Sarantium - Die Zwillinge - Lara Morgan - E-Book

Sarantium - Die Zwillinge E-Book

Lara Morgan

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Wenn der Herr der Drachen erwacht, müssen die Drachenreiter sich zum Kampf rüsten ...

Es ist Shaans größter Traum, eine Drachenreiterin zu werden und ihr Volk vor seinen Feinden zu beschützen. Doch in ihren Träumen wird sie von den Bildern einer brennenden Stadt heimgesucht – und von einer Stimme, die in einer uralten Sprache, der Sprache der Drachen, zu ihr spricht. Denn Azoth, der finstere Herr der Drachen, ist erwacht und will seine Tyrannei über die Welt erneuern. Nur der junge Barbarenkrieger Tallis könnte Shaan in ihrem einsamen Kampf beistehen – denn auch er hat Macht über die Drachen …

»Sarantium - Die Zwillinge« ist 2009 unter dem Titel »Der Herr der Drachen« erschienen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 764

Veröffentlichungsjahr: 2018

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das Buch

Der uralte Pakt zwischen Drachen und Menschen ist zerbrochen und die Drachen verwüsten die Siedlungen der Menschen. Da geht in der großen Stadt Salmut das Gerücht um, dass Azoth, der finstere Herr der Drachen, erwacht sei – und dass er die Menschheit von Neuem seiner Tyrannei unterwerfen will. Zu dieser Zeit setzt die junge Shaan – eine Waise, die in den Drachenunterkünften arbeitet – all ihre Hoffnung darauf, sich den Drachenreitern anzuschließen, jenen Elitekämpfern, die auf dem Rücken ihrer Drachen den Himmel kontrollieren. Doch in ihren Träumen wird sie von den Bildern einer brennenden Stadt heimgesucht – und von einer Stimme, die in einer uralten Sprache, der Sprache der Drachen, zu ihr spricht. Und in der kargen Wüste der Clans wächst Tallis heran, ein junger Mann, der Macht über die wild gewordenen Drachen zu haben scheint …

Die Autorin

Lara Morgan ist in Westaustralien aufgewachsen und hat große Teile ­Europas ebenso bereist wie die Dschungel Borneos. Sie hat mehrere künstlerische Projekte geleitet und arbeitet als Redakteurin und Schriftstellerin.

Lara Morgan bei Blanvalet:

Sarantium – Die Zwillinge

Sarantium – Die Verräter

Sarantium – Die Götter Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet und www.twitter.com/BlanvaletVerlag

Lara Morgan

SarantiumDie Zwillinge

Roman

Übersetzt von Marianne Schmidt

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Twins of Saranthium 01. Awakening« bei Tor, Syndney.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe Februar 2018 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Copyright der Originalausgabe © 2008 by Lara Morgan

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2009 by Penhaligon Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Dieser Roman erschien bereits 2009 als Hardcover im Penhaligon Verlag und 2011 als Taschenbuch im Blanvalet Verlag unter dem Titel »Der Herr der Drachen«

Umschlaggestaltung und -illustration: Isabelle Hirtz, Inkcraft

JB · Herstellung: wag

Satz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-21944-4V001 www.blanvalet.de

Für Grant,meine Vernunft, meine Muse,der immer daran geglaubt hat, dass ich es schaffen kann.In immerwährender Liebe.

Inhaltsverzeichnis

Der Herr der Drachen

Liste der Charaktere

Drachen

Glossar

Danksagung

Die Stadt Salmut, Sarantium

Mit einem Ruck fuhr Shaan aus dem Schlaf auf. Ihr Atem ging schnell und stoßweise. Zum wiederholten Mal hatte sie von Feuer und Tod geträumt.

Benommen rollte sie sich auf den Rücken und starrte die Risse in der Decke an. Es war kurz nach Morgengrauen, Hitze und Luftfeuchtigkeit nahmen bereits zu. Sie war schweißbedeckt, das Bettzeug klebte an ihren Gliedern, und sie fühlte sich plötzlich unbehaglich. So strampelte sie die Decke ans Fußende und fuhr sich dann mit unsicheren Händen durch das kurze, dunkle Haar.

Dieses Mal war der Traum noch lebendiger gewesen. Die unerwünschten Bilder drängten erneut in ihr Bewusstsein. Brennendes Fleisch, Schreie, Feuer, das die seltsame Stadt verschlang, und diese Stimme, die sie verfolgte und sie quälte. Sie konnte noch immer das zischelnde Flüstern hören.

Als draußen der Wagen klapperte, der den Müll einsammelte, schrak sie zusammen. Ärgerlich schob sie die letzten Traumschwaden beiseite. Was sollte es bringen, darüber nachzugrübeln, wenn sie auch so schon genügend Schwierigkeiten hatte? Sie erhob sich aus ihrem Bett, ging zum Fenster hinüber und stieß die hölzernen Läden auf. Der Gestank von Unrat und Fäulnis wehte von der Straße zwei Stockwerke tiefer zu ihr herauf, und angeekelt hob sie den Kopf, um wenigstens einen Hauch frischer Luft zu erhaschen. Der Himmel war vom verwaschenen Rosa des anbrechenden Morgens getönt. Hinter den flachen Dächern der Stadt ragten die Lagerhallen und Landungsstege des Großen Hafens in das dunkle Wasser der Bucht. Die mächtige Hauptpier sah aus wie ein steinerner Arm, der auf den Rand der Welt zeigte, und das Meer ähnelte einem Tuch aus schwarzer Seide. Die Schiffe, die vor Anker lagen, bewegten sich kaum im leichten Wellengang.

Shaan ließ den Blick zu den dicht an dicht stehenden, weiß getünchten Häusern gleiten, die sich entlang der roten Klippe am gegenüberliegenden Ende der Bucht drängten. Dies war die Anlage, die die Drachen und ihre Reiter beherbergte. Sie biss sich auf die Lippen, und ihr Magen zog sich zusammen. Es waren nur noch zwei Monate bis zum Wettkampf der Reiter. Würde ihr gestriger Fehler ihr einen Strich durch die Rechnung machen? Würde er sich dann noch daran erinnern?

Davon hätte sie träumen sollen, nicht von einer brennenden Stadt. Wenn sie bei dem Wettkampf versagte, würde sie zwei weitere Jahre den Söhnen und Töchtern der Würdenträger der Stadt hinterherputzen müssen, denen die Stellung als Reiter praktisch sicher war. Beim Wettkampf zu patzen, das würde bedeuten, dass all ihre Anstrengungen vergebens gewesen wären.

Sie stützte sich auf dem Fensterbrett auf, und das gesplitterte Holz schabte ihr über die Haut. Der Septenführer Balkis hatte vorher kaum von ihr Notiz genommen, aber nun gab es keine Zweifel mehr, dass sie ihm im Gedächtnis bleiben würde. Beim bloßen Gedanken daran, wie er sie angesehen hatte, wurde Shaan übel. Sie hatte ihm eine scharfe Schneide anstelle einer stumpfen Klinge gereicht. Der Jungreiter, den er ausbildete, hatte mit sieben Stichen am Oberschenkel genäht werden müssen. Es lag an den Träumen und am Schlafmangel. Wäre sie nicht so müde gewesen, wäre ihr ein solcher Fehler nicht unterlaufen.

Sie brauchte jeden erdenklichen Vorteil, um sich einen Platz als Jungreiterin zu sichern. Den Mann gegen sich aufzubringen, der möglicherweise über ihr Schicksal entscheiden würde, dürfte nicht besonders hilfreich sein. Solange sie zurückdenken konnte, war niemand, der zum Septenführer ernannt worden war, jünger als Balkis gewesen, und ausgerechnet sie musste sich seinen Unmut zuziehen. Sie starrte zur Anlage hinüber, als könnte sie mit ihrem Blick in sein Gehirn eindringen. Wähle mich, dachte sie, wähle mich.

Ein hochseetüchtiges Fischerboot lenkte sie ab, dessen Segel sich nun, da es am Landungssteg festmachte, strahlend weiß vor den roten Klippen abhoben. Eine Zeit lang ließ sie ihren Blick darauf ruhen, dann fluchte sie mit einem Mal, als ihr einfiel, dass sie versprochen hatte, an diesem Morgen für Torg Fisch zu besorgen. Seufzend zog sie sich ein ärmelloses grünes Kleid über den Kopf, schlüpfte mit den Füßen in ihre Sandalen, trat hinaus in den schmalen Flur und schlang im Gehen einen breiten Gürtel um ihre Taille.

»Tuon, Tuon, aufwachen«, rief sie den Flur hinunter und klopfte energisch gegen eine Tür am Ende des Ganges. Ohne auf eine Antwort zu warten, öffnete sie sie und steckte ihren Kopf hinein.

»Tuon, bist du wach?«

Das Zimmer war doppelt so groß wie ihr eigenes. In der Ecke gegenüber lag eine Frau quer auf einem breiten Bett, die Decke über den Kopf gezogen. Zu sehen waren nur ihre rosafarbenen Zehen, die unter dem zerknautschten Bettzeug hervorlugten.

»Tuon, aufwachen.« Sie ließ die Tür gegen die Wand krachen.

Ein zerzauster Haarschopf schob sich unter den Laken hervor, gefolgt von einer Hand, die ein Kissen in Shaans Richtung schleuderte. »Lass mich in Ruhe.«

Shaan sah ungerührt zu, wie der federgefüllte Sack gegen den Türrahmen prallte.

