Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Erde von oben zu sehen war lange ein Traum. Inzwischen sind Satellitenbilder aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Für Meteorologie und Klimaforschung liefern sie wichtige Daten, im Militär spielen sie eine entscheidende Rolle, aber auch bei forensischen Untersuchungen arbeitet man oft mit ihnen, etwa um Menschenrechtsverbrechen aufzudecken. Was bedeutet es, wenn wir mit Programmen wie Google Earth dem Blick auf unser Leben eine neue Perspektive hinzufügen können, die lange nur den Göttern vorbehalten schien?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 68
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Von Sputnik bis Starlink: Satellitenbilder haben eine eigene Geschichte, sind unverzichtbares und politisch brisantes Instrument der Aufklärung. Der Klimaforschung liefern sie wichtige Daten, ebenso dem Militär oder forensischen Untersuchungen von Menschenrechtsverbrechen. Doch was zeigen diese Bilder überhaupt – und was verbergen sie?
Dank für Hinweise und Unterstützung an Anne Kunze, Antje Flüchter und dem Bielefelder Sonderforschungsbereich »Praktiken des Vergleichens«, Eva-Maria Gillich, Linus Guggenberger, Helga Lutz, Jussi Parikka, Simon Rothöhler, Wolfgang Ullrich, Claudia Vallentin, Sascha Venohr.
Daniel Eschkötter
SATELLITENBILDER
Forensik und Vorhersage
Verlag Klaus Wagenbach Berlin
DIGITALE BILDKULTUREN
Durch die Digitalisierung haben Bilder einen enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Dass sie sich einfacher und variabler denn je herstellen und so schnell wie nie verbreiten und teilen lassen, führt nicht nur zur vielbeschworenen »Bilderflut«, sondern verleiht Bildern auch zusätzliche Funktionen. Erstmals können sich Menschen mit Bildern genauso selbstverständlich austauschen wie mit gesprochener oder geschriebener Sprache. Der schon vor Jahren proklamierte »Iconic Turn« ist Realität geworden.
Die Reihe DIGITALE BILDKULTUREN widmet sich den wichtigsten neuen Formen und Verwendungsweisen von Bildern und ordnet sie kulturgeschichtlich ein. Selfies, Meme, Fake-Bilder oder Bildproteste haben Vorläufer in der analogen Welt. Doch konnten sie nur aus der Logik und Infrastruktur der digitalen Medien heraus entstehen. Nun geht es darum, Kriterien für den Umgang mit diesen Bildphänomenen zu finden und ästhetische, kulturelle sowie soziopolitische Zusammenhänge herzustellen.
Die Bände der Reihe werden ergänzt durch die Website www.digitale-bildkulturen.de. Dort wird weiterführendes und jeweils aktualisiertes Material zu den einzelnen Bildphänomenen gesammelt und ein Glossar zu den Schlüsselbegriffen der DIGITALEN BILDKULTUREN bereitgestellt.
