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In 'Satanstoe, oder die Familie Littlepage' von James Fenimore Cooper taucht der Leser in die Welt des jungen Amerika des 18. Jahrhunderts ein. Das Buch, das als Teil der Littlepage-Trilogie gilt, erzählt die Geschichte von Mordaunt Littlepage und seiner Familie. Durch Coopers detailreiche Beschreibungen der Natur und der sozialen Strukturen jener Zeit ermöglicht er dem Leser einen Einblick in das Leben der frühen amerikanischen Siedler. Der Autor verwendet einen prägnanten und zeitspezifischen Schreibstil, der die Leser in die Vergangenheit zurückversetzt und die historische Authentizität des Romans unterstreicht. 'Satanstoe' ist ein bedeutendes Werk im amerikanischen Literaturkanon und reflektiert Coopers tiefe Verbindung zur amerikanischen Geschichte und Identität. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 966
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Wer das Land besitzt, verhandelt die Seele einer Gemeinschaft. In diesem Spannungsfeld entfaltet Satanstoe, oder die Familie Littlepage seine Kraft: zwischen Besitzansprüchen und Zugehörigkeitsgefühlen, zwischen Erinnerung und Recht, zwischen persönlicher Loyalität und öffentlichem Interesse. James Fenimore Cooper siedelt die Fragen nach Eigentum, Herkunft und Verantwortung in der Kolonie New York an und macht daraus eine Erkundung der Grundlagen amerikanischer Gesellschaft. Das Buch beleuchtet, wie Landschaften zu Archiven von Geschichte werden und Familiengeschichten politische Gegensätze spiegeln. Es zeigt, dass die Auseinandersetzung um Boden mehr ist als Ökonomie: Sie handelt von Identität, Ordnung und der Möglichkeit gerechter Gemeinschaft.
Satanstoe gilt als Klassiker, weil Cooper hier den historischen Roman mit dem Gesellschaftsroman verschränkt und die frühe US-Literatur über den Abenteuerrahmen hinaus erweitert. Der Text verbindet anschauliche Schauplätze mit reflektierter Erzählhaltung und führt das Gespräch über Recht, Sitte und Gemeinwohl auf eine literarisch tragfähige Ebene. Damit knüpft er an europäische Traditionen des historischen Romans an und prägt zugleich eine spezifisch nordamerikanische Variante. Das Werk wirkt nach, indem es spätere Darstellungen des kolonialen Nordostens, der Landordnung und des Familienromans beeinflusst und zeigt, wie nationale Mythen im Detail sozialer Beziehungen und alltäglicher Konflikte verwurzelt sind.
James Fenimore Cooper (1789–1851) veröffentlichte Satanstoe; or, The Littlepage Manuscripts im Jahr 1845 in den Vereinigten Staaten. Der Roman eröffnet die sogenannte Littlepage-Manuskripte-Trilogie; auf ihn folgten The Chainbearer (1845) und The Redskins (1846). Entstanden ist das Projekt im Kontext der Anti-Rent-Bewegung des 19. Jahrhunderts in New York, deren Debatten über Pacht, Besitz und Gerechtigkeit Cooper literarisch aufgriff. Unter dem deutschen Titel Satanstoe, oder die Familie Littlepage wurde das Werk als Teil seines reifen Schaffens rezipiert. Diese Einleitung stützt sich auf gesicherte bibliographische Fakten und konzentriert sich auf die Ausgangslage, ohne spätere Handlungsentwicklungen vorwegzunehmen.
Der Roman ist als Manuskript eines Mitglieds der Familie Littlepage gestaltet, das rückblickend von Jugend und Herkunft berichtet. Aus der Ich-Perspektive entfaltet sich ein Bild des Lebens in der Kolonie New York der Mitte des 18. Jahrhunderts, geprägt von Küstenorten, Landgütern und fern lockenden Grenzräumen. Der Erzähler bewegt sich zwischen Stadt und Land, zwischen Bildungsidealen und praktischen Erfordernissen, und lernt gesellschaftliche Erwartungen ebenso kennen wie die Härten des Alltags. Diese Rahmung liefert eine dichte soziale Topographie, aus der sich Spannung und Charakterzeichnung entwickeln, ohne dass die Erzählung ihre weiteren Wendungen an dieser Stelle preisgäbe.
Zentrales Thema ist der Zusammenhang von Eigentum, Recht und Verantwortung. Cooper zeigt, wie Besitzordnungen Lebensentwürfe formen, Privilegien absichern und Pflichten begründen. Er interessiert sich für Erbfolge, Vertrag, Pacht und die fragile Balance zwischen persönlichem Vorteil und Gemeinwohl. Damit verhandelt der Roman soziale Hierarchien ebenso wie Fragen der Gerechtigkeit, die nicht allein durch Gesetze, sondern auch durch Sitte und Gewissen getragen werden. Im Hintergrund steht das Werden einer Gesellschaft, die sich noch sucht: Prestige, Arbeit, Bildung und Zugehörigkeit sind in Bewegung, und jede Entscheidung über Land wird zur Entscheidung über das, was eine Gemeinschaft zusammenhält.
Satanstoe zeichnet ein Mosaik kolonialer Lebenswelten, in dem unterschiedliche Sprachen, religiöse Prägungen und Rechtsgewohnheiten aufeinandertreffen. Die Beziehungen zwischen alteingesessenen Familien, Neuankömmlingen und verschiedenen Gemeinschaften sind von Kooperation, Konkurrenz und Missverständnissen geprägt. Zur Darstellung gehören auch Begegnungen mit Indigenen, deren Präsentation die Sichtweisen und Begrenzungen einer Literatur des 19. Jahrhunderts erkennen lässt. Eine heutige Lektüre profitiert von dieser historischen Einordnung und kann den Text zugleich als Quelle für Mentalitäten und Wahrnehmungsmuster lesen, ohne seine Darstellungen unkritisch zu übernehmen. So wird die kulturelle Vielfalt des kolonialen Nordostens zum Prüfstein moralischer und politischer Urteile.
Form und Stil verbinden die subjektive Verlässlichkeit eines Erinnerungsberichts mit der Anschaulichkeit detaillierter Ortsbeschreibungen. Cooper nutzt die Perspektive eines reflektierenden Erzählers, um Landschaften, Häuser, Wege und Gewässer zu vermessen und ihnen erzählerische Bedeutung zu geben. Die ruhigen, bisweilen digressiven Passagen lassen soziale Codes, Gesprächskultur und Alltagspraktiken sichtbar werden und kontrastieren mit Momenten plötzlicher Anspannung. Dieser Wechsel schafft eine ästhetische Struktur, die historische Information nicht trocken darbietet, sondern in lebendige Szenen übersetzt. Der Leser wird Zeuge, wie Raum, Besitz und Erinnerung sich zu einem zusammenhängenden Text des Gemeinwesens fügen.
Der literarische Einfluss des Romans liegt weniger in spektakulären Wendungen als in der Beharrlichkeit, mit der er Ordnungsvorstellungen prüft. In den 1840er Jahren trug Cooper mit der Littlepage-Trilogie zur öffentlichen Auseinandersetzung über Pachtverhältnisse und Landrechte bei, indem er die historischen Wurzeln solcher Konflikte erzählerisch sichtbar machte. Diese Verbindung von Geschichtsdeutung und Familienchronik bereitete späteren amerikanischen Autorinnen und Autoren eine Form vor, in der Privatleben und Rechtsfragen miteinander verschränkt werden. Auf diese Weise wurde der historische Familienroman zu einem Ort, an dem soziale Spannungen nicht bloß erklärt, sondern erzählerisch durchgespielt werden.
Im Gesamtwerk Coopers steht Satanstoe neben den Lederstrumpf-Erzählungen als bewusste Verlagerung des Interesses: weg vom einsamen Grenzhelden, hin zu Institutionen, Besitzordnungen und der Politik des Alltags. Dennoch bleibt das Motiv des Übergangs präsent – zwischen Wildnis und Siedlung, Tradition und Neuerung. Cooper erprobt, wie sich nationale Erzählungen entfalten, wenn nicht der außergewöhnliche Einzelne, sondern die ausgreifende Familiengeschichte im Zentrum steht. Das Ergebnis ist eine breitere Perspektive auf die Entstehung einer Gesellschaft, deren Werte sich im Spiegel von Verträgen, Nachbarschaften und Generationenfolgen zeigen und nicht allein im Abenteuer außergewöhnlicher Figuren.
Als historischer Roman bietet Satanstoe eine Perspektive auf die Vorbedingungen späterer Erschütterungen, ohne diese vorwegzunehmen. Die Kolonie New York erscheint als komplexes Gefüge aus Herrschaft, Verwaltung und lokalem Brauch. Fragen nach Grundbesitz, Gerichtsbarkeit und Gemeindeleben strukturieren den Alltag und lassen erkennen, wie politische Auseinandersetzungen aus konkreten Lebensverhältnissen erwachsen. Damit liefert der Text keine Chronik von Ereignissen, sondern ein Verständnis der Kräfte, die Geschichte bewegen: Interessen, Gefühle, Loyalitäten und die träge Macht von Institutionen. Wer die Gegenwart verstehen will, findet hier eine Schule des historischen Lesens, die Ursachen nicht mit Anlässen verwechselt.
Heute gewinnt das Buch Relevanz, weil die Verhandlungen um Boden, Recht und Teilhabe keineswegs abgeschlossen sind. Debatten über Wohnraum, Eigentumsordnung, Ressourcennutzung und historische Verantwortung prägen weiterhin unsere Gesellschaft. Satanstoe zeigt, wie solche Fragen im Alltag verankert sind und wie sie biografische Entscheidungen, Nachbarschaften und lokale Politik durchdringen. Zugleich fördert eine kritische Lektüre das Bewusstsein dafür, dass überlieferte Darstellungen ihre Perspektiven und Blindstellen haben. In diesem Spannungsfeld lädt der Roman dazu ein, Tradition nicht nur zu bewahren, sondern zu prüfen – und Gerechtigkeit als fortwährende Aufgabe institutioneller und persönlicher Praxis zu begreifen.
