zu speien. Die Hitze stieg, und Shaan konzentrierte sich darauf, den jungen Mann anzusehen und daran zu denken, ihn zu heilen, das Leiden zu besiegen, das seinen Tod wollte. Sie drückte die Hand sanft hinunter, so dass ihre gesamte Handfläche sich an seine heiße Stirn legte, und schloss die Augen. Sofort sah sie Helligkeit; Wissen strömte in sie ein, wie es auch bei Tallis geschehen war. Sie sah schwarze Anhäufungen, die rotes Fleisch zerfetzten, sah Blut, das schwach durch Organe floss, die kaum vor Leben pulsierten, und ohne zu wissen, wie es geschah, ließ sie die Helligkeit der Energie hindurchfließen, schob das Schwarz fort, gab den Organen und Muskeln das Blut zurück. Das Herz des Mannes begann mit stetiger Kraft zu schlagen, und seine Lunge weitete sich, als er tief Luft holte.

Wie lange es dauerte, bis die Schwärze verschwand, wusste Shaan nicht zu sagen, doch als sie ihre Hand wegzog und die Augen öffnete, war die Blässe aus seinen Wangen einem schwachen Anflug von Rosigkeit gewichen. Er atmete gleichmäßig; seine Augen lagen nun ruhig unter den Lidern. Die Hitze des Fiebers war verschwunden.

Shaan sackte am Fußende des Betts zusammen. Sie hatte es geschafft; sie war sich sicher, dass er geheilt war. Allerdings wusste sie nicht, wie sie es den Schwestern erklären sollte, doch das war ihr gleichgültig. Sie hatte einen Schaden rückgängig gemacht, den Azoth angerichtet hatte. Vielleicht würde sie in der Lage sein, Leben zu retten, die sonst vielleicht verloren gewesen wären. Sie sah auf ihre Hände hinab, dann langsam, fragend, auf ihr eigenes, verletztes Bein und die schwächeren Muskeln ihres linken Arms. Vielleicht konnte sie sich selbst auch heilen.

Sie ignorierte den Schmerz in ihrem Körper und konzentrierte sich angestrengt auf ihr linkes Bein, starrte es an, richtete ihre Aufmerksamkeit auf seine Schwäche, den Schmerz, der es ermüdete. Aber nichts kam. Ihre Finger blieben taub. Shaan sah noch einmal nach dem jungen Mann und verließ dann das Zimmer. Sie würde weggehen, kurz schlafen und es dann noch einmal versuchen. Vielleicht war das alles, was sie brauchte.

Fast hatte sie das Ende des Ganges erreicht, als Schwester Lyria zurückkehrte und ihr nacheilte.

»Shaan«, rief sie, »wohin gehst du?«

»Ich muss mich ausruhen«, sagte sie.

»Wie geht es dem jungen Mann?«

»Er schläft.« Shaan hoffte, dass die Schwester nicht nach ihm sehen würde, aber Lyria ging zurück zu dem Zimmer. Da sie sich nicht mit ihren Fragen abgeben wollte, eilte Shaan zum Ende des Ganges, aber noch bevor sie dort ankam, hatte Schwester Lyria den Mann gesehen und rief nach ihr.

»Shaan, warte!« Sie rannte ihr nach. »Es geht ihm viel besser. Ich dachte, er würde sterben; unsere Heilerinnen hatten keine Hoffnung für ihn. Wie ist das geschehen?«

»Vielleicht hat er einfach Glück.« Shaan trat um sie herum und ging auf die Tür zu.

»Amora hat den Stein ebenfalls berührt«, rief die Schwester; ihr Ton brachte Shaan zum Stehenbleiben. Lyrias Augen waren von inbrünstigem Glauben erfüllt. »Sie war diejenige, die diesen Tempel errichtete, diejenige, die das Heilen der vielen begann, die in der Revolution verwundet worden waren. Vielleicht behütet sie dich.«

Der Ausdruck ihrer Augen war verstörend, und Shaan wandte sich ab. »Ich muss gehen«, sagte sie und entfernte sich so rasch, wie ihr schmerzendes Bein es gestattete.

