Schlechte Gesellschaft - Katharina Born - E-Book

Schlechte Gesellschaft E-Book

Katharina Born

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Beschreibung

Drei Geschichten, drei Generationen, drei Frauen: Während der 68er-Protestbewegung lernen sich der junge Dichter Peter Vahlen und die von allen bewunderte Hella von Nesselhahn kennen. Fast vierzig Jahre später ist Vahlen tot. Als der Doktorand Andreas Wieland Vahlens Nachlass sichten will, blockt Hella ab, denn in den Kartons steckt auch die dunkle Geschichte der Vahlens. Wielands Recherchen führen ihn zurück ins Kaiserreich, in die Weimarer Republik und Nazizeit und tief in die Lebenslügen, Eitelkeiten und blinden Flecke einer Familie. Die Tochter Judith aber begeistert sich für die Idee, alles ans Licht zu bringen. "Schlechte Gesellschaft" ist eine Spurensuche in der eigenen Heimat und Geschichte, fesselnd, ironisch, voller lebendiger Figuren und realistischer Situationen.

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Seitenzahl: 362

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Katharina Born

Schlechte Gesellschaft

Eine Familiengeschichte

Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-23688-2

© Carl Hanser Verlag München 2011

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Gaby Michel, Hamburg

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

www.hanser-literaturverlage.de

Inhalt

Abspann (Gegenwart)     7

Eine gefallene Frau (September 1933)     7

Der Doktorand und die Witwe (April 2007)     11

Die Panne des Fremden (Juni 1865)     16

Kittels Mädchen (Februar 2007)     22

Wer ist Peter Vahlen? (Januar 1967)     26

Die schönste Frau (April 2007)     29

Erster Teil: Irma Vahlen

Melsbacher Hohl (Winter 1870)     35

Ein Colloquium im Taunus (August 1968)     36

Sehlscheid 2000 (April 2007)     39

Stumpf (August 1874)     46

Eloxal (August 1968)     50

Statisten (April 2007)     54

Im Gebück (Jahreswechsel 1903–1904)     56

Staub (April 2007)     60

Das Haus im Aulbachtal (August 1968)     67

Zweiter Teil: Martha Vahlen

Zwei Brüder (Sommer 1914)     75

Funde (April 2007)     80

Spielchen (August 1968)     84

Nachlass (April 2007)     86

Der Kanonier, die Walze und das Mädchen (Herbst 1916)     91

Eine Bitte (April 2007)     96

Gleis 7 (März 1971)     99

Wenn einer geht, bleibt ein anderer zurück

(letzte Kriegsjahre 1917–1918)     102

Das kann nicht jeder (April 2007)     105

Das Hungermaul (Dezember 1918)     109

Der Finger (Oktober 1971)     116

Dritter Teil: Hella Vahlen

Was du nicht siehst (Mai 2007)     123

In Marthas Kammer (Frühjahr 1919)     125

Wir leben nur einmal (Juni 2007)     130

Die Erfindung des Glücks (Juli 1973)     133

Wichse I (Frühjahr 1919)     136

Ein Detail (Juni 2007)     142

Der Bulle (März 1919)     147

Innere Sicherheit (Herbst 1974)     153

Konfrontation I (Juni 2007)     155

Wichse II (März 1919)     159

Duisburg I: Kittels Chance (Juni 2007)     160

Das Feuer (März 1919)     162

Konfrontation II (Juni 2007)     164

Vierter Teil: Judith Gellmann-Vahlen

Blood on the tracks (September 1976)     171

Sehlscheider Polka (Mai 1930)     174

Duisburg II: Hindernisse (Juni 2007)     182

Der Konstruktionsfehler (September 1976)     185

Der letzte Jude (Februar 1938)     192

Lesezirkel (Juni 2007)     196

Bushaltestelle (Juni 2007)     200

Auf dem Boden I (August 1940)     201

Weiterschreiben I (April 1981)     206

Duisburg III: Cliffhanger (Juni 2007)     210

Auf dem Boden II (August 1940)     213

Fünfter Teil: Alexia Gellmann-Vahlen

Im Dom (Juni 2007)     223

Vorabendserie (Nachkriegszeit 1991–1993)     226

Amtshilfe (September 1940)     233

Duisburg IV: Das Gesetz der Serie (Juni 2007)     241

Skyscraper (Mai 1945)     243

Gleis 8 (Februar 1993)     249

Showdown I (Juni 2007)     251

Im Spion (Juni 2007)     253

Showdown II (Juni 2007)     254

Westerwaldlied (März 1959)     256

Vor Ort aufgezeichnet (Juni 2007)     260

Bei sechzig Grad (Juni 2007)     262

Abspann (Gegenwart)

Die Titelmelodie setzt ein. Hans Ullrich Kittel lässt sich in seinem Klappstuhl zurückfallen. Als die letzten Zeilen des Abspanns über einer Luftaufnahme des Westerwaldes eingeblendet werden, drückt er auf die rote Taste der Fernbedienung. Der Bildschirm schaltet sich aus. Mit beiden Händen fährt sich der Professor über den Kopf und betrachtet lange ein paar zwischen den Fingern hängengebliebene Haare.

»Ein Teufelskerl, dieser Freddy«, sagt er in die Stille hinein. »›Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden. Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden. Was itzt so pocht und trotzt ist morgen Asch und Bein‹. Gryphius. Recht hat er.«

Auf der Anzeige des DVD-Spielers läuft das Zählwerk weiter. Längst ist es dunkel. Im leergeräumten Erdgeschoss des Bungalows hört man von weitem das Ticken der Küchenuhr. Auf dem dumpfen Schwarz der doppeltverglasten Terrassenfront spiegeln sich die von der Decke herabhängende Glühbirne, der Fernseher, der Stuhl und Kittel selbst.

»Das war’s dann wohl mit Villa Westerwald«, sagt der Professor.

Eine gefallene Frau (September 1933)

Seit Wochen jagte der Ostwind über die Buchenstände des unteren Westerwalds. Beständiger Nieselregen verwandelte die Wege in zähen Schlamm, wie er sonst erst im November die Gegend rund um Sehlscheid bedeckte. Vor zwei Tagen schließlich war der Regen stärker geworden und prasselte seitdem ohne Unterbrechung auf das Dorf nieder.

Ein Eichenast klatschte auf den nassen Grund und Schnapp sprang jaulend zur Seite. Mit einem zweiten Satz rettete der alte Hund sich wieder unter das Vordach. Aus den Löchern einer Zinkwanne am Eingang schoss Wasser gegen den Lehm der Hauswand. Moosballen lösten sich vom First und rutschten nach und nach tiefer, bis sie in die Pfützen entlang der Mauer fielen. Von dort schwemmte der Regen sie zwischen den Haselsträuchern hindurch abwärts.

Die Silberpappeln am Melsbacher Hohlweg, deren Rauschen die Bewohner von Sehlscheid an ruhigeren Tagen wie eine dichte Glocke umgab, schlugen in heftigem Tosen ihre Zweige gegeneinander. Das Kirchengeläut war nur dumpf zu hören. Aber die wenigen Einwohner des Ortes wussten ohnehin Bescheid. Die Alte war vor zwei Tagen gestorben.