Zeitlos wird Satanstoe durch drei Qualitäten: die überzeugende, selbstbewusste Erzählstimme, das dichte Gefühl für Ort und Gemeinschaft sowie die geduldige, argumentierende Dramaturgie. Cooper vertraut darauf, dass Charakter, Milieu und moralische Entscheidungskraft die eigentliche Spannung erzeugen. Wer sich auf diese Langsamkeit einlässt, entdeckt eine reiche Erkundung dessen, was Zugehörigkeit bedeutet. Das Buch belohnt mit Klarheit über die Verflechtung von Privat- und Öffentlichkeit und mit jener besonderen Energie, die entsteht, wenn Landschaft, Recht und Erinnerung ineinandergreifen. Darum bleibt es lesenswert: als kluger, sorgfältiger Beitrag zur Literatur über Herkunft, Besitz und die Form des Gemeinwesens.
Satanstoe, oder die Familie Littlepage ist ein historischer Roman von James Fenimore Cooper, erstmals 1845 veröffentlicht und Auftakt der sogenannten Littlepage-Manuskripte. Aus der rückblickenden Ich-Perspektive von Cornelius Littlepage führt das Buch in die Zeit vor der Amerikanischen Revolution, vornehmlich in die Kolonie New York. Cooper verbindet Familienchronik, Sittenbild und Grenzabenteuer, um die Entstehung einer lokalen Oberschicht und ihre Selbstdeutung zu zeigen. Der Erzähler richtet sein Augenmerk auf Besitz, Loyalität und gesellschaftliche Herkunft, ohne die alltäglichen Zwänge des kolonialen Lebens auszublenden. Der Ton ist prüfend und selbstrechtfertigend, was dem Text den Charakter einer erklärenden Memoire verleiht.
Die Erzählung beginnt mit der Herkunft des Protagonisten, dessen Familie als alte Grundbesitzer im Hudsontal verankert ist. Ihr Landsitz, Satanstoe, steht sinnbildlich für Besitz als Träger von Identität, aber auch für die Bürde verantwortlicher Verwaltung. Cornelius schildert Erziehung, Umgangsformen und die Mischung niederländischer, englischer und kolonialamerikanischer Traditionen, die das gesellschaftliche Leben prägen. Dabei beleuchtet er die Hierarchien unter Gutsbesitzern, Kaufleuten, Pächtern und Dienenden. Cooper interessiert sich für das Ethos von Maß, Pflicht und Rang, zugleich aber für die Reibungen, die entstehen, wenn Handel, Mobilität und neue Ansprüche alte Ordnungen herausfordern. Diese Ausgangslage strukturiert spätere Entscheidungen der Figuren.
Früh erweitert der Erzähler den Blick auf New York und andere Knotenpunkte der Kolonie, wo sich Mode, Politik und wirtschaftliche Interessen schneiden. Gesellschaftliche Besuche, Bekanntschaften und erste zaghafte Neigungen zeichnen das Feld, in dem Cornelius seinen Platz sucht. Cooper nutzt diese Kapitel, um Dialekt, Sitten und die Stillagen verschiedener Gruppen zu kontrastieren: alteingesessene Familien, aufstrebende Yankees, niederländische Patrizier, militärische Kreise. Aus höflichen Ritualen werden leise Konkurrenzen um Status und Verlässlichkeit. Zugleich deutet sich ein persönlicher Konflikt an, der Gefühl, Familienwille und Vermögensfragen verschränkt. Das private Beziehungsgeflecht bleibt stets mit Besitzrechten und reputabler Selbstdarstellung verschweißt.
Mit dem Vordringen an die Grenze der Besiedlung verlagert sich die Handlung in rauere Räume, in denen Rechtstitel, Wege und Allianzen unsicher sind. Das wachsende Ringen europäischer Mächte in Nordamerika, die Rolle verbündeter indianischer Nationen und die Unsicherheiten des Grenzhandels bilden den Hintergrund. Cornelius beteiligt sich an Reisen und Aufträgen, die Erprobung und Urteilsfähigkeit verlangen. Cooper schildert Lager, Flüsse, Außenposten und die Logistik kolonialer Unternehmungen, aber weniger als Schlachtenchronik denn als Prüfung von Charakter und Führung. Die öffentlichen Spannungen spiegeln sich in privaten Bindungen: Loyalität wird kostspielig, Versprechen werden zweideutig, und Vorsicht wird zur Tugend.
Ein zentrales Motiv ist die Frage des Bodens: wem er gehört, wer ihn nutzt und mit welcher Legitimität. Debatten über alte Patente, Pachtverträge und informelle Besiedlung entzweien Nachbarn und nähren Misstrauen. Cooper entfaltet das Spannungsfeld zwischen traditionellen großen Besitzungen und einer beweglichen, oft selbstbehauptenden Bevölkerung, die Chancen auf eigenständigen Grund sucht. Cornelius sieht sich als Vermittler zwischen Rechtstitel und Fairness, doch politische Strömungen und ökonomischer Druck lassen Konflikte leicht eskalieren. Die Atmosphäre bleibt drohend, ohne in eindeutige Parteinahme zu kippen: Ordnung soll gewahrt werden, doch die soziale Wirklichkeit entzieht sich einfachen Lösungen.
In Begegnungen mit indigenen Verbündeten und Gegnern setzt der Roman auf Aushandlung und Misstrauen zugleich. Die Darstellung folgt den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, betont aber Bündnisse, wechselseitige Abhängigkeiten und Regeln der Gastfreundschaft an der Grenze. Cornelius lernt, warnende Zeichen zu lesen, Nachrichten zu sichern und Abmachungen zu respektieren, ohne die fragile Balance zu gefährden. Diese Episoden vertiefen den Kontrast zwischen gesetzter Gesellschaftsordnung im Tal und der improvisierten Rechtslage im Hinterland. Moralische Fragen – Worttreue, Vergeltung, Schutz der Schwachen – gewinnen Gewicht, während persönliche Zuneigungen den Blick auf Ehre, Pflicht und Selbsterhaltung neu sortieren.
Die Ereignisse spitzen sich in einer Folge riskanter Unternehmungen zu, in denen Wege abgeschnitten, Täuschungen aufgedeckt und alte Rivalitäten sichtbar werden. Cornelius gerät in Situationen, die seine Rolle zwischen Sohn, Gutsherr in Aussicht und verantwortlichem Akteur klären. Das erzählerische Zentrum bildet eine Entscheidung, die unmittelbare Sicherheit gegen langfristige Loyalität abwägt. Freundschaft, Familieninteresse und politisches Kalkül reiben sich aneinander, während Gewalt als Möglichkeit in der Luft liegt, aber nicht leichtfertig entfesselt wird. Dieser Wendepunkt macht die Grenzen persönlicher Autonomie deutlich und lässt offene Fragen zurück, die der Roman bewusst nicht abschließend beantwortet.
Nach den härtesten Prüfungen sortiert die Erzählung Beziehungen, Besitzansprüche und Verpflichtungen neu, ohne alle Fäden zu verknoten. Cornelius kehrt mit geschärftem Blick auf Rang und Verantwortung zurück; er versteht genauer, was Tradition bewahrt und was sie gefährdet. Persönliche Bindungen bekommen Kontur, bleiben aber von äußeren Entwicklungen abhängig. Die Kolonie erscheint als Gemeinwesen am Vorabend größerer Erschütterungen: Autorität wirkt noch verbindlich, doch neue Vorstellungen von Teilhabe und Eigentum gewinnen leise Kraft. Der erzählerische Ausklang legt Wert auf Maß und Nachdenken statt auf Triumph, und er deutet an, dass die entscheidenden Auseinandersetzungen erst bevorstehen.
Insgesamt entwirft Cooper mit Satanstoe eine Ursprungserzählung über Besitz, Herkunft und politische Loyalität, die zugleich seine Gegenwart reflektiert. Der Roman prüft, wie Anstand und Rechtsbewusstsein in einer beweglichen Gesellschaft bestehen können, und misst die Belastbarkeit eines landbesitzenden Ethos, das sich Legitimität durch Pflege, Verantwortung und Mut verdient. Als Auftakt der Littlepage-Manuskripte rahmt er spätere Konflikte um Land und Autorität und bietet ein kulturhistorisches Panorama, das humorvolle Beobachtung mit ernstem sittlichem Anspruch verbindet. Die nachhaltige Bedeutung liegt in der Frage, welche Ordnung Zukunft hat – und welche Tugenden nötig sind, um sie menschlich zu gestalten.
Satanstoe, oder die Familie Littlepage ist in der Mitte des 18. Jahrhunderts im britischen Kolonialraum von New York situiert. Das Umfeld ist geprägt von der Dominion-Logik des Empire: königlicher Gouverneur, Kolonialversammlung, königliche Gerichte und ein festes Gefüge aus Kirche, Miliz und Landbesitz. Die Hudson- und Mohawk-Regionen bilden eine Kontakt- und Konfliktzone zwischen europäischen Siedlungsräumen und indigenen Territorien. Die Stadt New York fungiert als Verwaltungs- und Handelszentrum, während das Hinterland durch verstreute Weiler, Gutshöfe und Pachtlandschaften geprägt ist. Dieses institutionelle Gerüst strukturiert die Handlung und spiegelt die Loyalitäten, Abhängigkeiten und Machtverhältnisse, in denen Coopers Figuren agieren.
Besonders markant ist in dieser Epoche das manoriale Pachtsystem, das aus der niederländischen Kolonialzeit in die britische Ära hinüberreicht. Patroonats wie Rensselaerswyck oder die großen Livingston-Güter dominierten weite Teile des Hudsontals. Pächter bewirtschafteten Land gegen Natural- und Geldrenten, häufig gebunden an langlaufende Verträge mit feudalen Zügen. Manorialgerichte, Abgaben und Verkaufsklauseln sicherten die Stellung der Gutsherren. Satanstoe nutzt dieses soziale Gefüge, um Loyalität, Patronage und Konfliktlinien zwischen Gutsbesitzern, Pächtern und Grenzbewohnern zu dramatisieren und die historische Verwurzelung der Grundherrschaft im kolonialen New York sichtbar zu machen.