Die nächste Stunde lang versteckte sie sich hinter verschlossener Tür in ihrem Zimmer und versuchte sich auszuruhen, während sie sich Gedanken über das machte, was sie getan hatte, und was die Schwester wohl davon hielt. Lyria hatte eindeutig einen Verdacht, aber würde sie irgendjemandem davon erzählen? Höchstwahrscheinlich. Aber was konnte die Schwester schon tun? Shaan würde nichts eingestehen, und Lyria hatte keinen Beweis. Shaan war nicht bereit, sich zu einer Art heilendem Engel für die Schwestern machen zu lassen – und sie würden wollen, dass sie genau das wurde. Sie wusste nicht einmal, ob sie diese Kraft kontrollieren konnte. »Sie hat einen dunklen Beiklang.« Tallis hatte das gesagt; er hatte es gespürt, und sie auch. Wer sagte schon, dass sie nicht müde werden und jemanden töten würde, statt ihn zu heilen?

Sie lag auf ihrem Bett, starrte die Decke an und wünschte sich, sie könnte mit Tallis darüber reden, als es an der Tür klopfte.

»Der Wagen steht bereit, Fräulein.«

Sie schloss kurz die Augen, stand dann auf und öffnete die Tür.

»Tut mir leid, aber ich dachte, ich sollte kommen und Euch holen.« Es war der Kutscher. Er schenkte ihr ein kleines Lächeln und fuhr sich mit der Hand über den kahl werdenden Schädel. »Die Führerin mag’s nicht, wenn man sie warten lässt.«

»Nein, das tut sie nicht«, sagte Shaan und sah auf ihr mittlerweile schmutzigweißes Schnürhemd und ihre alten Hosen hinab. Ihre grobe Kleidung war nicht gerade passend für den Palast, aber das einzige Kleid, das sie besaß, war zu schmutzig. »Wartet nur bitte einen Moment.« Sie zog sich rasch eine Bürste durchs Haar und strich sich das Hemd glatt; dann folgte sie ihm hinaus zu den Ställen.

Der Kutscher war ein kleiner Mann mit dunkler Haut, die in der Sonne faltig geworden war, und einem Gesicht, das sie an einen getrockneten Apfel erinnerte, aber er war freundlich, anders als so manch anderer Bediensteter des Tempels, und immer erpicht darauf, sie zum morgendlichen Schwimmen in die Drachenanlage zu fahren. Sie hatte den Verdacht, dass er mit den Arbeitern dort irgendein Spiel laufen hatte, und inzwischen waren Nilahs Bitten um Besuche so alltäglich geworden, dass er sich schon gut mit den Muthu-Stallknechten im Palast anzufreunden begonnen hatte.

»Diesmal ein langer Besuch?«, fragte er, als er ihr in den Wagen hinaufhalf.

»Wer weiß? Lange genug, zwei, drei Partien Domino zu spielen, nehme ich an.«

Er grinste. »Vielleicht sogar vier«, sagte er und klatschte mit den Zügeln auf die Kruppe des Muthu. »Hü!« Der Wagen holperte vorwärts. Shaan ließ die Vorhänge diesmal unten, als sie durch die Straßen fuhren, und schob sie erst auf, als sie die glatten Steine des Palasthofs überquerten.

Der Palast der Führerin war ein gewaltiger Komplex aus Kuppelbauten, Gärten und Säulengängen, der sich um einen großen Innenhof erstreckte und von einer hohen Steinmauer umgeben war. Die Ställe lagen weit vorn, links von der großen Kuppel des öffentlichen Eingangs. Shaan konnte die erhobenen Stimmen einer Gruppe von Kindern auf Besuch über die Mauer tönen hören, als sie die Stallhöfe überquerte, um zum Tor in den Innenhof zu gelangen.

