Schatten der Erinnerung. Tulla Larsen und Edvard Munch - Lene Therese Teigen - E-Book

Schatten der Erinnerung. Tulla Larsen und Edvard Munch E-Book

Lene Therese Teigen

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Beschreibung

Tulla Larsen und Edvard Munch – auf den Spuren einer Amour fou Edvard Munch und Tulla Larsen begegnen sich 1898 in Oslo, es ist der Beginn einer leidenschaftlichen Liebe zwischen dem Maler und der rebellischen jungen Frau mit dem flammendroten Haar. 1902 endet die Beziehung abrupt mit einem Pistolenschuss in Munchs Sommerhaus. Lene Therese Teigen erzählt die dramatische Geschichte dieser Liebe aus Tullas Sicht, u.a. anhand des Briefwechsels von Tulla und Munch. So entsteht ein ganz neuer Blick auf den berühmten Maler und seine Muse – und nicht zuletzt auf die Tiefe und Komplexität der Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen Frau, die stets in Munchs Schatten stand.

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Seitenzahl: 428

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Lene Therese Teigen

Schatten der ErinnerungTulla Larsen und Edvard Munch

Aus dem Norwegischen vonDaniela Stilzebach

Roman

Inhalt

Tidemands gate 28, Kristiania Mittwoch, 26. Juli 1916, 30 °C, teils bewölkt

Kirkeveien 42, Oslo, Montag, 25. Februar 1929, – 12 °C, teils bewölkt

Niels Juels gate 70, 4. Etage, Oslo, Freitag, 24. November 1939, 1 °C, 30 mm Niederschlag

Nachwort

Dank

Tulla Larsens Leben

Tidemands gate 28, KristianiaMittwoch, 26. Juli 1916,30 °C, teils bewölkt

Sie steht vor den riesigen Fenstern und sieht nach draußen. Es ist heiß, seit fast zwei Wochen um die 30 °C. Eine nordische Hitzewelle. Die Sonne brennt sich durch die Dachfenster. Das Atelier ist lichtdurchflutet. Vier Personen spazieren die Straße entlang. Die Männer haben ihre Jacken über die Schultern geworfen, die Frauen tragen dünne Blusen, und ihre Röcke aus leichten Stoffen enden weit oberhalb der Knöchel. Zum Glück verändert sich die Mode, es ist, als würde sie sich den Temperaturen anpassen. Die beiden Männer gehen voran, hinter ihnen die Frauen, sie reden miteinander und lächeln sich an. In der Hitze stagniert alles. Die Frauen lächeln und reden. Die Männer gehen voran. Alles stagniert. Alles.

»Solltest du nicht weitermachen?«

»Willst du?«

»Ja. Da bin ich. Untätig im Atelier. Nach draußen schauend.«

»Ich habe dich so deutlich gesehen, drinnen, vor einem Fenster.«

»Frau am Fenster.«

»Genau.«

»So bin ich nie gemalt worden.«

»Das habe ich vermutet. Aber bist du so geworden?«

»Ich weiß es nicht. Lass mich hier stehen.«

Am Fenster. Von außen wirkt sie verschwommen. Etwas an der Hitze und dem Staub sorgt dafür, dass sie hinter der Scheibe wie in einem Traum erscheint. Ihr Blick ist auf einen weit entfernten Punkt gerichtet, jenseits der Straße, der Hausdächer, des Himmels. Sie erinnert sich, dass sie für Edvard zu Lemercier gegangen ist, nachdem er aus Paris abgereist war, und Drucke seiner »Frau am Fenster« bestellt hat. Acht an der Zahl. Das war im Juni 1899. Die Frau steht mit Hut und Mantel bekleidet draußen am Fenster. Entweder ist sie gekommen oder sie will gehen. Tulla aber befindet sich in ihrem eigenen großen gemauerten Haus und betrachtet die Welt davor, wie so viele andere Modelle es seinerzeit getan haben.

»Nichts mehr von dem Modell.«

»Alle wollen von dem Modell hören. Von der Beziehung.«

»Es gibt nichts zu sagen.«

»Du willst dich nicht erinnern.«

»Nein.«

»Aber du erinnerst dich.«

»Ich habe mich verändert. Wie sehe ich aus?«

Sie trägt einen grünen Kimono mit großen blauen und kleineren weißen Blumen darauf. Die Seide ist dick, darunter hat sie fast nichts an. Auf der Oberlippe, im Nacken sowie am Kreuzbein bahnen sich Schweißperlen ihren Weg. Die roten Haare sind nach oben gewunden und mit einem Essstäbchen festgesteckt. Hans, ihr Mann, liebt alles Japanische. Manchmal muss sie ihn daran erinnern, dass das Japan, von dem er spricht, nicht zwangsläufig das Japan von heute ist. Genau genommen ist es zehn Jahre her, seit er zurückgekehrt ist.

So ist es mit allem. Alles ist im Fluss. Aber es gab eine Zeit, da stand die Welt still, und ich war verzweifelt und engstirnig. Gott, wie ich es bereue. Erst als ich auf dem Boden kniete und Blut wegwischte, bin ich zu mir gekommen, habe ich verstanden, dass ich, so schnell ich konnte, weglaufen musste.

Sie sieht auf die Straße hinaus. Noch immer dieselben Personen, die dort draußen flanieren. Die beiden Frauen hinter den beiden Männern. Ein Automobil fährt langsam vorbei. So viel mehr Lärm als mit den Pferden. Man stelle sich vor, dass es dasselbe Kristiania ist, in dem sie aufgewachsen ist. Alles, was seit 1869 geschehen ist. Ihr Leben währt schon lange. Es ist der Sommer, in dem Tulla 47 wird. Das Alter ist im Begriff, eine konkrete Größe zu werden.

»Erinnere mich nicht daran.«

»Er ist nach Kristiania zurückgekehrt, das weißt du.«

»Das hat nichts mit mir zu tun!«

»Dennoch bringt es dich zum Nachdenken. Zum Erinnern. Dazu, alles noch einmal durchzugehen.«

»Lass mich in Ruhe.«

»Man kommt nicht umhin. Vor drei Monaten stand es in den Zeitungen, dass er wieder in Kristiania ist. ›Edvard Munch hat das Grundstück Ekely am Hoffsveien gekauft und ist endgültig dorthin gezogen.‹«

»Danke, das weiß ich.«

»Gedenkst du ihn aufzusuchen?«

»Warum sollte ich?«

Nein, ich möchte lieber rausschauen. Nicht denken, mich nicht erinnern. Auch das ist eine Entscheidung. Es irgendwo unangetastet hinter mir zu lassen, nicht imstande zu sein, mich der Kommentare anzunehmen. Oder der Sorgen.

Viele hatten sich Sorgen gemacht, nicht nur ihre Mutter. Sie und die Schwestern hatten sich womöglich am meisten geschämt, zumindest als alle wussten, dass aus der Ehe nichts werden würde. Nachdem die Eheschließung zu Hause bekannt gemacht worden war, hatte es keine Wahl gegeben. Die Trauung musste vollzogen werden. Er aber verstand das nicht. »Es ist doch wohl nicht so schlimm, ob es dieses oder nächstes Jahr wird!« Weder sie noch die Mutter gingen vor Scham zugrunde. Ob es aber Sorge oder Scham, Verzweiflung oder Einsamkeit war, was sie nach ihrer Rückkehr aus München nach Neujahr 1901 dort draußen in Røyken hielt, weiß sie nicht. Er hatte sie genommen, sie geöffnet, sie zu der Seinen gemacht, mehr aber konnte er nicht. Immer krank, immer das Seinige im Mittelpunkt. Aber wir sind noch immer verlobt, hatte er gesagt. Das war feige, aber das verstand sie damals nicht. Also war sie nach Røyken ins »Kloster« gegangen, um ein weiteres Mal zu zeigen, dass sie es ernst meinte. Nur wenn du eine andere wirst, hatte er gesagt. Und sie wurde eine andere.