Die kulturelle Landschaft ist von einer anglo-niederländischen Mischkultur geprägt. Niederländische Ortsnamen, Rechtstraditionen und reformierte Kirchgemeinden bestehen fort, während die englische Amtssprache, anglikanische Institutionen und britische Höflichkeitscodes an Einfluss gewinnen. Heiratsbeziehungen verknüpfen alte niederländische Patrizierfamilien mit neu aufstrebenden englischsprachigen Eliten. Diese Grenzüberschreitungen kultureller Praktiken – vom Tischzeremoniell über Mode bis zu Festen – liefern Cooper das Material für Sittenbilder, die soziale Rangordnungen, urbanes Selbstverständnis und ländliche Lebensformen gegenüberstellen, ohne die historischen Unterschiede zwischen Stadtgesellschaft und Grenzraum zu nivellieren.
Im Norden und Westen strukturiert die Diplomatie mit den Haudenosaunee (Irokesenbund) die Politik der Kolonie. Die Covenant Chain, ein Bündnis- und Austauschsystem zwischen britischen Kolonialvertretern und dem Bund, bildet den Rahmen für Handel, Kriegsallianzen und Grenzmanagement. Britische Agenten wie Sir William Johnson (ab Mitte der 1750er Jahre Superintendent für Indianerangelegenheiten) verankern diese Beziehungen institutionell. Satanstoe reflektiert diese Ordnung, indem es Begegnungen, Übersetzerrollen, Handelsbeziehungen und die Prekarität von Zusagen zeigt; der Text reagiert damit auf eine reale politische Struktur, in der indigene Souveränität, Kolonialinteressen und lokale Siedlungsdynamiken miteinander rangen.
Die Handlung fällt in eine Zeit intensiver imperieller Konkurrenz zwischen Großbritannien und Frankreich in Nordamerika. Nachwirkungen des Österreichischen Erbfolgekriegs (in Nordamerika King George’s War, 1744–1748) und die Zuspitzung zum Siebenjährigen Krieg (in den Kolonien French and Indian War, 1754–1763) prägen Sicherheitsdenken, Milizorganisation und Grenzpolitik. Festungen, Versorgungslinien und Rekrutierungen gehören zur Alltagskulisse. Cooper nutzt diese unsichere Lage, um Loyalitätstests und Grenzabenteuer plausibel zu machen; zugleich verweist das Kriegsszenario auf die Abhängigkeit der Kolonialwirtschaft von imperialen Strategien und auf die Anfälligkeit lokaler Gemeinschaften für überregionale Konflikte.
New York City bildet eine Bühne für koloniale Elitenkultur. Kaufleute, Beamte und Professionseliten organisieren Assemblies, Teegesellschaften und Wohltätigkeitsaktivitäten; die Stadt ist ein Knotenpunkt transatlantischer Mode- und Warenströme. Drucker wie William Bradford und James Parker prägen mit Zeitungen und Pamphleten den öffentlichen Diskurs. In Satanstoe fungiert das urbane Milieu als Kontrast zur Grenzregion: Es bietet Normen der Höflichkeit, Bildung und Kommerz, die Figuren entweder anstreben oder ablehnen. Zugleich veranschaulicht die Stadt, wie eng koloniale Identitätsbildung an Hafenökonomie, Nachrichtenverkehr und imperiale Netzwerke rückgebunden ist.
Ökonomisch beruht die Region auf Getreideanbau, Viehzucht, Holz und der Weiterleitung von Binnenprodukten in den Export. Hudson-Sloops verbinden die Flußufer mit den Kais Manhattans; Waren, Menschen und Nachrichten zirkulieren entlang eines stabilen, saisonal getakteten Verkehrs. Kreditverhältnisse zwischen Stadtkaufleuten und Landproduzenten strukturieren Investitionen und Risiken. Mercantilistische Vorgaben und Navigationsakte begrenzen den internationalen Spielraum, sichern aber britische Absatzmärkte. Diese wirtschaftliche Matrix erklärt in Satanstoe die Bedeutung von Lagerhäusern, Ernten und Transportgelegenheiten – und sie unterfüttert die sozialen Schichtungen, die von der Verfügungsgewalt über Land, Kapital und Zugang zu Märkten abhängen.
Voraussetzung dieser Agrarökonomie ist das Vermessen und Parzellieren von Land. Vermesser, Kettenhalter und Grenzläufer nutzen Instrumente wie die Gunter’s chain, um Patente zu kartieren und Claims festzuschreiben. Die Praxis erzeugt Spannungen: Überlappende Patente, unklare Landmarken und Provisorien bei Grenzsteinen eröffnen Streitfälle, in denen lokale Macht und juristische Finesse zählen. In Coopers Littlepage-Zyklus wird das Vermessen zum Leitmotiv sozialer Ordnung, weil es Besitz, Zugehörigkeit und Rang ins Gelände einschreibt. Satanstoe verweist damit auf ein reales technisches und rechtliches Fundament kolonialer Expansion in Nordamerika.
Sklaverei gehört im kolonialen New York zum Alltagsgefüge. Versklavte Menschen arbeiten in Haushalten, auf Höfen, in Handwerken und Hafenbetrieben. Ereignisse wie die sogenannte „Verschwörung von 1741“ und restriktive Gesetze zeigen die Repressionsmechanismen, mit denen die Kolonie auf Angst und Kontrolle setzte. Satanstoe spiegelt diese Präsenz, wenn auch aus der Perspektive weißer Akteure und mit zeittypischen Vorurteilen. Historisch verweist dies auf die Verwobenheit nördlicher Kolonien mit atlantischer Sklaverei und auf die Art, wie Haushaltsökonomie, Statussymbolik und Stadtentwicklung durch unfreie Arbeit mitgetragen wurden.
Rechtliche Strukturen der Besitzweitergabe wie Primogenitur und Entail, in New York bis zur Revolution verbreitet, stützen die Kontinuität von Gutsvermögen. Manoriale Verträge enthalten teils Klauseln wie das „quarter sale“, das bei Besitzübertragungen Zahlungen an den Grundherrn verlangte. Diese Mechanismen erklären die Dauerhaftigkeit sozialer Hierarchien in der Welt von Satanstoe. Erst nach der Unabhängigkeit werden solche Konstruktionen schrittweise reformiert; viele feudale Elemente bleiben jedoch bis ins 19. Jahrhundert wirksam. Cooper nutzt die koloniale Vergangenheit, um die Legitimität ererbter Rechte und die Fragilität vertraglicher Ordnung in Zeiten politischer Umbrüche zu erörtern.
Die Siedlungsfront wuchs durch Migration. Deutsche Palatinate siedelten seit dem frühen 18. Jahrhundert im Hudson- und Mohawkgebiet, Hugenotten gründeten Gemeinden wie New Paltz und New Rochelle, schottisch-irische Gruppen zogen an die Grenzlinie. Diese Vielfalt brachte Sprachen, Konfessionen und Rechtsgewohnheiten mit, aber auch Konflikte um Land, Jagd und Gemeinrechte. In Satanstoe erzeugen solche Konstellationen soziale Reibung und pragmatische Allianzen. Historisch verweist das auf die ständige Aushandlung lokaler Ordnungen, in denen Etablierte und Neuankömmlinge um Ressourcen konkurrierten und sich zugleich gegenüber indigenen Nachbarn und imperialer Verwaltung positionieren mussten.
Militärisch stützen sich die Kolonien auf lokale Milizen, Ranger-Einheiten und Bündnisse mit indigenen Partnern. An Flüssen und Pässen entstehen Wachposten und kleinere Fortifikationen; entlang von Versorgungswegen sind Konvois, Fährstellen und Depots zentral. Diese Infrastruktur rahmt in Satanstoe Gefahren- und Schutzräume, ohne die Grenzregion zu romantisieren. Sie entspricht historischen Mustern der Kriegführung in Nordamerika: bewegliche Gefechte, Aufklärung, Überfälle und das ständige Ringen um Loyalitäten. Dadurch verknüpft der Roman private Unternehmungen mit der fragilen Sicherheitsarchitektur einer Kolonie im Schatten kontinentaler Konflikte.
Religiös ist die Kolonie plural, aber von protestantischen Kirchen dominiert. Die niederländisch-reformierte Kirche bleibt kultureller Anker in alten Siedlungsgürteln, während die anglikanische Kirche mit königlicher Förderung Institutionen und Bildungseinrichtungen ausbaut. Gleichzeitig prägen antikatholische Stimmungen die Öffentlichkeit, verschärft durch Kriege mit Frankreich. In Satanstoe strukturieren kirchliche Zugehörigkeiten soziale Netzwerke, Feste und moralische Erwartungen. Historisch spiegelt dies eine Gesellschaft, die Toleranz praktiziert und doch in Krisenzeiten konfessionelle Gräben politisch auflädt – ein Spannungsverhältnis, das Loyalitäten in Familien und Gemeinden mitbestimmt.
Kommunikation und Verkehr verbinden die disparaten Räume. Der Albany Post Road und regionale Landstraßen, Flussfähren und Wirtshäuser markieren Knotenpunkte für Nachrichten, Handel und Rechtsprechung. Postkutschen- und Sloop-Routen takten den Alltag und ermöglichen, dass Gerüchte, Preise, Kriegsmeldungen und Moden rasch zirkulieren. Satanstoe greift diese Mobilität auf: Figuren pendeln zwischen Stadt und Land, und Entscheidungen hängen von Witterung, Wasserstand oder verfügbarer Fracht ab. Damit bindet der Text private Handlung an die Logistik einer Kolonie, deren Zusammenhalt weniger durch Ideologie als durch Routinen des Verkehrs gesichert wird.
James Fenimore Cooper verfasste Satanstoe 1845, in einer Phase politischer Zuspitzungen im Staat New York. Seine eigene Familiengeschichte – der Aufstieg seines Vaters William Cooper als Großgrundbesitzer und Gründer von Cooperstown, die Erfahrungen mit Landkauf, Pacht und lokalen Konflikten – prägte seine Sicht auf Eigentum und Öffentlichkeit. Coopers Auseinandersetzungen mit der Presse in den 1830er und 1840er Jahren sensibilisierten ihn für Fragen legitimer Autorität und Mehrheitsmacht. Diese biografischen Konstellationen erklären, warum Satanstoe die koloniale Vergangenheit nicht nur rekonstruiert, sondern als Spiegel für die Besitz- und Ordnungskrisen der Gegenwart nutzt.
