Schatten der Vergangenheit: Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden - Dunja Voos - E-Book

Schatten der Vergangenheit: Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden E-Book

Dunja Voos

0,0

Beschreibung

Was können Sie tun, um ein Trauma liebevoll zu heilen?   Wohl jeder von uns ist auf die eine oder andere Art traumatisiert. Erlebnisse, die uns psychisch überfordern, können uns sehr lange verfolgen.   Sehr schwierig wird es mit solchen Traumata, die wir bereits in der frühen Kindheit erlitten. Gewalt oder Vernachlässigung durch die Eltern oder andere nahestehende Bezugspersonen lassen sich kaum verkraften.   Was wir erlebten, bevor wir sprechen konnten, daran haben wir keine bewusste Erinnerung. Auch spätere schwere Traumata sind oft kaum greifbar, weil wir sie verdrängt haben. Wir leiden jedoch enorm unter Ängsten und Anspannung und empfinden das Zusammensein mit anderen Menschen als belastend. Wir fühlen uns einsam und verzweifelt. Wir müssen ähnliche Situationen immer wieder mit anderen herstellen, um sie zu begreifen.   Dieses Buch zeigt Ihnen, - wie Traumata entstehen - welche Traumata besonders schlimm sind - wie Angststörungen, Borderline-Störungen und Depressionen mit frühen Traumata zusammenhängen können - was Sie tun können, um das Trauma "in Angriff zu nehmen" - welche Therapieformen hilfreich sein können.  Traumatische Erfahrungen können ein Leben lang wirken – wie Sie diese in Ihr Leben integrieren und dadurch Tiefe und Kreativität erlangen können, wird Ihnen in diesem Buch nahegebracht.   Das Buch wurde psychoanalytisch ausgerichtet und möchte Sie dazu einladen, die Dinge aus einer Richtung zu sehen, die Sie vielleicht noch nicht bedacht haben. Psychoanalyse ist in ganz besonderem Maße auch Traumatherapie und bietet damit eine gut erforschte Grundlage, mit Hilfe derer Sie den nächsten Schritt gehen können, um ein Trauma zu behandeln.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 216

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0

Beliebtheit




Dunja Voos

Schatten der Vergangenheit: Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Übersicht

 

Schatten der Vergangenheit

 

Trauma liebevoll heilen und innere Balance finden

 

 

Copyright © 2020 – Dunja Voos

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

 

Die Rechte des hier verwendeten Textmaterials liegen ausdrücklich beim Verfasser. Eine Verbreitung oder Verwendung des Materials ist untersagt und bedarf in Ausnahmefällen der eindeutigen Zustimmung des Verfassers.

 

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Das Trauma

Rangordnung von Traumata

Jedes Trauma ist höchst individuell

Transgenerationale Traumata durch Krieg

Flucht und andere Katastrophen

Das tiefe Kindheits-Trauma: der vorsprachliche Bereich

Die psychischen Folgen früher medizinischer Therapien

Gewalt von Müttern am Baby

Das Kindheits-Trauma im sprachlichen Bereich

Sexueller Missbrauch

Das Monotrauma: Leon und der Reit-Unfall

Die Folgen des Traumas und Wege hinaus

Wut und Hass

Selbstmordgedanken und essenzielle Lebensfragen

Isolation und der Weg hinaus

Schuldgefühle verstehen

Zärtlichkeit erlernen

Die Abwehr des Bösen in uns

Körperliche Folgen

Soziale Folgen: Geld und Trauma

Psychische Folgen

Schwere Konflikte

Dissoziation: Wenn wir Denken und Fühlen voneinander trennen

Der traumatische Zustand

Schlaf, Traum und Trauma

Angststörung und Trauma: „Es ist, als wenn ich sterbe“

Adipositas und andere Essstörungen

Traumata reduzieren die Mentalisierungsfähigkeit

Enge Innenräume erweitern

Berührungsmangel

Die überwältigende Mutter in mir – Trauma und die „inneren Objekte“

Rein tut’s weh und raus tut’s weh

Der Umgang mit Trauma in der Gesellschaft

Überall wird getriggert

Und wenn der Trigger die nahe Zweierbeziehung an sich ist? – Beziehungsangst

„Und wo bin ich?“ – Opfer und Täter erkennen

Wohin mit dem Hass, wohin mit der Liebe?

Hilfen

Von Tigern, EMDR und Energie-Befreiung

Wie Yoga helfen kann

Trauma und Medikamente

Was Heilung verhindert

Von der Lust am Gequältwerden

Masochistischer Triumph

Die Passivitätsschiene: „Ich will jetzt umsorgt werden!“

Leiden mit Biss: Wie Psychoanalyse helfen kann

Psychoanalyse ist auch Traumatherapie

Was darf und was darf nicht in einer Psychotherapie?

