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"Mehr Menschen als das Schwert tötet der Fraß", meinte der griechische Arzt Galenus vor 2000 Jahren. Und er hat bis heute recht: Zu fettes Essen und Bewegungsarmut sind die größten Gesundheitsgefährdungen unserer Gesellschaft.
Das Ideal unserer Zeit aber ist es, schlank zu sein. Der Boom von Diäten, Fitnessgurus und Ernährungsratgebern legt davon Zeugnis ab. Die schlanke Linie entscheidet mit über gesellschaftliche Anerkennung und beruflichen Erfolg, und der Kult um die Figur prägt unser Bewusstsein – bis hin zu Ernährungsstörungen.
Sabine Merta geht diesen Widersprüchen nach und findet den Ursprung der modernen Körperästhetik in der Lebensreformbewegung um 1900, die Schlanksein zum Sinnbild eines Lebensstils überhöhte: Weit mehr als nur um den Gedanken an die Gesundheit ging es bei der neuen Beschäftigung mit dem Körper um die Umgestaltung ganzer Lebensbereiche – von der Kleidung und Erziehung bis hin zur Sexualmoral.
„… gelehrt, aber zugleich auch charmant geschrieben ist Sabine Mertas Studie, die uns tief in die Geschichte des Schlankkörperkultes … einführt.“ Süddeutsche Zeitung
"Das akribisch recherchierte Werk bietet eine Fülle interessanter Informationen und teilweise überraschender Erkenntnisse..." Lesart
„… Sabine Merta betreibt Ursachenforschung rund um unser Schlankheitsideal – und findet Amüsantes und Skurriles, womit seit der Antike ein perfektes Bild geformt wurde.“ MYSELF
„Ein aufschlussreiches Buch …“ Tages-Anzeiger
„Diese Studie führt uns tief in die Geschichte des Schlankheitskörperkults – lesenswert für die, die betroffen sind, in der Familie, im Freundeskreis […] ein Geschenk an sich selbst oder für die vorgenannten Betroffenen.“ Natur-Heilkunde Journal
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Veröffentlichungsjahr: 2012
Sabine Merta
Schlank! Ein Körperkult der Moderne
Ein Markenzeichen kann warenrechtlich geschützt sein, auch wenn ein Hinweis auf etwa bestehende Schutzrechte fehlt.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-515-09615-7
Jede Verwertung des Werkes außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Übersetzungen, Nachdruck, Mikroverfilmung oder vergleichbare Verfahren sowie für die Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen.
© 2009 S. Franz Steiner Verlag, Stuttgart
Einbandgestaltung: deblik, Berlin
eBook-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig
»Mehr Menschen als das Schwert tötet der Fraß.«1 Dieses Zitat des griechischen Arztes Galenus stammt aus einem Schlankheitsführer der 1920er Jahre und gilt heute mehr denn je. Fast jeder dritte Deutsche leidet unter Übergewicht, 15 bis 20 % der Kinder unter Fettsucht. Zu fettes Essen und Bewegungsarmut sind zur Gesundheitsgefahr Nummer eins geworden. Die gesundheitlichen Folgen chronischer Überernährung sind vor allem Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und Krebs. Etwa ein Drittel der Ausgaben im Gesundheitssystem entfällt auf ernährungsbedingte Krankheiten. Die Übergewichtsbekämpfung ist damit zur neuen »sozialen Frage« der modernen Wohlstandsgesellschaften geworden.
Gesundheitliche Überlegungen und der Wunsch nach einer schlanken, sportlichen Körpergestalt lassen die Verbraucher zu Diätkost, Reformwaren, »Bio«-Kost und »Light«-Produkten greifen und treiben sie in die Fitness-Studios. Vor allem Frauen versuchen durch eine »Diät« ihre Figur zu verbessern bzw. ihr Gewicht zu vermindern. Was aber versteht man eigentlich unter »Diät halten«?