Herausgegeben von
Annekathrin Kohout und Wolfgang Ullrich
Das Dämmern der Menschheit: der Schnitt von der Steinzeitwaffe zum Satelliten in Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey
»Das ist keine Erzählung / das ist nur ein Protokoll« Tocotronic, »Wie wir leben wollen«
1971. Lubang, eine philippinische Insel im Südchinesischen Meer. Der sogenannte Sputnik-Schock liegt schon 14 Jahre zurück. 1957 hatte die Sowjetunion den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen und damit das »Space Race« mit den USA eröffnet. Aber Leutnant Hirō Onoda, Nachrichtenoffizier der kaiserlichen japanischen Armee, hat das Ereignis, das den Planeten oder vielmehr das Bild von ihm transformiert hatte, genauso wenig registriert wie überhaupt die globale Neuordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Soldat hat von 1945 bis 1974, im Unwissen über die Kapitulation Japans, den Krieg als Guerillakämpfer im philippinischen Urwald einfach fortgesetzt. Er ist das Überbleibsel einer anderen Achse, ein letzter Kämpfer eines verlorenen Krieges und gleichzeitig ein entrückter Protokollant, der den Weltenlauf aus dem ableitet, was im Dschungel landet oder über ihm hinwegfliegt. So zumindest imaginiert sich Werner Herzog den Offizier in seinem Buch Das Dämmern der Welt. Als Onoda über Wochen ein Himmelsphänomen beobachtet, ein leuchtendes Objekt, das sich auf Nord-Süd-Bahnen in einem »regelmäßigen Umlauf« bewegt, findet er schließlich »eine technische und zugleich strategische Erklärung«: »›Ich bin mir sicher, dass es sich um einen von Menschen hergestellten Gegenstand handelt, der um vieles höher fliegt als ein Flugzeug. […] Dieses Objekt umkreist unseren Planeten.‹ […] ›Und der Zweck der Übung?‹, fragt [sein letzter Kombattant, Anm. D. E.] Kozuka. ›Krieg, natürlich Krieg‹, ist sich Onoda sicher. […] ›Es könnte eine Plattform für die Beobachtung der gesamten Erde sein, Segment für Segment‹.«1
Dass das vor allem auch in der deutschen Medientheorie bestens etablierte Diktum vom kriegerisch-militärischen Ursprung technologischer Innovationen2 hier die Weltwahrnehmung eines Mannes determiniert, der seit Jahrzehnten kein Außerhalb des Krieges mehr kennt, ist nur konsequent. Und dass in Werner Herzogs Fiktion auf die Satellitenentdeckung oder vielmehr -deduktion durch den Himmelsbeobachter Onoda eine »weitere, um vieles prosaischere Entdeckung« folgt – eine Begegnung mit (Porno-)Heftschnipselchen im Dschungel –, ist sicher die Ironie eines Popkulturskeptikers, der klarstellen muss, dass sich ein echter Pflichterfüllungsenthusiast mit Weit- und Fernblick wie Onoda eben nicht verführen lässt. Aber die im Urwald gefundenen Erotikbildchen verweisen ebenso auf den Lauf der medialen Dinge: Aus Kriegstechnologien werden solche der Unterhaltung, und den Wetter-, Spionage- und Aufklärungssatelliten wird das Satellitenfernsehen folgen, das später erotische und andere Bilder um die Welt schicken sollte.
In der Tat: das Dämmern einer neuen Welt, das diese paradigmatische Werner-Herzog-Figur hier erkennt. Das widerspenstige Individuum Onoda ist eben doch nur ein kleines Licht im Weltlauf, in der Weltgeschichte, die (auch von ihm unbemerkt) an ihm vorübergezogen ist. Wenn der von Onada entdeckte, unwahrscheinlich schnelle Satellit des Jahres 1971 (bei Herzog/Onoda benötigt er 70 Minuten für die Erdumrundung) real gewesen wäre – ob nun ein amerikanischer Corona oder schon ein KH-9 Hexagon-Satellit oder ein sowjetischer Zenit – und seine Sensoren auf Lubang ausgerichtet gewesen wären, dann wäre auf etwaigen Bildern vor allem Urwald zu sehen gewesen, Siedlungen, Küstenlinien. (# 1) Spuren von Onodas kleinen Lagern wären mit einer maximalen Bodenauflösung von etwa 70 x 70 cm pro Pixel nicht erkennbar gewesen. Und ohnehin wären alle Satellitenbilder für eine Aufklärungsmission immer viel zu spät gekommen, denn die Sensoren der Aufklärungs- oder Spionagesatelliten in der Onoda-Ära waren zumeist fotochemische, deren Filmmaterial erst per Kapsel zur Erde gelangen musste.3 Satellitenblicke, so zeigt es schon Herzogs Rückprojektion von unten, sind eben unerwiderbar, außer vielleicht später in Hollywood. Und Satelliten kolonisieren nicht nur den Orbit, sondern auch die Vorstellung: Das Bild der Welt ist ein anderes, seit es über außerweltliche Himmelsobjekte vermittelt wird.
