Scary Old Sex - Arlene Heyman - E-Book

Scary Old Sex E-Book

Arlene Heyman

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Beschreibung

Eine Frau hat gewisse Routinen beim Sex mit ihrem zweiten Ehemann, teilt dabei aber das Bett mit den Geistern ihrer sexuellen Vergangenheit. Eine schöne, junge Studentin beginnt eine Affäre mit einem älteren verheirateten Mann und Künstler. Ein Sohn weiß nicht, was er mit der Leiche seines Vaters tun soll, den der Tod beim Sex mit seiner außerehelichen Affäre ereilt hat. Arlene Heymans literarisches Debüt über Sex, Beziehungen und Liebesgefühle in fortgeschrittenem Alter kennt keine Scham. Aber ihr Blick, so genau er auch sein mag, ist immer zutiefst menschlich und bisweilen sehr komisch. »Voller Sinnlichkeit schreibt Heyman über tabuisierte Begierde. Diese Geschichten sind alles andere als prüde und stellen unsere üblichen Vorstellungen vom Älterwerden auf den Kopf.« The Independent

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zum Buch

Eine Frau hat gewisse Routinen beim Sex mit ihrem zweiten Ehemann, teilt dabei aber das Bett mit den Geistern ihrer sexuellen Vergangenheit. Eine schöne, junge Studentin beginnt eine Affäre mit einem älteren verheirateten Mann und Künstler. Ein Sohn weiß nicht, was er mit der Leiche seines Vaters tun soll, den der Tod beim Sex mit seiner außerehelichen Affäre ereilt hat. Arlene Heymans literarisches Debüt über Sex, Beziehungen und Liebesgefühle in fortgeschrittenem Alter kennt keine Scham. Aber ihr Blick, so genau er auch sein mag, ist immer zutiefst menschlich und bisweilen sehr komisch.

»Diese Geschichten sind alles andere als prüde und stellen unsere üblichen Vorstellungen vom Älterwerden auf den Kopf.«

The Independent

Zur Autorin

ARLENE HEYMAN ist Psychiaterin und Psychoanalytikerin. Mit über 70 Jahren veröffentlichte sie ihr literarisches Debüt, den Erzählband SCARY OLD SEX. Sie lebt mit ihrem Ehemann in New York.

Arlene Heyman

Scary Old Sex

Deutsch vonCornelia Holfelder-von der Tann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel»Scary Old Sex«bei Bloomsbury Publishing.Alle Personen und Handlungen dieser Erzählungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.1. Auflage

Copyright © 2016 by Arlene Heyman

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: semper smile, München

nach einem Entwurf von David Mann für Bloomsbury

Covermotiv: © Shutterstock/SiAna

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-21093-9V001www.btb-verlag.de

www.facebook.com/btbverlag

Für Len und zum Gedenken an Shepard

Inhalt

Die Lieben ihres Lebens

Verliebt in Murray

Gin Rommé

Tanzen

Nächtlicher Anruf

Artefakt

Nichts Menschliches

Dank

Die Lieben ihres Lebens

»Hast du Lust, mit mir zu schlafen?«, rief Stu, als Marianne die Wohnung betrat. Sie ging zu seinem Arbeitszimmer. Es war Samstagnachmittag, und Stu saß noch immer in seinem lila Schlafanzug am Computer, mit einem Becher Kaffee vor sich auf dem vollen Schreibtisch. Unter der Lippe hatte er einen Klecks Mochaccino im Bart, und seine grauen Haare standen wie dünne Drähte um die große kahle Stelle herum. Er sah sie einen Moment scheu an, blickte dann wieder auf den Bildschirm. Sein Arbeitszimmer war ein kleiner Raum, der von der Diele abging; auf dem glanzversiegelten Parkett lagen überall unordentliche Stapel von Zeitungen und Zeitschriften, sie erkannte Dissent,MIT Technology Review, The Hightower Lowdown; außerdem standen da prall gefüllte Stofftragetaschen, eine weiße mit dem schwarzen Aufdruck SCHLEPPEN, eine knallblaue mit bunten Blumen über den Worten GREENPEACERAINBOWWARRIOR. Ungerahmte Kinder- und Enkelfotos lagen verstreut auf der marmornen Abdeckung des Heizkörpers.

Marianne kam gerade von einem anstrengenden Brunch mit ihrem Sohn Billy in einem Bistro an der Madison Avenue und hatte noch nicht mal den Mantel abgelegt. Da seine Frau sich gerade von ihm scheiden ließ, war Billy todunglücklich. Aus Sicht einer Ex-Sozialarbeiterin hielt Marianne ihre Schwiegertochter schon immer für eine Borderline-Persönlichkeit, rein menschlich gesehen für ein komplettes Aas. Und über die Scheidung hätte Marianne frohlockt, wenn Billy nicht so unglücklich gewesen wäre. Sie hatte ihn zu trösten versucht und gleichzeitig auf ihn eingewirkt, sich den unverschämten Forderungen seiner Frau nicht zu beugen: Lyria wollte die Wohnung und das Haus auf dem Land und die Hälfte von Billys Firma. »Bloß die Hälfte?«, hatte Marianne gefragt, aber Billy war taub für ihren Sarkasmus. Er kippte einen Grey Goose nach dem anderen, während die verlorenen Eier, die er bestellt hatte, zu harten gelben Augen wurden, und räusperte sich die ganze Zeit halb würgend, wie manchmal als Kind, wenn er verunsichert war; sie hatte diese Laute seit bestimmt fünfundzwanzig Jahren nicht mehr gehört. Einen Grey Goose hatte sie mitgetrunken, gegen die Gereiztheit, und da sie kaum je Alkohol trank, war sie immer noch beschwipst. Marianne wollte entweder ins Fitnessstudio, um es alles auszuschwitzen, oder zu einem Spontantermin bei ihrem Friseur, wo sie verwöhnt würde. Sie konnte es brauchen, ein bisschen verwöhnt zu werden.