Darunter wird im Allgemeinen ein gezügeltes Essverhalten, d. h. eine verminderte Nahrungszufuhr verstanden. Diese semantische Beschränkung auf eine kalorienreduzierte Kost erfuhr der Diätbegriff jedoch erst in den 1920er Jahren. In dieser Untersuchung wird das Wort »Diät«, das sich von dem griechischen dìaitá (rechte Lebensweise) ableitet, wie in der Ernährungsreformbewegung des 19. Jahrhunderts in seiner ursprünglichen Bedeutung zur Bezeichnung einer alternativen, von dem üblichen Ernährungsstil abweichenden Lebensweise benutzt, da historisch nachweisbare Diätkostformen bereits existierten, ehe die moderne Kalorienlehre propagiert wurde.
Heute ist die Diätkost aus dem Alltagsleben kaum noch wegzudenken. Die Diät- und Reformwarenindustrie und die Fitness-Branche verzeichnen Zuwachsraten wie nie zuvor. Die Schlankheitswelle hat breite Teile der Bevölkerung erfasst. Aber über den historischen Ursprung und die Entwicklungszusammenhänge der Diätkost und Schlankheitsmode ist wenig bekannt. Hier existieren vielfach lediglich vage Vermutungen, etwa dass moderne Diät-, Reform- und Reduktionskost »Erfindungen« neuester Zeit seien und das Resultat eines extremen Schlankheitsideals, dessen Geschichte allenfalls bis zum übertriebenen Modeideal der 1960er Jahre zurückreiche, das durch das berühmte englische Fotomodell Twiggy »verkörpert« wurde.
Das Hauptziel des vorliegenden Buches wird es daher sein, zu dieser Entwicklung erstmals verlässliche historische Grundlagen zu liefern. Drei Hauptfragen werden im Mittelpunkt stehen:
Wann lassen sich erste wirkliche Vorläufer der modernen Diätkost, die sich zum einen im Laufe der Zeit unter dem Einfluss eines neuen Schlankheitskultes zu einer Reduktionskost entwickelten, zum anderen aber auch nie ihren ursprünglichen hygienischen Nutzen als Heilkost verloren, historisch nachweisen?
Wann lassen sich erste hygienische Körperideen aufspüren, die zu einer allmählichen Bewusstseinsänderung in Bezug auf den Körper führen konnten und das Schönheitsideal eines schlanken, jugendlich-sportlichen Körpers mitgeprägt haben?
Wie eng waren verändertes Ernährungsbewusstsein (Ernährung und Gesundheit) und Körperbewusstsein (Ernährung und physische Ästhetik) seit dem späten 19. Jahrhundert miteinander verknüpft?
Zu diesen Fragekomplexen sind in den vergangenen Jahrzehnten bereits verschiedene Veröffentlichungen aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen erschienen. Sie sollen hier einleitend kurz genannt werden:
Erste Einführungen in die Problemfelder Naturheilkunde und Lebensreform des 19. und 20. Jahrhunderts bieten aus medizinhistorischer Perspektive die Bücher von Karl Eberhard Rothschuh (»Naturheilbewegung, Reformbewegung und Alternativbewegung«), Cornelia Regin (»Selbsthilfe und Gesundheitspolitik: Die Naturheilbewegung im Kaiserreich«) und Martin Dinges (»Medizinkritische Bewegungen im Deutschen Reich ca. 1870 – ca. 1933«). Hinzu kommen die beiden sozialhistorischen Dissertationen von Wolfgang R. Krabbe (»Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform«) und Judith Baumgartner (»Ernährungsreform – Antwort auf Industrialisierung und Ernährungswandel«) sowie eine grundlegende Studie der Berliner Soziologin Eva Barlösius zur Sozial- und Organisationsstruktur der Lebensreformbewegung (»Naturgemäße Lebensführung: Zur Geschichte der Lebensreform um die Jahrhundertwende«). All diese Arbeiten berühren das Thema Schlankheitskult aber nur am Rande und schöpfen die Quellen nicht aus.