Übertragungen in der Therapie und im Alltag

Psychoanalyse bedeutet „Retraumatisierung in Mini-Schritten“

Und was ist mit dem Körper?

Keine Angst vor der Wahrheit mehr – über Schuld und Scham

Das Trauma heilen: Was hilft?

Natur hilft

Bildung hilft

Wärme hilft

Jede Sekunde zählt, jeder Tropfen hilft

„Enter Zen from there“ – Wo mit dem psychischen Aufräumen beginnen?

Das Leben mit dem Trauma – Eine Lebensmeditation aus dem Trauma machen

Tipps bei traumatischen Anspannungen

Literatur

 

 

 

Vorwort

 

Ich freue mich, dass Sie zu diesem Buch gegriffen haben. Wohl jeder Mensch ist auf seine eigene Weise traumatisiert. Mir ist es ein Anliegen, Ihnen etwas Orientierung in diesem wichtigen und oft undurchschaubaren Gebiet zu geben. Schon lange habe ich nach einer Gelegenheit gesucht, meine Gedanken zum Thema „Trauma“ zu bündeln – dies wurde jetzt dank meines Herausgebers, Vladislav Kaufman, möglich.

 

Als Betroffene weiß ich selbst, wie verloren man sich fühlen kann und wie sich die kraftraubende Suche nach der passenden Psychotherapie anfühlt. Ich habe großes Glück gehabt, dass ich nicht in die „Psychiatrie-Maschinerie“ geraten bin, indem mich der Zufall oder der Instinkt direkt zu Psychoanalytikern geführt hat, die sich meiner jahrelang angenommen haben. Zwischendurch ging ich sozusagen in die Mitte, wurde Medizinjournalistin und beleuchtete das Thema lange aus wissenschaftlicher Sicht. Ich las eine Studie nach der anderen und schrieb darüber.

 

Schließlich kam die Therapeutenseite hinzu: Ich wurde selbst Psychotherapeutin und sammelte Erfahrungen als Ärztin in einer verhaltenstherapeutischen Tagesklinik. Als angehende Psychoanalytikerin in eigener Praxis kann ich nun seit einigen Jahren dank eigener Lehranalyse und mutiger Patienten das Trauma noch einmal aus einer ganz neuen Perspektive betrachten – fernab von Lösungsansätzen, Ressourcen und positivem Denken.

 

Mithilfe der Psychoanalyse erhalte ich einen Blick in die Tiefen des Traumas – sowohl bei mir selbst als auch bei den Patienten, die sich mir anvertrauen. Je länger ich diese Arbeit mache, desto absurder kommt es mir manchmal vor, wenn irgendwo von „effektiver“ und „rascher“ Hilfe die Rede ist. Tief sitzende Traumata sind hochkomplex und hochindividuell. Da kann man sich nur mit äußerster Vorsicht und viel Respekt heranwagen. Angesichts des Leids, das viele Menschen erfahren haben, kommen mir „therapeutische Strategien“ oder „Behandlungen nach Anleitung“ enorm leer vor.

 

Heute geht der Trend zu kurzen Behandlungseinheiten, zu Medikamenten und – wenn „alles“ nicht hilft – auch wieder zur Elektrokrampftherapie (EKT) hin. Doch wenn es heißt, der Patient hätte schon „alles“ versucht, ist die Psychoanalyse (in Form einer Langzeittherapie) nur selten in der Auflistung dabei.

 

In diesem Buch spreche ich sehr viel über die Psychoanalyse, weil ich sie selbst für das wirksamste Verfahren bei tiefgreifenden Traumata halte. An einigen Stellen können Sie „Psychoanalyse“ gedanklich auch durch die Begriffe „intime Beziehung“ oder „intensive Psychotherapie“ ersetzen.

 

Ich möchte Sie nicht entmutigen, wenn ich schreibe, wie gut die Psychoanalyse wirken kann, Sie selbst aber aus den unterschiedlichsten Gründen keine Psychoanalyse machen können oder wollen. Es führen viele Wege nach Rom.