»Das nächste Mal musst du besser zielen.« Mit langen Schritten durchquerte sie den Raum und baute sich vor der Frau auf, die Hände in die Hüften gestemmt. »Komm schon. Ich muss zum Angeln. Du könntest mich doch begleiten und schwimmen gehen. Das würde auch ein wenig von diesem Gestank von dir abwaschen.«

Aber Tuon bewegte sich nicht, und Shaan sah verärgert zu ihr hinunter. Dann beugte sie sich über sie und riss ihr die Decke weg. »Nun komm schon. Selbst Mistkäfer bewegen sich schneller als du.«

»Ist ja schon gut!« Tuon rollte sich auf den Rücken und blinzelte, dann rieb sie sich verschlafen über den nackten Bauch. »Nach dem gestrigen Missgeschick bist du, wie ich sehe, eine sehr angenehme Begleitung.«

Tuon war blond und üppig, was sie zur Favoritin vieler Matrosen machte, die im Red Pepino einkehrten. Ihre Haut war hell im Vergleich zu Shaans, sie war einen Kopf größer, zehn Jahre älter und für Shaan der einzige Familienersatz, den sie hatte.

Shaan rümpfte die Nase und ging über die Bemerkung hinweg. »Himmel, ist das stickig hier!« Sie trat ans Fenster und riss es mit einem Ruck auf. »Warum lüftest du nicht hin und wieder mal?«

»Wir sind ja prächtiger Laune heute!« Tuon setzte sich mühsam im Bett auf. »Ein Glück, dass Torg dich nicht für sich arbeiten lässt. So, wie du aus der Wäsche schaust, würdest du weniger als ein Straßenjunge verdienen.«

»Als ob ich mich von irgendeinem schwitzenden, stinkenden Schwein von einem Seemann besteigen ließe.«

Shaan kratzte mit einem Fingernagel an einem Flecken der abgesplitterten Farbe auf ihrem Arm.

»Tatsächlich? Aber du bist dir nicht zu schade, ihnen die eine oder andere Geldbörse zu stehlen?«

»Na, wenn schon.« Shaan zuckte mit den Schultern. »Sie waren betrunken und dumm, und es ist ihnen ganz recht geschehen.« Sie konzentrierte sich weiter auf die Farbreste und tat so, als bemerke sie Tuons hochgezogene Augenbrauen überhaupt nicht. Sie hatte einiges verlernt, wenn Tuon sie hatte beobachten können. Als sie noch mit den Straßenbanden herumgezogen war, hatte sie mitten auf dem dichtgedrängten Marktplatz einem Händler die Börse entwenden können, ohne dass irgendjemand Verdacht geschöpft hätte. Aber diese Zeiten gehörten der Vergangenheit an.

»Wenn Torg das herausfindet, wird er gar nicht erfreut sein«, sagte Tuon. »Das macht es schwerer für die Kunden, seine Mädchen zu bezahlen. Mich eingeschlossen.«

»Tja, nun«, antwortete Shaan und sah auf, »dieser Seemann war ohnehin zu betrunken, um einen hochzubekommen.«

Tuons Augen wurden schmal. »Du stiehlst doch nur, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Was ist es diesmal? Kannst du wieder nicht schlafen, oder machst du dir noch immer Sorgen wegen dieses Septenführers?«

»Ich mache mir keine Sorgen.« Shaan schnippte einen Farbkrümel zum Fenster hinaus.

»Nein, natürlich nicht.« Tuon verschränkte die Arme vor ihren nackten Brüsten. »Hat ja auch nichts zu bedeuten, wenn man von dem Mann angeschrien wird, der beim Wettkampf über das eigene Schicksal zu entscheiden hat. Geschieht doch alle Tage. Und klar«, sie warf ihr einen schelmischen Blick zu, »ist es völlig unwichtig, dass dieser Mann auch noch verdammt gutaussehend ist.«

»Und das auch weiß«, schnaubte Shaan.

»Das wissen sie doch immer«, entgegnete Tuon trocken. »Aber trotzdem – ein Septenführer …«

»Der einer Arbeiterin wohl kaum einen zweiten Blick gönnen wird«, unterbrach Shaan sie. »Nicht, dass ich darauf Wert legen würde.«

»Das wollte ich auch nicht angedeutet haben.« Tuon sah sie prüfend an, und Shaan spürte, wie ihr die heiße Röte in die Wangen stieg. »Ich wollte nur sagen, dass ich mir Sorgen machen würde, wenn ich diejenige wäre, die eine Reiterin werden will, und der Septenführer auf mich wütend wäre. Oder gibt es sonst einen Grund, warum du dich aufplusterst wie eine Katze, die in der Falle sitzt?«

Shaan wandte den Blick ab und starrte aus dem Fenster. »Ich bin einfach nur müde. Ich muss mich in der Anlage melden, um bei der Ausgabe des Mittagessens zu helfen, und außerdem Fische für Torg besorgen. Wenn du mich also begleiten willst, dann steh auf, oder ich gehe allein.«

Tuon bewegte sich nicht. »Du hattest wieder diesen Traum, stimmt’s?«

Shaan ließ sich erneut gegen den Fensterrahmen sinken und sah Tuon niedergeschlagen an.

»Du solltest es mir besser erzählen. Du weißt doch, dass ich es sowieso rausbekomme.«

Mit dem durchdringenden Blick ihrer blauen Augen schien Tuon sie am Fenstersims festzunageln. Shaan versuchte zurückzustarren, aber sie war zu müde, um dem Blick standzuhalten. »In Ordnung«, seufzte sie. »Ja, bei der Göttin, dieser verfluchte Traum ist wieder da.«

»War dieses Mal irgendetwas anders?«

»Nein, es hat sich nichts geändert. Da waren wieder die brennende Stadt und die Menschen und …« Sie zögerte. Darüber wollte sie nicht sprechen. Sie wollte auch nicht daran denken, wie realistisch sich alles angefühlt hatte, der Rauch, der ihre Lungen ausgefüllt hatte, der stechende Gestank von versengtem Fleisch und die Stimme. »Es war nur ein Traum, Tuon. Der gleiche, den ich schon seit Wochen habe. Der gleiche, von dem du immer und immer wieder hörst.«

»Nur ein Traum?«

Shaan fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und bereute, dass sie davon angefangen hatte. »Ja, nur ein Traum. Nichts von Bedeutung. Ist doch egal.« Sie strich die Vorderseite ihres Kleides glatt. »Komm schon, es wird immer heißer. Lass uns aufbrechen.«

Aber Tuon bewegte sich nicht. »Du musst zu einem Traumseher gehen, Shaan. Diese Träume kommen immer häufiger. Du solltest mit jemandem darüber sprechen. Vielleicht sogar mit Morfessa.«

»Dem Ratgeber der Führerin?« Shaan hätte beinahe aufgelacht.

»Er ist der beste Traumseher in der Stadt.«

»Auf keinen Fall gehe ich zu ihm hin. Und überhaupt: Ich habe gar kein Geld und kann mir auch nicht vorstellen, dass Morfessa jeden Beliebigen empfangen würde. Ich bin eine Arbeiterin in der Anlage, ein Niemand.«

»Ich werde dafür bezahlen«, beharrte Tuon. »Du solltest mit jemandem sprechen. Diese Träume müssen irgendetwas bedeuten, sie …«

»Sie bedeuten überhaupt nichts. Es ist nur die Hitze. Komm schon und zieh dich an. Ich muss den Fisch besorgen.«

Tuon seufzte. »In Ordnung, in Ordnung. Gib mir mal meine Sachen.«

Shaan war dankbar, dass Tuon das Thema fallen ließ, und holte ein blaues Kleid, das reich mit Blumen bestickt war, aus dem Schrank.

Doch Tuon sah sie eindringlich an, als sie das Kleid entgegennahm. »Versprich mir, Shaan, dass du wenigstens darüber nachdenkst, einen Traumseher zu Rate zu ziehen. Machst du das?«

»In Ordnung.«

Damit gab sich Tuon zufrieden, zog sich rasch an, und gemeinsam stapften sie die Treppe hinunter. In der Küche war der Besitzer des Red Pepino, Torg Fairwind, damit beschäftigt, energisch einen Klumpen Brotteig zu bearbeiten, ihn zu klopfen und durchzuwalken. Seinen kahlen Kopf hatte er mit einem Tuch bedeckt. Ein dicker Goldring baumelte an seinem rechten Ohr und schimmerte, wenn er sich bewegte.

Torg lächelte, als die beiden Mädchen den Raum betraten, und seine Zähne hoben sich weiß glänzend von seiner schwarzen Haut ab. »Morgen.«

Die beiden Frauen zuckten vor der Hitze, die der Ofen ausstrahlte, zurück.

»Was machst du denn da?« Tuon keuchte und fächelte sich Luft ins Gesicht. »Dafür gibt es Bäcker, falls du es noch nicht weißt.«

»Ja, aber denen traue ich nicht über den Weg.« Er donnerte ein großes Stück des Teigklumpens auf die Tischplatte. »Niemand macht Brot wie Torg.« Er zwinkerte ihnen zu und hieb so kräftig auf den Teig, dass der Tisch wackelte.

