Scheinfrei - Petra Brumshagen - E-Book

Scheinfrei E-Book

Petra Brumshagen

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Beschreibung

Job weg, Kasse leer und der drohende Rausschmiss aus der Wohnung – das Chaos in Vickys Leben könnte kaum größer sein. Dabei müsste sie sich eigentlich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten, damit sie endlich ihr Studium beenden und voll ins Leben durchstarten kann. Die Geldbeschaffungsmaßnahmen von ihr und ihren beiden Mitbewohnerinnen scheinen auch nicht recht zu fruchten: Die coole Toni ist aus lauter Verzweifelung unter die Flaschensammler gegangen und Hannah hat von ihrem letzten Geld ihren fetten Kater Nepomuk an eine Casting-Agentur vermittelt. Für – oder besser gegen – das Chaos in Vickys Leben ist es auch nicht wirklich hilfreich, dass sie plötzlich Gefühle für Toni entwickelt, die eindeutig über eine Freundschaft hinausgehen. Wird Vicky es in absehbarer Zeit schaffen, alle ihre Scheine zu erhalten? Bekommt sie ihre Gefühle für Toni in den Griff oder steht die nächste unglückliche Liebe an? Und wird sie es endlich mal schaffen, pünktlich und gut vorbereitet bei einem Vorstellungsgespräch zu erscheinen? Zeit für Vicky, erwachsen zu werden. Auch wenn das Leben unter der Bettdecke viel einfacher ist. Lustig, schräg und voller liebenswerter Figuren – der Erstlingsroman von Petra Brumshagen besticht mit witzigen Dialogen und absurder Situationskomik.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Impressum

Handlung und Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen oder Personen wäre rein zufällig.

Lektorat: Birte Rohles

Erste Auflage der Printausgabe September 2009

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung eines Fotos von Sergio Vitale.

ISBN 978-3-89656-508-2

Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:

Querverlag GmbH und Salzgeber & Co. Medien GmbH

Mehringdamm 33, 10961 Berlin

www.querverlag.de - www.salzgeber.de

Nie wieder Schaumstoff

Ich sprinte die Stufen im Treppenhaus hinunter, um die nächste U-Bahn zur Arbeit zu erreichen, als mir im Flur plötzlich Herr Altmann entgegenkommt. Mit seinem Tirolerhut und seiner Trachtenjacke sieht er aus, als hätte er die letzte Ausfahrt zum Oktoberfest verpasst. Und das mitten im Juni in Bochum. Ich nicke ihm freundlich zu, doch er sieht mich missmutig an.

„Frau König, ich warte noch immer auf die beiden letzten Mieten. Wann kann ich endlich damit rechnen?“

„Oh, Herr Altmann, einen wunderschönen guten Tag“, grüße ich ihn übertrieben freundlich. „Ja, die kommen jetzt ganz bald. Das versichere ich Ihnen.“ Und direkt noch eine infame Lüge hinterhergeworfen.

„Soso, das hör ich jetzt zum dritten Mal. Ich sag Ihnen eins: Wenn das Geld nicht binnen zweier Wochen auf meinem Konto erscheint, schmeiß ich Sie alle raus!“

Und damit verduftet er in Richtung Keller.

Scheiße! Zwei Wochen, um tausendzweihundert Euro aufzutreiben. Das ist nahezu utopisch.

„Sie können sich wirklich drauf verlassen, Herr Altmann!“, rufe ich ihm so überzeugend wie möglich hinterher. Verdammt!

Wie von der Hornisse gestochen rase ich zu Fuß durch die City. Die U-Bahn kriege ich jetzt eh nicht mehr und bin mal wieder viel zu spät dran. Mike, mein Chef, schnauzt sicher gleich wieder los. Gut, irgendwie hat er ja recht. Ich war noch nicht ein einziges Mal pünktlich, weil das Hin- und Herpendeln zwischen Uni, der WG und dem blöden Nebenjob einfach zu stressig ist. Na ja, und vielleicht auch, weil ich diese Arbeit hasse wie die Pest!

Ich hab schon so einiges gemacht, aber als Werbefigur in einem überdimensionalen Schaumstoffhandy herumzulaufen, von Jugendlichen angepöbelt und fotografiert zu werden, ist wirklich das Lächerlichste, was ich bisher tun musste, um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Und da ich meinen letzten Job in der Unibibliothek verloren habe, weil ich zwischen den Regalen in ein spannendes Buch vertieft war, bleibt mir nichts anderes übrig, als auch den größten Quatsch mitzumachen.

Ich betrete den kleinen Laden, der seit wenigen Wochen mein Arbeitsplatz ist. Das mir mittlerweile bekannte und ebenso verhasste schrille Signal, das Mike darauf aufmerksam machen soll, dass jemand das Geschäft betreten hat, ertönt, und ich schaue auf die große Uhr über der Glastheke. Viertel nach drei. Um drei hätte ich da sein müssen.

„Tach, Vicky, bist du auch schon da?“

Mike kommt aus dem hinteren Kabuff, in dem seine Kaffeemaschine und Mikrowelle stehen, und schaut mich vorwurfsvoll an.

„Es tut mir leid“, setze ich an, komme aber nicht weiter, weil Mike mich unterbricht.

„Den Satz höre ich diese Woche schon zum dritten Mal.“

Na klasse, das mit dem „zum dritten Mal“ scheint sich ja heute zum Thema des Tages zu entwickeln.

„Sorry, Vicky, aber du kannst direkt wieder nach Hause gehen!“ Er deutet mit der Hand zur Tür.

Ich sehe ihn flehend an, weil ich diesen beschissenen Job einfach brauche. „Mike, pass mal auf, ich gebe ja zu, dass ich in den letzten Tagen manchmal etwas zu spät gekommen bin. Aber weißt du, ich muss noch meine ganzen Scheine unterschreiben lassen und mich auf meine Prüfung vorbereiten.“

Er sieht kurz zu Boden und nickt, schaut mich dann aber genauso ernst an wie vorher. „Ich weiß, Vicky. Aber ich habe meinen Laden und muss auch zusehen, dass Geld reinkommt. Und du bist einfach total unzuverlässig. Deshalb hab ich heute Jörg losgeschickt.“

„Jörg?“, frage ich ungläubig. „Den Jörg?“

Er nickt.