Die Wachen warfen kaum einen Blick auf das von der Führerin eigenhändig unterzeichnete Schreiben, bevor sie Shaan ins geschäftige Zentrum des Palasts vorließen. Es war immer noch bewölkt, und die drückende Hitze sorgte dafür, dass viele Menschen auf der Umrandung der drei Springbrunnen saßen, während andere den relativ kühlen Schatten der Bäume suchten, die in einigem Abstand voneinander zwischen die glatten Pflastersteine gepflanzt waren. Ratgeber in Roben saßen auf Bänken und sprachen mit Verwaltungsbeamten und Ratsmitarbeitern, während die vielen Bediensteten, die für die Ernährung und Wasserversorgung im Palast verantwortlich waren, so unauffällig wie Motten umherhuschten. Am entgegengesetzten Ende des Hofs lagen die Kuppeln der Ratsgemächer und neben ihnen mit Flachdächern versehene Schreibzimmer, vor denen viele Personen an Tischen saßen, an denen unter aufgespannten Sonnensegeln Essen serviert wurde.

Shaan versuchte, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, überquerte die große Freifläche und ging auf den freistehenden Säulengang zu, der sich drei Stufen oberhalb des gepflasterten Hofs erhob. Die Residenz und die Gärten der Führerin lagen hinter einer dicken Mauer jenseits der Kolonnade, und ein halbes Dutzend Gardisten war zwischen den Säulen auf Posten und hielt Wache. Sie musterten sie mit barschem Blick, als sie die flachen Marmorstufen emporstieg und rasch durch den kühlen Schatten zu dem schweren Tor ging, das zu Nilahs privaten Gemächern führte. Die drei Wachen dort prüften ihr Schreiben mit großer Aufmerksamkeit, durchsuchten sie nach Waffen und nahmen ihr den Rest eines Stücks Brotrinde ab, das sie in einer Hosentasche vergessen hatte, bevor sie sie durchließen. Es war jedes Mal dasselbe, obwohl es auch jedes Mal dieselben Wachen waren, die sie sicherlich wiedererkannten. Aber Nilahs Mutter, Arlindah, war schließlich vergiftet worden.

An dem Wachhaus jenseits des Tors vorbei ging Shaan den Pfad zwischen den Rasenflächen und Sträuchern hinunter, um an die Vordertür des großen, einstöckigen Gebäudes zu klopfen. Nach kurzer Zeit öffnete sich die Tür. Eine junge Dienerin ließ Shaan ein und führte sie in Nilahs Wohnzimmer, einen luftigen Raum, der auf den Garten hinausging. Nilah, die Führerin von Salmut, saß auf einem der niedrigen Sofas und starrte durch die Fenster nach draußen. Ein Stoß Pergamentrollen lag geöffnet und verstreut zu ihren Füßen auf einem scharlachroten Teppich.

»Da bin ich.« Shaan durchquerte das Zimmer, um sich in einen Sessel zu setzen; ihr linkes Bein pochte vor Protest über das Maß an Bewegung, das ihm zugemutet worden war.

Nilah wandte sich nicht um. »Ich hasse die Regenzeit«, sagte sie. »Schlamm auf den Straßen, grauer Himmel, und ich fühle mich immer klebrig.« Sie sah Shaan an. »Lass uns schwimmen gehen.«

Shaan sah die Pergamente auf dem Teppich an. »Hast du denn keine Arbeit zu erledigen?«

Nilah rollte mit den Augen. »Nicht auch noch du!« Sie ließ sich gegen die Sofalehne zurücksinken.

Leichter Regen begann zu fallen; als die Wolkendecke dichter wurde, kam die Dienerin herein, um Laternen zu entzünden.

»Hör auf.« Nilah starrte sie finster an. »Geh weg. Such dir etwas anderes zu tun.«

»Ja, Führerin.« Das junge Mädchen unterbrach seine Tätigkeit sofort und verließ unter kleinen Verneigungen den Raum.

»Schließ die Türen!«, rief Nilah und sah dann Shaan an, als die Türen zufielen. »Ich denke, ich werde ein neues Mädchen einstellen müssen«, sagte sie. »Sie macht mich ungehalten. All dieses Herumscharwenzeln! Das gefällt mir nicht.«

»Ich dachte, Führerinnen müssen Leute haben, die um sie herumscharwenzeln?«

Nilahs zarte, schmale Gesichtszüge erinnerten Shaan an eine Katze, als sie sie musterte. »Ich komme ohne das aus«, sagte sie. »Es scharwenzeln schon genug Leute um mich herum, wenn ich außerhalb dieser Gemächer bin. Ich weiß nicht, wie meine Mutter das ausgehalten hat!« Sie stand auf. »Wein?«

