Schlief ein goldnes Wölkchen - Anatoli Pristawkin - E-Book
SONDERANGEBOT

Schlief ein goldnes Wölkchen E-Book

Anatoli Pristawkin

0,0
16,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Ein wiederentdecktes Meisterwerk: berührend und bristant.

Fünfhundert Kinder aus einem Moskauer Waisenhaus werden im Sommer 1944 in den Kaukasus verschickt, unter ihnen Saschka und Kolka. Die elfjährigen Zwillinge hoffen, endlich ihren quälenden Hunger hinter sich zu lassen. Doch bereits ihre Ankunft wird von bedrohlichen Detonationen in den nahe gelegenen Bergen begleitet. Bewaffnete Tschetschenen, die der Zwangsaussiedlung entfliehen konnten, setzen sich erbittert gegen die russischen Eindringlinge zur Wehr – und die Brüder geraten nach Momenten überwältigenden Glücks in größte Gefahr. Anatoli Pristawkin bringt die politischen Realitäten so ungeschönt zur Sprache, dass sein Werk in Russland erst mit Beginn der Perestroika erscheinen durfte.

»Obwohl Pristawkin keine Empathie vorgibt, die kein Opfer für seinen Täter zu empfinden braucht, vermag er dennoch, Verständnis für die Tschetschenen zu wecken, die in Rußland bis heute die Schwarzen geblieben sind. Das ist dann schon die hohe Kunst der Literatur und womöglich noch wichtiger, als den Feind zu lieben: ihn zu verstehen.« Navid Kermani.

Jetzt in aktualisierter und überarbeiteter Übersetzung der unzensiert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 442

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über das Buch

Ein wiederentdecktes Meisterwerk: berührend und bristant.

Fünfhundert Kinder aus einem Moskauer Waisenhaus werden im Sommer 1944 in den Kaukasus verschickt, unter ihnen Saschka und Kolka. Die elfjährigen Zwillinge hoffen, endlich ihren quälenden Hunger hinter sich zu lassen. Doch bereits ihre Ankunft wird von bedrohlichen Detonationen in den nahe gelegenen Bergen begleitet. Bewaffnete Tschetschenen, die der Zwangsaussiedlung entfliehen konnten, setzen sich erbittert gegen die russischen Eindringlinge zur Wehr – und die Brüder geraten nach Momenten überwältigenden Glücks in größte Gefahr. Anatoli Pristawkin bringt die politischen Realitäten so ungeschönt zur Sprache, dass sein Werk in Russland erst mit Beginn der Perestroika erscheinen durfte.

»Obwohl Pristawkin keine Empathie vorgibt, die kein Opfer für seinen Täter zu empfinden braucht, vermag er dennoch, Verständnis für die Tschetschenen zu wecken, die in Rußland bis heute die Schwarzen geblieben sind. Das ist dann schon die hohe Kunst der Literatur und womöglich noch wichtiger, als den Feind zu lieben: ihn zu verstehen.« Navid Kermani.

Jetzt in aktualisierter und überarbeiteter Übersetzung der unzensiert.

Über Anatoli Pristawkin

Anatoli Pristawkin, geboren 1931 bei Moskau, studierte am dortigen Literaturinstitut. In Sibirien war er Korrespondent der Literarischen Zeitung (Literaturnaja Gaseta), zudem Mitbegründer der Schriftstellervereinigung »April«. Von 1992 bis 2001 fungierte er als Vorsitzender der von Präsident Jelzin ins Leben gerufenen Begnadigungskommission, wofür er 2002 den angesehenen deutsch-russischen Aleksandr-Men-Preis erhielt. Er suchte zweimal den Kriegsschauplatz in Tschetschenien auf und berichtete über die russischen Verbrechen. Europaweit hielt er Vorträge gegen die Todesstrafe, gegen Gewalt, Korruption, Machtmissbrauch und Unterdrückung.

Thomas Reschke, geboren 1932, Lektor, Redakteur und Übersetzer, übertrug etwa 150 Werke aus dem Russischen ins Deutsche, darunter Michail Bulgakow, Boris Pasternak, Jewgeni Jewtuschenko. Er erhielt 2000 das Bundesverdienstkreuz, 2001 den Übersetzerpreis der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen, 2002 die Dankurkunde des russischen Kulturministers.

Ganna-Maria Braungardt, geboren 1956, studierte russische Sprache und Literatur in Woronesh (Russland). Seit 1991 arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin und übertrug u. a. Ljudmila Ulitzkaja, Boris Akunin, Jewgeni Wodolaskin und Leonid Zypkin ins Deutsche. Ganna-Maria Braungardt lebt in Berlin.

Christina Links, geb. 1954 in Berlin, Slawistik-Studium in Leningrad, von 1981 bis 2001 Lektorin im Verlag Volk & Welt Berlin, danach Lektorin/Dramaturgin im henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin; seit Dezember 2014 freiberuflich als Übersetzerin, Lektorin und Literaturagentin tätig; Mitkuratorin von Literaturausstellungen über Michail Bulgakow (1996) und Warlam Schalamow (2013).

ABONNIEREN SIE DEN NEWSLETTERDER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

die besten Neuerscheinungen aus unserem vielfältigen ProgrammLesungen und Veranstaltungen rund um unsere BücherNeuigkeiten über unsere AutorenVideos, Lese- und Hörprobenattraktive Gewinnspiele, Aktionen und vieles mehr

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Anatoli Pristawkin

Schlief ein goldnes Wölkchen

Roman

Aus dem Russischen von Thomas Reschke Neu überarbeitet von Ganna-Maria Braungardt und Christina Links

Mit einem Nachwort von Navid Kermani

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Nachwort

Anmerkungen

Impressum

Diese Erzählung widme ich allen, die dieses Kind der Literatur als ihr eigenes annahmen, als es kein Obdach fand, und so ihren Autor nicht verzweifeln ließen.

1

Das Wort kam ganz von selbst auf, so wie auf dem Feld der Wind entsteht.

Es kam auf, raschelte, huschte durch die nahen und fernen Winkel des Waisenhauses: »Kaukasus! Kaukasus!« Wieso Kaukasus? Wo kam der plötzlich her? Tja, das konnte keiner vernünftig erklären.

Komische Idee, in dem schmuddeligen Moskauer Vorort vom Kaukasus zu reden. Den kannte das Waisenhausvölkchen doch nur vom Vorlesen in der Schule (Lehrbücher hatten sie ja keine!), jedenfalls gab es den früher mal, in einer weit zurückliegenden unbegreiflichen Zeit, als der tollkühne, schwarzbärtige Bergbewohner Hadshi Murat auf seine Feinde ballerte, als der Anführer der Muriden, Imam Schamil, sich in der belagerten Festung verteidigte und die russischen Soldaten Shilin und Kostylin in einer tiefen Grube hockten.

Und Petschorin, einer von diesen »überflüssigen Menschen«, der ist auch im Kaukasus rumgereist.

Na, und die Papirossy! Einer der Kusmin-Zwillinge hatte sie bei einem Oberstleutnant aus dem Lazarettzug gesehen, der auf der Station Tomilino steckengeblieben war.

Ein paar gezackte Schneeberge, davor ein Reiter im schwarzen Filzumhang auf einem wilden Pferd. Er reitet nicht, er fliegt fast durch die Luft. Darunter in ungleichmäßiger, eckiger Schrift das Wort: KASBEK.

Der schnauzbärtige Oberstleutnant, ein schöner junger Mann mit Kopfverband, betrachtete eine bildhübsche Krankenschwester, die ausgestiegen war, um sich die Bahnstation anzusehen, und klopfte vielsagend mit dem Fingernagel auf die Pappschachtel mit den Papirossy, ohne zu bemerken, dass neben ihm der zerlumpte kleine Kolka mit verblüfft aufgesperrtem Mund und angehaltenem Atem auf die kostbare Schachtel starrte.

Eigentlich wollte Kolka ein Stückchen Brot von einem Verwundeten abstauben, stattdessen entdeckte er die Schachtel KASBEK!

Aber was hatte der Kaukasus damit zu tun? Das Gerücht?

Rein gar nichts.

Und es blieb unbegreiflich, wie dieses Wort, das funkelte wie eine gezackte glitzernde Eiskante, hier geboren worden war, wo es eigentlich nicht geboren werden konnte, nämlich im Waisenhausalltag, der bestimmt war von Kälte und ewigem Hunger. Das ganze mühselige Dasein der Kinder drehte sich um nichts anderes als um eine winzige gefrorene Kartoffel oder um Kartoffelschalen oder – als Gipfel aller Wünsche und Träume – um ein Stückchen Brot, mit dem sie weiterexistieren, den nächsten Kriegstag überleben konnten.