# 1 Landschaft ohne Onoda: Lubang, Philippinen, 20.8.1972, Satellit: Landsat-1
Satelliten und ihre Bilder werden im folgenden Essay auf eine Umlaufbahn mit mehreren Stationen gebracht. Satellitenbilder werden vorgestellt als Bilder, die die Erde neu zu sehen erlauben. Es geht um den Einfluss, den der sowjetische Sputnik-Satellit auf den Wettlauf der Großmächte ins All, aber auch auf die Diskurse über den Planeten Erde und die Entstehung von ökologischem Denken und Bewusstsein hatte; um den Anteil von Satellitenbildern an der Digitalisierung des Planeten bis zum Zoom auf die eigenen Häuser mit Google Earth (Kapitel 1). Satellitenbilder werden diskutiert als Bilder, die es ermöglichen, Menschen zu überwachen und Menschenrechtsverbrechen zu untersuchen – von den Satellitenfantasien im populären Thrillerkino bis zur Nutzung von Satellitendaten in Recherchen von nichtstaatlichen Agenturen und Investigativjournalist:innen (Kapitel 2). Und es wird gezeigt, wie Satelliten helfen sollen, die Zukunft vorherzusagen, und sie zugleich mitprägen, ob über Daten, die in die Modelle der Klimaforschung eingehen, dadurch, dass sie den Analyst:innen der großen Investmentbanken einen Informationsvorsprung verschaffen, oder über die Möglichkeiten und Risiken, die mit der schieren Menge von neuen Satelliten im Orbit wie jenen der Starlink-Flotte von Elon Musks Unternehmen SpaceX verbunden sind (Kapitel 3).
Satelliten sind zentrale multifunktionale Akteure der vernetzten Gegenwart. Als Wetter-, Spionage-, Fernseh- oder überhaupt Telekommunikationssatelliten stiften sie soziale und kommunikative Verbindungen. Als Daten- und Bildmaschinen generieren sie darüber hinaus Diskurse. Sie dienen der Rekonstruktion und Präsentation vergangener (katastrophischer) Ereignisse genauso wie der Vorhersage, der Berechnung einer Zukunft, die aus dem Bild und den Daten der Gegenwart simuliert und modelliert wird. Das Satellitenbild ist mithin ein paradigmatisches ambivalentes digitales Bildobjekt in den heutigen medialen Ökosystemen: eines, das scheinbar alles zeigt und doch nichts erzählt; das Jetztzeit, Präsenz und Übersicht suggeriert, dabei aber eigentlich intransparent ist, technische Prozesse camoufliert, keinerlei Subjektivität zu besitzen scheint und still Arbeit an der Zukunft verrichtet.
Und so geht es in diesem Text eben nicht um die Renitenz oder den Radikalismus solcher Subjekte wie Hirō Onoda. Und auch nicht um die Position von gegenwärtigen (selbst für Werner Herzog) zentralen Fixsternen eines gründergeniefixierten Technikdiskurses wie Elon Musk. Sondern allenfalls um die Imaginationen, die sie anzapfen und bedienen, wenn sie sich Satelliten und ihrer Bilder bedienen. Und natürlich um die Effekte – technisch, sozial, epistemisch, popkulturell – der fernen künstlichen Himmelskörper; um die Bilder, die sich die Menschen von ihnen machen – und die sie von den Menschen machen, vor allem aber von dem Grund, auf dem sie stehen, von dem Planeten, auf dem sie leben.
Der kleine Erkenntnisschock, den Werner Herzogs Guerillakämpfer beim Anblick des beweglichen Himmelsobjektes erlebt, ist das Echo des großen, der mindestens die westliche Welt am 4. Oktober 1957 erschüttert haben soll. Ob Schock oder Krise, die elliptischen Erdumkreisungen und die dreiwöchige Piep-Transmission durch den sowjetischen Satelliten Sputnik 1 markierten nicht nur den Auftakt zu einem Wettlauf ins und Wettrüsten ums All, sondern auch eine »Revolution« im Denken – als solche jedenfalls fasste es der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan 17 Jahre später zusammen:
