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Die Schematherapie hat ihre Wurzeln in der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT). Sie lenkt die Aufmerksamkeit des Klienten auf dessen frühe emotionale Bedürfnisse sowie deren Nichterfüllung während der Kindheit. In der Schematherapie geht man davon aus, dass viele negative kognitive Zustände auf früheren Erfahrungen basieren. Durch Prüfung und Modifikation der negativen Gedanken und Verhaltensweisen werden nachhaltig therapeutische Veränderungen herbeigeführt. Die Autoren – Pioniere des schematherapeutischen Ansatzes – fassen in diesem Buch die charakteristischen Merkmale der Schematherapie zusammen und erläutern, wie die Methode in das breitere Spektrum der KVT einzuordnen ist. Unterteilt in theoretische und praktische Aspekte bietet das Buch eine kurzweilige und informative Einführung in diese immer beliebter werdende Therapieform.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2013
Eshkol Rafaeli, David P. Bernstein & Jeffrey YoungSchematherapie
Reihe Therapeutische Skills kompakt Band 4
Copyright: © der deutschen Ausgabe: Junfermann Verlag, Paderborn 2013
Copyright: © der Originalausgabe: Eshkol Rafaeli, David Bernstein & Jeffrey Young, 2011
Originalausgabe: Die Originalausgabe ist 2011 unter dem Titel „Schema therapy: distinctive features“ bei Routledge erschienen.
Übersetzung: Guido Plata, Bremen
Coverfoto: © fotolinchen
Covergestaltung / Reihenentwurf: Christian Tschepp
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2013
Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn
ISBN der Printausgabe 978-3-87387-833-4 ISBN dieses eBooks: 978-3-87387-934-8
Der Begriff „Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)“ hat sich heute weitgehend als Sammelbezeichnung für evidenzbasierte, zeitlich begrenzte Therapien zur Behandlung von Störungen auf der Achse I des DSM etabliert. Dessen ungeachtet wird KVT-Modellen zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen und anderen überdauernden Mustern von beziehungsrelevanten und emotionalen Schwierigkeiten zunehmend Aufmerksamkeit gewidmet. Eines der führenden Modelle ist dabei die Schematherapie, die ursprünglich von Young (1990) vorgestellt und in jüngerer Zeit von Young et al. weiter elaboriert wurde (Young, Klosko & Weishaar, 2003; deutsche Ausgabe: Young, Klosko & Weishaar, 2008: Schematherapie. Ein praxisorientiertes Handbuch. 2. Aufl., Paderborn: Junfermann Verlag).
Die Schematherapie ist ein integrativer Ansatz, der Elemente aus der kognitiven Therapie (und der KVT im Allgemeinen), der Bindungs- und Objektbeziehungstheorie sowie der Gestalttherapie und der Erlebnistherapie zusammenführt. Unser Ziel hier ist die Darstellung der Merkmale, die die Schematherapie im Feld der kognitiven Verhaltenstherapien hervorheben. Wie wir in den kommenden Kapiteln ausführen werden, gibt es sowohl theoretische als auch praktische Unterscheidungsmerkmale. Einige übergreifende Unterscheidungsmerkmale verdienen es allerdings, bereits an dieser Stelle erwähnt zu werden. Erstens bezieht sich die Schematherapie im Gegensatz zu eher traditionellen KVT-Ansätzen explizit auf die Entwicklung (Ätiologie) gegenwärtiger Symptome und nicht ausschließlich auf die Faktoren, die diese Symptome aufrechterhalten. Zweitens legt sie großes Gewicht auf die Beziehung zwischen Therapeut und Klient sowie darauf, innerhalb dieser Beziehung ein korrigierendes emotionales Erlebnis und eine empathische Konfrontation bereitzustellen. Drittens setzt sie ein klares Ziel, das der Therapeut anstreben sollte: dem Klienten dabei zu helfen, die eigenen zentralen emotionalen Bedürfnisse zu verstehen und Wege zu lernen, diese Bedürfnisse in einer adaptiven Weise zu erfüllen, was die Veränderung von seit Langem etablierten kognitiven, emotionalen, relationalen und verhaltensbezogenen Mustern erfordert.