Der sehnlichste und zugleich unerfüllbarste Traum jedes der Kinder war es, wenigstens einmal ins Allerheiligste des Waisenhauses vorzudringen: in den BROTSCHNEIDERAUM – großgeschrieben, denn dieser Raum war in den Augen der Kinder höher und unerreichbarer als irgendein KASBEK!

Dort arbeiten zu dürfen, das war, wie vom Herrgott ins Paradies geschickt zu werden, das traf nur die Auserwählten, die Erfolgreichsten, man kann auch sagen: die Glücklichsten auf der Welt!

Zu denen gehörten die Kusmin-Zwillinge nicht.

Und es war nicht daran zu denken, dass sie je dort hineinkommen würden. Dies war das Vorrecht der Kriminellen unter den Zöglingen, die der Miliz entwischt waren und in dieser Zeit das Waisenhaus und sogar die ganze Siedlung beherrschten.

In den Brotschneideraum hineinzugelangen, aber nicht wie die Auserwählten als Herren, sondern als Mäuschen, nur für eine Sekunde, für einen winzigen Augenblick, das war es, wovon sie träumten! Nur um ein einziges Mal den ganzen gewaltigen Reichtum der Welt zu sehen, nämlich die sich auf dem Tisch türmenden buckligen Brotlaibe.

Um dann einzuatmen, nicht mit der Brust, sondern mit dem Bauch. Den berauschenden, benebelnden Brotgeruch einzuatmen.

Nur das. Mehr nicht.

Sie träumten nicht einmal von den Krümeln, die ja zurückbleiben mussten von den gestapelten, sich mit ihren Krusten aneinander reibenden Brotlaiben. Die sollten ruhig die Auserwählten einsammeln und genießen. Das stand ihnen rechtmäßig zu.

Aber wie sehr sie sich auch an die eisenbeschlagene Tür des Brotschneideraums schmiegten, das war kein Ersatz für die phantastische Vorstellung in den Köpfen der Kusmin-Brüder, denn der Geruch drang nicht durch das Eisen.

Legal durch diese Tür zu schlüpfen war aussichtslos. Das war abstrakte Phantastik, die beiden Brüder aber waren Realisten. Dennoch träumten sie auch ganz konkret.

Und dieser Traum führte Kolka und Saschka im Winter des Jahres vierundvierzig zu einem Entschluss: Sie mussten in den Brotschneideraum eindringen, in das Reich des Brotes. Unbedingt, egal wie.

In diesen besonders trostlosen Monaten, in denen es unmöglich war, eine gefrorene Kartoffel zu erbeuten, geschweige denn einen Krümel Brot, ging es über ihre Kräfte, an dem Häuschen mit der eisernen Tür vorbeizugehen. Daran vorbeizugehen und zu wissen, sich beinahe bildlich vorzustellen, wie hinter diesen grauen Mauern, hinter dem verdreckten und vergitterten Fenster die Auserwählten mit Messer und Waage hantierten. Und wie sie das etwas feuchte, lockere Brot säbelten und schnitten und kneteten und sich die warmen, leicht salzigen Krümel in den Mund schütteten, die dicken Bruchstücke aber für den Pachan, den Oberganoven, aufhoben.

Der Mund füllte sich mit Speichel. Ein Krampf zog den Bauch zusammen. Der Kopf trübte sich. Sie hätten heulen, brüllen und schlagen mögen, schlagen gegen die eiserne Tür, damit sie aufschlossen, öffneten und endlich begriffen: Wir wollen auch! Sollen sie uns hinterher in den Karzer stecken oder sonst wohin … Sollen sie uns bestrafen, verprügeln, totschlagen … Aber erst einmal wollen wir es sehen, das Brot, und sei es von der Tür aus, wollen sehen, wie es aufragt, ein großer Haufen auf der von Messern zerkerbten Tischplatte, wie ein Berg, wie der Kasbek … Und wie es riecht!

Dann könnte man wieder leben. An etwas glauben. Wenn ein Berg Brot daliegt, dann existiert die Welt … Dann kann man dulden und schweigen und weiterleben.

Ihre winzige Ration, die minderte den Hunger nicht, selbst wenn sie noch ein Stückchen Brot mehr bekamen. Der Hunger wurde nur noch stärker.

Einmal hatte ihnen die dumme Lehrerin was von Tolstoi vorgelesen, da verspeiste der alternde Kutusow während des Krieges ein Hähnchen und knabberte lustlos, fast mit Abscheu am zähen Flügel …

Den Kindern kam diese Szene reichlich phantastisch vor. Was der Mann sich ausdachte! Der Flügel schmeckte ihm nicht! Sie selber wären auf der Stelle selbst für den abgenagten Knochen sonst wohin gelaufen. Nachdem die Lehrerin das vorgelesen hatte, zog es ihnen noch mehr den Bauch zusammen, und sie verloren für immer den Glauben an die Schriftsteller: Wenn die darüber schreiben, dass einer ein Hähnchen nicht essen will, dann haben die sich wohl selber überfressen!

Seit der Geier, der schlimmste Verbrecher des Waisenhauses, davongejagt worden war, waren viele große und kleine Ganoven durch das Waisenhaus Tomilino gegangen, hatten hier, fern der Miliz ihrer Heimatorte, für den Winter ihr Diebsquartier eingerichtet.

Unverändert blieb nur eines: Die Starken fraßen alles weg und überließen den Schwachen die Krümel, oder nur den Traum von Krümeln, und trieben die Kleinen in die sicheren Netze der Sklaverei.

Für eine Brotrinde kam man für einen Monat oder für zwei in die Sklaverei.

Die vordere Kruste der Ration – die knusprigste, schwärzeste, dickste und begehrteste, also die obere vom Brotlaib – kostete zwei Monate; die hintere Rinde, also die untere vom Brotlaib, blasser, dünner und weniger knusprig, kostete einen Monat Sklaverei.

Und wer erinnerte sich nicht daran, wie Waska Morchel, der auch elf Jahre alt war wie die Kusmin-Zwillinge, für eine hintere Rinde ein halbes Jahr als Sklave gedient hatte, bis sein Onkel, ein Soldat, ihn mitnahm. Er hatte alles Essbare abgeben müssen und sich von Baumknospen ernährt, um nicht zu krepieren.

Die Kusmin-Zwillinge verkauften sich in den schweren Zeiten manchmal auch. Aber sie verkauften sich stets zu zweit.

Klar, man hätte aus den beiden Brüdern einen Menschen machen können, so wäre ihnen im ganzen Waisenhaus niemand an Alter und möglicherweise an Kraft gleichgekommen.

Aber die Kusmin-Zwillinge wussten auch so um ihre Überlegenheit.

Mit vier Händen klaut sich’s leichter als mit zweien; vier Beine entwischen schneller. Und vier Augen erst, die sehen viel schärfer, wann es zuzugreifen gilt, wenn irgendwo was schlecht verwahrt liegt.

Während zwei Augen mit der Arbeit beschäftigt sind, halten die anderen zwei Wache. Und sie passen obendrein auf, dass ihnen beiden nichts weggeschnappt wird, ein Kleidungsstück, die Matratze, auf der sie schlafen und im Traum Bilder aus dem Brotschneideraum sehen. Denn: Was starrst du auf den Brotschneideraum, wenn sie dich selber beklaun!

Die Möglichkeiten der Kusmin-Zwillinge waren nicht zu zählen. Wollen mal sagen, einer von ihnen wird auf dem Markt geschnappt und soll zum Kittchen geschleppt werden. Er wimmert, heult, sucht Mitleid zu wecken, der andere aber lenkt ab. Und drehen sich die Greifer nach diesem zweiten um, so macht der erste flitz und ist weg. Und der zweite hinterher. Beide Brüder waren flink, wendig und geschmeidig, und waren sie einmal losgelassen, so fasste man sie nicht wieder.

Die Augen guckten, die Hände schnappten, die Beine trugen davon.

Aber das Ganze musste vorher in einem Köpfchen ausgebrütet werden. Ohne einen zuverlässigen Plan, wie, wo und was gemaust werden sollte, ließ sich schwer überleben.

Die beiden Köpfe der Kusmin-Zwillinge brüteten verschieden.

Saschka, eher nachdenklich, ruhig und still, holte die Ideen aus sich heraus. Wie und auf welche Weise sie in ihm entstanden, wusste er selber nicht.

Kolka, gerissen, zupackend, praktisch, erwog blitzschnell, wie diese Ideen ins Leben umzusetzen waren. Denn das bedeutete Beute. Genauer gesagt: was zum Futtern.