Jörg ist ein fettleibiger Typ um die vierzig, der mich jeden Tag vollquatscht, sobald er mich in meinem Handykostüm erspäht. Er geht mir total auf den Zeiger und ist absolut heiß drauf, das dämliche Kostüm zu tragen. Einmal ging es so weit, dass er mich zwei Stunden lang nervte, bis ich ihm endlich zugestand, einmal kurz reinzuschlüpfen. Prompt riss die komplette Naht, und Mike musste das Kostüm reparieren lassen. Zwei Tage und damit zweimal Lohn gingen mir deswegen durch die Lappen. Und jetzt hat er ausgerechnet Jörg meinen Job gegeben?

„Jörg ist zu fett!“, sage ich wütend.

„Ich habe das Gewand gestern Abend umnähen lassen. Es sitzt wie angegossen. Und er hat Spaß an seiner Arbeit. Im Gegensatz zu dir, Vicky.“

„Gestern schon?“, frage ich entsetzt. „Das heißt ja, dass …“

„Ja, dass ich mich bereits gestern dazu entschlossen habe, dich rauszuschmeißen.“ Mike stemmt die Hände in die Hüften und schaut mich ernst an.

Ein Blick aus dem Schaufenster lässt mich tatsächlich einen vor Freude strahlenden Jörg als Monsterhandy erblicken. Aus seiner linken Schulter ragt kerzengerade die schwarze Schaumstoffantenne, auf seiner Brust prangt das Schaumstoffdisplay, auf dem das Schaumstoffhauptmenü zu sehen ist. Gerade lässt Jörg sich mit zwei Kindern fotografieren, die begeistert auf die riesigen Tasten drücken. Ich fasse es nicht, schaue Mike noch mal kurz an und verlasse dann den Laden.

Jetzt brauch ich erst mal einen richtig großen Döner, um wieder bessere Laune zu bekommen. Job weg, keine Aussicht auf schnelle Kohle und zwei überfällige Mieten. Ganz zu schweigen von meiner bald bevorstehenden Abschlussprüfung. Aber an die denke ich besser noch gar nicht.

Ich gehe auf dem Nachhauseweg einen kleinen Umweg und besuche Ahmet und Gökhan, die gemeinsam einen Dönerladen führen. Ihre Wohnung, die mit Fünfziger-Jahre-Möbeln eingerichtet ist, liegt direkt neben dem Imbiss, und auf einem großen Kissen im Fenster rekelt sich wie immer Schäferhündin Priscilla, die wie ein Waschweib die vorübergehenden Leute beobachtet.

Ahmet und Gökhan haben das leckerste, saftigste Fleisch und die besten Soßen vom ganzen Ruhrgebiet. Man kann wählen zwischen einer fruchtig-scharfen Tomatenchilisoße, einer süßsauren Honigsenfsoße oder der klassischen Zazikiladung.

„Na, Vicky, heute nicht als Telefon unterwegs?“, scherzt Ahmet, als er mich sieht. Seine schmalzige Elvis-Tolle, die er seit Jahren aus Liebe zu seinem großen Idol trägt, sitzt wie immer perfekt.

Ich mache eine Schnute und schüttle den Kopf. „Mike hat mich rausgeschmissen.“

Er zieht die Augenbrauen hoch und schaut mich bedauernd an. „Oh, Vicky, das tut mir leid. Ich mach dir einen Döner mit extra viel Fleisch, okay?“

Ich ringe mir ein Lächeln ab.

„Wir müssen mal wieder zusammen Party machen“, ruft Gökhan mir hinterher, als ich mit gesenktem Kopf den Laden verlasse.

Mit soßenverschmiertem Mund und dem Döner in der Größe eines viertel Wagenrades schlendere ich zurück zur WG, in der Hoffnung, dass Hannah oder Toni wenigstens schon den Geschirrberg weggespült haben.

Haben sie natürlich nicht! Toll! Die Küche stinkt nach altem Frittenfett und tonnenweise Kippen. Ich könnte schreien. Nur Nepomuk ist da und miaut herum, weil er scheinbar mal wieder Hunger hat, der kleine Fresssack.

An einem so bescheidenen Tag gibt es nur eins, das mir wieder bessere Laune machen kann. Schwimmen.

Seit ich denken kann, bin ich eine Wasserratte. Meine Eltern hatten stets größte Mühe, mich von allem Wässrigen fernzuhalten. Ich sprang in Flüsse, Seen, überquerte Bäche und war wild auf alles, in dem man schwimmen konnte. Mit fünf Jahren konnte ich besser schwimmen als alle anderen Kinder im Anfängerkurs, und schon da war klar, dass ich eine große Leidenschaft entdeckt hatte.

Ich fülle Nepomuks Schälchen also noch mit einem Beutel Nassfutter – Thunfisch in Gelee –, packe meine stets bereitliegenden Schwimmsachen und fahre mit dem Fahrrad zum Unibad. Die Fünfzig-Meter-Bahn ist meine größte Freude. An guten Tagen schaffe ich sechzig Bahnen und fühle mich wie ein Delfin. Wasser ist mein Element. Da kann ich alle Sorgen vergessen. Es gibt nur noch das Wasser und mich.

Ich kraule Bahn um Bahn, gleite wie ein Fisch durch das kühle Nass und kriege langsam den Kopf frei. Meine Augen sind gerötet vom Chlor, als ich aus dem Becken steige. Aber ich fühle mich herrlich geschafft. Die Anstrengung hilft mir, wieder klar zu denken.

Ich muss nach Hause und mit Hannah und Toni sprechen, beschließe ich. Irgendwie müssen wir den Gürtel enger schnallen und endlich die Mieten bezahlen. Es wäre der absolute Horror, wenn Altmann uns ausgerechnet jetzt vor die Tür setzte.

Wir brauchen Geld

Am nächsten Morgen berufe ich eine außerordentliche WG-Sitzung ein. Es ist der dringendste Notfall aller Zeiten. Unsere Kasse ist leer, der Kühlschrank auch, die letzte Rolle Klopapier hängt auf dem Halter.