Unmittelbarer Hintergrund des Romans ist die Anti-Rent-Bewegung (ab 1839), die sich gegen manoriale Pachtverhältnisse richtete. „Calico Indians“ maskierten Widerständler, Sheriffsvollstreckungen scheiterten, und der Staat reagierte wechselhaft zwischen Repression und Reform. 1846 verbot die neue Verfassung von New York feudale Tenuren und beschränkte Quarter-Sale-Klauseln. Cooper antwortete literarisch mit der Littlepage-Trilogie; Satanstoe legt die historische Grundlage, auf der Die Kettenmesser und Die Rothäute (zeitgenössische Titel variieren) die Gegenwartspolitik offen diskutieren. So wird der Roman zum ideologischen Vorspiel, das die Legitimität von Eigentum und Vertrag gegen populistische Mobilisierung verteidigt.
Erzähltechnisch nutzt Cooper die Form des angeblich überlieferten Manuskripts, um Erinnerung, Autorität und Geschichtsschreibung zu verknüpfen. Diese Rahmung erlaubt es, koloniale Sitten und Konflikte selektiv zu beleuchten und aus der Perspektive eines Besitzstandswahrers zu deuten. Historisch einschneidende Entwicklungen – von Sklaverei über Landvermessung bis zu Kriegsallianzen – erscheinen als Bausteine einer Ordnung, deren Erosion der Text beklagt. Gleichzeitig lässt die Detailfülle an Alltagspraktiken, Transport, Recht und Diplomatie erkennen, wie sehr die koloniale Welt von Aushandlung lebte – ein Befund, der Coopers konservative Lehren produktiv mit ihrem historischen Material in Spannung setzt.
James Fenimore Cooper (1789–1851) gilt als einer der prägenden Romanautoren der frühen Vereinigten Staaten. Zwischen Frühnationalzeit und Vormärz verankerte er den historischen Abenteuerroman im amerikanischen Literaturkanon, besonders mit Grenz- und Seegeschichten. Mit den Leatherstocking Tales formte er die Figur Natty Bumppo und trug zur Mythenbildung des nordamerikanischen Waldlands bei. Der Roman The Last of the Mohicans wurde international bekannt und prägte Vorstellungen vom kolonialen Konflikt, ohne dessen Verlauf hier zu verraten. Zugleich polarisierte Cooper: Bewunderung für epische Landschaftsbilder traf auf Kritik an Stereotypisierung und Rhetorik. Sein Werk beeinflusste Lesekulturen in Europa und den USA.
Geboren in Burlington, New Jersey, wuchs Cooper im jungen Siedlungsraum Zentral-New-Yorks auf, nahe dem Otsego Lake, dessen Landschaft später viele Schauplätze prägte. Er besuchte kurz das Yale College, ohne ein Studium abzuschließen, und wandte sich danach der Seefahrt zu. Literarisch stand er früh unter dem Eindruck der europäischen Romantik und besonders der historischen Romane Sir Walter Scotts. Gleichzeitig sensibilisierten ihn amerikanische Naturerfahrungen und Grenzkonflikte für Themen von Gesetz, Eigentum und Landnutzung. Aus der Lektüre populärer britischer Gesellschaftsromane erwuchs sein erster Schreibversuch: ein Sittenroman nach englischem Muster, der seine spätere Richtung allerdings noch nicht erkennen ließ.
Cooper sammelte praktische Erfahrung in der Handelsschifffahrt und wurde anschließend Midshipman der US Navy. Die dort erworbenen Kenntnisse der Navigation, des Kommandos und der Schiffsführung flossen später sichtbar in seine Seeromane ein. 1820 erschien anonym sein Debüt Precaution, ein von englischen Vorbildern geprägter Sittenroman. Den Durchbruch brachte The Spy (1821), ein Revolutionsroman, der ihn schlagartig bekannt machte. Mit The Pilot (1823) übertrug er das historische Abenteuer auf See und gab dem Genre eine deutlich amerikanische Prägung, die sich durch technische Präzision und moralische Konflikte auszeichnete. Zeitgleich begann er, die Möglichkeiten des Grenzromans auszuloten.
Sein bekanntester Zyklus sind die Leatherstocking Tales: The Pioneers (1823), The Last of the Mohicans (1826), The Prairie (1827), The Pathfinder (1840) und The Deerslayer (1841). Im Zentrum steht der Grenzer Natty Bumppo, dessen Wege durch Wälder, Flüsse und Siedlungsränder Themen wie Besitzordnung, Wandel der Natur und die Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft verknüpfen. Die Romane verbanden historische Recherche, Landschaftssinn und Abenteuerdramaturgie und erlangten breite Leserschaft in den USA und Europa. Zeitgenössische wie spätere Debatten kreisten um die Darstellung indigener Völker, zugleich wurden seine Versuche anerkannt, Empathie und Kritik an Gewaltverhältnissen literarisch zu artikulieren.
In den Jahren 1826 bis 1833 lebte Cooper in Europa und beobachtete politische Ordnungen und soziale Milieus aus nächster Nähe. Daraus gingen Romane wie The Bravo (1831), The Heidenmauer (1832) und The Headsman (1833) hervor, die Autorität, Freiheit und institutionelle Macht kritisch beleuchten. Parallel veröffentlichte er Reisebeobachtungen unter dem Titel Gleanings in Europe. Nach der Rückkehr verfasste er The American Democrat (1838), eine kompakte Abhandlung über republikanische Prinzipien, Mehrheitsmacht und Bürgerpflichten, sowie die Gesellschaftssatiren Homeward Bound und Home as Found (beide 1838). Scharfe Auseinandersetzungen mit Zeitungen führten zu Prozessen, die sein öffentliches Profil prägten.
In den 1840er-Jahren setzte Cooper zentrale Werkreihen fort. Mit The Pathfinder (1840) und The Deerslayer (1841) ergänzte er den Leatherstocking-Zyklus um frühere Stationen der Figur, während Seeromane wie The Two Admirals (1842), Wing-and-Wing (1842), Afloat and Ashore (1844) und The Sea Lions (1849) nautische Technik, Taktik und Moralfragen weiterführten. Die Littlepage-Manuscripts — Satanstoe (1845), The Chainbearer (1845) und The Redskins (1846) — spiegeln Konflikte um Land, Siedlungsrecht und soziale Hierarchien im Staat New York. Stilistisch verband er Ausführlichkeit und juristisch-politische Reflexion mit Landschafts- und Aktionsszenen, was Zustimmung und Einwände gleichermaßen hervorrief.
Seine späten Jahre verbrachte Cooper überwiegend in Cooperstown, wo er schrieb, publizierte und öffentliche Debatten verfolgte. Er starb 1851, kurz vor seinem zweiundsechzigsten Geburtstag. Sein literarisches Vermächtnis reicht von der Konsolidierung eines eigenständigen amerikanischen Romans bis zur Etablierung der Seeerzählung als ernsthafte Form. Figuren wie Natty Bumppo blieben kulturelle Bezugspunkte; The Last of the Mohicans wurde vielfach adaptiert und international rezipiert. Kritische Stimmen, etwa Mark Twains berühmte Polemik, stehen neben anhaltender Anerkennung für erzählerische Reichweite, Landschaftspoetik und technische Genauigkeit. In Forschung und Unterricht gilt Cooper als Schlüsselfigur einer transatlantisch geprägten Romantik.
Inhaltsverzeichnis
»Jede Geschichte von Sitten und Lebensgewohnheiten hat einen gewissen Werth. Wenn die Sitten und Gebräuche mit Grundsätzen zusammenhängen, in ihrer Entstehung, in ihrer Entwicklung oder in ihrem Ausgangspunkt, so bekommen solche Schilderungen eine doppelte Wichtigkeit; und weil wir einen solchen Zusammenhang zwischen den Thatsachen und Vorfällen der Handschriften der Familie Littlepage und gewissen wichtigen Theorien unserer Zeit zu entdecken glauben, übergeben wir hiemit erstere der Welt.
Es ist vielleicht ein Fehler unseres hier vorgeführten Geschichtschreibers, daß er zu Viel auf philosophische und zu Wenig auf bescheidnere und niedrigere Kräfte und Mächte zurückführt. Die Keime großer Ereignisse liegen oft fern in sehr launenhaften und unberechenbaren Leidenschaften, Beweggründen oder Impulsen[2q]. Der Zufall wirkt gewöhnlich ebenso sehr auf das Geschick von Staaten als auf das von Individuen ein[1q]; oder wenn dabei überhaupt Berechnungen und Absichten wirksam sind, so sind es die Berechnungen und Absichten einer Macht, welche höher ist als jede menschliche.