»Ihr geht los, meinen Fisch besorgen?« Er sah Shaan an, und sie nickte.

»Ich hole nur noch meine Ausrüstung.«

»Gut. Und sieh zu, dass du dich gründlich wäschst. Ich kann den Wein von letzter Nacht noch an dir riechen. Wenn du dir nur mal die Haare waschen und ein bisschen Fleisch auf die Knochen bekommen würdest, könntest du einige Münzen mehr verdienen, genau wie Tuon.«

»Nein, vielen Dank«, knurrte Shaan mit finsterer Miene. »Da würde ich lieber meinen Kopf in diesen Ofen stecken.« Sie nahm ihren Schnürbeutel vom Haken neben der Hintertür. »Komm schon, Tuon.«

Der Klang von Torgs Kichern und das gleichmäßige Aufklatschen vom Teig auf der Tischplatte folgten ihnen, als sie den Hof überquerten und durch die Hinterpforte hinausgingen.

Die Straßen waren beinahe leer, und sie kamen im gewöhnlich überfüllten Seefahrer-Viertel gut voran. Als sie sich jedoch dem Marktplatz näherten, wurden die Gassen belebter. Von vorn drangen die Rufe der Standverkäufer zu ihnen, die ihre Waren anpriesen, und Wagen, voll beladen mit Gemüse, fuhren schaukelnd an ihnen vorbei, gezogen von schnaubenden Muthus. Der Markt befand sich auf einem riesigen Platz, der von allen Seiten von hohen Gebäuden gesäumt wurde, in denen Geschäfte, Tavernen und Kaf-Häuser untergebracht waren. Ein Kreis von Wagen und behelfsmäßigen Ständen füllte den Hauptteil der offenen Fläche. Bunt gemusterte Tücher waren über Stangen gespannt, um die Waren vor der Sonne zu schützen. In der Mitte befanden sich ein schattiger Garten und ein Springbrunnen.

Die Szenerie war ebenso chaotisch wie vertraut, aber Shaan spürte einen Hauch von Unbehagen in der Luft, während sie und Tuon sich ihren Weg durch das Gewimmel bahnten. Die Menschen lärmten nicht so ausgelassen wie sonst. Verkäufer drängten sich in Grüppchen zusammen, und mit in sorgenvolle Falten gelegten Gesichtern spähten sie nervös in den Himmel hinauf, während sie murmelnd die Köpfe zusammensteckten. Die Kunden stöberten halbherzig in den Auslagen, und ihre Versuche, um den Preis zu feilschen, waren leise und ohne rechte Begeisterung.

»Ich frage mich, was heute mit allen los ist«, sagte Shaan.

Tuon warf ihr einen Blick zu. »Hast du denn nichts von den Gerüchten gehört?«

»Von welchen denn? Dass wild gewordene Drachen Dörfer angreifen? Natürlich.«

Shaan zuckte mit den Schultern. »Aber das sind doch wohl nur Geschichten von Leuten, die Panik schüren wollen.«

Tuon sah sie stirnrunzelnd an. »Warum sollte irgendjemand solche Lügen erzählen?«

»Ich weiß es nicht. Aber Drachen töten keine Menschen, Tuon. Schon vor langer Zeit wurde ein Pakt geschlossen, um uns zu schützen. Außerdem habe ich nichts davon gehört, dass irgendeiner der Drachen hier in Salmut irgendetwas tut, und da ich in der Anlage arbeite, würde ich wohl eine der Ersten sein, die davon erführe.«

Tuon warf ihr einen finsteren Blick zu. »Als ob sie einer Arbeiterin anvertrauen würden, was vor sich geht. Und du weißt genau, dass die Geschichtsschreibung besagt, eines der ersten Anzeichen Seiner Rückkehr würde ein verändertes Verhalten der Drachen sein. Wir wären gut beraten, wenn wir alle Warnungen ernst nähmen, anstatt sie in den Wind zu schlagen. Wenn wirklich der Gefallene zurückkommen sollte …«

»Der Himmel würde schwarz vor Verzweiflung werden«, unterbrach Shaan sie. »Ich kenne die Worte aus der Rolle der Gründung ebenso gut wie jeder andere auch.«

Aber Tuon wollte nicht von dem Thema ablassen. »Sie besagt außerdem«, fuhr sie fort, »dass Drachen, die Menschen angreifen, die ersten Zeichen Seiner Wiederkehr sein würden. Und man hört doch Gerüchte, dass jene Dörfer im Norden von Drachen attackiert wurden.« Sie legte erneut die Stirn in Falten, griff an einem Stand nach einer Bahn kastanienbrauner Seide und ließ sie schließlich wieder sinken. »Ich denke, es wäre leichtsinnig, irgendwelche Warnzeichen zu missachten, das ist alles.«

»Es gibt keine Beweise, dass es Drachen waren«, gab Shaan zu bedenken. »Wahrscheinlich waren es die Scanorianer.«

»Scanorianer sind nichts als schmutzige, kleine Höhlenbewohner, Shaan. Sie verschlingen keine Menschen. Und man sagt, dass man Körper gefunden hat, die halb angefressen waren, und andere, die in Stücke gerissen waren. Ganze Dörfer wurden bis auf die Grundfeste niedergebrannt.«

Shaan schüttelte den Kopf. Auch sie hatte die Gerüchte gehört, aber die Drachen waren ihre Beschützer und ihre Verbündeten. Das alles ergab keinen Sinn, und sie war überrascht, dass Tuon dem Gerede so viel Glauben schenkte. Gewöhnlich war sie die Erste, die alles abtat, von dessen Wahrheitsgehalt sie sich nicht selbst überzeugt hatte. Das hier sah ihr gar nicht ähnlich. Die Möglichkeit, dass die Angriffe die Rückkehr des Gefallenen ankündigen könnten, war etwas, das weder sie noch sonst irgendjemand für denkbar halten wollte. Der Gefallene war eine Legende, ein Mythos, ein Monster aus den Albträumen der Kinder. Gerüchte zu streuen, er könne zurückkehren, war … Sie schüttelte den Kopf und verdrängte entschlossen den Gedanken daran, denn sie wollte ihn nicht noch weiter ausspinnen. Sie hatte auch so schon genügend Probleme.

Ihr Magen knurrte, als sie an einer Obstverkäuferin vorbeikamen, die gerade erst ihre Waren auslegte. »Ich habe solchen Hunger, hast du ein paar Münzen dabei?«, fragte sie und machte einen Schritt über eine Kiste mit sorgsam eingewickelten Äpfeln hinweg.

»Nein. Hoppla!« Tuon griff nach ihrer Hand, als sie beinahe über eine weitere Obstkiste gestolpert wäre, die ein junger Bursche plötzlich in den Weg geschoben hatte.

»Heda, ihr zwei!« Eine große Frau mit einem langen, roten Kleid drängelte sich durch die Menge in ihre Richtung. »Was macht ihr denn da? Haltet euch von meinem Obst fern. Ihr zerdrückt es mir noch, und dann werdet ihr mit euren mageren Knochen dafür bezahlen!«

Shaan fühlte sich plötzlich übermütig, bückte sich und tat so, als mache sie sich an ihrer Sandale zu schaffen, während sie mit einem breiten Grinsen zu Tuon emporsah. Das war ein uralter Diebestrick, und es kostete sie nur einen winzigen Augenblick, nach der Frucht zu greifen.

»Lass das!« Tuon packte sie am Arm. »Die Frau sieht groß genug aus, um uns beide in den Abfallkarren zu werfen.« Sie zerrte an Shaans Ellenbogen und zog sie fort.

»Ach, komm schon! Diese fette Seekuh würde uns doch nie einholen.« Shaan folgte Tuon mit eiligen Schritten und schnappte sich geschickt einige noch warme Leckerbissen von einem Tablett mit Backwaren, das ein Mann an ihnen vorbeitrug.

»Hier.« Sie schloss wieder auf und bot Tuon ein Stück Gebäck an, dann zog sie die Äpfel vorne aus ihrem Kleid. »Lass uns die Beweisstücke vertilgen.«

Lächelnd schüttelte Tuon den Kopf. »Du bist eine Diebin, Shaan.« Sie sah zurück und stellte fest, dass der großen Frau durch einige rangelnde Jungen der Weg versperrt war. »Aber du hast das Glück auf deiner Seite.«

Die Frau starrte ihnen über die Köpfe der Jungen hinterher, aber sie kam nicht an ihnen vorbei. So blieb ihr nichts anderes übrig, als den beiden Mädchen ein paar ausgesuchte Beleidigungen hinterherzurufen, sich umzudrehen und zu ihrem Stand zurückzukehren. Shaan fing Tuons Blick auf, lachte, und gemeinsam drangen sie tiefer in das Labyrinth von Ständen vor, bis sie schließlich die Grünanlage erreichten. Dort blieben sie im Schatten einiger Bäume beim Springbrunnen stehen, um zu essen. In der Mitte des sprudelnden Wassers befand sich die Statue einer nackten Frau mit einem Fisch in der Hand. Auf der anderen Seite der Fontäne, halb verdeckt von der Brunnengestalt, standen drei prachtvoll gekleidete Männer und unterhielten sich mit dicht zusammengesteckten Köpfen. Unmittelbar neben ihnen wartete ein großer Mann mit einem schwarzen Wams, der ein Schwert an der Hüfte trug und mit aufmerksamem Blick die Gegend absuchte. Seine Haut war sonnengebräunt, und das dunkle Haar hing ihm bis auf die Schultern. Auf seinem Kinn lag der Schatten eines Bartes, der seit ein oder zwei Tagen nicht mehr abrasiert worden war.

