Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Brezn und Dirndl statt Pommes und Jeans – Tollpatsch und Pechvogel Vicky tauscht ihr Leben in Bochum gegen eine neue Stelle in München ein, denn endlich scheint ihr Traum von einer Karriere in der Werbebranche wahr zu werden. Dass sie dafür von ihrer geliebten Heimatstadt im Ruhrgebiet Abschied nehmen und sich auch noch ziemlich verbiegen muss, verdrängt sie einige Zeit. Doch der Schmerz über den Verlust ihrer besten Freundin Toni sitzt tief. Schließlich hat Vicky sich vor ihrem Umzug in die langjährige Gefährtin verliebt und damit die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Doch für Vicky gibt es kein Zurück mehr. Die neue Stadt, die neuen Gesichter, der neue Traumjob – sie ist sicher: In der Bayernmetropole hat ihr Leben endlich eine Chance auf eine deutliche Kehrtwendung. Aber nicht alles ist Gold, was glänzt. Zum Beispiel Vickys Chefin Annabell, in die sie sich prompt bei der ersten Teamsitzung verknallt. Hatte Toni schließlich doch recht, als sie Vicky vor den Münchnerinnen gewarnt hat? Vicky muss schließlich erkennen, dass ihr Leben auch in München wieder zu dem wird, was es auch schon in Bochum war: vollkommen chaotisch. Und dann steht auch noch Toni vor ihrer Tür und macht den Wahnsinn perfekt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2011
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Petra Brumshagen
Schunkelfieber
Roman
Impressum
© Querverlag GmbH, Berlin 2011
Erste Auflage September 2011
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlag und grafische Realisierung von Sergio Vitale unter Verwendung eines Fotos von © Murat Subatli – Fotolia.com
ISBN 3-89656-517-4
Bitte fordern Sie unser Gesamtverzeichnis an:
Querverlag GmbH und Salzgeber & Co. Medien GmbH, Mehringdamm 33, 10961 Berlin
www.querverlag.de • www.salzgeber.de
Mehr zum Buch unter http://scheinfrei.wordpress.com
Ja mei!
Von wegen Altweibersommer! Der 30. September ist ein ungemütlicher und grauer Tag. Es hängen Tropfen an den Scheiben, die durch den Fahrtwind in lange, dünne Linien gezogen werden. Das Wetter ist trübsinnig. Wie meine Stimmung.
Die Landschaft fliegt vorüber. Ich schaue aus dem Fenster, nehme aber nichts richtig wahr. Nur ab und zu meinen Sitznachbarn, der seit Frankfurt mit mir um die mittlere Armlehne kämpft. Wenn er den Arm hebt, um die Zeitung umzublättern oder nach seiner Trinkflasche zu greifen, nutze ich die Gelegenheit, um meinen Arm mal wieder abzulegen. Er quittiert dies jeweils mit einem kurzen Seufzer, übernimmt meine Taktik, wenn ich in die Innentasche meiner Jacke greife, um Tonis Brief herauszuholen oder wieder hineinzustecken. Denn immer wieder lese ich ihn. Lese ihre offenen Worte, die ich mir so lange gewünscht habe. „In Liebe, Toni“ steht da. Liebe. Fünf kleine Buchstaben, und da steckt so viel drin. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich an diese Abschiedszeile denke.
Und jetzt? Ich sitze im Zug, der mich weit weg bringt von ihr. Weg von meiner Heimat, meinen Freunden, meiner alten WG. Weg von meinem alten Leben, auf in ein neues.
Schon verrückt, dass ich ausgerechnet durch Tonis Bruder die Stelle in München bekommen habe. Überhaupt ist das Leben so absurd. Schicksalhaft.
Mein Jahr in München wird sicher eine tolle Erfahrung, eine aufregende Zeit. Das haben mir alle prophezeit. Meine Freunde, meine Eltern, sogar mein Vermieter. Ja, aber jetzt gerade habe ich einfach nur Schiss. Am liebsten will ich die verdammte Notbremse ziehen und dann schnell zurück. Der Gedanke an eine neue Stadt macht mir Angst. Ein neuer Mitbewohner, eine neue Arbeit. Morgen früh schon sitze ich in der fremden Werbeagentur, um mein Volontariat zu beginnen. Dabei ist das noch so fern, so schwer zu glauben.
„Du bist eine Verräterin! Eine ganz miese Verräterin! Du verrätst das Ruhrgebiet, deine Freunde, deine Eltern. Wie kann man nur zu den Bayern gehen?“ Toni sieht mich mit blitzenden Augen an, die randvoll mit Tränen gefüllt sind. Gleich rollen sie über ihre Wangen, da bin ich sicher.
Ich will antworten, doch mein Hals ist so trocken, dass ich nicht sprechen kann. Was ich auch tue, kein Ton verlässt meinen Rachen, meinen Mund, meine Lippen. Es muss für Toni aussehen, als wäre ich plötzlich stumm geworden.
Ich verschlucke mich und muss husten.
„Ja ja“, sagt Toni und sieht mich warnend an. „Das wusste ich. Jetzt verlernst du schon unsere Sprache. Bald kommst du daher und sagst ‚Ja mei‘ und ‚Mia san mia‘ und ‚Kruzifix!‘.“
Plötzlich wird mir heiß. Ich berühre meine Wangen. Sie glühen. Schweiß steht mir auf der Stirn.
„Schunkel, schunkel, schunkel!“ Toni fasst sich mit den Händen an die Ellbogen und bewegt sich rhythmisch von links nach rechts, nach links nach rechts. „Schunkel, schunkel, schunkel.“ Wie ein batteriebetriebenes Duracell-Häschen schunkelt sie vor sich hin und schaut mich böse an. Ich zittere am ganzen Körper. „Schau es dir ruhig an, Vicky“, sagt sie. „So wirst du schunkeln. Bald wirst du jodeln und Schuhplattler tanzen und von morgens bis abends nur noch schunkeln.“
Ich will ihr ins Wort fallen, will nach ihr fassen, sie anschreien. Doch nichts geht. Ich kann weder sprechen noch sie berühren, geschweige denn sie zur Ruhe bringen. Mir wird schwindlig, schwindlig, schwindlig.
Als ich aufwache, quittiert mein Sitznachbar das wiederum mit einem sehr lauten Seufzer und sieht mich von der Seite mit wütendem Blick an. Ich fasse nach meinen Wangen. Sie sind heiß. Hoffentlich ist diese Fahrt bald vorüber.
Ein Brötchen ist ein Brötchen ist ein Brötchen
„Liebe Fahrgäste, in wenigen Minuten erreichen wir München Hauptbahnhof. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt und würden uns freuen, Sie bald wieder bei der Deutschen Bahn begrüßen zu dürfen. Auf Wiedersehen.“
Tonis Brief stecke ich in die Innentasche meiner Jacke, weil die einen Reißverschluss hat. Er soll unter keinen Umständen wegkommen. Völlig geschafft und mit einer Mischung aus Angst und Vorfreude steige ich aus.
Da bin ich also. München.
Der Bahnhof ist voller Menschen. Mir kommen Reisegruppen entgegen, Männer mit Aktentaschen, junge Leute mit Rucksäcken und Pärchen, die aussehen, als müssten sie sich gleich voneinander verabschieden.
Vor wenigen Stunden habe auch ich mich verabschiedet. Von meinen beiden besten Freundinnen Hannah und Toni und unserer chaotischen WG in Bochum, direkt neben unserer Stammkneipe, dem Evergreens. Den Besitzer, Siggi, und seine schwangere Freundin Jana werde ich auch sehr vermissen.