Wenn sich etwa Saschka den weißblonden Kopf kratzte und sagte, ob sie nicht, wollen mal sagen, zum Mond fliegen sollten, dort gebe es haufenweise Ölkuchen, dann würde Kolka nie sofort antworten: »Nein.« Er würde zunächst die Idee mit dem Mond durchdenken, würde erwägen, auf was für einem Luftschiff sie dorthin fliegen könnten, und erst dann fragen: »Wozu? Klauen können wir auch in der Nähe.«

Es kam aber auch vor, dass Saschka seinen Bruder verträumt ansah und der wie ein Radio Saschkas Idee aus dem Äther fischte. Und sogleich darüber nachsann, wie sie zu verwirklichen sei.

Ein goldenes Köpfchen hatte Saschka, beeindruckend wie der Palast der Sowjets. Den hatten die Brüder mal auf einem Bild gesehen. Amerikanische Wolkenkratzer mit hundert Etagen reichten längst nicht so hoch. Wir sind nämlich die Ersten, die Größten!

Die Brüder waren in etwas anderem die Ersten. Sie begriffen als Erste, wie sie den Winter vierundvierzig überstehen konnten, ohne zu krepieren.

Bei der Revolution in Petersburg hat man bestimmt nicht vergessen, außer der Post, dem Telegrafenamt und dem Bahnhof auch den Brotschneideraum zu besetzen!

Die Brüder schlichen um den Brotschneideraum herum, wie schon oft. Obwohl solche Spaziergänge die Qualen vermehrten. Aber an diesem Tag war’s kaum noch auszuhalten.

»Ach, hab ich einen Kohldampf … Ich könnt die Tür durchnagen! Die gefrorene Erde unter der Schwelle essen!« So wurde es laut ausgesprochen. Saschka hatte es ausgesprochen, und plötzlich kam ihm die Erleuchtung. Wozu die Erde essen, man konnte … Man konnte sie doch … Ja, ja! Genau! Man konnte sie weggraben!

Graben! Aber natürlich, graben!

Er sagte es nicht, er sah nur Kolka an. Und der empfing das Signal, wiegte den Kopf, ging die Varianten durch, schätzte sie ab. Aber er sagte nichts, nur seine Augen funkelten raublustig.

Wer es erlebt hat, weiß: Der Mensch wird besonders erfinderisch und zielstrebig, wenn er hungert, zumal ein Waisenhauskind, das im Krieg sein Gehirn darauf trainiert hat, was wo zu erbeuten ist.

Ohne ein Wörtchen zu sagen (sie waren von Hungermäulern umgeben, wenn die was hörten, trugen sie’s rum, und dann war’s mit jeder noch so genialen Idee von Saschka aus), begaben sich die Brüder gradewegs zu dem kleinen Schuppen, von dem es bis zum Waisenhaus an die hundert, bis zum Brotschneideraum an die zwanzig Meter waren. Der Schuppen stand genau hinter dem Brotschneideraum.

Im Schuppen schauten sich die Brüder um. Wie auf Kommando blickten sie gleichzeitig in den entlegensten Winkel, wo hinter nutzlosem Schrott und Ziegelbruch der Schlupfwinkel von Waska Morchel gewesen war. Damals, als hier noch Brennholz aufbewahrt wurde, wusste niemand außer den Kusmin-Zwillingen, dass sich dort sein Onkel Andrej versteckte, der Soldat, dem sie die Waffe geklaut hatten.

Saschka fragte flüsternd: »Ist es nicht zu weit?«

»Von wo soll’s näher sein?«, fragte Kolka zurück.

Beide wussten, dass es keinen näheren Ausgangspunkt gab.

Das Schloss aufzubrechen wäre viel einfacher gewesen. Es kostete weniger Arbeit und weniger Zeit. Und sie hatten ja nur noch wenig Kraft. Aber es hatten schon andere versucht, das Schloss vom Brotschneideraum aufzubrechen, nicht nur die Kusmin-Zwillinge waren auf diesen blendenden Gedanken gekommen. Die Direktion hatte daraufhin ein Speicherschloss vor die Tür gehängt, acht Kilo schwer! Das war höchstens mit einer Handgranate wegzusprengen. Häng das einem Panzer vor den Bug, und keine feindliche Granate kann ihm was anhaben.

Das kleine Fenster war nach einem vergeblichen Einbruchsversuch vergittert worden, und zwar mit so dicken Stäben, dass ihnen weder mit Meißel noch mit Brecheisen beizukommen war – da musste ein Schweißgerät her.

Auch den Gedanken mit dem Schweißgerät hatte Kolka erwogen, er wusste eine Stelle, wo Karbid lag. Aber wie sollten sie das herbeischleppen und anzünden, bei den vielen Augen ringsum?

Nur unter der Erde gab es keine fremden Augen.

Die letzte Variante, nämlich auf den Brotschneideraum gänzlich zu verzichten, kam für die Kusmin-Zwillinge nicht in Betracht.

Im Laden, auf dem Markt und erst recht bei den Leuten zu Hause war jetzt nichts Essbares zu holen. Obwohl Saschkas Kopf voll war von solchen Varianten. Ein Jammer, dass Kolka keine Möglichkeit zur Realisierung sah.

In dem kleinen Laden war die ganze Nacht ein Wächter, ein böser alter Zausel. Er trank nicht und schlief nicht, dazu reichte ihm der Tag. Der reinste Kettenhund.

Die unzähligen Häuser ringsum aber waren voller Flüchtlinge. Da stand es schlecht mit was zum Futtern. Die Leute sahen selber zu, wo sie was erwischen konnten.

Die Kusmin-Zwillinge hatten ein Häuschen auf dem Kieker, aber das war zu Zeiten des Geiers von den Älteren ausgeräumt worden.

Allerdings hatten der Geier und seine Kumpane damals weiß der Kuckuck was geklaut: Klamotten und eine Nähmaschine. Die hatten sie nachher in diesem Schuppen lange der Reihe nach gekurbelt, bis das Handrad abging und schließlich auch alles Übrige auseinanderfiel.

Genug von der Nähmaschine. Den Zwillingen ging es um den Brotschneideraum. Nicht um die Waage und die Gewichte, nur um das Brot, nur dafür ließen die Brüder ihre beiden Köpfe wild rauchen.

Und kamen zum Ergebnis: »In unserer Zeit führen alle Wege zum Brotschneideraum.«

Der war die reinste Festung. Aber bekanntlich gibt es keine Festung, das heißt keinen Brotschneideraum, dem ein hungriges Waisenhauskind nicht beikäme.

Im tiefsten Winter, als die ganze Bande verzweifelt daran scheiterte, auf der Station oder auf dem Markt irgendwas Essbares zu schnappen, und sie alle ständig froren, selbst am Ofen, wenn sie Hintern, Rücken und Kopf dagegenpressten, um einen winzigen Hauch Wärme einzusaugen, und sich wenigstens einbildeten, warm zu werden – ihre Körper hatten die Tünche schon bis auf die Ziegelmauerung abgewetzt –, im tiefsten Winter also schritten die Kusmin-Zwillinge zur Realisierung ihres unwahrscheinlichen Planes, und genau in diesem Unwahrscheinlichen lag die Möglichkeit des Erfolgs.

Sie begannen die Aufschlussarbeiten, wie ein erfahrener Baufachmann es genannt haben würde, im hintersten Winkel des Schuppens mit Hilfe einer krummen Brechstange und einer Sperrholzplatte.

Sie umklammerten die Brechstange (da waren sie, die vier Hände!), hoben sie hoch und schlugen sie mit einem dumpfen Laut gegen die gefrorene Erde. Die ersten Zentimeter waren die schwersten. Die Erde dröhnte.

Auf der Sperrholzplatte trugen sie den Aushub in die andere Ecke des Schuppens, bis sich dort ein Hügel gebildet hatte.

Einen ganzen Tag lang, an dem es schneite und so stürmte, dass der Schnee den Kusmin-Zwillingen die Augen verklebte, schafften sie die Erde weit weg in den Wald. In den Hosentaschen, unterm Hemd – sie konnten sie schließlich nicht offen in den Händen tragen. Bis sie auf die Idee kamen, dafür eine ihrer Schultaschen zu benutzen.

In die Schule gingen sie jetzt abwechselnd, und sie gruben abwechselnd: Einen Tag wühlte Kolka, einen Tag Saschka.

Wer von beiden in die Schule ging, saß zwei Stunden als er selber ab (Kusmin? Welcher Kusmin ist heute da? Kolka? Wo ist denn der andere, Saschka?) und dann als sein Bruder. So waren sie wenigstens den halben Unterricht da. Nun, ständige Anwesenheit verlangte auch niemand von ihnen. Wäre ja auch noch schöner! Hauptsache, man strich ihnen im Waisenhaus nicht das Mittagessen.

Das Mittagessen aber oder das Abendbrot konnten sie nicht abwechselnd einnehmen, das würden die Älteren, die Schakalen, sofort wegputzen. Da stellten sie das Graben ein und gingen gemeinsam in den Speiseraum wie zum Sturmangriff.