„So, setzt euch besser. Es ist eine ernste Angelegenheit.“

Gelassen bläst Toni Rauch aus den Nasenlöchern, während Hannah auf dem Stuhl herumrutscht, bereit zum Angriff.

„Wir haben kein Geld mehr“, setze ich fort. „Und wir werden diesen Monat auch keins mehr bekommen, wenn uns nicht eine rettende Idee kommt. Ich bin Altmann gestern im Treppenhaus begegnet. Der war überhaupt nicht gut auf uns zu sprechen. Ist ja auch kein Wunder. Seit zweieinhalb Monaten haben wir die Miete ausgesetzt. Und die nächste kommt in zwei Wochen. Bis dahin sind es schon tausendachthundert Euro, die wir ihm schulden. Wir müssen jetzt echt was tun! Hannah, du musst kürzertreten und auf deinen Luxus-Krempel verzichten. Und Toni und ich müssen mit dem Rauchen aufhören.“

Beide starren mich wortlos an. Tonis Kippe hat einen Zentimeter Asche vorn hängen, der jede Sekunde droht abzustürzen. Dann hagelt es Proteste. Hannah ist stinksauer, Toni eher belustigt. Und ich wie immer die Dumme.

„Hört mal“, sage ich wie eine Lehrerin, „ich leite auf allgemeinen Wunsch unsere Finanzen. Und ich kann vorausschauend sagen, dass wir aus der Bude fliegen, wenn wir nicht endlich die letzten zwei Mieten zahlen. Ich hab keinen Nebenjob mehr. Hannah, anstatt zu sparen, kaufst du literweise teures Olivenöl. Toni, dein Zigarettenkonsum ist mittlerweile höher als Strom, Wasser und Müllabfuhr zusammen. So geht das nicht mehr. Und Nepomuk …“

„Nepomuk“, schreit Hannah energisch dazwischen, „kann auf gar nichts verzichten! Er ist ein kleines Kätzchen und hat Bedürfnisse.“

Ich seufze laut. Toni lacht dreckig.

„Nepomuk frisst uns die Haare vom Kopf“, sage ich ehrlich. „Außerdem wird er immer fetter. Er kommt schon gar nicht mehr auf den Kühlschrank. Früher ist er draufgesprungen wie ein junger Katzengott, jetzt liegt er verfressen neben seinem Napf und wartet auf die nächste Mahlzeit. Hannah, acht Katzenwürstchen und sechs Beutel Nassfutter am Tag sind echt zu viel! Und dann deine ständigen Fütteraktionen mit Joghurt, Brot, Käse und Nudeln. Kein Wunder, dass er die ganze Wohnung vollfurzt.“

Eingeschnappt sitzt Hannah mit angezogenen Knien auf dem Stuhl und friemelt das Etikett einer Wasserflasche ab.

„Bist du wahnsinnig?“, entfährt es mir. „Das sind fünfundzwanzig Cent! Wenn das Etikett fehlt, gibt’s kein Pfand zurück!“

Schuldbewusst versucht Hannah das Stück Papier wieder zu befestigen, als Toni aus heiterem Himmel mit der Faust auf den Tisch schlägt und schreit: „Das ist es! Na klar!“

Hannah und ich starren sie an. Ahnend, dass nun wieder eine total bekloppte Idee folgt.

„Menschenskinder, jeden Tag passiert es vor unseren Augen. Überall. Und wir sind zu blöd, es auch zu machen!“

Hannah blinzelt verwirrt. „Du willst eine Bank überfallen?“

„Quatsch“, winkt Toni ab und steckt sich eine neue Gauloises an. „Flaschensammler. Jeden Tag wühlen Ömakes und Öpakes im Müll rum, gucken in den kleinen Eimern in Zügen und Straßenbahnen, lungern am Bahnhof rum und stochern in Gebüschen umher. Und wir Idiotinnen sitzen hier rum und können unsere Miete nicht bezahlen.“

„Das heißt …?“, frage ich bange.

Toni klatscht mir voller Begeisterung auf den Rücken. „Na was schon, du Schnellcheckerin, wir ziehen heut Abend um die Häuser und sammeln alle Pullen ein, die uns vor die Linse kommen.“

Hannah und ich schauen uns vielsagend an. Das kann Toni mal schön allein machen!

Ich stehe abends am Herd und koche das Einzige, was ich wirklich gut kann: Nudeln mit irgendwas. Gerade noch wundere ich mich, dass ich seit Stunden die vierbeinige Nervensäge nicht zu Gesicht bekommen habe, als Hannah geräuschvoll in die Wohnung und dann in die Küche stürzt. Vor Schreck lasse ich den mit Tomatensoße getränkten Holzlöffel fallen und drehe mich zu ihr um. Da steht sie außer Atem mit Nepomuks Transportbox im Arm und sieht mich aufgeregt an.

„Was ist los? Wart ihr beim Arzt?“

Noch immer atemlos starrt Hannah mich mit großen Augen an und sucht Worte. „Ich … Danny … Nepomuk … Das ist unglaublich … Das glaubst du nicht! Dass das geklappt hat. Wahnsinn. Danny Star! Jetzt fängt ein neues Leben an!“

„Setz dich erst mal“, beruhige ich sie und überlege, ob ich noch irgendwo eine Packung Baldrianpillen habe.

Hannah stellt die Box mitsamt Nepomuk auf den Küchentisch. Direkt neben meinen noch leeren Teller, der darauf wartet, mit Nudeln und Soße gefüllt zu werden.

„Es ist unglaublich“, fährt sie schließlich fort.

„Das sagtest du bereits.“

„Jaja, stimmt …“ Sie atmet tief ein und aus, bis sich ein sanftes Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitet. Dann nickt sie wie zur eigenen Bestätigung und beginnt endlich zu erzählen.

„Also“, leitet sie spannungsvoll ein, „Danny und ich – beziehungsweise eigentlich nur Danny – er wird ein Star!“

Bin ich begriffsstutzig oder flippt sie nun völlig aus?