Die erste Hälfte dieses Buches (Kapitel 1–15) stellt das von Schematherapeuten vertretene Therapiemodell detailliert vor. Dieses Modell widmet universellen zentralen emotionalen Bedürfnissen große Aufmerksamkeit (Kap. 1) und umfasst die Annahme, dass maladaptive Schemata (Kap. 2 und Kap. 3) auftreten, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Außerdem postuliert es die Existenz von drei breitgefächerten und maladaptiven Bewältigungsstilen:
Sich-Fügen
[1]
,
Vermeiden und
Überkompensation (vorgestellt in
Kapitel 3
und detailliert ausgeführt in den Kapiteln
5
–
7
).
In den vergangenen Jahren führte die Verfeinerung und weitere Ausarbeitung der Schematherapie zur Entwicklung eines zusätzlichen Konstrukts, dem der sogenannten Modi, das heute eine zentrale Rolle in der Arbeit von Schematherapeuten spielt. Wir werden dieses Konzept zunächst allgemein vorstellen (Kap. 8) und anschließend die Hauptarten von Modi, denen Therapeuten in der klinischen Praxis begegnen, eingehender betrachten (Kap. 9–13). Schließlich beenden wir den theoretischen Teil des Buches mit einer Diskussion derjenigen therapeutischen Verfahren, die zentrale Elemente der Schematherapie sind: begrenztes Reparenting und empathische Konfrontation (Kap. 14–15).
Die zweite Hälfte des Buches (Kap. 16–30) befasst sich mit der Anwendung der Schematherapie. Sie beginnt, wie auch die Therapie, mit der Phase der Einschätzung und Edukation (Kap. 16–18) und dem daraus hervorgehenden Fallkonzept, das dem Klienten vorgelegt wird und als Leitlinie für die nachfolgende Behandlung dient (Kap. 19). Anschließend werden vier große Gruppen therapeutischer Werkzeuge erkundet, die dem Schematherapeuten zur Verfügung stehen; dies sind im Einzelnen relationale, kognitive, emotionsfokussierte und verhaltensbezogene Techniken (Kap. 20–23), ergänzt durch spezifische Ideen für die Arbeit mit Modi (Kap. 24). Die nächsten Kapitel (25–27) thematisieren die Anwendung der Schematherapie bei bestimmten Klientengruppen (Menschen mit Borderline-, narzisstischer und antisozialer Persönlichkeitsstörung sowie Paare mit Beziehungsproblemen). Kapitel 28 dreht sich um das Zusammenspiel zwischen Schematherapie (für langfristige Probleme) und anderen KVT- und evidenzbasierten Behandlungen (für akutere Störungen oder Symptome auf der Achse I des DSM). Kapitel 29 kehrt zum begrenzten Reparenting zurück, diesmal aus einer praktischen Perspektive. Und Kapitel 30 betont, wie wichtig es ist, den Schemata und Bewältigungsstilen des Therapeuten in der Therapiesituation und auch in der Supervision Aufmerksamkeit zu widmen, während diese in Kontakt mit den Bedürfnissen, Schemata, Bewältigungsstilen und Modi des Klienten kommen.
Der letztgenannte Aspekt stellt eine weitere besondere Eigenschaft der Schematherapie dar, insbesondere im Vergleich mit anderen Ansätzen zur Behandlung von Persönlichkeitsstörungen oder langfristigen sozialen Problemen: Sie ist ein entschieden von Mitgefühl und Menschlichkeit geprägter Ansatz. Die Kernannahme dieser Therapie ist, dass jeder Mensch Bedürfnisse, Schemata, Bewältigungsstile und Modi hat – und dass diese bei den Klienten, die wir behandeln, lediglich stärker ausgeprägt und weniger flexibel sind.
Grundlage der Schematherapie ist die Identifikation einer Reihe universeller zentraler emotionaler Bedürfnisse. Hierzu zählen die Bedürfnisse nach sicheren Bindungen zu anderen Menschen (dies beinhaltet Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und Akzeptiertwerden); nach Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl; nach der Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen auszudrücken; nach Spontaneität und Spiel sowie nach einer Welt mit realistischen Grenzen, die das Auftreten von Selbstkontrolle fördert.
Jeder Mensch hat emotionale Bedürfnisse – tatsächlich vertreten wir hier sogar die Ansicht, dass jeder Mensch genau die soeben aufgezählten Bedürfnisse hat. Einzelne Individuen können sich im Hinblick auf die Stärke bestimmter Bedürfnisse unterscheiden – so haben manche Menschen von ihrem Temperament her etwa ein stärkeres Bedürfnis nach Spontaneität und kreativem Ausdruck, während andere besonders nach nährender Zuwendung streben. Über diesen individuellen Unterschieden jedoch liegt eine universelle Ähnlichkeit – wir alle haben sämtliche der aufgezählten Bedürfnisse bis zu einem gewissen Grad.