Im Frühjahr darauf habe ich Oda mehrfach Modell gestanden. Du musst vorankommen, sagte sie, du musst ihn zum Reden bewegen. Mit seinem Schweigen bringt er dich um. Ich zitterte, so kalt und erschöpft war ich. Sie sagte, ich sähe krank aus, und gab mir ihren schönen Schal. Dann hat sie mich gemalt und das Bild »Verzweiflung« genannt. 1902 bin ich nicht zur Herbstausstellung in Kristiania gegangen. Auch nicht wirklich verwunderlich, ich war nicht ich selbst, nach den entsetzlichen Tagen Anfang September.

»Du hingst in der Herbstausstellung und warst verzweifelt?«

»Alle haben gesehen, dass ich es war. Arme Mama. Da verstand sie, was die Zeit in Røyken eigentlich für mich bedeutet hat. Sie, die geglaubt hatte, ich sei dort rausgezogen, um zu radieren, weil ich die fixe Idee hatte, eine Künstlerin zu sein. Dass es nämlich darum ging, ihrem Druck zu entkommen.«

»Weswegen?«

»Wegen der Ehe. Es war bekannt geworden! Alle, denen sie auf der Straße begegnete, fragten, wann die Hochzeit stattfinden würde.«

»Hast du wirklich geglaubt, dass es eine Ehe geben wird?«

»Warum nicht? Angesichts all seiner Bedingungen schien es, als würde er es ernst meinen. Das war alles durchdacht. Nichts dem Zufall überlassen. Ich hatte es akzeptiert.«

»Aber er wollte dich nicht sehen, und du bist hinaus in die Einöde gezogen, damit er seinen Willen bekommt?«

»Edvard Munch bekommt immer seinen Willen.«

»Warum raus nach Røyken?«

»Allem voran um zu zeigen, dass ich mich wirklich verändert hatte. Ich wollte lesen und radieren und einsam durch den Wald wandern, gemäß Edvards Anweisung.«

»›Geh ins Kloster‹, darum hat er dich bereits im Sommer 1899 gebeten.«

»Und bereits da habe ich es getan! Er aber hatte sich schon entschieden, wie ich war. Die Veränderung bemerkte er ohnehin nicht. So verstockt war er. ›Ich bin hellsichtig; ich weiß, wer du bist.‹ So stur und eigensinnig. Viel schlimmer als ich! Ich begriff es nur nicht.«

»Wie hast du dich denn verändert?«

»Auf jeden Fall empfand ich keine Freude mehr. War krank. Unruhig. Ich dachte mehr nach. Lernte, allein zu sein.«

»Du hast das Bild fertiggestellt.«

»Mit irgendetwas musste ich die Tage ausfüllen. Aber niemand wird sich jemals dafür interessieren, was ich erschaffen habe. Ich hatte nicht das Talent wie Aase. Oder Oda, sie war eine Meisterin. Außerdem fertigte ich vor allem Frauenporträts an, und die waren melancholisch, allesamt. Niemand interessiert sich für so etwas. Ich hätte lieber weiter Klavier spielen sollen. Darin hatte ich Talent.«

»Aber du hattest keine Ambitionen?«

»Nein. Nein.«

»Kein einziges Bild, auf das du stolz warst?«

»Nein. Doch, eins gab es. ›Die Braut im Wald.‹ Der Druck liegt dort drüben im Schrank. Und die Frauen da. Die haben zumindest etwas.«

»Du gehst rüber zum Schrank.«

»Ich will das nicht. Nicht jetzt. Nicht das …«

So bleibt sie am Fenster stehen. Noch immer dieselben Personen draußen, oder sind es andere, neue? Sie flanieren jetzt paarweise; es scheint, als wären sie jünger. Das Essstäbchen zieht an der Kopfhaut. Sie denkt nach.

Ich schrieb ihm, das sei den Umständen geschuldet, die ganze Ungewissheit, all das Warten und dass er die volle Kontrolle haben wollte, ließen mich krank werden – und er bestritt es, machte mich glauben, dass ich es war, an der etwas falsch war. Selbstverständlich war ich es, an der etwas falsch war. Jeder Mensch, der alle Sinne beisammenhatte, hätte sich von ihm ferngehalten. Und von mir, vielleicht war es auch so. All diese Gefühle. All die Unruhe in mir, all das Warten, all die Halluzinationen, all die durchwachten Nächte, all die Briefe, die ich nicht abgeschickt habe, alles, was ich zu Aase gesagt habe, was ich nie hätte sagen sollen. Aber mit wem hätte ich reden sollen? Es gab niemanden, der verstand, in was ich mich verstrickte, welchen Dingen ich mich aussetzte. Und alle glaubten sie, Geld löse alles. Das tut es nicht. Eher im Gegenteil, besonders wenn ich bedenke, was er danach über mich gesagt hat. Alles wurde beschmutzt. Ich schrieb und schlug vor, dass Schluss sei, aber er antwortete nicht darauf. Er wollte, dass ich verstummte, aufhörte, ihn zu stören, ohne sein Zutun. Es war, als wäre ich kein Mensch, nur ein niederes Wesen. Aber das bin ich nicht. Eine Beziehung konnte er nur mit seinen Bildern eingehen, und das war es vermutlich, was er wollte. Mich an der Wand, ohne Ton und Regung. Ein kalter Fisch. Festgefroren. So behandelt man keinen Menschen. Es musste in einer Katastrophe enden. Das war unausweichlich. Ein endgültiger Schlusspunkt. Ich musste ihn verlassen.

Der Knall durchfuhr ihren Leib, und obwohl sie gesehen hatte, wohin der Revolver zielte, war sie sicher, dass es ihr Körper war, der in Stücke gerissen wurde. Sie erinnert sich nur, dass sie vor ihm auf dem Boden kniete und Blut wegwischte und dass ihr ganzer Körper zitterte. Was vor dem Schuss geschah, ist wie weggeweht aus der Erinnerung. Hat er wirklich auf mich geschossen, hatte sie gedacht, dann aber hatte sie ihn gehört:

»Was hast du getan?«

»Ich?«

»Was hast du getan?«

Sie hatte nichts getan. Den ganzen Tag über war sie unentschlossen gewesen. Er war es, der ihn in der Hand gehalten hatte, er, der das getan hatte. Sie hatte bloß gemacht, was er entschieden hatte: Mehrere Jahre lang hatte sie ihm gehorcht. Da sah sie, dass das Blut von seiner Hand tropfte.

»Begreifst du nicht, dass du den Arzt holen musst; hast du nichts anderes im Kopf als dich selbst?«

»Aber du bist doch selbst schuld«, sagte sie.

»Du bist es«, stöhnte er. »Du bist es.«

Da erhob sie sich, sie erschauderte, denn es war, als würde etwas Kaltes sie im Nacken packen, tatsächlich war es wohl eine Art Windhauch. Sie erinnerte sich, dass er den Revolver auf sie gerichtet und gesagt hatte: »Jetzt bist du fertig.«

Zum ersten Mal hatte er es im Atelier gesagt. Jetzt brauchst du nicht mehr zu kommen. Du bist fertig. Dann lachte er, und ich lachte, und er sagte, wir könnten doch etwas trinken, und dann zeigte er mir das Bild. Ich in dem schwarzen Kleid mit Licht auf der einen Seite und Dunkelheit auf der anderen. Es war schön. Jetzt gab es zwei Ichs: eins, das, für immer stumm stillstehend, zwischen Dunkelheit und Licht balancierte, und dann ein anderes, das für immer in Bewegung war. Ich erdreistete mich, ihn zu fragen, ob er sich etwas ansehen könne, das ich gezeichnet hatte, es waren nur Kritzeleien, aber trotzdem.

»Bekomme ich einen Kuss?«

Ich traute mich nicht. Nicht da.

Sie lief nach draußen, die Straße hinauf, nach links und dann die wenigen Meter zum Zentrum von Åsgårdstrand. Dort fand sie Dr. Grimsgaard. Er musste sie mehrfach bitten, es zu wiederholen und zu erklären, weil sie zusammenhanglos sprach und es einfach aus ihr herausbrach. Sobald er begriffen hatte, lief der Arzt in Richtung von Munchs Haus, während sich seine Frau ihrer annahm.