Siggi und ich haben oft still und stumm beieinander gesessen, geraucht, mit wenigen Worten über das Leben philosophiert und uns blind verstanden. Stundenlang konnten wir nebeneinander in den Liegestühlen vor seiner Kneipe faulenzen, in den Himmel schauen und nichts sagen. Manchmal hat er mit seiner Zigarette in der Hand nach oben gezeigt und die Figuren, die er in den Wolken erkannt hat, mit dem Glimmstängel nachgezeichnet. Ein Eichhörnchen, einen Elefanten, einmal auch eine Antilope. Ich habe meistens was anderes darin gesehen. Einen Hasen, ein Nilpferd und einen Panther etwa. Siggi hat das stets mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen. Ach, Siggi.
Ich gehe auf eine riesige Katzenfutterreklame zu und muss grinsen. Hannahs Kater Nepomuk, unser haariger Mitbewohner, hat vor einigen Monaten an einem Casting teilgenommen und daraufhin einen Werbevertrag bei einem Katzenfutterhersteller bekommen. Wenn sogar Nepomuk einen Job hat, sollte ich froh sein, dass ich endlich in seine Pfotenabdrücke trete.
Mein Gepäck ist sauschwer. Klamotten für jedes Wetter und jede Jahreszeit habe ich eingepackt. Schließlich geht mein Volontariat ein Jahr. Und die Winter in Bayern sollen lang und kalt sein. Schweren Herzens denke ich an den Sommer zurück. Was habe ich alles mit Hannah und Toni und Nepomuk erlebt. Und jetzt bin ich in einer fremden Stadt gelandet, über die ich nichts weiß außer Klischees: Lederhosen, Weißbier, Kaiser Franz, Oktoberfest und süßer Senf. Doch hier im Bahnhofsgebäude sieht alles ganz normal aus. Keine Frauen im Dirndl, keine Männer mit Lederhosen, kein Pulk von FC-Bayern-Fans.
An einem kleinen Bäckerstand will ich meinen leeren Magen füllen und stelle mich an. „Ein Käsebrötchen, bitte!“
Die rundliche Frau hinter der Theke mit ihrer grauen Filzjacke sieht mich fragend an. Nein, nicht fragend, sondern brüskiert. „Wia? Was ham’S gsagd?“
Ich wiederhole meinen frommen Wunsch. Ein Käsebrötchen möchte ich.
„Mir hom ka Breetchen!“, sagt sie mit abfälliger Miene.
Will die mich verkohlen? Da liegen zig, wenn nicht Hunderte belegte Brötchen mit Käse in der Auslage. Und auf kleinen Schildern steht … aha, das ist wohl der Stein des Anstoßes, „Käsesemmeln“. Ja, leck mich doch am Arsch, geht es mir durch den Kopf. Das fängt ja super an. Mit einem Schnipp würde ich mir gern Toni herbeiwünschen. Die würde der Alten aber gehörig die Meinung geigen oder ihr einfach den Wind aus den Segeln nehmen. Ich stelle mir vor, wie Toni die Frau interessiert beobachten und dann die Hand an die Stirn legen würde, um zu sagen: „Ach, Sie sprechen kein Deutsch. Das wusste ich nicht. Dann sage ich es noch einmal ganz langsam und deutlich: Ich hätte sehr gern eine ihrer fabelhaften, mit Käse belegten Backwaren!“
„Hallo!“ Die Frau schreit mich an und wedelt mit den Händen vor meinem Gesicht. Die Schlange hinter mir wird länger und länger. „Wenn’S nix wuist, dann wuist hoat nix“, beendet sie unser seltsames Zwiegespräch und wendet sich sogleich dem Mann hinter mir zu.
Ich bin zu müde, um den Kulturkampf weiter zu verfolgen. Also trolle ich mich, um ein paar Meter weiter eine Wurst zu bestellen. Mit Brötchen, versteht sich.
Zimmer für ein Jahr
Schließlich stehe ich nach meiner ersten Tramfahrt in München durchgeschwitzt und mit schmerzenden Gliedern vom Schleppen meines Gepäcks vor dem großen Altbau in der Hirschbergstraße, in dem sich mein Zimmer befinden muss. Mein Zimmer! Zumindest für ein Jahr.
Es ist bereits halb sieben, und ich lasse erschöpft Tasche und Rucksack vor dem Eingang auf den Boden fallen und krame in meiner Umhängetasche nach Zigaretten und Feuerzeug. Erst mal eine rauchen, bevor ich ganz ankomme, denke ich. Ich drehe mich um, gehe ein paar Schritte bis zur Straßenecke und beobachte die Autos auf der mehrspurigen Straße, die über eine riesige Brücke führt. Auf der anderen Seite steht ein großer gläserner Turm. Der Blick von da oben muss atemberaubend sein. Einige Minuten lasse ich das neue Bild, das ich nun jeden Tag vor Augen haben werde, auf mich wirken. Den Verkehr, die vielen Lichter, die breite Straße. Dann fühle ich mich bereit, meinen neuen Mitbewohner kennenzulernen.
Ich klingle bei Huber, und kurz darauf ertönt eine männliche Stimme in der Gegensprechanlage. Das ist Chris, eindeutig. Ich erkenne ihn von unseren Telefonaten gleich wieder. Schließlich haben unsere Gespräche insgesamt mehrere Stunden gedauert. Es ist ohnehin noch ein kleines Wunder, dass er sich darauf eingelassen hat, einer völlig Fremden einen Raum unterzuvermieten, ohne sie je gesehen zu haben.
„Ich bin’s, Vicky“, keuche ich außer Atem, versuche dabei aber so fröhlich wie möglich zu klingen.
„Ich komme runter!“ Wenige Augenblicke später wird die imposante Holztür aufgerissen, und ein sympathisch lächelnder junger Mann nimmt mir Reisetasche und Koffer ab. Was für eine Erlösung für Rücken, Arme und Schultern!
Chris grinst. „So, und wenn wir oben angekommen sind, schüttle ich dir auch mal die Hand.“
Die Wohnung liegt im dritten Stock, und ich bin froh, dass ich mein schweres Gepäck nicht allein hochtragen muss.
„Bist du mit der S-Bahn gefahren?“, fragt Chris, der sportlichen Schrittes immer zwei Stufen auf einmal erklimmt.
„Äh, nee, ich hab die Straßenbahn, also diese Tram hier genommen.“
„Ah ja, okay, das geht auch.“ Er langt nach seinem Schlüsselband, das aus seiner Gesäßtasche herausguckt.
„Herzlich willkommen in Neuhausen!“, sagt er feierlich, als wir oben angekommen sind. Er stellt mein Gepäck auf dem Parkettboden ab und schüttelt mir nun wie angekündigt die Hand. Dann öffnet er die Tür zu der Wohnung, und neugierig lasse ich meinen Blick schweifen. Zielstrebig geht Chris auf die zweite Tür rechts zu.
„Und das ist dein Zimmer!“ Er öffnet die Tür, und wir treten ein. In der einen Ecke steht ein großer Schreibtisch, darauf ein winzig kleiner Fernseher. Zwei Bücherregale und ein Kleiderschrank warten darauf, gefüllt zu werden. Das Bett reicht locker für zwei und sieht äußerst bequem aus. Die beiden großen Fenster lassen tagsüber sicher viel Licht herein. Ich bin sofort erleichtert und begeistert. All meine Horrorvorstellungen waren umsonst. Es ist einfach herrlich.
