Schafft die Pensionierung ab - Felix E. Müller - E-Book

Schafft die Pensionierung ab E-Book

Felix E. Müller

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Beschreibung

Die Lebenserwartung steigt, doch das Rentenalter bleibt unverändert: Seit 1948 gilt in der Schweiz die fixe Grenze von 65 Jahren. Felix E. Müller hält diese Zwangspensionierung für einen Eingriff in die persönliche Freiheit – und für ein Relikt aus Zeiten, die längst vorbei sind. Mit analytischer Schärfe beleuchtet er, warum das System trotz Fachkräftemangel und demografischem Wandel unverändert fortbesteht: von Bismarcks Sozialstaat über tradierte Arbeitsideologien bis hin zur politischen Blockade. Gleichzeitig zeigt er auf, wie eine moderne, freiheitliche Reform gelingen kann. Ein anregendes, kluges und streitbares Buch über Selbstbestimmung, Arbeit und die Zukunft des Alterns in der Schweiz.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Die Lebenserwartung steigt, doch in der Schweiz gilt seit 1948 unverändert das Rentenalter von 65 Jahren. Für den Autor ist diese Zwangspensionierung ein Eingriff in die Freiheit des Einzelnen und angesichts von Fachkräftemangel und demografischem Wandel auch gesellschaftlich unsinnig. Er zeigt auf, warum das System trotz veränderter Bedingungen bestehen bleibt – von Bismarcks Erbe über ideologische Vorstellungen vom Wesen der Arbeit bis zu einer politischen Totalblockade – und skizziert Wege, wie eine zeitgemässe Reform gelingen kann.

Zum Autor

Felix E. Müller (*1951) gehört zu den renommiertesten Journalisten der Schweiz. Er ist der Gründer und Chefredaktor der «NZZ am Sonntag», die er von 2002 bis zu seiner Pensionierung 2017 leitete. Zuvor war er bei der «Weltwoche» tätig, von 1996-1997 als Chefredaktor a.i. Für diese Zeitung wirkte er zeitweise auch als US-Korrespondent in Washington. Müller hat zahlreiche Bücher geschrieben, etwa «Kleine Geschichte des Rahmenabkommens» (2020), «Abschied von der Zukunft. Die Endzeitstimmung der jungen Generation und was sie bedeutet» (2022). Zuletzt erschien von ihm «Hollywood an der Limmat. Die Erfolgsgeschichte des Zurich Film Festival» (2024). Im Jahr 1984 erhielt er vom Kanton Zürich eine Auszeichnung für kulturelle Verdienste. 2016 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Zürcher Journalistenpreis geehrt. Er ist heute als Publizist und Berater tätig und lebt mit seiner Frau Franziska Widmer in Zürich.

Schafft die Pensionierung ab!

Eine Streitschrift von Felix E. Müller

VOIMA Verlag

Lektorat: Liliane Ritzi

Covergestaltung VOIMA Verlag

Alle Rechte vorbehalten.

Copyright © 2025 VOIMA gmbh, Eggweg 9A, CH-8810 Horgen, [email protected]

EU-Kontaktadresse/Produktsicherheit gem. GPSR: Westarp Verlagsservicegesellschaft, Stendaler Str. 2, 39326 Hohenwarsleben, Deutschland, [email protected]

Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.

Für die Inhalte ist der Verlag verantwortlich.

Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

E-Book-Erstellung CPI books GmbH

ISBN E-Book 978-3-907442-56-2

ISBN Taschenbuch 978-3-907442-51-7

voima-verlag.ch

Inhalt

Vorwort

Danksagung

1. Wie wird man heute in der Schweiz pensioniert?

2. Die negativen Folgen des heutigen Pensionierungssystems

3. Das negative Bild des Alters

4. Länger leben und besser leben

5. Wir pensionieren wie zu Bismarcks Zeiten

6. Ein System, das immer weniger reformierbar ist

7. Vulgärmarxistische Sicht auf die Arbeit

8. Arbeit macht Spass

9. Viele wollen weiterarbeiten, aber nur wenige tun es. Warum?

10. Achtung: Altersdiskriminierung

11. Wie pensionieren andere Länder?

12. Schafft die Pensionierung ab!

Vorwort

Es ist mir wichtig, an dieser Stelle ein mögliches Fehlurteil aus dem Weg zu räumen: Bei dieser Streitschrift handelt es sich nicht um den Seelenschrei eines Frustrierten. Denn was die Pensionierung betrifft, bin ich die Ausnahme, welche die Regel bestätigt: Ich wurde erst mit 67 Jahren als Chefredaktor pensioniert und habe danach mit einem festen Vertrag in einer anderen Funktion weitergearbeitet, allerdings mit einem reduzierten Pensum. Doch ich konnte beobachten, wie um mich herum gesunde, leistungsfähige und leistungswillige Menschen ungefragt in den Ruhestand geschickt wurden. Dies erschien mir angesichts der Klagen über Fachkräftemangel und sinkenden Arbeitskräftepool zunehmend als absurd. Die Schweiz ist dringend auf Menschen angewiesen, die länger arbeiten. Zudem sollte jede Person das Recht haben, selbst zu bestimmen, wann sie aus dem Arbeitsprozess ausscheiden will. Dass diese urliberale Haltung in der Politik keinen Rückhalt findet, dass die Politik völlig blockiert ist, um sinnvolle Reformen für das Pensionierungswesen in der Schweiz zu finden, war mein Antrieb, dieses Buch zu schreiben. Das Thema ist zu wichtig, als dass es der Politik überlassen wird. Als Streitschrift will es eine Aufforderung an die Bevölkerung sein, sich in die Debatte einzuschalten.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei Melanie Häner-Müller vom Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) für die kritische Durchsicht des Manuskripts.

Felix E. Müller

Zürich, im Oktober 2025

1. Wie wird man heute in der Schweiz pensioniert?

Es gibt nichts Unsinnigeres als die Art und Weise, wie in der Schweiz heutzutage Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer pensioniert werden. Laut einer Studie der Lebensversicherungsgesellschaft Swiss Life von 2021 arbeitet etwa die Hälfte der Menschen bis zum Alter von 65 Jahren entweder zu hundert Prozent oder im ursprünglichen Pensum. Damit werden sie von ihren Arbeitgebern als absolut leistungsfähig angesehen, als eindeutig in der Lage, ihre beruflichen Pflichten zur vollen Zufriedenheit auszufüllen – bis zum letzten Tag des letzten Monats vor Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses. Am folgenden Tag stehen sie auf: Anwälte, Bankangestellte, Prokuristen, Grafiker, Schreiner – und arbeiten nicht mehr. Sie sind aus dem Arbeitsprozess ausgemustert worden. Als ob ein Grafiker 24 Stunden später nicht genauso gut Webseiten gestalten oder ein Spezialist für Nahostkonflikte die Situation in dieser Weltregion nicht genauso gut analysieren könnte wie am Tag zuvor.

Die Studie von Swiss Life ergab auch, dass bei den 55- bis 70-Jährigen eine beträchtliche grundsätzliche Bereitschaft besteht, über das ordentliche Rentenalter hinaus zu arbeiten. Diese ist insbesondere bei Befragten mit Tertiärabschluss (59 %) und aus freiberuflichen Dienstleistungsbranchen (60 %), aber auch in der Berufsgruppe «Arbeit im Laden/Service/Küche/Aussendienst» (59 %) sowie «Anderes» (65 %) überdurchschnittlich hoch. In letzterer Gruppe finden sich viele Personen wieder, die sich keinen oder mehreren der vorgegebenen Kategorien zuordnen lassen, wie etwa «Pfarrerin», «Journalist», «Tagesmutter» oder «Gebäudeschätzer». Wir finden auch geographische Unterschiede: So sind Befragte aus der Deutschschweiz (51 %) eher zur Erwerbstätigkeit nach 64/65 bereit als Befragte aus der Westschweiz (44 %). Schwächer ausgeprägt, aber trotzdem nicht unbedeutend, ist die Bereitschaft zur Weiterarbeit in den Branchengruppen «Industrie, Bau, Verkehr und Lagerei» (37 %), «Verwaltung, Erziehung und Unterricht» (44 %) und in den Berufsgruppen «Arbeit in Fabrik, Werkstatt, Baustelle, Fahrzeug» (32 %), «Arbeit in Büro als Sachbearbeiter/in» (41 %) sowie «Arbeit in Schulen» (40 %). Der Durchschnitt über alle Berufskategorien hinweg beträgt 49 Prozent. Insgesamt gaben nur 29 % an, dass eine längere Erwerbstätigkeit auf keinen Fall in Frage käme beziehungsweise gekommen wäre.