»Du hast zu ihr gesagt, dass du es seist, die hätte tot sein sollen.«

»Hätte ich den Revolver gegen mich gerichtet, dann hätte er ihn nicht benutzt.«

»Sicher?«

(Kurzes ironisches Lachen.) »Ob er sich aus Liebeskummer erschossen hätte, meinst du? Niemals.«

Die Arztgattin war verzweifelt, sie hatte Angst, dass Munchs Freundin noch immer an Selbstmord dachte. Die Gerüchte darüber, dass Fräulein Larsen Morphin genommen habe, hatten sie vor den Gerüchten erreicht, dass Herr Munch mit einer Dame in Åsgårdstrand angekommen sei; alle in dem kleinen Ort waren der Meinung, es müsse sich um sie handeln. Die Frau platzierte sie auf einem Diwan, setzte sich neben sie, legte ihre Arme um sie und strich ihr sanft über Kopf und Rücken, als wäre sie ein Kind. Tulla war nicht imstande, es noch länger zu unterdrücken; ihr entwichen einige seltsame Schluchzer, laut und unvermittelt; sie konnte nicht damit aufhören. Als das Mädchen auftauchte, wurde es aufgefordert, mit den Kindern zu warten und erst einmal Tee zu kochen sowie ein paar belegte Brote zu servieren. Während sie damit beschäftigt war, hingen ihr die drei kleinen Jungs am langen Rock, sie lachten und alberten herum. Die Arztgattin sagte, sie solle sie Aagot nennen, und Tulla bemerkte, dass sie viel jünger war als sie selbst. Aber wie eine Mutter saß Aagot mit den Armen um sie geschlungen da, und schließlich hatte sich Tullas Atem beruhigt. Das war ein durch und durch harmonisches Haus, mit Kinderlachen und Feuer im Ofen. Tulla fühlte sich fremd. Sie hätten längst im Bett sein sollen, lächelte Aagot, aber jetzt müssen wir vor allem auf Sie achtgeben, dann kann sich das Mädchen um die Jungen kümmern, nachdem Sie Tee und etwas zu essen bekommen haben. Sie war nicht in der Lage, etwas zu essen, es war unmöglich zu verstehen, dass man so leben konnte. Normal und gut. Als der Doktor, Wilhelm hieß er, zurückkehrte, erfuhr sie, dass er eine Überweisung ausgestellt hatte, dass Edvard zum Nähen der Wunde ins Krankenhaus nach Kristiania sollte. Er war ein ernsthafter Mann, machte ihr jedoch keine Vorwürfe. Die Blicke, die er ihr zuwarf, waren lang und forschend. Er stellte keine Fragen. Er gab ihr Chloralhydrat, und schließlich kam sie gänzlich zur Ruhe. Diese Nacht verbrachte sie bei Grimsgaards. Als sie am nächsten Tag erwachte, geschah dies mit einem klaren Gedanken im Kopf: Es muss ein Ende haben. Eine Beförderungsmöglichkeit nach Kristiania wurde organisiert. Ihre Koffer, die noch immer in seinem Haus standen, wollte sie nicht holen. Jetzt verlasse ich dich, dachte sie vielleicht. Für immer. Ich werde endlich das tun, was für dich am besten ist. Ich hätte es schon gestern tun sollen. Aber ich bin geblieben, weil ich glaubte, wir hätten etwas zu besprechen, dass es zwischen uns Worte gäbe, die noch nicht ausgesprochen waren. Worte, die verändern könnten. Aber die gibt es nicht. Das dachte sie, denkt sie, als sie dort am Fenster steht, wobei sie jetzt nicht mehr nach draußen schaut. Ihr Blick ist nach innen gerichtet, verloren in dem, was war.

Schließlich kam er. Ich saß in der Küche, dem innersten Raum des Hauses, und es fiel mir so schwer zu atmen, dass ich kaum aufstehen konnte. Aber ich kam auf die Beine, zitternd stand ich da und wartete. Ich hörte ihn draußen im Flur meinen Namen sagen. »Tulla?« Er sprach leise. Und noch einmal, etwas lauter. »Tulla.« Ich konnte nicht antworten. Wollte er meine Stimme hören oder nicht? Hätte ich sagen sollen: »Ja, hier bin ich«, und ihm entgegengehen? Hätte das alles verändert? Oder hoffte er, dass ich bereits abgereist war? Ich blieb einfach am Fenster stehen, steif und sonderbar, hörte ihn, wie er am Schreibtisch seines Zimmers stehen blieb, auf dem ich den Revolver abgelegt hatte. Und dann stand er plötzlich in der Tür, mit einer Branntweinflasche in der einen Hand. In der anderen hatte er den Revolver. Er nahm Platz, legte den Revolver auf den Tisch und setzte die Flasche an den Mund. Ich machte einen Schritt auf ihn zu, und er sah zu mir auf, endlich. War er wütend oder nur verzweifelt? Das zu wissen war unmöglich, aber ich wollte den Revolver ins Regal zurück legen, weshalb ich danach griff, und da war mit einem Mal seine Hand, über meiner. »Lass ihn liegen«, sagte er und drückte zu, sodass sich der Revolver in meine Handfläche bohrte. Dann lockerte er den Griff, und einen Augenblick lang fühlte es sich fast wie eine Liebkosung an, bevor er plötzlich ganz losließ. Ich zog die Hand weg.

»Du willst mich also erschießen«, sagte er. »Jetzt?«

Er nahm den Revolver und zielte. Auf den Teller, auf sein im Türspalt sichtbares Bett, auf sich, auf mich. Erschieß mich doch, nur zu, erschieß mich, dachte ich, er aber senkte die Waffe und lachte.

Im Stehen denkt sie nach. Sie fragt sich, welche Worte zwischen ihnen gewechselt wurden. Denn es fielen Sätze. Sie hatten sich nur nicht eingebrannt. Nachdem der Schuss gefallen war, war alles wie in Nebel gehüllt, das Blut floss, sie lief. Waren sie gelöscht?

»Denk nach.«

»Ich versuche es.«

Irgendetwas musste zerstört werden.

»Töte mich nur«, sagte ich, »du hast mein Leben zerstört.«

»Du wirst meins nicht zerstören«, entgegnete er.

»Erschieß mich, drück ab. Alle werden glauben, dass ich es selbst getan habe. Ich bin den ganzen Tag hier umhergegangen und habe versucht, es zu tun, aber ich kann es nicht. Du musst mir helfen.«

»Du bist verrückt.«

»Du bist am verrücktesten, Edvard.«

Dann zielte er auf mich.

»Jetzt bist du fertig«, sagte er.

»Edvard«, sagte ich und hörte, wie sanft und gleichsam nachgiebig meine Stimme wurde, als ich seinen Namen sagte: »Edvard.«

Da schaute er mir lange in die Augen, und es war unmöglich zu begreifen, aber tief dort drinnen in seinem Blick entdeckte ich einen Schimmer, vielleicht war es Liebe. Ich weiß nicht, warum, aber ich trat einen Schritt näher. »Nein«, sagte er, »nein, nein, nein.« Ein kurzes Klicken, und dann knallte es. Die Luft um uns herum bebte, und ich spürte, wie mein Körper zusammensackte. Hat er auf mich geschossen, dachte ich, hat er wirklich auf mich geschossen?