Wir finden uns bewogen, diese Handschriften der Welt mitzutheilen, theils durch die obigen Erwägungen, theils auch in Betracht der Beziehung, in welcher die zwei Werke, die wir Satanstoe und Kettenträger nennen, unmittelbar zu der großen Tagesfrage von New-York, dem Antirentismus[1], stehen, welche Frage man ziemlich vollständig und gründlich in dem dritten und letzten Werke des Cyklus erörtert finden wird. Diese drei Werke, welche die sämmtlichen Handschriften der Familie Littlepage enthalten, bilden keine strenge Fortsetzung von einander als Erzählungen von zusammengehörigen Begebenheiten oder vom Schicksale von Personen, wohl aber in dem Sinne, daß die Grundsätze in einem innern Verhältniß zu einander stehen. Der Leser wird z. B. finden, daß die frühere Laufbahn, die Neigung, die Heirath von Mr. Cornelius Littlepage in dem vorliegenden Buche vollständig berichtet werden, während die Erlebnisse seines Sohnes, Mr. Mordaunt Littlepage, ebenso vollständig in dem folgenden Werke, dem Kettenträger, gegeben werden sollen. Man hofft, daß der Zusammenhang, welcher allerdings zwischen diesen drei Werken besteht, eher dazu beitragen wird, den Werth jedes einzelnen zu erhöhen, als daß er die gewöhnliche Folge der Fortsetzungen im eigentlichen, strengen Sinn hätte, welche, wie man weiß, darin besteht, das Interesse zu schwächen, welches eine Erzählung sonst wohl dem Leser hätte einflößen mögen. Jedes dieser drei Bücher hat seinen eigenen Helden, seine eigene Heldin, und seine eigenthümliche Sittenschilderung vollständig für sich, obgleich letztere durch ihre Seiten-und Gegenstücke mehr oder weniger gehoben werden mag und es wirklich wird. Wir glauben, es bedarf keiner Entschuldigung, wenn die Frage des Antirentismus mit der größten Freimüthigkeit behandelt wird. Nach unserer Ansicht von der Sache ist das Bestehen wahrer Freiheit in Amerika, die Fortdauer der Institutionen und die Sicherstellung der öffentlichen Moral ganz davon abhängig, daß gänzlich, gründlich und unbedingt den falschen und unehrlichen Theorieen und Behauptungen ein Ende gemacht werde, welche in Beziehung auf diesen Gegenstand so keck vorgetragen worden sind. Nach unserer Ansicht ist New-York in diesem Augenblick der bei weitem am schmählichsten dastehende Staat in der Union, trotzdem daß er nie ermangelt hat, die Zinsen aus seiner Staatsschuld zu bezahlen; und seine Schmach hat ihren Grund in diesem Umstande, daß die Gesetze daselbst mit Füßen getreten werden, ohne daß irgend eine der Wichtigkeit der Sache entsprechende Anstrengung gemacht würde, sie aufrecht und in Kraft zu erhalten. Wenn Worte und Versicherungen den Ruf und Charakter eines Gemeinwesens retten und sichern können, so mag Alles noch gut stehen; aber wenn Staaten, wie Individuen, nach ihren Handlungen zu beurtheilen sind, und der Baum aus seinen Früchten erkannt werden muß, so möge uns Gott helfen!
Wir unsers Theils sind der Ueberzeugung, daß der ächte Patriotismus darin besteht, jedes öffentliche Gebrechen oder Laster offen darzulegen und dergleichen Dinge mit ihrem wahren Namen zu nennen. Der große Feind unsers Geschlechts hat binnen der letzten zehn oder zwölf Jahre unter uns mächtig um sich gegriffen, unter dem Schein und Vorwand eines verwerflichen, falschen Zartgefühls, wo es gilt, nationale Uebel und Fehler aufzudecken; und es ist an der Zeit, daß Solche, die sich nicht scheuten zu loben, wo das Lob verdient war, auch nicht zurücktreten vor der Pflicht zu tadeln, wo das Unterlassen rechtzeitiger Warnung eine Quelle der verhängnißvollsten Uebel werden kann. Der große praktische Mangel von Institutionen wie die unsrige ist der Umstand, daß um das, worum sich Jedermann kümmert, kein Einzelner sich besonders kümmert – eine Nachläßigkeit und Gleichgültigkeit welche der Thätigkeit des Schurken ein sehr gefährliches Übergewicht gibt über die langsameren Besserungsversuche des ehrlichen Mannes.
Juni 1845.
Inhaltsverzeichnis
Seht Ihr, wer kommt da? Ein junger Mann, ein Alter, ernsthaft schwatzend.
Wie es Euch gefällt.
Es ist leicht vorauszusehen, daß Amerika bestimmt ist, große und rasche Veränderungen durchzumachen. Die der Geschichte im eigentlichen Sinne angehörigen wird ohne Zweifel die Geschichte sich angelegen seyn lassen aufzuzeichnen, und zwar vermutlich mit der bestreitbaren Wahrhaftigkeit und dem Vorurtheil, welche gar leicht Einfluß üben auf die Leistungen gerade dieser Muse; aber wenig Hoffnung ist, daß die Züge der amerikanischen Gesellschaft in ihrem mehr innerlichen und häuslichen Charakter, unter uns werden erhalten bleiben durch irgend eines der Mittel, welche sonst gewöhnlich hiezu sich darbieten. Ohne eine Bühne – im nationalen Sinne wenigstens, – im Besitze von kaum irgend einem Memoirenbuche, das sich mit einem innerhalb unserer Landesgrenzen hingebrachten Leben beschäftigte, und gänzlich entblößt von einer eigenen leichten Literatur, die uns treu nachgeahmte Bilder unserer Sitten und Gebräuche und der Tagesmeinungen gäbe, – sehe ich kaum eine Art und Weise ab, wie die nächste Generation das Gedächtniß und die Anschauung der unterscheidenden Denkweise, der Sitten und Gebräuche der jetzigen sich bewahren sollte. Zwar wird sie Traditionen von gewissen hervorstechenden Zügen des gesellschaftlichen Zustands der Colonie haben, aber kaum irgend urkundliche Berichte; und sollten die nächsten zwanzig Jahre in eben dem Grade wie die zwanzig letztverflossenen darauf hinwirken, an die Stelle der Abkömmlinge unsrer nächsten unmittelbaren Väter ein ganz neues Geschlecht zu setzen: so wäre die Prophezeiung wohl kaum allzu gewagt, daß auch diese Traditionen in dem Wirbel und der Aufregung der Masse und des Gewühls von Fremden verloren gehen werden. In Erwägung all dieser Umstände habe ich daher den Entschluß gefaßt, einen Versuch zu machen, wie schwach er auch ausfallen möge, wenigstens einige Züge von dem häuslichen Leben in New-York aufzubehalten, und habe zugleich auch einige Freunde in New-Jersey und im ferneren Süden anzuspornen gesucht, daß sie in jenen Gegenden des Landes sich dieselben Aufgaben setzen möchten. Welchen Erfolg diese meine Aufforderungen und Ermahnungen haben werden, vermag ich nicht zu sagen; aber damit das Wenige, was ich selbst zu leisten vermag, nicht verloren gehe aus Mangel an Unterstützung, habe ich in meinem Testament meinen ernsten Wunsch ausgesprochen, daß diejenigen, welche nach mir kommen, sich dazu verstehen möchten, diese Erzählung fortzusetzen und ihre Erfahrungen, so wie ich die meinigen, dem Papiere zu überliefern, wenigstens bis auf meinen Enkel herab, falls ich je einen habe. Vielleicht fängt man bis zum Ende der Laufbahn des Letztern in Amerika an, Bücher herauszugeben, und erscheinen dann die Früchte unsrer vereinigten Familienbemühungen gereift genug, um der Welt vorgelegt zu werden.
Es ist möglich, daß, was ich jetzt zu schreiben im Begriff stehe, als zu einfach und geringfügig erscheint; daß es sich zu sehr auf persönliche und Privat-Angelegenheiten bezieht, als daß es hinlängliches Interesse in den Augen des Publikums habe; aber man darf nicht vergessen, daß die höchsten und erhabensten Interessen des Menschen aus einer Sammlung von an sich niedriger stehenden und geringeren bestehen; und daß, wer ein getreues Bild gibt von nur Einer wichtigen Scene aus dem Verlauf eines einzelnen Lebens, schon einen Schritt dazu thut, das größte historische Bild seiner Zeit zu malen. Wie ich schon gesagt, die wichtigsten Begebenheiten meiner Zeit werden ihren Weg finden auf die Blätter von viel bedeutenderen Werken als das meinige, in der einen oder der andern Form, mit mehr oder weniger Treue gegen die Wahrheit, gegen die Wirklichkeit der Ereignisse und gegen die eigentlichen Motive; während die untergeordneten Dinge, welche zu berichten und zu schildern meine Aufgabe seyn soll, gänzlich werden übersehen werden von Schriftstellern, erfüllt von dem Bestreben, ihre Namen denen der Tacitusse früherer Jahrhunderte anzureihen. Es mag jedoch passend seyn, gleich hier zu bemerken, daß ich gar nicht den historischen Griffel zu führen mir beigehen lasse, sondern mich damit begnüge, die Gefühle, Gesinnungen, Ereignisse und Interessen des bloßen Privatlebens zu schildern, und sie nicht mehr mit Dingen von allgemeinerer Bedeutung in Verbindung setzen werde, als dieß unerläßlich ist, um die Erzählung verständlich und genau zu machen. Nach diesen Erläuterungen, welche hier gegeben werden, um die Person, die zufällig zuerst die Lektüre dieser Handschrift beginnt, abzuhalten, sie in’s Feuer zu werfen als einen einfältigen Versuch, einen noch einfältigeren Roman zu schreiben, gehe ich sofort zum Anfang meiner Aufgabe über.
Ich bin geboren am dritten Mai 1737 auf einem »Landhals,« genanntSatanstoe, in der Grafschaft West-Chester, in der Colonie New-York; einem Theil des weitgedehnten Reiches, welches damals unter dem Scepter Seiner geheiligten Majestät, Gregors II., stand, Königs von Großbritannien, Irland und Frankreich, Vertheidiger des Glaubens, der, wie ich wohl hinzufügen darf, zugleich Schild und Wehr der protestantischen Thronfolge war, Gott segne ihn! Ehe ich Etwas von meiner Abstammung sage, will ich dem Leser zuerst einen Begriff geben von der Gegend und eine genauere Vorstellung von dem Ort, wo ich das Licht der Sonne erblickte. Ein »Landhals« bedeutet nach dem Sprachgebrauch von West-Chester und Long Island Etwas, das man besser »Kopf und Schultern« nennen würde, wenn man bloß die Gestalt und die Ausdehnung im Auge hätte. Halbinsel würde das passende Wort seyn, wenn wir uns geographischer Kunstausdrücke bedienen wollten; aber so wie die Sachen stehen, finde ich es nothwendig, bei dem landesüblichen Ausdruck zu bleiben, welcher beiläufig bemerkt, auch nicht bloß unsrer Grafschaft eigen ist. Der »Landhals« oder die Halbinsel Satanstoe enthält genau vierhundert und dreiundsechszig und einen halben Acre vortrefflichen West-Chester Landes; und damit ist, wenn die Steine herbeigeschleppt und zu Mauern gefügt sind, so viel zu seinen Gunsten gesagt, als von irgend einem Boden der Erde gesagt zu werden braucht. Satanstoe hat zwei Meilen Ufer und kann eine entsprechende Masse Seegras zur Düngung sammeln, nebendem, daß es beinahe hundert Acres Salzgras-und Schilfwiesen besitzt, welche bei dem guten Boden des eigentlichen »Landhalses« nicht eingerechnet sind. Da mein Vater, Major Evans Littlepage, dieß Gut von seinem Vater, Kapitän Hugh Littlepage erben sollte, konnte es schon zur Zeit meiner Geburt als ein altes Familienbesitzthum gelten, weil es wirklich schon von meinem Großvater erworben worden war, durch seine Frau, etwa dreißig Jahre nach der endlichen Abtretung der Colonie von Seiten der ursprünglichen Besitzer, der Holländer, an die Engländer. Hier hatten wir also schon beinahe ein halbes Jahrhundert in gerader Linie gehaust, als ich geboren wurde, und um ein Beträchtliches länger, wenn man die Ahnen von mütterlicher Seite einrechnet; hier wohne ich jetzt im Augenblick wo ich diese Zeilen schreibe, und hier hoffe ich soll mein Sohn nach mir wohnen.