Zu den theoretischen Vorstellungen und praktischen Konzepten über Gesundheit, Diät und Körperästhetik um die Jahrhundertwende in Deutschland gibt es im Gegensatz zum englischsprachigen Raum noch keine zusammenfassende Monographie. Es existieren bisher lediglich vier internationale Studien zur Schlankheitsthematik: das Buch »Fat-History« von Peter N. Stearns, das die amerikanischen Verhältnisse mit der französischen Ess- und Körperkultur vergleicht, die Arbeit »Culture and weight consciousness« des englischen Psychiaters Mervat Nasser, die die soziokulturellen Hintergründe von Essstörungen erforscht, die Studie »Paradox of Plenty« von Harvey Levenstein über den historischen Zusammenhang von Gesundheit und Ernährung in Amerika sowie das Buch »Dick oder dünn? Körperkult im Wandel der Zeit« über die französischen Verhältnisse. Die Ergebnisse dieser Studien lassen sich jedoch nicht ohne weiteres auf die deutschen Verhältnisse übertragen, da die deutsche Naturheilbewegung des 19. Jahrhunderts mit ihrer Breitenwirkung nicht erfasst wurde.
In der übrigen vorliegenden Literatur werden die Themen Diät und Schlankheit entweder zu oberflächlich oder nur aus speziellen Blickwinkeln, meist aus psychologischer, medizinischer, soziologischer oder frauengeschichtlicher Perspektive, betrachtet, ohne sie vor ihrem allgemeinen historischen Hintergrund zu reflektieren. Aus psychologischer Sicht behandelt beispielsweise Tilmann Habermas in mehreren Veröffentlichungen die kulturhistorischen Entstehungsbedingungen von seelisch bedingten Essstörungen. Weitere Untersuchungen zur Geschichte der Essstörungen und Ernährungskrankheiten stammen etwa von Jacobs Brumberg, Walter Vandereycken und dem Berliner Psychologen Christian Klotter.
Der Lübecker Medizinhistoriker Dietrich von Engelhardt bietet höchst Lesenswertes in seinem Überblick zur »Kulturgeschichte der Körpererfahrung«, stellt aber nicht die notwendige Verbindung zwischen Diätetik und Körperkult her; die Amerikanerin Naomi Wolf kritisiert dagegen die »erbarmungslose« industrielle Geschäftemacherei mit dem modernen Schlankheitsideal der westlichen Welt. Der Sozialwissenschaftler Thomas Kleinspehn beschränkt seine Untersuchung »Warum sind wir so unersättlich?« auf einen psychoanalytischen Forschungs- und Interpretationsansatz des Essens zwischen Normalität und Abweichungen, vergisst aber nach den historischen Ursachen für die Entstehung dieser von der Gesellschaft konstruierten Körpernormen zu fragen. Informativer für die von uns gewählte Problemstellung ist das von Angelika Grauer und Peter F. Schlottke herausgegebene Buch »Muss der Speck weg? Der Kampf ums Schönheitsideal«. Die Autoren schneiden dabei das Thema der historischen Entwicklung von Körperschönheitsidealen kurz an, führen es aber nicht weiter aus.
Auf dem Gebiet der Frauen- und Geschlechterforschung gibt es ebenfalls einige neuere Arbeiten, die das moderne Schlankheitsideal kritisch beleuchten. So klagt etwa Martina Bick in ihrem Buch »Warum sollen wir Dicken uns dünne machen?« den »Schlankheitsterror« an, der gerade auf Frauen durch die Medien und durch die Allgemeinheit ausgeübt werde, und auch das von Alice Schwarzer herausgegebene Emma-Buch »Durch Dick und Dünn« macht den modisch diktierten extremen Schlankheitskult für das Entstehen lebensgefährlicher Essstörungen verantwortlich. Der Zürcher Medizinhistoriker Erwin H. Ackerknecht schneidet in seiner Arbeit »Therapie von den Primitiven bis zum 20. Jahrhundert« die Geschichte der Diät an, führt sie aber nur auf die medizinisch-ernährungswissenschaftlichen Errungenschaften der Jahrhundertwende zurück, ohne die gleichzeitig entworfenen alternativen Diätformen zu berücksichtigen.