„Hannah, ich kapier nur Bahnhof. Wer ist denn dieser Danny?“

Sie sieht mich kopfschüttelnd an und spult dann endlich in Rekordgeschwindigkeit alle Neuigkeiten herunter: „Mensch, du schnallst auch gar nichts. Nepomuk hat heute am Wattenscheider Katzencasting teilgenommen und den ersten Platz belegt. Ich musste mir einen Künstlernamen für ihn ausdenken, weil Nepomuk nicht schillernd genug ist für die Presseleute und so, du weißt schon. Ich hab total lange nachgedacht, und dann fiel mir plötzlich der absolute Knaller ein: Danny Star! Super, nicht!?“

Ich nicke blöde.

„Na ja, und bald hat er zig Termine“, fährt sie fort. „Fotoshooting, Filmaufnahmen, Laufsteg, Interviews und so was alles halt. Er ist jetzt der neue Shootingstar in der Kartei der Castingfirma. Und das Beste daran ist: Es gibt richtig Geld dafür.“ Sie schmeißt sich mir um den Hals, erdrückt mich fast, so dass ich kaum noch Luft bekomme. „Genial, Vicky, unsere nächsten Mieten sind gerettet.“

Als ich mich von Hannahs Quetsch-Attacke erholt habe, schaue ich den kleinen, dicken Nepomuk an, der etwas verwirrt in seiner Box sitzt. Dieses Fellknäuel ein Star? Mich beschleicht das ungute Gefühl, dass da irgendwo ein Haken ist. Aber den Gedanken behalte ich vorerst für mich, damit Hannah nicht wieder beleidigt ist.

Ich schütte mir die dank der wortreichen Ablenkung viel zu weichen Nudeln mit verbrannter Soße auf den Teller und beschließe beim Essen, meinen unkonkreten Verdacht später mit Toni zu bequatschen.

Hannah schnappt sich derweil Nepomuk und knuddelt ihren kleinen Liebling wie eine Wahnsinnige. Dabei singt sie in der Melodie eines Wiegenliedes „Danny, du mein kleiner Star …“. Schließlich kann sich unser Stubentiger aus ihrem Kuschelgriff befreien und schießt wie ein Blitz ins Bad, wo sein Katzenklo steht. „Daaaaaannnyyyyy!“, kreischt Hannah ihm hinterher und rennt über den Flur. „Liebling, hast du etwa Durchfall vor Lampenfieber?“

Als Toni Stunden später mit zwei großen verdreckten Plastiktüten voller Pfandflaschen nach Hause kommt, ziehe ich sie in mein Zimmer und erzähle ihr von Hannahs Model-Katze. Toni schlägt sich seufzend gegen die Stirn. „O Mann, unser Püppchen spinnt also mal wieder rum. Wie kann sie nur so naiv sein und glauben, ihr verfressenes Wollknäuel würde berühmt? Vermutlich hat sie noch ’ne Aufnahmegebühr bezahlt.“

Ich sehe Toni erschrocken an. Das ist es! Das ungute Gefühl, das ich gleich hatte. Das muss der Haken sein! O nein!

Wir beschließen, Hannah zur Rede zu stellen, und klopfen an ihre Zimmertür. „Pssst! Danny schläft“, flüstert sie durch den Türspalt und öffnet uns dann leise. „Huscht vorsichtig rein“, wispert sie. Toni verdreht die Augen.

„Wir … ähm … wir wollen mal mit dir reden“, beginne ich flüsternd, um den schnarchenden Nepomuk nicht zu wecken.

Abwesend blättert Hannah in einem Prospekt mit einer dicken Katze vorn drauf. Wahrscheinlich die Vertragsunterlagen der Castingfirma, denke ich. Toni schaut ihr interessiert über die Schulter.

„Hannah“, wiederhole ich etwas lauter.

Als sie immer noch nicht reagiert, übernimmt Toni das Wort. „Hannah, Vic hat mir von Danny erzählt. Deine Idee ist ein großer Haufen Scheiße!“

Schockiert schaut sie uns nacheinander an. „Wie bitte?“

Nepomuk miaut leise, Toni schmeißt sich auf die Couch und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. „Wie viel hast du für Nepomuks Teilnahme abgedrückt?“

Hannah schaut zu Boden und spielt an einer blonden Strähne herum. Oje, ich ahne, dass Toni ins Schwarze getroffen hat.

„Hannah!“, sagt Toni herausfordernd.

„Es zahlt sich alles aus, haben sie gesagt“, gibt Hannah kleinlaut von sich. „Sonst hätte ich doch nie mein Sparbuch aufgelöst. Danny hat schon ganz viele Aufträge. In spätestens zwei Monaten haben wir das Geld wieder drin. Außerdem sagt mein Papa auch immer, wenn man richtig verdienen will, muss man erst mal investieren.“

„Wie viel?“

„Dreihundertfünfzig Euro“, flüstert Hannah und krümmt sich dabei schuldbewusst, als erwartete sie Schläge.

Ich traue meinen Ohren nicht. Fassungslos nehme ich auf Hannahs Schreibtischstuhl Platz. Wir haben keine Kohle mehr, um die Miete, geschweige denn den nächsten Einkauf zu bezahlen, und Madame Stumpfsinn verbrät ihre letzten dreihundertfünfzig Euro für ein Katzencasting. Selbst Toni ist platt. Kraftlos sagt sie: „Wir brauchen einen Schlachtplan“, verfällt dann abermals in dumpfe Sprachlosigkeit.

Die Stille wird jäh durchbrochen, als Nepomuk aufwacht und lautstark würgend vom Fensterbrett aus auf den Teppich kotzt.

Frauen, Frauen

Wenn mir langweilig ist, ich mich nicht zum Lernen aufraffen kann oder mir in der WG mal wieder alles auf die Nerven geht, flüchte ich entweder ins Schwimmbad oder zu Siggi. Seine Kneipe, das Evergreens, ist direkt an der Ecke unserer Straße, nur wenige Häuser von uns entfernt. Das ist superpraktisch, denn so findet man selbst komplett betrunken nach Hause, wie ich schon einige Male überrascht festgestellt habe.