Sie ging zu einer langen, vergoldeten Anrichte an einer Wand und schenkte zwei Gläser ein, bevor Shaan antworten konnte. »Was ich will«, sagte sie, während sie Shaan ein Glas reichte, »ist, so zu sein, wie ich früher war. Überall hinzugehen, alles zu tun, was mir gefiel … Nun …« – sie verzog das Gesicht – »alles, zumindest bis Rorc es herausfand. Wir sollten in ein Wirtshaus gehen, wie das, in dem wir uns getroffen haben … Es war doch das Gasthaus Zum Drachen, nicht wahr?«

»Ja, das war es. Aber erinnerst du dich nicht daran, wie deine Besuche in Schenken immer enden? Ich musste dich vor einem Mann mit einem Messer retten.«

»Beim zweiten Mal, ja, aber als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, war es da nicht Balkis, der dich retten musste?« Nilah sah sie von der Seite an. »Aber das sind alles langweilige Einzelheiten. Mir ist nichts passiert … und dir auch nicht.«

Shaan stellte ihr Weinglas ab. Es stimmte, dass sie bei ihrer ersten Begegnung zu viel Wein getrunken hatte und wohl vergewaltigt worden wäre, wenn Balkis nicht eingegriffen hätte. Es beschämte sie immer noch, an jene Nacht zurückzudenken. Sie war dumm gewesen, leichtsinnig.

»Mir war nicht klar, dass du davon weißt«, sagte sie.

Nilah wedelte mit der Hand und zuckte die Schultern. »Vergangene Fehler. Genau, wie du mich vor dem Cristverkäufer retten musstest … Wir haben es jedenfalls beide überlebt.« Sie lächelte kurz.

Shaan konnte nicht zurücklächeln. An dem Tag, an dem sie Nilah vor dem Drogenhändler in dem Gässchen gerettet hatte, hatte sie sie in Morfessas Haus gebracht, und von da an hatte sich alles geändert. Sie hatte herausgefunden, was die Träume bedeuteten, Azoth hatte sie gefunden … Nicht, dass irgendetwas davon Nilahs Schuld gewesen wäre.

»Komm schon, Shaan«, sagte Nilah, »schleichen wir uns davon!« Ein schelmisches Funkeln war in ihren Augen aufgekeimt, aber Shaan empfand keinerlei Bedürfnis, ihre Sorgen in Wein zu ertränken.

»Hast du hier nicht zu viel zu tun, um auch nur daran zu denken, zum Trinken auszugehen?«, fragte sie. »Was ist mit Azoths Erscheinen? Oder den Leuten, die im Tempel an Auszehrung sterben? Bedeuten sie dir nichts?«

Nilah starrte sie an, und einen Moment lang dachte Shaan, sie würde ihr befehlen, zu gehen, aber dann lachte sie und setzte sich wieder aufs Sofa.

»Weißt du … Niemand sonst würde es wagen, so etwas zu mir zu sagen«, sagte sie; ihre blauen Augen funkelten. »Nicht einmal Kommandant Rorc – obwohl ich sicher bin, dass er hinter meinem Rücken sehr viel sagt.«

»Ich kann gehen, wenn du willst.«

»Nein. Warum, glaubst du, bitte ich dich immer wieder, zurückzukommen? Du bist der einzige Mensch, der mich so behandelt wie jeden anderen auch.«

Shaan rieb sich die Augen und trank etwas Wein, der ihr auf beinahe nüchternen Magen rasch zu Kopf stieg. »Du bist wie jeder andere auch«, sagte sie, »abgesehen davon, dass du Führerin und Vorsteherin der Schwestern der Amora bist und dies alles hast.« Sie wies mit einer Handbewegung durch den Raum.