Barbara Birkhans Dissertation »Über unkonventionelle Konzepte in der Diätetik« arbeitet die Hauptcharakteristika aktueller alternativer Diätkonzepte im Gegensatz zu den medizinischen Entfettungsmethoden heraus, lässt aber eine historische Beleuchtung der unkonventionellen Diätmethoden vermissen. Einen sozialanthropologischen Beitrag zur Geschichte der Diätkost liefert schließlich der Schweizer Historiker Albert Wirz in seinem Buch »Die Moral auf dem Teller«, in dem er, exemplarisch dargestellt am Leben und Werk des Schweizer Arztes Max Bircher-Benner und des Amerikaners John Harvey Kellogg, Diätspeisen erstmals aus geschlechtsspezifischer Perspektive betrachtet. Doch die Frage, wie es überhaupt zu der Entwicklung, dass sich immer mehr Menschen gesundheits-, körper- und umweltbewusst ernähren wollen, kommen konnte, bleibt auch in dieser Schrift unbeantwortet. Einen großen Teil der hier offen gebliebenen Fragen versucht die vorliegende Untersuchung mithilfe neuer Quellenstudien zu beantworten.
Zu diesem Zweck wurde das zeitgenössische Schriftgut umfassend aufgearbeitet. Die alternativen Diätkonzepte werden anhand der Monographien einzelner Lebensreformer rekonstruiert und erläutert. Zum Zweck des Vergleichs der reformerischen Diätkonzepte mit den Lehrmeinungen der Ernährungsphysiologen und Mediziner werden zeitgenössische Zeitschriften, Pamphlete, Gesetzesentwürfe, Kongress- und Versammlungsberichte herangezogen. Die Umsetzung der von der Norm abweichenden »Ernährungsmoden« in alternativen Siedlungsgemeinschaften wird mithilfe archivierten Materials aus Beständen von Reformhausverbänden und Reformwarenherstellern untersucht.
Für die Betrachtung der Einflüsse auf ein verändertes Körperbewusstsein und auf die Entwicklung des Schönheitsideals einer »schlanken Figur« werden lebensreformerische Schriften aus dem Umfeld der naturheilkundlichen Licht-/Luft-/Bewegungstherapie, der Nacktkultur-, Kleiderreform-, Gymnastik-, Tanz-, Sport-, Frauen-, Jugend- und Sexualreformbewegung ausgewertet. Die skandalisierende Wirkung dieser ersten vorsichtigen Versuche eines neuen Körperbewusstseins ließ zahlreiche Publikationen folgen, die für die Untersuchung ebenfalls herangezogen wurden.
Neben den in lebensreformerischen Büchern vorformulierten »Körperideen« müssen die »Körpermoden«, die die Genese des Schönheitsideals des »Schlankseins« kennzeichnen und sich in zeitgenössischen Schönheits-, Kosmetik-, Gymnastik-, Sport- und Diätratgebern widerspiegeln, sichtbar gemacht werden. Die internationalen Entwicklungstendenzen in der Diät- und Körperthematik werden anhand der Auswertung wichtiger Werke führender ausländischer Persönlichkeiten deutlich. Abschließend soll beleuchtet werden, inwieweit zeitgenössische Schlankheitsmonographien, medizinische Blätter oder Körperkulturzeitschriften bereits das Problem von lebensgefährlichen Essstörungen ansprachen.