„Komm erst mal richtig an. Danach zeig ich dir alles. Ich bin in der Küche. Die ist schräg gegenüber.“ Er lächelt und verlässt dann mein Zimmer und schließt die Tür hinter sich.
Hier bin ich also. Victoria König, genannt Vicky. Angekommen in meiner neuen WG. Ich ziehe meine Jacke aus, hänge den Schal über den Stuhl, lasse mich aufs Bett fallen und schließe für einen Moment die Augen. Ich kann es noch gar nicht fassen. Der Tag hatte gefühlte hundert Stunden. Und jetzt bin ich da, in München-Neuhausen.
Ich bin zu aufgedreht, um mich auszuruhen, und inspiziere mein neues Zimmer. Hinter der Tür lehnt ein riesiger alter Spiegel an der Wand. Ich stelle mich davor und betrachte mich. Blass sehe ich aus, und meine kurzen straßenköterblonden Haare sind links am Kopf plattgedrückt vom Liegen im unbequemen Sitz des Zugs.
Als ich eine Viertelstunde später in die Küche komme, bin ich nochmals überwältigt. Sie ist riesig, noch größer als unsere Wohnküche in Bochum. Ein großer viereckiger Holztisch bildet das Zentrum, rundherum stehen vier Stühle und eine Bank. Eine alte weiß lackierte Anrichte mit verspielten Griffen und Schubläden steht wie ein Schmuckstück an einer der Wände. Statt einer obligatorischen Einbauküche sind alte und neue Küchenmöbel wild durcheinander arrangiert. Aber so, dass es trotzdem harmonisch wirkt. Hier gibt es überall etwas zu entdecken. Einen gigantischen Obstkorb, der auf der Anrichte steht. Viele Flaschen Wein und Schnaps, die auf einem kleinen Küchenschrank aufgereiht sind. An den Wänden hängen Poster mit Werbung aus den Fünfzigern und Sechzigern, und ich muss schmunzeln, als ich einen ausgeschnittenen Zeitungsartikel in einem Bilderrahmen entdecke: „Gemütlichkeit ist Trumpf“ steht dort als Überschrift, und der Slogan wirbt für Anbaumöbel-Lösungen plus „schöner Kombination in Teak mit Nische“ für schlappe 1.690 Deutsche Mark.
„Ich hab ein Faible für altes Zeug“, erklärt Chris. „Irgendwie gibt mir das ein Gefühl von Wohlbehagen.“
Ich nicke und lächle ihm zu. „Ich bin total begeistert“, gestehe ich. „Hier merkt man richtig, dass Leben in der Bude steckt.“
Chris lacht. „Freut mich, dass das dein erster Eindruck ist.“ Er schenkt mir Tee ein, und ich setze mich ihm gegenüber hin. „Oder willst du einen Kaffee oder ein Bier?“, fragt er lächelnd.
Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich hab gerade eh voll den nervösen Magen. Ich muss die neuen Eindrücke wohl erst verarbeiten.“
Er nickt. „Ja, so ein Umzug in eine neue Stadt ist schon eine große Sache. Aber du wirst dich bestimmt schnell einleben. Wenn du zwei Wochen hier bist, willst du gar nicht mehr weg.“
Seine blauen Augen strahlen mich an. Nett von ihm, dass er das sagt. Zum Glück scheint er ein offener Typ zu sein. Welch schreckliche Vorstellung, wenn ich hier angekommen wäre und ich könnte meinen neuen Mitbewohner nicht leiden.
„Soll ich dich mal rumführen?“
Chris zeigt mir die restlichen Zimmer. Ich bin überrascht, dass es neben meinem und seinem noch ein drittes gibt. „Das ist für meinen Bruder Lennart. Er zahlt einen Teil der Miete, ist aber nicht regelmäßig hier. Da er beruflich ziemlich eingespannt ist, wohnt er meistens im Mandarin Oriental. Das ist ein Hotel am Viktualienmarkt. Aber wir kochen ab und zu mal was zusammen oder ziehen um die Häuser, wenn er in München ist. Da ist es praktischer, wenn er hier auch schlafen kann.“
„Wow, das klingt ja, als wäre er ein ziemlicher Karrieretyp“, rate ich.
Chris nickt. „Aber ein auf dem Boden gebliebener.“
Fasziniert sehe ich mich in dem Raum um. Mehrere Kleiderständer voller Klamotten stehen darin wie in einer Theatergarderobe. Anzüge, Kleider, Blusen, Hemden. Ein Schminktisch mit einem Spiegel, der mit kleinen Lämpchen umsäumt ist. An den Wänden hängen Poster von Marilyn Monroe und Greta Garbo.
„Er nutzt das Zimmer mehr als Kleiderkammer, wie man sieht“, fährt Chris lachend fort.
Einen interessanten Bruder scheint der zu haben, denke ich.
„Was macht er denn beruflich?“, will ich wissen.
Chris lächelt. „Ihr habt einige berufliche Gemeinsamkeiten. Er ist auch in Sachen Werbung unterwegs.“
Ich staune nicht schlecht und spreche meine Begeisterung aus.
„Du wirst ihn sicher bald kennenlernen. Er hat schon angekündigt, dass er in den nächsten Tagen kommt.“
„Da bin ich ja mal gespannt.“ Und das bin ich wirklich.
Nach anfänglichem Beschnuppern entwickelt sich zwischen uns schließlich ein intensives Gespräch. Wir sitzen in der Küche, Chris überredet mich zu einem Glas Wein, und meine Müdigkeit ist plötzlich verflogen. Je später der Abend, desto aufgekratzter werde ich.
Chris erzählt von sich. Er ist ein Jahr älter als ich und studiert Innenarchitektur. Nach der Führung durch die Wohnung überrascht mich das kein Stück. Dass hier ein kreativer Kopf mit Sinn für Stil und Einrichtung lebt, das merkt man sofort.
„Und wie die meisten hier“, er schwenkt sein Glas, und der Wein schwingt sich in seichten Wellen bis hinauf zum Rand, „bin ich auch nur zugezogen.“
„Woher kommst du denn ursprünglich?“
„Ach, das lässt sich schwer sagen. Geboren bin ich in Stockholm. Aber wir sind zig Mal umgezogen, weil meine Eltern so Globetrotter sind. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wo wir überall waren.“
Ich bin beeindruckt. Wie er das erzählt, klingt es nicht abgehoben, sondern als hätte er dadurch auch auf vieles verzichten müssen.
„Zuletzt hab ich in Frankfurt gewohnt. Aber das ist über fünf Jahre her. Jetzt bin ich froh, dass ich eine Stadt gefunden habe, wo ich erst mal bleiben will.“
„Dein Bruder scheint ja eher deinen Eltern nachzueifern, wenn er so viel unterwegs ist, oder?“
Chris lacht. „Absolut. Der hat immer Hummeln im Hintern. Kann nirgendwo länger als eine Woche am Stück sein, sonst langweilt es ihn.“
„Ich find’s übrigens total super, dass du dich für mich entschieden hast, ohne mich je gesehen zu haben“, sage ich ehrlich.
