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Ein provokanter, brillanter Roman mit einer Protagonistin, die nirgendwo verwurzelt ist und alle Schubladen sprengt.
Eine junge Emigrantin in New York City ringt mit einem Idealbild ihrer selbst, das unerreichbar scheint. Ihr geerbtes Vermögen ist für sie unzugänglich, ihr Heimatland Palästina existiert nur in der Erinnerung, ein Kindheitstrauma verfolgt sie hartnäckig. Und es fällt ihr zunehmend schwer, sich anzupassen. Als Lehrerin experimentiert sie mit unkonventionellen Unterrichtsmethoden und entwickelt zudem einen verrückten Plan, der ihr auf dem Schwarzmarkt zu Geld verhilft. Doch auf Fragen nach Wert und der Wahrhaftigkeit des Lebens findet sie keine einfachen Antworten. Durch obsessives Reinigen ihres Körpers mit teuren Produkten versucht sie, Kontrolle über ihr Leben zu erlangen.
»Auf absurde Weise komisch, wie das existenzielle Schwanken der Hauptfigur zwischen abgestumpfter amerikanischer Konsumhaltung und der Traurigkeit des Vertriebenwordenseins.« The New York Times Book Review
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2025
Eine junge Emigrantin in New York City ringt mit einem Idealbild ihrer selbst, das unerreichbar scheint. Ihr geerbtes Vermögen ist für sie unzugänglich, ihr Heimatland Palästina existiert nur in der Erinnerung, ein Kindheitstrauma klebt an ihr wie der Schmutz auf den Straßen. Und es fällt ihr zunehmend schwer sich anzupassen. Als Lehrerin experimentiert sie mit unkonventionellen Unterrichtsmethoden und entwickelt zudem einen verrückten Plan, der ihr auf dem Schwarzmarkt zu Geld verhilft. Doch auf Fragen nach Wert und der Wahrhaftigkeit des Lebens findet sie keine einfachen Antworten.
»Auf absurde Weise komisch, wie das existenzielle Schwanken der Hauptfigur zwischen abgestumpfter amerikanischer Konsumhaltung und der Traurigkeit des Vertriebenwordenseins.« The New York Times Book Review
Yasmin Zaher ist eine palästinensische Journalistin und Autorin, die 1991 in Jerusalem geboren wurde. Sie hat Biomedizintechnik an der Yale University studiert und Kreatives Schreiben an der New School in New York. Ihr Debütroman Schmutz wurde 2025 mit dem Dylan Thomas Prize ausgezeichnet.
Yasmin Zaher
Roman
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl
Blessing
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel THECOIN bei Catapult, New York
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Copyright © 2025 by Yasmin Zaher
Copyright © 2025 by Karl Blessing Verlag, München
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich
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Alle Rechte vorbehalten.
Coverdesign: semper smile, München nach einem Entwurf von Jaya Miceli unter Verwendung von Bildmaterial der Performance Fotografin Isabell Wenzel für die AW21-Kampagne von Malone Souliers
Redaktion: Mirjam Madlung
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-33723-0V001
www.blessing-verlag.de
Ich möchte Monika Woods und Kendall Storey danken, ohne die es dieses Buch nicht geben würde.
Dieser Roman ist reine Fiktion. Die darin dargestellten Figuren, Organisationen und Ereignisse entstammen der Fantasie der Autorin oder werden in einem rein fiktiven Kontext verwendet.
Schmutz war meine erste Hypothese. Irgendwie gelangte er überallhin, wo nichts anderes hingelangte, und ich sah ihn immerzu, auf Oberflächen, in Ecken, unter Möbeln und langen Fingernägeln. Ich nahm ihn ständig wahr, was nicht ungewöhnlich ist, weil ich vieles wahrnahm, auch Schönes. Ich sah Farben, in Bäumen umherhuschende Vögel. Ich hatte die Gabe, Freude an alledem zu empfinden und zugleich daran zu leiden, besonders am Schmutz. Überall. Und in New York gibt’s so viel davon. Hartnäckig und Krankheit verheißend.