Die Kneipe hat einfach alles, was man braucht, um sich richtig wohlzufühlen. Auf den dunklen Holztischen stehen überall bauchige Kerzen, an den Wänden hängen kleine Fackeln, die gepolsterten Stühle sind wahnsinnig bequem und damit die beste Voraussetzung für lange Nächte oder gesellige Spieleabende.

Unzählige Tage habe ich hier bereits lernend mit Hannah und Toni verbracht. Rauchend, trinkend, frühstückend. Und ebenso viele Abende sitzen wir hier zusammen mit Leuten, die schon genauso lange Stammgäste sind wie wir.

Wenn es nicht allzu hoch hergeht, setzt sich Siggi zu uns, erzählt Abenteuergeschichten von seinen zahllosen Reisen während seines Studiums, und wir hängen ihm begeistert an den Lippen.

Als ich mich um halb zehn durch die kleinen Büsche zwänge, die die Kneipen-Terrasse von der Straße trennen, liegt Siggi in einem seiner Liegestühle in der Sonne und raucht. Er hat noch eine halbe Stunde, bis die ersten Sonnenanbeter kommen werden und frühstücken wollen. Bei Siggi gibt es dank dem besten Koch der Welt auch das weltbeste Frühstück. Selbst gemachte weiße Schokoladencreme, Marillenmarmelade, Honig, Rührei mit Tomaten, Käse und Zwiebeln, leckere Säfte und selbst gebackenes Brot. Alle Zutaten sind vom Biobauern. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und ich lasse mich neben Siggi in einen Liegestuhl plumpsen.

„Oh!“, strahlt er fröhlich übers ganze Gesicht und bläst Rauch durch den Mundwinkel. Mit der zigarettenfreien Hand streicht er mir über die Schulter und lächelt.

„Ich musste mal wieder raus“, grinse ich vielsagend. Er nickt verständnisvoll.

Das Tolle an Siggi und mir ist – wir kommen in der Regel ohne viele Worte aus. Es ist gar nicht nötig, viel zu sprechen, denn wir verstehen uns auch so. Und wir beide haben oft den Drang, einfach nur ruhig zu sein und die Hektik unserer Umwelt mal einen Moment lang zu vergessen.

Aber heute hat er mir offensichtlich Einiges zu erzählen.

„Ich hab jemanden kennengelernt!“, beginnt er mit breitem Grinsen. Ich muss schmunzeln, denn er lässt einen gehaltvollen Satz gern einige Sekunden im Raum stehen, damit man nachhakt. Ich tue ihm den Gefallen.

„Und?“, frage ich. „Was Ernstes?“

Er zuckt die Schultern. „Mal abwarten. Wir treffen uns heute Abend zum ersten Mal. Johannes übernimmt meine Schicht. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wovor ich mehr Angst haben soll. Vor dem Treffen oder davor, dass in meiner Abwesenheit alles schiefläuft.“

Ich grinse. „Siggi, meinst du nicht, du nimmst dich etwas zu wichtig? Ich glaub, deine Mitarbeiter kriegen das auch mal einen Abend ohne dich hin.“

Er nimmt einen tiefen Zug, bläst in einem feinen Strahl den Rauch aus dem Mund in Richtung Himmel und schaut mich zufrieden an. „Du hast recht. Ich muss mal ausprobieren, ob es nicht ab und zu ohne mich geht. Dann kann ich vielleicht sogar mal ein paar Tage Urlaub machen.“

„Eben. Aber jetzt erzähl endlich von deiner neuen Bekanntschaft“, drängle ich neugierig.

Mit Überraschung nehme ich wahr, dass Siggi rot wird. Seine langen Haare, die er stets zu einem Zopf zusammengebunden hat, wehen im warmen Wind.

„Sie ist wahnsinnig nett. Und lacht viel. Am Telefon hat sie zumindest eine ganz tolle Stimme. Und ich bin so was von aufgeregt“, gibt er zu. Er streicht sich über seinen Dreitagebart. Ich muss lächeln. Wie putzig, er ist nervös.

„Und wo hast du sie kennengelernt?“

Er kratzt sich verlegen am Kinn. „Na ja, im Internet halt. Eigentlich find ich das ja irgendwie blöd. Aber ich hör dauernd, dass das so viele machen. Also da rumsurfen und Dates ausmachen. Also hab ich es einfach ausprobiert.“

„Mann, ich beneide dich. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte richtige Date hatte. Ist schon Lichtjahre her.“ Ich seufze und muss an Silvana denken. O nein! Nicht jetzt! Schnell wieder verdrängen. Sag deine Zauberformel auf, die dir Toni beigebracht hat, Vicky! „Silvana klingt nicht nur scheiße, Silvana ist scheiße!“

„Toller Spruch“, grunzt Siggi.

Ich werde rot. „Oh, ich wollte es eigentlich nicht laut sagen“, gebe ich peinlich berührt zu.

„Ach, schon okay. Ist ja auch gar nicht so falsch. Hat Toni dir das eingebläut?“

Ich muss leise lachen. Na, wer wohl sonst. „Klar!“

„Denkst du immer noch an sie?“, fragt er dann ernst.

Ich überlege. Gute Frage. Denke ich immer noch an sie? Wenn ich ehrlich bin, vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Trotz allem! Wie hirnverbrannt und masochistisch muss man eigentlich sein, wenn man die ganze Zeit an einen Menschen denkt, der einem so wahnsinnig wehgetan hat? Der einen hintergangen und belogen hat. Betrogen und verraten. Mies behandelt und weggestoßen.

„Also ja!“, beantwortet Siggi seine eigene Frage.

Ich nicke. „Ich versteh es ja selbst nicht. Eigentlich sollte sie mir scheißegal sein. Oder besser: Eigentlich sollte ich sie hassen und zum Teufel wünschen!“

„Tja, das ist manchmal gar nicht so einfach. Außerdem bist du ein sehr emotionaler Mensch, der nicht gut loslassen kann, Vicky.“

„Na spitze!“, seufze ich. „Das ist genau das, was ich hören wollte.“

„Ach, das hat auch seine guten Seiten. Du bist empathisch, hilfsbereit. Allerdings solltest du zwischendurch auch mal an dich selbst denken. Sonst nimmt das echt noch ein schlimmes Ende mit dir!“

Mit gerunzelter Stirn sehe ich ihm in die Augen. Er hat recht! Überhaupt hat Siggi meistens recht. Er kennt mich einfach zu gut. Erschreckend.