Die Untersuchung beschäftigt sich primär mit alternativen Ernährungsformen, die sich zwischen 1880 und 1930 in Deutschland entwickelten. Alle Ausführungen sind deshalb stets vor dem historischen Hintergrund der deutschen Lebensreformbewegung zu sehen. Als Gegenbewegung zum technischen Fortschrittsoptimismus und zur industriellen Massenerzeugung von Gütern konzentrierten sich die lebensreformerischen Organisationszentren vor allem auf die großstädtischen Ballungsgebiete, in denen die »sozialen Fragen« der aufkommenden urbanen Industriegesellschaft besonders krass hervortraten.
Der zeitliche Ausgangspunkt vieler Entwicklungen auf dem Gebiet der frühen Gesundheitsbewegung war die Naturphilosophie des 18. Jahrhunderts. Sie bildete den gedanklichen Überbau für die Naturheilbewegung und die sich daraus formierende und alle Lebensbereiche einschließende Reformbewegung. Die auch deshalb so genannte »Lebensreformbewegung« (englisch: Health movement) mit ihrem übersteigerten Naturismus erreichte ihren historischen Höhepunkt in den 1920er und 1930er Jahren, der gleichzeitig auch den des modernen Schlankheitskults kennzeichnete. Die Lebensreformer initiierten und zelebrierten die jugendlich-schlanke »Normalgestalt« in ihren Diät- und Körperreformbewegungen. Die Folgezeit, in der die Lebensreformbewegung nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in die Bedeutungslosigkeit abglitt, soll hier nur der Vollständigkeit halber kurz erwähnt werden.
Eine klare zeitliche Periodisierung ist nicht möglich, denn ein sich veränderndes Gesundheits-, Ernährungs- und Körperbewusstsein ist ein mentalitätshistorischer Prozess, der stetigen Veränderungen unterlag bzw. unterliegt. Die nachfolgende Arbeit ist daher nicht chronologisch strukturiert, sondern wird in zwei große Abschnitte gegliedert. Der erste Hauptteil geht der Frage nach, auf welche historischen Wurzeln sich die Diätkost sowie die kalorienreduzierte Reform- und Schlankheitskost zurückführen lassen. Der zweite Hauptteil untersucht dagegen die Faktoren, die auf ein verändertes Körperbewusstsein und auf die Genese des Schlankheitsideals Einfluss ausübten.
Die Ausführungen konzentrieren sich demgemäß zunächst auf die engere Diätthematik. Naturheil- und Vegetarismusbewegung sowie Ernährungsreformbewegung werden eingehend auf alternative Diätkostvorschläge geprüft und mit den Ernährungsdoktrinen der zeitgenössischen Medizin und Ernährungswissenschaften verglichen. Nach der Erläuterung und Systematisierung der alternativen Diättheorien wird dann ihre praktische Umsetzung am Beispiel der Siedlungsgemeinschaften und des Reformwarenwesens rekonstruiert. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Untersuchung der Kontroverse zwischen der Naturheilkunde und der Schulmedizin. Eine alle bisherigen Ergebnisse zusammenfassende Systematisierung der alternativen Diätkost schließt den ersten Teil der Untersuchung ab.
Der zweite Hauptteil befasst sich sowohl mit lebensreformerischen Bewegungen, die eigene »Körperideen« formulierten, als auch mit allgemeinen Modetendenzen, die einen Einfluss auf das Körperbewusstsein und das Schönheitsideal ausübten. Dieses Kapitel stellt einen Zusammenhang zwischen »Diätidealen« und »Körperidealen« her. Es zeigt, dass Essverhalten und Körperideale stets miteinander korreliert haben. Die lebensreformerische »Körperkultur« entstand beinahe zeitgleich mit der alternativen »Ernährungskultur«. Die Naturheiltherapie des Licht- und Luftbades verselbstständigte sich zu einer eigenen Bewegung des »Körperkults«. Eng damit verbunden waren die Ideen einer totalen Reformierung der Kleidung, Erziehung und Sexualaufklärung, aber auch die weite Bevölkerungsteile ergreifende Gymnastik- und Sport-, Frauen- und Jugendbewegung. All diese Strömungen trugen zur Genese eines stark veränderten Gesundheits-, Ernährungs- und Körperbewusstseins bei.