Niemand fragte, niemand interessierte sich, ob da Saschka mampfte oder Kolka. Beim Essen waren sie ein Ganzes: die Kusmin-Zwillinge. Einer wäre nur die Hälfte. Aber einzeln sah man sie hier selten, eigentlich nie.

Gemeinsam kamen sie, gemeinsam aßen sie. Auch schlafen legten sie sich gemeinsam.

Wenn man sie verprügelte, dann verprügelte man sie beide und fing mit dem an, den man als Ersten zu fassen bekam.

2

Das Graben war in vollem Gange, als sich die sonderbaren Gerüchte vom Kaukasus verdichteten.

Ohne jeden Anlass, aber hartnäckig wurde in den Winkeln des Schlafsaals bald leise, bald lauter immer dasselbe wiederholt: Das Waisenhaus solle von seinem angestammten Platz in Tomilino verlegt werden, und sie müssten allesamt in den Kaukasus ziehen.

Die Erzieher sollten mit, der dumme Koch, die schnurrbärtige Musiklehrerin und der invalide Direktor … (»Invalide der geistigen Arbeit!«, hieß es halblaut.)

Kurzum, sie alle sollten abtransportiert werden.

Es wurde viel herumgerätselt und alles durchgekaut wie eine Kartoffelschale vom Vorjahr, aber niemand konnte sich vorstellen, wie man diese ganze wilde Horde irgendwohin ins Gebirge treiben wollte.

Die Kusmin-Zwillinge lauschten dem Geschwätz nur mäßig, noch weniger glaubten sie daran. Sie hatten keine Zeit. Zielstrebig, ungestüm trieben sie ihren Schurf voran.

Wozu die Zunge wetzen, wenn selbst ein Idiot begriff, dass es unmöglich war, auch nur ein einziges Waisenhauskind gegen seinen Willen irgendwohin zu schaffen. Man konnte sie ja nicht im Käfig transportieren wie Pugatschow.

Die zerlumpten Gören würden schon beim ersten Halt auseinanderstieben, und sie wieder einzufangen wäre wie Wasserschöpfen mit einem Sieb.

Wenn es dagegen etwa gelänge, einige der Kinder zu überreden, so würde es mit keinem Kaukasus der Welt ein gutes Ende nehmen. Sie würden ihn bis auf den letzten Faden ausplündern, bis auf den letzten Zweig kahlfressen, sämtliche Kasbeks in Steinchen zerlegen … In eine Wüste verwandeln. In eine Sahara.

So dachten die Kusmin-Zwillinge, und sie gingen graben.

Einer von ihnen stocherte mit dem Eisen die Erde los, sie war locker jetzt, fiel von selber ab, der andere schleppte in einem rostigen Eimerchen den Aushub nach draußen. Als der Frühling kam, stießen sie auf das Ziegelfundament des Hauses, in dem sich der Brotschneideraum befand.

Eines Tages saßen die Kusmin-Zwillinge im hintersten Ende ihres Stollens.

Die dunkelroten, bläulich schimmernden Ziegel, vor langer Zeit gebrannt, ließen sich nur mühsam zerbröckeln, und jedes Stückchen kostete Blut. Die Hände waren voller Blasen, und seitlich schlug es sich nicht gut mit dem Brecheisen.

In dem Stollen konnten sie sich kaum bewegen, Erde rieselte ihnen in den Kragen. Die selbstgemachte Funzel, ein Lappen in einem Tintenfass, das sie im Büro geklaut hatten, biss in den Augen.

Anfangs hatten sie eine richtige Wachskerze gehabt, die auch geklaut war. Aber die hatten sie aufgegessen. Sie konnten nicht anders, der Hunger drehte ihnen die Därme um. Einen Blick gewechselt, ein Blick auf die Kerze – wenig genug, aber immerhin etwas. Sie schnitten sie in zwei Hälften und verspeisten sie, nur der ungenießbare Docht blieb übrig.

Jetzt brannte blakend der Lappendocht; sie hatten eine Nische in die Stollenwand gescharrt, Saschkas Idee war das gewesen, und dort flackerte es bläulich, es gab mehr Blak als Licht.

Die Kusmin-Zwillinge saßen da, angelehnt, verschwitzt, verschmiert, die Knie unterm Kinn.

Plötzlich fragte Saschka: »Na, was ist mit dem Kaukasus? Geschwätz?«

»Geschwätz«, antwortete Kolka.

»Sie werden uns hinjagen, oder?« Da Kolka nicht antwortete, fragte Saschka wieder: »Möchtest du? Hinfahren?«

»Wohin?«, fragte der Bruder.

»In den Kaukasus!«

»Was sollen wir da?«

»Weiß nicht … Interessant.«

»Für mich ist interessant, da reinzukommen!« Wütend schlug Kolka mit der Faust gegen das Fundament. Darüber, höchstens einen oder zwei Meter entfernt, befand sich der ersehnte Brotschneideraum.

Auf dem Tisch, der von Messern zerkerbt ist und säuerlich nach Brot riecht, liegen die Laibe: viele Laibe von graugoldener Farbe. Einer schöner als der andere. Ein Stück Kruste abbrechen, das ist schon Glück. Du lutschst sie, schluckst sie runter. Hinter der Kruste kommt die Krume, eine ganze Wagenladung, musst sie nur rauspuhlen und in den Mund stecken.

Einen ganzen Laib Brot hatten die Kusmin-Zwillinge noch nie in den Händen gehabt. Noch nicht einmal berührt.

Gesehen aber hatten sie schon einen, von weitem natürlich, als im Gedränge des Ladens Brot abgewogen und auf Zuteilungskarten ausgegeben wurde.

Die alterslose hagere Verkäuferin nahm die verschiedenfarbigen Karten: Arbeiterkarte, Angestelltenkarte, Angehörigenkarte, Kinderkarte; nach einem flüchtigen Blick – ihr erfahrenes Auge war wie eine Wasserwaage – auf den Stempel mit der Nummer des Ladens – dabei kannte sie ja bestimmt alle, die in ihrem Laden eingetragen waren – machte sie mit dem Scherchen »schnippschnipp«, und zwei oder drei Abschnitte fielen in den Kasten. In diesem Kasten hatte sie tausend, eine Million von diesen Abschnitten, die jeweils 100, 200 oder 250 Gramm bedeuteten.

Aber jeder Abschnitt, auch wenn es zwei oder drei waren, bedeutete nur den kleinen Teil eines ganzen Brotes, von dem die Verkäuferin mit einem scharfen Messer sparsam ein Stückchen abtrennte. Sie selbst hatte nichts davon, bei dem Brot zu stehen, denn sie war abgemagert und nicht dick geworden.

Ein ganzes, noch von keinem Messer angerührtes Brot hatten die Brüder, sosehr sie auch mit vier Augen Ausschau hielten, niemanden je aus dem Laden tragen sehen.

Ein ganzes Brot, das war ein Reichtum, den man sich nicht vorzustellen traute.

Und was für ein Paradies würde sich auftun, wenn da nicht nur ein oder zwei oder drei Brotlaibe lagen. Ein richtiges Paradies. Ein wahres, gesegnetes Paradies! Wozu da noch ein Kaukasus?

Zumal dieses Paradies gleich nebenan lag, sie hörten schon manchmal durch die Ziegelwand undeutliche Stimmen.

Freilich hörten die vom Ruß blinden und von Erde, Schweiß und Schinderei tauben Brüder in jedem Laut nur das eine: »Brot, Brot …«

In solchen Momenten gruben sie natürlich nicht, sie waren ja nicht blöd. Wenn sie an der Eisentür vorbei zum Schuppen wollten, machten sie extra einen Bogen, um sich zu vergewissern, ob das schwere Schloss vor der Tür hing, es war kilometerweit zu sehen.

Danach stiegen sie hinunter, um das verdammte Fundament zu durchstoßen.

In alten Zeiten hatte man stabil gebaut und gewiss nicht daran gedacht, dass irgendwer die Ziegel wegen ihrer Härte mit saftigen Schimpfworten belegen würde.

Waren die Kusmin-Zwillinge erst drin, lag der ganze Brotschneideraum im trüben Abendlicht erst vor ihren verzückten Augen, dann waren sie so gut wie im Paradies.

Und dann … Die Brüder wussten ganz sicher, was dann.

Sie hatten es genau durchdacht, mit zwei Köpfen, nicht bloß mit einem.

Einen Laib Brot würden sie an Ort und Stelle aufessen. Aber nur einen, damit sich ihnen nicht der Magen umdrehte. Zwei weitere Brote würden sie mitnehmen und sicher verstecken. Darauf verstanden sie sich. Drei Brote also. Mehr durften sie nicht anrühren, wie es sie auch juckte. Sonst würde die hungrige wilde Meute das Haus auseinandernehmen.

Drei Brote, das war so viel, wie ihnen nach Kolkas Berechnung sowieso jeden Tag gestohlen wurde.

Einen Teil nahm sich der dumme Koch; dass er ein Dummkopf war und im Irrenhaus gesessen hatte, wussten alle. Fressen aber tat er wie ein Normaler. Einen weiteren Teil klauten die Brotschneider und die Schakale, die sich bei ihnen herumtrieben. Den Löwenanteil aber kriegten der Direktor, seine Familie und seine Hunde.

Beim Direktor wollten nicht nur die Hunde und das Viehzeug was futtern, da wimmelte es auch noch von Angehörigen und Kostgängern. Und denen allen wurde unentwegt was hingeschleppt vom Waisenhaus … Die Kinder selber schleppten es hin. Und wer schleppte, für den fielen auch Krümel ab.

Die Kusmin-Zwillinge hatten sich genau ausgerechnet, dass wegen des Verschwindens von drei Broten im Waisenhaus niemand Lärm schlagen würde. Man hielt auf den eigenen Nutzen zum Schaden der anderen. Und fertig.

Wer konnte schon Interesse haben, dass Kommissionen von der Volksbildung angesockt kämen (die wollten ja auch gefüttert sein, und sie hatten große Mäuler!), um herauszufinden, wieso geklaut wurde, wie es kam, dass die Kinder von ihren Rationen nicht satt wurden, und wovon die Köter des Direktors so groß waren wie Kälber.

Saschka holte tief Luft und schaute zu Kolkas Faust.

»Doooch«, sagte er versonnen. »Ist ja doch interessant. Ich möcht gern die Berge dort sehn. Die sind bestimmt höher als unser Haus, oder?«

»Na und?«, fragte Kolka wieder; er war sehr hungrig und hatte keinen Sinn für Berge, wie sie auch aussehen mochten. Durch die Erde glaubte er den Geruch des frischen Brotes riechen zu können.

Sie schwiegen ein Weilchen.

»Heut haben wir ein Gedicht gelernt«, erzählte Saschka, der den Unterricht für sie beide abgesessen hatte. »Von Michail Lermontow, ›Der Felsen‹ heißt es.«

Saschka hatte nicht das ganze Gedicht behalten, obwohl es kurz war, anders als das »Lied vom Zaren Iwan Wassiljewitsch, dem jungen Leibwächter und dem kühnen Kaufmann Kalaschnikow« … Uff! Allein der Titel war einen halben Kilometer lang. Ganz zu schweigen von dem Gedicht selbst.

Aus dem »Felsen« hatte Saschka zwei Zeilen behalten.

Schlief ein goldnes Wölkchen unter Sternen,

an des Felsenriesen Brust geborgen … 1

»Geht’s da um den Kaukasus?«, fragte Kolka mit welkem Interesse.

»Klar. Ein Felsen …«

»Wenn der genauso blöd ist wie das hier …« Kolka stieß wieder die Faust gegen das Fundament. »Dein Felsen!«

»Ist nicht meiner!«

Saschka verstummte nachdenklich.

Er dachte längst nicht mehr an Gedichte. Von Gedichten verstand er nichts, da gab’s auch nichts groß zu verstehen. Wenn man sie mit sattem Magen las, hatte das womöglich einen Sinn. Die Langhaarige quälte sie damit immer im Chor, aus dem sie sich längst verdünnisiert hätten, wäre ihnen dann nicht das Mittagessen entzogen worden. Was sollten sie mit Liedern und Gedichten? Ob sie sangen oder Gedichte aufsagten, sie dachten ja doch nur ans Fressen. Hunger und Not denkt nur an Brot.

»Na, und weiter?«, fragte Kolka plötzlich.

»Wie weiter?«, fragte Saschka zurück.

»Was war mit ihm, mit dem Felsen? Ist er auseinandergefallen?«

»Weiß nicht«, sagte Saschka irgendwie dümmlich.

»Wieso nicht? Steht das nicht in dem Gedicht?«

»Was soll sein … Na, diese … Wie denn gleich … Die Wolke, die ist gegen den Felsen gestoßen.«

»So wie wir gegen das Fundament?«

»Na ja, hat ne Runde gepennt … ist weitergezogen …«

Kolka stieß einen Pfiff aus. »Das ist alles?«

»Ja.«

»Was die so zusammenschreiben! Über Hähnchen, über Wölkchen …«

»Was kann ich dafür«, rief Saschka wütend. »Bin ich so ’n Schreiberling?« Aber er war nicht sehr wütend. Er war ja selber schuld, hatte gedöst und nicht auf die Erklärungen der Lehrerin geachtet.

Im Unterricht hatte er sich plötzlich den Kaukasus vorgestellt, wo alles ganz anders war als in ihrem vergammelten Tomilino.

Berge, so groß wie das Waisenhaus, und dazwischen überall Brotschneideräume. Und keiner abgeschlossen. Man brauchte nicht zu graben, man ging rein, wog sich selber was ab und stopfte es in sich hinein. Wenn man rauskam, war da gleich der nächste Brotschneideraum, auch ohne Schloss. Und die Menschen trugen Tscherkessenröcke und Schnurrbärte und waren fröhlich. Sie guckten zu, wie Saschka sich am Essen labte, lächelten, klopften ihm auf die Schulter. »Jakschi«, sagten sie. Oder so ähnlich. Der Sinn war jedenfalls: »Iss doch mehr, wir haben viele Brotschneideräume!«

Es war Sommer. Auf dem Hof wuchs grünes Gras. Niemand verabschiedete die Kusmin-Zwillinge, nur die Erzieherin Anna Michailowna, die dabei bestimmt auch nicht an die Abreise der beiden dachte, denn sie guckte mit kalten blauen Augen über sie hinweg.

Alles war ganz plötzlich gekommen. Das Waisenhaus sollte zwei Ältere auf die Reise schicken, die beiden schlimmsten Kriminellen, aber die hatten sich sofort aus dem Staub gemacht, wie man so sagt, sich in Luft aufgelöst, und da hatten die Kusmin-Zwillinge erklärt, sie wollten in den Kaukasus. Die Papiere wurden umgeschrieben.

Niemand fragte, warum sie plötzlich wegwollten, was für ein Bedürfnis die Brüder in die Ferne trieb. Nur Kinder aus der jüngsten Gruppe waren neugierig, kamen angerannt, zeigten mit dem Finger auf die Kusmins und sagten: »Die da!« Und nach einer Pause: »Wollen in den Kaukasus.«

Doch die Kusmin-Zwillinge hatten einen triftigen Grund für die Abreise, gottlob wusste niemand davon.

Eine Woche zuvor war auf einmal ihr Stollen eingestürzt. An der sichtbarsten Stelle war er zusammengesackt. Damit scheiterten ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben.

Als sie ihn am Abend verlassen hatten, sah alles normal aus, sie waren auch schon fast durch das Fundament durch und brauchten bloß noch den Fußboden zu öffnen.

Als sie aber am Morgen aus dem Haus kamen, standen da der Direktor und die ganze Küchenmannschaft und glotzten: So was, unter der Mauer des Brotschneideraums hatte sich die Erde gesenkt.

Und dann kamen sie darauf: Du meine Güte, ein Stollen!

Ein Stollen unter ihrer Küche, unter ihrem Brotschneideraum.

Das hatte es im Waisenhaus noch nicht gegeben.

Die Zöglinge wurden zum Direktor geschleppt. Erstmal knöpfte man sich die Älteren vor, die Kleineren hatte niemand in Verdacht.

Militärpioniere wurden konsultiert. Ist es möglich, so fragte man, dass Kinder so was graben?

Die Pioniere untersuchten den Stollen, krochen auch hinein, vom Schuppen zum Brotschneideraum, bis zur Einsturzstelle. Dann klopften sie sich den gelben Sand ab und zuckten die Achseln. »Unmöglich, ohne Technik, ohne Spezialausbildung ganz unmöglich, so eine Metro zu graben. Ein erfahrener Soldat würde einen Monat dazu brauchen, wollen mal sagen, wenn er Schanzgerät und Hilfsmittel hat. Aber Kinder … Solche Kinder würden wir zu uns holen, wenn sie wirklich solche Kunststücke fertigbringen.«

»Die bringen noch ganz andere Kunststücke fertig«, sagte der Direktor finster. »Aber diesen Zauberkünstler krieg ich schon.«

Die beiden Brüder standen dabei, inmitten der anderen Zöglinge. Jeder von ihnen wusste, was der andere dachte.

Beide Brüder dachten, dass die Fäden, wenn ernsthaft ermittelt wurde, unweigerlich zu ihnen führen würden. Hatten sie sich nicht die ganze Zeit hier herumgetrieben, hatten sie nicht gefehlt, wenn sich die anderen im Schlafsaal an den Ofen drückten?