„So, meine Liebe!“ Siggi erhebt sich und streicht mir über die Schulter. „Ich muss jetzt mal arbeiten. Drück mir für heute Abend die Daumen, okay?“

Er lächelt voller Vorfreude und mit leicht geröteten Wangen. Ich stehe auf und umarme ihn zum Abschied. „Viel Spaß! Und ich will alle Details!“

Plötzlich zu dritt

Von außen betrachtet könnte man meinen, meine Mitbewohnerinnen und ich passen überhaupt nicht zusammen.

Da ist die hellblonde, zierliche Hannah mit der hohen Stimme und den unschuldigen blauen Augen, mit denen sie jeden um den Finger wickeln kann, bevor er es überhaupt schnallt. Die sich durch ihre Naivität nicht nur manchmal in bedrohliche oder bescheuerte Situationen bringt, sondern uns auch gelegentlich in den Wahnsinn treibt. Deren Kater Nepomuk mittlerweile unter fortgeschrittener Fresssucht leidet, weil Hannah ihren haarigen Liebling mehr verwöhnt, als gut für ihn ist. Und die mit ihrer meistens unverschämt guten Laune alle um sich herum ansteckt. Abgesehen vielleicht von Toni.

Jaja, Toni. Die Halbitalienerin mit den stets perfekt gestylten kurzen schwarzen Haaren und der tätowierten Schlange, die sich – beginnend unter ihrem Bauchnabel – senkrecht hinaufschlängelt, unter ihrer linken Brust eine rasante Biegung einschlägt, unter der Achselhöhle hindurch, zum Rücken wieder hinab, dort eine formschöne Kurve hinlegt, sich einmal galant verknotet, um mit dem Kopf und der lasziv züngelnden Zunge genau zwischen den Schulterblättern zu enden, ist meine älteste und beste Freundin. Wir haben schon verdammt viel miteinander erlebt.

Und dann bin da schließlich ich selbst, die ich allmorgendlich gegen meine nervigen straßenköterfarbenen Locken ankämpfe, weil die sich immer wieder dazu entscheiden, an allen Seiten abzustehen, und mich so verrückt machen. Ich, mit meinen melancholischen und selbstzweifelnden Phasen, die endlich mal etwas erreichen will in ihrem Leben. Endlich mit der verdammten Uni fertig werden, zum Beispiel.

Doch es gibt mehr Dinge, die uns drei miteinander verbinden, als man es erwarten würde …

Es war ein regnerischer Spätsommertag, an dem Toni und ich uns zusammen an der Uni einschrieben. Sie für Psychologie, ich für Germanistik. Die Betriebsamkeit im Audimax war es, die mich so mit Herzklopfen erfüllte, dass ich dachte, ja, genau das will ich: in einem Mikrokosmos des Wahnsinns meinen literarischen Neigungen nachgehen, die alten und vor allem die neuen deutschen Werke lesen, analysieren, kennenlernen und mich von ihnen inspirieren lassen. Und das alles in einem Betonklotz, dessen klare, unverschnörkelte Struktur mich direkt in seinen Bann zog.

Toni hingegen wollte nur eines: die Psyche des Menschen erforschen. Und das mit möglichst allen Fasern ihres Daseins.

Ein bisschen verloren fühlten wir uns trotz aller Begeisterung beide. Und so inspizierten wir als Erstes die Cafeterien, die hier einfach nur Cafeten hießen, und schmissen uns unters Volk. Binnen weniger Stunden hatten wir einen Haufen Erstis kennengelernt, denen es genauso ging wie uns: Man hatte riesige Pläne, glaubte, ein völlig neues Leben würde nun anstehen, und dachte, jeden Augenblick würde das wilde Studentenleben beginnen. Doch diese Illusion wurde Toni und mir schnell genommen, als wir feststellten, dass es keineswegs so leicht war, einen Platz im Wohnheim zu bekommen.

Kurzerhand schmiedeten wir also den Plan, zu zweit eine kleine Wohnung in der Innenstadt zu mieten. Mit dem wenigen BAföG, das uns zustand, und keineswegs mit zu viel Geld gesegneten Eltern war das allerdings kein Kinderspiel.

Wie gerufen kam uns Hannah auf dem Weg in die Mensa in die Quere. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einem Milchkaffee im Pappbecher stolperte sie uns im Treppenhaus in die Arme und schüttete Toni den kompletten heißen Inhalt ihres Bechers auf T-Shirt, Hose und Tasche.

„Scheiße, ey, kannst du nicht aufpassen, verdammt?“, schrie Toni sie sogleich an.

Ich rang mir ein mitleidiges Lächeln ab.

„O Gott, das tut mir so leid“, piepste das zarte Wesen mit den engelsgleichen Haaren und den viel zu großen runden Ohrringen und holte eine zerknüllte rote Serviette hervor, um Tonis T-Shirt trocken zu tupfen. Das erwies sich jedoch als durchaus dämliche Idee, denn prompt färbte sich Tonis weißes Oberteil rosarot.

„Mann, hör auf, du machst es ja nur noch schlimmer!“, entfuhr es dieser genervt.

„He“, versuchte ich zu schlichten, „das geht bestimmt wieder raus.“

Die Blonde war mittlerweile richtiggehend verzweifelt. „Ich bin so ein Schussel. Es tut mir wirklich leid. Ich bezahle dir natürlich die Reinigung.“

Über so viel Entgegenkommen konnte selbst Toni nur staunen und beließ es dann dabei. „Nee, passt schon, danke.“

Einige Augenblicke blieben wir zu dritt wortlos stehen.

„Seid ihr auch Erstis?“, fragte die Blonde schließlich.