1 Glucker (o. J. [um 1928]), 31.
Unter »Naturheilung« verstand man eine holistisch-vitalistische Gesundheitslehre von der Überwindung aller Krankheiten durch die dem Menschen innewohnende »Lebenskraft«. Die Naturheiler wollten die im Verwissenschaftlichungsprozess des 19. Jahrhunderts beiseite gedrängte humoralpathologische Harmonielehre und Diätetik mit ihren Naturheilverfahren als Gesamtlebensphilosophie wieder aufwerten. Lediglich Pflanzen, Pflanzenteile und Pflanzenprodukte in roher, frischer oder getrockneter Form oder natürliche Mineralien waren als Heilmittel bei den Anwendungen erlaubt. Ihre von der Antike übernommene, ganzheitliche Krankheitsvorstellung umfasste die Therapie des Leibes und der Seele. Deshalb fanden sich in zahlreichen naturheilkundlichen Gesundheitsführern auch Diätvorschläge für ein besseres seelisches Wohlbefinden.1 Gesundheit wurde als Harmoniezustand von Körper, Geist und Seele aufgefasst, während Krankheit Disharmonie als Ergebnis einer »unnatürlichen« Lebensweise bedeutete.
Eine naturgemäße Ernährungsweise bildete dabei den Kernaspekt. Darunter wurde meist eine vegetarische Diät aus Obst, Knollen-, Wurzel-, Blattgemüse, Samen, Nüssen und frischem Wasser verstanden. Eine Vielzahl an Krankheiten wurde auf eine fehlerhafte Ernährung zurückgeführt. So esse der Mensch zum Beispiel dreimal so viel Fleisch, wie er eigentlich benötige.2 Zudem mache eine vegetarische Diät gesund, stark und schön. Askese war ein naturheilkundlicher Leitgedanke, weshalb harmonische Körperformen schon immer zu ihrem Programm einer sozialen Reform gehörten.
Die Grundidee des Naturheilens war, dass das Wesen der Krankheit ein Heilungs- oder Regulationsprozess als Gegenwirkung gegen eine Krankheitsstörung sei. Nach naturheilkundlicher Auffassung gab es nur eine Gesundheit und Krankheit, weshalb die unterschiedlichen Krankheitsbilder lediglich individuelle Äußerungen des Krankseins seien. Die Naturheiler sahen in der Krankheit und im Symptom auch den Heilungs- und Regulationsvorgang und versuchten deshalb, in diesem Sinne die Krankheit zu behandeln. Zentrales Moment bildete dabei die natürliche Lebenskraft. Die Aufgabe des Naturarztes war die ganzheitliche Behandlung des Menschen durch die richtige Auswahl des Naturheilverfahrens und seine individuelle Dosierung, weshalb man auch von »Erfahrungsmedizin« sprach.3
Das ganzheitliche Denken der Naturheiler spiegelte sich insbesondere in der komplexen Diagnostik wider, die aus Zustandsdiagnose, ätiologischer Diagnose und Persönlichkeitsdiagnose bestand, während Homöopathie und Allopathie nur zwei Diagnosestufen kannten.4 Psyche und Körper bildeten als unzertrennliche Einheit den Kernaspekt jedes Naturheilvorgehens. Naturheilmittel war dabei alles, was den naturgemäßen Krankheitsverlauf im Sinne der Ausscheidung der Krankheitsstoffe unterstützen konnte. Arzneimittel lehnte die Naturheilkunde prinzipiell ab. Wenn auch am Anfang ihrer Geschichte noch Beziehungen zur Homöopathie bestanden, grenzte sie sich in ihrer Organisations- und Institutionalisierungsphase von Homöopathie und Allopathie ab. Zwischen den drei konkurrierenden Heilverfahren kamen daher Konflikte auf. Der Naturheilkunde-/Schulmedizin-Konflikt spielte in der deutschen Diätgeschichte eine maßgebende Rolle.