 

In der Fernsehdokumentation „Meerjungfrauen“ (Canada, 2018, Ali Weinstein) wird gezeigt, wie zwei schwer traumatisierte Menschen ihre persönliche Heilung in der liebevollen Partnerschaft und im Schwimmen im Meerjungfrauen-Anzug fanden. Dabei wird deutlich, wie wichtig es ist, ein eigenes Projekt zu haben, einen Traum zu verfolgen und wirklich etwas zu wollen. Die Liebe, das Getragenwerden im Wasser und das Gehaltensein durch die Schwanzflosse wirkte auf diese Betroffenen enorm befreiend und nachhaltig heilsam.

 

Obwohl ich in diesem Buch vorrangig aus psychoanalytischer Sicht über das Trauma schreibe, werde ich zahlreiche andere Traumatherapien aufzeigen, wobei ich insbesondere den Körper in die Betrachtung miteinbeziehe, denn die Körpererfahrungen sind ein wichtiger Bestandteil des Traumas und dessen Behandlung. Schon Sigmund Freud (1923) hatte die grundlegende Bedeutung des Körpers erfasst und schrieb: „Das Ich ist vor allem ein körperliches.“

 

Besonders wichtig erscheint es mir dabei auch, die Einsamkeit und die innere Leere zu betrachten und vielleicht etwas Erfüllendes für sich zu finden. Vielleicht finden Sie die Erfüllung unter anderem in der intensiven Suche nach der Wahrheit.

 

Ich hoffe, Ihnen in diesem Buch neue Denkanstöße zu geben. Vielleicht fühlen Sie sich hier und da verstanden, vielleicht mögen Sie mir aber an manchen Stellen auch entschieden widersprechen, weil Sie ganz andere Erfahrungen gemacht haben. In meinem Blog www.medizin-im-text.de finden Sie unter dem Stichwort „Trauma“ einiges aus diesem Buch wieder – dort können Sie gerne Kommentare schreiben und sich über dieses Buch hinaus weiter informieren.

 

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichte ich auf das Gendern und meine immer auch das andere Geschlecht. Ebenso schreibe ich sehr oft von der „Mutter“. Sie ist eben – auch wenn sie fehlte! – die bedeutsamste Person im Leben der meisten Menschen. Das Wort „Mutter“ kann jedoch an vielen Stellen auch durch den Ausdruck „die nahestehendste Bezugsperson“ ersetzt werden.

 

Nun wünsche ich Ihnen viel Freude beim Lesen dieses Buches.

 

Das Trauma

 

„Was wäre denn das Schlimmste, was Sie sich vorstellen können?“, fragt die junge Therapeutin einen älteren Patienten, der mit großer Angst vor ihr sitzt. Sie hatte in ihrer Ausbildung gelernt, dass man mit dieser Frage Angst reduzieren könne, denn meistens kämen die Menschen zu dem Ergebnis, dass das, was am Ende der Befürchtungen steht, letzten Endes gar nicht so schlimm ist.

 

Der Patient schaut die Psychotherapeutin bei dieser Frage hoffnungslos an. Ihm fehlen die Worte. Er leidet unter einer namenlosen Angst. Er hat so Unvorstellbares erlebt, dass es sich die junge Therapeutin in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen könnte.

 

„Es gibt die Hölle“, denkt der Patient. Doch er spürt, dass die junge Frau, die ihm da gegenübersitzt und helfen will, keine Ahnung davon hat, was mit einem Menschen geschehen kann. Oder aber sie hat Ahnung, konnte aber selbst noch nicht an ihre eigene Wunde herankommen. Der Patient antwortet: „Ich weiß nicht …“, ständig antwortet er so. Die Therapeutin notiert: „Patient arbeitet schlecht mit. Fehlende Motivation. Für unser Behandlungskonzept geeignet?“

 

Gespräche wie diese habe ich oft miterlebt oder von Patienten erzählt bekommen. Sie zeigen mir, dass gerade auch in der Welt der Psychotherapie nicht immer ein Verstehen in der Tiefe vorhanden ist.

 

Das „Trauma“ – es ist ein großes Wort und unzählige Vorstellungen hängen daran. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Wunde“. Das Trauma, also hier im Sinne von psychischer Verletzung, kennen wir aus Filmen: Da gibt es ein traumatisches Erlebnis, einen Unfall, einen Überfall, eine Explosion. Danach wird das Opfer immer wieder getriggert: Wenn es Situationen sieht, die dem dramatischen Geschehen gleichen, hat das Opfer wiederkehrende Bilder im Kopf, sogenannte „Flashbacks“. Der Betroffene macht dann eine Traumatherapie und alles wird besser.