Da aber gemäss Bundesamt für Statistik mit 65 effektiv nur noch 14,5 % der Bevölkerung angestellt ist, ergibt sich eine grosse Diskrepanz zwischen einer grundsätzlichen Bereitschaft zur Weiterarbeit und der kleinen Zahl von Personen, die dies effektiv tun. Was den Prozess des Ausscheidens aus dem Arbeitsprozess folglich auszeichnet, ist, dass er offensichtlich für sehr viele faktisch unfreiwillig erfolgt. Die Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer werden nicht gefragt, ob sie oder er sich allenfalls eine Weiterarbeit vorstellen könnte. Das System funktioniert anders: Die Personalabteilungen der Firmen, die man neudeutsch HR nennt, Human Ressources, sehen auf ihren Computerlisten, wann jemand das 65. Altersjahr erreicht. Die Betreffenden werden erstmals vielleicht ein Jahr zuvor darauf hingewiesen, dass demnächst das Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess erfolge. Begleitet wird die Vorankündigung mit Tipps, wie man sich im Umgang mit AHV und Pensionskasse am besten verhalte, wo man sich beraten lassen kann oder welche firmeneigenen Leistungen im Ruhestand allenfalls noch zu erwarten sind. Auch werden vielfach Angebote für Vorbereitungskurse wie «Pensionierung richtig gemacht», «Chancen und Gefahren des Ruhestandes», «Finanztipps für Rentner» mitgeliefert, häufig organisiert durch die Stiftung Pro Senectute, damit alle Angesprochenen auch wissen, dass sie vom ersten Tag des Pensioniertendaseins an zu den Alten gehören.

Hinter den HR-Abteilungen stehen natürlich die Firmenchefs. Da für sie eine Weiterbeschäftigung von Angestellten über die Pensionierung hinaus offenkundig keine Priorität geniesst, halten es die Personalverantwortlichen gleich. Und damit leisten auch die Pensionskassen keinen Effort, um die Idee zu popularisieren. Deshalb signalisieren diese, sowohl staatliche als auch private: Es gibt eine Norm, die da lautet: «Mit 65 geht man in Rente!». Alles andere sind Ausnahmen, wobei die Frühpensionierung die durchaus akzeptierte Variante darstellt. Der Grund dafür liegt nicht allein darin, dass es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gibt, die früher in Rente gehen wollen. Es sind die Firmen selbst, die im Rahmen von Restrukturierungen diese Ausnahme von der Norm popularisiert haben. Denn die einfachste Methode für einen Jobabbau stellen Frühpensionierungen dar. Die andere Ausnahme hingegen, nämlich länger zu arbeiten, wird von niemandem wirklich gepusht. Wer auch nach 65 noch beruflich tätig ist, gilt nach wie vor als Ausnahmefall.

Dass es die HR-Abteilungen sind, die diese Norm immer noch ungefragt durchsetzen, ist in gewissem Sinne geradezu zynisch. Denn zu den Obliegenheiten dieser Dienststellen gehören eigentlich die Betreuung, Pflege sowie Förderung menschlicher Fähigkeiten und Kapazitäten. Dies jedenfalls besagt der Begriff Human Resources. Doch beim Vorgang der Normpensionierung werden sie dieser Kernaufgabe nicht gerecht. Man pflegt die Ressource «menschliche Arbeitskraft» nicht, sondern entledigt sich ihrer.

