Schiffsmeldungen - Annie Proulx - E-Book

Schiffsmeldungen E-Book

Annie Proulx

4,4
9,99 €

Beschreibung

Eine unvergessliche, tragikomische Geschichte, erzählt von der mehrfach preisgekrönten Autorin Annie Proulx, in deren herb-poetischer Sprache jene fremde Gegend zum Sehnsuchtsland wird.

Schiffsmeldungen“ fürs Lokalblatt soll Quoyle jetzt schreiben. Quoyle, der ewige Versager und Pechvogel, den es aus dem Staat New York auf die Felseninsel Neufundland im Osten Kanadas verschlagen hat. Quoyle, der immer schon panische Angst vor dem Wasser hatte. Und doch findet er hier in dieser kargen Landschaft, wo seine Vorfahren siedelten, so etwas wie Glück und für sich und seine beiden Töchter so etwas wie ein Zuhause …

Der Roman, der Annie Proulx berühmt machte!


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Annie Proulx

Schiffsmeldungen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Michael Hofmann

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Die Originalausgabe erschien 1993 unter dem Titel »The Shipping News« bei Scribner’s, New York.
 
Die Zitate aus dem »Ashley-Buch der Knoten« wurden mit freundlicher Genehmigung der Edition Maritim, Hamburg, abgedruckt.
Copyright © der Originalausgabe 1993 by Dead Line Ltd. Copyright
© der deutschsprachigen Ausgabe 2007 by Verlagsgruppe Random House GmbH, 
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Das Copyright der deutschen Übersetzung von 1995 liegt © by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin. Erschienen im List Verlag.
Covergestaltung: Sempersmile
Coverbild: David Magee/Gettyimages
Druck und Einband: Clausen & Bosse, Leck
CP · Herstellung: AW
ISBN : 978-3-641-01521-3V005
 
www.btb-verlag.de

www.randomhouse.de

Buch
Quoyle hat bisher nicht viel Glück gehabt. Er schlug sich als drittklassiger Reporter im Staate New York durch, heiratete eine Frau, die ihm einen Monat Seligkeit und sechs Jahre Leid bescherte. Als er kurz hintereinander Eltern und Frau verliert und mit seinen Töchtern Bunny und Sunshine wieder einmal vor dem Nichts steht, überredet ihn seine Tante, mit ihr in die Heimat seiner Vorfahren zurückzukehren: zu der Felseninsel Neufundland, einer rauhen Küstenlandschaft im Osten Kanadas. Beißende Winde, sintflutartige Regenfälle und vorbeitreibende Eisberge sind hier normal, und die kauzigen Nachbarn reden zwar nicht viel, schauen aber genau hin. Dennoch findet der ewige Versager und Pechvogel hier für sich und seine kleine Familie so etwas wie ein Zuhause. Quoyle, der immer schon panische Angst vor dem Wasser hatte, schreibt die »Schiffsmeldungen« fürs Lokalblatt, lernt, wie man Boot fährt, ohne gleich zu kentern, und wie echte Neufundländer Küsse schmecken: ein bißchen nach Robbenflossenpastete und Meersalz, ein bißchen nach Glück.
Autorin
Annie Proulx wurde 1935 in Connecticut geboren, lebte lange in Vermont, war dreimal verheiratet und hat drei Söhne und eine Tochter. Sie arbeitete u. a. als Journalistin, bis sie 1988 ihr erstes Buch veröffentlichte, den Erzählband Herzenslieder . Heute lebt sie in Denver und Wyoming. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie mit allen wichtigen Literaturpreisen Amerikas ausgezeichnet, u. a. dem PEN/ Faulkner Award, dem Pulitzerpreis, dem National Book Award sowie dem Irish Times International Fiction Prize. Ihr zweiter Roman Schiffsmeldungen war ein internationaler Erfolg und wurde mit Julianne Moore und Kevin Spacey verfilmt.
FÜR JOHN, GILLIS UND MORGAN
»Bei einem Knoten mit acht Überkreuzungen, das ist ein Knoten durchschnittlicher Größe, sind 256 verschiedene ›Über- und Unterhand‹ Anordnungen möglich … Macht man nur eine einzige dieser Über- und Unter-Folgen falsch, so entsteht entweder ein anderer oder überhaupt kein
Knoten.«
 
1
Quoyle
Quoyle: Taurolle
»Eine Flämische Scheibe ist eine spiralige Rolle in einer einzigen Ebene. Sie wird in dieser Art auf Deck gemacht, so daß man, wenn nötig, drüber gehen kann.«
 
DAS ASHLEY-BUCH DER KNOTEN
Im folgenden ein Bericht über einige Jahre im Leben von Quoyle, geboren in Brooklyn und aufgewachsen in einem Sammelsurium öder Städte im Norden des Staates New York.
Übersät mit Quaddeln, die Eingeweide in Aufruhr vor Gasen und Krämpfen, überlebte er die Kindheit; an der Universität überspielte er, die Hand vorm Kinn, Qualen mit Lächeln und Schweigen. Stolperte durch seine Zwanziger in die Dreißiger, lernte seine Gefühle von seinem Leben zu trennen, rechnete auf nichts. Er aß ungeheuer viel, mochte Eisbein, Butterkartoffeln.
Seine Tätigkeiten: Auffüller von Süßigkeitenautomaten, Nachtverkäufer in einem rund um die Uhr geöffneten Laden, drittklassiger Reporter. Mit sechsunddreißig, verwitwet, voll Kummer und glückloser Liebe, steuerte Quoyle davon nach Neufundland, zu dem Felsen, der seine Vorfahren gezeugt hatte, an einen Ort, wo er nie gewesen war noch jemals hatte sein wollen.
Ein Ort am Wasser. Quoyle hatte Angst vor Wasser, konnte nicht schwimmen. Immer wieder hatte sein Vater seinen Klammergriff gelöst und ihn in Becken, Bäche, Seen und Gischt geworfen. Quoyle kannte den Geschmack von Brackwasser und Wasserpest.
In der Unfähigkeit seines jüngsten Sohnes, schwimmen zu lernen, sah der Vater anderweitige Unfähigkeiten sich ausbreiten wie eine Explosion ansteckender Zellen – Unfähigkeit, deutlich zu sprechen, Unfähigkeit, gerade zu sitzen, Unfähigkeit, morgens aufzustehen, Unfähigkeit, sich durchzusetzen, Unfähigkeit, Ehrgeiz und Talent zu entwickeln, ja zu allem. Seine eigene Unfähigkeit.
Quoyle schlurfte, war einen Kopf größer als die Kinder um ihn herum, war weich. Er wußte es. »Ach, du Trampel«, sagte der Vater. Aber selber kein Pygmäe. Und Bruder Dick, Vaters Liebling, tat, als würde er sich erbrechen, wenn Quoyle ins Zimmer kam, zischte: »Speckarsch, Rotzgesicht, Ekelschwein, Warzensau, Blödian, Stinkbombe, Furztrog, Fettsack«, boxte und trat ihn, bis Quoyle sich, Hände über dem Kopf, schniefend, auf dem Linoleum krümmte. Alles kam von Quoyles schlimmster Unfähigkeit, der Unfähigkeit, normal auszusehen.
Ein großer feuchter Laib von Leib. Mit sechs wog er siebzig Pfund. Mit sechzehn war er unter einem Gehäuse aus Fleisch begraben. Der Kopf wie eine Melone, kein Hals, rötliche, nach hinten gewellte Haare. Gesichtszüge so verkniffen wie sich berührende Fingerspitzen einer Hand. Augen wie Plexiglas. Das monströse Kinn, ein grotesker Vorsprung, der aus der unteren Gesichtshälfte ragte.
Im Augenblick seiner Zeugung hatte irgendein anomales Gen gezündet, wie manchmal ein einzelner Funke aus mit Asche belegten Kohlen sprüht, hatte ihm das Kinn eines Riesen mitgegeben. Als Kind erfand er Strategien, um starrende Blicke abzulenken; ein Lächeln, gesenkter Blick, die rechte Hand schoß nach oben, um das Kinn zuzudecken.
Sein frühester Eindruck von sich selbst war eine ferne Gestalt: Dort im Vordergrund stand seine Familie; hier an der äußersten Sichtgrenze stand er. Bis vierzehn hegte er die Vorstellung, daß er in der falschen Familie gelandet war, daß sich irgendwo seine echten Verwandten, mit dem Wechselbalg der Quoyles geschlagen, nach ihm sehnten. Dann, als er in einer Schachtel mit Schnappschüssen von einem Ausflug wühlte, fand er Fotos von seinem Vater neben seinen Geschwistern an einer Reling. Ein Mädchen, etwas abseits von den anderen, schaute aufs Meer hinaus, die Augen zusammengekniffen, als könnte sie tausend Meilen im Süden den Bestimmungshafen sehen. Quoyle erkannte sich in Haaren, Armen und Beinen aller wieder. Dieser verschlagen aussehende Klotz im eingelaufenen Pullover, die Hand am Schritt – sein Vater. Mit blauem Stift auf die Rückseite gekritzelt: »Abschied von Zuhause, 1946«.
Auf der Universität besuchte er Seminare, die er nicht begriff, schleppte sich hin und wieder fort, ohne mit jemandem zu reden, fuhr am Wochenende zu Spott und Kritik nach Hause. Schließlich ging er von der Universität ab und suchte sich Arbeit, behielt die Hand über dem Kinn.
Nichts war dem einsamen Quoyle klar. Seine Gedanken stampften wie das unförmige Ding, das die alten Seeleute, wenn sie ins Halblicht der Arktis trieben, Seelunge nannten; wogendes Treibeis unter Nebel, wo Luft und Wasser verschwammen, wo Flüssiges fest war, wo Festes sich auflöste, wo der Himmel gefror und Licht und Dunkel ineinanderquollen.
 