 

Nicht selten werden Traumata relativ simpel dargestellt. Da kommt die Patientin in die Klinik und gibt an, sie sei von ihrem Onkel missbraucht worden. Und schon scheint alles klar zu sein. Die Ursache scheint offensichtlich, die Therapie kann beginnen. Ob im Film oder im Klinikalltag: Mir kommt das Bild, das von „Trauma“ vorherrscht, oft sehr vereinfacht vor. Du brichst dir seelisch ein Bein, kommst in eine trauma-therapeutische Spezialklinik, leidest unter Flashbacks, kommst dann aber wieder auf den Weg der Besserung.

 

Wenn das so einfach wäre! Solche Darstellungen haben oft nur wenig mit der Realität zu tun. Wenn ich von Patienten höre, welch unsägliches Leid sie erfahren haben und sie mir dann erzählen, dass ihnen lediglich progressive Muskelentspannung empfohlen wurde, dann kommt in mir fast so etwas wie eine Scham für die Psychotherapie auf. Wenn ich Berichte von Folteropfern höre, dann möchte ich gar nichts mehr sagen oder empfehlen. Ich möchte dann nur noch zuhören – und still sein.

 

Wenn wir aus psychoanalytischer Sicht von „Trauma“ sprechen, meinen wir in den wenigsten Fällen das „Trauma“. Es bedeutet in den wenigsten Fällen ein umschriebenes Ereignis, das zu logischen und nachvollziehbaren Symptomen führt und das durch Konfrontation und eine relativ kurze Traumatherapie bearbeitet werden kann. Wenn es sich um ein so umschriebenes Geschehen handelt, sprechen Psychotherapeuten von einer „einfachen posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS).

 

Das Trauma, um das es hier im Buch gehen soll, ist eine fortgesetzte Reihe von unzähligen, schweren, psychischen Verletzungen, die bereits in der Kindheit erlitten wurden und sich bis ins Erwachsenenleben hinein wiederholten und fortsetzten.

 

Schon der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, schrieb im Jahr 1910:

„Es war nicht immer ein einziges Erlebnis, welches das Symptom zurückließ, sondern meist waren zahlreiche, oft sehr viele ähnliche, wiederholte Traumen zu dieser Wirkung zusammengetreten.“ (Freud, 1910)

 

Das Ergebnis dieser vielen Traumata nennt sich „komplexe posttraumatische Belastungsstörung“ (kPTBS). Auch wer eine „frühe Störung“, eine Borderline-Störung, eine Schizophrenie oder eine „Grundstörung“ (Balint, 1979) hat, der hat meistens mit den Folgen schwerer Traumatisierungen zu kämpfen. Gerade Kinder sind höchst anfällig für Traumata, weil sie noch kein festes „Ich“ haben. Schon allein, wenn die Mutter die Signale des Babys nicht gut verstehen kann, sodass das Kind ständig an einem „Nichtpassen“ zur Mutter leidet, kann dies wie eine Reihe traumatischer Erfahrungen wirken.

 

Es geht um zahlreiche „Mikrotraumatisierungen“ in der Kindheit, die durch ihre Vielzahl zu einem Riesen-Trauma-Berg wurden. Oft können die Betroffenen gar nicht sagen, was „das Trauma“ genau war – bei vielen gibt es noch nicht einmal ein schlimmes Ereignis, an das sie sich erinnern könnten und dennoch weisen sie alle Anzeichen einer schweren Traumatisierung auf.

 

Der Psychoanalytiker Gottfried Fischer und der Kinderpsychiater Peter Riedesser (2009) teilen den Begriff „Trauma“ auf und sprechen von der traumatischen Situation, die zu der Verletzung führte, der traumatischen Reaktion, mit welcher der Betroffene akut reagierte und dem traumatischen Prozess, den der Betroffene möglicherweise sein Leben lang durchläuft, um das Trauma zu verarbeiten.

 

„Aber bei mir war da ja gar nichts!“, sagt eine Patientin, die psychisch schwer leidet, sich aber nicht an Gewalt in der Kindheit erinnern kann. Doch genau dieses „da war ja gar nichts“ kann zu einem großen Problem werden. Bei manchen geht es um das Trauma des Alleingelassenwerdens und der Verwahrlosung in der Kindheit. Die Betroffenen leiden unter einer unbeschreiblichen, inneren Leere oder wiederkehrenden Anfällen großer Angst, ohne dass sie einen Auslöser festmachen könnten.

 

Wir sprechen über wabernde Atmosphären im unguten Zuhause, wo niemand so genau weiß, was da eigentlich passiert ist. Wir schauen uns Rätselhaftes, „verdorbene Lebensläufe“, Einsamkeit, Geldnöte, erbärmliche Bildungsmöglichkeiten und großes, oft verstecktes Leid an. In diesem Buch es geht auch um das frühe Beziehungstrauma zwischen Mutter und Kind, das es den Betroffenen später oft extrem schwermacht, befriedigende Beziehungen zu führen. Es geht um die Hilflosigkeit, die daraus entsteht und um mögliche Wege heraus aus dem Sumpf.