Shaans Magen machte einen Satz, als sie ihn erblickte, und rasch schlug sie die Augen nieder, kniete sich an den Brunnen und spritzte sich Wasser ins Gesicht, während sie spürte, wie der Mann sie musterte. Tuon sog scharf die Luft ein, als sie sich neben sie kniete. Männer wie dieser machten sie beide gleichermaßen nervös. Das schwarze Wams kennzeichnete ihn als ein Mitglied der Glaubenstreuen, der Stadteinheit der Elitekämpfer.

Einen wie ihn sollte man besser nicht auf sich aufmerksam machen, denn das war weitaus schlimmer, als den Stadtwachen aufzufallen. Man erzählte sich, dass die Jäger der Glaubenstreuen alles und jeden aufzuspüren vermochten, und dass ihre Verführer den eigenen Geist nach Belieben in jede Richtung lenken konnten. Bei ihnen handelte es sich um die mächtigsten und am meisten gefürchteten Gesetzeshüter Salmuts. Sie waren die Krieger, die die Führerin ausgewählt hatte, dafür zu sorgen, dass der Gefallene niemals würde zurückkehren können.

Versonnen sah Shaan zu Boden und fragte sich, was ein solcher Mann in diesem Teil der Stadt verloren hatte. Unter den gesenkten Lidern hervor riskierte sie einen Blick und sah, dass der Mann inzwischen tief in eine Unterhaltung mit den anderen versunken war. Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus und starrte in das seichte Wasser hinab, ließ die Finger darin kreisen und kaute an ihrem Gebäck. Neben ihr trank Tuon einen Schluck aus ihren gewölbten Händen; dann setzte sie sich auf den Rand des Brunnens, den Rücken angespannt durchgedrückt.

Shaan beobachtete ein Blatt, das im kühlen Nass versank. Der Markt war immer einer ihrer liebsten Arbeitsplätze gewesen, als sie noch mit den Straßenbanden herumgezogen war. Bei all diesem Trubel und Stimmengewirr hatte es immer leichte Beute für Diebe gegeben. Jedenfalls bevor der Bucklige auf den Plan getreten war, dachte sie mürrisch. Sie war froh, dass sie die Bande bereits verlassen hatte, als er sie alle »unter seine Fittiche« genommen hatte, wie er es nannte. Sie schielte zu Tuon hinüber. Diese war einmal mit ihm zusammengestoßen, was der Grund dafür war, warum sie sich Arbeit im Red Pepino gesucht hatte, nicht lange nachdem Shaan selbst dort untergekommen war. Aber sie verlor nie ein Wort darüber. Shaan wünschte sich, sie würde ihr davon erzählen. Wie schlimm mochte es gewesen sein?

Wie beiläufig spielte Shaan mit dem Blatt. »Warum erzählst du mir nie, was dir der Bucklige angetan hat?«, fragte sie leise.

Tuon blickte sie mit verkniffenem Gesicht an. »Aus dem gleichen Grund, warum du nicht von der Zeit sprichst, in der du mit den Straßenkindern umhergezogen bist, oder von deiner toten Mutter«, erwiderte sie schroff. »Es ist vorbei. Abgeschlossen. Es macht keinen Sinn, noch einmal davon anzufangen; also hör auf, danach zu fragen.«

Shaan zog die Hände aus dem Wasser und hockte sich ebenfalls auf den Brunnenrand. »Entschuldige«, sagte sie.

Tuon schüttelte nur den Kopf, hielt den Blick starr auf den Marktplatz gerichtet und seufzte. »Es ist nicht deine Schuld.«

Shaan wandte die Augen in die gleiche Richtung und beobachtete einen Verkäufer, der Fleisch auf Spieße steckte. Irgendetwas belastete Tuon. Sie war nie so abweisend, und vor allem erwähnte sie niemals so unverblümt Shaans tote Mutter. Sie wusste, wie schmerzhaft es für sie war, an ihre Mutter erinnert zu werden, die die Droge Crist mehr als ihre eigene Tochter geliebt hatte. Sie war an ihrer Sucht gestorben, als Shaan erst fünf Jahre alt gewesen war, und hatte sie so den Straßenbanden überlassen, der Legion verwaister Kinder, die stahlen, um zu überleben.

Shaan rieb über den eingerissenen Nagel ihres rechten Daumens. Sie erinnerte sich kaum noch an ihre Mutter, entsann sich nur noch ihres roten Haares und der hellbraunen Augen in einem schmalen Gesicht. Shaans eigene Augen waren von einem so dunklen Blau, dass sie beinahe lila wirkten. Indigo hatte ihre Mutter in ihren lichten Momenten den Ton genannt.

»Shaan!« Tuons Stimme brachte sie zurück in die Wirklichkeit. »Wenn du zu viel über die Vergangenheit nachdenkst, wist du in ihr ertrinken. Hast du nicht gesagt, du müsstest noch Fische fangen?« Sie hob eine Augenbraue.

»Ja, gleich.« Shaan holte tief Luft; sie war müde.

Tuon schüttelte den Kopf, aber Shaan konnte einfach nicht genug Energie aufbringen, um aufzustehen. In einer Stunde würden die Fische auch noch da sein.

Hinter ihnen schwollen die Stimmen der Männer über dem Klang des Wassers an und verebbten wieder. Sie waren nur bruchstückhaft zu hören, und Shaan drehte sich ein bisschen, um sie aus den Augenwinkeln zu beobachten.

Mit einem Mal stieß ihr Tuon den Ellenbogen in die Seite und zischte: »Sieh sie nicht an!«

»Au!« Shaan funkelte die Freundin an. »Habe ich doch gar nicht.«

»Und ob! Solche Männer sind gefährlich. Und wenn sie herausfinden würden, dass du irgendwas mitgekriegt hast, was glaubst du wohl, wie sie dann reagieren würden?«

»Sie würden es niemals merken. Ich habe nicht sechs Jahre auf der Straße gelebt, ohne etwas dabei zu lernen.«

»Einer von ihnen gehört den Glaubenstreuen an«, knurrte Tuon.

»Habe ich auch bemerkt.«

»Dann solltest du auch wissen, dass er der Kommandant ist. Er ist gefährlich.«

»Woher weißt du denn das?« Shaan sah sie stirnrunzelnd an. An seinem Wams war nichts zu erkennen, das seinen Rang verraten hätte.

»Ich weiß es eben einfach«, erwiderte Tuon.

»Wie?«

Aber ihr Gesicht hatte einen verschlossenen Ausdruck angenommen; sie wandte den Kopf ab und strich sich ihren Rock glatt. »Leg dich nicht mit ihnen an. Es lohnt sich nicht.« Sie stand auf. »Komm schon, es warten noch Fische darauf, von dir geangelt zu werden.« Und mit diesen Worten ging sie davon.

Shaan schaute ihr einen Moment lang nach, ehe sie ebenfalls aufstand und ihr folgte. Tuon benahm sich in letzter Zeit ausgesprochen seltsam. Während sie nebeneinander herliefen, betrachtete Shaan Tuons Gesicht. Seit ihrem elften Lebensjahr war sie Mutter und Schwester für sie gewesen, aber in letzter Zeit war sie abwesend und neigte dazu, nachdenklich ins Leere zu starren, oft mit tiefen Falten auf der Stirn.

Ein Schatten glitt über sie hinweg, und als Shaan aufsah, entdeckte sie einen gold- und lilafarbenen Drachen, der aus Richtung Westen Kurs auf die Stadt nahm und schon recht nah gekommen war. Zu nah. Sie blieb stehen und packte Tuon am Arm, sodass sie neben ihr haltmachte.

»Er fliegt sehr tief«, bemerkte sie.

»Was?« Tuon klang noch immer verärgert.

»Der ist zu niedrig«, wiederholte sie. »Sieh doch nur.« Sie deutete empor.

Der Drache kam immer näher und näher, die mächtigen Schwingen zu ihnen herabgebogen. Er war jetzt so nah bei ihnen, dass Shaan den Reiter erkennen und die sausende Luft zwischen den Flügeln des Tieres hören konnte. Ein beißender, scharfer Geruch wie Öl, das in einer Pfanne schwarz verbrennt, mischte sich in den Wind.

Shaans Herz hämmerte, während sie emporstarrte. Reiter brachten ihre Tiere niemals so weit an die Stadt heran. Rings um sie herum waren auch andere Gespräche verstummt, und die Leute sahen dem Tier entgegen, das sich tiefer und tiefer sinken ließ. Es fiel zu ihnen herab wie ein Stein, der von den Göttern geworfen worden war. Die Haut glänzte im Sonnenlicht, und während Shaan aus zusammengekniffenen Augen hinaufschaute, überfiel sie ein seltsam taubes Gefühl. Sie sah, wie der Drache seinen Schwanz wie einen Wimpel am Himmel ausrollte, und ohne zu wissen, warum, reckte sie eine Hand in die Luft und streckte ihre Finger aus, während der Drache auf sie zuschoss.