Aber sie wusste, wie schwer es ihrem Mann fiel, den Wunsch nach Sex zu äußern, auch nach drei Ehefrauen noch. Marianne war seine vierte. Warum fiel es ihm so schwer? Das Äußerste, was Stu dazu einfiel, war »Angst vor Zurückweisung«. Das verstand sie nicht. Wenn man heute abblitzte, klappte es ja vielleicht morgen. Aber er scheute sich sogar, an der Mitnahmetheke im Chirping Chicken um ausschließlich dunkles Fleisch zu bitten, und wenn er irgendetwas kaufen musste, nahm er gleich das erste Exemplar, das ihm der Verkäufer oder die Verkäuferin zeigte. Seine Schüchternheit ärgerte sie. Er selbst hielt sich schlicht für einen unkomplizierten, netten Kerl. Kooperativ. Und viele Leute teilten seine Meinung.

Es gab noch andere Sachen, die sie an ihm ärgerten, zum Teil nur Kleinigkeiten. Zum Beispiel brachte er ihr nie Blumen mit, obwohl sie Blumen liebte. »Ich kaufe dir Druckerpatronen«, hatte er gesagt, »und USB-Sticks.«

Manches ärgerte sie aber auch gewaltig. Er verdiente nicht genug Geld, und was er verdiente, gab er immer irgendwelchen obskuren Organisationen, die sich für »soziale Gerechtigkeit« einsetzten, oder einem seiner zahlreichen erwachsenen Kinder, die ihn permanent anschnorrten – und die testamentarischen Haupterben seines bescheidenen Nachlasses waren.

Und er kleidete sich fürchterlich und erklärte sie für oberflächlich, wenn sie sich darüber beschwerte, wobei er ihr allerdings kürzlich erlaubt hatte, mit ihm shoppen zu gehen. Sie hatte Freude an schöner Kleidung. Groß und schlank, mit ausgeprägten Wangenknochen, mandelförmigen blauen Augen und spektakulär silbrig-weißem Haar, erregte Marianne Bewunderung. Sie modelte ein bisschen für Eileen Fisher, eine der wenigen Designer-Marken, in deren Werbung gelegentlich ältere Frauen vorkamen. Sie war stolz darauf, eindeutig die bestaussehende seiner Ehefrauen zu sein. Er liebte sie, das wusste sie, auch wegen ihres Aussehens, darum war es nicht fair, ihr vorzuwerfen, dass ihr nicht egal war, wie er aussah.

Und hätte er nicht ein bisschen Verführung ins Spiel bringen können, statt einfach nur zu fragen, ob sie mit ihm schlafen wolle, als ginge es um eine Partie Tennis?

Trotz alledem, oder vielleicht auch deswegen, versuchte sie, ihn nie zurückzuweisen, wenn er fragte. Sex stimmte sie ihm gegenüber weicher. Und Sex holte ihn von seinem Computer weg und ließ ihn Kontakt zu einem anderen menschlichen Wesen aufnehmen – nämlich zu ihr. Sie bemühte sich, mindestens einmal die Woche mit ihm zu schlafen.

Das klang nicht gerade üppig. Mit ihrem ersten Mann, der jünger als sie gewesen und vor elf Jahren gestorben war, hatte sie drei-, viermal die Woche geschlafen, aber jetzt, da sie fünfundsechzig war und Stu siebzig, war es mit der Spontaneität schwierig. Sie litt unter Säurereflux und musste deshalb nach jeder Mahlzeit zwei, drei Stunden in aufrechter Position bleiben, wenn sie kein schmerzhaftes Brennen im Brustkorb haben wollte. Und sie musste sich zweimal die Woche Vagifem, niedrig dosierte Östrogen-Vaginaltabletten, in die Scheide einführen, damit die Schleimhaut nicht zu dünn wurde. Er nahm eine halbe Stunde vor dem Sex Viagra, und weil er dazu neigte, zu früh zu kommen, wenn sie nicht oft Sex hatten, und einmal die Woche war nicht oft, nahm er auch noch eine Dosis Clomipramin, ein Antidepressivum, das als Nebenwirkung die Ejakulation verzögerte. Von dem Viagra hatte er den ganzen restlichen Tag das Gefühl, dass sein Gesicht glühte, und das Clomipramin benebelte ihn. Deshalb schliefen sie gewöhnlich gegen Abend miteinander, wenn nicht erst nachts.

Er kam nicht im üblichen Sinn zu früh, er kam nie, bevor sie ihren Orgasmus gehabt hatte. Aber ihr bereitete der Geschlechtsverkehr das größte Vergnügen, nachdem sie gekommen war, seltsam vielleicht, aber so war sie nun mal. Sie dachte sehr ungern daran zurück, wie Sex in ihren Zwanzigern für sie gewesen war, als sie sich selbst noch nicht akzeptiert hatte und als einem noch vermittelt wurde, man wäre keine richtige Frau, wenn man keinen vaginalen Orgasmus hatte, sprich: Hände verboten. All das Hecheln und Stöhnen und die Kiekser und Schreie vorgetäuschter orgasmischer Wonne! Und das war die Zeit des feministischen Aufbruchs gewesen! Von einer Nachbarin, einer Highschool-Lehrerin, hatte sie gehört, dass auch jetzt noch Mittelstufenmädchen Oberstufenjungen einen bliesen, ohne irgendetwas dafür zurückzubekommen.

Auch wenn Stu noch weitermachen wollte, nachdem sie ihren Orgasmus gehabt hatte, war es in der Praxis schwierig. Wenn er noch weiter in sie stieß und sie sagte »Gott, ist das schön«, kam er sofort. Wenn sie nichts sagte und nur verzückt wirkte, kam er ebenfalls. Also unterdrückte sie jetzt ironischerweise jeden Laut und schwindelte ihm oft vor, dass sie noch nicht gekommen war, damit er weitermachte. Und wenn klar war, dass sie mit ihm schlafen wollte, masturbierte er zehn Stunden vorher, denn dann konnte er definitiv länger. Kurzum, Liebe zu machen war für sie beide wie Krieg zu führen: Es bedurfte genauer Planung, das Gerät hatte tipptopp in Schuss zu sein, Truppen mussten in Stellung gebracht und minutiös koordiniert werden; da war kein Platz für unorthodoxe Aktionen, wenn nicht am Ende das Land am Boden liegen und sich selbst zerfleischen sollte …

Also rief sie jetzt: »Ja, Liebling, das wäre schön.« Sie entnahm ihrer Handtasche die Karteikarte, auf der sie notierte, wann sie den letzten Bissen einer Mahlzeit zu sich genommen hatte, sah auf die Uhr und stellte ihre Reflux-Berechnung an. »Gib mir bitte noch eine Dreiviertelstunde.« Sie hängte ihren Mantel auf und lehnte sich, der Nachwirkungen des Alkohols wegen, an die Wand, während sie zusah, wie er aus seinem Arbeitszimmer zum Medizinschränkchen im Bad eilte, um seine Pillen zu nehmen. Er kam zu ihr in die Diele und drückte sie kurz. Dann kehrte er zu seinem Computer zurück, um zu arbeiten, bis die Medikamente wirkten.