Nilah lächelte traurig. »Dies alles«, wiederholte sie und wies auf die Papiere zu ihren Füßen. »Weißt du, was ›dies alles‹ ist? Eingaben von Lorgon und dem Rest meines Rats der Neun, die mir mitteilen, wie wichtig es gerade jetzt ist, mich auf die Probleme mit den Handelsrouten in die Freilande zu konzentrieren, Aufzeichnungen über die steigende Zahl von Söldnern, die die Karawanen ausplündern.« Sie hob eine Handvoll Pergamente hoch. »Aktennotizen darüber, wie erzürnt die Freiländer sind, dass ich anscheinend nicht genug dagegen unternehme, und Auflistungen, wie viel Geld wir oder vielmehr die Händler verlieren – und damit meine ich die Ratsmitglieder! –, weil Handelspartner in den Freilanden all ihr Geld aus unseren Handelshäusern zurückziehen!«

Sie schüttelte den Kopf und versetzte dem Papierhaufen einen Tritt; dann trank sie einen tiefen Zug Wein. »Sie erwähnen nichts über das Verschwinden der Drachen oder die Dörfer, die vernichtet worden sind, oder sogar – mögen die Götter uns beistehen! – die Rückkehr des Gefallenen. Kein Wort! Es geht nur um ihr Geld. Was also sollte ich deiner Meinung nach tun?« Sie wandte sich Shaan zu, gab ihr aber keine Gelegenheit, zu antworten.

»Lorgon denkt, dass wir die Freilande angreifen sollten. Dass ihre Armee hinter den Söldnern steht – und, weißt du, angesichts dessen, was sie getan haben, wäre ich darüber noch nicht einmal erstaunt. Ich neige fast dazu, ihm zuzustimmen.« Sie holte tief Luft; ihr schien die Energie ausgegangen zu sein. »Ich weiß nicht … Es bereitet mir alles Kopfschmerzen.«

»Ich verstehe nicht viel von Politik, Nilah«, sagte Shaan, »aber dein größtes Problem sind nicht die Freilande. Es ist Azoth.«

»Das sagen auch Rorc und Morfessa.« Nilah klopfte mit einem Fingernagel gegen die Seite ihres Glases.

»Warum hörst du dann nicht auf sie?«

»Weil sie …« Ihr Gesicht zog sich vor Verdrossenheit zusammen. »Weil sie auf nichts hören, was ich sage. Sie glauben, ich sei ein Kind und verstünde mich nicht darauf, Führerin zu sein.«

»Was also?«, sagte Shaan. »Tust du demnach nichts?«

»Nein!« Nilah runzelte die Stirn. »Aber sie reden nur darüber, was meine Mutter getan hätte, und dass ich die Stadt darauf vorbereiten muss, gegen Azoth zu kämpfen. Und der ganze Rat, besonders Lorgon, redet darüber, dass die Freilande die eigentliche Gefahr darstellen, dass sie alles unsicher machen und es Azoth erleichtern werden, die Macht zu übernehmen, falls er kommt.«

»Du meinst, wenn er kommt«, sagte Shaan. Nilah sah sie an, und Shaan stützte die Unterarme auf die Knie. »Er kommt, Nilah. Ich weiß es.«

Die Augen der Führerin verengten sich. »Ja, du warst bei ihm, nicht wahr? Du bist seine Nachkommin. Erzähl mir … Wie ist er?«

Shaan zögerte. »Er ist jemand, vor dem man sich fürchten muss.«

»Natürlich, das sagen alle. Aber er hat sich als Morfessas Gehilfe, Prin, verkleidet, nicht wahr? Ich habe ihn dort gesehen. Er war ein gutaussehender Mann mit wundervollen Augen.« Sie beugte sich zu Shaan. »Ganz wie deine.«

Shaan zuckte zurück und hatte einen Moment lang das Bedürfnis, sie zu ohrfeigen. »Er ist kein Mann.«

»Das weiß ich.«

»Offenbar nicht.«

Etwas veränderte sich in Nilahs Gesicht. Sie lehnte sich zurück. »Du bist böse. Tut mir leid, ich habe vergessen, dass er dir etwas angetan hat.«

Shaan holte tief Atem. »Er hat vielen Leuten etwas angetan, und du sprichst von ihm, als wäre er jemand, mit dem du schlafen könntest!«

Nilah lächelte halb. »Man kann mit allen Männern schlafen. Und ich gestehe, dass ich versucht habe, ihn zu verführen, als er Prin war, nur das eine Mal.« Ihr Lächeln verblasste. »Aber er hat mich abgewiesen. Er war seltsam. Er hat mir ein wenig Angst gemacht.«

»Er sollte dir viel Angst machen. Weißt du, wie viele Dörfer seine Wilden Drachen und Scanorianer angegriffen haben? Es sterben Menschen, Nilah!«

»Ich weiß.« Das Lächeln war aus Nilahs Gesicht verschwunden, und sie sah bleich und müde und sehr jung aus. Shaan bemerkte mal wieder, wie oft sie vergaß, dass die neue Führerin erst siebzehn Jahre alt war und ihre Mutter vor wenigen Monaten ermordet worden war.