 

Traumatisierte Menschen sagen oft „ich weiß nicht“ oder sie sprechen von „das“, womit sie gleichzeitig ihren furchtbaren, inneren Zustand und die Erinnerungen meinen.

„Das kommt immer wieder. Wenn das dann da ist, fühle ich mich wieder wie früher.“ So könnte ein typischer Satz eines traumatisierten Menschen lauten. Wenn man fragt: „Was meinen Sie denn mit „das“? Können sie es genauer beschreiben?“, dann können die Betroffenen nur wenig dazu sagen. „Das komische Gefühl da“, sagen sie vielleicht.

 

Oft kann man „das“ auch durch „es“ ersetzen. „Es“ ist zum einen das unbeschreibliche Geschehen, zum anderen ist es aber auch unser Unbewusstes. Nach Sigmund Freud besteht unsere Psyche aus einem steuernden „Ich“, einem „Über-Ich“, also sozusagen dem Gewissen, und dem „Es“, womit unter anderem die Triebe und das Unbewusste in uns gemeint sind. Im Unbewussten liegen sowohl unsere verdrängten Erinnerungen als auch „Teile“ unserer Psyche, die schon immer unbewusst waren und uns nie bewusst geworden sind.

 

Zu den Zielen der Psychoanalyse gehört dieser Satz, den Sigmund Freud 1933 in seiner 31. Vorlesung formulierte: „Wo Es war, soll Ich werden.“ So kann der Betroffene wieder etwas mehr Herr seiner Selbst werden.

 

Vielleicht gehören Sie auch zu den Betroffenen, die manchmal zur Einsamkeit verdammt zu sein scheinen. Vielleicht litten Sie schon unter Kindergarten- und Schulangst und haben heute Schwierigkeiten, Ihre beruflichen Ziele zu erreichen. Es fällt Ihnen vielleicht schwer, Ihre Aggressionen zu kontrollieren und sich emotional oder körperlich berühren zu lassen.

 

Zärtlichkeit ist etwas, das Sie sich ersehnen, doch was Sie vielleicht nur relativ selten erleben. Vielleicht begeben Sie sich immer wieder verzweifelt auf die Suche nach Hilfe, ohne wirklich zufriedenstellende Hilfe zu finden. Obwohl unser Gesundheitssystem von Hilfsangeboten nur so wimmelt, verlieren Sie sich vielleicht in den vielen Möglichkeiten und fühlen sich immer wieder erneut alleingelassen.

 

Viele Betroffene versuchen es mit Meditation, Bewegung und Sport, mit spezifischen Traumatherapien aller Art, mit Massage, mit dem Eintritt in eine religiöse Gemeinschaft und vielem mehr. Doch was im Grunde oft fehlt, ist eine vertrauensvolle und langjährige Beziehung zu einem Menschen, der das Thema „Trauma“ zutiefst verstanden hat und über professionelles Wissen und Techniken zur Linderung des Leidens verfügt. Hier kann gelten, was der arabische Psychoanalytiker Gehad Mazarweh (2015) in einem Radiobeitrag sagte: „Trauma ist nicht zu behandeln. Wer einmal diese Schädigung erfahren hat, wird sich niemals in diesem Leben zurechtfinden. Nie.“

 

Das hat etwas Erschreckendes, aber auch Tröstliches: Der Traumatisierte, der denkt: „Hab ich’s denn immer noch nicht begriffen?“, kann von seinem „Erfolgsdruck“ befreit werden, wenn er weiß, dass sich manches wirklich nicht beheben lässt. Und doch möchte ich Ihnen mit diesem Buch natürlich auch Hoffnung machen, denn die Gefühlswelt kann sich im Laufe des Lebens stark verändern.

 

Sigmund Freud schrieb 1916, dass die Menschen regelrecht in ihrem Trauma feststecken und gibt ein Beispiel von zwei Patienten: „Beide Patienten machen uns den Eindruck, als wären sie an ein bestimmtes Stück ihrer Vergangenheit fixiert, verständen nicht, davon freizukommen und seien deshalb der Gegenwart und der Zukunft entfremdet. Sie stecken nun in ihrer Krankheit, wie man sich in früheren Zeiten in ein Kloster zurückzuziehen pflegte, um dort ein schweres Lebensschicksal auszutragen.“

 

Und dennoch würde ich sagen, dass das eine, das Trauma, nie vergeht und doch etwas zweites, eine Heilung, entstehen kann. Es entstehen sozusagen zwei Ebenen, die miteinander kommunizieren: Die Erschütterung wird langsam zu einer Ebene, die sich mit mehr Abstand zeigt und daneben wächst eine gesunde Ebene, in der man sich zunehmend einrichten kann.