Und überall waren Augen! Hatte einer nichts gesehen und ein Zweiter auch nicht, so ein Dritter ganz bestimmt.

Und außerdem, in dem Stollen hatten sie an diesem Abend ihre Funzel zurückgelassen und vor allem Saschkas Schultasche, in der sie das Erdreich zum Wald getragen hatten.

Eine lächerliche Schultasche, aber wenn sie gefunden wurde, waren die Brüder erledigt. Dann mussten sie sowieso abhauen. War’s da nicht besser, sie zogen von selber ohne viel Trara in diesen unbekannten Kaukasus? Zumal gerade zwei Plätze frei geworden waren.

Natürlich konnten die Kusmin-Zwillinge nicht ahnen, dass in irgendwelchen Gebietsbehörden in einem lichten Moment die Idee entstanden war, die Waisenhäuser rund um Moskau zu entlasten, von denen es im Frühjahr 1944 Hunderte gab. Hinzu kamen die obdachlosen Kinder, die Besprisorniks.

Mit der Befreiung des reichen Kaukasuslandes vom Feind ließen sich mit einem Schlag sämtliche Probleme lösen: Man wurde ein paar Hungermäuler los, verminderte die Kriminalität und tat auch noch ein gutes Werk für die Kinderchen.

Und für den Kaukasus, versteht sich.

So sagte man es auch den Kindern: Wenn ihr euch richtig satt futtern wollt, fahrt hin. Da gibt’s alles. Brot gibt’s. Und Kartoffeln. Und sogar Früchte, von deren Existenz ihr Schakale nichts ahnt.

Saschka sagte daraufhin zu seinem Bruder: »Ich will Früchte … Solche, von denen dieser … Na, der zu Besuch war, der hat davon gesprochen.«

Worauf Kolka erwiderte, eine Frucht, das sei eine Kartoffel, das wisse er genau. Außerdem sei der Direktor eine Frucht. Kolka hatte mit eigenen Ohren gehört, wie einer der Pioniere beim Weggehen halblaut gesagt und dabei auf den Direktor gezeigt hatte: »Das ist mir ein Früchtchen … Verkriecht sich hinter den Kindern vor dem Krieg.«

»An Kartoffeln werden wir uns satt essen«, sagte Saschka.

Aber Kolka erwiderte sogleich, diese reiche Gegend würde bald arm werden, wenn man die Schakale dorthin brachte, wo es alles gab. Er habe gelesen, dass die Heuschrecke, die ja viel kleiner sei als ein Waisenkind, nur kahle Erde hinterlasse, wenn sie haufenweis auftrete. Und die habe einen viel kleineren Bauch als unsereiner und könne bestimmt nicht alles durcheinanderfressen. Sie wolle nur diese unbegreiflichen Früchte haben. Wir dagegen würden alles fressen, Laub und Blätter und Blümchen …

Dennoch willigte Kolka ein zu fahren.

Zwei Monate zog es sich hin, bis sie losgeschickt wurden.

Am Abreisetag führte man sie zum Brotschneideraum, natürlich nur bis zur Schwelle. Sie bekamen jeder eine Ration Brot. Keinen zusätzlichen Reiseproviant. Ihr werdet fett leben, hieß es, wo ihr hinfahrt, gibt’s genug Brot, und da wollt ihr hier noch welches!

Die Brüder gingen hinaus und gaben sich Mühe, nicht zu dem Loch an der Wand hinzublicken, das von dem Einsturz geblieben war.

Obgleich das Loch sie magisch anzog.

Sie taten, als wüssten sie von nichts, und verabschiedeten sich in Gedanken von der Schultasche und ihrem geliebten Stollen, in dem sie im Schein der Funzel so viele lange Winterabende verbracht hatten.

Die Rationen in der Jackentasche, die Hand fest daraufgepresst, gingen die Brüder zum Direktor, wie befohlen.

Der Direktor saß auf den Stufen seines Hauses. Er trug eine Reithose, war barfuß und obenherum nackt. Die Hunde waren zum Glück nicht da.

Ohne aufzustehen, sah er die Brüder und die Erzieherin an und entsann sich bestimmt erst jetzt, aus welchem Anlass sie kamen.

Ächzend richtete er sich auf und winkte sie mit dem knorrigen Finger heran.

Die Erzieherin gab ihnen von hinten einen Stups, und die Zwillinge machten ein paar unsichere Schritte vorwärts.

Obwohl der Direktor nie handgreiflich wurde, hatten alle Angst vor ihm. Er schrie so laut. Konnte einen Zögling am Kragen packen und aus vollem Hals brüllen: »Kein Frühstück, kein Mittag, kein Abendbrot!«

Gut noch, wenn er es bei einem Tag beließ. Wenn es aber zwei waren oder drei?

Jetzt schien der Direktor gut gelaunt.

Da er nicht wusste, wie die Brüder hießen, und überhaupt keinen seiner Zöglinge beim Namen kannte, zeigte er mit dem Finger auf Kolka und befahl ihm, die kurze Jacke auszuziehen, die über und über geflickt war. Saschka musste seine Steppweste ausziehen. Die gab der Direktor Kolka und die Jacke seinem Bruder.

Dann trat er zurück und guckte, als hätte er ihnen etwas Gutes getan. Und war mit seinem Werk zufrieden.

»So ist es besser.« Er fügte hinzu: »Ja, also … Keinen Unfug treiben, nicht klauen! Nicht unter den Waggon kriechen, sonst werdet ihr überfahren … Klar?«

Die Erzieherin gab den Brüdern einen Schubs, und die beiden flöteten: »Werden wir nicht, Viktor Viktorowitsch.«

»So, ihr könnt gehen. Geht!«

Er hatte es also erlaubt.

Als sie so weit gegangen waren, dass der Direktor sie nicht mehr sehen konnte, tauschten sie wieder die Sachen.

In den Taschen steckten die kostbaren Rationen.

Vielleicht fand der ahnungslose Direktor, dass sie ganz gleich waren. O nein! Der ungeduldige Saschka hatte schon ein Stück der Brotrinde abgeknabbert, während der umsichtige Kolka nur daran geleckt, aber noch nicht zu essen begonnen hatte.

Gut, dass er ihre Hosen nicht gegen fremde getauscht hatte. In Kolkas Hosenumschlag steckte ein zum Streifen gekniffter Dreißigrubelschein.

Das war im Krieg nicht viel Geld, aber den Kusmin-Zwillingen bedeutete es viel.

Es war ihr einziger Besitz von Wert, eine Stütze für die unbekannte Zukunft.

Vier Hände. Vier Beine. Zwei Köpfe. Und dreißig Rubel.

3

Anna Michailowna brachte die Brüder, wie ihr aufgetragen, mit der Vorortbahn zum Kasaner Bahnhof in Moskau und übergab sie mitsamt den Papieren persönlich einem kahlköpfigen Natschalnik im zerknitterten Anzug.

Er hieß Pjotr Anissimowitsch Meschkow und war ihr neuer Direktor.

Flüchtig musterte er die Brüder, machte einen Vermerk in seiner Liste, verwahrte die Liste in der Aktentasche, die er nicht aus den Händen ließ, und murmelte, man hätte ihnen in Tomilino, wie vorgeschrieben, bessere Kleider mitgeben sollen.

»Das ist ja alles nicht zu fassen«, seufzte er.

Die Kusmin-Zwillinge kamen erst jetzt dahinter, warum der Direktor in Tomilino auf so seltsame Weise Weste gegen Jacke vertauscht hatte – sicherlich um sein Gewissen vor Bissen zu schützen. Wenn er eins hatte.

Seine Aktentasche schwenkend, führte Pjotr Anissimowitsch die Brüder am Zug entlang zu den vorderen Wagen.

Leute mit Säcken und Gepäck kamen auf ihn zu, klagten, sie könnten nicht nach Hause fahren, baten, ihnen zu helfen, sie irgendwie mitzunehmen.

Pjotr Anissimowitsch antwortete allen das Gleiche: »Nein, nein. Das geht nicht.«

Einmal brauste er auf und schrie: »Hab ich hier vielleicht ein Wohltätigkeitsinstitut? Das ist ja alles nicht zu fassen! Ich habe fünfhundert obdachlose Kinder und weiß nicht, wo ich die hinstecken soll.« Dabei zeigte er auf die Kusmin-Zwillinge.

Das Wort »hinstecken« gefiel ihnen nicht besonders, aber sie sagten nichts.

Überall, wo sie vorbeikamen, schoben sich schon Köpfe aus den Fenstern.

Neuankömmlinge wurden mit Pfiffen, Schreien und Gejohle begrüßt, besonders wenn sie erkannt wurden – von den Märkten und Bahnhöfen her, wo man sich gemeinsam rumgetrieben, oder aus dem Kittchen, wo man zusammen gesessen hatte.