Emotionale Bedürfnisse sind seit der Kindheit vorhanden; tatsächlich sind die meisten von ihnen in der Kindheit sogar am stärksten ausgeprägt. Beispielsweise hat das Bedürfnis nach Sicherheit oder Stabilität, obwohl es das gesamte Leben hindurch gegenwärtig ist, umso weitreichendere Implikationen, je anfälliger oder hilfloser man ist.
Psychische Gesundheit ist die Fähigkeit, in adaptiver Weise für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse zu sorgen. Der Hauptzweck der kindlichen Entwicklung besteht darin, die zentralen Bedürfnisse zu erfüllen; der Hauptzweck der wohlmeinenden Kindererziehung besteht darin, dem Kind bei der Erfüllung dieser Bedürfnisse zu helfen, und der Hauptzweck der Schematherapie – das primäre Therapieziel – besteht darin, Erwachsenen bei der Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu helfen, selbst wenn diese in der Vergangenheit nicht erfüllt worden sind.
Über die universellen zentralen emotionalen Bedürfnisse hinaus identifiziert die Schematherapie Bedürfnisse, welche im Erwachsenenalter auftreten (wie das Bedürfnis, berufstätig zu sein, und das Bedürfnis, für andere Menschen zu sorgen). Diese Bedürfnisse sind ebenfalls wichtig für die psychische Gesundheit, auch wenn sie in der Regel nicht im Fokus der Therapie stehen. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass das Individuum mit seinen später auftretenden Bedürfnissen gut umgehen kann, wenn die fundamentaleren (und früher auftretenden) emotionalen Bedürfnisse in adaptiver Weise erfüllt werden.
Die Wurzeln der Schematherapie liegen in der kognitiven Verhaltenstherapie (wie wir bereits in der Einführung dargelegt haben und in Kapitel 28 noch eingehender erörtern werden). Allerdings dreht sich eine KVT typischerweise nicht um die universellen Bedürfnisse. Wenn in einer kognitiven Verhaltenstherapie Bedürfnisse thematisiert werden, so geschieht dies spontan, sobald ein Klient oder Therapeut sie identifiziert. Manche kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätze lehnen das Konzept der Bedürfnisse vollständig ab und betrachten sie – ebenso wie die „shoulds and oughts“ (Sollen und Müssen), ein Oberbegriff für fremdbestimmtes Wollen – als starre Konstrukte, die am besten vermieden werden. Dies ist ein Beispiel dafür, wie sich die Schematherapie von anderen KVT-Ansätzen abgrenzt und wie sie hilfreiche Ideen aus anderen Richtungen integriert (in diesem Fall emotionsfokussierte, bindungsbezogene und dynamische Ansätze).
Tatsächlich waren Bedürfnisse bereits Gegenstand früherer klinischer Theorien (etwa der Kontroll- / Wahltheorie [Glasser, 1969] oder der Bedürfnishierarchie [Maslow, 1962]) und haben auch in jüngeren Forschungen auf dem Gebiet der Persönlichkeits-, Sozial- und Entwicklungspsychologie wieder mehr an Bedeutung gewonnen (vgl. beispielsweise das von Baumeister und Leary [1995] definierte Bedürfnis nach Zugehörigkeit oder die im Rahmen der Selbstbestimmungstheorie durchgeführten Arbeiten zu den universellen Bedürfnissen nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit [Deci & Ryan, 2000]).
Bedürfnisse – insbesondere die nach nährender Zuwendung, Wärme und Sicherheit – sind auch zentrale Elemente der Bindungstheorie. Die Bindungstheorie war während der vergangenen fünfzig Jahre ein prominenter Ansatz in der Erforschung der menschlichen Entwicklung, beginnend mit John Bowlbys weitreichender Beobachtung, dass die von Ethologen (wie Lorenz und Harlow) identifizierten Phänomene direkte Implikationen für die Entwicklung von Kindern und auch die soziale und emotionale Entwicklung des Menschen im Allgemeinen haben. Wie die nachfolgenden Jahrzehnte der Forschung an Menschen und Primaten zeigen, dient eine sichere Bindung im frühen Lebensalter als Grundlage für viele spätere adaptive Prozesse: Mit einer „sicheren Ausgangsbasis“ ist das Kind in der Lage, Neugier und Exploration sowie Selbstberuhigung und Selbstregulation zu lernen und letztlich auch die Fähigkeit zum Eingehen enger emotionaler Beziehungen zu entwickeln.