 

Heilung besteht für mich darin, dass man von der gesunden Ebene aus mit dem Trauma kommunizieren kann und oft auch umgekehrt: Wenn man im traumatischen Zustand feststeckt, dann ist das „Gesunde“ nicht mehr so weit weg – es ist greifbarer, denkbarer, fühlbarer und stellt sich schneller wieder ein. Man kann das traumatische Erleben sozusagen von innen heraus beobachten.

 

Ein tief sitzendes Trauma, das einem das Leben sehr erschwert, ist fast immer durch schreckliche Beziehungserfahrungen und Gewalt entstanden. Sich allein hinzusetzen und zu meditieren, kann viel bewegen, doch es ist meistens schwierig, ein Beziehungstrauma nur aus eigener Kraft zu lindern. Wie auch immer Heilung aussehen mag: Für jeden bedeutet sie vielleicht etwas anderes und jeder findet seine eigenen Helfer und seinen eigenen Weg.

 

 

Rangordnung von Traumata

„Meine seelische Verletzung ist schlimmer als deine“, mögen wir insgeheim denken, wenn wir wieder sehr verzweifelt sind und ein anderer von seinem Leiden erzählt. Doch geht das eigentlich? Gibt es sozusagen eine „Rangordnung“ unter den Traumata?

 

Die Antwort ist relativ einfach: Das eigene Trauma ist immer das schlimmste.

 

Jeden Tag müssen Sie selbst mit dem zurechtkommen, was Sie erlebt haben. Es sitzt in Ihrem Körper, in Ihren Erinnerungen, in Ihrem täglichen (Er-)Leben und es ist sehr individuell. Jedes Trauma ist einzigartig – daher ist es für viele auch so schwierig, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen oder andere Menschen zu finden, denen es genauso geht. Denn jeder hat etwas anderes erlebt und es hängt von vielen Faktoren ab, wie schwer sich das traumatisch Erlebte auswirkt.

 

Beispielsweise verbirgt sich hinter dem allgemeinen Begriff „sexueller Missbrauch“ eine ganze Palette von Möglichkeiten: Wer war der Täter? War es eine fremde oder eine nahestehende Person? Spielten Drogen- und Alkoholmissbrauch eine Rolle? Litt das Opfer zusätzlich unter Verwahrlosung in Armut oder Wohlstandsverwahrlosung? Erfuhr das Opfer „nur“ grenzüberschreitende Worte oder anzügliche Berührungen oder gar Penetrationen? Wie lange dauerte der Missbrauch? Welche Bedeutung hat das Geschehen für das Opfer selbst? Konnte der Betroffene dennoch eine eigene Familie gründen und blieb er arbeits- und genussfähig?

 

Die Antwort auf diese Fragen fällt bei jedem Betroffenen anders aus und das ist auch der Grund, warum sich die meisten schwer traumatisierten Menschen so einsam fühlen. Ein Betroffener sagt: „Obwohl ich schon lange eine Selbsthilfegruppe für Opfer sexuellen Missbrauchs besuche, habe ich immer das Gefühl, dass die anderen mich doch nicht so ganz verstehen. Bei mir war es eben ganz anders.“

 

Sicher spielt auch die Dauer der traumatischen Einwirkung eine Rolle. Wer jahrelang auf der Flucht war, Krieg und Vertreibung erlebte, der hat ein anderes Trauma als jemand, der am 11. September 2001 in New York war. Und doch können sich die Betroffenen einer jeden Erfahrung am Ende wie zerstört oder aber auch wie zum Glück irgendwie verschont und heilgeblieben erleben, je nachdem, wie die Umstände und Vorerfahrungen waren.

 

Wie viel Gewalt von einem anderen Menschen ausging, ob man selbst eine stützende Familie hat, ob man eine gute Kindheit hatte oder nicht – all das fließt in die Verarbeitung eines Traumas mit ein. Traumata lassen sich niemals miteinander vergleichen. Häufig geht es nach den traumatischen Ereignissen um die Frage: Wem kann ich noch vertrauen und wie ist mein Bild von der Welt und den Menschen? Wie traumatisch eine Erfahrung erlebt wird, hängt unter anderem davon ab, in welchem Ausmaß das Leid durch andere Menschen entstand und ob sie uns nahestanden oder nicht.