Ins Zeitungsgewerbe verschlug es ihn, als er gemütlich bei einem fettigen Würstchen und einem Stück Brot saß. Das Brot war gut, ohne Hefe hergestellt, nur aus Sauerteig gegangen und in Partridges im Freien stehenden Ofen gebacken. Partridges Hof roch nach verbranntem Maismehl, gemähtem Gras, Brotdampf.
Das Würstchen, das Brot, der Wein, Partridges Gequassel. Deswegen verpaßte er die Gelegenheit, eine Stelle zu bekommen, die seinen Mund vielleicht an die stramme Brust der Bürokratie gelegt hätte. Sein Vater, der sich aus eigener Kraft zum Gipfel des Einkaufsleiters einer Supermarktkette hochgestrampelt hatte, hielt ihm eine mit seiner eigenen Geschichte bebilderte Predigt: »Als ich hier ankam, hab’ ich Schubkarren voll Sand für den Maurer rumfahren müssen.« Und so weiter. Der Vater bewunderte die Geheimnisse der Geschäftswelt – Männer, die Papiere unterschrieben, welche sie mit ihrem linken Arm abschirmten, Konferenzen hinter undurchsichtigem Glas, verschlossene Aktenkoffer.
Aber Partridge, Öl sabbernd, meinte: »Ach, scheiß drauf.« Schnitt dunkelrote Tomaten auf. Wechselte das Thema zu Schilderungen von Orten, an denen er gewesen war: Strabane, South Amboy, Clark Fork. In Clark Fork hatte er mit einem Mann mit verkrümmter Nasenscheidewand Pool gespielt. Der trug Känguruhlederhandschuhe. Quoyle auf dem Gartenstuhl hörte zu, deckte sein Kinn mit der Hand zu. Auf seinem Anzug für das Vorstellungsgespräch war Olivenöl, auf seiner karierten Krawatte ein Tomatenkern.
 
Quoyle und Partridge lernten sich in einem Waschsalon in Mockingburg, New York, kennen. Quoyle war über seine Zeitung gebeugt und umkringelte Stellenanzeigen unter »Aushilfe gesucht«, während sich seine Hemden in Übergröße drehten. Partridge bemerkte, der Stellenmarkt sei dicht. Ja, meinte Quoyle, das sei er. Partridge gab eine Meinung über die Dürre von sich, Quoyle nickte. Partridge brachte das Gespräch auf die Schließung der Sauerkrautfabrik. Quoyle zerrte seine Hemden aus dem Trockner; mit einem Regen aus heißen Münzen und Kugelschreibern fielen sie zu Boden. Die Hemden waren voller Tintenflecken.
»Im Eimer«, sagte Quoyle.
»Nöö«, meinte Partridge. »Reiben Sie die Tinte mit heißer Salzlösung und Talkumpuder ein. Dann waschen Sie die Hemden noch mal, schütten einen Becher Bleichmittel dazu.«
Quoyle sagte, er wolle es versuchen. Seine Stimme zitterte. Partridge war erstaunt, die farblosen Augen des schwergewichtigen Mannes groß vor Tränen zu sehen. Denn Quoyle war unfähig zum Einsamsein, sehnte sich nach Geselligkeit, nach der Erfahrung, daß seine Gesellschaft für andere ein Vergnügen war.
Die Trockner ächzten.
»Hey, kommen Sie doch abends mal vorbei«, sagte Partridge und schrieb seine Adresse und Telefonnummer schräg auf die Rückseite eines verknitterten Kassenzettels. Auch er hatte nicht viele Freunde.
Am nächsten Abend war Quoyle da, Papiertüten unter dem Arm. Die Fassade von Partridges Haus, die leere Straße lagen in bernsteinfarbenes Licht getaucht. Eine goldene Stunde. In den Tüten eine Packung importierter schwedischer Cracker, Rot-, Rosé- und Weißwein, in Folie verpackte Dreiecke ausländischer Käsesorten. Auf der anderen Seite von Partridges Tür irgendeine heiße, hüpfende Musik, die Quoyle erregte.
 
Sie waren eine Zeitlang Freunde – Quoyle, Partridge und Mercalia. Die Unterschiede: Partridge, schwarz, klein, ein ruheloser Wanderer über dem Abhang des Lebens, redete die ganze Nacht; Mercalia, Partridges zweite Frau und von der Farbe einer braunen Feder auf dunklem Wasser, scharfer Verstand; Quoyle, beleibt, weiß, stolperte herum, ziellos.
Partridge blickte über die Gegenwart hinaus, hatte flüchtige Eingebungen über zukünftige Ereignisse, als würden lose Gehirndrähte kurzgeschlossen. Er war mit einer Glückshaube auf die Welt gekommen; sah mit drei einen Kugelblitz eine Feuerleiter hinunterhüpfen; träumte in der Nacht, bevor sein Bruder von Hornissen gestochen wurde, von Gurken. Er war sich seines Glücks gewiß. Er konnte perfekte Rauchringe blasen. Die Seidenschwänze machten auf ihren Zügen immer in seinem Hof Rast.
 
Als Partridge jetzt in seinem Hinterhof sah, daß Quoyle in einem Herrenanzug steckte wie ein Hund auf einem Witzfoto, fiel ihm etwas ein.
»Ed Punch, der Chefredakteur von der Zeitung, wo ich arbeite, sucht einen billigen Reporter. Der Sommer ist vorbei, und seine Uniratten verziehen sich wieder in ihre Löcher. Die Zeitung ist Schrott, aber vielleicht machst du’s ein paar Monate, schaust dich nach was Besserem um. Was soll’s, vielleicht gefällt’s dir ja als Reporter.«
Quoyle nickte, die Hand überm Kinn. Wenn Partridge ihm vorgeschlagen hätte, von einer Brücke zu springen, hätte er sich zumindest über das Geländer gebeugt. Freundes Rat.
»Mercalia! Ich hab’ dir den Kanten aufgehoben, schönes Kind. Ist der beste Teil. Komm raus zu uns.«
Mercalia steckte die Kappe auf ihren Füller. Müde der Wunderkinder, die sich die Nägel abbissen, um Wohnzimmerstühle kreisten und unmögliche Summen hervorsprudelten, während unter ihren stampfenden Füßen von den Orientteppichen Staub aufwirbelte.
 
Ed Punch redete mitten aus seinem Mund heraus. Beim Reden schätzte er Quoyle ab, bemerkte das billige Tweedsakko, so groß wie eine Pferdedecke, die Fingernägel, die aussahen wie regelmäßig an einen Schleifstein gehalten. Er witterte in Quoyle Unterwerfung, erriet, daß er Butter mit guter Streichfähigkeit war.
Quoyles Augen schweiften an die Wand zu einem Stich voller Wasserflecken. Er sah ein grobporiges Gesicht, Augen wie Glaseier, ein Haarbüschel, das aus dem Kragen ragte und über dessen gestärkten Rand quoll. War das in dem abgesplitterten Rahmen Punchs Großvater? Er machte sich Gedanken über Vorfahren.
»Das ist eine Familienzeitung. Wir bringen fröhliche Geschichten mit Schwerpunkt aus dem Gemeindeleben.«
Der Mockinburg Record war auf anbiedernde Anekdoten ortsansässiger Geschäftsleute, Profile volkstümlicher Originale spezialisiert; dieser dünne Stoff wurde mit Rätseln und Preisausschreiben, Meldungen, die gleichzeitig in anderen Zeitungen erschienen, Features und Cartoons unterfüttert. Auch einen Psycho-Test gab es: »Sind Sie Frühstücksalkoholiker?«
Punch seufzte, tat so, als träfe er eine gewichtige Entscheidung. »Ich stecke Sie zur Lokalpolitik, als Hilfe für Al Catalog. Er wird sie einweisen. Von ihm kriegen Sie Ihre Aufträge.«
Das Gehalt war erbärmlich, aber das wußte Quoyle nicht.
 
Al Catalog, ein Gesicht wie ein Kaninchen mit Stoppeln, feuchte Lippen, fuhr mit dem Fingernagelrücken die Auftragsliste entlang. Sein Blick rutschte von Quoyles Kinn ab wie ein Hammer von einem Nagel.
»Okay, die Planungsausschußsitzung is’ ’n guter Anfang für Sie. In der Grundschule unten. Machen Sie das doch heut abend. Setzen Sie sich hinten auf ein Stühlchen. Schreiben Sie alles auf, was Sie hören, tippen’s ab. Maximal fuffzich Zeilen. Nehmen Sie ’n Recorder mit, wenn Sie wollen. Zeigen Sie mir die Sache morgen früh. Daß ich sie seh’, bevor Sie sie dem schwarzen Hund zum Korrigieren geben.« Der schwarze Hund war Partridge.
Quoyle hinten in der Sitzung, auf seinem Block mitschreibend. Ging nach Hause, tippte und tippte die ganze Nacht am Küchentisch. Am Morgen, Ringe um die Augen, vom Kaffee aufgeputscht, ging er ins Redaktionsbüro. Wartete auf Al Catalog.
Ed Punch, der immer als erster kam, glitt in sein Büro wie ein Aal in eine Felsspalte. Die Morgenparade begann. Der Feature-Mensch, eine Tüte Kokosnußkrapfen in der Hand; die große Chinesin mit dem gelackten Haar; der ältliche Vertriebsmensch mit Armen wie Trossen; die zwei Frauen vom Layout; der Bildredakteur mit dem Hemd von gestern, voller Flecken unter den Achseln. Quoyle hinter seinem Schreibtisch, an seinem Kinn zupfend, den Kopf gesenkt, tat so, als korrigierte er seinen Artikel. Er war elf Seiten lang.
Um zehn Uhr Partridge. Rote Hosenträger und ein Leinenhemd. Er nickte und tätschelte sich durch das Redaktionsbüro, steckte den Kopf in Punchs Loch, zwinkerte Quoyle zu, zwängte sich auf den Korrektorenplatz vor dem Computer.
Partridge wußte tausend Dinge: daß nasse Taue ein größeres Gewicht aushielten, warum ein hartgekochtes Ei besser kreiselte als ein rohes. Mit halb geschlossenen Augen, den Kopf in leichter Trance zurückgelegt, konnte er Baseballtabellen zitieren, wie die Alten Die Ilias herunterspulten. Er formte geistlose Prosa um, kratzte den Schimmel von Jimmy-Breslin-Amitationen. »Wo sind die Reporter von früher?« schimpfte er. »Die nagelkauenden, galligen, alkoholisierten Nachteulen, die wirklich gewußt haben, wie man schreibt?«
Quoyle brachte ihm seinen Text. »Al ist noch nicht da«, sagte er und schichtete die Seiten auf den Tisch, »da hab’ ich gedacht, ich geb’s dir.«
Sein Freund lächelte nicht. War bei der Arbeit. Las ein paar Sekunden lang, hob das Gesicht ins Neonlicht. »Wenn Edna da wäre, würde sie das zerfetzen. Wenn Al es zu sehen kriegen würde, würde er Punch raten, dich rauszuschmeißen. Das mußt du umschreiben. Hier, setz dich hin. Ich zeig’ dir, was nicht stimmt. Es heißt, Reporter kann jeder werden. Du bist der Testfall.«
Das hatte Quoyle erwartet.
»Deine Aufhänger«, sagte Partridge. »O Gott!« In einem hohen Singsang las er sie laut vor.
 