„Ich hatte einfach ein gutes Gefühl.“ Chris geht in den Flur und kommt kurz darauf mit einem Schlüsselbund zurück. „Der ist für dich.“
Vier Schlüssel hängen daran, für Haus, Wohnung, Zimmer und Briefkasten. „Mit dem Hausschlüssel kommst du auch durch den Keller in den Hinterhof, falls du dir ein Fahrrad zulegen und es da abstellen willst.“ Er schenkt uns beiden Wein nach. „Ach, Quatsch“, sagt er dann. „Du brauchst dir gar keins kaufen. Unten steht sogar noch eins. Wenn du willst, kannst du damit fahren.“
„Das wär klasse!“, sage ich begeistert.
Chris seufzt. „Das ist nämlich das Rad meiner Freundin Elli.“
Fragend gucke ich ihn an. „Oh, habt ihr euch getrennt?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Aber sie hat vor zwei Monaten eine Stelle in Berlin bekommen. Und jetzt sehen wir uns halt nur noch alle paar Wochen.“ Er macht ein trauriges Gesicht.
„Scheiße, das ist ja blöd.“
„Einerseits ja, andererseits ist es natürlich super, dass sie gleich nach dem Studium einen Job gefunden hat.“
Ich nicke. „Stimmt, das ist ja nicht die Regel.“
„Und bei dir?“, fragt Chris kurz darauf. „Hast du auch jemanden zurückgelassen?“
Ich muss laut seufzen. Er schaut mich erschrocken an. „Du, wenn du nicht drüber reden willst, ist das absolut okay für mich.“
Ich winke ab. „Nein, nein, ist schon okay. Es ist nur, dass ich das Gefühl habe, meine große Liebe zurückgelassen zu haben.“
„Oh!“ Er runzelt mitleidig die Stirn. „Aber er wird doch sicher mal nach München kommen, um dich zu besuchen?“
Ich schmunzle. „Sie!“, berichtige ich und fahre dann fort. „Sie wird sicher nicht so schnell vorbeikommen. Es ist eine ziemlich komplizierte Geschichte zwischen uns.“
Er zwinkert mir zu. „Okay, alles klar. Das heißt, ihr seid etwas abrupt auseinandergegangen?“
„Wir …“ Ich überlege, wie ich diese Story in wenigen Sätzen erzählen kann. „Wir kennen uns schon seit der Kindheit, sind zusammen aufgewachsen und beste Freundinnen. Doch in den letzten Monaten hat sich etwas zwischen uns entwickelt. Irgendwie ja und irgendwie nein.“
Chris hört mir aufmerksam zu und nippt an seinem Glas. „Tausend Mal berührt?“, fragt er.
Zögerlich nicke ich. „Ja, genau. Das macht es nicht einfacher. Wenn man sich schon so gut kennt und es dann doch nicht klappt, kann das alles sehr kompliziert werden.“
„Das glaube ich. Find ich eh krass, dass man sich nach so vielen Jahren plötzlich in die beste Freundin verguckt.“
Ich kratze mich verlegen am Hinterkopf. „Na ja, wahrscheinlich war da schon immer was. Aber es hat knapp fünfzehn Jahre gebraucht, um an die Wasseroberfläche zu schwappen.“
Er lächelt.
Ich erzähle ihm, dass es zwischen Toni und mir ein ständiges Hin und Her gab. Dass ich ihretwegen wochenlang gelitten habe und mir schließlich eingestehen musste, dass offenbar nur ich mich in sie, sie sich aber nicht in mich verliebt hat.
„Das ist bitter.“ Mitleidig guckt Chris mich an.
„Und heute Morgen drückt sie mir dann einen Abschiedsbrief in die Hand.“
„Oh.“
„Ich bin nicht sicher, ob das eine versteckte Liebeserklärung ist oder nur ein kurzer Anflug von Sentimentalität.“ Ich erzähle ihm, was sie geschrieben hat.
„Hm.“ Er kratzt sich am Kinn. „Klingt aber schon so, als würdest du ihr sehr viel bedeuten“, analysiert er. „Ich kenne sie zwar nicht, aber wer so was schreibt, dem ist die Person bestimmt sehr wichtig.“
Ich seufze. „Ja, genau das ist das Problem. Ich dachte immer, dass ich sie kenne. Aber wenn es um solche Gefühle geht, ist eben plötzlich alles anders.“
„Willst du sie fragen?“
Zögernd schüttle ich den Kopf. „Ich glaub, ich brauch Abstand zu allem. Ich muss mich erst mal selbst finden.“
„Ein guter Plan.“ Schon jetzt mag ich Chris’ sanfte Stimme, seine offenen Augen und seinen klaren Blick. Ich bin unendlich froh, dass ich es mit ihm so gut getroffen habe. Und kann kaum fassen, dass ich einem eben noch völlig Fremden spontan Einblick in mein Seelenleben gewährt habe.
Gedankenwirrwarr
Später rufe ich meine Eltern an und sage ihnen, dass ich gut angekommen bin. Danach überlege ich eine geschlagene halbe Stunde, ob ich Toni schreibe, entscheide mich aber dagegen und richte ihr über Hannah in einer SMS Grüße aus.
Es ist schon nach zwölf, als ich die Tür zu meinem neuen Zimmer hinter mir schließe und mehrmals tief durchatme. Ich bin matt, erschlagen und trotzdem ruhelos. Schlafen kann ich jetzt auf keinen Fall, obwohl ich morgen meinen ersten Arbeitstag habe. Wie das klingt: mein erster Arbeitstag. Wow! Ein erwachsenes Gefühl. Kein komischer Nebenjob, wo ich als Schaumstoffhandy durch die Bochumer Fußgängerzone laufe oder im Tierpark Vogeleier sortieren muss. Nein, diesmal ist es eine richtige Arbeit. Na ja, zumindest ein beruflicher Einstieg. Als Volontärin in einer erstklassigen Werbeagentur in München.
Es fühlt sich noch ganz unwirklich an, doch die Realität steht auf dem Display meines Reiseweckers. In weniger als neun Stunden werde ich bereits in der Agentur sein, erste Eindrücke sammeln und vielleicht sogar einen eigenen Schreibtisch bekommen. Und ich werde dort zum ersten Mal Annabell De Angelo, Tonis verhasster Schwägerin, gegenüberstehen. Ob sie wirklich so schlimm ist, wie Toni mir jahrelang erzählt hat?
Nachdenklich öffne ich das Fenster. Von draußen ertönt entfernter Verkehrslärm, der mich eher beruhigt als stört. Es ist dunkel. Nur in einigen Fenstern gegenüber brennt noch Licht, die Straßenlaternen leuchten und die Ampeln schalten um.
Ich setze mich auf das Fensterbrett und schaue hinaus. Mir dreht sich alles. Die Gedanken kreisen, und viele Gesichter erscheinen vor meinem inneren Auge.
Was Toni wohl gerade macht? Ob sie noch wach ist? Ich stelle mir vor, dass sie in unserer WG-Küche sitzt, eine raucht und vielleicht an mich denkt. Und Hannah? Ob sie gerade mit Malte eng umschlungen einschläft? Sie ist sicher überglücklich, dass ich ihm mein Zimmer überlassen habe. Und Siggi. Ob Jana darauf wartet, dass er endlich nach Hause kommt? Sicher steht er noch im Evergreens, säubert die Zapfhähne und freut sich auf den noch fernen Feierabend. Und meine Eltern. Ob sie bald eine Wohnung und einen Käufer für das Haus finden? Hoffentlich liegen sie nicht wie ich wach im Bett und grübeln darüber nach, wie es finanziell weitergehen soll, nachdem die Firma von Papa pleite gegangen ist. So gern würde ich ihnen helfen, aus dem Schlamassel herauszukommen.
So viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, bis mir plötzlich Tränen in die Augen steigen. Ich bin so unendlich weit weg von allem, was mir lieb ist, dass es mir die Kehle zuschnürt. Wenn es mir jetzt plötzlich ganz schlecht ginge und mich die Sehnsucht überfiele – ich könnte nicht einmal zu einem meiner Freunde oder zu meinen Eltern gehen, um mich von ihnen trösten zu lassen.
Schließlich lege ich mich hin. Die Bettdecke fühlt sich fremd an, genauso wie das Zimmer fremd riecht. Ich atme einige Male ein und aus und beruhige mich langsam. Es ist mein erster Tag, meine erste Nacht steht bevor, es ist doch kein Wunder, dass ich durch den Wind bin. Vicky, alles wird gut, sage ich mir. Alles wird gut.
Frischling
Am nächsten Morgen stehe ich um sieben Uhr auf, um bloß nicht am ersten Arbeitstag zu spät zu kommen. Es ist Montag, der 1. Oktober, und das Wetter ist zum Glück mild. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und mit weißen Wölkchen durchsetzt. Als ich in die Küche komme, steht schon eine Thermoskanne mit Kaffee bereit. Chris ist schon ausgeflogen, und ich genieße die Stille in der Wohnung, die lediglich von Vogelgezwitscher und dem Verkehrslärm durchbrochen wird. Wie soll ich mich nur anziehen an meinem ersten Tag? Chic, flippig, seriös, jugendlich? Meinen Hosenanzug? Oder die schwarze Jeans mit einer meiner Blusen dazu? Hoffentlich haben die keinen Dresscode.
Nach dem Duschen entscheide ich mich für eine Zwischenlösung. Meine Nadelstreifenhose, die frisch aus der Reinigung kommt und die Reise im Koffer zum Glück schadlos überstanden hat, und die neue feine Bluse, dafür keinen Blazer. Beim Blick in den Spiegel bin ich zufrieden. Meine Haare, die ich mir vor zwei Monaten in einem akuten Anfall von Veränderungswahn bis auf zwei Millimeter habe abrasieren lassen, sind nun etwa zweieinhalb Zentimeter gewachsen. Ich muss daran denken, wie ich zu meinem Lieblingsfriseur gegangen und ihn um einen Kahlschlag gebeten habe. Bleich und schockiert hat er mich angestarrt und sich geweigert, mir meine kinnlangen Locken abzusäbeln. Da habe ich selbst zum Rasierer gegriffen, bis Martin, der Friseur, aus Angst, dass ich mich verletze oder andere Dummheiten mache, den Rest selbst erledigt hat.
Langsam kommen meine Locken wieder zum Vorschein. So sehr die mir jahrelang den letzten Nerv geraubt haben, so sehr freue ich mich jetzt wieder auf sie. Ich will nicht mehr aussehen wie Sinead O’Connor.
Mit der ausgedruckten Route in der Hand mache ich mich auf den Weg zur Tramhaltestelle. Meine Schuhe sind blitzblank poliert, die neue Umhängetasche, die meine Eltern mir spendiert haben, sieht richtig businessmäßig aus. Total ungewohnt für mich. Nach einer kurzen Fahrt mit der Tram bin ich angekommen, muss nur noch ein paar Minuten zu Fuß gehen. Und bin viel zu früh. Mein Magen knurrt, und ich sehe zum Glück eine Bäckerei. Die heiß geliebten Schokobrötchen, die Hannah ab und zu beim Schmidtmeier in Bochum geholt hat, gibt es hier nicht. Ich lese die kleinen Schildchen, die in der Auslage stehen. Nussschnecke, Krapfen, Croissant, Kirschblätterteig, Apfelbissen, Quarktasche, Rosinensemmel, Butterbreze.
„Wos derfts sein, bittscheen?“, fragt die Frau hinter der Theke. Da ich nicht auf so ein Erlebnis wie gestern scharf bin, entscheide ich mich schnell für eine Butterbreze, ohne zu wissen, was das ist. Ein Brezel, wie es sie bei uns aus süßem Hefeteig gibt, vielleicht. Die Verkäuferin gibt mir die kleine Papiertüte, und ich verabschiede mich im Hinausgehen, als mein Handy piept. Eine SMS von Hannah: „Vickylein, ich wünsch dir einen schönen ersten Arbeitstag. Malte und ich essen gerade Croissants bei Siggi. Bussi, Hannah.“ Ich verstaue die kleine Tüte in meiner Tasche und schreibe Hannah zurück. Dass ich sie schon furchtbar vermisse und ihr auch einen tollen Tag wünsche.
Dann stehe ich endlich vor dem großen Gebäude, in dem sich die Agentur befindet. Ich öffne die schwere Glastür und betrete den weitläufigen Empfangsbereich.
„Grüß Gott!“, schallt es mit bayrischem Akzent zu mir herüber. Die kleine, rundliche Frau hinter dem Tresen lächelt mir freundlich zu. Der erste Eindruck ist also schon mal sehr positiv, denke ich.
„Guten Tag, König mein Name. Ich fange heute bei Ihnen an.“ Ich stottere. „Äh, also, heute ist mein erster Arbeitstag hier.“
„Sie meinen bei der Agentur Wertmann und Schneider?“
Ich nicke. „Ja, genau.“ Ich Dummerchen, die ist ja für das ganze Haus zuständig und nicht nur für eine Firma.
Die Dame lächelt immerzu und greift nach einem der drei Telefonhörer, die ich erblicken kann. „Ich geb gschwind oben Bescheid. Sie werden dann gleich von der Frau Voss abgeholt. Nehmen’S ruhig noch Platz oder sehen’S sich so lange um.“
Besagte Frau Voss, die sich mir bei meinem telefonischen Vorstellungsgespräch schon als „ich bin die Nadine“ vorgestellt hat, war mir damals direkt sympathisch. Wenn es bei ihr läuft wie bei Chris, bin ich restlos zufrieden.
Zum Sitzen bin ich zu angespannt. Also sehe ich mich um, gehe zu der überdimensionalen Collage, auf der die Prestige-Projekte der vergangenen Jahre aufgeführt sind. Große Marken, große Namen, große Kampagnen. Eine Zeittafel zeigt, seit wann die Firma besteht, und listet die Geschäftsführer auf. Plötzlich bekomme ich Herzklopfen. Bin ich dem Ganzen überhaupt gewachsen? Was kommt hier auf mich zu?
Ich muss wieder an Toni denken und an ihre Worte, als wir einmal gemeinsam über den Campus in Bochum geschlendert sind. „Pass auf, Vic, die Werbebranche ist ein Haifischbecken.“ Seinerzeit hab ich ihr vorgeworfen, dass sie mir nichts zutraut. Doch jetzt habe ich Angst, dass sie recht hat. Dass alle in der Werbung oberflächlich und arrogant sind und ich da nicht reingehöre.
Hinter mir klappern Stöckelschuhe, die näherkommen. Ich wage nicht, mich umzudrehen. Erst als sich die dazugehörige Stimme meldet und meinen Namen sagt, wende ich mich ihr zu.