»Warum hast du danach nicht darüber gesprochen? Ich habe den Eindruck, als hättest du einfach alle Gerüchte sich ausbreiten, sie unwidersprochen stehen lassen.«

»Was hätte ich denn tun sollen?«

»Es erklären. Das Schweigen war eine Art Schuldeingeständnis.«

»Vielleicht war es meine Schuld.«

»Es ging doch nicht nur um Schuld. Sondern um Liebe. Seine Verzweiflung deutet darauf hin, dass er dich geliebt hat. Und es steht wohl außer Zweifel, dass du ihn geliebt hast.«

Ich erinnere mich nicht, wie sehr ich geliebt habe, ich erinnere mich nicht, wie sehr ich gelebt habe, wie lange ich tot war oder wie tot ich war. Ich verstehe nicht, was dazu geführt hat, dass ich mich erholt habe, ich verstand nicht das Glück, als ich es fühlte, ich verstand nicht das Leid, als ich es erfuhr. Ich verstehe mich selbst nicht. Ich verstehe nichts.

»Wolltest du nicht zum Schrank gehen?«

»Zum Schrank?«

»Ja, zu dem hier im Atelier. Öffnest du jetzt nicht die Schranktür?«

»Du kannst mich nicht zwingen.«

»Hm.«

»Was willst du?«

»Ich habe viel über dich gehört.«

»Ordinäre Menschen verbreiten eine Unmenge an Gerüchten, ohne die Wahrheit zu kennen.«

»Die Wahrheit?«

»Man sollte nicht auf eine verrückte Person hören? Eine verletzte Person?«

»Du warst doch auch verletzt.«

»Aber ich habe es überwunden, auch das mit Arne, und ich werde auch noch mehr überwinden, sollte mir noch mehr bevorstehen.«

Sie sieht nach draußen und hat irgendwie das Gefühl, dass noch mehr bevorsteht. Auf der Straße ist niemand; die Sonne scheint, und sie weiß nicht, ob die Menschen und die Autos schon dort gewesen sind oder noch kommen werden. Der Schweiß rinnt; die Frisur hat sich gelöst. Sie zieht das Essstäbchen aus den Haaren. Es ist lang, spitz und burgunderrot, mehrfach lackiert, damit es glänzt. Windet die Haare erneut, steckt es hinein. Es spannt. Es tut gut, diesen winzig kleinen Schmerz zu spüren. Hans ist Anfang, sie Ende 40, nicht mehr lange, dann ist sie 50. Sechs Jahre Unterschied machen inzwischen mehr aus als die neun, die damals zwischen Arne und ihr lagen. Es wäre so viel angenehmer, wäre sie die Jüngere. Mathilde Munch, sechs Jahre jünger. Mathilde Blehr, sechs Jahre älter. Letzteres wurde Wirklichkeit. Und es war fantastisch, als es anfing. Ihr Leben wäre ein vollkommen anderes gewesen ohne das wahnsinnige gegenseitige Begehren, das Hans und sie empfanden.

Niemand hat mich so geliebt vergöttert wie Hans. Er hätte mir alles gekauft, er hat ein Schloss für uns gebaut. Er wollte mich hier, umgeben von schönen Dingen und schönen Kleidern. Endlich stellte es keine so große Gefahr dar, dass ich Geld hatte, denn das hatte er auch. Er wollte mich besitzen.

»Dieses Haar hat mich verhext; ich muss es einfach besitzen«, hatte Hans gesagt. »Und in dem Zuge muss ich wohl auch dich nehmen«, hatte er zu Tulla gesagt und Agnes verlassen.

Und die drei Kinder.

»Mein Feuer«, sagte Papa.

»Nur weil sie rote Haare hat«, sagten die Schwestern, während sie ihre langen blonden Locken kämmten.

Die nach und nach dunkler wurden und auch nicht mehr so leuchteten. Tullas blieben hell und golden schimmernd. Für immer kleine Schwester, für immer Papas Liebling. Bis er starb.

»Die Tochter von P. A. Larsen«, sagte Edvard immer, so als wäre Papa noch am Leben.

Aber das war er nicht. Er war genauso tot wie Edvards Mutter. Seit ich sechs Jahre alt war, war es meine Mutter, die die Entscheidungen über das Geschäft und uns neun lebende Kinder traf. Drei waren verstorben. Arme Mama. Armer Papa. Edvard hat meine Trauer nie verstanden. Als würde Geld dazu führen, dass man nicht trauert. Zwei Jahre zuvor hatte ich meinen kleinen Bruder verloren, und unser Haus, das fantastische »Løkken«, das alle so liebten, war nie wieder dasselbe. Frithiofs Tod hat sich in den Wänden festgesetzt, hatte Papa zu Mama gesagt, ohne zu wissen, dass ich, die ich erst fünf Jahre alt war, hinter der Tür stand und sie reden hörte. Dann starb auch er. Damals war Mama 47 Jahre alt, genauso alt wie ich jetzt. Die allergrößte Veränderung in ihrem Leben trat ein, als Papa starb. Oder ist es schlimmer, ein Kind zu verlieren?

Als Frithiof starb, bekam Tulla ein Kreuz, das sie immer bei sich trug. Sie sagten: Wenn sie es festhielte und in den Himmel hinaufschaute, dann würde er sie sehen. So was Lächerliches. Aber sie tat es, und es tröstete sie. Er war ihr großer Bruder und bester Freund gewesen, zwei Jahre älter und ihr Held. Letzteres sagten vielleicht nur die großen Schwestern, Cecilie oder Elen, beide waren so alt, dass sie ihre Mutter hätten sein können. Sie sagten es vermutlich, damit sie ihn in guter Erinnerung behielt. So läuft es mit uns. Keine Erinnerung ist objektiv. Das ist irgendein Unfug, den man in der Schule lernt. Aber so ist es schließlich nicht. Vielleicht in der Medizin oder in der Botanik, aber Geschichte ist wirklich nicht objektiv. Tulla hat Nikka Vonens Mädcheninstitut im Vestlandet besucht, zu gewissen Reflexionen ist sie also durchaus in der Lage.

Ein Kreuz, als wären sie gute Christen gewesen. Die Mutter vielleicht. Der Vater jedoch nicht, daran kann sie sich wirklich nicht erinnern. Er ist nie in die Kirche gegangen, abgesehen von Taufen, Konfirmationen und Beerdigungen. Aber davon gab es schließlich einige, auch bevor er gestorben ist. Und Hans – er ist sogar ausgetreten. 1899, nach den Studienjahren in Amerika und vor Japan. Irgendetwas ist in Amerika wohl geschehen, etwas, das ihn zu der Einsicht brachte, dass man nicht um jeden Preis wie seine Eltern leben muss. Vielleicht wollte er kenntlich machen, dass er ein Mann der Moderne war. Zeitgleich zur Hochzeit mit Agnes trat er aus der norwegischen Kirche aus. Aber Tulla bleibt drin, warum, weiß sie selbst nicht recht. Doch, weil ihre Mutter ansonsten so enttäuscht wäre. Weil »alle« in der Kirche sind; sie gehört nicht zu jenen, die ihre Meinung auf dem nächstgelegenen Marktplatz kundtun, so eine ist sie nicht. Hans hingegen ist eigen; daran gibt es keinen Zweifel. Er ist ein Sonderling.

Drüben in Japan ist er Buddhist oder so was geworden. Drei Jahre in einer derart anderen Kultur, wiederholt er unablässig. Drei Jahre dort drüben, das macht etwas mit einem. Jaja, jaja, jaja. Ich hatte auch einige Jahre, die etwas mit mir gemacht haben. In einer anderen Kultur, sozusagen. Ohne dass ich aus diesem Grund aus der Kirche ausgetreten bin. Hätte ich vielleicht tun sollen.

Das Mädchen kommt mit der »Aftenposten«. Tulla zuckt zusammen, als Helene plötzlich im Zimmer steht. Ist sie geräuschlos eingetreten? Hat sie nicht angeklopft?

»Nicht das Mädchen, nicht die ›Aftenposten‹. Sei so gut.«

»Wir müssen das Feld erweitern. Sonst wird es zu eng.«

»Aber die Zeitung?«

»Wir brauchen die Gegenwart.«

»Deine vielleicht. Meine nicht.«

»Jetzt nimmst du die Zeitung, weil du nicht willst, dass Helene versteht, wie sehr du aus dem Gleichgewicht bist.«

»Bin ich das?«

»Ja. Deine Gedanken wandern, ohne dass es dir gelingt, sie zu steuern. Du hast keine Ahnung, was geschehen wird. Es gilt, etwas Handfestes in Angriff zu nehmen.«

Helene reicht ihr die Zeitung, und Tulla nimmt sie. Die Titelseite schreit ihr entgegen. Sie melden heftige Kämpfe nördlich und südlich der Somme.