Plötzlich stieß das Tier einen langen, tiefen Schrei aus, bei dem sich Shaans Nackenhaare sträubten.

»Er greift an«, rief jemand, und auf dem Marktplatz brach Panik aus. Menschen suchten Schutz und stießen einander beiseite, während sie versuchten, die Sicherheit umliegender Häuser zu erreichen. Aber nur wenige waren schnell genug, und der Drache fiel über die Flüchtenden her. Zu hören waren nur der zischende Wind und die aneinanderreibenden Klauen, die wie Messer klangen, wenn sie über Felsen schaben.

»Shaan!« Tuon packte sie am Arm und zog sie zurück in Richtung Garten, und sie riss sie auf dem Weg dorthin zu Boden. Shaan stolperte und schlug sich die Knie auf, als sie aufs Pflaster prallte. Rings um sie herum kreischten die Leute voller Entsetzen und warfen sich auf die Straße oder zwängten sich unter die Stände. Benommen rollte sich Shaan auf die Seite und sah den Mann in Schwarz rennen. Mit grimmigem Gesicht starrte er auf einen Punkt hinter ihr. Sie folgte seinem Blick und sah den Drachen niedersausen und mitten über den Marktplatz fegen. Funken stoben, als die Stacheln seines Schwanzes über die Steine kratzten. Die weit ausgebreiteten Schwingen zerschlugen Wagen und Markisen, zermalmten Menschen unter sich und warfen Muthus um, die entsetzt hatten davongaloppieren wollen. Der Windstoß, der dem Drachen folgte, stank nach Rauch und Asche. So nahe raste das Tier an ihr vorbei, dass Shaan den Reiter erkennen konnte. Sein Gesicht war voller Angst, während sein Drache unkontrolliert wütete. Einen Moment lang sah er sie direkt an; dann war er verschwunden, als das Tier mit einem weiteren Schrei aufstieg und gen Osten abdrehte.

Jalwalah-Territorium, Clanlande

Tallis packte seinen Speer, stand vollkommen reglos da und ließ den Bau der Mar-Ratte nicht aus den Augen. Langsam und zögerlich schob sich eine braune Schnauze hervor und schnupperte in der frühen Morgenluft der Wüste. Die Muskeln in Tallis’ rechtem Arm zitterten von der Anstrengung, den Speer zum Stoß bereitzuhalten, aber er bewegte sich noch immer nicht. Beim geringsten Geräusch würde das Tier wieder in den Erdboden zurückhuschen. Geduld ist die beste Freundin des Jägers, hatte sein Vater immer zu ihm gesagt. Vorsichtig kroch der kleine Nager aus dem Loch. Er war so lang wie Tallis’ Unterarm und von weichem, dunklem Fell bedeckt. Das Gehör der Mar-Ratte war ausgezeichnet, das Sehvermögen jedoch schlecht.

Tallis wartete, bis sie ganz herausgekommen war, dann bereitete er sich auf das vor, was kommen musste. Einen kurzen Moment lang schien der Boden unter seinen Füßen zu verschwinden. Die Geräusche und Gerüche der Wüste wurden schwächer, und die weiten, felsdurchzogenen Sandflächen verschwammen an den Rändern seines Sichtfeldes. Nur die Mar-Ratte vor seinen Augen blieb scharf. Er war mit ihr wie durch einen dünnen, unsichtbaren Faden verbunden. Instinktiv wusste er, dass er das Tier jetzt dazu bringen könnte, alles zu tun, was ihm in den Sinn käme, wenn er sich nur darauf konzentrierte. Er müsste lediglich in Gedanken einen Befehl geben, wie er es schon bei anderer Gelegenheit getan hatte. Aber das hier war nicht richtig. Und doch musste jeder Mensch jagen.

Er reckte den Arm, und mit einem Mal nahm die Welt um ihn herum wieder Gestalt an, als er den Speer fliegen ließ. Die Mar-Ratte fiel in den Sand, von der schieren Wucht des Stoßes umgeworfen. Einmal noch zuckten die Beine, dann blieb sie reglos liegen. Tallis kämpfte gegen den kurzen Moment der Übelkeit, der immer folgte, wenn er getötet hatte.

»Jetzt hast du schon zwei erlegt«, sagte Jared hinter ihm.

Tallis holte tief Luft, drehte sich um und sah seinen Erdbruder an.

»Na wenn schon. Wenn du mal nicht mehr so viel Zeit damit vertun würdest, deine Zöpfe zu flechten, dann hättest du inzwischen auch schon eine erwischt.« Tallis grinste. Während er sich auf die beiden üblichen Zöpfe auf beiden Seiten des Gesichtes beschränkte, trug Jared das braune Haar acht Male geflochten, sorgfältig eingeölt und an jedem Ende mit einem silbernen Band befestigt.

Jared erwiderte das Lächeln. »Du wünschst dir doch nur, deine ungeschickten Hände könnten genauso gut flechten. Aber zum Glück verstehen sie sich ja auf die Jagd, warum also sollte ich mir die Mühe machen? Wenn wir den ganzen Tag hierblieben, könntest du genug erlegen, um das ganze Lager zu versorgen, und wir könnten früher heimkehren und hätten die heißen Quellen ganz für uns allein. Keine Ziegen jagen und stattdessen alle Frauen.« Er zwinkerte.

Tallis konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Jared war gerade in sein achtzehntes Jahr eingetreten, was sie gleichaltrig machte, aber er hatte die Frauen des Clans umworben, seitdem er ein kleiner Junge gewesen war. Jared war zwei Köpfe größer und leichter gebaut, er hatte ein hübsches Gesicht und lächelte viel, sodass es an Frauen keinen Mangel gegeben hatte, die bereitwillig in die heißen Quellen stiegen, um seinen Scherzen zu lauschen.

Tallis schüttelte den Kopf und stocherte mit seinem Speer im Sand herum. »Den ganzen Tag hier draußen bleiben? Mein Vater würde uns eine Woche lang Klingen schärfen lassen. Wenn du deinen Speer nur mal halb so schnell schleudern würdest, wie du sprichst, könntest du selbst genug Fleisch für den ganzen Clan besorgen. Aber da du ja leider mit der Zunge schneller bist, kannst du meine Beute haben und sie ausweiden.«

»Na, besten Dank, altes Mistkäfergesicht.« Jared lachte. »Ich werde meine eigene Ratte erledigen; die kannst du dann ausnehmen.«

Tallis schnaubte und rempelte ihn kräftig mit der Schulter an, als er seine Beute holen ging. Wie immer hatte Jared ihn mühelos zum Lächeln gebracht, aber das verging ihm rasch wieder. Jede Jagd, jedes Töten war eine Erinnerung daran, dass etwas in ihm anders und falsch war. Ein Mann sollte nicht das tun können, was er vermochte. Er bückte sich und hob die Mar-Ratte auf; dann schlitzte er ihr geschickt die Kehle auf, um das Tier ausbluten zu lassen, ehe er die Gedärme ausschabte.

Ein Windhauch strich über seine Haut, und er stand auf, streckte sich und drehte sein Gesicht in Richtung der Bö, sodass er über die Wüste bis zum Horizont blicken konnte. Sie hatten das Lager verlassen, als die Sonne gerade im Begriff war, über den Dünen in der Ferne aufzugehen; jetzt hing sie über dem Horizont, der Mond war eine fahle Sichel am Himmel, und die kühle Luft der nahenden Wüstennacht verbreitete sich rasch. Der gelbe Sand hatte einen rosafarbenen Stich, und die vereinzelten Felserhebungen warfen lange Schatten in Tallis’ Richtung. Man sagte, dass in Augenblicken wie diesen die Führer auf Erden wandelten. Die alte Serita behauptete, sie habe schon mal einen gesehen, nämlich den dritten Führer Sabut, der wie ein Geist über dem Sand schwebte.

Der Wind legte sich. Wie still es mit einem Mal in der Wüste wurde. Alle Geräusche waren verstummt, und die Luft war dick, als wäre Tallis in das warme Wasser der Quellen eingetaucht. Seine Haut kribbelte, und er spürte den Nachhall der Übelkeit: den metallenen Geschmack von Blut, den er immer noch Sekunden nach dem Töten im Mund hatte.

Er suchte die Landschaft ab, und wie so häufig wanderte sein Blick nach Westen, wo hinter den Bergketten das Gebiet der Feuchtländer lag. Das vertraute Sehnen beunruhigte ihn. Schon immer hatte ein Teil von ihm den Drang verspürt zu sehen, was nach Westen zum Meer hin jenseits der Clanländer lag. Etwas in ihm verzehrte sich danach und nagte an ihm. Aber so sollte es nicht sein. Er liebte das Wüstenland, die trockene Luft und den heißen Sand, der sich rau unter den Fußsohlen anfühlte. Warum zog es ihn in Länder, die er nicht kannte? Er zwang sich, sich abzuwenden, und dabei fiel sein Blick auf einen Schatten, der von einem Felsvorsprung ausging und seltsam geformt war, wie Finger, die sich in seine Richtung bogen.

