Schizophrenie - Ada Norden - E-Book

Schizophrenie E-Book

Ada Norden

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Beschreibung

"Mein Wunsch, dass mein Sohn nach einem ersten monatelangen Aufenthalt in der Klinik endlich wieder nach Hause kommt, wurde erfüllt. Aber er wurde nicht gesund und mein Leben nie wieder wie vorher. Vieles in meinem Leben ist durch die Krankheit meines Sohnes anders als ich es mir gewünscht und geplant hatte. Aber ich habe diese Herausforderung angenommen." Bei Ada Nordens Sohn Jens wird mit 17 Jahren Schizophrenie diagnostiziert. Seit 20 Jahren begleitet sie ihn nun schon durch schwere und gute Zeiten: Zwangseinweisungen, gesetzliche Betreuung, Ausbildungsabbrüche, Strafanzeigen, Verwahrlosung und Wohnungsverlust gehörten dazu, aber auch Behandlungserfolge und Bewältigungsstrategien. Ada Norden bietet mit ihrem Erfahrungsbericht, den Erklärungen und aktuellen Adressen und Rufnummern eine Hilfestellung für Angehörige und sich sorgende Menschen, die oftmals verzweifelt auf der Suche nach Informationen und Unterstützung sind.

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Seitenzahl: 120

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Über dieses Buch

Einleitung

Wir haben schon auf Mama gewartet

Ist das die Pubertät oder stimmt was nicht?

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Gehen Sie lieber nicht allein

Waschen und Trocknen

Wir konnten nichts machen

Die Fremdenlegion

Ich bin da, wo ich immer bin

Der Umzug

Ich dachte, diesmal ist es real

Da ist er ja wieder

Mir geht es gut, ich therapiere mich selbst

Nachwort oder der Blick nach vorn

Epilog

Politische Verbesserungen im Interesse der Angehörigen

Begriffserklärungen und hilfreiche Adressen

Dieses Buch ist allen

Angehörigen und Wegbegleiter:innen

psychisch erkrankter Menschen gewidmet.

Sie möchten helfen und

suchen immer wieder nach Wegen.

Oft möchten sie mehr tun,

als es ihnen möglich ist.

Ada Norden, März 2023.

Vorwort

Was zählt, ist der Mensch, nicht die Krankheit.

(Verfasser:in unbekannt)

Psychisch schwer erkrankte Menschen werden in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert und sind in der Versorgung im Vergleich mit körperlich erkrankten Menschen immer noch benachteiligt. In der ambulanten Versorgung psychisch schwer erkrankter Menschen gibt es dringenden Handlungsbedarf. Angehörigenverbände und zahlreiche weitere Gremien beklagen seit Jahren die unzureichenden Möglichkeiten der ambulanten Hilfen und fordern neue Regelungen. Je schwerer die psychische Erkrankung eines Betroffenen ist, desto schwerer wird es, helfen zu können und zu dürfen. Die Fachpresse und Verbände weisen immer wieder auf die aktuellen Probleme hin. So hieß im November 2022 das Motto der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie e. V. (DGSP) in Leipzig „Systemfehler? Schwer zu erreichen ist nicht unerreichbar“. Im Umgang mit den schwer Erreichbaren sei Zeit und Kontakt das Wichtigste und oft nicht vorhanden, so Lennart Tute, Vertreter der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft auf der Tagung.1

Ilona Czinczoll, Leiterin eines Gesundheitsamts im Norden fasste auf einer Podiumsdiskussion 2022 zusammen:

„Die ganz niederschwellige Basisarbeit müsste noch weiter ausgearbeitet werden, die Lebensassistenz zu Hause ist wichtig.“2

Und Prof. Dr. phil. Thomas Bock, Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychiatrie fordert:

„[…] eine Reform, die Hilfen konsequent bedürfnisorientiert gestaltet, die Inklusion und Grundrechte sichert, inklusive eigener Wohnung, sinnvoller Beschäftigung und sozialer Anerkennung, braucht eine politische Konstanz.“3

Ich möchte mit diesem Buch und mit meiner persönlichen Geschichte Angehörigen Unterstützung geben und gleichzeitig darauf aufmerksam machen, wie dringend es ist, neue Möglichkeiten der ambulanten psychiatrischen Krankenversorgung zu schaffen. Die ambulante psychiatrische Versorgung muss neu aufgestellt werden. Ich hoffe, dies mit meinen Schilderungen und Erlebnissen beispielhaft, aber doch deutlich und eindringlich zeigen zu können.

Meine Bitte und gleichzeitige Aufforderung an alle Verantwortlichen in der Gesundheitspolitik ist: Verschaffen Sie sich einen Eindruck von der Notwendigkeit, auf diesem Gebiet aktiv zu werden. Die Psychiatrie-Enquete wird im Jahr 2025 fünfzig Jahre zurückliegen. Sie hat viele Verbesserungen gebracht, aber heute gibt es neue und ganz andere Herausforderungen! Machen Sie es möglich, dass die ambulante Versorgung psychisch schwer erkrankter Menschen in unserer Gesellschaft verbessert wird und einen anderen Stellenwert erhält.

1 N. N.: „Schwer zu erreichen…“. In: „Eppendorfer. Zeitung für Psychiatrie und Soziales“, Ausgabe 1.2023, S. 3.

2 Freitag, Michael: „Der Wille ist da, aber die Umsetzung…“ In: „Eppendorfer. Zeitung für Psychiatrie und Soziales“, Ausgabe 6.2022, S. 10.

3 Vgl. Bock, Thomas: „Umgang mit psychotischen Patienten“, Psychiatrie Verlag 2013, S. 149.

Über dieses Buch

Manchmal ist eine Sehnsucht größer,

als die Erfüllung sein kann,

und dann bleibt eine leere, schmerzende Stelle

in der Seele zurück.

(Verfasser:in unbekannt)

Um diese schmerzende Stelle geht es in meinem Buch über die Erkrankung meines Sohnes an Schizophrenie und wie ich das seit 20 Jahren als Mutter erlebe. Die Erfahrungen mit der schweren und chronisch verlaufenden psychischen Erkrankung meines Kindes haben mich im Laufe der Jahre geprägt und mein Leben verändert. Die psychischen Krisen meines Sohnes waren sehr schwer zu ertragen, aber sie haben mich auch stärker gemacht und mich neue Wege gehen lassen. Wie ich heute bin, was mir wichtig ist und wo ich mich engagiere, ist das Ergebnis der langen intensiven Begleitung meines Sohnes.

Für Angehörige und Freunde bedeutet die psychische Erkrankung eines geliebten oder vertrauten Menschen fast immer erst einmal eine große Hilflosigkeit und Verunsicherung. Je enger die Bindung zur/m Erkrankten ist, desto stärker werden diese negativen Gefühle empfunden. Es gibt Angehörige von psychisch schwer Erkrankten, die das als „Hölle auf Erden“ erleben. Die emotionale Belastung der Angehörigen ist extrem.

Mit der Erkrankung entsteht für die Betroffenen oft eine Unfähigkeit, das Alltagsleben überhaupt noch zu bewältigen. Ausbildungen werden abgebrochen, häufig verlieren die Erkrankten ihren Arbeitsplatz und/oder ihre Wohnung. Hinzu kommen finanzielle Sorgen, Probleme mit Behörden und insbesondere Schwierigkeiten mit dem sozialen Umfeld. Beziehungen und Freundschaften gehen in die Brüche, alle sozialen Kontakte werden belastet. Die Angehörigen und die wenigen verbleibenden Freundinnen und Freunde stehen hilflos daneben und erkennen den vertrauten Menschen nicht wieder. Sie müssen mit ansehen, wie sich der betroffene Mensch immer weiter in einen Teufelskreis verstrickt und oftmals krankheitsbedingt keine Hilfe annehmen kann.

Das Wissen über psychische Erkrankungen und das Verstehen von psychischen Veränderungen kann diese Probleme nicht lösen, aber es kann Ängste verringern, neue Kraft geben und den Seelenschmerz lindern.

Wenn ich mit meiner Geschichte andere schmerzende Seelen erreichen, ein wenig trösten und etwas helfen kann, hat das Buch seine Bestimmung erfüllt.

Ich lebe mit dieser schmerzenden Stelle, manchmal tritt sie für einige Zeit zurück, bricht aber immer wieder auf. Was mich so schmerzt, ist der dauerhafte Verlust der psychischen Gesundheit meines Sohnes und damit verbunden der Verlust eines Teils meiner eigenen Unbeschwertheit und Leichtigkeit im Leben, manchmal sogar auch meiner Zuversicht. Die Sehnsucht, dass mein Sohn nach einem ersten monatelangen Aufenthalt in der Klinik endlich wieder nach Hause kommt, wurde erfüllt, aber er wurde nicht gesund und mein Leben nie wieder wie vorher. Vieles in meinem Leben ist durch die Krankheit meines Sohnes anders als ich es mir gewünscht und geplant hatte. Aber ich habe die Herausforderung, diese Lebensumstände für mich zu meistern, angenommen.

Ich richte mich mit meiner persönlichen Geschichte an Angehörige und das Umfeld von psychisch erkrankten Menschen und natürlich an alle Interessierten. Mein Buch soll einen Beitrag zum besseren Verständnis von psychischen Erkrankungen leisten. Ich habe es immer als tröstlich empfunden, von anderen Menschen mit ähnlichen Erfahrungen zu lesen oder zu hören.

In den langen Jahren der Erkrankung meines Sohnes habe ich viel über psychische Krankheiten und die weitreichenden Folgen gelernt. Dieses Wissen hat mir sehr geholfen, mich und mein Leben abzugrenzen, wenn es nötig war, und mit den Herausforderungen besser umzugehen. Deshalb finden sich im Anhang des Buches persönliche Anmerkungen, Quellennachweise sowie Erklärungen der Fachbegriffe und Literaturtipps.

Einleitung

Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen,

das man hat.

(Theodor Storm)

Mein Sohn erkrankte mit 17 Jahren an einer Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis. Es gab Zwangseinweisungen, und seine durch die Krankheit bedingten Verhaltensweisen führten neben vielen anderen Problemen zu Strafanzeigen und zum Wohnungsverlust. Mehrere Monate war mein Sohn in der französischen Fremdenlegion und für mich unerreichbar. Bessere und sehr schlechte Phasen wechselten sich ab, auch bedingt durch wiederholtes Absetzen der Medikation und durch seinen Versuch, sich selbst zu behandeln.

Für mich waren das immer wieder auch eigene persönliche Krisen. Seine Krankheit ist bis heute nicht überwunden, und ich musste lernen, mich und mein Leben davon möglichst unabhängig zu machen.

Den Kontakt zu meinem Sohn abzubrechen, kam für mich nie in Frage. Ich fühle nicht nur eine moralische Verpflichtung, für meinen Sohn da zu sein, sondern auch immer wieder ein Band zwischen uns, das nie zerreißen wird. Eine belanglose Unterhaltung über alltägliche Dinge mit meinem Sohn kann mich fröhlich stimmen, und Zeiten, in denen ich ihn in seiner Welt nicht erreichen kann, machen mich immer wieder sehr traurig. Dann schmerzt die leere Stelle in meiner Seele.

Ich möchte mit diesem Buch Hilfestellung und auch Hoffnung geben. Auch bei einer chronischen psychischen Erkrankung gibt es gute Zeiten, und Besserung ist immer noch und immer wieder möglich. Angehörige und Freunde können die Herausforderung annehmen und den Erkrankten so gut wie möglich zur Seite stehen. Wir können neben der medizinischen Behandlung für die Besserung und Genesung eine wichtige Säule sein.

Wir haben schon auf Mama gewartet

Es ist normal,

verschieden zu sein.

(Richard von Weizäcker)

„Ihr Sohn hat psychotrope Substanzen genommen, oder er ist psychisch erkrankt. Wir wissen nicht, was noch passiert, und müssen ihn in jedem Fall hierbehalten. Am besten fahren Sie jetzt nach Hause und rufen uns morgen wieder an, dann wissen wir vielleicht mehr.“ Nach diesen Worten des Arztes in der psychiatrischen Klinik war ich entsetzt, aber gleichzeitig auch erleichtert darüber, meinen Sohn jetzt in Sicherheit zu wissen. Jens war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt.

Ich weiß nicht mehr, wie ich es geschafft habe, nach Hause zu kommen. Aber ich weiß, dass ich die ganze Nacht wach blieb und mich fragte: „Wie konnte ich mit Jens in diese Situation geraten, und warum fühle ich mich wie in einem falschen Film?“

Der Gedanke an den Konsum illegaler Drogen allein war für mich schon eine Horrorvorstellung und eine psychische Erkrankung unvorstellbar. Etwas musste ja in jedem Fall komplett schiefgelaufen sein. Hatte ich irgendeine Schuld? Ich zerbrach mir den Kopf, und Erinnerungen stiegen in mir auf. Sie gingen zurück bis in die Zeit, als Jens noch ein Kleinkind war.

„Es wird aber höchste Zeit, dass Jens in den Kindergarten kommt, der sitzt ja immer nur auf Deinem Schoß herum!“ Als meine Freundin das sagte, saßen wir beim Kaffee in ihrer Küche, und sie war sehr ärgerlich. Jens hatte wieder mal keine Lust mit dem Sohn meiner Freundin zu spielen, weshalb wir eigentlich gekommen waren. Er blieb − wie meistens − lieber bei mir auf dem Schoß. Ich machte mir darüber aber keine Sorgen und war immer sehr glücklich mit meinem Wunschkind. Manchmal fühlte ich mich sogar als bessere Mutter, was ich heute nur ungern zugebe.

Der erste Tag im Kindergarten kam tatsächlich bald, denn ich musste wieder arbeiten. Jeden Morgen Krokodilstränen bei Jens und ein nagendes schlechtes Gewissen bei mir waren die Folge. Glücklicherweise gab es eine liebevolle Erzieherin, die sich viel Zeit für Jens nahm. Oft trug sie ihn auf den Armen, wenn ich zum Abholen kam, und sagte dann: „Wir haben schon auf Mama gewartet.“

Für mich war das eine schwierige Zeit, und ich entschied mich damals, kein zweites Kind zu wollen. Heute sehe ich das anders, aber meine Ehe lief nicht gut und dadurch war die Entscheidung besiegelt.

Die Bindung zwischen meinem Sohn und mir blieb eng. Die Wochenenden verbrachte ich meist mit Jens bei den Großeltern oder auf kleinen Ausflügen, während sein Vater anderen Interessen nachging. Meine Versuche, die Ehe zu retten, scheiterten. Bis zur Trennung dauerte es aber noch Jahre.

Es folgte die Zeit in der Grundschule. Jens war unterfordert, und ich diskutierte mit den Lehrerinnen, ob das Überspringen einer Klasse sinnvoll wäre. Die Klassenlehrerin hatte es empfohlen, aber letztlich entschied ich mich im Einvernehmen mit der Schule doch dagegen. Ich bemühte mich stattdessen, Jens andere Angebote zu machen. Für eine Musikschule, die ich kurzzeitig mit ihm besuchte, konnte er sich nicht begeistern. In der Schule erhielt Jens außerdem die Möglichkeit, Klavierspielen zu lernen, brach aber auch das schnell wieder ab. Ich versuchte es mit mehr Sport. Tischtennis wurde eine kleine Leidenschaft meines Sohnes. Er hatte einen sehr guten Trainer, gewann Turniere, und sogar in der Zeitung wurde über seine Erfolge als jüngster Spieler berichtet.

Gleichzeitig entwickelte Jens eine andere, noch größere Leidenschaft für Basketball. Er übte fast täglich auf dem Schulhof, der direkt gegenüber unserem Haus lag. Im Fernsehen wurden alle großen Spiele mit Spannung verfolgt und bewertet. Der Sportverein nahm Jens erst später auf, für Kinder im Grundschulalter gab es zu der Zeit noch keine Trainingsgruppen. Trotzdem nahm Basketball schon zu diesem Zeitpunkt viel Raum im Leben von Jens ein. Er wartete sehr darauf, endlich in einem Verein spielen zu können, und trainierte fast täglich am Basketballkorb auf dem Schulhof.

Als Jens zwölf Jahre alt war, wurde die Trennung von seinem Vater für mich unvermeidlich.

Ist das die Pubertät oder stimmt was nicht?

Wenn es holprig wird, steigt man nicht aus,

sondern man schnallt sich an.

(Verfasser:in unbekannt)

Diese Frage stellen sich viele Eltern. Ich möchte deshalb über die damalige Situation und über mögliche erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, berichten. Leider konnten damals weder ich noch andere die Zeichen richtig deuten. Ob ein sehr frühzeitiges Erkennen möglich gewesen wäre und wie konsequentes Handeln die weitere Entwicklung verändert hätte, kann natürlich heute niemand sagen.

Nach der Trennung war ich mit Jens in eine kleine Wohnung gezogen, die in der Nähe seiner Schule und meines Arbeitsplatzes lag. Jens besuchte inzwischen das Gymnasium, und ich wollte ihm nicht auch noch einen Schulwechsel zumuten. Ich konnte meine Arbeitszeiten so einrichten, dass ich mittags länger zu Hause war. So hatte ich Zeit für Jens und konnte mich auch um unseren kleinen Hund, der mit uns umgezogen war, und um das Mittagessen kümmern.

Basketball war immer noch sehr wichtig für Jens. Er spielte inzwischen in einem Verein, und ich fand mich jedes Wochenende in einer anderen Sporthalle auf der Zuschauer:innenbank wieder. Ich wurde als Fahrerin benötigt und hatte oft noch zwei oder drei andere Spieler in meinem Wagen. Auch unser Hund war immer dabei und wurde zwischendurch von mir ausgeführt.

Nach der ersten schweren Zeit hatte ich bald das Gefühl, die Trennung ohne große Einbrüche gut überstanden zu haben. Ich hatte den Eindruck, dass das auch für Jens galt. Mir ging es besser als zuvor, aber ich ahnte natürlich nicht, was kommen würde.

Ein Anruf der Englischlehrerin von Jens sorgte für erste Unruhe und ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Die Lehrerin sagte, dass sie lange überlegt habe, ob sie mich anrufen solle oder nicht, und schilderte dann Folgendes: Es gäbe im Unterricht immer wieder Situationen, in denen mein Sohn bewusst und absichtlich mehrfach mit der Stirn auf den Tisch schlage. Fragen nach dem Grund für dieses Verhalten würde er nicht beantworten. Die Lehrerin sagte mir, dass ihr Mann Neurologe sei und sie das Problem mit ihm besprochen habe. Er hätte empfohlen, meinen Sohn bei einem Schulpsychologen vorzustellen, worum sie mich nun bitten wollte. Ich war natürlich sehr darüber irritiert und fragte zuerst Jens, was das zu bedeuten habe. Das sei doch klar, war seine Antwort: „Die sind einfach zu blöd!“ Er halte die dämlichen Fragen und Aufgaben im Unterricht manchmal einfach nicht mehr aus.