Die Hitze führt uns in die Irre. Stillstand lässt die Luft flirren, und es fühlt sich an, als stünde die Zeit still. Aber das tut sie nicht. Sie schubst uns weiter, ohne Unterlass, und beständig geschieht etwas Neues. Schreckliche Dinge. Die schönen Orte verschwinden, bald sind sie Erinnerungen, während das, was jetzt existiert, nur ein großer widerlicher Schlammplatz ist, mit Abertausenden verletzten Soldaten und Leichen.

Während man hier im Norden zurechtkommt. Die Schiffsmakler kommen zurecht, nicht zuletzt wenn sie Vertreter von Bergens mächtigstem Schiffsmakler, Joachim Grieg, sind. »Du bist der Konsul von Bergen in Kristiania«, sage ich, und da dröhnt sein Lachen durchs Haus. Zufrieden. Stolz. Selbstgefällig?

Hans spricht von nichts anderem, als dass es für die Firma gut läuft und dass man in diesen Zeiten froh darüber sein muss. Mit dem Krieg und allem. In Anbetracht dessen, wie es den Menschen in Europa sonst geht.

Allerdings hat sie gelesen, dass es hierzulande Geschäfte gibt, die keine Bindfäden und kein Papier mehr haben, um die Waren einzupacken, zudem kaum Waren in den Regalen. Die Menschen sind verschieden. In der »Aftenposten« steht auch ein ironischer Artikel nach dem Motto »Alles ist gut in Norwegen«, eine Art Kritik an Ministerpräsident Knudsen, der alle Sorgen kleinredet, aber gleichzeitig ein Verproviantierungsministerium errichten will. Die Hitze sorgt offenbar dafür, dass das Parlament nicht in der Lage ist, eine ordentliche Debatte zu führen, es wird auch von einem handlungsunfähigen Parlament berichtet. Wozu haben wir dann die Politiker? Kann das niemand in Ordnung bringen?

Es geht einfach immer weiter. Hans hat gesagt, es würde im Nu vorübergehen, aber das tut es nicht. Gott sei Dank sind wir neutral. Aber wie lange soll das andauern? Es ist erst zwölf Jahre her, dass ich mit Arne in Belgien gewohnt habe, direkt nördlich der Somme, und nicht mehr als 17 Jahre seit dem Frühjahr auf dem Kontinent, als ich wieder und wieder auf Edvard gewartet habe. Jetzt sehe ich nur Blut, Körperteile, Bomben und Granaten vor mir. Ich muss Helene bitten, mir die Zeitung nicht mehr zu geben, es sei denn, ich frage danach. Somme! Fast schon Paris.

Den Blick auf die Straße gerichtet, lehnt sie am Fensterrahmen. Einige Zentimeter über dem Boden schwebt vibrierend eine Staubschicht; offenbar ist soeben ein Auto vorbeigefahren. Sie hat nichts bemerkt. Das hier ist wie ein Zufluchtsort, ein Schwebezustand, in dem sie abwarten kann zu entscheiden, ob sie etwas tun soll oder nicht, ob sie sich bewegen soll oder nicht, sich anziehen oder nicht, ein Bad nehmen oder nicht. Sie kann auch entscheiden, sich einen Drink zu nehmen oder die Radiernadel und eine Kupferplatte hervorzuholen. Sie kann sich an den Flügel setzen oder noch einige Minuten untätig stehen bleiben. Das tut sie, und sie lässt die Gedanken schweifen; in ihr regt sich kein Widerstand.

Nichts hängt miteinander zusammen. Ein Vierjähriger überfahren von einem Lkw in der Jens Bjelkes gate! Der Fahrer war zwölf Jahre alt, jünger als Hans junior. Es sollte verboten werden, Kinder Lkws fahren zu lassen. Und hier stehe und stehe und stehe ich, und worauf ich am allermeisten Lust habe, ist ein Drink. Aber nein, nur hier stehen und hinaussehen. Niemand in Kristiania hat so große Fenster in einer normalen Wohnung. Hans hat darauf bestanden, dass ich ein Atelier bekomme. Ich muss malen. Oder vielleicht wieder radieren. Er will, dass ich eine Künstlerin bin. Zumindest manchmal, damit er mich vorzeigen kann, wenn seine Kameraden zu Besuch kommen. Das ist meine Frau, ja, sie malt. Aber sie lässt sich unterbrechen, sie serviert uns Whisky und holt meine Zigarrenschachtel. Selbstverständlich tut sie das, denn sie ist meine Frau. Meine.

»Bist du jetzt nicht ein bisschen ungerecht?«

»Nein, er liebt es, mich vorzuzeigen. Ich bin ein kleines Zebra im Zoo, verstehst du.«

»Aber das ist doch ganz normal? Dass die Ehemänner stolz auf ihre hübschen Frauen sind?«

»Er erzählt ihnen von mir.«

»Was?«

»›Meine Frau hat Edvard Munch verlassen‹, sagt er, holt mit der Hand aus und zeigt mich vor, als wäre ich eine Kuriosität, auf die er stolz ist, sie für seine Menagerie eingefangen zu haben.«

»Wirklich?«

»Selbstverständlich nur, wenn er betrunken ist. Und dann sind es all die anderen auch. Ich mag es trotzdem nicht.«

Hans findet es toll, eine Künstlerehefrau zu haben, die er vorzeigen kann, wenn Freunde ihn zum Abendessen besuchen. Auch wenn das Haus aufgrund der Gütertrennung allein ihr gehört, war er es, der den Bau geleitet hat, und solange er sein Büro im Haus haben sollte, war er der Ansicht, dass auch sie ihr eigenes Arbeitszimmer haben müsse, ein Atelier. Die Radierung, die sie ganz am Anfang der Beziehung von ihm angefertigt hat, hatte einen so starken Eindruck auf ihn gemacht. Dabei war es doch fast nur eine Skizze! Aber er hat auf das Atelier bestanden, und sie stimmte ihm nur allzu gern zu. Sie glaubte wirklich, die Dinge würden sich ändern, dass die Arbeitslust zurückkehren würde. Es ist fünf Jahre her, seit sie beide geschieden wurden und unmittelbar danach einander heirateten. Seit bald zwei Jahren wohnen sie jetzt hier. Der Traum von einem gemeinsamen Heim und einem Neustart ist in Erfüllung gegangen. Hier sollten sie zur Ruhe kommen nach den turbulenten Jahren mit Scheidungen, Umzügen und Hausbau. Als alle getrennte Wege gingen, bekam Agnes für sich und die Kinder einen Unterschlupf in der Eilert Sundts gate; Arne hat zeitweilig bei seiner Mutter im Munkedamsveien gewohnt, während sie und Hans sich jeweils eine eigene Wohnung im selben Haus in der Eckersbergs gate mieteten.

Nach der Hochzeit im Februar 1911 zog Tulla vorübergehend hinunter zu Hans ins Erdgeschoss. Sie würden eine größere Wohnung finden und dann einen Palast bauen, sagte Hans. Nach der Zeremonie gingen sie mit den Trauzeugen essen. Marcus, Hans’ Trauzeuge, erzählte, dass Munch ihm 1895 in Åsgårdstrand ganz spontan ein Gemälde geschenkt habe. Munch habe unablässig von all den hoffnungslosen Menschen gesprochen und heftig über eine schmerzende Hand geklagt. Später hatte Marcus versucht, das Gemälde zurückzugeben, was sich jedoch als unmöglich erwies. Er ist durchaus ein stolzer Mann, sagte er. Der Satz hing in der Luft. Jetzt aber hängt es an deiner Wand, erwiderte Hans dann und lachte. Sein Lachen durchbrach die seltsame Stimmung. Alle stimmten ein. Tulla hatte Alfred gebeten, ihr Trauzeuge zu sein, es sollte einfach gehalten bleiben. Endlich kam die kleine Schwester in geordnete Verhältnisse, sagte er, als er seine Rede hielt und, der Familientradition entsprechend, mit Piper-Heidsieck-Champagner sein Glas erhob. Jetzt müssen wir uns keine Sorgen mehr um dich machen, denn jetzt bist du endlich in einem ordentlichen Hafen angelandet, sagte der eifrige Segler und meinte damit, dass die gesamte Familie erleichtert aufatme, weil mit den Künstlerflausen Schluss und sie wieder eine Dame des Bürgertums war.