Die Bindungstheorie und Forschungen auf diesem Gebiet haben maßgeblichen Einfluss auf die Schematherapie genommen. Die Ideen von Bowlby und Ainsworth (ebenso wie die anderer Autoren aus der British Object Relations School, vor allem Margaret Mahler und Donald Winnicott) sind einer der drei Pfeiler, auf denen die Schematherapie ruht, und zwar derjenige, der das Konzept der Bedürfnisse am stärksten betont. (Die anderen beiden Pfeiler, mit denen wir uns in späteren Kapiteln befassen werden, sind die KVT und erlebensbasierte / emotionsfokussierte Ansätze.)
Einige der Theorien, in denen Bedürfnisse eine bedeutsame Rolle spielen (darunter beispielsweise Maslows Bedürfnishierarchie und auch die Bindungstheorie), weisen manchen Bedürfnissen einen „privilegierten“ Status zu, indem sie diese als besonders grundlegend oder zentral ansehen. So geht etwa die Bindungstheorie davon aus, dass, wenn das Bedürfnis nach einer sicheren Bindung nicht erfüllt wird, andere (spätere) Bedürfnisse beeinträchtigt sein werden. Die Schematherapie vermeidet Annahmen hinsichtlich einer „Hierarchie“ oder eines Gefälles der Bedeutsamkeit von Bedürfnissen. Stattdessen werden zentrale Bedürfnisse allesamt als essenziell und universell betrachtet, insbesondere im Leben von Erwachsenen.
Ein letzter Punkt zu Bedürfnissen als Element der Schematherapie: Die Edukation der Klienten im Hinblick auf Bedürfnisse im Allgemeinen und ihre eigenen unerfüllten (wie auch erfüllten) Bedürfnisse kann an und für sich bereits eine machtvolle Intervention darstellen. Den Klienten mitzuteilen (wie wir es bei vielen unserer Klienten tun), dass der Wunsch nach der Erfüllung ihrer Bedürfnisse nicht vermessen ist und die Therapie darauf abzielt, ihnen bei dieser Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu helfen, fördert eine nicht urteilende Betrachtung der Vergangenheit und eine konzentrierte, optimistische Sicht auf die Zukunft.
Das Konzept, von dem sich der Name der Schematherapie herleitet, ist natürlich das Schema; der Begriff entstammt aus dem Griechischen (σχήμα) und bezeichnet ein Muster, ein Grundgerüst oder ein organisierendes Rahmenwerk, welches dabei hilft, in einer komplexen Anordnung von Reizen oder Erfahrungen Ordnung herzustellen. Schemata (oder Schemas, wie sie im Deutschen im Plural auch bezeichnet werden) haben eine lange Geschichte in einer Vielzahl von Fachdisziplinen, darunter Philosophie, Informatik, Mengenlehre und Pädagogik, um nur einige zu nennen. In der Psychologie wurden Schemata in der kognitiven / entwicklungspsychologischen Literatur erstmals erwähnt und fanden von dort ihren Weg in die kognitive Therapie (Beck, 1972).
Im Kontext der Forschungen zur kognitiven Entwicklung bezieht sich das Konzept des Schemas auf Muster, die das Individuum der Realität oder seinen Erfahrungen auferlegt, um selbige leichter erklären zu können, seine Wahrnehmung anzupassen und eine Richtlinie für nachfolgende Reaktionen zu gewinnen. Ein Schema ist eine abstrakte Repräsentation der distinktiven Merkmale eines Ereignisses, eine Art Blaupause seiner salientesten (hervorstechendsten) Elemente. In der kognitiven Psychologie kann man sich ein Schema auch als einen abstrakten kognitiven Plan vorstellen, der als Orientierung für die Interpretation von Ereignissen und das Lösen von Problemen dient. Somit haben wir möglicherweise ein linguistisches Schema für das Verständnis eines Satzes oder ein kulturelles Schema für die Interpretation einer Legende. Der Begriff „Schema“ wird in der Psychologie wahrscheinlich am stärksten mit zwei Autoren assoziiert: Piaget (vgl. beispielsweise Piaget, 1937 / 1974), der sich in seinen Arbeiten detailliert mit Schemata in unterschiedlichen Stadien der kognitiven Entwicklung des Kindes auseinandersetzte, und Bartlett (1932), der diesen Begriff prägte und die Rollen von Schemata beim Lernen neuer Informationen wie auch beim Abrufen von Erinnerungen demonstrierte.