Immer langsamer hatte sie ihre täglichen Wege hinter sich gebracht. Der Hund war ihr dicht auf den Fersen gefolgt, den knarrenden Lederpantoffeln und vielfach gestopften Wollstrümpfen. »Wirst auch enden wie dein seliger Vater«, schimpfte sie, wenn sie ihren Enkel von Ferne erblickte. Über den Urenkel, der im Dorf den Mädchen hinterher zu schauen begann, sagte sie: »Brauchst gar nicht der Mutter die Suppe wegessen. Nimmst dir Frau und Kinder, kannste die satt kriegen.« Und wenn sie auf dem Burplatz stehenblieb, wo die Weiber tratschten, rief sie: »Wenn mer all die Mäuler zustopfen wollten, müssten mer viel Dreck ham.« Dann ging die Alte, den Stock in ruckhaften Bewegungen aufsetzend, das Kinn vorgestreckt, mit steifen Schritten weiter. Ihre Augen schimmerten wässrig, der schlaff gewordene Mund schien an irgendetwas zu kauen, das abscheulich schmeckte.

Irma Vahlen, geborene Wittlich, die einmal als das schönste Mädchen von Sehlscheid, vielleicht des ganzen Westerwaldes gegolten hatte, wurde im Dorf seit langem als hässlich bezeichnet, weil man nicht schlichtweg böse sagen wollte. Und so verwunderte es niemanden, dass ihr starker Rücken sich vor der Zeit zu krümmen begonnen hatte. Ihre früher zart geröteten Wangen waren ledrig geworden. Die leuchtenden Augen, die geschwungenen Brauen schienen überdeckt von einer Haut aus Bitterkeit.

Am Morgen hatte die Alte noch die Messe besucht, war an ihrem Stock leise schimpfend die Hüh herunter- und den Kirchweg wieder heraufgeklettert. Trotz des kalten Regens blieb sie hinterher auf halbem Weg stehen. Schnapp hatte dieses Anhalten genutzt, um sich schnell vor ihre Füße zu setzen. Aber ohne die Bemühungen des Hundes zu beachten, einen Blick zu erhaschen, ein Wort oder zumindest einen Tritt, hatte die Alte mit gekrümmtem Nacken über die gelbgefärbten Buchenwälder und das diesig verhangene Aulbachtal geblickt, als lausche sie dem Fahnenlied, das in hohen Kinderstimmen vom Marktplatz herüberwehte.

Den Gruß des alten Gehrke, der seine Sau den matschigen Kirchweg entlang zum Eber trieb, schien die Witwe nicht zu bemerken. Seiner Frau sagte er später, er habe hinter seinem Rücken noch lange das Schimpfen der Alten gehört. Und wie am nächsten Tag Annelies Gehrke der Nachbarin berichtete, war es ihrem Wilhelm dabei kalt den Rücken heruntergelaufen.

Am nächsten Tag hatte Schnapp vergeblich auf seine Herrin gewartet. Mehr Menschen als gewöhnlich waren im Haus ein- und ausgegangen. Der Pfarrer war auf die Hüh gestiegen, der Arzt und auch Hermann Vahlen, der Enkel der Alten, der dem Hund im Heraustreten einen freundlichen Klaps gab. Die junge Brink brachte ein paar Meter Tuch vorbei, die ihr vom letzten Schlachtfest geblieben waren. Kläre, die Schwiegertochter der Toten, zog ihr dafür ein Kaninchen aus dem Verschlag. Und Hermann hatte im Hof ein paar lange Bretter zu einer Kiste zusammengezimmert.

An diesem kalttrüben Morgen im September 1933 hoben Hermann und sein Sohn die knochige Alte, die sich, in das dürftige Tuch eingenäht, wie ein totes Kalb anfasste, vom Strohbett in die Kiste. Beim Ablegen entwich dem Körper ein letzter brodelnder Atemstoß. Alle Umstehenden, der in Wachstuch gehüllte Pfarrer, die Nachbarn und die Familie, hielten die Luft an, solange sie konnten. Nur Schnapp sog den strengen Geruch seiner toten Herrin ein.

Der Sarg war zu groß geraten. Kläre Vahlen schimpfte. Man hatte ihn mit Stroh ausgelegt und doch schien beim Aufnehmen die Tote im Sarg hin- und her zu rollen. Die Männer spürten leichte Stöße, als hämmerte die Alte mit Fäusten gegen das Holz. Wie auf ein Zeichen hielten sie inne, doch außer dem auf die Kiste trommelnden Regen, dem Schlagen des Windes gegen das Gatter des Ziegenverschlags und dem Tosen der Pappeln am Fuß der Hüh war nichts zu hören.

Die Männer tasteten sich, die Kiste auf den Schultern, hinter dem Pfarrer und seinem Messdiener den steilen Hügelpfad hinunter. Nach wenigen Metern fanden Hermanns Stiefel im Schlamm keinen Halt mehr. Als ihm dann noch der Hund vor die Füße sprang, ohne dass jemand die plötzliche Entschlossenheit des Tieres bemerkt hätte, ging auch der Förster in die Knie und der Sarg entglitt ihnen.

Der Pfarrer trat erschrocken zur Seite. Kläre aber, Hermanns Frau Emmy, Martha, die allein aus Koblenz angereist war, Hagis Kind und alle anderen Dorfbewohner, die trotz des Regens auf die Hüh gekommen waren, betrachteten mit offenen Mündern das Unglück, das sich übertrieben langsam abzuspielen schien, als könnte man es jederzeit mit nur einem Wort aufhalten. Niemand sagte etwas.

Alle Bewohner von Sehlscheid kannten die Geschichte der Frau, die da ihre letzte Ruhe finden sollte. Trotz ihres inzwischen ansehnlich gewordenen Hofes auf der Hüh und trotz ihrer Enkel und Urenkel, die es bis zur höheren Schule in Arlich geschafft hatten, galt Irma Vahlen in Sehlscheid als eine »gefallene Frau«. Und wie eine neue, gefährliche Form der Maßlosigkeit schienen sich ihr Leichtsinn, ihr früher Hang zu Unzufriedenheit und ihr überheblicher Stolz inzwischen auf das gesamte Dorf ausgebreitet zu haben.

Der Sarg polterte auf dem matschigen Pfad abwärts, scherte aus nach rechts und prallte an einen Baumstumpf. Der Oberkörper der Toten zeigte sich über dem Rand der zerborstenen Kiste. Ihr nasses Haar klebte am Schädel. Die letzten Zähne der Witwe, ihr seit Jahren kaum mehr dienlich, ragten aus dem geöffneten Mund hervor. Und Irma Vahlens einst so blaue Augen waren unter den Lidern eingefallen wie dunkle Trichter.

Der Doktorand und die Witwe (April 2007)

Eine letzte Kurve des Kieswegs verlängerte den Weg des Doktoranden vom Wald herüber zum Wohnhaus. Er ging mit weiten Schritten, die Tasche trug er unter dem Arm, sein heller Mantel wehte in der aufkommenden Brise. Er hatte ihn erst heute Morgen in Koblenz für diesen überraschend milden Frühlingstag gekauft.