In den ersten drei gemeinsamen Jahren hatten Tulla und Hans sich nur darauf vorbereitet, ein ordentliches Leben zu führen. Dann sind sie hier in ihrem eigenen neuen Backsteinhaus in der Tidemands gate gelandet. In diesem Haus sollten sie Ruhe finden. Endlich Zeit füreinander haben. Das werden sie auch. Noch immer kann sich die Zeit hinziehen, und sie kann tun, was sie will. Den ganzen Tag lang.

Aber es gelingt mir nicht, ich schaffe es nicht, mich zu konzentrieren. Nicht einmal hier drinnen, in meinem eigenen Zimmer. Ich habe zu nichts Talent. Ich habe nur Talent zur Nervosität.

Ich will etwas schaffen. Wenn schon nichts Bedeutungsvolles, so zumindest etwas, das nicht nichts ist. Es ist allerdings nicht verwunderlich, dass es mir nicht gelingt, zu radieren oder zu malen oder einfach zu zeichnen. Ich besitze keinen Ehrgeiz, besaß ich nie. Der Wille ist nicht groß genug. Nicht wie bei Hans: Er will Geld verdienen. Er will gut darin sein. Mit Alfred ist es das Gleiche. Er will, dass die Firma wächst, dass alle wissen, P. A. Larsens Weinhandel ist der beste. Warum bin ich nicht so? Würde es wirklich etwas bedeuten, dann könnte ich am Wettbewerb um den Besitz des zerbrechlichsten Porzellans oder des flauschigsten Teppichs oder der schwersten Gardinen teilnehmen. Aber so dumm bin ich dann doch nicht. Manch einer hat einen so starken Willen, dass der Wille anderer pulverisiert wird. Die anderen verlieren nicht nur das kleine bisschen Talent, das sie besitzen, sie verlieren auch den Glauben. Einige erhalten die Erlaubnis, Hauptpersonen zu sein. Andere ziehen sich stillschweigend zurück.

Wieder einmal kehren ihre Gedanken zu Edvard zurück. All die Zeit, die sie darauf verwendet hat, an ihn zu denken, sich nach ihm zu sehnen, sich zu wünschen, ihn zu verstehen. Er entzog sich und zog sie gleichzeitig mit sich. Wenn sie sich begegneten, hatte er Angst vor der Nähe zwischen ihnen. Er wollte sich nicht ergeben, wollte nicht von der Begierde gelenkt werden, vielleicht auch nicht von der Liebe, er wollte es einfach nicht. Manchmal jedoch gelang es ihm nicht, sich dagegen zu wehren. Diese Stunden waren so kostbar, und noch immer suchen sie mitunter flüchtige Erinnerungen an damals heim. Das Intensive, Unmittelbare und Nackte. Sein Blick, seine Hände, als hätte er sie neu erschaffen. Dann der kühle Wind im Nacken, das Gefühl, weggestoßen zu werden.

Die Veränderung, die Edvard wollte – dass ich lese und meinen Horizont erweitere (hm), dass ich male und radiere, um herauszufinden, wer ich bin, oder spazieren gehe, um eins zu werden mit dem großen Ganzen –, all das tat ich, weil er es wünschte. Er, der sagte: Wenn ich mich nur veränderte, dann würde das Wunderbare vielleicht geschehen. Aber alles, was geschah, war, dass ich immer nervöser wurde und er immer kränker und immer gemeiner. Ich veränderte mich verkehrt. Denn mit Ernst und Einsamkeit, Literatur und Radierung kamen die Angst und die Krankheit. Er verstand es nicht. Er, der mein »Sonnenscheingesicht« liebte. Wusste er selbst, was das Wunderbare ausmachte? Vielleicht, dass er sich selbst erlauben könnte, mich zu lieben? Mich zu lieben, ohne zu bereuen? Meine Nähe zu akzeptieren, ohne zu glauben, dass er dann nicht seine große Kunst erschaffen könne?

Sie schaut nicht mehr nach draußen, sondern hat sich, neben dem Schrank stehend, in Gedanken verloren. Den »Schrank der Sünde« nennt sie ihn. Den Schrank in ihrem Atelier. Mit Radiernadeln, Kupferplatten, Ölfarben in kleinen Tuben, Terpentin und Pinseln. Dahinter stehen die Flaschen, gut verborgen. Die Flaschen wiederum verdecken das Schlimmste, das, was sie vor sich selbst verbirgt und dem sie sich fast nie ergibt. Drinnen in der untersten Schublade, unter Skizzen und alten Drucken, liegt ein Bündel Briefe.

»Ich gedenke nicht, sie zu öffnen.«

»Du näherst dich dem Schrank, gehst davor in die Hocke und öffnest die unterste Schublade, suchst nach dem Bündel Briefe und nimmst es heraus.«

»Nein, nicht jetzt, jetzt bringe ich nicht die Kraft dafür auf. Vielleicht später, aber jetzt bin ich so unruhig. Ich brauche ein Gläschen für die Nerven. Das ist doch wohl in Ordnung? Schließlich ist Sommer, und es ist so heiß, dass man nicht in der Lage ist, irgendetwas zu tun.«

»Meine liebe, liebe Freundin, ich werde es wie Hamlet ausdrücken: Geh in ein Kloster, Ophelia.« Sie kennt den Brief auswendig. »Wie er bin ich von Gespenstern umgeben, aber gehst du ins Kloster, dann werde ich dein Bruder sein. Wirst du eine Nonne, wie ich ein Mönch bin, dann geschieht vielleicht das Wunderbare.« Das Wort Mönch hatte er nicht geschrieben, nur ein paar Punkte gesetzt, aber es war eindeutig. Schön konzipiert war das Ganze: auf sieben Zeilen Referenzen zu zwei Schauspielen. »Hamlet«, das in den 1890ern so populär gewesen ist, und »Ein Puppenheim«. Darauf spielte das »Wunderbare« an – das entstehen sollte, wenn Helmer entdeckte, dass Nora ihm das Leben gerettet hatte, indem sie die Unterschrift fälschte. Das heißt, dass es eine Moral über der Moral gab, wobei die beiden in Ebenbürtigkeit und Stolz vereint sein sollten.

Zu diesem Wunderbaren kehrte Edvard beständig zurück, als etwas, von dem er wünschte, dass es letztendlich in unserer Beziehung geschah. Was hat er eigentlich damit gemeint?

Das war eine kurze Nachricht, sicher einer der vielen Zettel, von denen er sprach, die den Ausgangspunkt für den großen Brief, den entscheidenden Brief bilden sollten, in dem alles gesagt werden sollte und auf den er immer wieder zurückkam. Geschrieben hat er ihn nie. Diese Worte jedoch brannten sich ihr ein: Wirst du eine Nonne, wie ich ein Mönch bin. Wirst du eine Nonne, wie ich ein Mönch bin. Wirst du eine Nonne, wie ich ein Mönch bin.

Das Leben ist keine Erzählung. Es gibt keine konsequenten Übergänge von einem Kapitel zum nächsten. Allein das blanke Überleben verbindet die Teile miteinander. Das Leben ist ein Puzzle, dessen Größe sie nicht erahnt. Auch nicht, was für ein Bild es darstellen soll.