Ein kleiner Schock durchfährt mich, denn ein Alptraum in grellem Türkis steht nun vor mir. Eine Mittzwanzigerin, die ebenso gut die Tochter von Ivana Trump oder Werbefigur für Knallbonbons sein könnte. „Hi, ich bin Nadine, wir haben mal telefoniert. Ich zeige dir heute alles.“ Ihre blonden dauergewellten Haare sind hüftlang, sie trägt einen für meinen Geschmack viel zu knappen Rock und hält mir eine fingernagellackierte Hand hin. Sie taxiert mich mit neugierigen Blicken und einer hochgezogenen Augenbraue. Und schwupp dreht sie sich um, ohne weitere Zeit mit Nettigkeiten zu verplempern.
Po wackelnd stolziert sie vor mir her. Ich folge ihr, merke im Treppenhaus deutlich, dass ich zu lange keinen Sport mehr getrieben habe, und bin beeindruckt, wie sie auf den Absätzen so schnell die Stufen erklimmen kann. Außerdem redet sie dabei wie ein Wasserfall, ohne sich einmal nach mir umzusehen. „Du hast Glück, die Chefin ist diese Woche noch in den Staaten. Übrigens duzen wir uns hier alle. Und Donnerstag ist unser Wiesn-Abend. Also solltest du dich noch um was zum Anziehen kümmern. Ich stelle dich gleich mal allen vor. Wenn du dir die Namen nicht merken kannst, schaust du einfach im Netz. Da sind noch mal alle mit Bild drin. Nur den Boss solltest du dir schnell einprägen. Der mag das nicht so, wenn man ihn nicht genügend würdigt. Ich habe übrigens hier eine etwas höhere Stellung als du, auch wenn ich nur die Tippse bin. Denk nicht, du könntest mich rumkommandieren oder Kaffee bei mir bestellen. Das müssen die Volontäre selbst machen. So, gleich sind wir da. Wir hätten auch den Aufzug nehmen können, aber der Blutdruck wird so schön gefördert, wenn man mal die vier Etagen zu Fuß hochläuft.“
Als wir oben ankommen, platzen mir fast die Lungenflügel. Na, mit der, das kann ja heiter werden, denke ich. Was für eine Tussi. Und was für eine Kondition die hat! Ich beschließe, mich noch heute Abend über Hallenbäder zu informieren, um schnellstens an meiner Ausdauer zu arbeiten.
Nadine zeigt mir unser gemeinsames Büro, das riesengroß ist und den Blick über die halbe Stadt freigibt. Ich bin erschlagen von ihrem Geplapper. „Sei froh, dass die Chefin erst in einer Woche wiederkommt“, sagt sie mit wichtiger Miene. „So lange kann ich dir alles über sie erzählen. Die hat nämlich nicht mehr alle Latten am Zaun. Genieß also jeden Tag ohne sie.“ Was redet die denn so doof über ihre Chefin? Also über unsere. Sie zeigt mir meinen Platz, und ich setze mich auf den Schreibtischstuhl, meinen Schreibtischstuhl.
Im Laufe des Tages geht Nadine mit mir einmal durch alle Etagen des Gebäudes, die von der Agentur belegt sind, und stellt mir die Kollegen vor. Nachdem sich mir knapp vierzig Gesichter gezeigt, mir vierzig Hände zum Schütteln angeboten wurden und ich mir vierzig Versionen von „Guten Start“ über „Schönen Arbeitsanfang“ bis „Willkommen im Team“ angehört habe, fühle ich mich wie nach einer mehrstündigen Fahrt auf einem Kettenkarussell. Lediglich „die Rosi“ von der Poststelle und Jens, der Jahrespraktikant von der Online-Redaktion, sind mir noch leibhaftig in Erinnerung. Diese Rosi, weil sie das einzige Gesicht über dreißig war und eine der wenigen, die keine überdimensionale Buddy-Holly-Brille trug. Und Jens, weil der aussah wie gerade aus dem Ei geschlüpft. Der kann unmöglich älter als zwanzig sein. Scheint aber ein ganz lieber Kerl zu sein. Jedenfalls hat er mir direkt seinen Lebenslauf in Kurzform erzählt. „Wenn du was brauchst oder irgendwas wissen willst, komm ruhig vorbei. Ich bin zwar erst ein paar Wochen hier, aber wir Frischlinge müssen ja zusammenhalten, ne!“ Er hielt mir die Hand hin und drückte meine, während Nadine mich weiterschieben wollte. „Wir können ja auch mal zusammen was essen!“, hörte ich ihn noch hinter uns herrufen.
Und den Boss werde ich wohl auch schnell wiedererkennen, obwohl er mir nur im Vorbeigehen auf dem Gang kurz die Hand geschüttelt hat, während er per Handy telefonierte. Herr Wertmann, der Einzige, der definitiv gesiezt wird. Alle anderen Namen und Gesichter habe ich eine Sekunde nach Kennenlernen sofort wieder vergessen. Die sahen sich aber auch alle ähnlich. Und so verdammt jung. Ich scheine mit meinen fünfundzwanzig Durchschnitt zu sein.
„Mach dir nichts draus.“ Nadine zieht vielsagend eine Augenbraue hoch und lacht kurz. „Mit den meisten Pfeifen hast du eh nix zu tun. Wenn du Glück hast. Wichtig ist nur, dass du dir schnell die Namen und Gesichter derjenigen einprägst, mit denen du die nächsten zwölf Monate in Tausenden von Meetings abhängen und über Briefings, Timelines und Claims quatschen wirst. Und gewöhn dich schnell an den Gedanken, dass du die persönliche Sklavin der Chefin bist.“ Sie macht ein abfälliges Geräusch und murmelt: „Herrgott, gut, dass ich deinen Scheißjob nicht machen muss.“
Na, spitze! Das sind ja glänzende Aussichten.
„Wer ist denn eigentlich Schneider?“, will ich wissen, da bisher immer nur von Wertmann als „Boss“ die Rede war.
Nadine lacht süffisant. „Wertmanns letzte Frau. Aber nach der Scheidung hat er sie rausgekickt. Deshalb kriegen wir auch bald einen neuen Namen. Mit einer fetten Party dazu.“
Soso, fette Party. Dass diese Stöckelschuhfrau da abgeht wie ein Zäpfchen, kann ich mir sehr gut vorstellen.
„Ah okay“, sage ich. Und als sie daraufhin nichts mehr sagt, frage ich, wo sie herkommt. Denn nach Bayrisch hört sich das, wie sie redet, nicht an.
„Ich komm aus Wiesbaden. Die meisten hier sind Zugezogene. Du ja auch, ne?“
Ich nicke. „Ja, ich komme aus Bochum.“
„Na, dann mach dich schon mal auf dumme Kommentare von Wertmann gefasst.“
Fragend gucke ich sie an. „Wieso?“
„Der zieht gern mal über die Ruhrpott-Asis her!“
Mir steht der Mund offen, aber ich sage nichts. Na, das kann ja heiter werden.
Mein Magen knurrt, weil ich seit heute früh nichts mehr gegessen habe, als mir die Butterbreze einfällt, die ich mir beim Bäcker gekauft habe. Als ich in meine Tasche fasse, fühlt es sich darin schmierig und fettig an. „Bah“, sage ich angeekelt, und Nadine schaut hoch. „Was denn?“
Ich hole die fettige Tüte hervor. „Was ist denn das?“, frage ich überflüssigerweise.