Andreas Wieland nahm sich vor, seinen entschlossenen Gesichtsausdruck gleich in ein Lächeln zu verwandeln, sollte ihm jemand entgegenkommen. »Der Doktorand aus Duisburg«, wollte er dann sagen. »Ist Frau Vahlen zu sprechen?« Aber niemand bewachte das abgelegene Grundstück vor ungebetenen Gästen. Der kleine Parkplatz am Waldrand, wo er den Wagen abgestellt hatte, war leer gewesen. Aus den verwilderten Rosenbeeten schossen hohe Wassertriebe.

Das Haus des Schriftstellers wirkte trotz der von Moos und Nässe schmutzig gewordenen Fassade für die Gegend ungewöhnlich vornehm. Geschnitzte Verzierungen begrenzten das Schieferdach, die hohen Fenster waren teilweise mit Läden verschlossen, eine Steintreppe führte vom Kiesweg zum Eingang. Auf der obersten Stufe vor der mächtigen Tür lag ein brauner Dackel und betrachtete den Besucher ohne Interesse. Wieland überlegte, ob er es wagen sollte, über das Tier hinweg die Klingel zu drücken. Aber da schoss der Hund schon auf ihn zu.

»Karel«, rief jemand mit rauher, fast heiserer Stimme aus dem Inneren des Hauses. Eine hochgewachsene Frau erschien in der Eingangstür. Ihre sehr aufrechte Haltung drückte Eleganz und Überlegenheit aus, aber auch etwas Lauerndes. Das aschblonde Haar war sicherlich gefärbt. Ihre transparent wirkende Schönheit, die dünnseidige Haut um ihre Augen ließen ahnen, dass sie weit über sechzig sein musste.

»Guten Tag …« Der Dackel begann zu kläffen.

»Wer sind Sie?«

»Andreas Wieland von der Universität in Duisburg«, rief er gegen das Bellen an. »Ich arbeite an einer Dissertation zu Gert Gellmann und suche seine Briefe an Peter Vahlen. Ich hatte geschrieben.«

»Was haben Sie geschrieben? Wem haben Sie geschrieben?«

»Ich habe Frau Vahlen geschrieben, dass ich vorbeikommen würde«, sagte Wieland nun etwas zu laut.

»Aber Frau Vahlen hat Sie nicht gebeten, herzukommen, nicht wahr?«

»Entschuldigen Sie. Auf Ihrer Karte schrieben Sie, wir müssten uns erst einmal kennenlernen. Deshalb dachte ich …« Endlich verstummte der Hund.

»Entzückend!«, lachte die Frau auf. »Das war eine vage gestellte Bedingung, junger Mann, keine Einladung. Man fällt fremden Leuten nicht einfach ins Haus. Auch nicht, wenn diese sich für Blumen bedanken, um die sie nie gebeten haben.«

»Entschuldigen Sie.« Wieland war froh, dass sie seine Blumen erwähnte. »Ich wollte Sie nicht stören. Ich dachte nur …«

»Woher haben Sie überhaupt meine Adresse?«

Er zögerte. »Die hat mir freundlicherweise der Herr vom Blumenladen verraten. Sie wissen ja, die Serie. Ich habe erfahren, dass sie hier in der Gegend spielt, und da dachte ich …« Er hatte jetzt das unangenehme Gefühl, tatsächlich zu weit gegangen zu sein. »Der Mann dachte sich bestimmt nichts dabei. Ich habe den Blumenstrauß für Sie bestellt, und da gab er mir die Lieferadresse.«

»Die Leute aus Sehlscheid denken sich nie etwas dabei.« Die Witwe betrachtete ihn von oben bis unten. »Hören Sie, Herr Doktorand«, sagte sie schließlich. »Sie scheinen mir nicht ganz dumm zu sein. Sie werden verstehen, dass ich keine Zeit habe für solche Dinge. Ich führe mein eigenes Leben. Der Nachlass meines verstorbenen Mannes ist völlig ungeordnet.«

»Ich würde Ihnen gerne helfen, die Papiere zu ordnen. Für mich wäre das eine große Ehre.«

»Gibt es in Ihrer Universität keine anderen Themen, mit denen Sie sich beschäftigen können? Hat Ihnen niemand gesagt, dass ich meine Ruhe haben will? Vielleicht hätten Sie sich erkundigen sollen, bevor Sie mich belästigen.«

Wielands Haut begann zu brennen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so grob empfangen worden zu sein. Dabei hatte er gedacht, wenn er Hella Vahlen persönlich sprechen würde, könnte er ihr alles erklären.

Wieland hielt sich für jemanden, der es verstand, Vertrauen herzustellen. Vor allem die Frauen wussten sein vorsichtiges Lächeln zu schätzen, die Zurückhaltung, die von seinem schweren, aber nicht unförmigen Körper ausging und die sie, wie er meinte, für ein Zeichen von Feinfühligkeit hielten. Er fand auch nicht, dass sie sich täuschten. Er war nur immer wieder erstaunt, wie bereitwillig sich ihm Menschen zuwandten, die ihn kaum kannten.

Das Gefühl, die Witwe halte seine jahrelange Arbeit, das Ansammeln der Materialberge und Archivrecherchen, das mühsame Entziffern von Handschriften für eine beliebig auswechselbare Tätigkeit, ärgerte ihn. Ihm fehlten nur noch Vahlens Briefe. Monate hatte er gebraucht, um allein den Wohnort der Erben herauszubekommen. Nun sollte die Willkür der Witwe über die Qualität und Vollständigkeit seines gesamten Forschungsprojekts entscheiden. Dabei war sie lediglich die Frau, die Peter Vahlen einmal geheiratet hatte. Und auch wenn Vahlen zu Lebzeiten bekannter gewesen war als Gellmann, heute spielte sein Name außerhalb der Schulbücher und Anthologien kaum noch eine Rolle.

»Verstehen Sie mich bitte nicht falsch«, begann Wieland von neuem. »Ich habe durchaus davon gehört, dass Sie nicht gerne solche Anfragen bekommen. Aber als einer der einflussreichsten Autoren der fraglichen Zeit darf Peter Vahlen in meiner Arbeit nicht fehlen. Meine Dissertation könnte auch für die Rezeption seines Werkes wichtig sein. Ich hätte es schlicht als unhöflich empfunden, Sie nicht zu fragen, ob Sie mir helfen wollen.«

Wieland hatte wohl den richtigen Ton gefunden. Die Witwe schien nachzudenken. Nach einer Weile räusperte er sich, und sie sah ihn fragend an, als habe sie vergessen, dass er vor ihr stand. Dann begann sie plötzlich zu zischen, ein tonloses, scharfes Geräusch, und der Dackel trottete zurück an seinen Platz vor der Tür.

»Nun kommen Sie schon herein«, sagte sie.

Wieland stieg die restlichen Stufen der Treppe herauf und tat einen Schritt über den Hund hinweg. In der mit dunklem Marmor gefliesten Eingangshalle zog er den Mantel enger um sich. Aus dem Kamin roch es nach feuchtgewordener Asche. Staub lag auf den Vorsprüngen der Wandvertäfelung. Am Eingang steckten in einer Vase zwei Regenschirme, über die sich Spinnweben zogen. Trotz seiner offensichtlichen Ungepflegtheit ging von dem Haus eine besondere Lebendigkeit aus. Unter dem Aufgang zum ersten Stock öffnete sich eine buntverglaste Doppeltür zum hinteren Flügel. Rechts führte ein Gang hinaus in den Wintergarten, den Wieland schon bei seiner Ankunft gesehen hatte. Auch im Vergleich zum Haus seiner Mutter erschien ihm hier alles aus einer anderen, besseren Zeit.

»Ich werde Ihnen kaum helfen können«, sagte die Witwe, die ohne ein weiteres Wort vorausgegangen war. Wieland folgte ihr in den mit hohen Pflanzen bestandenen Glasanbau.

Hella Vahlen musste bereits getrunken haben, denn auf dem Tisch stand eine halbvolle Flasche Weißwein. Ein Laptop surrte aufgeklappt vor sich hin. Der Bildschirm war zu klein, als dass Wieland aus der Entfernung hätte erkennen können, woran sie arbeitete. Die Witwe schenkte ihm ein Glas ein, bot ihm einen Sessel an und nahm selbst auf der Chaiselongue Platz. Sie schien ihre feindliche Haltung nun ablegen zu wollen. Aber auch die neue Freundlichkeit war schwer einzuordnen, und ihre Schönheit irritierte Wieland.

»Niemand hat die Papiere bisher auch nur angefasst. Der eine oder andere behauptet zwar, dass alles bereits veröffentlicht sei und es hier nichts mehr zu entdecken gibt. Aber woher wollen sie das wissen? Schließlich würde ich mich daran erinnern, die Sachen jemandem gezeigt zu haben. So lange ist das alles ja nicht her.«

Naja, dachte Wieland. Peter Vahlen war vor beinahe fünfzehn Jahren gestorben. Ein tödlicher Unfall, hieß es in den Nachschlagewerken. Immerhin war aus seinem Roman inzwischen eine erfolgreiche Fernsehserie geworden. Demnächst sollte die sechste Staffel anlaufen. Sogar in Duisburg hingen die überlebensgroßen Werbeplakate für Villa Westerwald. Vahlens Verlag hatte sicherlich von dem Rummel profitiert. Auch wenn die Serie in der Öffentlichkeit so gut wie nie mit dem Schriftsteller in Verbindung gebracht wurde, schien es dem Doktoranden unwahrscheinlich, dass sich noch niemand um seinen Nachlass bemüht haben sollte.

Die Witwe schlug die Beine übereinander. »Gellmann«, sagte sie nun lauter, und Wieland wunderte sich über die plötzliche Härte in ihrer Stimme. »Ich glaube nicht, dass wir überhaupt etwas von ihm haben.«

»Aber Herr Gellmann hat Briefe Ihres verstorbenen Mannes an das Archiv gegeben. Er selbst sagte mir, dass bei Ihnen noch einiges von ihm sein müsste.«

»Gellmann weiß das doch gar nicht. Der hat auch vieles vergessen«, sagte sie ärgerlich, fasste sich aber gleich wieder. »Worum geht es denn in Ihrer Arbeit?«

»Ich möchte anhand von Gellmanns Korrespondenz zeigen, wie in seinen frühen Stücken vor allem autobiografische Elemente zum Tragen kommen. Bisher galten sie als reines Dokumentartheater.«

Der Doktorand war froh, von seinem Projekt erzählen zu können. Er ließ die enge Zusammenarbeit mit Gert Gellmann zunächst beiseite und nannte stattdessen die Namen der bekannten Regisseure, Autoren und Kritiker, die ihm mit Material und Informationen behilflich gewesen waren. Schließlich betonte er noch einmal das Interesse der Wissenschaft an Vahlens Beziehung zu Gellmann.

Während er sprach, machte er häufig Pausen, trank vom Wein, der ihm schmeckte und wohltat, und begann auch die Blicke der Witwe zunehmend zu genießen. Er war sich noch immer nicht im Klaren, was er von Hella Vahlen erwarten konnte. Vielleicht wollte sie ihn prüfen, dachte er, so etwas war er gewohnt von den Frauen, mit denen er zusammengearbeitet hatte. Oder sie machte sich nur lustig über ihn und seine sicher allzu offensichtliche Überredungsstrategie, und dann meinte er plötzlich, sie fände ihn attraktiv.

Die Vorstellung begann Wieland zu beunruhigen, als er einen fauligen Gestank bemerkte. Noch beim Sprechen suchte er den Raum nach einem möglichen Ursprung ab, bis er zu seinen Füßen den Dackel liegen sah. Abrupt erhob er sich. Aber sofort jaulte der Hund auf, so dass Wieland fürchtete, die Witwe könne glauben, er habe das Tier getreten.

»Wir gehen in den Salon«, sagte Hella Vahlen. Und sie lächelte beinahe fröhlich, als genieße sie die erneute Fassungslosigkeit ihres Besuchers.

Die Panne des Fremden (Juni 1865)

An einem der wenigen Sonnentage im regnerischen Juni von 1865 hatte in der Melsbacher Hohl unterhalb der Kirche ein junger Herr mit seinem Landauer eine Panne. Der glänzende Wagen machte noch mit gebrochener Vorderachse und schief am matschigen Fuß der Hüh stehend, großen Eindruck auf die herbeigekommenen Dorfbewohner. Der Herr selbst trug einen samtblauen Gehrock und war von so offensichtlich städtischer Eleganz, dass keiner der jungen Männer, die auf dem angrenzenden Feld mit dem Ausbringen von Mist beschäftigt waren, es wagte, ihm zu helfen. Er hatte aussteigen müssen, um das Pferd zu beruhigen, was ihm sichtlich schwerfiel, so aufgebracht war er. Als seine glanzledernen Stiefel im Schlamm versanken, begann er laut zu fluchen.

Die Mädchen kehrten gerade vom Markt in Arlich zurück und sahen schon von weitem den Wagen. Die großen leeren Körbe im Arm, liefen sie über den matschigen Waldpfad aus der Hohl heran, um den Fremden genauer zu besehen. Die Jungen, die nun ebenfalls vom Kurtenacker herbeigerannt kamen, fingen in ihrer Aufregung an zu johlen und die Mädchen zu zwicken. Diese aber kicherten beim Anblick des jungen Herrn nur noch nervös, senkten den Blick und versuchten ihre von den Waldbeeren blaugefärbten Hände hinter den schmutzigen Röcken zu verstecken.

Allein Irma stand wie angewurzelt da und beobachtete den schimpfenden Mann, seinen schnaubenden Braunen, die blitzende Kutsche und den schönen Rock. Schnapp sprang um das Mädchen herum und bellte den Wagen an. Langsam öffneten sich Irmas Lippen. Aber sie schlossen sich sofort wieder, als der Mann sie ansah.

Im Jahr 1865 war Irma Wittlich dreizehn Jahre alt. Zwar hatte sie, wie alle ihre Geschwister, die Wittlichschen Ohren, das starke Kinn und die etwas zu große Nase. Was bei den anderen aber zu dem ärmlichen, hohläugigen und dümmlichen Ausdruck geführt hatte, für den die Familie bekannt war, verschmolz in Irmas Gesicht zu einer extravaganten Schönheit, einer gebrochenen Harmonie.