Jedenfalls nicht vor dem Tod. Dann werde ich wohl Freiwild erster Güte sein. Zum Glück gibt es keine Nachfahren, die berichten können. Und die Bilder dürfen ihre eigenen Geschichten erzählen. Die Bilder der anderen. Meine sind nichts wert. Ausgenommen vielleicht drei, vier Stück. Werde sehen, was ich mit ihnen mache. Eigentlich müsste man alles verbrennen, wenn man begreift, dass die Zeit naht. Das habe ich nicht getan, bevor ich in Røyken die Morphinflaschen leerte, was wohl der Beweis dafür ist, dass ich auf die Möglichkeit eines neuen Kapitels im Leben, über der Erde, hoffte.

Sie sieht wieder nach draußen, und es ist, als würden noch immer dieselben vier Personen auf der Straße defilieren; es ist, als würde sich dasselbe beständig wiederholen, bis zum Überdruss. Sind fünf Minuten oder fünf Stunden vergangen? Unmöglich zu wissen. Ist die Sonne weitergezogen?

»Warum stehe ich hier?«

»Du wartest.«

»Genau. Das habe ich oft getan.«

»Diesmal auf Hans. Er ist bei Agnes.«

»Aha. Mitten im Sommer?«

»Ihre Pläne haben sich geändert. Sie wollte die Kinder doch bei sich haben.«

Sie haben dich so gern, hatte Hans gesagt, um sie jetzt mitten im Sommer zu einem Aufenthalt in der Stadt zu bewegen. Selbstverständlich musste sie dabei sein, denn auch sie hatte die Kinder in der Tat gern. Besonders die kleine Wenche, die in den ersten Jahren so oft bei ihr und Hans in der Gyldenløves gate gewesen ist. Auch Agnes hatte ein bisschen Abwechslung gebraucht, da Hans sich drei Jahre in Japan aufgehalten hatte, als Hans jr. und Karen Lisbeth noch klein waren. Das war nur gerecht, meinte er, der sich ansonsten nicht sonderlich für die Emanzipation der Frau interessiert. Aber modern ist er. Damit begab sich Agnes auf ihre große Bildungsreise durch Europa, während die kleine Wenche mehrere Wochen bei Tulla und Hans wohnte. Und jetzt wird Agnes doch keinen Film in Dänemark drehen und will, dass die Kinder mit ihr Urlaub machen. Und schwups werden die Pläne geändert, und Tulla befindet sich inmitten des heißesten Sommers im stickigen Kristiania. Sie schwitzt. Hans ist bei Agnes.

Agnes hat ihre Haare rot gefärbt, doch Hans will sie nicht zurückhaben. Aber sie wollte mich haben. Meine Freundin Agnes Mowinckel. Sie ist die Stiefmutter meiner Kinder, sagt Agnes und zählt mich zur Familie.

Meine Frauen, die Künstlerinnen, sagte Hans und bestand darauf, dass sie ihr eigenes Atelier bekam. Hans mag Kunst. Er kauft Kunst. Er kauft Ludvig Karsten, das hat Tulla geregelt. Ein unschuldiger kleiner Wink an den großen Edvard Munch, der das Geld dringender brauchte als der reiche Karsten. Dann kommt Ludvig und trinkt mit den anderen Künstlern, mit denen Hans sich umgibt. Tulla spielt mit den Jungs kein Poker. Sie ist keine Heerführerin, wie Agnes eine war, sondern lediglich eine bildschöne kinderlose Künstlerehefrau, die bei Abendessen und Veranstaltungen zu Diensten steht und die Pokerkameraden begrüßt. Sie kommen her und sitzen von Freitag bis Sonntag da, trinken und spielen. Die Damen dürfen nie dabei sein. Eli Krog ist empört. Tulla versteht das. Schließlich ist Eli besser im Poker als Helge. Trotzdem. Tulla lächelt und denkt, wie herrlich es ist, dem zu entkommen. Es vorbeigleiten zu lassen. Dann haben sie ihre Damenkreise mit umso mehr Sherry und so weiter. So soll es sein. Aber Eli ist so jung und will mehr. Tulla sagt zu ihr: Wenn die Kerle große Männer spielen wollen, dann sollen sie es doch ruhig voreinander tun. Da lacht Eli.

Sherry. Vielleicht ein Gläschen oder zwei. Es ist so heiß, ich bin völlig benommen im Kopf. Jetzt passt es, es ist bald drei Uhr, und schließlich ist Sommer. Ich kann mich ein bisschen raussetzen, es wäre herrlich, ein bisschen im Schatten zu sitzen. Ein Gläschen auf der Terrasse, während ich warte.

»Worauf?«

»Dass Hans kommt und meine Gedanken stört.«

Tulla läutet nach dem Mädchen, bittet darum, draußen auf der Terrasse ein kleines Glas serviert zu bekommen. Einen Oloroso, importiert von Alfred Larsen, dem großzügigen Chef von P. A. Larsens Weinhandel. Gut, dass Wein das Hauptgeschäft ist.

Sollte es auch hierzulande eine Prohibition geben, wird es für Hans schlimmer als für mich. Sherry können sie nicht verbieten, selbst wenn sie Spirituosen verbieten, das wäre doch die Höhe. P. A. Larsens Weinlager muss unendlich sein, acht Keller in ganz Kristiania sind bis zum Rand gefüllt. Was aber soll Alfred machen, wenn es so weit kommt?

Man braucht nicht an die Riviera zu reisen, wenn das Wetter so ist wie jetzt. Tulla geht durch das gespenstische Haus mit schützenden Laken über den Möbeln sowohl im Wohnzimmer als auch im Esszimmer. Sie ist allein, das Haus ist lediglich von ihren Fantasiegestalten bevölkert, denn es ist zu neu, um über Gespenster in den Wänden zu verfügen. Hier ist nichts, nur Sägemehl und Putz und eine allzu lebhafte Fantasie. Und Helene, die sich materialisiert, als wäre sie ein Gespenst. Plötzlich steht sie direkt vor Tulla, mit einem Tablett in der Hand. Geht ruhig hinaus auf die Terrasse, stellt das Tablett auf den Tisch, spannt den Sonnenschirm auf und schenkt den Sherry ins Glas.

»Ich greife ein bisschen zu schnell nach dem Glas. Ich wirke doch wohl nicht verzweifelt?«

»Neeiin.«

»Das war überzeugend!«

»Zumindest nicht sehr verzweifelt.«

Draußen auf der Straße sieht Tulla eine Hand, die winkt, einen Kopf, der nickt. Sie hat keine Ahnung, wer es ist. Wer sind all diese Menschen, die meinen, sie zu kennen? Oder tun sie es? Ist es jemand, den sie vergessen hat? Sie ist so vielen begegnet, war so vielen nahe, die plötzlich wieder aus ihrem Leben verschwunden sind. So ist es, wenn man in zusammenhanglosen Kapiteln lebt. Und dann sind da all die Neugierigen, diejenigen, die Edvards geisteskranke Tiraden über ihre Boshaftigkeit gehört haben, die von einem gehört haben, der von einem gehört hat, der gehört hat, dass sie ihm in die Hand geschossen hat, dass sie ihn hat glauben machen, sie läge im Sterben, dass sie ihn zur Verlobung gezwungen hat, dass sie ihn durch ganz Europa verfolgt hat. All dieses Gefasel, an das sie allesamt glauben, diejenigen, die auf ihn hören. Sie muss sich jetzt wirklich entspannen; alles ist so klamm, so stockend, so beunruhigend. Auf der Terrasse ist es heiß.

Warum kann ich nicht in die Arbeit an einem Bild eintauchen wie früher? Das zumindest konnte ich, es gelang mir, ihn zu vergessen, oder vielleicht bestand der Zweck eher darin, etwas vorzeigen zu können, etwas, das er beurteilen sollte, vielleicht war ich mehr auf sein Urteil aus als auf meine eigene Ruhe bei der Arbeit, aber die kam von alleine. Jetzt ist sie so dringlich, die Sehnsucht nach einem Prozess, in dem ich mich selbst vergesse. Ich konnte an einem Bild arbeiten, und plötzlich waren viele Stunden vergangen, und ich hatte mich selbst vergessen, hatte alles vergessen außer dem Gefühl, das das Bild mir gab.