Ehe ich auf eine genauere Schilderung von Satanstoe eingehe, ist es vielleicht passend, ein Wort zu sagen über seinen etwas sonderbaren Namen. Der »Landhals« liegt in der Nähe eines wohlbekannten Passes, welcher sich findet in dem schmalen Meeresarm, welcher die Insel Manhattan von ihrer Nachbarin, Long Island, trennt, und Hell Gate[2] (Höllenthor) genannt wird. Nun gibt es eine Tradition, freilich, ich muß es gestehen, so ziemlich nur auf die Schwarzen der Umgegend sich beschränkend, welche besagt: der Vater der Lügen habe bei einer besondern Gelegenheit, als er gewaltsam ausgetrieben ward, aus gewissen tumultuarischen Gasthäusern in den Neuen Niederlanden, seinen Abzug bewerkstelligt durch diesen bekannten, gefährlichen Paß; er habe seinen Fuß etwas hastig weggezogen zwischen den Hummerlöchern, deren es in diesen Gewässern eine Menge gibt, als Spuren und Fußtapfen seines Durchzuges auf dieser Straße den Schweinsrücken, den Topf und all die Strudel und Klippen zurückgelassen, welche die Schifffahrt durch diese berühmte Meerenge so schwierig machen, und seinen Fuß dann eilig auf den Fleck gesetzt, wo jetzt eine große Bucht südlich und östlich von dem »Landhals« sich ausdehnt, letztern aber mit dem Ballen seiner großen Zehe berührt, wie er sich nach Osten wandte, aus welcher Gegend des Landes er nach der Behauptung eines Theils unsrer Leute ursprünglich gekommen seyn sollte. Manche glaubten, die Gestalt und die Linien unseres väterlichen Gutes hatten eine Aehnlichkeit zu haben geschienen mit einer umgekehrten Zehe (denn man setzte voraus, daß der Teufel Alles, was er berühre oberst zu unterst verkehre), ein Umstand, welcher vermutlich auch dazu beitrug, dem Namen bleibende Geltung zu verschaffen.
Daher wurde der Platz seit unvordenklichen Zeiten Satanstoe genannt; denn unvordenklich ist leicht die Zeit in einem Lande, in welchem die civilisirte Zeit vor noch nicht anderthalb Jahrhunderten begann; und Satanstoe heißt er noch jetzt. Ich gestehe, ich bin kein Freund von unnöthigen Veränderungen, und ich hoffe von ganzem Herzen, dieser »Landhals« wird seine alte Benennung behalten, so lange das Haus Hannover auf dem Throne dieser Königreiche sitzen, oder so lange das Wasser fließen und das Gras wachsen wird. Man hat in ganz neuen Zeiten einen Versuch gemacht, die Leute in der Nachbarschaft zu bereden, der Name sey irreligiös und eines erleuchteten Volkes, wie das von West-Chester, unwürdig; aber der Versuch hat keinen großen Erfolg gehabt. Er ging aus von einem Mann aus Connetikut, dessen Vater, heißt es, ein Geistlicher ist von der »stehenden Klasse;« so genannt, glaube ich, weil sie beim Beten stehen; und welcher selbst in der Eigenschaft eines Schulmeisters zu uns kam. Dieser junge Mann suchte, wie ich erfahren habe, die Nachbarschaft zu bereden, Satanstoe sey eine durch die Holländer eingeführte Verfälschung von Devils Town (Teufelsstadt), und dieß wieder eine Entstellung von Dibbleston; die Familie nämlich, von welcher es meines Großvaters Schwiegervater gekauft, habe, sagte er, Dibblee geheißen. Er brachte ein halb Dutzend von dem sentimentalen Theil der Bewohner dazu, den »Landhals« Dibbleton zu nennen; aber der Versuch hat keine Wahrscheinlichkeit eines größern Erfolgs auf die Länge, da wir Leute sind, die keine große Geneigtheit haben, die Sprache so wenig als die Gebräuche unsrer Vorfahren zu ändern. Zudem haben meine holländischen Vorfahren das Land von keinem Dibblee gekauft, und hat dasselbe nie einer solchen Familie gehört, sondern es ist dieß ein keckes Vorgeben des Yankee um seine Behauptung dadurch wahrscheinlicher zu machen.
So wie Satanstoe seiner Ausdehnung nach wenig mehr als ein guter Pacht-oder Bauernhof ist, so ist es auch seiner Bebauung und den Verschönerungen nach nicht viel mehr als ein vorzüglich gutes Bauerngut. Alle Gebäude sind von Stein, bis auf die Schweinekoben und die Schuppen hinaus, sehr gut behauen und gefugt, und mit Feldmauern, welche einem befestigten Platze Ehre machen würden. Das Haus gilt allgemein als eines der besten in der Colonie, mit Ausnahme einiger wenigen von der neuen Schule. Es ist zwar, wie ich gestehen muß, nur anderthalb Stockwerke hoch, aber die Zimmer unter dem Dache sind so gut als irgend welche dieser Art, die mir bekannt sind, und ihre innere Einrichtung ist von der Art, dass sie selbst den obern Zimmern eines Hauses in New-York keine Unehre machen würden. Das Gebäude hat die Form eines L oder von zwei Seiten eines Parallelogrammes, wovon die eine eine Fronte von fünfundsiebzig Fuß hat, die andere fünfzig Fuß lang ist. Die Tiefe beträgt, von einem Ende der Mauer bis zum andern, sechsundzwanzig Fuß. Das beste Zimmer hatte schon in den Zeiten meiner Knabenjahre einen Teppich, welcher zwei Drittheile des gesammten Fußbodens bedeckte, und in den meisten der bessern Gänge fand sich Wachstuch. Der Schenktisch im Speisezimmer, oder dem kleinsten Gesellschaftszimmer, wurde ganz besonders bewundert, und ich zweifle, ob es bis zu dieser Stunde einen schönern in der Grafschaft gibt. Die Zimmer waren wohl geformt und von hübscher Größe; die größern Gesellschaftszimmer nahmen, bei verhältnißmäßiger Länge, die ganze Tiefe des Hauses ein, und das Getäfel war höher als gewöhnlich, nämlich, elf Fuß, mit Ausnahme derjenigen Räume, wo die größern Balken und Sparren der obern Schlafzimmer sichtbar wurden.
Da die Familie außer dem »Landhals« auch Geld besaß, und die Littlepage’s Offiziere des Königs, mein Vater in seinen frühern Jahren Fähnrich und mein Großvater ebenso Kapitän in der Linie gewesen waren, zählten wir immer zu der Gentry der Grafschaft. Wir hausten in einem Theile von West-Chester, wo es keine sehr große Güter gab, und Satanstoe galt als ein Besitzthum von einer gewissen Bedeutung. Es ist wahr, die Morrises war auf Mornsania und die Felipses oder Philipses, wie diese böhmischen Grafen damals genannt wurden, hatten einen Sitz am Hudson, der sich bis auf zwölf Meilen vor uns erstreckte, und ein jüngerer Zweig von den de Lanceys hatte sich selbst noch näher bei uns niedergelassen, so wie auch die Van Cortlandts, oder ein Zweig von ihnen, in der Nähe von Kingsbridge hausten; aber das waren lauter Leute, welche an der Spitze der Colonie standen, und mit welchen zu wetteifern Niemanden von der kleineren Gentry sich einfallen ließ. So behaupteten denn die Littlepages eine sehr achtbare Stellung zwischen der höhern Klasse der Neomanry und denjenigen, welche, vermöge ihrer Güter, Erziehung, Verwandtschaften und Verbindungen, ihres amtlichen Ranges und ererbten Ansehens, die Aristokratie der Colonie, – so darf man sich wohl ausdrücken, – bildeten. Mein Vater sowohl als mein Großvater hatte seiner Zeit in der Assembly gesessen, und Beide, wie ich sagen gehört, mit Ehren. Was meinen Vater betrifft, so hielt er einmal eine Rede, deren Vortrag elf Minuten ausfüllte, – ein Beweis, daß er Etwas zu sagen hatte; und es war dieß eine Quelle großen, aber wie ich hoffe, bescheidenen Jubels in der Familie bis auf den Tag seines Todes und noch später.