Ihn durchfuhr das Gefühl, dass etwas falsch war. Sein Magen verkrampfte sich, und er taumelte. Seine Augen hielt er fest geschlossen, während er sich auf seinen Speer stützte, um die Balance wiederzufinden, und er atmete schwer. Und dann war wieder alles vorbei, so schnell, wie es gekommen war. Er stand da, blinzelnd und unsicher auf den Beinen, und schüttelte den Kopf, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Er musste müde sein, oder vielleicht hatte er auch von der gestrigen Jagd einen Sonnenstich. Unregelmäßig hämmerte das Herz in seiner Brust.

Es wurde Zeit, aufzubrechen. Er hielt nach Jared Ausschau und entdeckte ihn in der Nähe hinter einem Felsen zusammengekauert; zweifellos befand sich auf der anderen Seite der Bau einer Mar-Ratte. Tallis war sorgsam darauf bedacht, sich gegen den Wind zu halten, kroch zu Jared hin und hockte sich neben ihn. Jared holte sein Jagdmesser heraus, beugte sich vor und schleuderte es in einer fließenden Bewegung. Es gab kein Geräusch, aber der zufriedene Ausdruck auf seinem Gesicht verriet, dass die Waffe ihr Ziel gefunden hatte.

Jared drehte sich um und senkte den Blick. Etwas von Tallis’ Unbehagen musste sich auch auf dessen Gesicht abgezeichnet haben, denn anstatt wie üblich zu prahlen, legte er die Stirn in Falten und stieß nur ein einziges Wort aus: »Lager?«

Tallis nickte stumm. Rasch holte Jared seine Beute, und sie machten sich auf den Rückweg zur Dünenkette. Tallis’ Erdbruder spürte seinen Stimmungsumschwung, sagte aber nichts. Er hatte sich daran gewöhnt. Jared hatte gesehen, wie sich Tallis vor Übelkeit übergeben hatte, nachdem er seine erste Sandziege erlegt hatte, als sie noch Kinder gewesen waren, und weder damals noch in späteren Zeiten hatte er ihn darauf angesprochen.

Zwar hatte er Scherze darüber gemacht, dass Tallis kein Blut sehen konnte, aber sie wussten beide, dass es nicht daran lag. Doch es war nichts, worüber Männer sprechen sollten. Es ging um Macht. Es konnte sich sogar um die Macht der Führer handeln, die den Männern nicht zustand. Nur Frauen konnten sich die Berührung der Führer zunutze machen, und nur die Frauen folgten dem Zyklus des Mondes.

Tallis’ Magen zog sich zusammen, und die Muskeln in seinen Schultern verspannten sich. Seine Mutter war mit dem Volk der Eisberge verwandt, nicht mit dem der Clans. Wegen ihrer Abstammung war er immer als Außenseiter angesehen worden, ebenso wie wegen seiner seltsamen Augenfarbe. Kein anderer Clansmann hatte Augen von solchem Blau, das manchmal beinahe schwarz erschien. Würde es immer sein Schicksal sein, sich so sehr von den anderen zu unterscheiden?

Sie erreichten die Dünen, und Tallis rammte seine Füße in den Sand, drückte die Beine durch und mühte sich empor. Jared folgte ihm schwer atmend. Als sie die Kuppe erreicht hatten, blieben sie stehen, um zu Atem zu kommen, und Tallis ließ seinen Blick zum Lager hinabwandern. Lederzelte waren in einem Kreis rings um das Hauptfeuer in der Mitte verteilt, und das Zelt von Tallis’ Familie befand sich ganz am entgegengesetzten Ende. Sein Vater saß in der Öffnung und schärfte seinen Speer, und ohne Anstrengung entdeckte Tallis auch den dunklen Haarschopf seiner Mutter in der Nähe des Feuers, wo sie den Teig für das morgendliche Pfannenbrot knetete. Leises Stimmengewirr und das Schnauben des gedrungenen Muthus wehten zu ihnen hinauf. Die Szene wirkte so normal und vertraut, und doch kam Tallis sich seltsam abgeschnitten vor. Das Gefühl einer dunklen Vorahnung kroch über seine Haut, und wieder rumorte in seinen Eingeweiden die Gewissheit, dass etwas nicht stimmte.

Sein Vater, Haldane, sah auf, entdeckte ihn und winkte, um ihm zu bedeuten, dass er zu ihm kommen solle.

»Komm schon«, sagte Jared. »Lass uns diese Ratten braten gehen.« Er rannte die Düne zum Lager hinab.

Aber Tallis bewegte sich nicht. Beinahe sah er Jared und das Lager gar nicht mehr, als ihm eine andere Gelegenheit, ein anderer Ort einfiel, als er die gleiche Vorahnung, die gleiche Übelkeit verspürt hatte. Er war vierzehn gewesen, und seine älteren Brüder, Söhne von Haldanes erster Herzenskameradin, waren gekommen, um sich zu verabschieden. Cale und Malshed waren im Begriff, gegen den Raknah-Clan um den See des Fünften Mondes zu kämpfen. Damals hatte er gehört, wie das Gefühl, dass etwas nicht stimmte, in seinem Innern flüsterte. Schweiß rann nun von seinem Haaransatz den Nacken hinunter. Cale war aus der Schlacht gegen die Raknah nicht wiedergekommen, und Malshed ebenso wenig. Für viele hatte es keine Rückkehr gegeben.

Unsicher fuhr er sich mit der Hand über die Stirn und rieb sich dann über die Augen. Er war es so leid, diese Andersartigkeit in sich zu tragen: Es war nicht richtig, dass ein Mann so etwas spüren konnte. Er sah, wie Jared am Fuße der Düne ankam und stehen blieb, um mit Farrin zu sprechen. Gedämpft stieg Lachen zu ihm empor.

»Tallis!« Der Ruf seines Vaters riss ihn aus den Gedanken. Selbst von hier aus konnte er das verärgerte Stirnrunzeln auf seinem Gesicht erkennen. Es wäre besser, ihn nicht noch länger warten zu lassen. Tallis holte tief Luft und zwang seine Beine, sich in Bewegung zu setzen, einen Fuß vor den anderen, den weichen Sandhügel hinunter, während die Körper der toten Mar-Ratten auf seiner Hüfte wippten. Es musste eine Mahlzeit zubereitet werden, und es war nötig, noch mehr zu jagen. Sie mussten heute genügend Sandziegen fangen, um die vielen Familien beim Jalwalah-Brunnen satt zu bekommen. Er vergrub seine Ängste in den Tiefen seiner Gedanken. Später würde er noch genügend Zeit haben, darüber nachzusinnen. Abgesehen davon: Was sollte schon passieren hier in dem Land, das sie alle wie den Schoß ihrer Mütter kannten? Ohne Zweifel würden hier die Führer über sie wachen.

Die Passiermarke?«

Der Wachmann am Tor zur Drachenanlage baute sich breitbeinig vor Shaan auf, eine Hand am Heft seines Messers. Shaan kramte in den Taschen ihrer Hose nach dem viereckigen Holzstück, auf dem ein Stempelabdruck mit dem Bild eines Drachen eingebrannt war.

»Wo ist denn der alte Wachmann Gringely?« Sie runzelte die Stirn. Ihre Hände waren an diesem Morgen zittrig und ihre Finger ungeschickt.

»Nicht hier.« Der Wachmann starrte mit gelangweiltem Ausdruck über ihren Kopf hinweg.

»Hat er sich gestern betrunken, oder ist er in einer Nebenstraße aufgeschlitzt worden, oder hast du vielleicht keine Ahnung?«, fauchte sie den Posten an.

Die Wache sah mit höhnischem Gesichtsausdruck zu ihr hinunter. »Geh hinein, Frau, und hör auf, mir auf die Nerven zu gehen.«

»Hier.« Endlich hatten sich ihre Finger um das kleine Holzstück geschlossen, das sie dem Mann unsanft in die Hand drückte.

Sein Mund zuckte, als er es einen Augenblick länger als nötig betrachtete, ehe er es ihr wieder zurückreichte. »In Ordnung, verschwinde.«

Shaan trat durch das Tor, und ihr Körper schmerzte bei jedem Schritt. Die Arme tief in den Taschen versenkt, trottete sie voran, und in Gedanken spielte sie den vergangenen Tag immer und immer wieder durch. Die Ereignisse auf dem Markt erschienen ihr wie ein seltsamer Traum. Es war doch eigentlich gar nicht möglich, dass ein Drache auf diese Weise Menschen angriff? Aber genau das hatte er getan, und die Sache war, dass sie sich irgendwie mit ihm verbunden gefühlt hatte. Dieses Auge, das sie angestarrt hatte … Sie schüttelte ihren Kopf und rieb sich über die Gänsehaut auf ihren Armen. Es war ein sonderbarer Gedanke, und sie konnte sich nicht erklären, wieso er sich ihr aufgedrängt hatte.

Die Nachricht vom Angriff des Drachen hatte sich in der ganzen Stadt verbreitet, und bald darauf hatte die Führerin Flugblätter anschlagen lassen und Ausrufer beauftragt, die überall verkünden sollten, dass sich die Einwohner nicht zu fürchten bräuchten, dass der betreffende Drache krank gewesen und mittlerweile zurück auf die Dracheninsel geschickt worden sei. Aber der Schaden war angerichtet. Die Führerin kann so viele Verlautbarungen herausgeben, wie sie will, dachte Shaan; all das würde nicht ungeschehen machen, was die Menschen gesehen hatten und was sie einander erzählten. Die Gerüchteschürer hatten nun Öl für ihr Feuer.