Die Kusmin-Zwillinge waren bereits erspäht und erkannt, und es schallte ihnen laut hinterher: »Tomilinoer Laus, wo steht dein Haus? Hast die Jacke voller Kacke!«

Die Brüder besetzten Pritschen ganz oben und stürzten sofort ans Fenster, wo sie ihre Köpfe zwischen den fremden hindurchschoben.

Eben wurden die Jungs aus Ljuberzy gebracht, mit denen sie sich nicht nur öfters gesehen, sondern auch angefeindet und sogar geprügelt hatten. Genau wie die anderen Kinder brüllten und pfiffen die Zwillinge, so laut sie konnten.

»Ljuberzyer Laus, wo steht dein Haus, hast die Jacke …«

Genauso begrüßten sie nach und nach die Jungs aus Ljublino, Moshaisk (diese Halsabschneider!), Serpuchow, Podolsk, Wolokolamsk, Mytischtschi (die kamen alle von der Kindersammelstelle, es waren Bübchen, stille Wasser, aber sie beklauten einen, ohne dass man’s merkte), die aus Noginsk, Ramenskoje, Kolomna, Kaschira, Orechowo-Sujewo …

Am schlimmsten war’s, als die Moskauer kamen.

Sie waren irgendwie privilegiert, kriegten besseres Essen und trugen nicht solche Lumpen wie die Kinder aus den Vororten.

Der ganze Zug empfing sie mit solchem Gejohle, dass das Klingeln der Straßenbahn von der Kalantschowskaja-Straße nicht mehr zu hören war.

Brüllen, Heulen, Blöken, Muhen.

Sie brüllten, bis es dunkel wurde, begrüßten immer neue Partien von Mitbrüdern.

»He, Moshaisk, Geschmeiß!«

»Kaschira war noch nie da!«

»Orechowo-Su – ohne Kleid, ohne Schuh!«

»Kolomna kann nicht essen, bloß fressen!«

»Einmal wollten uns verprügeln

die Sagorsker Igelfresser,

ließen wir uns nicht gefallen,

schliffen schnellstens unsre Messer!«

Das Liedchen wurde im Chor gegrölt, aber keiner nahm es wörtlich, sie kannten es einfach alle.

Der Zug sammelte aus den Waisenhäusern ein Pärchen von jedem Tierchen, wie die Arche vor der großen Sintflut, und leben würden sie fortan alle zusammen im Kaukasusland.

Früher hatten die Sagorsker denen aus Dmitrow einmal aufgelauert, als die zum Kloster kamen, um zu betteln, und sie grausam verprügelt. Sie richteten sie dermaßen zu, dass die aus Dmitrow sich lange nicht blicken ließen und ihre Wunden leckten. Später schnappten die einen Jungen aus Sagorsk, der in Dmitrow Verwandte besuchen wollte, und sperrten ihn einen Monat lang in eine feuchte Gruft einer kalten, verlassenen Kirche. Die Sagorsker blieben nichts schuldig, sie holten einen Dmitrower aus der Vorortbahn und fesselten ihn für eine Nacht an ein Friedhofskreuz. Der Junge brüllte wie am Spieß. Aber wer kommt schon nachts auf den Friedhof, noch dazu bei solchem Geschrei. Im Gegenteil, Vorübergehende ergriffen die Flucht.

Zwischen den Kolonien und Waisenhäusern in den Städten der Moskauer Umgebung passierten noch schlimmere Dinge – Messerstechereien, Hinterhalte, Belagerungen ganzer Waisenhäuser.

Jetzt hatte das böse Leben sie alle hier im Zug zusammengeführt wie Chemikalien in einem Kolben, die beim Mischen reagieren. Die Reaktionen waren so stürmisch, dass es schien, der Zug müsse gleich zersplittern.

Gottlob hatte er nicht nur einen, sondern viele Waggons.

Sie mischten sich nicht sofort, sondern ganz allmählich, sonst hätte das auch kein Eisen ausgehalten. Da und dort gab es Raufereien, mancher floh unterwegs in einen anderen Waggon oder auch in einen anderen Zug. Auch das kam vor.

Zur Nacht wurde der Transportzug allmählich still. Er war bis obenhin vollgestopft wie eine Schachtel. Jeder, der schon drin war, musste nicht nur die Fremden auspfeifen, sondern auch an sich denken: eine Pritsche finden, den Nachbarn wegdrängen und wegstoßen und sich so hineinzwängen, dass er sitzen, besser noch, liegen konnte.

So machten es auch unsere Kusmin-Zwillinge.

Sie lagerten wie Bojaren jeder auf seiner obersten Pritsche und beobachteten von ihrer Höhe wie im Kino, was sich unten abspielte.

Geplauder, Gelächter, Witze … Einer stimmte ein Liedchen an:

»In dem Kaukasus-Gebirge

lebt ein Mönch in dem Bezirke,

hat im Sand nach Gold gegraben,

wollte niemand bei sich haben,

fand dann wirklich Gold in Haufen,

ging gleich los, um’s zu versaufen …«

Wie die Sache mit dem Mönch und seinem Gold im Kaukasus ausging, blieb unbekannt: Der Zug ruckte an.

Alle verstummten. Horchten. Glaubten’s und glaubten’s nicht. Fuhren sie wirklich schon?

Zögernd ruckte der Zug noch einmal, stärker, es klackte, Eisen knirschte, und wirklich, sie fuhren. Das war deutlich zu spüren am leichten Knarren und am noch langsamen Räderrattern auf den Schienenfugen.

Niemand stürzte ans Fenster, um zu beobachten, wie die Hauptstadt der Welt mit ihren auch ohne Verdunkelung noch spärlichen Lichtern in die Vergangenheit entschwand, zurückblieb in der Dunkelheit.

Darauf war für alle was gepfiffen. Auch für unsere beiden Helden. Moskau, das hatten sie am eigenen Leib erfahren, glaubt den Tränen nicht.

Von den Kindern unten kam ein leises Wimmern, als meinten sie, dass es sich zum Abschied gehöre, eine Träne zu vergießen, der ja doch nicht geglaubt wurde.

»Schade«, piepste eines der kleinen Mädchen.

»Was ist schade?«

»Dass wir wegfahren.«

Was sollte daran schade sein? Das wussten die wohl selber nicht: schade, und basta. Weil wir womöglich nie wiederkommen. Wohin nie wieder? Nach Moskau? Ist doch schön, natürlich kommen wir nie wieder, einen Dreck ist sie uns wert, die Stadt aus weißen Steinen! Die Häuser aus Stein – die Menschen aus Eisen …

Du lieber Gott! Sollte sie doch zum Teufel gehen, weg mit dieser unwirtlichen, ungewaschenen, verfluchten, vom Krieg ausgesaugten Gegend! Dort gab es für alle nur den Kriegsalltag: kaufen und verkaufen … Wer aber an der Werkbank stand und in der eisigen Werkhalle den Sieg über den Feind schmiedete, der bekam nicht nur die obdachlosen Kinder nie zu sehen, auch seine eigenen ließ er verwahrlosen bis zur Verwilderung, denn eine Schicht dauerte zwölf Stunden, darum schlief er gleich in der Werkhalle …

Was die Kusmin-Zwillinge betrifft, so hatten sie in der ganzen weiten Welt keine einzige verwandte Seele. Nicht hier und überhaupt nirgends.

Sich gegenseitig hatten sie, das allerdings.

Mit anderen Worten, wohin man sie auch brachte, ihr Zuhause, ihre Verwandten und ihr Obdach, das waren sie selbst.

Verwahrlost, geflickt, abgerissen, verlaust in dem Moskauer Vorort, laufen wir jetzt freudig gleichsam vor uns selber davon. Fliegen ins Ungewisse wie Samen durch die Wüste.

Durch die Wüste des Krieges, genauer gesagt.

Irgendwo in einem Spalt, einer Ritze, einem zufälligen Erdloch werden wir hängenbleiben. Wenn Zärtlichkeit und Fürsorge uns laben wie Lebenswasser, werden wir wachsen. Wie ein kümmerliches Zweiglein, wie ein Grashalm, wie ein winziger blasser Kartoffelkeim werden wir heranwachsen, denn niemand interessiert sich für uns. Vielleicht gehen die Samen auch nicht auf, sondern verschwinden für immer. Und niemand wird danach fragen.

Was nicht da ist, war nie da. Also wird es auch nicht gebraucht.

Das gilt nicht nur für die Kusmin-Zwillinge, sondern für all die Kinder, die im Jahre vierundvierzig durch den Krieg fuhren, durch das zerstörte, nach der faschistischen Besetzung noch nicht wieder zum Leben erwachte Land, in unserem ganz besonderen, fröhlichen, übermütig-wahnsinnigen Zug.