So nähern sich die Betroffenen alternativlos dem letzten Tag ihres Arbeitslebens, räumen ihre Schreibtische, unterschreiben das Beitrittsformular zur Pensioniertenvereinigung und schmeissen einen kleinen Abschiedsapéro. Vielleicht hält der Chef oder ein Kollege noch eine kleine Rede, die Tipps dafür finden sich im Internet. Dieses schlägt vor: «Ab jetzt lautet dein Jobtitel: ‹Profihängematten-Tester›. Viel Spass beim neuen Lebensabschnitt!» oder auch «Der Ruhestand: das nächste Abenteuer ohne Chef, Deadlines und PowerPoint-Folien. Möge dein grösstes Problem ab jetzt die Frage sein: ‹Rotwein oder Weisswein?›» Vielleicht verbreitet auch die Bemerkung «Nach Jahren der Plackerei endlich die Freiheit! Ab jetzt darfst du bis 10 Uhr schlafen und nachmittags über die wachsende To-do-Liste lächeln» gute Laune. Und dann ist man weg. Gestern noch vollwertige Arbeitskraft, morgen schon Rentner ohne klar definierte Aufgabe.

Natürlich könnte es theoretisch auch anders ablaufen, auf gesetzlicher Ebene erfolgten in letzter Zeit einige zaghafte Liberalisierungsschritte. Doch bei den Arbeitgebern ist das bis jetzt noch nicht angekommen. Sie handeln in der überwiegenden Mehrheit nach wie vor so, als ob die Zahl 65 in der Bundesverfassung stünde. Für eine Mehrheit der Arbeitnehmenden beginnt zu diesem Zeitpunkt der lange Ritt in den Sonnenuntergang, der heute vielfach 30 Jahre und länger dauert. Nun widmet sich die Person, die gemäss gängiger Redewendung «den Lebensabend geniesst», all den Beschäftigungen, welche die Gesellschaft für diese Bevölkerungsgruppe für angemessen hält. Man löst sich ein GA 1. Klasse, damit man die Schweiz besichtigen und zum Mittagessen von Zürich nach Zermatt reisen kann. Man befährt die Weltmeere auf Kreuzfahrtschiffen, schliesst sich einer Wandergruppe an, organisiert Klassentreffen und legt sich ein neues Hobby zu. Viele nutzen die Zeit auch, um Enkelinnen und Enkel zu hüten, was in der Tat eine schöne Erfahrung ist und zugleich das Ungenügen der heutigen Kinderbetreuung in der Schweiz illustriert.

Bei dieser brutalen Zäsur im Lebenslauf handelt es sich historisch gesehen um ein neues Phänomen. Die Rentnerinnen- und Rentnerphase in unseren Biographien ist die Konsequenz der Einführung moderner Altersvorsorgesysteme, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann. Vorher arbeitete man, solange es ging, und wurde nachher von der Familie oder von Institutionen wie der Kirche, den Zünften oder der Fürsorge versorgt. Die Bevölkerungsexplosion im 19. Jahrhundert, gekoppelt mit der Frühindustrialisierung und ihrem vielfach ausbeuterischen Umgang mit den Arbeiterinnen und Arbeitern inklusive Kindern, überforderte die Tragfähigkeit des Systems. In vielen Ländern bestand die Antwort auf die offensichtlichen Missstände zuerst darin, dass sich auf privater Basis Vorsorgeeinrichtungen entwickelten. Doch schliesslich übernahm der Staat diese Aufgabe, um eine Allgemeinverbindlichkeit solcher Angebote zu garantieren.