Im Zuge seiner fachlichen Entwicklung von der kognitiven Psychologie zur kognitiven Therapie verwies Beck (vgl. beispielsweise Beck, 1972) in seinen frühen Schriften auf Schemata. Allerdings wohnt die Vorstellung, dass Schemata oder übergeordnete Organisationsprinzipien im Leben jeder Person existieren und dieser Person dabei helfen, dem eigenen Leben Sinn zu verleihen, vielen Therapieansätzen inne, ob sie nun kognitiv oder anderweitig ausgerichtet sind. Ebenso würden viele Theoretiker der Aussage zustimmen, dass Schemata oft bereits sehr früh im Leben gebildet, über die Lebensspanne hinweg dann jedoch stärker ausgeprägt und weiterentwickelt werden. Weiterhin haben viele Ansätze die Auffassung gemeinsam, dass Schemata, die möglicherweise frühere Erfahrungen im Leben präzise erfasst haben, häufig auch in gegenwärtigen Lebenssituationen zum Tragen kommen, obgleich sie für diese nicht mehr anwendbar sind. Dasselbe würden auch Kognitions- und Entwicklungspsychologen vorhersagen – dass Schemata auf eine Weise operieren, die unser Gefühl von kognitiver Konsistenz aufrechterhalten. Dies ist die Art, wie Schemata funktionieren – sie dienen als Abkürzungen, die uns schnell zu dem bringen, was wir als wahrscheinlich wahr erachten, und uns so die Notwendigkeit ersparen, jedes Detail umfassend zu verarbeiten. In manchen Fällen sind Schemata oder Abkürzungen sehr effektiv, wenn es darum geht, rasch zu einer ziemlich genauen Einschätzung der Situation zu gelangen. In anderen Situationen liefern uns Schemata wiederum ein oberflächliches und entwurfhaftes Bild der Situation, das unzutreffend und verzerrt ist. Jedoch helfen uns Schemata in beiden Fällen, eine stabile Sichtweise von uns selbst und der Welt aufrechtzuerhalten – ob diese stabile Sichtweise nun zutreffend oder unzutreffend, adaptiv oder maladaptiv ist.
Es scheint, als ob Stabilität und Vorhersagbarkeit wünschenswerte Dinge seien, und in manchen Fällen sind sie dies auch durchaus. Beispielsweise hilft uns eine bestimmte Art von Schema – mentale Skripte – zu antizipieren, wie ein Schritt (wie der Hauptgang eines Menüs in einem Restaurant) einem anderen (dem Aperitif) folgt, sodass wir uns auch an einem vollkommen unvertrauten Ort (wie einem unbekannten Restaurant, möglicherweise sogar in einem anderen Land, dessen Sprache wir nicht beherrschen) zurechtfinden. Und selbst wenn ein Schema nicht vollkommen zutreffend ist, bleibt dieser Umstand oft ohne negative Folgen. So könnte uns etwa eine andere Art von Schema – Gruppenstereotype – dazu veranlassen, einen neuen Bekannten zu respektieren oder ihm irgendwelche herausragenden Fähigkeiten zuzuschreiben, nur weil er einer bestimmten ethnischen Gruppe, einem bestimmten Geschlecht oder einer bestimmten Nationalität etc. angehört.
Es existieren jedoch auch Schemata – insbesondere solche, die aufgrund schädigender Erfahrungen in der Kindheit erworben wurden und sich auf das Selbst sowie die interpersonelle Welt beziehen–, die schädliche Auswirkungen haben können. Derartige Schemata, die wir als „frühe maladaptive Schemata“ bezeichnen, sind Gegenstand der Schematherapie und bilden außerdem den Kern von Persönlichkeitsstörungen, interpersonellen Schwierigkeiten und einigen Störungen auf der Achse I des DSM.