Kinder haben ein besonderes Gedächtnis, daher kann ich mich an einige meiner damaligen Gefährten noch genau erinnern, nicht nur an ihre Gesichter, sondern auch an ihre Namen. Zehn Jahre später habe ich versucht, sie zu finden.

Ich habe mindestens hundert der gelblichen Postkarten an Auskunftsstellen verschickt und nicht eine Adresse bekommen. Keine einzige Antwort.

Seit fünfundzwanzig Jahren werde ich gedruckt, und die Namen meiner Helden stimmen, ich habe sie nicht verändert, sondern absichtlich in meine Erzählungen und Dokumentarskizzen eingebaut. Auch darauf keine einzige Reaktion. Bin ich etwa der Einzige, der überlebt hat? Sind sie wirklich alle verschwunden, verlorengegangen? Nicht herangewachsen?

Dieser Roman ist wahrscheinlich mein letzter Ruf ins Leere: Meldet euch! Wir waren doch ein halbes Tausend in dem Zug. Irgendwer, wenigstens einer hört mich vielleicht von den Überlebenden, obwohl viele zugrunde gegangen sind, teilweise vor meinen Augen, gestorben in dem neuen Land, in das sie uns gebracht hatten.

Die Kusmin-Zwillinge konnten von den oberen Pritschen aus sehen und noch mehr hören, dass die am besten Versorgten in ihre Taschen, Säcke oder Beutel griffen und Essbares hervorholten.

Eine Möhre, eine rote Rübe, eine Salzgurke, einen Dörrfischkopf oder eine gebackene Kartoffel. Einer hatte sogar Grützbrei, ein festes Klümpchen, in einen Lappen gewickelt. Oder – ein Luxus – eine graue Kotzplinse. Die wurden aus Abfällen und gefrorenen Kartoffelschalen gebacken.

»Kotzplinsen im Krieg, die waren wirklich toll,

isst du ne Kotzplinse, hast du die Hosen voll.«

Doch plötzlich … Von diesem »plötzlich« begann es in den Därmen zu zwicken. Ein irrsinniger Geruch zog über die Pritschen, durch den Waggon, durch den ganzen Zug. Und durch die Därme, wie ein Messer. Jemand hatte eine länglich-ovale goldschimmernde amerikanische Fleischbüchse geöffnet.

»Diese Moskauer Fressen, in Ziegelhäusern gesessen und Brot gefressen!«

Dieser Spruch, laut geschrien von den Waisenhauskindern aus der verelendeten Moskauer Umgebung, galt denen, die mit Büchsenfleisch reisten.

Sie alle zu beschimpfen war natürlich ungerecht, aber von fern, von hinter den Wäldern, konnte man schon den Eindruck gewinnen, dass hier in der Hauptstadt, mit dem Genossen Stalin um die Ecke, der mit der kleinen Mamlakat auf dem Schoß in Büchern abgebildet war, dass hier die Dicken (wie ihr Direktor) noch nicht alles weggestohlen hatten. Denn wo sonst, sagt mir das, flüstert’s mir ins Ohr, kam die Fleischbüchse her, die goldene Sonne, die da unten blinkte?

Dieses Büchsenfleisch kannten unsere Kusmin-Zwillinge nur vom Erzählen. Und vom Geruch her: Zweimal im Leben hatte Saschka diesen unvergesslichen, unvergleichlichen Duft gerochen, der einem wie ein Messerstich in die Rippen fuhr, und Kolka davon erzählt.

Wie in dem Witz von der Hühnerkeule: Hühnerkeule schmeckt gut. Ach, hast du mal eine gegessen? Nein, ich nicht, aber ich hab gesehen, wie unser Herr eine gegessen hat.

Jetzt spähten beide nach unten wie in einen dunklen Brunnen, in dem ein Stern blinkt. Doch nicht allein die Brüder, nein, bestimmt alle guckten. Und horchten und schnupperten. Wann würden sie so ewas jemals wieder erleben? Und riechen?

Dann, wie auf Kommando, wandten sich beide Brüder ab und blickten einander an, und jeder wusste, was der andere dachte.

Saschka dachte: Man müsste sich mit irgendwas den Mund verstopfen, um nicht zu schreien, zu brüllen vor Hunger, dass es durch den ganzen Waggon schallt! Nicht wegen der Büchse, zum Teufel mit diesem unerreichbaren Traum. Aber wegen dem Direktor in Tomilino, diesem Hund, dem schriftlich befohlen worden war, das hatten sie aus den Gesprächen der anderen erfahren, ihnen Brot und Reiseproviant für fünf Tage mitzugeben. Was hatte er sich gedacht, dieser Aaskerl, als er auf den Stufen saß und sich die pickligen Achselhöhlen kratzte, wo war es gewesen, sein elendes Gewissen? Er hatte doch gewusst, natürlich hatte er gewusst, dass er die beiden Kinder auf eine viele Tage lange Hungerreise schickte. Und es hatte sich nicht gerührt, dieses Gewissen, in seiner versteinerten Jammerseele hatte keine Fiber gezuckt.

So nehmt jetzt, in den achtziger Jahren, verspätet entgegen, was von meinen Kusmin-Zwillingen und von mir damals nicht ausgesprochen wurde, ihr fetten Hinterlandratten, von denen es auf unserer Arche mit den im Ozean des Krieges aufgelesenen Kindern nur so wimmelte: Es gibt kein Verzeihen!

Wladimir Nikolajewitsch Baschmakow, so hieß einer von denen. Er war der Direktor des Internats von Talowski, herrschte über unsere Schicksale, quälte uns mit Hunger.

He, wo bist du, du kleiner Napoleon mit den kurzen Ärmchen und dem herrschsüchtigen Charakter, der du deine Freude daran hattest, einem Zögling mehrere tödliche Tage und Nächte aufzubrummen?

»Kein Mittag, kein Abendbrot, kein Frühstück, kein Mittag, kein Abendbrot …«

Und das Herz krampfte sich zusammen in schmerzlichem Vorgefühl, während er dieses Urteil sprach: Wie viele Male würde er dich mit dieser Aufzählung quälen und den Hunger unendlich verschlimmern?

Die Kusmin-Zwillinge holten jeder den Rest von dem Stück Brot hervor, das man ihnen mitgegeben hatte. Sie hatten unterwegs schon so viel davon abgezupft, dass die Stückchen jetzt so klein waren wie Mäuseköttel.

Kolka schnupperte an seinem Stück, leckte daran, hielt es Saschka hin.

»Willst du?«

»Und du?«

»Ich bin noch von heute Morgen voll«, sagte Kolka. Dabei dachte er, wenn Saschka beide Stückchen isst, wird er satter. Zur Nacht lohnt es nicht mehr, zu essen, weil die ganze Sattheit im Schlaf sozusagen nutzlos vergeht.

Kolka steckte sein Stückchen Saschka zu und wandte sich ab. Der Wurstgeruch brachte ihn um, zerfetzte ihm die Eingeweide wie ein Sprenggeschoss.

Wenn die Schweine wenigstens nicht mit dem Löffel am Blech kratzen würden! Dieses Geräusch erzeugte einen Krampf im Bauch, als ob man selber ausgekratzt wurde wie die Büchse.

Aufheulen hätte Kolka mögen, an der Holzpritsche nagen, auf der er lag. Er drückte das Gesicht auf die nackten Bretter, umschlang den Kopf mit beiden Armen und spürte, dass nicht viel fehlte, bis er es nicht mehr aushielt. Dann würde er schreien, brüllen wie ein Tier, dass es durch den ganzen Waggon schallte, so sehr peinigte ihn das Festmahl der anderen. Saschka ging es sichtlich nicht besser. Er gab Kolka das Stückchen Brot zurück. Gehetzt an die Decke blickend, knurrte er leise: »Bloß bis morgen durchhalten … Morgen, wenn der Zug hält …«

Kolka griff das auf und hauchte: »Auf den Markt. Ja!«

Ein Markt, das bedeutete für die beiden, sie konnten diese Reise überleben, wenn auch mehr schlecht als recht.

Ihre Reisegefährten aus Moskau hatten Proviant für mehrere Tage mitbekommen. Auch die Verwandten mochten Essbares beigesteuert haben. Die nächsten Verwandten der Kusmin-Zwillinge waren Marktfrauen, die schlecht auf ihre Ware aufpassten.

»Ich hab mir überlegt, wie wir das morgen hinkriegen können«, sagte Saschka und kramte in seinem Kopf. Dort in der Tiefe, im unbekannten Dunkel, entstanden Saschkas großartigste Ideen.

»Machen wir«, sagte Kolka knapp und grimmig. Und beide wussten: Er würde alles tun, was Saschka ersonnen hatte. Vom Reden wird keiner satt, wenn er etwas Brot nicht hat!

4

Der Zug hielt mit einem Ruck.

»Was ist los? Woronesh?«

»Am Po dresch!«, antwortete eine Stimme von unten.