Dann hoben uns auch gar sehr die Militärdienste der Familie. In jener Zeit hieß es Etwas, Fähnrich selbst in der Miliz zu seyn, und noch weit mehr, diesen Posten bei einem regulären Regiment zu bekleiden. Zwar diente keiner meiner Vorfahren sehr lange unter den Truppen des Königs, und namentlich mein Vater verkaufte seine Stelle schon nach dem Ende seines zweiten Feldzuges; aber die militärische Erfahrung, und ich darf hinzufügen, der kriegerische Ruhm, welche Beide in der Jugend sich erwarben, leisteten ihnen ihr ganzes übriges Leben hindurch gute Dienste. Beide erhielten Offiziersstellen bei der Miliz, und mein Vater stieg wirklich bis zum Major in diesem Corps, und diesen Rang besaß, diesen Titel trug er während der letzten fünfzehn Jahre seines Lebens. Meine Mutter war eine Holländerin von beiden Eltern her; ihr Vater war ein Blauvelt, ihre Mutter eine Van Busser gewesen. Ich habe sagen hören, es habe sogar eine Verwandtschaft zwischen den Stuyvesants und den Van Cortlandts und den Van Bussers bestanden; aber ich vermag nicht den Grad und die Art der Verwandtschaft oder Verschwägerung genau anzugeben. Ich vermuthe, daß sie nicht sehr nahe gewesen, sonst würde ich wohl Genaueres darüber erfahren haben. Ich habe immer dafür angenommen, daß meine Mutter meinem Vater dreizehnhundert Pfund (in Papieren, nicht in Baarem) als Heirathsgut zubrachte, was, man muß gestehen, für eine junge Frau im Jahr 1733 ein ganz anständiges Vermögen war. Nun weiß ich recht gut, daß sechs-, acht-, zehntausend Pfund in dieser Weise oft zugebracht werden, und selbst noch viel mehr bei den vornehmen Familien, aber es braucht sich Keiner zu schämen, der fünfzig Jahre rückwärts blickt, und findet, daß seine Mutter ihrem Gatten tausend Pfund beibrachte.
Ich war weder das einzige Kind noch der Erstgeborene. Ein Bruder ging mir voran und zwei Schwestern folgten mir, aber sie starben Alle in der Kindheit, und so blieb ich als einziger Sprößling für die zärtliche Pflege und Erziehung meiner Eltern übrig. Mein kleiner Bruder hatte den Namen Evans vorweggenommen, und da er einige Zeit noch nach meiner Taufe lebte, bekam ich den holländischen Namen von meinem Großvater mütterlicher Seits zu meinem Antheil an der Familien-Nomenclatur, welcherCorneliuswar, und Corny war demgemäß der Diminutivname, mit welchem ich von sämmtlichen Weißen meiner Bekanntschaft während der ersten sechszehn oder siebenzehn Jahre meines Lebens, und von meinen Eltern so lange sie am Leben blieben, genannt wurde. Corny Littlepage ist an sich kein übler Name, und ich hege das Vertrauen, diejenigen, welche mir die Gunst erzeigen, diese Handschrift zu lesen, werden sie weglegen mit dem Eindruck, daß der Name nicht schlimmer geworden ist durch die Art und Weise, wie ich ihn geführt habe.
Ich habe schon gesagt, mein Vater und mein Großvater seyen Beide zu ihrer Zeit in der Assembly gesessen; mein Vater zweimal, mein Großvater nur einmal. Obgleich wir dem Flecken West-Chester so nahe wohnten, saßen sie doch nicht für diesen Ort darin, sondern für die Grafschaft, denn die de Lancey’s und die Morrises stritten um die Beherrschung des Fleckens in einer Art, welche den kleinen Fischen wenig Aussicht ließ, in dem trüben Wasser, das sie nothwendig aufrühren mußten, zu schwimmen. Doch stellte diese politische Auszeichnung, wie man sich denken kann, meinen Vater der Welt vor Augen, und war das Mittel, ihm ein persönliches Ansehen zu verschaffen, das ihm sonst vielleicht nicht zu Theil geworden wäre. Die Vortheile und vielleicht auch einige der Nachtheile davon, in solcher Weise aus dem regelmäßigeren Verlauf unsers gewöhnlich so friedlichen Lebens hinausgerückt zu werden, dürften sich im Fortgang unsrer Erzählung darstellen.
Ich habe mich immer deßhalb glücklich gepriesen, daß ich nicht in den frühern Kindertagen der Colonie geboren wurde, wo die auf dem Spiele stehenden Interessen, und die Ereignisse, welche auf sie Einfluß übten, nicht groß und wichtig genug waren, um dem Geist und den Hoffnungen den Schwung und die Ausdehnung zu verleihen, wie sie Perioden der vorgeschrittenen Gesittung und wichtigerer Begebenheiten eigen sind. In dieser Beziehung trat meine Erscheinung in dieser Welt in einem sehr glücklichen Zeitpunkt ein, wie Jeder einsehen muß, Wer den Zustand und die Wichtigkeit der Colonie in der Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts erwägen will. New-York kann zur Zeit meiner Geburt nicht viel weniger als siebzigtausend Seelen enthalten haben, beiderlei Farben gerechnet; denn man nimmt an, daß heute, wo ich dieß schreibe, volle hunderttausend darin leben. In einem solchen Gemeinwesen hat ein Mann nicht nur den Raum, sondern auch Stoff und Gelegenheit um aufzutreten und eine Figur zu machen; während mein Vater, als er geboren wurde, wie ich ihn oft habe sagen hören, einer nicht die Hälfte der kleineren genannten Zahl betragenden Bevölkerung angehörte. Ich bin für diesen Vortheil dankbar gewesen, und ich hoffe, es wird sich durch die hier beizubringenden Beweise und Zeugnisse herausstellen, daß ich weder an einem Orte der Welt, noch zu einer Zeit gelebt habe, welchen große Ereignisse ganz fremd geblieben wären.
Meine frühesten Erinnerungen beziehen sich natürlich auf Satanstoe und auf den häuslichen Familienherd. In meiner Kindheit und Jugend hörte ich gar viel reden von der protestantischen Erbfolge, vom Hause Hannover und König George II.; immer untermischt mit solchen Namen wie George Clinton, General Monkton, Sir Charles Hardy, James de Lancey und Sir Danvers Osborne, die offiziellen Repräsentanten des Königs in der Colonie. Jedes Zeitalter hat seinealtenund seineneuenKriege, und ich kann mich noch recht gut dessen erinnern, welcher zwischen den Franzosen und uns in den beiden Canada’s 1744 geführt wurde. Ich war damals sieben Jahre alt, und es war ein Ereigniß, das auf ein Kind von diesem zarten Alter wohl einen Eindruck machen konnte. Mein geehrter Großvater lebte damals noch, und noch lange Zeit später, und er nahm an den militärischen Bewegungen jener Zeit lebhaften Antheil, wie dieß bei einem Soldaten ganz natürlich war. New-York hatte keinen Antheil an der berühmten Expedition, welche Louisbourg[3], damals das Gibraltar von Amerika, im Jahr 1745 einnahm; aber das konnte einen alten Soldaten wie Kapitän Littlepage nicht abhalten, mit ganzer Seele auf die Sache einzugehen, wenn ihm auch verwehrt war, dabei mit der Faust thätig zu seyn. Da dem Leser vielleicht nicht all die verborgenen Triebfedern bekannt sind, welche die offenkundigen Begebenheiten herbeiführten und in Bewegung setzten, ist es wohl nicht unangemessen, hier einige Worte zur Erläuterung einzuschalten.
Es bestand und besteht noch jetzt wenig Sympathie, was die nationale Gefühlsweise betrifft, zwischen den Colonien von Neu-England und denen welche weiter südlich liegen. Wir sind Alle loyal, die im Osten sowohl als die im Südwesten und im Süden; aber es besteht, und bestand von jeher ein so großer Unterschied in unsern Sitten und Gebräuchen, unserer Herkunft, in religiösen Ansichten und in der Geschichte, daß dadurch eine breite geistige Scheidelinie, was die Gefühls-und Anschauungsweise betrifft, zwischen der Colonie New-York und den östlich vom Fluß Byram gelegenen gezogen wird. Ich habe sagen hören, die meisten Auswanderer nach den Staaten von Neu-England seien von dem Westen Englands gekommen, wo noch manche ihrer gesellschaftlichen Eigenthümlichkeiten und Viel von ihrer Sprache zu finden seyn sollen; während die weiter südlich gelegenen Colonien ihre Bevölkerung aus den mehr im Mittelpunkt gelegenen Grafschaften und aus den Gegenden und Bezirken der britischen Insel erhielten, welche nur weniger provinzielles und eigenthümliches Gepräge haben sollen. Ich will nicht behaupten, daß es sich buchstäblich so verhält, obgleich allbekannt ist, daß wir in New-York lange her gewohnt sind unsere Nachbarn in Neu-England als ganz von uns verschiedene Leute anzusehen, während ich fast glaube, daß unsere Nachbarn in Neu-England uns als nicht minder verschieden von sich, und in sofern eben so weit entfernt von der Vollkommenheit betrachtet haben.
Sei dem wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß Neu-England ein von dem übrigen Reiche gewissermaßen getrennter Theil ist, zu seinem Vortheil und zu seinem Nachtheil. Es bekam seinen Namen von dem Umstande, daß die englischen Besitzungen auf der westlichen Grenze an die der Holländer stießen, welche so von den andern Colonien von rein Anglo-Sächsischem Ursprung getrennt wurden durch ein weites Gebiet von weit größerer Ausdehnung als das Mutterland selbst. Ich fürchte, es liegt etwas im Charakter dieser Anglo-Sachsen, was sie geneigt macht, andere Raçen zu verlachen und die Nase über sie zu rümpfen; denn ich habe bemerkt, daß die Eingebornen des Mutterlandes selbst, welche zu uns kommen, diese Neigung blicken lassen in Bezug auf uns Bewohner von New-York selbst, so wie auf die von Neu-England; während die Leute in dem letztern Lande eine Gesinnung gegen uns, ihre Nachbarn, an den Tag legen, welche nichts weniger als jene Demuth verräth, die doch als eine Zierde der christlichen Denkungsart betrachtet wird, auf welche sie so gerne ganz besondere Ansprüche machen. Mein Großvater jedoch war ein Eingeborner des Mutter-Landes und ging nur wenig auf die Eifersüchteleien der Colonien ein. Er hatte von seinen Knabenjahren an in New-York gewohnt und daselbst geheirathet, und war nicht der Mann irgend jene übertriebenen Begriffe von Ueberlegenheit an den Tag zu legen, die uns manchmal bei eingebornen Engländern vorkommen; obwohl ich mich erinnere, daß er einige Male auf Mängel und Gebrechen in unsrer Civilisation hinwies, so wie auch, daß er gelegentlich mit Wohlgefallen bei der Größe und Macht seiner Heimathinsel verweilte. Ich glaube auch, hierin hatte er ganz Recht, denn Wenige unter uns haben je Lust gehabt, die Ueberlegenheit und den gerechten Vorzug Englands zu bestreiten in allen Dingen die nur wünschenswerth sind und die Grundlage menschlicher Trefflichkeit bilden.