Nilah zuckte die Schultern. »Lass uns von etwas anderem sprechen! Wie wäre es mit Septenführern? Unter denen gibt es ein paar hübsche Kerle, über die man reden kann.« Sie lächelte und zog die Augenbrauen hoch. »Dieser Balkis Mondial hat eine ganz schöne Ausstrahlung, findest du nicht?«

Shaan verspürte bei der Erwähnung seines Namens eine kurze Aufwallung von Beklommenheit. »Nicht, dass ich wüsste«, sagte sie.

»Wirklich?« Nilah lachte leise, während Shaan aufstand, um ihr Weinglas aufzufüllen. »Ich habe gehört, dass er schrecklich viel Zeit im Tempel verbracht hat, nachdem dein Bruder dich nach Hause geholt hat, und von keiner der jungen Dienerinnen weggelockt werden konnte, die ihm schöne Augen gemacht haben.«

Beim Einschenken verschüttete Shaan beinahe den Wein. »Ich glaube, du musst dich deinen Schriftrollen widmen«, sagte sie.

»Mit dir ist es nicht lustig«, schmollte Nilah, während sie sich umdrehte; dann stieß sie ein tiefes Seufzen aus und hielt Shaan ihr Glas hin. »Na gut, füll meines auch wieder, dann verspreche ich, dass ich nichts mehr über hochgewachsene, blonde Männer sage, die schöne, schöne…«

»Nilah!«

Die junge Frau rollte mit den Augen und schloss sehr betont den Mund. Shaan nahm ihr Glas und rang darum, ein Lächeln zu verbergen. Trotz all ihrer Fehler brachte Nilah sie manchmal zum Lachen.

Als sie am späten Nachmittag den Palast verließ und auf dem Weg zu den Ställen war, sah Shaan Balkis mit einem der Stallknechte sprechen, als sie durchs Tor trat. Sie zögerte und blieb dann stehen; eine alberne Furcht schnürte ihr die Kehle zu. Sie hatte Balkis nicht gesehen, seit Tallis sie zurückgeholt hatte. Zuerst war sie zu krank gewesen, danach zu unsicher. Sie wusste nicht, was sie zu ihm sagen sollte, und es war leichter geworden, ihn zu meiden. Sie hatte den Impuls, den Weg zurückzueilen, den sie gekommen war, aber er würde sie jetzt jeden Moment sehen, und sie würde sich lächerlich machen. Sie erinnerte sich noch an sein Gesicht, als Azoth sie verschleppt hatte, den Ausdruck von Enttäuschung und Angst, als er zur Spitze der Kuppel gerannt war. Sie erinnerte sich auch immer noch daran, wie sie ihn in einer dunklen Gasse geküsst hatte.

Er sah noch genauso aus: hochgewachsen, muskulös, stattlich. Sein blondes Haar war staubbedeckt und aus dem Gesicht gestrichen; einzelne Strähnen lockten sich in der feuchten Hitze auf der sonnengebräunten Haut seines Halses. Er trug die ärmellose Lederweste der Reiter und dunkelgrüne Hosen; um seine Hüften war ein Schwert gegürtet. Er sah Shaan, und sie holte augenblicklich Atem und begann weiterzugehen, versuchte, so zu wirken, als hätte sie das die ganze Zeit schon getan. Er schritt auf sie zu; Erstaunen stand in seinem Gesicht.

Sie trafen neben einem leeren Karren aufeinander, der nahe bei den Stallungen stand.