Zum Glück war sie in der letzten Nacht von ihrem üblichen Traum verschont worden, aber sie war viele Male aufgewacht und hatte das Auge des Drachen vor sich gesehen, wie es zu ihr herunterschaute. Sie machte nun längere Schritte, sog die warme Morgenluft ein und versuchte, ihre Müdigkeit abzuschütteln. Ihr Magen knurrte, und sie zog ein Stück Brot, das über weichem Käse zusammengeklappt war, aus ihrer Tasche. Es würde noch eine Stunde dauern, bis sich die Sonne an den Himmel schieben würde, und die Anlage war ruhig und dunkel. Laternen hingen an Halterungen in den Mauern und verbreiteten weiches Licht.

Die Pforte, die sie passiert hatte, lag weit entfernt von den Haupttoren. Sie öffnete sich zu einer schmalen, gepflasterten Straße hin, die zu einem großen Platz führte, welcher von weißgetünchten Gebäuden gesäumt wurde. Gehwege führten an den Vorderseiten der Bauwerke entlang, die allesamt Säulenvorbauten aufwiesen. Zu Shaans Linken befanden sich die Baracken der Jungreiter; vor ihr erhob sich eines der Gebäude, in denen die Mahlzeiten serviert wurden, mit seinem gewölbten Dach und riesigen Flügeltüren. Zwei kleinere Speisepavillons rahmten den Platz rechts und links ein, und dahinter lagen die Küchenräume, in denen sich Shaan später am Tag zu melden hatte. Rasch überquerte sie die flachen Steine, um den Weg zwischen den Pavillons abzukürzen, und hob hin und wieder die Hand zum stummen Gruß an die anderen Arbeiter, die mit Essen beladene Tabletts herumtrugen. Shaan ging an den Ausbildungs-Arenen vorbei, die von geschäftigen Arbeitern für den Tag vorbereitet wurden, über eine offene, grasbewachsene Fläche hinweg, auf der vereinzelte Bäume wuchsen. Näher zum Abhang hin drängten sich die Behausungen der übrigen Reiter, dicht an die sorgsam gepflegten Gärten heranreichend, und noch weiter entfernt, beinahe am Rand der Anlage, wo der Meeresblick herrlich war, befanden sich die Hütten der Septenführer und das Prachthaus des Kommandanten. Sofort stand ihr Balkis’ Gesicht vor Augen, und ein Anflug von Angst durchfuhr sie.

Shaan wandte den Blick ab und stieg weiter den Hügel hinauf bis zur Drachenkuppel, und ihr Herz hämmerte beunruhigt in ihrer Brust. Zum ersten Mal war sie zum Dienst zwischen den Drachen eingeteilt worden, und sie war nervös, vor allem nach dem gestrigen Tag. Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war ein Gedanke an Balkis. Sie holte tief Luft und verdrängte alles Nachdenken über den blondhaarigen Septenführer. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Weg zur Kuppel.

Diese Drachenkuppel war ein uraltes Bauwerk auf der Spitze der Klippe: eine einzelne, mächtige Säule aus ausgeblichenem Stein. Gekrönt wurde sie von einem Gewölbedach, umgeben von einer breiten Landefläche. Die ersten Menschen in Salmut hatten sieben Jahre gebraucht, diesen Kuppelbau zu errichten. Das war das Heim der Drachen, der Ort, an den Shaan selbst sich am allermeisten sehnte – und sie wollte als Reiterin dorthin. Sie war sich nur nicht sicher, ob es ein Segen oder ein Fluch war, nun als Arbeiterin in die Kuppel geschickt zu werden, also biss sie die Zähne zusammen und machte sich auf den Weg zum Lagerhaus, einem kleinen Gebäude hinter der Kuppel in der Nähe einer kleinen Baumgruppe. Im Innern waren die Wände mit Rechen, Schaufeln und Gartengeräten behängt. Riesige Säcke mit Früchten und Getreide waren auf der einen Seite in vielen Lagen aufeinandergestapelt. In der Ecke, nahe der Tür, von vier Stühlen umringt, befand sich ein robuster Holztisch, auf dessen Platte eine helle Öllampe strahlte. Zwei andere Arbeiter waren bereits dabei, Früchte in Körben aufzuschichten. Shaan nickte ihnen zu und setzte sich an den Tisch.

Sie hatte sich kaum niedergelassen, als die Tür aufgestoßen wurde und mit lautem Knall gegen die Innenmauer prallte. Ein Mann trat ein. Er war über einen Meter achtzig groß, hatte einen riesigen Bauch, den er vor sich herschob, und ein missmutiges Gesicht. Sein Blick fiel auf Shaan.

»Du bist die Neue?«

Er musste der Aufseher sein. Shaan stand auf. »Ja.«

»Hol dir einen Rechen. Du wirst heute ausmisten, Box 83, ganz oben.«

Er lehnte sich in den Türrahmen, und mit einem Blick aus seinen schmalen Augen musterte er sie von oben bis unten. »Habe gehört, du hast Septenführer Balkis ganz schön Ärger gemacht. Für mich siehst du ja noch gar nicht alt genug aus, aber ich schätze, jeder Idiot kann eine Klinge auswählen.« Shaan funkelte ihn an, hielt aber ihre Zunge im Zaum.

Er warf ihr einen boshaften Blick zu. »Ich glaube kaum, dass du hier für Schwierigkeiten sorgen wirst. Du bist Nuathin zugewiesen. Warte hier, ich schicke jemanden, der dir den Weg zeigt.« Er lachte, als er den Ausdruck auf ihrem Gesicht sah, schlug gegen den Türrahmen und verschwand.

Shaan spürte eine leichte Übelkeit in sich aufsteigen. Nuathin. Der älteste der Drachen. Einst war er der Liebling der Reiter gewesen, aber sie hatte gehört, dass er inzwischen den Großteil seiner Zeit damit verbrachte, entweder zu schlafen oder zu versuchen, jeden, der in seine Nähe kam, zu verletzen. Er war die eine Ausnahme zu der Regel, dass Drachen Menschen nichts anzutun pflegten. Die letzten beiden Arbeiter, die ihm zugeteilt worden waren, waren im Tempel bei den Heilerinnen gelandet. Sie schluckte krampfhaft und brach auf, um sich einen Rechen zu besorgen.

Als sie an den Tisch zurückkehrte, betrat ein alter Mann das Vorratshaus, und sein messerscharfer Blick wanderte sofort zu ihr. »Du bist die Neue?«

Shaan nickte.

»In Ordnung. Mein Name ist Perrin. Komm, hilf mir mal.«

Er ging zu einem offenen Sack mit Getreide hinüber und begann damit, es in einige aufgestellte Eimer umzufüllen. Shaan folgte ihm und steckte eine Blechschaufel in das süße, nach Malz duftende Korn. Feine Staubwolken wehten durch die Luft und brachten sie zum Niesen, doch dem alten Mann schienen sie nichts auszumachen.

»Haben sie den Drachen gestern wirklich wieder eingefangen?«

Perrin unterbrach seine Arbeit nicht und sah auch nicht auf. »Das hat die Führerin doch behauptet, nicht wahr?«

»Ja, aber …«

»Das hat sie gesagt, und das reicht mir.« Er zuckte mit den Schultern und schob mit seinem Fuß einen vollen Korb zur Seite.

»War mit dem Reiter alles in Ordnung?«

»Woher soll ich das denn wissen? Es geht mich nichts an, was die Reiter machen, und du solltest daran auch keinen Gedanken verschwenden. Es steht unsereins nicht zu, uns nach ihnen zu erkundigen.«

»Aber hast du ihn denn gesehen?«

»Ihn gesehen?« Perrin schüttelte den Kopf und stieß ein trockenes Lachen aus. »Ich stecke meinen Kopf ins Getreide und das Hinterteil in die Luft und mache meine Arbeit. Davon abgesehen, diese Reiter sind schon ein komisches Völkchen.«

Shaan sparte sich alle weiteren Fragen. Offenbar hielt Perrin die Reiter für eine ganz besondere Spezies. Wieder versenkte sie die Schaufel im Korn und fragte sich, was er wohl von ihrem Traum halten würde, selbst mal zu ihnen zu gehören. Während sie weiterarbeiteten, klärte er sie über Feinheiten der Arbeit in der Kuppel auf: wie sie die Boxen auszumisten habe, wie das Essen auszugeben sei und was man tun müsse, wenn ein Drache wütend würde.

»Duck dich einfach und schrei nach einem Reiter«, meinte er kichernd. »Aber ich hatte noch nie irgendwelche Schwierigkeiten. Respektiere sie, und sie werden dich respektieren – meistens jedenfalls.«

Shaan fragte sich, ob das auch für Nuathin galt. Schließlich hatten sie die Körbe aufgefüllt, und Perrin gab ihr einige Seile, die sie aufwickeln sollte.