Gestern abend stimmte die Planungskommission von Pine
Eye mit großer Mehrheit dafür, frühere Empfehlungen für Zusätze zum städtischen Bebauungsplan zu überarbeiten, die die Grundstücksmindestgröße für Wohnbauten in allen Gebieten außer der Innenstadt auf drei Hektar erhöhen würden.
 
»Das ist ja, als würde man Beton lesen. Zu lang. Viel, viel, viel zu lang. Wirr. Keine Bürgernähe. Keine Zitate. Fad.« Sein Bleistift wütete zwischen Quoyles Sätzen, schüttelte sie durch, stellte sie um. »Kurze Wörter. Kurze Sätze. Aufbrechen. Schau hier, und dort. Hier unten hast du’s. Das ist ’ne Meldung. Rauf damit.«
Er schob die Wörter herum. Quoyle rückte näher an ihn heran, glotzte, zappelte herum, begriff nichts.
»Okay, versuch’s damit.«
 
Janice Foxley, Mitglied der Planungskommission von Pine Eye, erklärte Dienstag abend in einer aufgebrachten Sitzung ihren Rücktritt: »Ich setze mich nicht hierher und sehe zu, wie die Armen in der Stadt für dumm verkauft werden«, meinte sie.
Kurz vor ihrem Rücktritt hatte die Kommission mit einem Ergebnis von neun zu eins eine neue Bebauungsvorschrift gebilligt. Diese setzt die Grundstückmindestgröße auf drei Hektar fest.
 
»Nicht besonders packend, kein Stil und immer noch zu lang«, sagte Partridge, »aber die Richtung stimmt. Kapierst du’s? Steigst du dahinter, was ’ne Meldung ist? Was du als Aufhänger brauchst? Hier, schau, was sich machen läßt. Gib dem Ganzen ein bißchen Schwung.«
Partridges Feuer brachte ihn nie auf Touren. Nach einem halben Jahr redaktioneller Eingriffe hatte Quoyle noch immer kein Gespür für Nachrichten, keine Hand für Details. Vor mehr als seinen zwölf oder fünfzehn Verben hatte er Angst. Hatte einen fatalen Hang zu umständlichen Passivkonstruktionen. »Gouverneur Murchie wurde ein Blumenstrauß von der Erstkläßlerin Kimberley Plud überreicht«, schrieb er, und Edna, die bärbeißige Korrektorin, stand auf und bellte Quoyle an: »Sie gehirnamputierter Schwachkopf. Wie zum Teufel kann man so einen Schwanz schreiben?« Quoyle war nur wieder einer von den halben Analphabeten, die heutzutage als Journalisten arbeiteten. An die Wand mit ihnen!
Quoyle saß in Versammlungen und kritzelte auf Blöcke. Es hatte den Anschein, als würde er irgendwo dazugehören. Ednas Gebrüll, Partridges Gestichel taten ihm nicht weh. Er war unter dem unbändigen Bruder aufgewachsen, der gnadenlosen Kritik des Vaters. Vom Anblick seines gedruckten Namenszugs erregt. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten gaukelten ihm vor, er sei Herr über seine Zeit. War er nach Mitternacht von einer Debatte über die Ausformulierung einer nebensächlichen städtischen Verordnung zum Recycling von Flaschen wieder zu Hause, hatte er das Gefühl, ein Rädchen im Gefüge der Macht zu sein. Sah die Gemeinplätze des Lebens als Zeitungsschlagzeilen. MANN GEHT GEMESSENEN SCHRITTES ÜBER PARKPLATZ. FRAUEN REDEN ÜBER WETTER. TELEFON KLINGELT IN LEEREM ZIMMER.
Partridge mühte sich ab, ihn weiterzubringen. »Auch was nicht passiert, ist eine Nachricht, Quoyle.«
»Ich verstehe.« Tat nur so. Die Hände in den Taschen.
»Die Geschichte über den öffentlichen Nahverkehr im Bezirk? Vor ’nem Monat waren sie so weit, in vier Städten mit dem Busnetz loszulegen, wenn Bugle Hollow mitgemacht hätte. Du schreibst da, daß vergangene Nacht eine Versammlung war, und ganz am Ende erwähnst du so nebenbei, daß Bugle Hollow nicht mitzieht. Hast du eine Ahnung, wie viele alte Leute, Autolose, Leute, die sich kein Auto oder Zweitauto leisten können, Pendler darauf warten, daß dieser verfluchte Bus beikommt? Und jetzt passiert nichts. Nachrichten, Quoyle, Nachrichten. Du könntest ein bißchen Massel gut gebrauchen.« Eine Minute später fügte er in einem anderen Ton hinzu, daß er Freitag abend griechisch marinierten Fisch mit roten Paprika am Spieß machen würde und ob Quoyle kommen wolle.
Er wollte, überlegte aber, was eigentlich Massel war.
 
Gegen Ende des Frühjahrs rief Ed Punch Quoyle zu sich ins Büro, sagte ihm, er sei gefeuert. Aus seinem kaputten Gesicht heraus schaute er an Quoyles Ohr vorbei. »Es ist mehr eine Art Arbeitspause. Wenn es später hier wieder besser läuft ...«
Quoyle fand eine Teilzeitstelle als Taxifahrer.
Partridge wußte, warum. Überredete Quoyle, eine riesige Schürze anzuziehen, gab ihm einen Löffel und ein Senfglas. »Seine Kinder sind von der Uni da. Die haben deinen Job gekriegt. Kein Grund zum Weinen. Ja, genau so, streich den Senf übers Fleisch. Laß ihn einziehen.«
Im August sagte Partridge, als er gerade Dill für ein russisches Rindsgeschnetzeltes mit Essiggurken schnitt: »Punch will dich wiederhaben. Wenn’s dich interessiert, sollst du am Montag morgen kommen.«
Punch zierte sich. Machte viel Aufhebens, als täte er Quoyle mit seiner Wiedereinstellung einen besonderen Gefallen. Vorübergehend.
In Wahrheit war Punch aufgefallen, daß Quoyle zwar selbst wenig redete, andere aber zum Reden anregte. Sein einziger Trumpf im Lebensspiel. Seine aufmerksame Haltung, sein schmeichelhaftes Nicken lösten Sturzbäche von Meinungen, Erinnerungen, Reminiszenzen, Theorien, Einschätzungen, Darlegungen, Resümees und Erklärungen aus, preßten aus Fremden die Geschichte ihres Lebens heraus.
Und so ging es weiter. Gefeuert, Job in einer Autowaschanlage, wiedereingestellt.
Gefeuert, Taxifahrer, wiedereingestellt.
Hin und her fuhr er, landauf und landab, hörte sich das Gerangel von Abwasserkomitees und Straßenbaukommissionen an, meißelte aus Etats zur Brückenausbesserung Geschichten heraus. Die kleinen Entscheidungen örtlicher Behörden kamen ihm wie das verborgene Wirken des Lebens vor. In einem Beruf, der seine Adepten in der Niedertracht der menschlichen Natur unterwies, der das korrodierte Metall der Zivilisation bloßlegte, zimmerte Quoyle sich seine persönliche Illusion von geordnetem Fortschritt. In einer Atmosphäre von Vereinzelung und schwelender Eifersucht träumte er von vernunftbestimmten Kompromissen.
 
Quoyle und Partridge aßen Forelle blau und Knoblauchgarnelen. Mercalia war nicht da. Quoyle schleuderte den Fenchelsalat. Bückte sich gerade, um eine hinuntergefallene Garnele aufzuheben, als Partridge mit dem Messer gegen die Weinflasche hämmerte.
»Bekanntmachung. Betreffend Mercalia und mich.« Quoyle grinste. Erwartete zu erfahren, daß sie ein Kind bekäme. Setzte sich bereits als Patenonkel ein.
»Wir ziehen nach Kalifornien. Reisen am Freitag ab.« »Was?« sagte Quoyle. »Der Grund: die Rohstoffe«, sagte Partridge. »Wein, reife Tomaten, Avocados.« Er goß sich Fumé blanc ein und erzählte Quoyle, der eigentliche Grund sei Liebe, nicht Gemüse. »Alles, was zählt, passiert aus Liebe, Quoyle. Sie ist der Motor des Lebens.«
Mercalia habe ihre Doktorarbeit hingeschmissen, sagte er, würde jetzt auf Arbeiterin machen. Reisen, Cowboystiefel, Geld, das Zischen der Luftdruckbremsen, vier Lautsprecher in der Kabine und das Uptown String Quartet aus dem Kassettendeck. In der Fernfahrerschule eingeschrieben. Summa cum laude abgeschlossen. Der Overland Express in Sausalito habe sie eingestellt.
»Sie ist die erste schwarze Truckfahrerin Amerikas«, sagte Partridge und blinzelte unter Tränen. »Wir haben schon eine Wohnung. Die dritte, die sie sich angeschaut hat.« Die habe, sagte er, eine Küche mit Fenstertüren, himmlischen Bambus als Schattenspender im Hof. Einen Kräutergarten, so groß wie ein Gebetsteppich. Wo er sich hinknien würde.
»Sie hat die Strecke nach New Orleans. Und ich geh’ mit. Mach’ ihr Sandwiches mit geräucherter Ente, kalte Hühnerbrüstchen mit Estragon, für unterwegs, damit sie nicht in Raststätten geht. Ich will Mercalia nicht in den Fernfahrerkneipen haben. Werd’ Estragon ziehen. Irgend’nen Job find’ ich schon. Korrektoren gibt’s nie genug. Krieg’ überall ’nen Job.«
Quoyle versuchte, ihm zu gratulieren, schüttelte Partridge schließlich unentwegt die Hand, konnte nicht mehr loslassen.
»Hör mal, besuch uns doch«, sagte Partridge. »Wir bleiben in Verbindung.« Und noch immer schüttelten sie einander die Hand, pumpten Luft, als holten sie Wasser aus einem tiefen Brunnen.
 