Das weltanschauliche Gedankengebäude, das den geistigen Nährboden für die Fortentwicklung der »alternativen« Bestrebungen schuf, war der »Naturismus«. Das Wort leitet sich semantisch vom lateinischen »nasci, natus, natura« ab und drückt eine stark emotional geprägte Einstellung zum Ursprünglichen, natürlich Gewachsenen, Unverfälschten, Naturgewordenen aus. Zur Verehrung des Natürlichen gesellen sich Wissenschaftsfeindlichkeit, Kulturüberdruss und Ablehnung der »Medizinheilkunde«.
Diese Geisteshaltung eines Unbehagens an der Zivilisation und das daraus resultierende Verlangen nach einer Rückkehr zur Natur, zu den einfachen Dingen und zu mehr Bescheidenheit, Mäßigkeit und Sittlichkeit waren bereits in der römischen Antike (Stoa), in der Renaissance und im Humanismus ausgebildet. Viele Grundprinzipien der Ernährung, Gesundheitspflege und allgemeinen Lebensführung (Diätetik) waren schon zu jenen Zeiten formuliert worden. Nur führten diese dem Naturismus des 18. und 19. Jahrhunderts ähnlichen Ideen nie zu der Evolution einer ganzen Ideologie, wie sie die Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende darstellte.
Die Naturphilosophie des 18. und 19. Jahrhunderts leitete ihre Ideen aus der direkten Naturerfahrung ab. Holismus und Vitalismus bildeten ihre Stützpfeiler. Sie besagten, dass die Harmonie mit der Natur gesund erhalte und ein Abweichen davon den Boden für Krankheit schaffe. Nur die Vitalisierung der Lebenskräfte stelle die natürliche Lebensordnung wieder her. Ihr Begründer war Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), dessen leidenschaftlicher Appell »Retournez à la nature« besonders deutlich in dem 1762 erschienenen Erziehungsroman »Émile« zum Ausdruck kam. Rousseau stützte sich auf den antiken Stoiker Seneca, der versucht hatte, seine Zeitgenossen von dem »Irrweg« des zivilisatorischen Müßiggangs abzubringen und zur Rückkehr auf den Weg der Natur zu bewegen. Er ergänzte Senecas Auffassung, die Natur sei schlicht, einfach und bescheiden, um die Aussage, sie sei etwas Ganzes, Harmonisches, der hüllende Schutzmantel des Menschen, wohingegen die Zivilisation die Gesundheit und die Sitten verderbe. Das Leben auf dem Lande, so Rousseau, sei die erstrebenswerte Lebensform. Der Aufenthalt an der frischen Luft, in Licht und Wasser, der Verzehr unverfälschter Kost erhalte die Gesundheit und schütze vor vorzeitigem Altern. Seit etwa 1750 begann Rousseau die Natur hymnisch zu preisen und als Wertmaßstab für das menschliche Handeln zu verabsolutieren: »Ihr Völker begreift doch endlich einmal, daß die Natur Euch vor der Wissenschaft behüten wollte, wie eine Mutter den Händen ihres Kindes eine gefährliche Kraft entreißt.« Das Zugehörigkeitsgefühl des Menschen zur Natur bildete das zentrale Moment dieser Weltauffassung: »Die Natur bleibt immer die gütige Mutter, sie liebt und belohnt den, der sie sucht […]« Der Mensch wurde als Naturwesen gedeutet, dem die Natur Glück und Gesundheit garantiere. Das »Zurück zur Natur« sollte kein Rückschritt zu urzeitlicher Primitivität, sondern ein Vorwärtsstreben zur Vermeidung von Zivilisationsschäden in der Moderne sein.
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