»Heute betont schnörkellos, hm?«, rief sie ihm hinterher, enttäuscht, dass er sich wieder an die Arbeit gemacht hatte. Sie hätten doch über Billys Situation reden können oder über sonst irgendetwas.

»Der Server in New Jersey ist zusammengebrochen, und ich habe Hunderte Beschwerde-Mails.« Sein Blick klebte am Bildschirm.

Sie ging durch den langen Flur in ihr schwarz-weißes Eheschlafzimmer, zog sich aus und schlüpfte in einen bequemen Baumwollmorgenrock. Ein paar Kissen zwischen ihrem Rücken und der Wand, setzte sie sich im Lotossitz auf den Kelim und versuchte zu meditieren. Das psychische Elend ihres Sohns schob sich immer wieder dazwischen; sie hatte Visionen, wie sie Lyria ohrfeigte, bis deren Gesicht genauso feuerrot war wie ihr langes Haar. Lyria, die nicht arbeitete, aber auch nicht kochte oder putzte, die Gesangsstunden nahm, aber nie sang, wenn irgendjemand in der Nähe war. Eine verstockte, mürrische Diva. Sie schmollte entweder oder ließ plötzlich eine Tirade gegen Billy vom Stapel, egal, wer mithörte. Ihre Wohnung, wo überall Partituren herumlagen und es nach Katzenpisse roch – sie hatte ein halbes Dutzend Perserkatzen, um die sie sich nicht kümmerte, weshalb alles voller Haare war –, konnte man nur als unbewohnbar bezeichnen. Marianne und ihr erster Mann und dann Marianne allein hatten Lyria jahrelang Therapien bezahlt, ohne dass auch nur ein Dankeschön zurückkam. Oder irgendein Zeichen der Besserung. Und doch liebte Billy diese Frau. Obwohl Marianne ihr Mantra immer und immer wieder vor sich hinsprach, konnte sie die hohe, dünne Stimme ihrer Schwiegertochter nicht ausblenden. Schließlich gab sie es auf. Sie duschte, zog ein seidig glänzendes, weich fallendes himmelblaues Nachthemd an und spülte sich den Mund mit einer Pfefferminz-Mundspülung, um den Wodkageschmack zu vertreiben.

Früher hatten sie und Stu sich zum Aufwärmen vor dem Sex oft Pornofilme angesehen, aber nur bis zu dem Artikel von Gloria Steinem über Linda Lovelace und wie sie von ihrem Mann Chuck Traynor geschlagen und buchstäblich versklavt worden war; nachdem ihm Lovelace entkommen war, hatte dieser Kerl Marilyn Chambers geheiratet und genauso behandelt. Im Wissen darum konnte man sich Deep Throat oder Hinter der grünen Tür nicht ansehen, es wäre schlimmer gewesen, als einen Streik zu brechen. Also griff sie seither auf ihre eigenen vielfältigen Fantasien zurück. Sie hatte ihn gefragt, ob er beim Sex Fantasien habe, und er hatte verneint, er denke dabei nur an sie. Er hatte umgekehrt nicht gefragt. War das ein weniger befreiter Teil ihres Ehelebens? Dass sie einander nichts über ihre Fantasien erzählten? Er behauptete, auch keine Masturbationsfantasien zu haben. Das Einzige, was er hatte, war ein Video über »athletischen Sex« auf seinem Computer: Er machte alles am Computer.

Jetzt kroch sie unter die strahlend weiße Bettdecke und platzierte die Kosmetiktücher und die Tube K-Y-Gleitgel in Griffweite.

Sie sagte manchmal im Scherz, dass es Leuten über vierzig verboten sein sollte, bei Tag Sex zu haben. Und da stand er, jede Falte so deutlich sichtbar, als wäre er einem Bild von Lucian Freud entsprungen. Schlaffe Haut am Oberkörper, hängende Brüstchen und hier und da kleine rötliche Hautmale. Sein Schamhaar war farblos und spärlich, und obwohl er ein Bär von einem Mann war, hatte er den kleinsten Penis, den sie je gesehen hatte. Sein Penis sah aus wie ein kleiner runder Hals mit einem augenlosen Gesicht, das nur mit Mühe über den Hodensack hinweglugte. Manchmal, wenn sie wütend auf ihn war, wollte sie ihm das sagen, es hinausschreien, aber wenn sie das täte, würde er wahrscheinlich nie wieder eine Erektion bekommen, und in erigiertem Zustand war sein Penis groß genug, um seine Aufgabe zu erfüllen, jedenfalls wenn sie nicht Astroglide oder eins dieser dünnflüssigen Gleitmittel benutzten. Dann spürte sie ihn nicht. Aber das dicke K-Y-Gel sorgte für einen gewissen Bewegungskontakt, und dann machte er seine Sache gut.

Wie sie aussah, fand sie auch nicht mehr so toll. Busen und Taille waren gar nicht übel, vielleicht sogar ganz okay, wenn man davon absah, dass die Brüste sich inzwischen offenbar zur Taille hingezogen fühlten. Aber am Rumpf waren da und dort winzige, erhabene rote Punkte aufgetaucht – sie erinnerte sich, dass ihr Vater die im Alter auch gehabt hatte. Ihr Hintern und ihre Hüften waren mager, die Oberschenkel ein bisschen schlaff. Und obwohl ihr Schamhaar immer noch braunblond war, schimmerte die Haut durch. Wo war der dichte Haarbusch von einst geblieben?