 

Ein Erdbeben kann beispielsweise höchst tragisch sein – Menschen können dadurch Angehörige, ihr Hab und Gut und auch ihr Zuhause verlieren. Das Leid ist nur für jene nachvollziehbar, die so etwas selbst einmal erlebt haben. Doch ein Erdbeben ist eine Naturgewalt, für die niemand etwas kann. Der Betroffene selbst und die engen Beziehungen, die er hat, bleiben oft auf eine gewisse Art frei von tiefen Beziehungsverletzungen. Die Beziehungen können zwar unter den Folgen des Bebens erheblich leiden, doch gegen eine Naturgewalt kommt der Mensch einfach nicht an und dieses Wissen kann etwas Versöhnliches haben. Andererseits könnte man sagen: „Wenn selbst Mutter Erde sich gegen uns wendet – was kann es Schlimmeres geben?“

 

Opfer eines Gewaltaktes, z. B. einer Vergewaltigung, zu werden, ist unbeschreiblich, doch wenn der Täter ein Fremder war, kann das bedeuten, dass die bisherigen vertrauten Beziehungen nach der Verarbeitung der anfänglichen Erschütterung weiterhin gut funktionieren können. Opfer von sexueller Gewalt durch den Ehemann oder einen nahen Verwandten zu sein, hat meistens eine andere Ausprägung. In beiden Fällen wird die Grenze des eigenen Körpers verletzt, doch für viele Opfer ist es entwürdigender und schwerer zu ertragen, wenn der Täter ein Nahestehender war.

 

Auch bei einem einmaligen Überfall durch einen Fremden ist das Opfer zutiefst verunsichert, schwer verängstigt und mit körperlichen und seelischen Folgen beschäftigt, doch die Beziehungsfähigkeit kann im Grunde erhalten bleiben, auch wenn Misstrauen gewachsen und das Vertrauen in die Welt und die Mitmenschen erschüttert ist.

 

Doch wenn das Opfer schon vor dem Ereignis unter ungünstigen Verhältnissen litt und in unsicheren Bindungen groß geworden ist, kann hier erheblicher Schaden entstanden sein. Durch das Gefühl, nie wieder da rauszukommen, was geschehen ist, haben viele Betroffene immer wieder Suizidgedanken. Das Trauma in ihnen ist „unsterblich“ und kann sozusagen nur beendet werden, indem der ganze Mensch stirbt, so der Gedanke.

 

Wenn der Täter ein nahestehender Mensch war, z. B. der Vater oder die Mutter, dann wird das Opfer in seinen Grundfesten erschüttert. Insbesondere wenn die Mutter in der frühen Kindheit traumatisierend einwirkt, ist das verheerend, denn sie hat einen entscheidenden Einfluss auf die psychische Entwicklung ganz zu Beginn unseres Lebens.

 

Wie das Kind die Welt sieht, hängt ganz besonders davon ab, wie sich die frühe Beziehung zur Mutter gestaltete. Meistens ist es die Mutter, die uns am nächsten steht – ob im positiven oder im negativen Sinne. Schließlich haben wir neun Monate in ihrem Leib verbracht.

 

Wenn die eigene Mutter sich gegen einen richtet, dann ist es für die Psyche mit das Schlimmste, was passieren kann, denn die ursprünglichste aller Beziehungen und die eigene Person werden dadurch in ihren Grundfesten angegriffen und beschädigt. Hier entsteht bei den Betroffenen oft das Grundgefühl, dass die Welt ein unheilvoller Ort und das Leben sinnlos ist.

 

Wenn wir also nach der Rangfolge der Schwere von Traumata fragen, lässt sich in gewisser Weise sagen: Je weiter das Trauma weg ist von der engen Beziehung zu einem nahestehenden Menschen, desto weniger tiefgreifend wird es unter Umständen erlebt, auch wenn bei jeder Form von Trauma die Erschütterung extrem tief sitzen und sich lebenslang auswirken kann. Jedes Trauma kann prinzipiell komplett zerstörend wirken.

 

 

Jedes Trauma ist höchst individuell

 

Hinter dem Begriff „Trauma“ verbergen sich höchst unterschiedliche Erlebnisse. Die Welt der Traumata ist so vielfältig, wie wir es uns in unseren kühnsten Phantasien kaum ausmalen mögen. Die Geschichten, die Geflüchtete und Kriegsgeschädigte manchmal erzählen, sprengen jede Vorstellung. Einmal behandelte ich eine Patientin, die in ihrer Ursprungsfamilie im Ausland so gequält wurde, dass ich mich nach den Sitzungen lange erholen musste. Dass auch Therapeuten durch die Geschichten der Patienten auf eine gewisse Art traumatisiert werden können, ist lange bekannt.