Young, Klosko und Weishaar (2008) lieferten die folgende umfassende Definition eines frühen maladaptiven Schemas:
Ein weitgestrecktes, umfassendes Thema oder Muster,
das aus Erinnerungen, Emotionen, Kognitionen und Körperempfindungen besteht,
die sich auf den Betreffenden selbst und seine Kontakte zu anderen Menschen beziehen,
ein Muster, das in der Kindheit oder Adoleszenz entstanden ist,
im Laufe des weiteren Lebens stärker ausgeprägt wurde und
stark dysfunktional ist.
Mit anderen Worten, frühe maladaptive Schemata sind kontraproduktive emotionale und kognitive Muster, die zu einem frühen Zeitpunkt in unserer Entwicklung beginnen und sich das ganze Leben hindurch wiederholen. Beachten Sie, dass gemäß dieser Definition das Verhalten eines Individuums kein Bestandteil des Schemas ist – vielmehr wird davon ausgegangen, dass maladaptive Verhaltensweisen sich als logische Reaktionen auf ein Schema entwickeln. Somit werden Verhaltensweisen durch Schemata angetrieben, sind aber kein Teil irgendeines Schemas. Viele Verhaltensweisen spiegeln die Art wider, auf die wir Schemata bewältigen – und wir werden diese im Zusammenhang mit Bewältigungsstilen in den Kapiteln 4–7 erörtern.
Frühe maladaptive Schemata (die wir von nun an der Einfachheit halber lediglich als Schemata bezeichnen werden) gehen auf schädigende frühe Erfahrungen zurück – solche, bei denen die Bedürfnisse eines jungen Menschen auf sehr weitreichende Weise nicht erfüllt werden. Die meisten frühen Bedürfnisse (wie das Bedürfnis nach Sicherheit und sicherer Bindung oder das Bedürfnis nach nährender Zuwendung) sind in der Kernfamilie eines Kindes in ihrer stärksten Ausprägung gegenwärtig. Aus diesem Grund stellen Probleme im nahen familiären Umfeld in der Regel den Hauptursprung früher maladaptiver Schemata dar. Jene Schemata, die sich am frühesten entwickeln und am tiefsten in der Person verwurzelt sind, haben ihren Ursprung typischerweise in der Kernfamilie. Die Dynamik in der Familie eines Kindes bildet einen Großteil der Dynamik der gesamten frühen Erlebniswelt dieses Kindes. Wenn Klienten sich in ihrem Erwachsenenleben in Situationen wiederfinden, die ihre frühen maladaptiven Schemata aktivieren, erleben sie in den meisten Fällen ein Drama aus ihrer Kindheit wieder, zumeist im Zusammenhang mit einem Elternteil.
Andere Bereiche, die im Zuge des Reifungsprozesses des Kindes zunehmend an Bedeutung gewinnen, sind der Freundeskreis, das erweiterte familiäre Umfeld, die Schule, Gruppen im Wohnumfeld und die umgebende Kultur. Schädigende Erfahrungen in diesen Bereichen – also Erfahrungen, bei denen zentrale emotionale Bedürfnisse unerfüllt bleiben – können ebenfalls zur Entwicklung von Schemata führen. Allerdings sind im späteren Alter entwickelte Schemata im Allgemeinen nicht so tiefgreifend oder machtvoll wie früh im nahen familiären Umfeld entwickelte Schemata. Dies könnte mit der Beschaffenheit der an die Familie gerichteten Bedürfnisse zusammenhängen, weiterhin mit der längeren Dauer des Kontakts zwischen einem Kind und seiner Herkunftsfamilie (im Vergleich zu den meisten Kontakten in Freundeskreis, Schule oder Nachbarschaft).
Wir haben vier Arten von frühen Erlebnissen beobachtet, die den Erwerb von Schemata fördern. Die erste ist die schädigende Nichterfüllung von Bedürfnissen. Diese tritt auf, wenn das Kind „zu wenig von einer guten Sache“ erfährt und Schemata erwirbt, die Defizite in der frühen Umgebung widerspiegeln. In der Umgebung des Kindes mangelt es an einer wichtigen Sache, wie Stabilität, Verständnis oder Liebe – und dieser Mangel wird zu einer dauerhaften Präsenz im Verstand des Kindes.