Er schlüpfte zu ihr. Es war Winter, und vielleicht würde sich das Ganze ja gnädigerweise unter der Decke abspielen. Obwohl sie, wenn sie erst einmal bei der Sache war, hundertprozentig dabei war und außerdem die Augen geschlossen und ihr kritisches Denken abgeschaltet ließ, jedenfalls die meiste Zeit.

Sie schmiegte sich in Löffelchenstellung an ihn, den Rücken an seiner Brust und den Po an seinem Penis. Sie fühlte, wie er steif wurde. Er wollte sie zu sich umdrehen. Sie sträubte sich kurz, gab dann aber nach. »Rede mit mir«, sagte sie. »Erzähl mir was Intimes.«

Er lachte. »Du zuerst.«

Sie sagte: »Ich habe Angst, dass ich sterbe, ohne noch einen Film gedreht zu haben, auf den ich stolz bin.« Nach Jahren als Sozialarbeiterin war sie so mutig oder so dumm gewesen, eine Ausbildung zur Dokumentarfilmerin zu machen. Aber sie hatte Probleme, Geld für Projekte aufzutreiben; ihre beiden besten Filme hatte ihr erster Mann finanziert, und seit seinem Tod hatte sie hauptsächlich Werbespots gedreht.

Stu sagte: »Ich habe drei Assistenzprofessoren, die jetzt für eine Lebenszeitprofessur infrage kommen, und muss ihre sämtlichen Veröffentlichungen lesen. Und schiebe es immer wieder raus.«

»Das ist nichts Intimes. Das würdest du jedem erzählen. Erzähl mir was, was du nur mir erzählen kannst, deiner Frau.«

»Du willst, dass ich dir irgendwas erzähle, was mich quält. Mich quält aber nichts. Ich bin ein zufriedener Mensch. Ich liebe meine Arbeit.« Er hielt einen Moment inne. »Und ich liebe meine Frau.«

Sie küsste ihn heftig.

Er begann, ihre Nippel zu reiben.

»Nicht so, Schatz. Nicht so mechanisch. Zieh dran. Beiß mich ein bisschen. Sei wirklich bei dem, was du tust.«

Er gehorchte. Sie legte sich auf den Rücken und fühlte schon nach Kurzem, wie sich die Empfindungen regten, tief in ihrer Scheide. Nein, noch tiefer drinnen. Was lag dort, hinter der Scheide? Der Gebärmutterhals, die Gebärmutter – ihr erster Mann, der Arzt war, hatte ihr Diagramme gezeichnet, an die sie sich vage erinnerte. Die Möse und Umgebung.

Zu früh sagte er: »Soll ich dich jetzt lecken?«

»Noch nicht. Mach weiter so.«

»Ich kann beides gleichzeitig.«

»Immer Multitasking, was?«

Er grinste, nahm ein Kopfkissen, legte es vors Bett und kniete sich darauf. Sie rutschte mit dem Po bis an die Bettkante und spreizte die Beine weit. Sie fuhr ihm mit den Händen durchs immer noch abstehende Haar. Er musste dringend zum Friseur, Haare schneiden und Bart trimmen. Beides war oft dringend nötig, manchmal ließ er weiße Stoppeln auf seinen Wangen und am Hals tagelang wachsen; er bemerkte es einfach nicht. Offenbar bemerkte es auch sonst niemand, jedenfalls sprach ihn niemand darauf an, aber ihr ästhetisches Empfinden störte es. Und im Bett kratzte er sie im Gesicht und gelegentlich an den Innenseiten der Oberschenkel. Manchmal rasierte sie ihn selbst, aber ihm auch noch die Haare zu schneiden, dazu hatte sie keine Lust. Jetzt öffnete er die Tube K-Y, schmierte etwas Gel auf ihre Nippel und zog dann an ihnen, während er mit der Zunge über ihre Klitoris fuhr. Sie merkte plötzlich, dass sie an ihre Enkelin dachte, Jeanine mit den rotblonden Haaren, vier Jahre alt, die sich einmal Beine und Gesicht mit orangeroter Fingerfarbe vollgeschmiert und dabei verzückt gelacht hatte. Sie hatte auch Grandma bemalt, und zusammen hatten sie dann im Elternbadezimmer ein Schaumbad genommen. Würde es schwieriger werden, ihre Enkelin zu sehen, wenn ihr Sohn geschieden war? Nicht, wenn den beiden das gemeinsame Sorgerecht zugesprochen wurde oder Billy wenigstens ein anständiges Besuchsrecht erhielt: Dann würde er vielleicht sogar öfter mit Jeanine zu ihnen kommen, denn was sollte ein Single-Mann allein mit einem kleinen Kind anfangen? Na ja, es war wahrscheinlich unemanzipiert, so zu denken, es gab ja inzwischen viele Männer, die dabei halfen, ihre Kinder großzuziehen. Ihr verstorbener Mann David war, obgleich ein vielbeschäftigter orthopädischer Chirurg, richtig gut mit Billy gewesen, hatte sogar dessen zerrissene Hosen geflickt. Wie witzig und verspielt war David gewesen! Einmal hatte er ihr im Bett Blümchen auf den Po gemalt, und ein andermal hatte er einen Mann gebastelt, mit einem Sicherungskasten als Oberkörper und einem Pappmaché-Gesicht, hatte dem Ding einen Schlafanzug angezogen und es unter die Bettdecke gepackt, und da hatte es sie dann erwartet, als sie gekommen war, um mit ihrem Mann zu schlafen. Nein, sagte sie sich, sie durfte jetzt nicht an David denken, es würde sie nur traurig machen, und sie würde sich fragen, warum sie jetzt mit Stu zusammen sein musste statt mit ihm. Warum hatte David mit zweiundfünfzig an einem Herzinfarkt sterben müssen? Der schlanke, schmalgliedrige David, der sechs Marathons gelaufen war, die helle Haut von Sonnenlotion glänzend, das üppige schwarze Haar vom Schweiß an der Kopfhaut klebend. Sie sah ihn jetzt noch vor sich, in seiner charakteristischen Laufkleidung, rote Shorts und schwarzes T-Shirt, wie er sich, praktisch ohne sein Tempo zu verlangsamen, den Pappbecher mit Wasser griff, den ihm jemand hinhielt.