»Shaan«, sagte er, die blauen, blauen Augen weit aufgerissen, »du bist nicht mehr im Tempel. Was tust du hier? Fühlst du dich besser?«

»Nilah hat verlangt, mich zu sehen.« Sie legte eine Hand auf den Karren und lehnte sich daran, um ihr Bein zu entlasten.

»Du gehst.« Sie fühlte sich schlampig, aus der Fassung gebracht, als er die groben Hosen und das alte Hemd musterte. »Dein Haar ist länger«, sagte er.

Sie widerstand dem Drang, daran herumzuzupfen. Es reichte jetzt gerade über ihre Schultern und schien immer ungebändigt zu sein. »Ich schneide es vielleicht wieder ab«, sagte sie, ohne zu wissen warum.

Er lächelte, und sie versuchte zu ignorieren, wie sie sich bei diesem Anblick fühlte, und dann beugte er sich zu ihr; seine Stimme war leiser, als er sagte: »Ich bin jeden Tag gekommen, um dich zu besuchen. Warum wolltest du mich nicht einlassen?«

Sie sah beiseite; ihre Brust fühlte sich eng an. »Es ging mir nicht gut.«

»Jetzt scheint es dir besser zu gehen.«

Sie versuchte, tiefer Atem zu holen; es gelang ihr nicht. »Es geht mir besser, aber ich bin nicht dieselbe.«

»Du bist am Leben.« Er schob ihr eine Haarsträhne hinters Ohr; seine Finger strichen leicht über ihre Wange.

»Kaum.« Sie wich zurück, als sie bemerkte, dass einige der Stallburschen hinter ihm zusahen, aber Balkis ignorierte sie und ließ seinen Blick mit einer Heftigkeit, die verstörend war, auf ihr ruhen.

»Erlaube, dass ich dich besuche«, sagte er.

»Nein.«

»Aber warum nicht?«

»Weil …« Sie atmete aus und wusste nicht, was sie sagen sollte.

»Du hast keinen Grund, mich abzuweisen.«

»Ich habe den Schöpferstein berührt«, sagte sie. »Das hat mich verändert, es …« Sie hob die linke Hand, und er musterte sie verwirrt.

»Was?«

Sie starrte ihre Handfläche an. Was konnte sie ihm schon sagen? Dass sie jemanden geheilt hatte, dass sie spüren konnte, wie sein Blut durch seine Adern floss, wenn sie es versuchte? Das würde er nicht verstehen.

»Ich nehme an, du kannst es jetzt nur deinem Bruder erzählen, nicht wahr? Deinem Zwilling.«

»Wir sind anders als vorher, Balkis, Tallis und ich.«

»Nur in gewisser Hinsicht«, sagte er. »In anderer bist du immer noch dieselbe.«

»Was soll denn das heißen?«

Er ließ die Hand auf dem Knauf seines Schwerts ruhen und sah einen Moment lang über ihren Kopf hinweg, bevor er den Blick senkte. »Du vertraust den Leuten nicht, Shaan.«

»Das tue ich doch, ich vertraue …«

»Deinem Bruder?« Sein Tonfall war gereizt. »Und was ist mit mir? Vertraust du mir nicht?«

»Ich kenne dich kaum.«

Er lachte harsch auf. »Oh, ich glaube, du kennst mich durchaus ein wenig. Außerdem könnten wir daran ja etwas ändern.«

Wie waren sie so weit gekommen? Sie lehnte sich erschöpft gegen den Karren zurück. »Ich bin müde, Balkis«, sagte sie. »Es war ein langer Tag. Ich muss mich ausruhen.«

»Also geht es dir nicht so gut, wie du vorgibst.«

»Ich gebe gar nichts vor.«

Er lächelte. »Vertraust du mir dann, dir auf deinen Wagen zu helfen?«

»Ich glaube, das schaffe ich allein.«

»Nein, das glaube ich nicht«, sagte er. »Reich mir den Arm, oder wäre es dir lieber, getragen zu werden?«

Sie richtete sich so rasch auf, wie sie konnte, besorgt, dass er sie einfach hochheben könnte, und streckte die rechte Hand aus. »Also gut, wenn du kein ›Nein‹ als Antwort hinnimmst …«

Aber statt ihre Hand zu nehmen, legte er ihr den Arm um die Taille und zog sie an sich.