Ich nickte. „Ja, jetzt beginnt der sogenannte Ernst des Lebens, was?“

Sie nickte zurück und lächelte wie ein Unschuldslamm. Der konnte man einfach nicht böse sein, dachte ich noch.

Kurzerhand traten wir unseren Weg in die Mensa zu dritt an. Wir bekamen heraus, dass sie Hannah hieß und sich mehr oder weniger spontan für eine Fächerkombination entschieden hatte, nachdem sie wochenlang hin und her überlegt und sich von Freunden und ihren Eltern hatte beraten lassen. Und jetzt hatte sie sich gerade heute für Sozialkunde, Mathematik und Pädagogik auf Lehramt entschieden.

„Lehrerin sein ist doch irgendwie cool!“, strahlte sie. „Mit den süßen Kindern. Das kann ich mir total gut vorstellen.“

Tonis Seufzen machte mir klar, dass Hannah keineswegs zu den Personen gehörte, die sie länger als eine Viertelstunde ertragen wollte. Doch ich kannte Toni ebenso gut, um auch zu sehen, dass sie in Wahrheit ein gutes Herz hatte und in Hannah auch die liebenswerten Züge sah.

Es brauchte trotzdem einige Überredungskunst meinerseits, um Toni in den folgenden Tagen klarzumachen, dass die Miete für drei Leute deutlich günstiger sei als für zwei. Alle Argumente ihrerseits schlug ich mit Bravour und guten Gegenargumenten. Und so kam es, dass wir nur zwei Wochen nach unserem ersten Zusammentreffen mit Hannah zu dritt in einer stickigen Altbauwohnung standen und vergilbte Blümchentapeten von der Wand kratzten.

Die Wohnung war ein Traum. Jede von uns hatte ihr eigenes kleines Reich, dazu gab es noch eine große Gemeinschaftsküche mit einem winzigen Balkon sowie ein zwar baufälliges, aber großes Bad. Unsere drei Zimmer waren beinahe gleich groß, weswegen es auch kaum Diskussionen darum gab, wer welches haben wollte, und wurden durch einen langen Flur getrennt, der mit der Wohnungstür begann und mit einem großen Vorratsschrank endete.

Unsere Renovierung lief größtenteils harmonisch ab. Toni war die meiste Zeit zu Scherzen aufgelegt, besorgte freiwillig kastenweise Fiege und für Hannah, die kein Bier mochte, Prosecco. So endeten die meisten Abende feuchtfröhlich und gut gelaunt, und Toni gewöhnte sich auch langsam an Hannahs Quietschorgan. Zudem hatten wir schnell eine Gemeinsamkeit festgestellt: Wir alle waren absolute Filmfreaks und schlugen uns bei schlechtem Wetter allzu gern die Nächte mit guten Filmen um die Ohren.

Auch Hannah, der ich damals höchstens die Anna-Ballerina-Compilation zugetraut hatte, konnte eine ansehnliche Sammlung vorweisen, die sogar Toni in blasses Erstaunen versetzte.

Zu dritt standen wir die ersten Wochen an der Uni durch. Die allmorgendlichen Verirrungen in den Gängen musste zwar jede für sich auf die Reihe kriegen, doch zwischen den Seminaren trafen wir uns häufig auf einen Kaffee und erzählten einander die größten Neuigkeiten. Schnell wurde klar, dass Toni die Überfliegerin werden würde. Sie bestand alle Erstsemesterklausuren, während Hannah alle versemmelte. Ich bestand einen Großteil mit Ach und Krach, den Rest verschob ich vorausschauend auf das nächste Semester.

So vergingen die Semester im Flug. Kommilitonen kamen und gingen, Freundschaften entstanden und zerbrachen. Ebenso Affären, Beziehungen und Bekanntschaften. Und natürlich Klausuren, Prüfungen und Hausarbeiten. Doch eines blieb und festigte sich: unser urkomisches Dreiergespann.

Als wir alle das fünfte Semester hinter uns gebracht hatten und schon richtig alte Hasen waren, kam ein vierter Mitbewohner hinzu. Hannahs Kater Nepomuk, der sein Dasein die vergangenen Jahre bei Hannahs Eltern in den Niederlanden gefristet hatte und nun wegen der plötzlich ausbrechenden Katzenhaarallergie von Hannahs Mutter seine alte Heimat verlassen musste, um fortan bei uns zu wohnen.

Entgegen meiner Erwartung war sogar Toni von dem Umstand angetan und freute sich auf ein Wesen in unserer WG, das sein Leben in erster Linie geräuschlos praktizierte und somit seinem Frauchen absolut entgegenstand.

Wir räumten dem rothaarigen Kater ein Eckchen in Bad und Küche frei, und sein Körbchen nebst alter Schmusedecke fand in Hannahs pinkfarbenem Zimmer Unterschlupf.

Nach anfänglich ungewohnten Kämpfen mit Katzenhaaren und plötzlichen Katzen-Besuchen auf der Toilette gewöhnten wir uns alle an die neue Situation und genossen weiter unser Studentenleben.

Ein Mord und eine Germanistin

Montagmorgen. Ich werde wach, weil Hannah geräuschvoll mit dem Telefon über den Flur läuft und währenddessen mit einem Stapel Zeitungen wild herumfuchtelt. Den Hörer zwischen Kinn und Schulter geklemmt, blättert sie in den Seiten herum und hat ihre seriöse Stimme aufgesetzt.

Gähnend schlurfe ich in die Küche, drücke auf den Knopf der Kaffeepadmaschine, um das Wasser im Tank zu erhitzen, und greife nach einer halb vollen Sprudelflasche. „Was machst du da?“, frage ich, als Hannah gerade auflegt und sofort eine neue Nummer eintippt, die sie aus einem Artikel abliest und währenddessen laut mitspricht. Ich setze die Flasche zum Trinken an.