Um in den Genuss einer Rente zu gelangen, war die Aufgabe der Berufstätigkeit zwingend notwendig. Damit wurde der Ruhestand zu einer distinkten Lebensphase in der Biographie der meisten Menschen; diese erhielt dadurch ihre bis heute geltende Grundstruktur: Ausbildung, Beruf, Ruhestand, Tod. Problematisch dabei ist, dass das Charakteristikum dieses Ruhestandes letztlich ein negatives ist: Er wird dadurch definiert, dass man etwas nicht tut, nämlich arbeiten. Daraus ergab sich das Bild der nutzlosen Alten, die vor der Herausforderung stehen, die letzte Lebensphase irgendwie überstehen zu müssen. Im Zeitalter der Einführung von Rentensystemen handelte es sich dabei meist nur um ganz wenige Jahre. Zudem zerschliss die harte Fabrikarbeit mit ihren überlangen Arbeitszeiten die Gesundheit vieler. Für diese war Nichtarbeiten eine Erleichterung, eine Phase des Aufatmens, bis bald der letzte Atemzug erfolgte.

Doch dieses Konzept, dass es eines Tages im Beruf einfach zu viel wird und dieser Tag im 65. Altersjahr liegt, hat sich längst überholt. Es entspricht der jetzigen Lebensrealität nicht mehr. Man lebt heute nach der Pensionierung länger als nur drei, vier Jahre. Die neuesten Zahlen des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2023 besagen, dass die Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren für Frauen 22,8 Jahre und für Männer 20,3 Jahre beträgt. Es handelt sich dabei um den Durchschnitt, was bedeutet, dass viele Menschen heute über 90 oder sogar 100 Jahre alt werden. Zudem kennt die Schweiz nur noch wenige harte Fabrikjobs. Selbst hier haben die Automatisierung und Digitalisierung schweres körperliches Arbeiten weitgehend obsolet gemacht. Das Internet ermöglicht flexibles Arbeiten, zu Hause, am Strand, im Zug, im Coworking-Space. Auch mit bestem Willen lässt sich kein Grund mehr finden, alle Menschen exakt mit 65 aus dem Arbeitsprozess auszusortieren.

2. Die negativen Folgen des heutigen Pensionierungssystems

Die Verteidiger der Pensionierungsorthodoxie pflegen wie ein Mantra zu wiederholen, es gehe darum, den – vom Arbeiten – erschöpften Menschen ein «würdiges Alter» zu ermöglichen. Für sie fällt die persönliche Biographie eines Menschen offensichtlich in zwei distinkte Abschnitte: Arbeit ist unwürdige Mühsal und erschöpfende Plackerei, Ruhestand ist würdevoller Lebensgenuss voller Sonnenschein und Unbeschwertheit. Auch wenn nicht bestritten werden kann, dass für manche die Erwerbsarbeit anstrengend und mässig befriedigend sein kann, ist diese generalisierende Darstellung dennoch falsch. Denn viele arbeiten gar nicht so ungern, sogar die in den «AHV-Manifesten» von SP und Grünen gerne erwähnte Schuhverkäuferin, die sich angeblich würdelos in ihrem Erwerbsleben abmüht und deshalb jeden Tag ihre Pensionierung herbeisehnt.

Die Tatsachen zeichnen ein anderes Bild: Nach 65 beginnt für viele nicht einfach eine Lebensphase voller Freuden und ohne Sorgen. Vielmehr beschert die Pensionierungsrealität der Gesellschaft zahlreiche Probleme.

Auf einer persönlichen Ebene sind mit dem heutigen, immer noch starren Übertritt in den sogenannten Ruhestand – ein verräterischer Begriff! – durchaus gesundheitliche Risiken verbunden. Die wissenschaftliche Literatur zeichnet zwar kein eindeutiges Bild der Situation. Einige Studien kamen zum Ergebnis, dass es unmittelbar nach der Pensionierung einen Anstieg plötzlicher Herzinfarkte geben kann. So beziffert eine amerikanische Studie von 2018 (Fitzpatrick & Moore, The mortality effects of retirement) den Anstieg der Sterblichkeit von Männern unmittelbar nach der Pensionierung auf zwei Prozent. Der Hauptgrund dürfte die Veränderung des Lebensstils sein. Noch eindeutiger ist diese negative Korrelation zwischen Pensionierung und gesundheitlichen Problemen in Fällen einer erzwungenen Frühpensionierung.