Eine zweite Art von frühem Erlebnis, durch die Schemata entstehen, ist Traumatisierung. Hierbei wird das Kind geschädigt oder viktimisiert und entwickelt daraufhin Schemata, die das Vorhandensein von Gefahr, Schmerz oder Bedrohung widerspiegeln. Das zentrale emotionale Bedürfnis nach Sicherheit wird nicht erfüllt; und was noch schwerwiegender ist, es wird direkt in Frage gestellt. Dies führt oft zu Schemata, die durch Misstrauen, Hypervigilanz, Angst und Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet sind.
Bei einer dritten Art von frühem Erlebnis kommt dem Kind „zu viel von einer guten Sache“ zu: Die Eltern versorgen das Kind mit einem Zuviel von etwas, das in maßvollem Umfang gut für das Kind wäre. Das Kind wird zwar so gut wie nie schlecht behandelt, stattdessen verhätscheln oder verwöhnen es die Eltern aber. Die zentralen emotionalen Bedürfnisse des Kindes nach Autonomie oder realistischen Grenzen werden nicht erfüllt, da die Eltern vielleicht übermäßig in das Leben des Kindes involviert sind, es zu sehr behüten oder ihm zu viel Freiheit und Autonomie gestatten, ohne Grenzen zu setzen.
Die vierte Art von frühem Erlebnis, die Schemata hervorbringt, ist die selektive Internalisierung oder Identifikation mit wichtigen Bezugspersonen. Das Kind identifiziert sich selektiv mit einem einflussreichen Erwachsenen, in der Regel einem Elternteil, und internalisiert dessen Gedanken, Gefühle, Erfahrungen und Verhaltensweisen. Diesen Prozess kann man sich auch als Modellierung vorstellen, bei dem die Eltern oder andere Erwachsene dem jungen Kind als Modell dafür dienen, wie sie später in der Welt existieren werden. Einige dieser Identifizierungen und Internalisierungen können sich zu Schemata entwickeln, wenn die stattfindenden Lernprozesse beim beobachtenden Kind zentrale emotionale Bedürfnisse unbefriedigt lassen. So erlebt beispielsweise ein junges Mädchen, das von einer hypervigilanten und überängstlichen Mutter aufgezogen wird, vielleicht keinerlei direkte Defizite, Traumata oder Verhätschelung; es bekommt aber beigebracht, dass die Welt ein gefährlicher und nicht zu beherrschender Ort ist. So wird dem Kind auf indirekte Weise die sichere Basis entzogen – nicht aufgrund einer schwachen Elternteil-Kind-Bindung, sondern weil der Elternteil selbst unsicher ist.
Andere Faktoren neben dem frühen Umfeld können ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Schemata spielen. Hierzu zählen das emotionale Temperament des Kindes ebenso wie der kulturelle Kontext, in dem das Kind und die Familie leben. Schemata entstehen letztlich aus der Interaktion zwischen dem Temperament eines Kindes und seiner formenden Umgebung. Zu den vielfältigen temperamentsbezogenen Anfälligkeiten gehören verzerrte / defizitäre Informationsverarbeitung, emotionale Dysregulation oder gestörtes interpersonelles Verhalten. Selbst bei Individuen ohne temperamentsbezogene Anfälligkeiten können sich Schemata entwickeln, wenn sie sich mit besonders schädigenden familiären Umgebungen oder sehr harschen Lebensumständen konfrontiert sehen; allerdings gilt: Je größer die temperamentsbezogene Anfälligkeit ausfällt, desto weniger ist an umweltbezogenem Einfluss erforderlich.
Schemata erzeugen ein Gefühl von kognitiver Konsistenz – von einer Welt, die vorhersagbar (wenn nicht gar kontrollierbar) ist. Und da Menschen nach dieser Art von Vorhersagbarkeit streben, erweisen sich Schemata als sehr langlebig; in gewisser Weise kämpfen sie um ihr eigenes Überleben. Unsere Schemata sind das, was wir wissen – selbst wenn sie uns quälen, tun sie dies auf Arten, die für uns in gewisser Hinsicht vertraut und tröstend sind. Sie fühlen sich „richtig“ an. Auf der kognitiven Ebene lenken Schemata unsere Aufmerksamkeit auf Informationen, die mit dem Schema selbst konsistent sind; auch lassen sie uns die Dinge auf eine zu dem Schema „passende“ Weise erinnern. Auf der Verhaltensebene bewirken sie, dass wir von bestimmten vertrauten Ereignissen angezogen werden. Diese kognitiven und behavioralen Prozesse sind verantwortlich für die Aufrechterhaltung von Schemata – die sich selbst erneuernde Weise, auf die seit langer Zeit etablierte Schemata unsere Empfindungen im Griff halten, beeinflussen, wie wir denken, fühlen, handeln und mit anderen Menschen umgehen, sowie uns paradoxerweise dazu führen, dass wir in unserem Erwachsenenleben zwangsläufig ausgerechnet die Bedingungen unserer Kindheit wiederherstellen, die am schädlichsten für uns waren.