„Drei – neun – sieben. So.“ Sie schaut mich kurz an. „Ich melde mich als Zeugin in dem Mordfall am Hauptbahnhof.“

Ich spucke schlagartig das Wasser aus der Anderthalbliterplastikflasche in die Spüle. „Was? Am Bahnhof haben sie jemanden ermordet?“

Hannah schaut mich gelassen an. „Ja, in Berlin.“

Ich verziehe das Gesicht zu einer fragenden Grimasse. „Wie, Berlin? Und wieso rufst du da an? Du warst doch gar nicht in Berlin.“

„Mensch, Vicky, manchmal stellst du dich wirklich dümmer, als du bist“, quietscht sie Augen rollend, „es gibt eine Belohnung. Fünftausend Euro. Deshalb.“

Während ich sie noch ungläubig ansehe, legt sie fluchend auf. „Mist, was ist das für ein Service? Geht noch nicht mal einer ran. Bestimmt alle beim zweiten Frühstück, die Bullen.“

„Hannah, meinst du nicht, dass das irgendwie strafbar ist, wenn man einen falschen Tipp gibt?“

Sie lässt sich auf den Stuhl sinken, greift einhändig nach ihrer mit Kakao gefüllten henkellosen Tasse und setzt zum Trinken an. Als sie einen großen Schluck genommen, heruntergeschluckt und die Tasse sicher wieder abgestellt hat, fängt sie mit dem erwarteten Monolog an. Dass wir schließlich kein Geld haben, dass sie ihren Teil dazugeben will, dass sie sich verdammt viele Gedanken gemacht hat, dass Toni und ich hingegen in letzter Zeit nicht gerade vor innovativen Vorschlägen gesprüht haben, dass sie angeboten hat, ihre Eltern um Geld zu bitten, wir das aber nicht wollten, dass Toni und ich im Gegensatz zu ihr einen Großteil unserer Haushaltskasse für Zigaretten und andere unsinnige Dinge ausgeben und sie schließlich nur das Nötigste für sich und Nepomuk bräuchte. Und jetzt käme ich daher und würde sie auslachen, weil sie uns fünftausend Euro beschaffen will.

„Mooooment!“, rufe ich dazwischen. „Kein Mensch würde dich auslachen, wenn du uns auf legale Weise fünftausend Euro beschaffst, Süße. Aber genau das ist der springende Punkt. Sich irgendeinen Schwachsinn zu überlegen und damit eine Belohnung zu kassieren, das ist wirklich eine der beklopptesten Ideen, die ich seit Langem von dir gehört habe. Und jetzt schmeiß die Zeitungen weg und lass mich mit dem Quatsch zufrieden.“

Genervt und ohne Kaffee verlasse ich die Küche, höre noch Hannahs piepsige Stimme und werfe mich zurück ins Bett. Auf die blöde Uni habe ich heute absolut keine Lust. Um zwei Stunden auf einen Sprechstundentermin bei meinem Prof auf dem Flur zu warten, lohnt es sich nun wirklich nicht, das Haus zu verlassen und sechs Stationen mit der U-Bahn zu fahren …

Stunden später erhitze ich meine Milch in der Mikrowelle, lasse heißen Kaffee in meine „Sparst du schon oder studierst du noch?“-Tasse einlaufen und warte auf das ohrenbetäubende Piepsen, das mir signalisiert, dass die Milch fertig ist. Hannah telefoniert offenbar immer noch alle Polizeistationen Deutschlands ab, um sich als Zeugin für Raubüberfälle, Fahrraddiebstähle, Fahrerfluchten und Morde zu melden. „Gegenüberstellung? Aber sicher, kein Problem“, höre ich sie piepsen.

Obwohl ich mir geschworen habe, nichts mehr zu sagen, schaue ich sie warnend an. Gegenüberstellung, die spinnt doch. Gekonnt ignoriert sie meinen Blick und setzt ein süffisantes Lächeln auf. „Na, Sie sind mir aber einer! Wenn bei der Polizei alle so charmant sind, komme ich gern einmal vorbei.“ Ich schüttle den Kopf und verdrehe die Augen. Diese Um-den-Finger-wickel-Masche kenne ich nur zu gut.

Als ich meinen zweiten Kaffee trinke und meine dritte Zigarette rauche, kommt Toni in die Küche geschlurft. Ihre Augen sind noch halb geschlossen, wie jedes Mal nach dem Aufstehen gleicht sie einem Gespenst und gibt keinen Laut von sich. Ich winke ihr grinsend zu – keine Reaktion. Wie in Trance schleicht sie zu unserem schief an der Wand hängenden Küchenschrank, öffnet die Klappe, holt eine Tasse heraus, stellt sie wie mechanisch unter die Kaffeemaschine und drückt den Knopf, der das Wasser zum Erhitzen bringt.

Hannah flirtet derweil mit dem nächsten Polizisten am Telefon. Ihr Quietschorgan weckt dann schließlich doch Tonis Lebensgeister. „Musst du schon am frühen Morgen so nervig sein?“, brummt sie vor sich hin.

Freudig strahlend legt Hannah das Telefon beiseite, wuschelt Toni durch ihre kurzen schwarzen Haare und dreht sich gut gelaunt einmal um sich selbst. „Sei nicht so muffelig, Tonilein, das ist ein wundervoller Tag. Wir haben gerade mal zwölf Uhr und ich hatte schon den ersten Flirt.“ Sie gluckst.

„Wir haben zwölf Uhr?“, schreie ich hysterisch und reiße die Augen auf. Mein Blick auf das Mikrowellendisplay, das ein Uhr anzeigt, allerdings eine Stunde vorgeht, beweist es mir. Es ist zwölf Uhr. In gerade einmal einer halben Stunde habe ich einen Termin bei einem Berater vom Arbeitsamt. Und da ich die letzten beiden Termine schon verpasst habe, muss ich mich sputen, denn das ist der letzte, den sie mir angeboten haben.

In Windeseile hechte ich in mein Zimmer, ziehe mir in Rekordzeit frische Klamotten an, verbrauche eine halbe Flasche Deo und rase abgehetzt zur Wohnungstür. Da steht bereits Toni – wie beim Hasen und dem Igel – mit fabelhafter Frisur, Lederjacke und cooler Sonnenbrille. Während ich noch mit offenem Mund starre, hält sie mir galant die Wohnungstür auf. „Du lahme Ente. Ich begleite dich übrigens. Das Elend wollte ich mir immer schon mal live geben.“