Nadine grunzt lachend. „Hast du die Butterbreze vergessen?“
Ich zucke die Achseln. „Ich wusste nicht, dass die Butter da drauf ist. Ich dachte, die heißen so, weil der Teig so gebacken ist.“
Nadine lacht schallend. „Ich glaub, du musst hier noch ’ne Menge lernen!“
Kann passieren
„Ich kann dir sagen, genieß die erste Woche ohne Frau von und zu Perfektionismus und Sadismus. Danach freust du dich über jede Sekunde, die du noch Zeit zum Atmen und Pinkeln hast. Also mach dir die kommenden fünf Tage einen Lauen. Kleiner Tipp von mir.“ Nadine schmatzt laut mit ihrem Kaugummi und packt ihre zahlreichen Kosmetikartikel, die verstreut auf ihrem Schreibtisch stehen, in ihre Dolce-und-Gabbana-Tasche. „Und jetzt Abflug!“, befiehlt sie. „Wir machen Feierabend.“
Gesagt, getan. Mein erster Tag ist geschafft, und ich bin es auch. So viele neue Gesichter, so viele Namen, so viele Eindrücke. Aber ich habe ein gutes Bauchgefühl. Keiner der Kolleginnen und Kollegen, die Nadine mir heute vorgestellt hat, waren mir gegenüber abweisend. Nur der Boss, dieser Wertmann, ist auf den ersten Blick ein aalglatter Kerl. Groß, breitschultrig und mit nach hinten gegelten Haaren sieht er aus wie eine fatale XXL-Mischung aus Michel Friedman und Prinz Michael von Anhalt. Na ja, ich muss mich ja nicht mit ihm nach der Arbeit auf ein Bier treffen.
Zu Hause packe ich meine restlichen Sachen aus, die ich seit gestern Morgen in meinem Gepäck habe. Meine liebsten Bücher und CDs füllen nur einen Regalboden. Ich wollte nicht zu viel mitnehmen. Als Nächstes fällt mir mein Fotoalbum in die Hände. Toni hat es mir zum zwanzigsten Geburtstag geschenkt. Mit zig Fotos von uns, von der Kindheit bis zum Abitur. Mit allerlei bescheuerten Sprüchen darin. Typisch Toni eben.
Ich setze mich im Schneidersitz auf den Boden und blättere vor bis zu den Fotos vom Abi-Ball. Unvergessen, dieser Abend. Wir haben eine Art Musical zu Dirty Dancing aufgeführt. Grottenschlecht und superpeinlich. Toni und ich haben ein tanzendes Pärchen gespielt, das immer dann auftauchte, wenn die Hauptakteure ihre Tanzszenen auffühten.
Auf diesen ganzen Kram hatte Toni von Anfang an überhaupt keine Lust. Unsere Proben waren durchzogen von ihren Sprüchen, mit denen sie sich über alles und alle lustig machte. Doch nicht bei jedem kam das gut an. Die Hauptrollen waren mit unseren beiden Stufensprechern – Heinrich und Franzi – besetzt. Heinrich, der von Toni immer nur Heini genannt wurde, war der Überflieger in allen Fächern, sozial und emotional aber vollkommen verkrüppelt. Franzi war das Vorzeigemädchen der Schule. Sie konnte an die zwanzig Instrumente spielen, knapp zehn Sprachen fließend sprechen und ohnehin einfach alles und zog damit Hass, Neid und auch ein bisschen Mitleid auf sich.
Am großen Tag der Aufführung ahnte jedoch keiner, was alles schief gehen würde. Statt in dem geplanten Herrenanzug kam Toni in zerrissener Jeans und wollte damit ihren Protest gegen die festgelegten Regeln und Vereinbarungen ausdrücken. Heinrich wollte sie daraufhin kurzerhand aus dem Ensemble schmeißen, Franzi, die stets Soziale und Vernünftige, setzte sich dann aber für sie ein. Toni war das alles scheißegal. Sie lag bis zuletzt, während schon die ersten Eltern und Lehrer in den Saal strömten, rauchend auf dem Parkettboden der Aula, in der selbstverständlich absolutes Rauchverbot herrschte.
Als dann die ersten Eltern und Geschwister, Lehrer und unser Direktor in den Saal strömten, entschloss Toni sich dazu, spontan die Mikrofone zu testen. „Eins, zwei, drei, ficken, furzen, Fischgericht.“ Während die Großeltern mancher Mitschüler fast aus den Stühlen kippten, schlug Toni mir hinter dem Vorhang lachend auf die Schulter. „Da kommt Schwung auf bei dem Trockenobst, eh?“
Schließlich fing alles ganz gut an. Die Texte saßen, die Zuschauer gaben bei manchen Tanzeinlagen sogar heftigen Applaus. In einer ruhigeren Szene stand ich mit Toni und ein paar anderen hinter dem Vorhang. Johnny und Baby alias Heinrich und Franzi vollführten vorne gerade die Hebefigur, als Toni sich ahnungslos an einem Seilzug festhielt und unwillkürlich daran zog. Wir hörten nur ein verzweifeltes Kreischen und sahen beim Spähen durch ein kleines Guckloch, dass Franzi in ungeahnte Höhen befördert wurde. Vor Schreck ließ Toni wieder los, und Franzi krachte mit einem Mal aus schwindelerregender Höhe herab, mitten auf Heinrich. Das Publikum lachte schallend. Offenbar glaubte man, die Szene sei Absicht.
Mit Unschuldsmiene und zuckenden Schultern blickte Toni uns andere an. „Tja, kann passieren!“
Nach der letzten Szene, die Franzi wohl mehr unter Schock weiterspielte, musste die Musterschülerin schließlich mit Prellungen in die Notaufnahme gefahren werden.
Tja, kann passieren. Typisch Toni. Ihre unbekümmerte Art habe auch ich schmerzhaft zu spüren bekommen, als ich gehofft habe, aus uns könnte was Ernstes werden. Doch ich kenne sie so lange und so gut, um einschätzen zu können, dass ihre Coolness meist nur vorgeschoben ist. Und ich kann mir ein ungefähres Bild davon machen, welche Überwindung es sie gekostet haben muss, mir die paar Zeilen zu schreiben, die sie mir unauffällig in die Hand gedrückt hatte, kurz bevor mein Zug sich auf den Weg nach München machte.
Der Berg ruft
„Unsere Dachterrasse muss ich dir noch zeigen“, fällt Nadine am nächsten Tag als Erstes ein. Sie trippelt auf ihren hohen Schuhen – heute in Rosa mit silbernen Applikationen – zu mir herüber. „Jetzt, wo die Sonne noch so schön scheint. Vielleicht können wir sogar zur Mittagspause oben essen.“ Ich bin froh, dass sie heute nicht mehr einen ganz so hektischen und Ich-weiß-alles-Eindruck macht wie gestern.
Wow, eine Dachterrasse. Das schöne Wetter beflügelt mich heute voll und ganz. Gespannt folge ich Nadine zum Aufzug – und wir fahren vier Etagen hoch bis in den achten Stock. „Die letzte Etage müssen wir laufen.“
Zum Glück nur die eine und nicht alle, so wie gestern, denke ich. Nadine geht vor und quatscht wieder in einer Tour. Als sie dann die schwere Tür öffnet, bin ich baff. Eine weitläufige Terrasse mit umwerfendem Panoramablick tut sich vor meinen Augen auf. Runde Holztische, umringt von Gartenstühlen und Liegen, hübsch bepflanzte Blumenkästen – alles sieht sehr geschmackvoll und edel aus.