Schemata haben ihren Ursprung in realen Erfahrungen in der Kindheit oder Adoleszenz und spiegeln den Charakter der frühen Umgebung des betreffenden Menschen hochgradig zuverlässig wider. Wenn uns ein Klient beispielsweise erzählt, dass seine Familie ihn während seiner Kindheit kalt und lieblos behandelt hat, so ist dies üblicherweise korrekt; selbst wenn er nicht versteht, weshalb seine Eltern Schwierigkeiten damit hatten, Zuneigung zu zeigen oder Gefühle auszudrücken. Der Klient mag hinsichtlich der Ursachen, die er dem Verhalten seiner Eltern zuschreibt, falschliegen, aber seine grundlegende Wahrnehmung des emotionalen Klimas und der Art, wie er behandelt wurde, ist fast immer valide. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche auf ihre frühen Umgebungen kaum Einfluss haben – sie sind nicht diejenigen, die das jeweilige emotionale Klima erzeugen; vielmehr sind sie diejenigen, deren Bedürfnisse nicht erfüllt werden.
Später im Leben werden Schemata dysfunktional, da sie a) alle neuen Situationen, selbst solche, die sich grundlegend von den schädigenden frühen Erfahrungen unterscheiden, auf der kognitiven und emotionalen Ebene ähnlich schädigend einfärben (selbst wenn diese Situationen in der Realität nicht schädigend sind) und b) sie die Person auf der Verhaltens- und der interpersonellen Ebene dazu führen, bestimmte Arten von Umgebungen oder Beziehungen aufrechtzuerhalten, sogar wenn diese Einfluss ausüben, Entscheidungen beeinflussen oder andere Arten von Erfahrungen herbeiführen können.
Frühe maladaptive Schemata und die maladaptiven Arten, auf die ein Klient diese zu bewältigen lernt, liegen oft chronischen Störungen auf der Achse I des DSM zugrunde, beispielsweise Angststörungen, Depressionen, Substanzmissbrauch und psychosomatischen Störungen. Weiterhin sind sie die Grundlage für chronische Störungen auf der Achse II des DSM, wie etwa die abhängige Persönlichkeitsstörung, die vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, Aufmerksamkeitssuche oder Perfektionismus. Schemata sind kognitiv-affektive Persönlichkeitseigenschaften und haben als solche dimensionalen Charakter: Sie befinden sich auf einem Kontinuum von Schweregrad (Stärke) und Durchgängigkeit. Je höher der Schweregrad eines Schemas ist, desto leichter wird es aktiviert (ausgelöst) und desto intensiver sind die Konsequenzen. Wenn ein Individuum beispielsweise frühe und tiefgreifende Verlassenheit oder Invalidierung erlebt, dies häufig und in extremer Ausprägung vorkommt und von beiden Elternteilen ausgeht, so werden die Schemata Verlassenheit und Emotionale Instabilität dieses Individuums höchstwahrscheinlich in vielen Situationen ausgelöst werden. In der Konsequenz wird es die meiste Zeit hindurch Zurückweisung erwarten, diese bereits bei geringfügigsten Anzeichen als gegeben ansehen und infolge des intensiven und andauernden Leids, das Zurückweisung bei ihm verursacht, stark darauf reagieren. Demgegenüber werden die betreffenden Schemata eines Individuums, das nur wenig Invalidierung erlebt hat, die außerdem auch später in der Kindheit auftrat, milder war und nur von einem Elternteil oder wenigen (aber nicht allen) Freunden ausging, höchstwahrscheinlich weniger leicht ausgelöst werden und eher moderate Reaktionen nach sich ziehen. In der Folge werden bei diesen letztgenannten Individuen nur besonders relevante Ereignisse (wie Kritik oder Nichtachtung von fordernden Autoritätspersonen, die demselben Geschlecht wie der invalidierende Elternteil angehören) die Schemata auslösen.