Der Tod war aus heiterem Himmel gekommen. Wie es zu den Ritualen zwischen Vätern und erwachsenen Söhnen gehört, spielten sie Schlagball, David und Billy – Billy, der die gleiche helle, sonnenbrandgefährdete Haut und die gleichen scharfsichtigen braunen Augen hatte. David rannte auf seine mühelose, lockere, fast schon übermütige Art einem langen Ball hinterher, sprang hoch, erwischte den Ball mit dem Handschuh, hielt ihn, hielt ihn – und brach zusammen. Sie hatte dabeigesessen und zugeschaut und zuerst geglaubt, er mache Faxen, sie war sogar aufgestanden und hatte geklatscht. Marianne wusste, wenn sie ihre Gedanken weiter in diese Richtung wandern ließ, würde sie nie zum Orgasmus kommen, und das war unfair Stu gegenüber, der sich immer weiter mit der Zunge abrackerte. Sie beugte sich, gegen Tränen anblinzelnd, vor, küsste ihn auf den Kopf, kitzelte ihn mit der Zunge im Ohr und massierte ihm dann ein Weilchen den Nacken. »Möchtest du in mich reinkommen, Schatz?«

Er nickte, leckte sie aber weiter. Sie fasste ihn unter den Achseln, versuchte ihn hochzuziehen und sagte: »Es genügt, Schatz. Ich will nicht, dass du dir wehtust.« Er hatte Arthritis im Bereich der Halswirbelsäule, und einmal hatte er, während er sie leckte, eine Muskelverkrampfung bekommen und war einen Monat außer Gefecht gewesen – sie hatte ihn vorn und hinten bedient und ihm mehrmals einen geblasen und trotzdem Schuldgefühle gehabt.

Er kam jetzt zu ihr ins Bett und fuhr ihr mit der Zunge über die Hand.

»Hast du ein Haar im Mund?«, fragte sie.

»Ja, aber ich werd’s einfach runterschlucken.«

»Brauchst du nicht. Geh und spül dir den Mund aus, Schatz. Ich kann warten.«

Doch er schüttelte den Kopf.

Sie nahm die Tube K-Y, drückte sich etwas Gel auf die Finger und schmierte seinen Penis damit ein, wobei sie ihn rieb, um die Erektion zu verstärken. Er drang langsam in sie ein, und sie gab etwas Gel auf ihren Zeigefinger und begann, ihre Klitoris zu reiben, während er sich in ihr vor- und zurückbewegte. Er war über ihr, auf die Hände gestützt, und sie blickte auf seinen struppigen Bart und die unebene, ein wenig schlaffe Haut seines gütigen Gesichts. Sie hatte das Gütige an ihm sehr geschätzt, dachte sie und erinnerte sich an ihr erstes Date, bei dem er sie in ein marokkanisches Restaurant eingeladen hatte, wo die Tischtücher rosa und hellgrün waren, bestickt mit Spiegelpailletten. Hatte sie überhaupt etwas zu sich genommen? Über weite Strecken des Essens hatte sie um ihren Mann geweint, der ein Jahr zuvor gestorben war, hatte diesem Fremden erzählt, sie habe Angst, ihren siebenundzwanzigjährigen Sohn emotional auszusaugen, weil sie ihn manchmal zwei, drei Mal täglich anrufe, um seine kratzig-kantige Stimme zu hören, die der seines Vaters so ähnlich sei. Und er habe auch die langen schmalen Finger seines Vaters, sie habe ein kurzes Video darüber gemacht, wie sich die Hände ihres Sohnes bewegten. Billy habe während des Drehs gewitzelt, der Film werde wohl kein breites Publikum finden. Und sie hatte beklagt, dass sie und ihr Mann nicht noch mehr Kinder bekommen hätten. Eine Tochter. Und Stu hatte zugehört, genickt, ihren Arm getätschelt und ihr ein Päckchen Papiertaschentücher gereicht, das er immer bei sich hatte, weil seine Nase oft verstopft war.

Stu war ihr ein bisschen – ach, mehr als nur ein bisschen – wie ein Held erschienen. Schon seine schiere Körpergröße in dem winzigen Restaurant. Die großen, rechteckigen Hände. Die hatten durchaus ihren Reiz gehabt. Hatten sie immer noch. Und einiges, was er in früheren Jahren getan hatte, beeindruckte sie, auch wenn sie es ihm aus der Nase hatte ziehen müssen. Software erfunden, Panzerschilde im Grunde, die Computernetzwerke vor Angriffen schützten – er hatte die Verkehrsampeln gerettet, man stelle sich New York ohne Verkehrsampeln vor! Und einmal war er sogar im Polizeihauptquartier gewesen, um die Polizei vor einem Hacker zu retten, obwohl er ein widersprüchliches Verhältnis zur Polizei hatte.

Sie schloss jetzt die Augen, umspielte Stus Zunge mit ihrer, spreizte die Beine weit, rieb sich mit der einen Hand selbst und liebkoste mit der anderen seinen Nacken, stellte sich vor, sie sei ein dummes kleines Mädchen, zwölf vielleicht, das zum Putzen in ein Haus kam, wo lauter alte Männer waren, und einer von ihnen erklärte ihr, dass sie viel bessere Schulnoten bekommen werde, wenn sie Samenflüssigkeit aus ihnen heraussauge, denn aus Samenflüssigkeit erwachse Intelligenz, und durch je mehr Körperöffnungen sie die Samenflüssigkeit aufnehme, desto gescheiter werde sie werden. Und ein Mann zog sie aus und begann, ihre kleine Klitoris zu reiben, und ein anderer steckte ihr seinen alten grauen Penis in den Mund, und sie saugte und saugte begierig, bis etwas Samenflüssigkeit herauskam, und bettelte dann um mehr und saugte am Penis eines anderen alten Mannes. Ihr Job war es zu putzen, und sie ließen sie in einer Dienstmädchenuniform und ohne Höschen an die Arbeit gehen, damit jeder von ihnen, der wollte, ihre Klitoris massieren konnte, und dann bettelte sie darum, seinen Penis in den Mund nehmen zu dürfen. Von einer Verbesserung ihrer Schulnoten merkte sie zwar nichts, aber sie sagte sich, dass sie ja auch gerade erst mit der Saugerei angefangen hatte, und es gab schließlich noch ihre anderen Körperöffnungen, und sie fragte sich, ob die Ohren wohl auch dazuzählten.