„Und jetzt“, Nadine legt einen Zeigefinger an die Lippen und macht ein geheimnisvolles Gesicht. „Jetzt zeige ich dir noch was total Geiles!“ Klick-klack-klick-klack läuft sie vor mir her, bis wir an eine Art Unterstand kommen. „Nanananaaaaa!“ Sie breitet präsentierend die Arme aus. „Unser Fernrohr mit Blick zu den Bergen.“
Ich staune nicht schlecht. Ein dicker Betonklotz im Boden mit einem schweren Fernrohr darauf montiert – wie man es sonst von Ausflugszielen kennt.
„Cool, was!“ Nadine strahlt, ich nicke.
„Hammer!“ Und das ist es wirklich. Auch wenn es in weiterer Entfernung noch höhere Gebäude gibt, so hab ich doch hier oben schon das Gefühl, die Wolken anfassen zu können.
„Wenn keine Wolken da sind, kann man echt die Berge sehen“, schwärmt Nadine. „Voll geil.“ Sie fordert mich auf, die Stufe hochzusteigen, was ich sogleich tue. Auf einer kleinen Tafel ist eingezeichnet, wohin man das Rohr ungefähr drehen muss, um etwas Bestimmtes zu entdecken. Schnell sehe ich die Frauenkirche in ihrer ganzen Pracht vor mir.
„Der Boss steht voll auf Astronomie und so Zeugs. Der wollte uns erst ’ne richtige Sternwarte hier oben einrichten. Aber erst einmal tut’s auch das Fernrohr. Ich find’s cool.“
Ich muss Nadine recht geben. „Absolut. Find ich ’ne super Idee.“
Wir genießen noch einige Momente den Ausblick, und am liebsten möchte ich sogleich den Winter überspringen. Im Sommer muss das hier oben ein Traum sein.
„Hast du Lust, später was beim Vinzenz zu holen?“, unterbricht Nadine meine Gedanken.
„Wer ist denn Vinzenz?“
„Vinzenz Murr. Das ist hier so eine Fleischereikette. Haben aber auch Salat und so Zeug. Aber ich hab heute total Lust auf ’ne Leberkäsesemmel. Ich brauch einfach zwischendurch ein gescheites Stück Fleisch.“
Leberkäsesemmel. Leberkäse hab ich ewig nicht gegessen. Bei dem Gedanken läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. „Oh, ja, können wir gern machen!“
Das erste Mittagspausendate mit einer Kollegin. Vielleicht ist Nadine ja doch ganz in Ordnung.
Volltreffer
Ich nehme alles zurück. Diese Nadine ist ganz schön direkt. Oder unverschämt. Ganz sicher bin ich mir da noch nicht. Wir sitzen auf zwei Barhockern nebeneinander in diesem Vinzenz Murr und essen Leberkäse mit Kartoffelsalat. Doch Nadine kommt kaum zum Essen, da sie keine zwei Minuten am Stück die Klappe hält. Toni hätte ihr an meiner Stelle längst irgendwas gesagt. Etwa: „Schalt mal auf stumm, sonst quillt mir das Hirnwasser über.“ Bei dem Gedanken muss ich grinsen. Aber ich bin nun mal nicht Toni. Also lasse ich das Gelaber vorerst über mich ergehen.
„Ich hab übrigens überhaupt kein Problem mit Frauen wie dir“, sagt Nadine nach wenigen Sekunden der Stille aus heiterem Himmel.
„Hö?“, frage ich verwundert.
„Na, mit Lesben eben.“
Ich mache große Augen. „Wie kommst du darauf, dass …“
„… dass du lesbisch bist?“ Sie gluckst. „Ich bitte dich. Dein burschikoses Auftreten, die abrasierten Haare, keine Highheels, kein Lippenstift, überhaupt nichts in Rosa oder Pink. Außerdem hast du noch nichts zu dem Poster gesagt.“ Sie zeigt zur anderen Straßenseite. Da hängt an einer Plakatwand ein riesiges Poster mit einem Mann, der sich unter der Dusche mit Shampoo die Haare einschäumt. Man sieht seinen gut gebauten Körper, seine Muskeln.
Was will sie denn jetzt hören?
„Na?“ Herausfordernd beobachtet sie meine Reaktion. „Und, was sagst du?“
In was gerate ich hier eigentlich gerade hinein? Ich hatte nicht vor, mich von dieser tussigen French-Nail-Maus schon am zweiten Tag in die Ecke drängen zu lassen.
„Na ja“, fange ich zögerlich an. „Sieht … sieht halt verdammt gut aus.“ Ja, Vicky, tolles Statement. Dasselbe hätte ich auch über einen Toaster oder einen Rollkoffer sagen können.
Nadine bricht sofort in schallendes Gelächter aus. „Siehst du, Volltreffer.“
Blöde Kuh, denke ich. Ich hasse nichts mehr, als in irgendwelche doofen Schubladen gesteckt zu werden.
Sie taxiert mich und scheint nachzudenken. „He, wie gesagt“, sagt sie einlenkend. „Ich hab nichts gegen euch!“
„Euch?“, frage ich. Langsam werde ich sauer. „Wir sind kein eingetragener Verein oder so was.“
„Ja ja, schon okay.“ Sie grinst noch immer dieses unverschämte Grinsen, das aussagt „Ich habe dich erwischt“ oder so. Gefällt mir überhaupt nicht.
„Meine Lieblingscousine ist auch ’ne Lesbe!“ Sie sagt das, als würde sie dieser Umstand zu einer Expertin machen. Etwa wie „Ich fahre auch einen tiefer gelegten Golf V, ich weiß, wovon ich rede.“
Ich erwidere nichts, sondern versuche, mich auf meinen Kartoffelsalat zu konzentrieren. Ts! Wenn die meint, sie könnte mich ärgern, soll sie bloß aufpassen.
„Hast du eine Freundin? Und hat die auch so kurze Haare wie du? Oder stehst du eher auf den weiblichen Typ?“, will Nadine wenige Sekunden später wissen.
Gleich explodiere ich. „Pass mal auf“, sage ich sauer, „ich weiß nicht, was du für kranke Vorstellungen hast. Aber ich hab keinen Bock, mich wegen irgendwas zu rechtfertigen. Und ob ich eine Freundin habe, geht dich auch nichts an.“ Ich sollte meine Klappe halten, doch es platzt einfach aus mir raus.
Gelassen trommelt sie mit den Fingern auf der Tischplatte herum. Das macht mich nur noch nervöser. Ich sollte einfach ruhig sein. Ruhig, Vicky, ruhig.
Sie lächelt mich an. „Verstehe … Dein Coming-out ist noch gar nicht durch!“
Ich seufze und sacke zusammen. Was soll’s, die gibt ja doch keine Ruhe. „Doch, es ist durch“, sage ich nun bedächtig. „Schon lange, okay? Ich hatte nur nicht damit gerechnet, mich hier am zweiten Tag darüber unterhalten zu müssen.“
Nadine holt eine Nagelfeile aus ihrer Handtasche und fängt an, ihre Fingernägel zu bearbeiten. Geht’s vielleicht noch etwas klischeehafter? „Du, mach dir keine Gedanken. Ein bisschen bi ist in der Agentur an der Tagesordnung. Und ich knutsch auch manchmal mit Freundinnen rum.“
Ich seufze. „Mal ab und zu mit Freundinnen knutschen ist aber schon was anderes.“
Sie lacht, und ich merke, dass sie nichts von dem, was ich sage, wirklich ernst nimmt. „Ja ja, schon okay. Du musst dich nicht rechtfertigen. Dachte, du wärst locker drauf.“
„Ich bin locker!“ Und schon wieder verteidige ich mich. Wieso bringt diese Tussi mich so aus der Fassung?