»Tu das und geh dann hoch zu seiner Box. Es ist gut, sich morgens ein bisschen länger um Nuathin zu kümmern. Er ist ein mürrischer alter Bursche.«

Er hustete, und mit einem nervösen Flattern im Magen fragte Shaan: »Wie alt ist er denn?«

Perrin zuckte mit den Schultern. »Das weiß keiner so genau. Vielleicht fünfhundert Jahre, vielleicht ein wenig älter, vielleicht auch jünger.« Noch einmal machte er eine unbestimmte Geste. »Ich bin jetzt seit beinahe dreißig Jahren hier.« Kurz unterbrach er das Seilaufwickeln, schabte mit der Hand über seine weißen Bartstoppeln und starrte hinauf zur Decke. »Jawohl.« Er nickte und rieb sich die Nase. »Inzwischen sind es tatsächlich beinahe dreißig Jahre. Und ich habe noch keinen getroffen, der sein Alter gekannt hätte. Aber natürlich wissen alle von ihm und Faradin.«

Als er Shaans verständnislosen Gesichtausdruck sah, seufzte der alte Mann. »Du weißt doch, was sie in der Schlacht um das Gebiet der Freilande getan haben, als sie deren Anführer gefangen nahmen und damit den Krieg beendeten.«

Shaan runzelte die Stirn, während sie sich an den historischen Abriss zu erinnern versuchte, den Torg ihr vermittelt hatte. Sie wusste von dem Krieg, der das Volk von Salmut zerschlagen hatte. Mehrere Tausend waren ausgezogen und hatten sich den Anordnungen der Führerin widersetzt, um im Norden hinter der Goran-Bergkette ein neues Gebiet zu gründen: die Freilande. Der Krieg hatte beinahe fünfzig Jahre gedauert.

»Und wie lange ist das jetzt her?«, erkundigte sich Shaan.

Der alte Mann starrte ins Leere. »Beinahe zweihundertzwanzig Jahre und ein bisschen. Aber die Frage ist doch, wie lange Nuathin schon vorher hier gelebt hat.« Er kniff die Augen zusammen. »Ja, das ist die Frage. Aber eines weiß ich immerhin: Er ist nicht auf den Inseln zur Welt gekommen, wie es heute üblich ist. Nein. Er kam von irgendwo anders her.«

»Woher weißt du denn das?«

»Tja, nun, er ist einfach anders, das ist alles. Einfach anders.«

»Inwiefern denn anders?«

Aber Perrin schüttelte nur den Kopf und beschäftigte sich wieder mit dem Seil. »Du wirst schon sehen, was ich meine. Aber wenn du sein wirkliches Alter wissen willst, warum fragst du ihn denn nicht einfach selbst?«

Shaan schnaubte. »Na klar. Ich schlendere einfach zu ihm hin und halte einen langen Plausch mit dem alten Jungen.« Sie schüttelte den Kopf. Es wäre toll, in der Lage zu sein, mit Hilfe der inneren Stimme mit einem Drachen zu sprechen. Reiter brauchten Jahre, um diese Fähigkeit zu erwerben, und ein Drache musste sie ihnen aus freien Stücken heraus beibringen wollen. Nuathin würde sie vermutlich eher zerquetschen. Sie befestigte die Enden des Seils und warf das Bündel auf einen Karren.

T

Als Shaan die Anlage verließ, senkte sich bereits das goldene Licht der Abenddämmerung über die Stadt. Nach dem Mittagessen hatte der Aufseher sie eingeteilt, mit einigen anderen zusammen die Baracken der Reiter zu putzen. Es war heiß und eine mehr als staubige Arbeit. Mehrere Male war Shaan von Schwindelanfällen übermannt worden, und sie hatte sich an einem Bettgestell festklammern müssen, um nicht umzufallen.

Nun schmerzten ihre Muskeln und ihr Kopf, und ihre Hände waren rot und rissig vom Schrubben. Sie reckte ihren Nacken und ließ die Schultern kreisen, als sie mit langsamem Schritt die Straße entlangtrottete, die von der Anlage aus in die Stadt zurückführte. Die Extramünzen, die sie für ihr Tagewerk verdient hatte, klingelten in ihrer Tasche. Andere Arbeiter hasteten an ihr vorbei, eilig darauf bedacht, vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein.

Unter ihr waren die flachen Dächer und die gewundenen Straßen in goldenes Licht getaucht, und das Meer war eine dunkle, wogende Fläche, die in kleinen Wellen gegen die Felsen am Land schwappte und eine feine Schaumlinie vor dem roten Sand bildete. In weiter Ferne am Horizont wurde der gleißende Lichtball der Sonne vom Meer verschluckt und färbte dabei die langen Wolkenbänke rosa. In den Hügeln über der Stadt fingen die Kuppeln und Fenster des Palastes der Führerin den Schein ein und funkelten wie Feuer.

Shaan kniff die Augen zusammen und senkte den Blick, während sie dem Weg folgte, der den steilen Hügel hinab in das Händler-Viertel führte. Der kräftige Geruch gebratener Zwiebeln wehte durch die Menge, und da sie zu müde war, um weiter zu laufen, ließ sie sich von einem Kaf-Verkäufer mitnehmen. Sie machte es sich hinten auf seinem Wagen zwischen duftenden Säcken bequem und ließ ihre Beine hinunterbaumeln, während das Muthu das Gefährt durch die Stadt und hinab zum Ufer zog.

Als sie das quirlige Seefahrer-Viertel erreichten, war die Nacht bereits hereingebrochen. Die Luft war warm und feucht. Man hatte schon die Straßenlampen entzündet, in deren gelbem Lichtschein unzählige Insekten flatterten. Die Wirtshäuser hatten geöffnet, und die Seeleute kamen von ihren Schiffen herauf. Shaan wurde das Herz schwer. Es war eine ganze Meute, was bedeutete, im Red Pepino würde so viel los sein, dass Torg von ihr erwarten würde, sich als Bedienung nützlich zu machen. Sie haderte mit ihrem Schicksal und sprang vom Wagen des Kaf-Verkäufers hinunter, als er an einem kleinen Gasthaus haltmachte. Shaan drehte dem Meer den Rücken zu, beschleunigte ihren Gang und hoffte, dass sich wenigstens einige der Seemänner ein anderes Hurenhaus suchen würden.

Doch als Shaan endlich müde durch die Hintertür ins Red Pepino schlurfte, herrschte dort bereits buntes Treiben. Sie öffnete die Küchentür und entdeckte Torg, der mit schweißglänzendem Gesicht Fleisch von einer riesigen Keule säbelte. Der Tisch war übersät mit Brotlaiben und Stücken eines salzigen, weißen Käses, und auf dem Herd köchelte Bratensoße in einem Topf.

»Ah, da ist ja mein Serviermädchen!« Er lächelte breit, und sein Ohrring glänzte im Schein der Lampe. »Wird auch Zeit, dass du deine mageren Knochen durch die Tür schiebst. Wo hast du denn gesteckt? Hast du den Septenführern schöne Augen gemacht?«

Das Bild von Balkis’ blauen Augen, die zu ihr herunterstarrten, schoss ihr durch den Kopf. »Nein«, erwiderte sie schnippisch. »Ich habe gearbeitet.«

Der Duft der Soße machte sie hungrig, doch gleichzeitig stieg wieder Übelkeit in ihr auf. Sie ließ die Tür offen stehen, damit kühle Luft hereinwehen konnte, und sank ächzend auf einen Stuhl am Tisch.

Torg warf ihr einen Blick zu: »Du siehst ja schlimmer als eine nasse Straßenkatze aus. Hier«, er schob ihr ein Stück Fleisch zu, »und nimm dir auch ein bisschen Brot und Käse, du bist viel zu dürr.«

Shaan seufzte und griff nach einem Laib Brot und einem Messer. »Willst du, dass ich hinter dem Tresen arbeite, oder soll ich servieren?« Langsam schnitt sie sich einige ungleichmäßige Scheiben Brot ab.

Torg unterbrach seine Arbeit und beobachtete sie, während sie sich mit unsicherer Hand Butter auf ein Stück Brot strich. Er wartete so lange mit einer Antwort, dass Shaan ebenfalls innehielt und aufsah. »Was ist denn?«

Er schüttelte den Kopf. »Was soll ich nur mit dir machen, Mädchen? Heute Nacht kannst du auf keinen Fall bedienen. Du verschreckst mir ja meine Gäste. Sieh dir nur mal an, wie dreckig du bist! Das ist nicht gut fürs Geschäft.« Er machte sich wieder daran, Fleisch herunterzusäbeln. »Geh nach oben und wasch dich. Na los.« Er nickte mit dem Kopf in Richtung Treppe, und der Ring in seinem Ohr funkelte. »Für heute Nacht habe ich ohnehin genügend Mädchen, und die riechen besser als du.« Er grinste und stopfte sich ein großes Stück Fleisch in den Mund. »Verschwinde!« Mit dem Messer wedelte er in ihre Richtung, die Augenbrauen hochgezogen. »Was bist du denn immer noch hier?«

Überrascht und dankbar, für heute verschont zu werden, legte Shaan rasch das Fleisch zwischen die Brotscheiben, brach sich eine Ecke vom Käse ab und stand auf. Sie hielt die dicke Stulle in einer Hand und kaute ein Stückchen Käse, während sie die Tür zur Treppe aufstieß.

»Natürlich will ich morgen zweimal so viel Fisch auf dem Tisch sehen!« Torgs Stimme verfolgte sie.

Sie hätte wissen müssen, dass es einen Haken gab. Herzhaft biss sie in das Brot und das Fleisch, während sie hinaufging. Die Geräusche aus dem Schankraum wurden zu einem dumpfen Summen, als sie ihr Zimmer betrat.