Stu bewegte sich weiter in ihr. Marianne knabberte an seinem Hals und seinen Ohren. Sie gab noch etwas K-Y-Gel auf ihren Zeigefinger und stellte sich vor, sie sei eine Frau von Mitte zwanzig, mit rasiertem Kopf und rasierter Scham, sie liege nackt in einem Hauseingang, und eine Frau reibe ihre Klitoris, während eine zweite an ihren Nippeln zog. Im Haus fand eine Party statt, und jeder Mann, der zu der Party wollte, musste über sie hinwegsteigen. Er durfte mit ihr machen, was er wollte, solange er ihr nicht wehtat. Die Frauen hielten sie in einem konstanten Erregungszustand. Wenn ein Fremder hereinkam, drang er vielleicht beiläufig in sie ein, während er mit einer der Frauen plauderte. Oder er unterhielt sich mit seinem Begleiter, und dann drangen vielleicht beide in Marianne ein, der eine in ihren Mund, der andere von hinten. Und einer kam vielleicht auf Mariannes Bauch und verrieb sein Sperma auf ihren Brüsten.

Marianne rieb weiter ihre Klitoris, ihr Mann stieß weiter in sie, und sie fühlte, dass es gleich so weit war. Gleich. Sie drückte noch mal Gel auf ihren Zeigefinger und stellte sich vor, sie sei eine Frau von Mitte dreißig, die auf einer Bühne Sex mit einem jüngeren Mann hatte, während ein Publikum, bestehend aus japanischen Geschäftsleuten, Fotos machte, wobei der eine oder andere auf die Bühne kletterte, um besser draufhalten zu können. Ab und zu fragte der Mann, der sie fickte, ob jemand aus dem Publikum seinen Part übernehmen wolle. Mehrere Männer stürmten auf die Bühne. Bald bildete sich eine Schlange bis hinaus vor die Tür.

Im Bett spreizte Marianne die Beine bis zum Anschlag, als ob jemand sie mit Gewalt auseinanderdrücke, und flüsterte Stu eindringlich zu: »Stopp jetzt! Stopp!« Ihr Orgasmus setzte ein, kleine Kontraktionswellen durchliefen sie, und sie würde sie nicht richtig fühlen, wenn Stu sich bewegte. Sie rieb sich weiter, was die Kontraktionen intensivierte, und als sie schließlich verebbten, schlang sie die Arme um Stu und küsste ihn tief. Kurz darauf sagte sie: »Jetzt.« Und er bewegte sich wieder, zuerst sachte, dann heftig. Sie gab sich alle Mühe, nicht so auszusehen, als bereitete es ihr Lust – sie runzelte die Stirn. Sie wollte sagen: »Zieh ihn raus, wenn du merkst, dass du gleich kommst«, traute sich aber nicht, irgendwas zu sagen.

Sie ließ die Augen geschlossen, und er fragte: »Kann ich jetzt kommen?« »Nein!«, brüllte sie ihn fast an. Er hielt still, und sie warteten. Dann fing er wieder an, sich zu bewegen. »Sag’s mir, wenn ich kommen kann.« »Noch nicht.« Er atmete schneller, heftiger. »Ich komme«, sagte er verzweifelt, und nach ein paar schnellen Stößen sackte er auf ihr zusammen.

Sie hatte mehr gewollt und war enttäuscht, fühlte sich ein bisschen leer. Aber sie küsste ihn aufs Gesicht, und er schlüpfte aus ihr heraus und legte Kosmetiktücher um seinen Penis und zwischen ihre Beine, und sie stieg aus dem Bett, humpelte, die Kosmetiktücher festhaltend, ins Bad, ließ die Tüchlein ins Klo fallen und pinkelte. Sie wusch sich Hände und Brüste, wusch sich zwischen den Beinen und kehrte ins Bett zurück. Er lag nackt da, Kosmetiktücher um seinen schlaffen Penis. Sie küsste ihn und schmiegte sich in Löffelchenstellung an ihn. Sie erwog, ihn zu fragen: »Warum konntest du nicht noch ein bisschen warten?« Aber er schnarchte schon, und das war auch gut so. Sie hatte sich ein paarmal darüber beschwert, dass er nicht länger durchgehalten hatte, aber sie fragte nie, warum er nicht so lange konnte, wie David gekonnt hatte, oder warum er nicht mal halb so viel Geld verdiente, wie David verdient hatte. Sie hatte ihn einmal gefragt, warum er nicht hin und wieder mit ihr in einen Avantgardefilm gehen und warum er, wenn er ausnahmsweise mal in ihren Arts Club mitkam – sie war die Vorsitzende des Film-Komitees –, nicht Anzug und Krawatte tragen konnte. Und er hatte sie angebrüllt: »Ich halte überall Vorträge, und man bringt mir Respekt und Wertschätzung entgegen. Nur zu Hause putzt man mich runter.«

Danach hatte er, nicht zum ersten Mal, auf dem Wohnzimmersofa geschlafen, und mitten in der Nacht war sie zu ihm gegangen, hatte sich entschuldigt und die ganze beleidigte Masse Mann in ihr Ehebett geschleppt. Sie hatte versucht, ihn zum Sex zu animieren, aber er wollte nicht. »Ich bin nicht in Liebesstimmung.«

»Ich bringe dich in Liebesstimmung.«

Aber er wollte nicht.

Beim Ausmisten ihres Kellerabteils stieß sie auf Kartons mit Steuerunterlagen, die David aufgehoben hatte. Stu sagte, die könnten alle weg, weil sie schon über zehn Jahre alt seien, aber sie konnte nichts wegwerfen, was mit ihrem verstorbenen Mann zu tun hatte, ohne es vorher noch mal durchgesehen zu haben, selbst die Scheckbelege (sie erinnerten sie daran, wo sie gewesen waren und was sie gemacht hatten). Also deckte sie den Orientteppich in der Diele mit einer Plane ab, und Stu half ihr, die staubigen Kartons nach oben zu schleppen. Auf manchen lag abgebröckelter Verputz. Sie saugte die Kartons ab.