Die Wittlichs hatten nie Glück gehabt. So lange man sich in Sehlscheid erinnern konnte, waren sie Trinker gewesen, rauhbeinige, brutale Bewohner der Lehmhütte auf der Hüh, die es mit ihrem kleinen, unfruchtbaren Stück Land nie weiter brachten als ihre Väter. Jeden Morgen mussten die Töchter dem Alten den Eimer ans Bett bringen, denn bevor er den Kopf ins kalte Wasser getaucht hatte, durfte niemand das Wort an ihn richten. Abends umwickelten die Großen den Kleineren mit Lappen die Füße, damit die Ratten nicht an ihnen fraßen. Sie bauten Kohl und Kartoffeln an, zogen Kaninchen und Ziegen. Aber allein mit dem Verkauf von Heidelbeeren im nahegelegenen Arlich konnte die Familie Vorräte für den langen Winter anlegen.

Meistens trug Irma die schweren Körbe in die Stadt, weil sie bei den Händlern, die aus den Beeren den bekannten Westerwälder Morbelswein machten, mit ihrem hübschen Lächeln ein paar Pfennige mehr bekam. Nie wurde sie den Geschwistern vorgezogen, und sie drückte sich vor keiner der Arbeiten. Allein die große Anhänglichkeit des Hundes Schnapp, schon der dritte seiner Art, seit Irma in der dunklen Hütte geboren worden war, sprach für ihre besondere Stellung in der Familie. Und auch in der weiteren Umgebung war sie bekannt, denn das Mädchen galt noch bis ins Aulbachtal hinein als der lebende Beweis für ein völlig unverdientes Glück.

»Wie alt bist du«, fragte der fremde Herr mit jäher Dringlichkeit. Alles Necken und Johlen verstummte sofort.

»Dreizehn«, sagte Irma, ohne den Blick abzuwenden.

»Wo wohnst du?«

»Auf der Hüh.«

»Wie heißt dein Vater?« Nun begann das Kichern um die Kutsche herum von neuem.

»August Wittlich«, sagte sie.

Inzwischen näherten sich auch die Männer dem kaputten Gefährt. Bauer Gehrke nahm mit entschiedenem Griff den Braunen am Zaum, so dass der Herr einen Schritt zurück auf die grasbewachsene Böschung tun konnte. Der alte Brink machte sich an der Vorderachse zu schaffen, und von weitem sah man auch schon den Gemeindevorsteher und den Lehrer herankommen, die allein über die Worte verfügten, mit dem Fremden angemessen zu sprechen.

Es stellte sich heraus, dass der junge Mann aus dem linksrheinischen Koblenz stammte und ein Verwandter des Besitzers der Walzwerke in Arlich war. Johann Georg Vahlen, der Neffe des Fabrikanten Sebastian Gotthelf Vahlen, befand sich auf dem Weg zur Jagdpacht seines Onkels.

Der Gemeindevorsteher Lacher ließ es sich nicht nehmen, den Herrn, dessen Familie zu den wichtigsten des unteren Westerwaldes gehörte, über die neuesten Zahlen der Dorfgemeinschaft zu Viehstand, Feuervorkehrungen, Forstwirtschaft und Bevölkerungswachstum zu unterrichten. Als das Pferd aber abgeschirrt, die Reparatur des Landauers organisiert und der Fremde mit einer eilig aus der Pfarrei beschafften Kleiderbürste vom schlimmsten Dreck befreit worden war, bat Vahlen als erstes, man möge ihn zu einem Gasthaus führen.

»Verzeihen der Herr«, sagte der Lehrer. »Es gibt in Sehlscheid kein Gasthaus. Wenn Sie mit der Lehrerstube vorlieb nehmen könnten, lade ich sie gerne auf ein Glas Morbelswein zu mir ein.«

Nachdem er vier Gläser des dunklen Waldbeerenweins geleert hatte, hielt der Fremde den Zeitpunkt für gekommen, den Lehrer nach Wittlich zu fragen. Ferdinand Schütz, der sich gerade ausmalte, wie im Dorf über die unerwartete Ehre gedacht wurde, die ihm durch den Besuch des Fremden zuteilwurde, und dessen Blick vom reifen Wein bereits aufs angenehmste verschwamm, verstand die Frage sofort. Auch er kam von außerhalb und kannte als Mann des Wortes und der Bildung durchaus die neueren Moden, Gesprächsthemen und Gepflogenheiten der städtischen Bevölkerung. Er hatte gleich gesehen, dass er es bei dem jungen Vahlen mit einem Lebemann zu tun hatte, dessen Interesse sicherlich eher den Frauen, der Jagd und dem Wein galt als der Politik.

Vor vier Jahren war Schütz aus Düsseldorf angereist, um vom alten Lehrer, der wegen Trunksucht entlassen worden war, die Dorfschule im Gebück und die angrenzende Wohnung mit Gemüsegarten und Obstbäumen zu übernehmen. Als er Irma zum ersten Mal in seiner Schulklasse sah, kannte er außer dem Pfarrer, dem Gemeindevorsteher und der Frau Gehrke, die ihm täglich von einer ihrer Töchter ein warmes Mittagessen bringen ließ, niemanden im Dorf. Schütz nahm zunächst an, das hübsche Mädchen wäre das Kind eines der wohlhabenderen Bauern aus dem Unterdorf oder komme von außerhalb. Doch Irmas dünngewordenes Kleidchen, das ihre langen, fast durchsichtig weißen Beine nur bis zu den Knien bedeckte, ihr von einem ausgeblichenen Band zusammengehaltenes Haar wiesen darauf hin, dass sie über das in Sehlscheid übliche Maß hinaus arm war.

Von Anfang an hatte Schütz dem seltsamen Kind die größtmögliche Aufmerksamkeit geschenkt. Irma hatte schnell Fortschritte im Lesen und Schreiben gemacht. Und als sie mit elf aus der Dorfschule entlassen werden sollte, hatte Schütz all seinen Mut zusammengenommen, war zu ihrem Vater auf die Hüh gestiegen und hatte August Wittlich vorgeschlagen, seine Tochter als erstes der Mädchen im Dorf nach Arlich auf eine weiterführende Schule zu schicken.

Wittlichs Trinkergesicht hatte sich im selben Augenblick verwandelt. In die abstehenden Ohren war das Blut geschossen. Seine Lippen hatten über dem Kinn zu zittern begonnen. Schütz war nicht sicher gewesen, ob der Mann Angst hatte oder ob er wütend war.

»Niemals«, hatte Wittlich gestammelt. »Das Irma geht nicht weg. Das bleibt hier.« Beim letzten Satz war aus den zögernden Worten ein Grollen geworden.

Wittlich, soviel war Schütz sofort klar, ging es nicht darum, dass Irma für die Familie die Heidelbeeren zu verkaufen hatte, dass sie wie ihre Schwestern die Ziegen zu hüten, die Kartoffeln zu klauben und den Kaninchen das Fell abzuziehen hatte. Es ging nicht um die Angst, Schulgeld zahlen zu müssen oder im Dorf für Neid und Missgunst zu sorgen. Gegen diese Einwände hätte der Lehrer, der immerhin in Düsseldorf das Seminar besucht hatte, Argumente bereit gehabt. Er musste sich eingestehen, dass er sich ausgemalt hatte, Irma werde eines Tages als kluge, bescheidene, mit haushälterischen Kenntnissen ausgestattete Frau in großer Dankbarkeit zu ihm zurückkehren. Der alte Wittlich hatte verstanden, dass der Lehrer ihm seine Tochter wegnehmen wollte. Und Schütz wiederum hatte verstanden, dass Irmas Vater in dieser Sache das letzte Wort behielt.