Offensichtlich ist, dass die gesundheitlichen Folgen der Pensionierung stark von der Persönlichkeit, vom Beruf und den individuellen Lebensumständen abhängen. Anekdotisch kennt man Fälle eines überraschenden Hinschieds kurz nach Abschluss der beruflichen Karriere. In den Todesanzeigen steht dann jeweils «Er hatte noch so viele Pläne…». Vielleicht lag das Problem ja gerade im Fehlen solcher Pläne und in der Leere, die daraus resultierte. Das ist ja mit ein Grund, dass heute vorbildliche Arbeitgeber ihre Mitarbeiter mittels Kursen auf den abrupten Übergang von hundert zu null Prozent Tätigkeit vorbereiten; dadurch soll der «Pensionierungsschock» vermieden werden. In diesem gängigen Begriff drückt sich die Tatsache aus, dass offenbar für nicht wenige das abrupte Ende der beruflichen Tätigkeit eben einen Schock darstellt und nicht die freudvolle Erlösung von einer bedrückenden Fron am Arbeitsplatz.

Vielfach geht mit der Pensionierung ein Rückgang der persönlichen Aktivitäten einher. Man hat keinen Anlass mehr, am Morgen aus dem Bett zu steigen und geplanten Tätigkeiten nachzugehen. Es ist belegt, dass eine Pensionierung Depressionen auslösen kann. Vor allem Menschen, die schon vorher sozial nicht sehr aktiv waren, sind davon betroffen. Dieser Zusammenhang findet sich auch in Bezug auf die Freiwilligenarbeit. Wer sich stärker engagiert, rutscht weniger häufig in eine Depression ab. Auch bei der Freiwilligenarbeit gibt es eine klare Korrelation zwischen depressiver Stimmung und Engagement. Die Wechselwirkung ist offensichtlich: Wer sich weniger engagiert, ist eher depressiv. Und wer depressiv ist, engagiert sich weniger.

Gerade Männer sind davon betroffen. Bei diesen, sozial ohnehin stärker über die Arbeit und die Firma vernetzt als Frauen, führt das meist abrupte Ende der Berufsarbeit vielfach zu einem Verlust an gesellschaftlichen Beziehungsstrukturen. Denn der Sport, der in den jüngeren Jahren häufig die Hauptquelle sozialer Kontakte ausserhalb des Berufs dargestellt hatte, wurde altershalber längst aufgegeben. Wenn plötzlich auch noch das Feierabendbier mit den Kumpels von der Abteilung entfällt, realisiert man, wie wichtig das alles für das persönliche Beziehungsnetz war. Mit der Pensionierung verkümmert dieses. Da wird es rasch einsamer im privaten Umfeld.

Die Folgen zeigen sich etwa im Alkoholkonsum. Übermässiges Trinken wird allgemein mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Verbindung gebracht. Aber in keiner Altersgruppe wird häufiger zum Glas gegriffen als bei den 65- bis 74-Jährigen. Diese Altersgruppe weist laut Untersuchungen den höchsten Anteil an riskantem Alkoholkonsum auf. Auch was die tägliche Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln betrifft, liegen die 65plus ganz an der Spitze. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass immer mehr Seniorinnen und Senioren freiwillig bei einer Suchtberatungsstelle um Hilfe nachsuchen. Bei der Forel Klinik, einer auf Alkoholismus spezialisierten Spezialklinik im Kanton Zürich, hat sich die Zahl von hilfesuchenden Rentnerinnen und Rentnern in jüngster Zeit verdoppelt. Pro Senectute schreibt dazu: «Sucht im Alter ist weit verbreitet. Untersuchungen zeigen: Personen im Alter von mehr als 65 Jahren weisen den höchsten Anteil an chronisch riskantem Alkoholkonsum auf. Auch was die tägliche Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln betrifft, liegen die 65plus ganz an der Spitze. Sucht im Alter ist ein Tabuthema: Viele Betroffene leugnen oder verharmlosen das Problem. Das verhindert eine frühzeitige Chance auf Behandlung.»