Quoyle steckte in dem heruntergekommenen Mockinburg fest. Ein Ort, der zum drittenmal starb. Innerhalb von zweihundert Jahren wurden aus Wäldern und Waldvölkern Bauernhöfe, eine Arbeiterstadt mit Werkzeugmaschinen- und Reifenfabriken. Eine lange Rezession entvölkerte die Innenstadt, machte die Einkaufszentren kaputt. Fabriken zum Verkauf. Elendsstraßen, Jugendliche mit Schießeisen in der Tasche, litaneiartiges politisches Wortgeklapper, fransig geredete Münder und zerschlagene Ideen. Wer wußte schon, wo die Leute hingingen? Vermutlich nach Kalifornien.
Quoyle kaufte Lebensmittel im A&B-Lebensmittelladen, tankte an der D&G-Tankstelle, brachte das Auto in die R&R-Werkstatt, wenn es Öl oder einen neuen Keilriemen brauchte. Er schrieb seine Artikel, wohnte in seinem gemieteten Wohnwagen, sah fern. Manchmal träumte er von der Liebe. Warum nicht? Ein freies Land. Wenn Ed Punch ihn feuerte, gönnte er sich Gelage aus Kirscheis, Dosenravioli.
Er trennte sein Leben von den Zeitläuften. Er hielt sich für einen Zeitungsreporter, las aber keine Zeitung außer dem Mockinburg Record
2
Liebesknoten
In alten Zeiten sandte ein liebeskranker Seemann seiner Angebeteten bisweilen ein Stück Tau, das locker zu einem Echten Liebhaberknoten gebunden war. Wenn der Knoten zurückkam, wie er geschickt worden war, galt die Beziehung als offen. Kam der Knoten eng zusammengezogen zurück, hieß das, die Leidenschaft beruhte auf Gegenseitigkeit. Ein umgekippter Knoten bedeutete jedoch den stillschweigenden Rat, die Leinen zu lösen und in See zu stechen.
Dann bei einer Versammlung Petal Bear. Dünn, feucht, heiß. Zwinkerte ihm zu. Quoyle hatte die Sehnsucht des dicken Mannes nach einer zierlichen Frau. Er stellte sich neben sie an den Tisch mit den Erfrischungen. Engstehende graue Augen, lockiges eichenbraunes Haar. Das Neonlicht machte sie blaß wie Kerzenwachs. Ihre Augenlider schillerten von einer pulverigen Creme. Ein metallisch glänzender Faden in ihrem rosa Pullover. Diese schwachen Funken übergossen sie mit einem Schimmer wie ein Lichtschwall. Sie lächelte, die perlenfarbigen Lippen feucht von Cidre. Seine Hand schoß zu seinem Kinn empor. Sie nahm sich ein Plätzchen mit weißen Cremeaugen und einem Mandelmund. Schaute ihn an, als ihre Zähne eine Mondsichel herausbissen. Eine unsichtbare Hand warf in Quoyles Eingeweiden Schlingen und Knoten aus. Knurren aus seinem Hemd.
»Was denken Sie?« sagte sie. Sie redete schnell. Sie sagte, was sie immer sagte. »Sie wollen mich heiraten, was? Denken Sie nicht, daß Sie mich heiraten wollen?« Wartete auf den Witz. Beim Sprechen veränderte sie sich auf provozierende Weise, wirkte plötzlich wie in Erotik getaucht, wie ein Taucher, der aus einem Becken hochkommt und, den Bruchteil eines Augenblicks von einer heilen Wasserschicht überzogen, wie Chrom glänzt.
»Ja«, erwiderte er und meinte es. Sie hielt es für Schlagfertigkeit. Sie lachte, grub ihre Finger mit den scharfen Nägeln in seine. Starrte ihm fest in die Augen wie ein Optiker, der nach einem Schwachpunkt sucht. Eine Frau verzog das Gesicht, als sie die beiden sah.
»Verschwinden wir von hier«, sagte sie. »Gehen wir was trinken. Es ist jetzt sieben Uhr fünfundzwanzig. Bis zehn habe ich Sie gevögelt, was halten Sie davon?«
Später sagte sie: »Mein Gott, das ist bis jetzt der größte.«
Wie ein heißer Mund einen kalten Löffel, so wärmte Petal Quoyle. Er stolperte fort von seinem gemieteten Wohnwagen, von seinem Durcheinander aus schmutziger Wäsche und leeren Raviolidosen zu schmerzvoller Liebe; das Herz auf immer von Tätowiernadeln vernarbt, die den Namen Petal Bear eingruben.
Ein Monat feuriger Glückseligkeit. Danach sechs verkorkste Jahre Leiden.
 