»Der Alte Wittlich ist ein Säufer«, sagte Schütz. »Er hat alle Mühe, die Münder seiner sieben Kinder satt zu kriegen. Drei Pfennige bekommen die Mädchen für das Pfund Heidelbeeren in Arlich – für das, was der Vater nicht selber zu Schnaps brennt.« Der Lehrer tippte gegen sein Glas.

»Ich interessiere mich für seine Tochter«, sagte der Herr geradeheraus, so dass den Lehrer Angst ergriff. Doch gleich fasste er sich wieder, weil er meinte, das sicher ohnehin nur oberflächliche Interesse des reichen Städters bremsen zu können.

»Eine müsste im heiratsfähigen Alter sein …«

»Sie ist dreizehn.«

»Irma«, entfuhr es Schütz, und als hätte Vahlen das nicht gerade gesagt: »Sie ist erst dreizehn.«

»Sehr hübsch«, sagte der andere. »Ich komme wieder, wenn sie sechzehn ist. Richten Sie das August Wittlich aus. Und geben Sie ihm das hier.« Er ließ einen Taler auf den Tisch rollen und sah Schütz prüfend an. Dann zog er einen zweiten und einen dritten Taler aus der Tasche und stapelte sie neben der anderen Münze übereinander. »Das ist für Ihre Umstände«, sagte Vahlen und ging.

Nach einer durchwachten Nacht machte sich der Lehrer am Morgen auf den Weg, um den Auftrag auszuführen. Ein Hahn krähte. Vor den Häusern im Unterdorf hängten junge Mädchen ihre Wäsche zum Trocknen auf. Die Frauen am Burplatz schwatzten über den schönen Rock des Fremden. Ansonsten war mit seiner hastigen Abfahrt und einigen Talern für den Gemeindevorsteher und den Bauern Gehrke, der die Reparatur des Landauers übernommen hatte, im Dorf wieder Ruhe eingekehrt. Die Sonne schien warm auf die aufgeweichten Wege. Die Waldhänge standen dampfend über den Feldern des Aulbachtals. Das Tosen der Obermühle drang bis zum Marktplatz vor.

Als Schütz mit pochenden Schläfen, den Morbelswein noch in allen Gliedern, den glitschigen Pfad zur Hüh heraufkam, empfing ihn der Hund mit aufgeregtem Bellen. Schütz trat das Tier beiseite. Dann fiel sein Blick auf die kleine Wittlich, die mit traurigen Augen und einem geheimnisvollen Lächeln eine Ziege hinter sich herzog.

»Guten Morgen, Herr Lehrer«, sagte sie.

»Guten Morgen, Irma«, sagte Schütz, den die unerwartete Begegnung aus dem Konzept brachte. »Ist dein Vater auf dem Acker?«

»Im Haus.« Irma zeigte auf den mit Sacktuch verhängten Eingang. Sie lächelte noch immer, die Sonne auf den Wangen, als wäre dieses matschige, mühsame Leben, wie sie es nie anders gekannt hatte, nur eine Übergangslösung, die Vorbereitung auf eine entfernte, schönere Zukunft.

»Danke, Irma.« Er sah lange in ihre Augen. Und in diesem Moment wuchs Schütz, der sich bisher nicht klar darüber gewesen war, was er dem alten Wittlich tatsächlich von Vahlens Vorhaben sagen wollte, über sich hinaus. Als er Irmas Lächeln sah, nahm der Lehrer sich feierlich vor, alles zu tun, um ihr das Fortkommen aus Sehlscheid zu ermöglichen.

Kittels Mädchen (Februar 2007)

Wie so oft hatte Wieland das Gefühl, Kittel habe auf ihn gewartet, als er die Tür zum Büro seines Doktorvaters öffnete. Der Raum lag in einem abgelegenen Flur des Institutsgebäudes, und das Licht der Straße fiel nur spärlich durch die Fenster. Der Professor saß, die Arme auf die Lehne gestützt, rücklings auf seinem Stuhl und blickte den Doktoranden über einen Haufen von Bonbonpapieren hinweg an. Kittel hatte weißes, volles Haar, sein Gesicht wirkte klug, beinahe gerissen. Hartnäckig hielt sich an der Universität das Gerücht, er bevorzuge hübsche Studentinnen. Aber das nervöse Kichern, das seine auffällige Erscheinung bei den Erstsemestern auslöste, schien er gar nicht zu bemerken. Und Wieland war an seinem Professor vor allem die trotzige Nachlässigkeit desjenigen aufgefallen, der ganz mit sich selbst beschäftigt ist.

Mehrere fleckige Kaffeetassen waren über den Tisch verteilt, die Bürolampe stand auf einem aufgeschlagenen Buch. Am Institut war allgemein bekannt, dass Kittels Sekretärin vor einer Weile gekündigt hatte, und Wieland sagte sich, dass der Professor mit seiner Unordnung gegen die Verwaltung protestieren wollte, die sich nicht beeilte, die Stelle neu zu besetzen.

Hans Ullrich Kittel war kein namhafter Germanist. Er hatte in Frankfurt studiert, nach einer wenig beachteten Monographie einige Aufsätze zur klassischen Dramentheorie veröffentlicht und sich seit der Übernahme des Postens in Duisburg ausschließlich um seine Vorlesungen gekümmert. Die meisten seiner Studenten wussten es zu schätzen, dass er ihnen viel Freiraum ließ.

Im kommenden Jahr würde eine einzige Postdoktorandenstelle vergeben werden. Die Fördergelder waren genehmigt. Wieland rechnete sich gute Chancen aus, auch wenn seine Konkurrentinnen sicher nur darauf warteten, dass er mit seinem Dissertationsprojekt scheiterte. »Kittels Mädchen« wurden sie genannt, und Wieland ärgerte sich, dass er als einziger männlicher Anwärter wie selbstverständlich dazugezählt wurde. Er konnte nicht einmal behaupten, die drei Frauen seien unqualifiziert oder unkollegial. Und doch kam es ihm vor, als wären alle ihre Überlegungen zu Schillers Tragödien, zu Hauptmanns Realismus oder zur Polyglossie in Shakespeares Königsdramen allein gegen seine wissenschaftliche Laufbahn gerichtet.

»Noch immer Vahlen?«, fragte Kittel.

»Noch immer Vahlen«, sagte Wieland.

Der Nachlass Peter Vahlens enthielt sicherlich die interessantesten Briefe Gert Gellmanns. Aber bisher blieben alle Anfragen, die Wieland über den Verlag an die Familie des Schriftstellers gestellt hatte, unbeantwortet. Der Lektor hatte ihm lediglich mitgeteilt, es handele sich um eine »schwierige Witwe«, da könne man nichts machen. Inzwischen ließ der Mann sich von seiner Sekretärin verleugnen, wenn Wieland anrief. Er ahnte langsam, warum sich kaum einer seiner Kollegen mit Gegenwartsliteratur beschäftigte.