Sie fand Einkommenssteuererklärungen, aus denen hervorging, dass ihr Mann in manchen Jahren eine halbe Million Dollar verdient hatte und in anderen eine ganze, und damals war das Geld noch mehr wert gewesen. Sie fand Flugtickets und gestempelte Dokumente, die belegten, dass er an Chirurgenkongressen teilgenommen hatte, wodurch sie ihre Familienreisen von der Steuer absetzen konnten. Sie fand Zeitschriften, in denen er Aufsätze veröffentlich hatte – er war Spezialist für die Behebung von Labrumläsionen gewesen, Verletzungen der Hüftgelenklippe, die sich Sportler oft zuzogen. Ja, er hatte das Verfahren sogar selbst entwickelt. Andere Chirurgen entfernten das beschädigte Labrum einfach, aber es zu nähen beugte offenbar einer späteren Arthrose vor, jedenfalls hatten das Tierversuche ergeben. Humandaten lagen erst jetzt, Jahrzehnte später, allmählich vor, und ein Kollege von David hatte ihr erzählt, dass diese Daten ihrem Mann recht zu geben schienen. David hätte sich gefreut.

Sie fand Quittungen aus diversen Restaurants in Venedig, in denen sie gegessen hatten: Locanda Cipriani, Ristorante Crepizza, Il Cenacolo, Trattoria da Bepi. Sie erinnerte sich, wie sie alle drei in Murano einem Glasbläser bei der Arbeit zugeschaut hatten. Aus einem der tosenden rotglühenden Schmelzöfen hatte der magere, aknenarbige Bursche ein langes Rohr gezogen, an dessen einem Ende ein Klumpen von rötlichgelbem, geschmolzenem Glas saß. Er blies in das Rohr, und der Glasklumpen dehnte sich aus und wurde länglich, und Billy, damals sieben, sah gebannt zu; er schwankte ein bisschen in dem heißen, lauten Raum und drückte und knetete seine Hände. Marianne fragte ihn, ob er aufs Klo müsse, aber der Junge schüttelte den Kopf, ohne den Blick von dem sich verformenden Glas zu wenden. David hievte Billy auf seine Schultern, wo er fasziniert verfolgte, wie der Glasbläser das Glas in dunkelgrünem Pulver wälzte und wieder in den Ofen schob, es dann erneut aufblies und mit einer Art Riesenpinzette formte – wundersamerweise zu einem Mann am Klavier, alles ganz klein, aber man erkannte die Finger des Pianisten und die Klaviertasten. Billy hüpfte vor Entzücken auf Davids Schultern und bettelte, noch eine Vorführung sehen zu dürfen. Danach bestellten sie ein ganzes Orchester von diesen kleinen Grünglasfigürchen für Billy, der in der Schule Trompete spielen lernte. Inzwischen hatte Billy einen Buchladen, und die Figürchen standen auf einem Tisch in der Musikbücher-Abteilung. Es war erstaunlich, dass das Orchester Billys Kindheit heil überstanden hatte. Aber Billy war ja ein achtsamer, umsichtiger Junge gewesen. Warum nur hatte er eine so rabiate, chaotische Frau geheiratet?

Sie erinnerte sich an einen Laden am Canal Rio Terrà, nicht weit vom Campo Santa Margherita, wo es selbst hergestellte Masken gab. Sie hatten für David den Pestarzt gekauft, ein schwarz-weißes Pappmaché-Gesicht mit einer Brille mit kleinen runden Gläsern und einem riesigen Krummschnabel. (Antisemitisch? Nein, im Mittelalter trugen Pestärzte solche Masken, deren Schnabel mit Kräutern und Stroh ausgestopft war, als Schutz vor dem »Pesthauch«.) Sie schüttelte über der Plane den Staub von der Maske.

Hatte vor nichts geschützt, das Ding.

Vor gar nichts.

Sie erinnerte sich, wie sie nach Davids plötzlichem Tod ins Krankenhaus gegangen war, um sein Büro dort auszuräumen. Sie hatte auf der Straße geweint und kurz die Maske aufgesetzt, um ihre Tränen zu verbergen. Ein kleiner weißer Junge an der Hand einer älteren schwarzen Frau hatte auf Marianne gezeigt und sich gereckt und die Maske anfassen wollen; »Süßes oder Saures« hatte er gerufen, obwohl April war.

Sie wollte David berühren, nicht den verwesten David, der in dieser Kiste lag, den hatten die Bakterien wahrscheinlich schon bis auf die Knochen gefressen. Vielleicht waren ja selbst die Knochen, diese feinen Knochen, inzwischen zerfallen.

Sie berührte eine Hotelrechnung aus Spanien, Toledo. Die Rechnung war fast sieben Jahre früher datiert als die Quittungen aus Venedig – zu der Zeit war sie mit Billy schwanger gewesen. An einem klaren Nachmittag in der Osterzeit fuhren sie in einem Mietwagen nach Toledo. Von fern sah sie die terrassenförmige Altstadt mit der steingrauen Mauer und dem Fluss Tajo, der den Hügel umfloss. Toledo sah so sehr wie ein Gemälde von El Greco aus, dass sie schon fast damit rechnete, lang gezogene Gestalten mit Gewändern in glühenden Farben auf den Straßen herumlaufen zu sehen. Sie hatte gelesen, dass der Maler Aufträge verloren hatte, weil er so arrogant und prahlerisch war. Nicht dass sie sich mit El Greco vergleichen wollte, aber sie war als Filmemacherin von Geldgebern abgewiesen worden, weil sie ihr Licht unter den Scheffel gestellt hatte. Sie hatte immer schon Selbstzweifel gehabt.