Petal Bear war von Verlangen durchdrungen, aber, nachdem sie geheiratet hatten, nicht mehr nach Quoyle. Das Begehren verkehrte sich in Abscheu wie ein nach außen gewendeter Gummihandschuh. In anderen Zeiten, mit einem anderen Geschlecht wäre sie Dschingis Khan gewesen. Wo sie brennende Städte, das Gestotter und Geplapper von Gefangenen, vom Abreiten der erschütterten Grenzen ihres Reiches erschöpfte Pferde brauchte, hatte sie nur die kleinen Triumphe sexueller Begegnungen. So geht’s, sagte sie bei sich. Vor deinen Augen, sagte sie.
Tags verkaufte sie für Northern Security Alarmanlagen, nachts wurde sie zu einer Frau, die vor den Zimmern von Fremden nicht haltmachte, die sexuelle Vereinigung um jeden Preis wollte, ob in stinkenden Toiletten oder Besenschränken. Mit unbekannten Männern ging sie überallhin. Flog zu Nachtclubs in fernen Städten. Drehte ein Pornovideo, bei dem sie eine aus einer Kartoffelchipspackung geschnittene Maske trug. Spitzte ihren Lidstift mit dem Schälmesser, daß Quoyle sich wunderte, warum sein Sandwichkäse grün gestreift war.
Nicht Quoyles Kinn haßte sie, sondern seine kriecherische Unentschlossenheit, als wartete er auf ihren Zorn, rechnete damit, daß sie ihm Leid zufügte. Sie konnte seinen heißen Rücken nicht ertragen, seine unförmige Gestalt im Bett. Den Teil von Quoyle, der wunderbar war, konnte man unglücklicherweise vom Rest nicht trennen. Ein keuchendes Walroß auf dem Kissen neben ihr. Während sie eine merkwürdige Gleichung blieb, die viele Mathematiker anzog.
»’tschuldigung«, nuschelte er, sein haariges Bein streifte ihren Oberschenkel. Im Dunkeln krochen seine bettelnden Finger ihren Arm hinauf. Sie schauderte, schüttelte seine Hand ab.
»Laß das!«
»Speckarsch« sagte sie nicht, aber er hörte es. Nichts an ihm konnte sie leiden. Sie wünschte ihn zur Hölle. Konnte dagegen ebenso wenig tun wie er gegen seine einfältige Liebe.
Quoyle mit verkniffenem Mund, mit dem Gefühl, daß sich um ihn herum Seile spannten wie von einer Winde zusammengezogen. Was hatte er erwartet, als er geheiratet hatte? Nicht das Discount-Leben seiner Eltern, sondern etwas wie Partridges Hinterhof – Freunde, Rauch vom Grillen, Zuneigung mit ihrer unausgesprochenen Sprache. Doch so kam es nicht. Es war, als wäre er ein Baum und sie ein in seine Seite gepfropfter, dorniger Ast, der sich mit jedem Wind bog, die verletzte Rinde geißelte.
Was er hatte, war, was er sich vormachte.
Vier Tage nach Bunnys Geburt kam die Babysitterin, um vor dem Fernsehgerät zu dösen – Mrs. Moosup mit Armen, zu fett für Ärmel –, und Petal streifte ein Kleid über ihren schlaffen Bauch und ihre tropfenden Brüste, auf dem Flecken nicht leicht zu sehen wären, und ging aus, schauen, was sie auftreiben konnte. Schlug einen bestimmten Ton an. Und kochte vor Wut während ihrer Schwangerschaft mit Sunshine im nächsten Jahr, bis das fremde Wesen ihren Leib verlassen hatte.
In Quoyles trägen Gewässern brodelte Aufruhr. Denn er fuhr die Babys herum, nahm sie manchmal auf Sitzungen mit, Sunshine in einem Beutel, den er sich auf den Rücken schnallte, Bunny Daumen lutschend an seinem Hosenbein. Das Auto zugemüllt mit Zeitungen, winzigen Fäustlingen, zerrissenen Umschlägen, Zahnringen. Auf dem Rücksitz eine Zahnpastakruste aus einer zertretenen Tube. Limonadedosen rollten hin und her.
Abends kam Quoyle in sein gemietetes Haus. Einige seltene Male war Petal da; meistens war es Mrs. Moosup, die in einer Trance aus elektronischen Farben und vorgetäuschtem Leben Überstunden machte, Zigaretten rauchte und sich keine Fragen stellte. Auf dem Boden um sie herum lauter haarlose Puppen. Im Spülbecken stapelte sich das Geschirr, denn Mrs. Moosup sagte, sie sei kein Hausmädchen und würde auch nie eins werden.
Durch einen Wirrwarr aus Handtüchern und Elektrokabeln ins Bad, ins Kinderzimmer, wo er wegen der Straßenlampen die Rollos herunterzog, wegen der Nacht Bettdecken hochzog. Zwei eng zusammengeschobene Kinderbetten wie Vogelkäfige. Gähnend spülte Quoyle etwas von dem Geschirr ab, ehe er endlich auf die grauen Laken fiel und schlief. Machte die Hausarbeit aber heimlich, weil Petal aufbrauste, wenn sie ihn beim Abstauben und Wischen ertappte, als hätte er ihr das zum Vorwurf gemacht. Oder was anderes.
Einmal rief sie Quoyle aus Montgomery, Alabama, an.
»Ich bin hier unten in Alabama, und keiner, nicht mal der Barkeeper, weiß, wie man einen Alabama Slammer macht.« Quoyle hörte das Gebrabbel und Gelächter in der Bar. »Also paß auf, geh in die Küche und schau oben auf dem Kühlschrank, wo ich den Mr. Boston habe. Hier unten haben sie nur ’ne alte Ausgabe davon. Schau den Alabama Slammer für mich nach. Ich bleib’ dran.«
»Warum kommst du nicht heim?« bettelte er mit seiner jämmerlichen Stimme. »Ich mach’ dir einen.« Sie erwiderte nichts. Das Schweigen zog sich in die Länge, bis er das Buch holte und das Rezept vorlas, während die Erinnerung an den kurzen Monat der Liebe, als sie in seinen Armen gelegen hatte, die heiße Seide ihres Slips, ihm durch den Kopf flog wie ein verfolgter Vogel.
»Danke«, sagte sie und legte auf.
Es kam zu scheußlichen kleinen Zwischenfällen. Manchmal tat sie so, als würde sie die Kinder nicht wiedererkennen.
»Was macht das Kind da im Bad? Ich bin gerade rein, um mich zu duschen, und da sitzt ein Kind auf dem Pott! Wer zum Teufel ist das Mädchen überhaupt?« Der Fernseher rasselte vor Gelächter.
»Das ist Bunny«, erwiderte Quoyle. »Das ist unsere Tochter Bunny.« Er quälte sich ein Lächeln ab, um ihr zu zeigen, daß er wußte, daß es nur ein Witz war. Über einen Witz konnte er lachen. Das konnte er.
»Mein Gott, ich hab’ sie nicht erkannt.« Sie brüllte in Richtung Badezimmer. »Bunny, bist das echt du?«
»Ja.« Eine kampflustige Stimme. »Es gibt noch eins, oder? Na ja, ich bin hier weg. Brauchst vor Montag oder so nicht nach mir zu suchen.«
Es tat ihr leid, daß er sie so verzweifelt liebte, aber das war’s.
»Schau mal, es hat keinen Zweck«, sagte sie. »Such dir ’ne Freundin – es laufen genug Frauen rum.«
»Ich will bloß dich«, sagte Quoyle. Kläglich. Bettelnd. Leckte seinen Hemdsärmel.
»Das einzige, was hier noch hilft, ist die Scheidung«, sagte Petal. Er zog sie hinunter. Sie warf ihn um.
»Nein«, stöhnte Quoyle. »Nicht die Scheidung.«
»Dann deine Beerdigung.« Die Iris ihrer Augen silbrig im Sonntagslicht. Der grüne Stoff ihres Mantels wie Efeu.
Eines Abends löste er im Bett ein Kreuzworträtsel, hörte Petal heimkommen, hörte das Fließen von Stimmen. Kühlschranktür auf und zu, Klirren der Wodkaflasche, Geräusch des Fernsehers und nach einer Weile Quietschen, das Quietschen des Schlafsofas im Wohnzimmer und das Aufstöhnen eines Fremden. Die Rüstung aus Gleichmut, mit der er seine Ehe schützte, war zerbrechlich. Selbst nachdem er die Tür hinter dem Mann hatte zugehen und ein Auto wegfahren hören, stand er nicht auf, sondern blieb auf dem Rücken liegen, während die Zeitung bei jedem Heben seines Brustkorbs raschelte, ihm die Tränen in die Ohren hinabrannen. Wie konnte etwas, was andere Menschen in einem anderen Zimmer taten, ihm solches Leid zufügen? MANN AN GEBROCHENEM HERZEN GESTORBEN. Seine Hand wanderte zu der Dose Erdnüsse neben dem Bett.
Am Morgen starrte sie ihn an, aber er sagte nichts, stolperte mit dem Saftkrug in der Küche herum. Er setzte sich an den Tisch, die Tasse in seiner Hand wackelte. Seine Mundwinkel weiß vor Erdnußsalz. Ihr Stuhl scharrte. Er roch ihr feuchtes Haar. Wieder kamen die Tränen. Schwelgt im Elend, dachte sie. Man braucht sich bloß seine Augen anzusehen.
»Ach, um Gottes willen, werd erwachsen«, sagte Petal. Ließ ihre Kaffeetasse auf dem Tisch stehen. Die Tür knallte.
Quoyle glaubte an stummes Leiden, erkannte nicht, daß es aufreizte. Er bemühte sich, seine Gefühle abzutöten, sich anständig zu benehmen. Eine Liebesprobe. Je stechender die Schmerzen, desto größer der Beweis. Wenn er es jetzt ertrüge, wenn er es aushielte, würde am Ende alles gut werden.
Doch die Umstände umschlossen ihn wie die sechs Seiten eines Metallkastens.
3
Strangulierknoten
»Der Strangulierknoten ... wird erst lose gebunden und dann fest zusammengezogen.«
 
DAS ASHLEY-BUCH DER KNOTEN
Es kam ein Jahr, da dieses Leben jäh herumgerissen wurde. Stimmen über die Leitung, das Knirschen von zusammengedrücktem Stahl, Feuer.
Mit seinen Eltern fing es an. Erst der Vater, bei dem Leberkrebs diagnostiziert wurde, ein Aufflammen wild wuchernder Zellen. Einen Monat später hängte sich ein Tumor wie eine Klette ans Gehirn der Mutter, schob ihr Denken auf einer Seite zusammen. Der Vater gab dem Elektrizitätswerk die Schuld. Von den Türmen im Norden her trafen sich in zweihundert Meter Entfernung von ihrem Haus sirrende Leitungen, dick wie Aale.
Zwinkernden Ärzten schmeichelten sie Rezepte für Beruhigungsmittel ab, horteten die Kapseln. Als es genug waren, diktierte der Vater, die Mutter tippte den Abschiedsbrief, ein Manifest persönlicher Entscheidung und Selbstbefreiung – Sätze, die den Rundschreiben der Gesellschaft für humanes Sterben entnommen waren. Nannten Einäscherung und Verstreuen der Asche als Entsorgungswunsch.
Es war Frühling. Schwerer Boden, Erdgeruch. Der Wind peitschte durch die Zweige, verströmte einen grünlichen Duft, wie wenn man Flint anschlägt. Huflattich in den Gräben; ungestüme Tulpenflecken, vereinzelt in Gärten. Strömender Regen. Uhrzeiger sprangen vor zu lichten Abenden. Der Himmel in Bewegung wie Karten, gemischt von einer kreideweißen Hand.
Der Vater stellte den Wasserboiler ab. Die Mutter goß die Zimmerpflanzen. Sie schluckten ihr Kapselgemisch mit Schlafkräutertee.
Mit letzter, benommener Kraft rief der Vater bei der Zeitung an und hinterließ eine Nachricht auf Quoyles Anrufbeantworter. »Hier spricht dein Vater. Ich rufe dich an. Dicky hat bei sich kein Telefon. Also. Für deine Mutter und mich ist es an der Zeit, daß wir gehen. Wir haben uns dazu entschlossen. Die Erklärung, Anweisungen für den Bestatter und die Einäscherung und alles andere liegen auf dem Eßzimmertisch. Du mußt dich selber zurechtfinden. Ich mußte mich in einer gnadenlosen Welt zurechtfinden, seitdem ich in dieses Land kam. Keiner hat mir je was geschenkt. Andere hätten aufgegeben und wären zum Penner geworden, aber ich nicht. Ich hab’ geschwitzt und geackert, Schubkarren voll Sand für den Maurer gefahren, auf alles verzichtet, damit du und dein Bruder es mal besser haben – nicht, daß ihr viel aus euren Chancen gemacht hättet. Hab’ nicht viel vom Leben gehabt. Setz dich mit Dicky und meiner Schwester Agnis Hamm in Verbindung, erzähl ihnen alles. Die Adresse von Agnis liegt auf dem Eßzimmertisch. Wo die anderen alle hingekommen sind, weiß ich nicht. Sie waren nicht ...« Ein Piepton. Der Platz für eine Nachricht war ausgefüllt.
Aber der Bruder, geistlicher Oberleutnant in der Kirche vom persönlichen Magnetismus, hatte ein Telefon und Quoyle seine Nummer. Es zog ihm den Magen zusammen, als die verhaßte Stimme durch den Hörer drang. Verstopftes Näseln, Schnaufen durch die Polypen. Der Bruder sagte, er dürfe nicht zu religiösen Feierlichkeiten für Außenstehende kommen.
»Von so beschissenem Aberglauben halte ich nichts«, sagte er. »Bestattungen. In der KPM gibt’s da eine Cocktailparty. Wo hast du übrigens einen Geistlichen aufgetrieben, der bei Selbstmördern predigt?«
»Hochwürden Stain gehört zu ihrer Gruppe für humanes Sterben. Du solltest kommen. Wenigstens, um mir beim Kelleraufräumen zu helfen. Vater hat da unten ungefähr vier Tonnen alte Zeitschriften zurückgelassen. Mensch, ich hab’ mit ansehen müssen, wie unsere Eltern aus dem Haus getragen wurden.« Hätte fast geschluchzt.
»Ey, Speckarsch, haben sie uns was hinterlassen?« Quoyle wußte, was er meinte. »Nein. ’ne Riesenhypothek auf dem Haus. Sie haben ihre Ersparnisse ausgegeben. Das ist, glaube ich, der Hauptgrund, warum sie’s getan haben. Na ja, ich weiß schon, daß sie an humanes Sterben geglaubt haben, aber sie haben alles ausgegeben. Die Lebensmittelkette ist bankrott gegangen, und seine Rente ist nicht mehr gekommen. Wenn sie weitergelebt hätten, hätten sie sich Jobs suchen müssen, als Verkäufer im Supermarkt oder so. Ich hab’ gedacht, daß Mutter vielleicht auch ’ne Rente kriegt, war aber nicht so.«
»Soll das ’n Witz sein? Du mußt ja blöder sein, als ich gedacht hab’. Ey, Kotztüte, wenn was da ist, dann schick mir meinen Anteil. Meine Adresse hast du.« Er legte auf.
Quoyle legte die Hand übers Kinn.
Auch Agnis Hamm, die Schwester seines Vaters, kam nicht zur Bestattung. Schickte Quoyle eine Notiz auf blauem Papier; Name und Anschrift waren mit einem Stempel vom Versandhaus gedruckt.
 