Allein am Flügel kann ich mich jetzt noch völlig vergessen und einfach nur sein. Das ist herrlich. Es ist nicht mehr wichtig, wie gut ich spiele. Ich spiele die Stücke, die ich von früher kann, und lasse es einfach kommen, wie es kommt. Mozarts Adagio aus dem Klavierkonzert 23 fließt mir aus den Händen. Ambitionen habe ich glücklicherweise nicht. Egal, was Hans meint sagen zu müssen, wenn er doch einmal innehält und zuhört. Vielleicht sind es »die Helden auf Helgeland«, die im Hintergrund spuken. Agnes hat für seinen Geschmack nämlich allzu viele Ambitionen. Und einen allzu großen Willen. Frauen sollen gefallen, hat er gesagt und mich auf seinen Schoß gezogen. Und ich habe mich einfach einfangen lassen. Dann zwitschert die Lerche ein wenig am Klavier, und er hält es für Ambitionen. Das Spielen ist jedoch reine Freude.

Wie schaffst du das, hatten die Schwestern gefragt. So sanfte Töne. So harte. Das ist ein Gefühl, entgegnete sie; ich rede, wenn ich spiele. Sie spielte Klavier, lebte und spielte. Sie hatten ein Lusthaus und Geheimnisse. Und einen Gärtner, der sich um den Garten und das Lusthaus kümmerte. Einen attraktiven, jungen Gärtner aus Schweden. Sie war 16, er 25. Therese gefiel es nicht, dass sie mit ihm sprach, sie herumalberten und lachten, weshalb sie es der Mutter petzte. Ein halbes Jahr später heiratete Therese ihren Vetter zweiten Grades Paul Fredrik Skavlan, den Sohn der kürzlich verstorbenen Gerhardine Bergh, der Cousine der Mutter. Sie hatten sich bei der Beerdigung kennengelernt. Während der Hochzeitsfeier schlich Paul sich an Tulla an und sprach über den Gärtner, stellte allerlei unangenehme Fragen. Männer. Er war ihr viel zu nahe gekommen, hatte Stielaugen gemacht. Das hat sie Therese nie erzählt. Therese wurde zu Frau Amtsrichter Skavlan in Nordland, mit sechs Kindern, bevor sie nach Hamar zogen und Herr und Frau Polizeidirektor wurden.

Und jetzt will die kleine Astrid Skavlan Schauspielerin werden, die Ärmste. Das wird hart. Eine umwerfende Schönheit ist sie nicht. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass es ihr gelingt. Sie hofft sicher, dass ich sie all meinen Freunden am Theater vorstelle, aber nein. So wird man keine gute Schauspielerin, das ist das Erste, was sie lernen muss.

»Es soll von dir handeln.«

»Es gibt keine Handlung.«

»Du bist das Zentrum der Achse, der Mittelpunkt des Kreises.«

»Das wird sehr schnell zur Lüge.«

»Dich umgibt etwas, andere Teilchen, die herumschwirren, die alle in irgendeiner Weise einen Bezug zu dir haben …«

»Aber es hängt nicht zusammen. Mein Leben besteht aus Fragmenten, die nicht zusammenpassen. All die anderen sind interessanter. Agnes, Hans, Arne, Alfred, Aase …«

»Dein Vater?«

»Ja, er war jemand. Er hat die Firma aufgebaut. Ist nach Frankreich und Italien gereist, hat in Import und Export gemacht. Und er war eine wichtige Person in meinem Leben, bis er starb. Ich war sechs Jahre alt.«

»Deine Mutter?«

»Sie war so gewöhnlich.«

»Sie wollte, dass du froh wirst. Zufrieden. Ankommst.«

»Arme Mama.«

Mathilde Elisabeth Larsen, geborene Gløersen, wie sie immer hinzufügte, nachdem ihr Mann gestorben war, wäre so froh darüber, dass die Tochter endlich jemanden wie Hans Blehr gefunden hat. Gute Stellung und hohes Gehalt. Schöner Nachname. Endlich ist die jüngste Tochter in einem redlichen Hafen angelandet, würde sie denken und erleichtert aufatmen. Sie müsste keine Angst mehr davor haben, dass die Zeitungen irgendetwas Schreckliches über Tulla schreiben oder dass Tulla, entmutigt von irgendeinem Abenteuer, nach Hause zurückkehrt.

Ich durchlief eine totale Veränderung, und das bezeichnete Mama als mein großes »Abenteuer«. Es war schließlich eine Lebensnotwendigkeit, und sie selbst war womöglich schuld daran. Denn wie konnte sie nur glauben, dass ich so leben wollte wie Elen oder wie sie selbst? Elen Beate hätte meine Mutter sein können anstatt meine Schwester! Sie war nach Mutters Mutter benannt und trat sowohl in deren als auch in Mamas Fußstapfen als aufopfernde Hausfrau mit großer Kinderschar. Ich war aber nicht wie sie! Außerdem war das eine ganz andere Zeit. Mama dachte, eine Ehe würde mich retten, aber ich konnte nicht und musste etwas anderes finden, das mir als Lebensinhalt dienen konnte. Und es fing so gut an, mit Edvard öffnete sich mir eine neue Welt, zum Schluss aber wurde ich krank und nervös und verlor mich selbst und musste in die Einsamkeit emigrieren, als Nonne abseits des Weges, weil unsere bevorstehende Eheschließung öffentlich gemacht worden war, ohne dass ich etwas davon ahnte, und es machte mich so nervös, dass Mama und die Schwestern und die anderen Erwartungen an mich stellten, deren Ausmaß Edvard keineswegs begriff, und er war gemein und krank, und ich war verzweifelt, und alles war chaotisch. Das Herz schwand und schwand und wurde kleiner und kleiner und härter und härter, bis ich nichts mehr hatte. Weder Tränen noch Schreie. Mein Schrei verschwand, er hatte ihn gestohlen. Hinein in die Bilder damit: Du bist so und so, genau so bist du. Er hat meine Persönlichkeit gestohlen, sie zu etwas umgeformt, das er brauchte, um seine Vorstellungen davon zu bestätigen, wie die Welt zusammenhängt. Aber die Welt hängt nicht zusammen! Nirgends gibt es eine logische Reihenfolge oder einen Zusammenhang, lediglich viel zu dünne Fäden, die nichts anderes tun, als in Stücke gerissen zu werden. Sollte man denn vor Eintreffen der Mysterien des Lebens, bevor sie sich einem offenbaren und einen zwingen, alles andere zu tun als das, was man zu tun gedacht hatte, eine Art Gefühl von Zusammenhang gehegt haben. Aber es gibt keinen. Es gibt nichts, das natürlich etwas anderem folgt.

Mithilfe eines jungen, groß gewachsenen Mannes, der ihr sein Herz schenkte, gelang es Tulla zu vergessen weiterzukommen. Arne Kavli war das Beste, was mir passieren konnte. So gut. So jung. Zudem war er ein talentierter Kunstmaler. Sie ließ sich lieben, und sie ließ sich malen. Ich schaffte es, Edvard zu vergessen. Prost. Gunnar Heiberg war ein guter Freund, der ihr in der Not geholfen hat. Prost.

Ich vergesse nicht, was Gunnar gesagt hat: »Jetzt lässt du dich lieben, Tulla. Schließ dich nicht ein, werde nicht bitter. Das hat der große Edvard Munch trotz allem nicht verdient. Dass er nicht lieben kann, muss Strafe genug sein.« Gunnar ordnete die Dinge ein. Er konnte recht intim sein, obwohl wir niemals eine Romanze hatten, unabhängig davon, was für Gerüchte eine gewisse Person dahingehend verbreitet hat. Dafür bin ich Gunnar auf ewig dankbar. Trotz seiner »Tragödie der Liebe«. Aber die kam danach.