 

Mit diesem Kapitel möchte ich aufzeigen, wie schwierig es ist, den Begriff „Trauma“ einzugrenzen. Immer wieder begegnen mir Patienten, die mich fragen: „Können Sie mir eine Klinik empfehlen, die auf Trauma spezialisiert ist?“

 

Mit „Traumaspezialisierung“ ist häufig gemeint, dass die Kliniken oder Therapeuten bestimmte Therapiemethoden anwenden, wie z. B. das Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR), die Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (Tf-KVT), Tension and Trauma Releasing Exercises (TRE) sowie Imaginationsübungen.

 

Ich antworte auf die Frage nach einer Empfehlung dann meistens so: „Aus meiner Sicht ist jedes Trauma so individuell und so tiefgreifend, dass ich Ihnen raten würde, sich einen Psychotherapeuten zu suchen, bei dem Sie sich verstanden fühlen und bei dem Sie sich eine Therapie über einen langen Zeitraum vorstellen können.“

 

Transgenerationale Traumata durch Krieg

 

Im Laufe meiner Arbeit sind mir einige Familien begegnet, die sich mit den Folgen des zweiten Weltkrieges beschäftigten. Auffallend war nicht selten, dass diejenigen, die selbst den Krieg miterlebt und überlebt! hatten, häufig ein hohes Lebensalter erreicht hatten. Trotz aller Qualen im Krieg wurden die Betroffenen 80, 90 Jahre oder sogar älter. Hingegen wurden ihre Kinder manchmal nur halb so alt, obwohl sie in friedlichen Zeiten aufwuchsen. Wie lässt sich das möglicherweise erklären?

 

Viele der alten Leute erzählten, dass sie in intakten Beziehungen groß geworden waren, bis der Krieg ausbrach. Sie selbst hatten also möglicherweise noch einen weitgehend gesunden Frühstart ins Leben, auch wenn sich die schweren Zeiten schon anbahnten. Durch die schweren Traumatisierungen, die sie im Krieg erlitten hatten, wurden sie jedoch häufig zu Eltern, die sich aufgrund von posttraumatischen Belastungsstörungen nicht mehr ihren eigenen Babys so widmen konnten, wie Babys es normalerweise bräuchten.

 

Heute weiß man, dass schwere, frühkindliche Beziehungsstörungen zur Mutter traumatisierend wirken und dass dadurch auch die Chromosomen so verändert werden können, dass die Lebenszeit verkürzt wird. Durch frühe Misshandlungen werden die sogenannten Telomere verkürzt, die schützenden Enden der Chromosomen, wodurch sich die Lebenszeit verkürzen kann (Tyrka, 2010).

 

Die Wissenschaftler Kjerstin Almqvist und Anders Broberg (2003) untersuchten Mütter und Kinder nach dem Kosovo-Krieg. Sie stellten fest, dass die Mütter sehr zerbrechliche Vorstellungen („Repräsentationen“) von sich selbst hatten, aber auch von der Mutter-Kind-Zweierschaft. Die Mütter hielten sich nicht mehr für fähig, ihre Kinder zu schützen. Die Kinder hingegen zeigten infolge der Kriegserfahrungen ein erhöhtes Bindungsbedürfnis, das die traumatisierten Mütter wiederum als bedrohliche Trigger empfanden. Sie konnten sich somit nicht mehr aufmerksam ihren Kindern zuwenden.

 

Die Kinder der Kriegstraumatisierten wurden also schon oft im Säuglingsalter durch ihre kriegsgeschädigten Mütter traumatisiert. Sie schleppten das Trauma des Krieges sozusagen in unsichtbarer Form mit und zwar von Anfang an. Süchte und Suizid oder Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führten dann bei den Kindern der Kriegstraumatisierten dazu, dass sie früher starben als ihre Eltern, die selbst das Kriegstrauma direkt erlebt hatten, aber die sozusagen noch mit der Basis von gesunden frühen Erfahrungen groß geworden sind. Ob man diese Schlüsse wirklich so ziehen kann, ist natürlich fraglich. Zu viele Faktoren spielen bei der Frage nach der Kriegstraumatisierung eine Rolle. Diejenigen, die im Krieg starben, war das, was sie erlebten, direkt tödlich.

 

 

Flucht und andere Katastrophen