Schaffe es nicht zum Gottesdienst. Komme aber nächsten Monat um den 12. vorbei. Hole die Asche Deines Vaters ab, wie angewiesen, und besuche Dich und Deine Familie. Dann können wir alles bereden. In Liebe, Deine Tante Agnis Hamm.
Doch bis die Tante ankam, war der verwaiste Quoyle von den Umständen abermals umgeformt, diesmal zum sitzengelassenen und gehörnten Ehemann, zum Witwer.
 
»Pet, ich muß mit dir reden«, hatte er mit überfließender Stimme gebettelt. Wußte von ihrem Neuesten, einem Immobilienmakler, der seine Stoßstangen mit magischen Zeichen zupflasterte, an Zeitungshoroskope glaubte. Sie wohnte bei ihm, kam nur nach Hause, um sich Kleider zu holen, ab und zu. Oder seltener. Quoyle nuschelte Glückwunschkartengefühle. Sie schaute weg, sah sich selbst im Schlafzimmerspiegel.
»Du sollst mich nicht ›Pet‹ nennen. Ist schon schlimm genug, so ’nen dämlichen Namen wie Petal zu haben. Sie hätten mich ›Iron‹ oder ›Spike‹ nennen sollen.«
»Iron Bear?« Bleckte die Zähne zu einem Grinsen. Oder einem Riß.
»Versuch nicht, witzig zu sein, Quoyle. Tu nicht so, als wäre alles lustig und wunderbar. Laß mich einfach in Ruhe.« Wandte sich von ihm ab, Kleider über dem Arm, Bügelhaken wie Hälse und Köpfe von gerupften Gänsen. »Hör mal, es war ein Witz. Ich hab’ mit niemand verheiratet sein wollen. Und mir ist auch nicht danach, für jemand die Mama zu spielen. Es war alles ein Fehler, und damit hat sich’s.«
Eines Tages war sie verschwunden, tauchte nicht in der Arbeit bei der Northern Security auf. Der Geschäftsführer rief Quoyle an. Ricky Irgendwer.
»Na ja, äh, ich bin ziemlich besorgt. Petal wäre nicht einfach ›verduftet‹, wie Sie das nennen, ohne mir was zu sagen.« An seinem Tonfall erkannte Quoyle, daß Petal mit ihm geschlafen hatte. Ihm dumme Hoffnungen gemacht hatte.
Ein paar Tage nach diesem Gespräch deutete Ed Punch mit dem Kopf auf sein Büro, als er an Quoyles Schreibtisch vorbeiging. So machte er es immer.
»Muß Sie ziehen lassen«, sagte er mit gelbsprühenden Augen, leckender Zunge.
Quoyles Blick wanderte zu dem Stich an der Wand. Konnte die Signatur unter dem haarigen Hals gerade noch entziffern: Horace Greeley.
»Das Geschäft geht runter. Hab’ keine Ahnung, wie lang das Blatt noch durchhält. Müssen sparen. Fürchte, diesmal besteht kaum ’ne Chance, daß wir Sie wieder einstellen.«
 
Um halb sieben öffnete er die Küchentür. Mrs. Moosup saß am Tisch und schrieb auf einer Umschlagrückseite. Marmorierte Arme wie kalte Oberschenkel.
»Da sind Sie ja!« rief sie. »Hab’ gehofft, daß Sie kommen, damit ich das Zeug nich’ alles aufschreiben muß. Da tut einem ja die Hand weh. Muß heute abend wieder zur Akupunktur. Nützt wirklich was. Erstens, Mrs. Bear sagt, Sie sollen mir meinen Lohn zahlen. Schuldet mir noch sieben Wochen, das macht dreitausendachtzig Dollar. Ein Scheck wär’ mir sehr recht. Hab’ ja wie jeder Mensch Rechnungen zu zahlen.«
»Hat sie angerufen?« fragte Quoyle. »Hat sie gesagt, wann sie zurückkommt? Ihr Chef hat danach gefragt.« Konnte den Fernseher im Zimmer nebenan hören. Ein Dröhnen von Rumbakugeln, klappernden Bongos.
»Angerufen nicht. Ist so vor zwei Stunden hier reingerauscht, hat ihre ganzen Klamotten zusammengepackt, hat mir ’ne Menge Zeug gesagt, was ich Ihnen sagen soll, hat sich die Kinder geschnappt und ist mit dem Typen in dem roten Geo abgezischt. Sie wissen schon, wen ich meine. Genau den. Hat gesagt, daß sie mit ihm nach Florida zieht, soll Ihnen sagen, daß sie Ihnen irgendwelche Papiere schickt. Hat ihren Job hingeschmissen und ist fort. Hat ihren Chef angerufen und gesagt: ›Ricky, ich geh’.‹ Ich hab’ genau hier gestanden, wie sie’s gesagt hat. Soll Ihnen sagen, Sie sollen mir sofort ’nen Scheck ausstellen.«
»Das pack’ ich nicht«, sagte Quoyle. Hatte den Mund voll kaltem Würstchen. »Sie hat die Kinder mitgenommen? Die Kinder würd’ sie doch nie mitnehmen.« MUTTER LÄUFT DAVON UND ENTFÜHRT KINDER.
»Na, wie dem auch sei, Mr. Quoyle, sie hat sie mitgenommen. Vielleicht täusch’ ich mich da, aber das letzte, was sie gesagt hat, hat sich so angehört, als würd’ sie die Mädels bei Leuten in Connecticut lassen. Die Kleinen waren ganz aufgeregt, weil sie in dem roten Auto fahren durften. Sie wissen ja, daß sie kaum mal wohin kommen. Lechzen nach Aufregung. Aber das mit dem Scheck, mit meinem Scheck, hat sie ganz klar gesagt.« Die massigen Arme verschwanden unter ihrem Umhang aus lila und gold geflecktem Tweed.
»Mrs. Moosup, ich habe ungefähr zwölf Dollar auf meinem Konto. Vor einer Stunde bin ich gefeuert worden. Sie sollten von Petal bezahlt werden. Wenn Sie das mit den dreitausendachtzig ernst meinen, dann muß ich unsere Anlage versetzen, um Sie bezahlen zu können. Das geht erst morgen. Aber keine Sorge, Sie kriegen Ihr Geld.« Er aß die verschrumpelten Würstchen weiter. Was noch.
»Das hat sie auch immer gesagt«, entgegnete Mrs. Moosup bitter. »Darum bin ich gar nicht so scharf auf das hier. Arbeiten macht keinen Spaß, wenn man sein Geld nicht kriegt.«
Quoyle nickte. Später, als sie weg war, rief er die Polizei an.
»Meine Frau. Ich will meine Kinder wiederhaben‹, sagte Quoyle zu einer routinierten Stimme ins Telefon. »Meine Töchter, Bunny und Sunshine Quoyle. Bunny ist sechs und Sunshine viereinhalb.« Sie gehörten ihm. Rötliche Haare, Sommersprossen wie gemähtes Gras auf einem nassen Hund. Sunshine, die kleine Schönheit mit ihrem Wust oranger Locken. Die unscheinbare Bunny. Aber klug. Hatte Quoyles farblose Augen und rötliche Brauen, die linke schief und von einer Narbe eingekerbt, seitdem sie einmal aus einem Einkaufswagen gefallen war. Das Haar kurz geschnitten, kraus. Grobknochige Kinder.
»Die sehen beide aus wie diese Möbel aus Obstkisten«, hatte Petal gewitzelt. Die Kindergartenleiterin sah in ihnen unbändige Störenfriede und warf erst Bunny hinaus, dann Sunshine. Wegen Zwicken, Schubsen, Kreischen und Nörgeln. Für Mrs. Moosup waren sie Rangen, die jammerten, daß sie Hunger hatten, und sie nicht in Ruhe ihre Sendungen sehen ließen.
Doch vom ersten Augenblick an, da Petal getobt hatte, sie sei schwanger, ihre Handtasche auf den Boden geworfen hatte wie einen Dolch, Quoyle ihre Schuhe entgegengeschleudert und gesagt hatte, sie wolle abtreiben lassen, hatte Quoyle erst Bunny und dann Sunshine geliebt, sie mit der Angst geliebt, daß er sie, wenn sie tatsächlich zur Welt kämen, nur auf Zeit haben würde, daß ihm durch einen schrecklichen Zwischenfall eines Tages ein Draht ins Gehirn gestoßen würde. Nie hätte er gedacht, daß es Petal sein würde. Obwohl er von ihr schon das Schlimmste abbekommen hatte.
 