Den ganzen Tag läuteten Kirchenglocken in verschiedenen Tonhöhen und Klangfarben. An den alten Hausmauern klebten Heiligenbilder, und über den Gassen hingen rot-weiße Wimpelketten. Die halbe Stadt schien aus Touristenläden zu bestehen. Als es dämmrig wurde, schlossen sie und David sich einer feierlichen Prozession an, die zur Catedral hinaufzog, der großen Kirche von Toledo. Die Luft war weihrauchgetränkt. An der Spitze trug ein Mönch in einem grauen Gewand ein großes Holzkreuz, an dem ein lebensgroßer geschnitzter Jesus hing. Marianne und David setzten sich ab, ehe die Prozession ihr Ziel erreichte – sie hatten so viele Kirchen gesehen, dass sie sich davon erdrückt fühlten –, und gingen, zuerst ernst, dann kichernd, zwei Entflohene, in ihr Hotel zurück. Sie aßen – sie erinnerte sich an Kaninchen-Gemüse-Paella – in ihrer Penthouse-Suite, wo sie draußen die Lichter der Stadt im Dunkeln glitzern sahen. Zum Essen bekamen sie zwei große Flaschen Mineralwasser, das für sie wie Sekt schmeckte. David verzichtete ebenfalls auf Alkohol. Keinen Alkohol zu trinken und mit ihr in den Geburtsvorbereitungskurs zu gehen, erklärte er, sei für ihn die bestmögliche Annäherung daran, die Schwangerschaftserfahrung zu teilen. Die Abstinenz fiel ihm allerdings leichter als ihr: Sie trank gern ein Glas Wein zum Abendessen, ihn hingegen machte Alkohol müde. Zu Hause hatten sie immer alkoholfreies Bier im Kühlschrank.

Nach dem Essen zogen sie sich aus. Marianne legte alles ab, bis auf eine schwere Kette mit schwarzen Perlen, die ihr David auf einer China-Reise geschenkt hatte. Damals hatte sie eine Mähne von dickem blondem Haar, »meine Löwin« nannte David sie scherzhaft. Er machte ein Foto von ihr, wie sie vor den Erkerfenstern stand, ihr Haar, die Perlen und ihr Bauch schimmernd. Sie hatte das Foto noch irgendwo, es war eins ihrer Lieblingsbilder. Sie machte auch von ihm ein Nacktfoto. Er war eins achtundsiebzig groß, ein sehr schlanker Mann mit einer erhabenen Narbe von einer Blinddarmoperation im Alter von neun Jahren (»das Werk eines Metzgers«, sagte er) und einem spitz hervorstehenden Ellbogen von einem schlecht eingerichteten Bruch mit zehn. Sie glaubte, dass er Chirurg geworden war, um andere vor solchem Pfusch zu bewahren. David hatte lockiges schwarzes Haar, das er sehr buschig trug, weil ihr das gefiel – einen Isro nannte man seine Frisur damals. Als er später das Nacktfoto von sich sah, war er hocherfreut, dass er so wohlbestückt aussah. Sie hatten sich geliebt, langsam und sachte, sie vor ihm auf der Seite liegend, wegen ihres Bauchs, und noch immer mit der Perlenkette, die sie dann abnahmen und kurz um seinen erigierten Penis hängten, und sie erinnerte sich, dass sie als Jüdin sich in dieser Stadt der Kirchen mit Glück gesegnet gefühlt hatte.

Ab und zu wurde ihr bewusst, dass sie ein ewig sommerliches Bild von ihrer Ehe mit David hatte, eine Art Fragonard-Gemälde, wenn das nicht zu hoch gegriffen war. Es lag nicht so sehr daran, dass den Toten, wie es in der Redensart hieß, Flügel wuchsen. Sie war aufrichtig überzeugt, dass David ein toller Mann gewesen war – wie auch Stu einer war. Sie hatte wirklich großes Glück gehabt. Es hing, wie ihr kürzlich – warum erst kürzlich? – aufgegangen war, damit zusammen, dass sie das, was sie nicht haben konnte, glorifizierte und das, was sie haben konnte, herabsetzte. Ihr war (ansatzweise) klar, dass dieser Mechanismus ihr Leben trübte und das Leben anderer auch.

Danach, in dem Hotelzimmer in Toledo, hatte sie ihn gefragt, ob er es anal mit ihr machen wolle, und er hatte gesagt, ja, wenn sie es wolle. Sie hatten das beide noch nie getan. Sie legte sich auf die Seite, und nachdem sie ihn bis zum Schaft mit Gleitgel eingeschmiert hatten, drang er langsam und vorsichtig in sie ein, und es fühlte sich seltsam an, als ob sie aufs Klo müsse. Die ganze Zeit hatte sie Angst, alles vollzumachen. Und hinterher war sie wütend auf ihn. Und er sagte zu Recht: »War doch deine Idee!« Und sie blieben beide lange unter der Dusche.

Manchmal kam er praktisch schon, sobald er in sie eindrang. Sie hatten lautstarke Auseinandersetzungen deswegen – warum hatte sie ihn angeschrien? Sie hatte ihrer beider Liebesleben geschmälert – obwohl er dann meistens eine zweite Erektion bekam und so lange durchhielt, dass sie hinterher kaum noch gehen konnte.

In einem der Kartons aus dem Keller sah sie die Rechnungen ihrer Therapie, die er bezahlt hatte. Sie war zu Dr. Levinson gegangen, um sich zu beklagen, dass sie den falschen Beruf gewählt und den falschen Mann geheiratet hatte. Sie hatte genug von der Sozialarbeit, hatte es satt, in der Klinik am Telefon zu sitzen und zu versuchen, Anschlussregelungen für chronische Psychiatriepatienten zu finden, sie aus der Klinik herauszubekommen und in Wohngruppen oder bei Verwandten unterzubringen. Es dauerte oft Tage, wenn der Patient arm war. Und wenn sie schließlich einen Platz gefunden hatte, blieb der Patient höchstens ein paar Monate dort – bis er seine Medikamente nicht mehr nahm und wieder halluzinierend auf der Straße aufgegriffen wurde. Und erneut in der Klinik landete. Sie wollte etwas tun, was keine solche Sisyphusarbeit war.

David verdiente so viel, dass sie es sich erlauben konnte, die Sozialarbeit an den Nagel zu hängen. Sie studierte an der Filmhochschule der NYU, was ihr wirklich Spaß machte. Aber sie wollte ein Star sein, etwas Besonderes vollbringen, und das hatte sie nie geschafft. Außer dass sie über alle Maßen geliebt worden war. Aber das hatte ja nicht wirklich sie vollbracht.