Etwas Ähnliches schien Gellmann gemeint zu haben, als er ihn bei ihrem ersten Treffen so seltsam begrüßt hatte. Wieland hatte den Dramatiker angeschrieben, und dieser lud ihn umgehend zu einem Theaterfestival im Ruhrgebiet ein. Verloren hatte der Doktorand nach der Vorstellung im Foyer gestanden. Gellmann war umringt von Freunden, mit denen er sich lachend unterhielt. Wieland stellte sich an die Bar und wartete, bis Gellmann etwas bestellen kam. Aber als der Dramatiker schließlich neben ihm stand, wagte Wieland es nicht, ihn anzusprechen. Eine große, schlanke Frau war Gellmann gefolgt, und er legte den Arm um ihre Taille. Dabei sah er Wieland an, als wisse er längst, wer vor ihm stand.

»Wie geht’s?«, fragte Gellmann nach einer Weile. Die Frau musterte Wieland mit herablassender Neugier, während er seinen Namen nannte.

»Ach«, rief Gellmann übertrieben laut. Sein Blick schweifte dabei über den Saal, als wolle er auf diese kuriose Begegnung auch andere aufmerksam machen. »Das ist also der Mann, der mich unsterblich machen will.«

Der Professor zog jetzt einen Ordner aus dem Stapel auf seinem Schreibtisch und ließ ihn in den Mülleimer zu seinen Füßen fallen. »Da haben Sie es wohl mit einer schwierigen Witwe zu tun«, sagte er.

»Wenn ich wenigstens wüsste, wo diese Witwe zu finden ist. Niemand will mir ihre Adresse geben. Es ist, als gebe es sie gar nicht. Sagen Sie, ist das ein feststehender Begriff, ›schwierige Witwe‹?«

»Mein Lieber, es gibt ganze Studien über ›schwierige Witwen‹«, sagte Kittel. »Zumindest sollte es sie geben. Haben Sie noch nie von der Stummer-Witwe gehört? Oder von der des Kanzlers Sandheim?«

»Das sind doch Politiker«, sagte Wieland.

»Ja, aber es geht letztlich immer um dasselbe«, antwortete Kittel. »Verbitterte, renitente, geldgierige Frauen mit allen möglichen Befindlichkeiten und überzogenen Vorstellungen vom Wert ihres Besitzes. Die sitzen auf dem Nachlass und keiner kommt ran. Hat es immer gegeben. Wird es wohl immer geben. Interessant wäre nur zu wissen, wie es mit den Witwern berühmter Frauen aussieht. Den Fall gab es bisher selten.«

»Hat denn niemand die Witwe zumindest aufgesucht? Vahlen war doch ein wichtiger Autor.«

»Sicher. Vielleicht ist sogar alles vollständig durchgesehen, und es hat sich nichts weiter gefunden. Die Witwe behauptet einfach, dass sie niemand an den Nachlass heranlässt, um dem Ganzen eine geheimnisvolle Aura zu geben. Darüber freuen sich Journalisten und junge Wissenschaftler wie Sie. Das hebt den Marktwert, denkt die Witwe. Und vielleicht hat sie sogar recht.«

»Ah, so«, sagte Wieland wenig überzeugt.

»Auf jeden Fall sind Sie mit Ihrer Arbeit schon weit gekommen. Sie können eine kleine Fußnote einfügen, in der Sie anmerken, dass die Erben keine Anstalten gemacht haben, Ihnen zu helfen. Damit werden Sie zum Fortbestehen des Mythos der ›schwierigen Witwe‹ beitragen.«

Kittels Gleichmut begann Wieland zu ärgern. Der Professor wusste doch genau, was die Anstellung am Lehrstuhl für ihn bedeutete und wie sehr sie vom Erfolg seiner Arbeit abhing.

»Da fällt mir etwas ein«, rief Kittel plötzlich. »Kennen Sie Freddy?«

»Nein. Wer ist das?«

»Freddy – der Philosophische Gärtner aus Villa Westerwald.« Mit einer schlecht durchgehaltenen Fistelstimme sprach der Professor weiter: »›Die Margerite denkt im Rosenbeet mehr Licht zu bekommen. Aber sie hat vergessen, dass es sich um ein Rosenbeet handelt.‹«

Wieland verstand nicht, wovon sein Doktorvater redete.

»Mein Armer«, rief Kittel. »Sie kennen Villa Westerwald nicht? Und Sie wollen über Vahlen schreiben? Ach, ja. Die Studenten halten heutzutage nichts vom Fernsehen. Schauen Sie sich das an. Das ist eine Wahnsinns-Sache. Nach drei Folgen können Sie nicht mehr abschalten. Ich bin gerade bei der vierten Staffel. Und noch immer ist die Alte nicht mit ihrer Jugendliebe zusammengekommen. Das Verlagshaus wird vom Urenkel in den Ruin gefahren. Die Tochter schläft mit allem, was zwei Beine hat, Sie verzeihen, aber so geht es da zu.«

»Ich hatte bisher nicht die Zeit …«, entschuldigte sich Wieland.

»Quatsch«, unterbrach ihn Kittel. »Es reicht nicht, Adorno, Foucault und Schiller zu lesen. Das sage ich den Studenten immer wieder. Das Leben! Das Leben müsst ihr kennen! Wie wollt ihr sonst die Penthesilea verstehen?«

Wieland fand Kittels Ausbruch unpassend.

»Westerwald ist etwas anderes als so eine Verfilmung im Fernsehen«, sagte er.

»Ja, ja. Westerwald«, antwortete Kittel. »Peter Vahlen ist ein wunderbarer Romancier. Aber das Buch geht höchstens bis zur Mitte der zweiten Staffel. Da kommt die Tochter zum Beispiel noch gar nicht richtig vor. Ich sage Ihnen, holen Sie sich den Jubiläums-Schuber mit Staffel eins bis fünf. Das lohnt sich.«

Wieland nickte. Er packte seine Papiere zusammen und klopfte auf den Ordner, der das vierte Kapitel seiner Arbeit enthielt und den er dem Professor zum Lesen auf den Schreibtisch gelegt hatte. Er ging gerade aus der Tür, als Kittel ihm noch etwas hinterherrief.

Wieland drehte sich um.

»Das Drehbuch hat übrigens Vahlens Frau geschrieben, die schwierige Witwe.« Dem Doktoranden schien es, als habe der Professor wieder die Stimme des Philosophischen Gärtners imitieren wollen. »Und die Serie spielt – das wissen Sie ja sicher, wenn Sie das Buch gelesen haben – im Westerwald, in Peter Vahlens Heimatort Sehlscheid.«

Wer ist Peter Vahlen? (Januar 1967)

Die Kundgebung hatte bereits angefangen, als Gellmann dazustieß. Er nickte Seeler und Kolpers zu, die weiter vorne auf den Tischen saßen und rauchten. Der Mann hinter dem Pult war ein langhaariger, bebrillter Student der Geschichte. Gellmann hatte ihn schon einmal gesehen. Er konnte nicht reden. Spuckend sprach er von der »marxistisch-leninistischen Grundordnung«, vom »aufrechten Gang« und von der »Revolution«. Aber nach spätestens drei Sätzen merkte jeder, dass er nichts von all dem begriffen hatte.

Gellmann sah einige Mädchen beim Eingang stehen und ging zu ihnen hinüber.

»Läuft das schon lange so?«, flüsterte er der Blondine neben sich ins Ohr.

»Schon eine ganze Weile«, sagte sie gelangweilt.

»Hast du Lust, mit vor die Tür zu gehen?« Die Frau schien Gellmann plötzlich sehr begehrenswert.

»Nein, ich warte auf den nächsten«, sagte sie.