In einem schwarzweißkarierten Hosenanzug saß die Tante auf dem Sofa, hörte zu, wie Quoyle würgte und schluchzte. Machte in der noch nie benutzten Kanne Tee. Eine steif wirkende Frau mit weißsträhnigem rotblondem Haar. Hatte ein Profil wie eine Schießbudenfigur. Ein braungelbes Muttermal am Hals. Schwenkte den Tee in der Kanne, goß ihn ein, tröpfelte Milch dazu. Ihr Mantel über der Sofaarmlehne ähnelte einem Kellner, der eine Weinmarke vorzeigt.
»Trink das. Tee ist was Gutes, der hält dich in Gang. Das stimmt wirklich.« Ihre Stimme hatte pfeifende Obertöne, als kämen sie aus dem einen Spalt breit geöffneten Fenster eines flitzenden Autos. Der Körper war in Abschnitte aufgeteilt wie ein Schnittmuster.
»Ich hab’ eigentlich nichts von ihr gewußt«, sagte er, »außer daß sie von schrecklichen Mächten getrieben war. Sie mußte ihr Leben auf ihre Art führen. Das hat sie millionenmal gesagt.« Das schlampige Zimmer war voller spiegelnder Flächen, die ihn anklagten, die Teekanne, die Fotos, sein Ehering, Hochglanztitel von Zeitschriften, ein Löffel, der Fernsehbildschirm.
»Trink ein bißchen Tee.«
»Manche Leute haben sie wahrscheinlich für schlecht gehalten, aber ich glaube, sie hat nur nach Liebe gehungert. Ich glaube, sie hat einfach nicht genug davon kriegen können. Darum war sie so, wie sie war. Ganz tief drinnen hat sie keine gute Meinung von sich gehabt. Was sie gemacht hat – das hat ihr eine Zeitlang Sicherheit gegeben. Ich hab’ ihr nicht gereicht.«
Glaubte er diesen Blödsinn? fragte die Tante sich. Sie vermutete, daß diese liebeshungrige Petal Quoyles Erfindung war. Warf einen Blick auf die arktischen Augen, die starr verführerische Pose Petals auf dem Foto, Quoyles alberne Rose in einem Wasserglas daneben und dachte bei sich: eine aufgedonnerte Schlampe.
 
Quoyle hatte den Atem angehalten, den Hörer am Ohr; das Gefühl von Verlust durchflutete ihn wie das Meer einen geborstenen Schiffsrumpf. Sie sagten, der Geo sei von der Autobahn abgekommen und eine Böschung voll Wildblumen hinabgekullert, sei in Flammen aufgegangen. Aus der Brust des Immobilienmaklers sei Rauch gequollen, Petals Haar sei verbrannt gewesen. Ihr Genick gebrochen.
Aus dem Auto seien Zeitungsausschnitte die Autobahn entlanggeflattert; Berichte über ein Ungetüm von Ei in Texas, einen Pilz, der Jascha Heifetz ähnelte, einer Rübe, so groß wie ein Kürbis, einem Kürbis, so klein wie ein Rettich.
Als die Polizei sich durch versengte Astrologiezeitschriften und Kleidung wühlte, fand sie Petals Handtasche, in die mehr als neuntausend Dollar in bar gestopft waren, ihren Terminkalender mit einem Eintrag, daß sie am Morgen vor dem Unfall Bruce Cudd treffen wollte. In Bacon Falls, Connecticut. Es fand sich eine Quittung über siebentausend Dollar für »persönliche Dienste«. Es sehe so aus, als habe sie die Kinder an Bruce Cudd verkauft, meinte die Polizei.
Quoyle, der im Wohnzimmer hinter roten Fingern flennte, sagte, er könne Petal alles vergeben, wenn nur die Kinder in Sicherheit seien.
Warum weinen wir vor Kummer, fragte sich die Tante. Hunde, Rehe, Vögel litten trockenen Auges und schweigend. Das dumpfe Leiden von Tieren. Vermutlich eine Überlebenstechnik.
»Du hast ein gutes Herz«, sagte sie. »Andere würden ihre entstellte Leiche verfluchen, weil sie die kleinen Mädchen verkauft hat.« Die Milch war kurz vor dem Sauerwerden. In der Zuckerdose dunkle Klumpen von feuchten Kaffeelöffeln.
»Das kann ich nie und nimmer glauben – daß sie sie verkauft hat. Nie und nimmer«, heulte Quoyle. Er donnerte mit dem Oberschenkel gegen den Tisch. Das Sofa quietschte.
»Vielleicht hat sie’s nicht getan. Wer weiß?« tröstete die Tante. »Ja, du hast ein gutes Herz. Du schlägst nach Sian Quoyle. Deinem armen Großvater. Ich hab’ ihn nie erlebt. War tot, bevor ich auf die Welt kam. Aber das Foto von ihm hab’ ich oft gesehen; hatte den Zahn von einem Toten um den Hals hängen. Um Zahnweh abzuwehren. An so was haben die Leute geglaubt. Aber er soll sehr gutmütig gewesen sein, heißt es. Hat gelacht und gesungen. Hat sich von jedem auf den Arm nehmen lassen.«
»Klingt einfältig«, schluchzte Quoyle in seine Teetasse. »Also, wenn er das war, dann höre ich zum erstenmal davon. Als er unter dem Eis verschwunden ist, soll er gerufen haben: ›Wir sehen uns im Himmel.‹«
»Die Geschichte kenn’ ich«, sagte Quoyle mit salzigem Speichel im Mund und anschwellender Nase. »Er war noch ein Kind.«
»Zwölf Jahre alt. Bei der Robbenjagd. Er hat so viele Robbenjunge erlegt wie jeder andere dort, bevor er einen von seinen Anfällen bekam und vom Eis rutschte. Neunzehnsiebenundzwanzig.«
»Vater hat uns manchmal von ihm erzählt. Aber zwölf kann er nicht gewesen sein. Ich hab’ noch nie gehört, daß er zwölf war. Wenn er mit zwölf ertrunken ist, kann er nicht mein Großvater gewesen sein.«
»Ach, du kennst die Neufundländer nicht. Auch wenn er erst zwölf war, er war der Vater von deinem Vater. Aber nicht von meinem. Meine Mutter – deine Großmutter – war Sians Schwester Addy, und als der junge Sian tot war, hat sie sich mit Turvey eingelassen, dem anderen Bruder. Und als der ertrank, hat sie Cokey Hamm geheiratet. Der war mein Vater. Hat jahrelang in dem Haus auf Quoyle’s Point gewohnt – wo ich geboren wurde –, dann sind wir nach Catspaw umgezogen. Als wir 1946 fortgingen, ist mein Vater umgekommen -«
»Ertrunken«, warf Quoyle ein. Hörte wider Willen zu. Schneuzte sich in die Papierserviette. Die er faltete und auf den Rand seiner Untertasse legte.
»Nein. Anschließend sind wir zu dem stinkigen Hafen von Catspaw rüber, wo uns diese Meute wie Dreck behandelt hat. Da war ein scheußliches Mädchen, aus ihrer Braue ist eine lila Flechte gewachsen. Hat Steine geworfen. Und dann kamen wir in die Staaten.« Sie sang: »›Terra Nova weint um alle Seelen, die für immer von ihr gehen.‹ Mehr weiß ich von dem Liedchen nicht mehr.«
Quoyle mochte sich nicht vorstellen, daß sein Großvater ein blutschänderisches, zu Anfällen neigendes, Robben tötendes Kind gewesen war, aber er hatte keine Wahl. Die Geheimnisse einer ungekannten Familie.
 
Als die Polizei hereinplatzte, blaffte der Fotograf in fleckigen Boxer-Shorts gerade ins Telefon. Quoyles nackte Töchter hatten Spülmittel auf den Boden gespritzt und schlitterten darin herum.
»Sie sind nicht ersichtlich sexuell mißbraucht worden, Mr. Quoyle«, sagte die Stimme am Telefon. Quoyle konnte nicht erkennen, ob da ein Mann oder eine Frau sprach. »Wir fanden eine Videokamera. Überall lagen leere Filmkassetten herum, aber die Kamera war blockiert oder so. Als die Beamten reinkamen, war er gerade am Telefon und hat den Verkäufer von dem Laden angebrüllt, wo er die Kamera gekauft hatte. Die Kinder wurden von einer Spezialistin für Kindsmißbrauch untersucht. Sie meint, es gibt keinen Beweis dafür, daß er ihnen körperlich etwas antat, außer daß er sie auszog und ihnen Finger- und Zehennägel schnitt. Aber er hatte eindeutig etwas vor.«
Quoyle brachte keinen Ton heraus. »Die Kinder sind jetzt bei Mrs. Bailey im Sozialamt«, sagte die mehlige Stimme. »Wissen Sie, wo das ist?«
Sunshine war mit Schokolade verschmiert und drehte an einer Kurbel, die ein Plastikgetriebe in Gang setzte. Bunny schlief auf einem Stuhl; ihre Augäpfel rollten unter violetten Lidern. Er schleppte sie ins Auto hinaus, drückte sie in seinen heißen Armen und murmelte, daß er sie liebe.
 
»Die Mädchen sehen ganz wie Feeny und Fanny aus, meine jüngeren Schwestern«, sagte die Tante und nickte heftig. »Sie sehen ganz genauso aus. Feeny ist jetzt in Neuseeland, Meeresbiologin, weiß alles über Haie. Hat sich diesen Frühling die Hüfte gebrochen. Fanny ist in Saudi-Arabien. Hat einen Falkner geheiratet. Muß so ein schwarzes Ding über dem Gesicht tragen. Kommt her, ihr Kleinen, und gebt eurer Tante einen dicken Schmatz«, sagte sie.
Aber die Kinder stürzten sich auf Quoyle, klammerten sich an ihn, wie ein Fallender sich an den Fenstersims klammert, wie ein Strom elektrisch geladener Teilchen eine Lücke überbrückt und einen Stromkreis schließt. Sie rochen nach Spülmittel mit Ringelblumen- und Pfefferminzduft. Die Miene der Tante unergründlich, als sie sie beobachtete. Sehnsüchtig vielleicht.
Quoyle in den Klauen seiner Probleme, sah eine beherzte ältere Frau. Seine einzige weibliche Verwandte.
»Bleib bei uns«, sagte er. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.« Er erwartete, daß die Tante den Kopf schütteln, nein sagen würde, sie müsse zurückfahren, könne keine Minute länger bleiben.
Sie nickte. »Ein paar Tage. Um die Dinge wieder ins Lot zu bringen.« Rieb sich die Hände, als hätte ein Kellner ihr gerade eine Köstlichkeit hingestellt. »Sieh’s doch mal so«, sagte sie. »Du hast eine Chance, noch mal ganz von vorn anzufangen. Ein neuer Ort, neue Leute, neue Aussichten. Klar Schiff. Schau, wenn du neu anfängst, kannst du tun, was du willst. Auf gewisse Weise geht’s mir genauso.«
Ihr fiel etwas ein. »Würdest du gern Warren kennenlernen?« fragte sie. »Warren ist draußen im Auto und träumt von den schönen alten Zeiten.«
Quoyle stellte sich einen tattrigen alten Ehemann vor, aber Warren war eine Hündin mit schwarzen Wimpern und einem eingefallenen Gesicht. Sie knurrte, als die Tante die hintere Tür aufmachte.
»Hab keine Angst«, sagte die Tante. »Warren beißt nie wieder jemand. Sie haben ihr vor zwei Jahren sämtliche Zähne gezogen.«
4
Schiffbruch
»Schiffbruch erleiden: bei einem Unglück über Bord gehen.«
 