Ich erinnere mich noch wohl einer Reise, welche Capitän Hugh Littlepage im Jahr 1745 nach Boston machte, um sich die Vorkehrungen zu besehen, welche man zu der großen Expedition traf. Obgleich seine eigene Colonie bei diesem Kriegszuge in militärischer Hinsicht nicht betheiligt war, machten ihn doch seine frühern Kriegsdienste für die damals an der Küste von Neu-England versammelten Männer zu einem Gegenstand des Interesses. Man hat gesagt, die Expedition gegen Louisbourg, damals der stärkste Platz in Amerika, sei von einem Rechtsgelehrten entworfen, von einem Kaufmann geführt und geleitet, und von Bauern und Handwerkern ausgeführt worden; aber wenn dieß auch im Ganzen seine Richtigkeit hatte, so erlitt doch die Regel manche Ausnahmen. Es waren viele alte Soldaten, welche bei frühern Kriegen auf diesem Continent gedient hatten, und unter ihnen befanden sich einige alte Bekannte meines Großvaters. Mit diesen verbrachte er manche fröhliche Stunde vor dem Tage der Abfahrt, und ich habe seither oft gedacht: nur meine Anwesenheit habe ihn abgehalten, sich auch auf der Flotte einzuschiffen. Der Leser wird vielleicht denken, ich sei gar jung gewesen, um bei einer solchen Gelegenheit auf eine so weite Reise mitgenommen zu werden, aber es kam so: Meine treffliche Mutter meinte, es seien mir nach überstandenen Blattern einige Krankheitssymptome geblieben, für welche eine Reise wohlthätig seyn möchte, und sie vermochte ihren Schwiegervater mich mit sich zu nehmen, als er im Winter 1744 – 45 seine Heimath verließ um Boston zu besuchen. In jener frühen Zeit war es in diesen Colonien nicht immer eine so leichte und bequeme Sache, eine Ortsveränderung zu machen, und da mein Großvater in einem Schlitten reiste, welcher nach Osten fuhr mit einigen Privatvorräthen, die für die Expedition gesammelt worden waren, bot sich eine günstige Gelegenheit dar, mich mit meinem ehrwürdigen Ahnen fortzuschicken, welcher sehr gutmüthig sich dazu verstand, mich meine Reisen unter seiner eigenen unmittelbaren Obhut und Leitung anfangen zu lassen.
Die Dinge, die ich bei dieser Gelegenheit sah, haben einen wesentlichen Einfluß auf mein künftiges Leben gehabt. Ich habe eine Neigung zu Abenteuern gefaßt, und besonders zu kriegerischem Gepränge und Glanz, welche mich nachher mehr als einmal in schwierige Lagen brachte. Capitän Hugh Littlepage, mein Großvater, war entzückt über Alles was er sah, bis die Expedition unter Segel gegangen war, wo er zu brummen und zu schelten anfing über die religiösen Ceremonien und Gebräuche, welche die Frömmigkeit der Puritaner mit ihrem meisten sonstigen Thun und Treiben verband. Gewiß betrachtete uns das Volk von Neu-England als nicht viel besser denn Heiden, und thut es vielleicht noch; während wir von New-York sie als frömmelnde Schwätzer und Salbader, und in notwendiger Folgerung als Heuchler ansahen, und nach Allem, was mir bekannt ist, auch wohl noch jetzt diese Ansicht haben mögen. Ich maße mir nicht an zu entscheiden, welche Partei Recht hat; doch hat sich mir oft der Gedanke aufgedrängt, es wäre besser, wenn Neu-England etwas weniger Selbstgerechtigkeit besäße, und New-York etwas mehr Gerechtigkeit ohne dasSelbst. Jedoch was Pfunde, Schillinge und Pence betrifft, werden wir ihnen niemals den Rücken kehren, da wir im Ganzen in Geldsachen wohl eher das zuverläßigere Volk unter beiden seyn dürften, zumal in allen solchen Fällen, wo man sich Habe und Gut des Nachbars zueignen kann, ohne gerade zu absolut gewaltthätigen Mitteln zu greifen. Dieß ist jedenfalls die Ansicht in New-York, mögen sie auf dem andern Ufer des Byram von der Sache denken wie sie wollen.
Mein Vater traf zu Boston einen alten Feldzugskameraden mit Namen Hight; Major Hight, wie er genannt wurde, welcher auch her gekommen war, um die Rüstungen zu sehen, und die alten Soldaten brachten die meiste Zeit mit einander zu. Der Major war von Jersey, hatte zu seiner Zeit etwas ungebunden gelebt und noch manche seiner Jugendneigungen im Alter beibehalten, wie es gar leicht geschieht bei Solchen, die ein Laster hegen und pflegen wie eine Treibhauspflanze. Der Major liebte die Flaschen und trank gewaltig viel Madeira, dessen damals in Boston ein guter Vorrath war, denn er brachte selbst einigen dahin; und ich kann mich unterschiedlicher Scenen erinnern, welche zwischen ihm und meinem Großvater nach dem Mittagsmahl vorfielen, wenn sie im Gasthause saßen und sich über den Verlauf der Dinge und über die Aussichten für die Zukunft besprachen. Hätten die beiden alten Soldaten zu den Truppen der Provinz gehört, in welcher sie sich befanden, so hätte man in jedem Athem einen »Capitän« und »Major« zu hören bekommen; denn in keinem Theile der Erde ist man titelsüchtiger als bei unsern östlichen Brüdern; während ich doch glauben muß, daß wir Ansprüche hatten auf ächtere Einfachheit des Charakters und der Sitten, trotzdem daß New-York immer für die aristokratischste unter allen nördlichen Colonien gegolten hatte. Da meine beiden alten Soldaten von früher Jugend an genau befreundet gewesen, nannten sie einander Joey und Hodge, – letzteres nämlich war die Abkürzung von einem der Namen meines Großvaters, Roger, – wenn nicht einfach der Name Hugh zwischen ihnen gebraucht wurde, wie auch bisweilen geschah. Hugh Roger Littlepage, dieß hätte ich früher sagen sollen, war der vollständige Name meines Großvaters.
»Mir würden diese Yankees besser gefallen, wenn sie weniger beteten, mein alter Freund,« sagte eines Tages der Major, nachdem sie sich über die An-und Aussichten der Dinge besprochen hatten, unter die Rauchzüge hinein, die er aus seiner Pfeife that. »Ich kann keinen rechten Nutzen davon absehen, wenn man so viel Zeit verliert, indem man diese Aufenthalte macht um zu beten, wenn der Feldzug einmal ordentlich eröffnet ist.«
»Es war immer so ihre Art, Joey,« versetzte mein Großvater, seine Zeit ersehend, wie dieß bei Rauchern gewöhnlich ist. »Ich erinnere mich noch, wie wir mit einander im Felde standen, im Jahr 17, daß die Truppen von Neu-England immer ihre Pfarrer hatten, welche gleichsam die Rolle von zweiten Obersten spielten. Man sagt mir, Seine Excellenz habe ein wöchentliches Fasten, zum Behuf öffentlicher Gebete, während der ganzen Dauer des Feldzugs befohlen.«
»Ja, Master Hodge, beten und plündern – so machen sie es immer,« versetzte der Major, die Asche aus seiner Pfeife klopfend um sie dann von Neuem zu füllen; eine Beschäftigung, welche ihm Gelegenheit gab, seine Gefühle auszusprechen, ohne doch einen Zug aus der Pfeife zu versäumen. – »Ja, Master Hodge, beten und plündern, – so machen sie es immer. Nun, erinnert Ihr Euch noch des alten Watson der unter dem Aufgebot von Massachusetts war, im Jahr 12? – des alten Tom Watson, der Unterlieutenant war unter Barnwell bei unserem Zuge gegen Tuscarora?«
Mein Großvater nickte bejahend mit dem Kopf, und dieß war die einzige Antwort, die ihm das Geschäft des Rauchens in diesem Augenblicke bequemer Weise zuließ, wenn man nicht eine Art von zustimmendem Brummen als eine Bekräftigung deuten wollte.
»Nun, er hat einen Sohn, der diese Affaire mitmacht; und der alte Tom, oder Oberst Watson, wie er sich jetzt gar gerne nennen hört, ist mit seinem Weib und zwei Töchtern hier, um den Fähndrich absegeln zu sehen. Ich ging hin um dem alten Cameraden einen Besuch zu machen; und ich traf ihn und die Mutter und die Schwestern Alle so geschäftig wie die Bienen, des jungen Tom’s Gepäck zum Abmarsch fertig zu machen. Vor meinen Augen lag seine ganze Equipirung, und die günstigste Gelegenheit, sie ganz mit Muße zu besichtigen.«
»Was Ihr auch nach all Eurem Vermögen thatet, sonst wäret Ihr nicht mehr der Jore Hight vom Jahr 10,« sagte mein Großvater, seiner Seits jetzt die Asche ausklopfend und wieder zur Tabacksbüchse greifend.
Der alte Hight dampfte und pustete jetzt wie ein Grobschmid, welcher das Eisen weißglühend zu machen sucht, und es dauerte einige Zeit, bis er die geeignete Antwort vorbrachte auf die halb behauptende halb fragende Bemerkung seines Freundes.
»Dessen dürft ihr gewiß seyn,« sprudelte er endlich hervor; und dann, als seine Pfeife recht brannte, erzählte er die ganze Geschichte, gelegentlich inne haltend, um eine Rauchwolke auszustoßen, um den errungenen Vortheil nicht zu verlieren. »Was sagt Ihr zu einem Halbdutzend Schnüre rother Zwiebeln, als Artikel unter der Ausrüstung eines Subalternoffiziers?«
Mein Großvater brummte wieder in einer Art, die wohl für ein Lachen gelten mochte:
»Und Ihr seyd gewiß, sie waren roth, Joey?« fragte er endlich.