Gellmann verdrehte die Augen. Er hörte dem Studenten noch eine Weile zu, damit es nicht wie ein Rückzug aussah. Dann kämpfte er sich weiter nach vorn in Richtung Seeler.

»Hast du eine Zigarette für mich?«

»Hast du die Handzettel?«

»Nicht gedruckt, wenn du das meinst. Ich habe ein paar Texte mitgebracht. Was Einfaches mit Pointe und so. Sollte funktionieren. Drucken müsst ihr selber.«

»Praxis, Mann, Praxis«, sagte Seeler.

»Ist das etwa keine Praxis?« Gellmann reichte ihm einen Packen zerknitterter Zettel, die er in der Hemdtasche getragen hatte.

Jetzt ging der nächste Redner auf die Bühne zu – ein großer, verdrießlich aussehender Typ mit halblangen Haaren und abgewetztem Jackett. Als er das Treppchen hochstieg, stolperte er und fiel fast hin.

»Das ist Peter Vahlen aus Frankfurt«, sagte Kolpers an Seeler gewandt.

»Wer ist Peter Vahlen?«, fragte Gellmann.

»So einer wie du. Bloß effektiver.«

Gellmann überlegte kurz, ob er die Beleidigung ernstnehmen sollte. Kolpers war einer der Asta-Sprecher. Er fühlte sich zuständig für die Verbindung der Universität mit den Arbeitern. Aber vor allem hatte er schon mehrere wichtige Partys organisiert. Gellmann grinste und wollte einen Witz machen, als Kolpers ihn mit einer Geste in Richtung der Bühne unterbrach.

»Es geht los.«

Der Typ räusperte sich und ruckelte umständlich am Pult herum. Seine Schultern waren hochgezogen, trotzdem wirkte er gelassen. Gellmann hatte ihn noch nie gesehen. Aber den Namen Vahlen meinte er schon einmal gehört zu haben.

Er sah zu der Blondine hinüber, die den neuen Mann auf der Bühne nicht aus den Augen ließ. Aus der Ferne hatte sie eine ziemlich dicke Nase und gar keine Brust. Sie flüsterte ihrer Freundin etwas zu. Ihre Freundin lächelte. Sie hatte ebenfalls hellblondes Haar, war aber schlanker und hatte feinere Züge. Sie sah großartig aus.

»Scheiße«, sagte Gellmann leise.

Jetzt faltete der Typ ein Blatt Papier auseinander, zog eine halbleere Flasche Bier aus seiner hinteren Hosentasche und nahm einen langen Schluck. Er las eine Geschichte. Irgendetwas von einem jungen Paar, das kein Hotelzimmer bekommen konnte, weil es nicht verheiratet war. Und am Ende sagte er, wenn diese Gesellschaft es weiterhin verbot, dass Menschen, die sich liebten, zusammen sein konnten, dann werde das ganze autoritäre Scheißsystem trotz der Springerpresse und trotz des imperialistischen Vietnamkriegs bald von allein zusammenbrechen.

Vahlen würde recht behalten. Das dachte Gellmann an diesem späten Morgen im Januar 1967. Und vielleicht konnte Vahlen mit seinen schlichten, einleuchtenden Ideen sogar dazu beitragen, dass es so kommen würde. Vielleicht mehr als Gellmann, der halbherzig Sprüche für Fabrikarbeiter verfasste und mit dem revolutionären Straßentheater durch die Republik tingelte. Seit Wochen fanden an den Berliner Universitäten keine Vorlesungen mehr statt. Von morgens bis abends wurden neue Formen des Zusammenlebens debattiert. Aber dass ausgerechnet hier alle Blicke an Vahlens Lippen hingen – ein Typ aus Frankfurt, der einen drittklassigen Text vorlas, als ob es Ibsen wäre –, darüber kam Gert Gellmann nicht hinweg.

Die schönste Frau (April 2007)

Der Salon der Witwe glich einer Bibliothek, so vollgestellt war er mit Bücherregalen und Sofas, auf denen sich Bücher in ungeordneten Haufen stapelten. Der Esstisch war mit Landkarten, Zeitschriften und schweren Bildbänden bedeckt. Vor einem der Regale stand ein Mädchen, etwa vierzehn, fünfzehn Jahre alt, und blickte zu ihnen herüber. Sie trug ein rosa Kleid, von dessen Rücken zwei Stoff-Flügel herunterhingen. Ihr Gesicht war wie das Kostüm von einer geradezu synthetischen Lieblichkeit und erinnerte Wieland – er brauchte eine Weile, um sich darüber klar zu werden – an die Handschuhe, die seine Mutter ihm als Kind vor dem Schlafengehen angezogen hatte, damit er sich nicht zerkratzte.

»Bist du gar nicht bei den Pferden, Alexia?«, fragte die Witwe.

Das Mädchen stellte zunächst das Buch, das es in der Hand hielt, zurück in das Regal, dann erst wandte es sich ihnen langsam wieder zu. »Montags nicht«, sagte es, als müsste die Witwe Bescheid wissen.

Alexia setzte sich in einen der Sessel am Fenster, zog ihre überlang wirkenden Arme und Beine an und blickte den Doktoranden weiterhin unverwandt und beinahe unhöflich an. Wieland überlegte, ob sie nicht doch jünger war, als er zuerst gedacht hatte.

In diesem Moment sah er vom anderen Ende des Raumes eine Frau auf sich zukommen, kaum älter als er. Sie war schmal und ähnlich feenhaft wie das Mädchen, nur wirkte sie auf reifere Art entschlossen. Über dem ärmellosen Kleid trug sie einen breiten Schal. Sie reichte ihm die Hand.

Wieland räusperte sich. Es fiel ihm schwer, ihr in die Augen zu schauen. Ihre Schönheit irritierte ihn. Er drückte die Tasche an seine Brust, zwang sich, seine Rechte auszustrecken, merkte zu spät, dass sie ihm die Linke gegeben hatte, verdrehte ungeschickt seinen Arm und schrak bei der ersten Berührung gleich wieder zurück.

»Ich beiße nicht«, sagte sie lachend.

»Nein, entschuldigen Sie.« Er schaute unwillkürlich nach der rechten Hand der Frau, die sie offenbar in den Schal gewickelt hatte. Und dann dachte er, dass dort vielleicht gar nichts war.

»Herr Wieland aus Duisburg«, sagte die Witwe mit einem Lachen, als habe er einen Witz gemacht. »Der Herr Doktorand publiziert zu Gellmann und sucht seine Briefe. Also hat er beschlossen, uns zu besuchen.« Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. »Judith, meine Tochter. Und das ist Alexia, meine Enkeltochter.«

»Wieland.« Er hustete. »Entschuldigung. Wieland.« Die plötzliche Gelöstheit der Witwe beunruhigte ihn fast mehr, als die Nähe ihrer schönen Tochter und deren fehlende Hand.

»Judith Gellmann-Vahlen.« Sie lächelte. »Nennen Sie mich Judith.«

»Gellmann?«

»Ich war früher mit Gert Gellmann verheiratet. Wussten Sie das nicht?«

»Ich glaube nicht, dass Herr Wieland die Zeitungen nach Details aus dem Privatleben von Schriftstellern durchsucht«, sagte die Witwe, und er wusste nicht, ob das ironisch gemeint war.