SEEMANNSLEXIKON
Quoyles Gesicht hatte die Farbe einer schlechten Perle. Er saß auf den Sitz einer Fähre gezwängt, die nach Neufundland schlingerte, die Windjacke bis zur Wange hochgezogen, den Ellbogen naß, dort, wo er hineingebissen hatte.
Der Geruch von Meeresfeuchte und Farbe, gekochtem Kaffee. Und kein Entrinnen vor dem Rauschen in den Lautsprechern für die Mitteilungen an die Passagiere, dem Gewehrknattern aus dem Kinoraum. Passagiere, die »Einen Dollar für mich« sangen und über ihrem Whiskey schwankten.
Bunny und Sunshine standen auf den Sitzen Quoyle gegenüber und starrten durch Scheiben in die Spielzimmer. Karmesinrote Kunststoffüberzüge an den Wänden, eine Decke, die Köpfe und Schultern spiegelte wie körperlose Putten auf alten Glückwunschkarten. Die Kinder hatten nur Augen für die Wasserblasenmusik.
Neben Quoyle ein Knäuel vom Strickzeug der Tante. Die Nadeln stachen ihm in die Oberschenkel, aber das war ihm egal. Er war seekrank bis zum Gehtnichtmehr. Auch wenn die Fähre nach Neufundland tuckerte – seine Chance für einen Neuanfang.
 
Die Tante hatte treffend argumentiert. Was blieb ihm in Mockingburg noch? Arbeitslos, die Frau weg, die Eltern gestorben. Und da war das Geld aus Petals Unfallversicherung.
Dreißigtausend für den Ehegatten und zehntausend für jedes rechtmäßige Kind. An eine Versicherung hatte er nicht gedacht, aber der Tante war sie sofort in den Sinn gekommen. Die Kinder schliefen, Quoyle und die Tante saßen am Küchentisch. Die Tante in ihrem weiten lila Kleid, die aus einer Teetasse einen Schluck Whiskey trank. Quoyle mit einer Tasse Ovomaltine. Damit er besser einschlafen könne, sagte die Tante. Blaue Schlaftabletten. Es war ihm peinlich, aber er schluckte sie. Völlig abgebissene Fingernägel.
»Es ist sinnvoll«, sagte sie, »daß du an einem anderen Ort ein neues Leben anfängst. Den Kindern und auch dir zuliebe. Damit würdet ihr alle leichter über das Geschehene wegkommen. Man braucht nämlich ein Jahr, einen ganzen Kalenderlauf, um über den Verlust von jemand wegzukommen. Die Redensart stimmt. Und es hilft einem, wenn man an einem anderen Ort lebt. Und was wäre natürlicher als der Ort, aus dem deine Familie stammt? Vielleicht könntest du rumfragen, bei deinen Zeitungsfreunden, dich umhören. Vielleicht gibt’s da oben einen Job für dich. Schon allein die Reise wäre für die Mädchen ein Erlebnis. Sie würden was Neues von der Welt sehen. Und um ehrlich zu sein«, sie tätschelte ihm den Arm mit ihrer alten fleckigen Hand, »es wäre mir eine Hilfe, wenn ich dich dabei hätte. Ich wette, wir würden ein gutes Gespann abgeben.«
Die Tante lehnte sich auf den Ellbogen. Stützte das Kinn aufs Handgelenk. »Wenn man älter wird, merkt man, daß der Ort, wo alles angefangen hat, immer stärker an einem zieht. Wie ich jung war, hab’ ich Neufundland nie wieder sehen wollen, aber die letzten Jahre war’s wie ein Schmerz, einfach eine Sehnsucht, dorthin zurückzukehren. Ist vermutlich ein primitiver Drang, da zu enden, wo man angefangen hat. Also fange ich gewissermaßen auch wieder von vorn an. Will mein kleines Geschäft da rauf verlegen. Weh tun kann’s dir doch nicht, dich nach einem Job zu erkundigen.«
Er überlegte, ob er Partridge anrufen, es ihm erzählen sollte. Die Trägheit des Kummers hatte ihn im Griff. Er konnte es nicht. Nicht im Moment.
Wachte um Mitternacht auf, tauchte aus einem auberginefarbenen Alptraum hoch. Petal steigt in einen Brotlieferwagen. Der Fahrer ist grobschlächtig, kahlköpfig, aus seinen Nasenlöchern tropft Rotz, seine Hände sind von etwas Unnennbarem verklebt. Quoyle vermag beide Seiten des Lieferwagens gleichzeitig zu sehen. Sieht, wie die Hände sich unter Petals Kleid nach oben schieben, das Gesicht in ihrem eichenbraunen Haar versinkt, und die ganze Zeit schlingert der Lieferwagen Autobahnen entlang, schwankt über Brücken ohne Geländer. Quoyle fliegt irgendwie neben ihnen her, von Sorge getrieben. Scheinwerferbündel flackern immer näher. Er bemüht sich, Petals Hand zu erreichen, sie aus dem Brotlieferwagen zu ziehen, weil er weiß, was folgen muß (und es dem Fahrer wünscht, der sich in seinen Vater verwandelt hat), kann sie aber nicht erreichen, leidet an einer quälenden Lähmung, obwohl er dagegen ankämpft. Die Scheinwerfer ganz nah. Er will ihr zurufen, daß ihr der Tod droht, hat aber keine Stimme. Wachte auf und zerrte noch am Laken.
Die übrige Nacht saß er mit einem Buch auf dem Schoß im Wohnzimmer. Seine Augen wanderten hin und her, er las, verstand aber kein Wort. Die Tante hatte recht. Nichts wie weg hier.
 
Er brauchte eine halbe Stunde, um Partridges Telefonnummer herauszubekommen.
»Mensch, Mann, neulich hab’ ich erst an dich gedacht.« Partridges Stimme kam frisch über die Leitung. »Hab’ mir überlegt, was wohl aus dem alten Quoyle geworden ist! Wann besuchst du uns denn mal? Weißt du, daß ich ausgestiegen bin aus der Zeitungsbranche? Ja, ausgestiegen.« Der Gedanke, daß Mercalia allein da draußen unterwegs war, sagte er, habe ihn dazu gebracht, selber den Lkw-Führerschein zu machen.
»Wir fahren jetzt im Team. Haben vor zwei Jahren ein Haus gekauft. Wollen uns bald ’ne eigene Karre kaufen und auf eigene Rechnung fahren. Diese Lkw sind was Feines – Doppelkoje, kleine Kochnische. Klimaanlage. Wir sitzen über dem Verkehr, schauen auf die Autos runter. Verdienen dreimal soviel Geld wie ich früher. Die Zeitung vermiss’ ich überhaupt nicht. Und was gibt’s bei dir Neues, arbeitest du noch bei Punch?«
Er brauchte nur zehn oder elf Minuten, um Partridge alles zu erzählen, von seiner unerwiderten Liebe über die alptraumhaften Geschehnisse bis zu den Gesprächen mit der Tante an einem Tisch voller Landkarten.
»Bist ’n Hund, Quoyle. Hast alle Höhen und Tiefen durchgemacht. Nichts ausgelassen. Wenigstens hast du deine Kinder wieder. Also, ich will dir was sagen. Aus der Zeitungsbranche bin ich draußen, aber ein paar Beziehungen hab’ ich noch. Mal sehen, was ich machen kann. Wie heißen noch mal die nächstgelegenen Städte?«
Da gab’s nur eine, und die hatte den merkwürdigen Namen Killick-Claw – Ankerhaken.
 
Zwei Tage später war Partridge wieder am Apparat. Freute sich, Quoyles Leben erneut einrichten zu können. Bei Quoyle mußte er immer an eine riesige Rolle Zeitungspapier aus der Papiermühle denken. Weiß und gesprenkelt mit kleinen Fehlern. Doch in dieser Schwammigkeit nahm er schwach einen Lichtreflex wie von einer weit entfernten Radkappe wahr, ein Glitzern, das besagte, daß in Quoyles Leben die Chance auf ein wenig Glanz bestand. Zufriedenheit? Glück? Ruhm und Reichtum? Wer weiß, dachte Partridge. Er selbst mochte den kräftigen Geschmack des Lebens so sehr, daß er Quoyle auch ein oder zwei Mahlzeiten wünschte.
»Erstaunlich, wie die alten Fäden noch ziehen. Ja, da oben gibt’s ’ne Zeitung. ’ne Wochenzeitung. Und sie suchen nach ’nem Mitarbeiter. Wenn’s dich interessiert, geb’ ich dir den Namen, den ich rausgefunden hab’. Die wollen jemanden für die Rubrik ›Schiffsmeldungen‹. Liegt vermutlich direkt an der Küste. Wollen möglichst jemand mit Verbindungen zur Seefahrt. Quoyle, hast du Verbindungen zur Seefahrt?«
»Mein Großvater war Robbenjäger.«
»Mein Gott. Du erwischst mich immer wieder kalt. Jedenfalls wenn’s klappt, dann mußt du dich um Arbeitserlaubnis, Einwanderungsgenehmigung und so weiter kümmern. Handel was aus mit denen. Okay. Der Chefredakteur heißt Tertius Card. Hast du was zum Schreiben? Ich geb’ dir die Nummer.«
Quoyle schrieb mit.