Ich war gerade nach Amerika gezogen und arbeitete als Lehrerin an einer Mittelschule. Eigentlich hatte ich das nie vorgehabt. Ein Job mit Glamour und Prestige wäre mir lieber gewesen, aber es war eine Arbeit, an der ich Freude hatte. Mich hat schon immer Freude motiviert, niemals Geld, denn Geld hatte ich genug, und Freude kann man nicht besitzen. Und, nicht zu vergessen, Lehrer haben Macht.
Die Franklin School hatte blaue Wände, blaue Treppen, blaue Türen. Sämtliche Jungen dort wuchsen zu Hause in blauen Zimmern auf, malte ich mir aus. Überall sonst wäre dieses Blau widerwärtig gewesen, aber in einer Schule empfand ich es als beglückend. Es erinnerte mich an meinen Havanna-Urlaub mit Sasha, daran, dass die Läden dort nur die Grundprodukte anboten. Brot, Eier, Seife, Klopapier. Grundfarbe Blau. Wenn ich es mir recht überlege, war das Franklin-Blau das Blau der kubanischen Flagge.
Ganz recht, die amerikanische Flagge enthält ebenfalls die Farbe Blau, aber wegen all der Streifen und Sterne kann man ihr nicht auf den Grund gehen. Was für eine überhebliche Flagge, wenn ich bloß daran denke, kriege ich einen Augenkrampf.
Am Ende unserer Kubareise sagte mir Sasha ganz direkt: Ich weiß, du musst von dort weg, ich werde dir helfen. Er besorgte mir den Job über einen Kollegen, der mit Aisha, der Schuldirektorin, befreundet war. Das war eine Win-win-Situation: Ich bekam die Chance, aus Palästina wegzukommen, Sasha bekam mich, und die Franklin School bekam eine Spende von Sasha.
Ich wurde Mitte September eingestellt. Das war ausreichend früh im Jahr und, wie Aisha mir sagte, es wurde Zeit für eine Veränderung. Als sie mich ins Klassenzimmer begleitete und ich all die Ausgaben von Moby Dick sah, war mein erster Gedanke, dass mich das Ganze heillos überforderte, dass das eine schreckliche Idee war. Ich kannte keines der Bücher in diesem Schrank, hatte niemals Twain gelesen, noch nie von Brontë gehört. Doch die ersten Wochen verstrichen, und mir wurde klar, dass ich, solange die Jungs in den standardisierten Tests gut genug abschnitten, machen konnte, was ich wollte. Und in diesem Augenblick fing ich an, mich selbst als groß und wichtig zu sehen.
Nein, nicht als ihre Retterin, sondern als viel mehr. Als ihr General.
Die Jungs lebten in einem wichtigen Moment. Sehr bald würden sie sich auf den Straßen von New York schmutzig machen. Aber vorläufig waren sie noch sauber, und ich war gern in ihrer Gesellschaft.
Ich muss ganz ehrlich zu dir sein. Es wird gut werden mit uns beiden. Du wirst sehen, dass ich eine moralische Frau bin, dass ich nur eins will, nämlich sauber sein.
Ich trug damals ein sehr schönes Parfum. Lys Méditerranée von Edouard Fléchier, sehr kräftig und erotisch. Ich stellte mir immer vor, dass es wie eine befruchtete Blüte an einem Sommerabend in einer Küstenstadt roch. Es roch wie das Gegenteil von Inzest, wie eine soeben gezeugte Superspezies.
Für das Leben in einer Großstadt wie New York war mir das Lys nützlich. Als ich, noch keine alte Frau, dorthin zog, war ich frei. Ich fand, es gab auf dieser Welt kein besseres Gefühl, als nach der Arbeit eine Avenue in Manhattan entlangzugehen und ein intensives Parfum zu tragen, ohne dass zu Hause jemand auf einen wartete. Ich hatte es mir selbst ausgerechnet und war auf die richtige Lösung gekommen, die stets null oder noch weniger ist. Zu lieben lohnt sich nicht. Die Vorteile, worin auch immer sie bestehen mögen, trösten einen hauptsächlich über die unerbittliche Leere hinweg, die darin liegt, ein Mensch zu sein, ein Einzelwesen, das auf der Welt allein ist. Sie sind es nicht wert, sich von anderen abhängig zu machen. Das ist kein Geheimnis, ich habe damit nicht hinterm Berg gehalten, ich habe es sogar zu meinen Schülern gesagt. Lieben heißt, als Geisel genommen zu werden, Jungs, es ist das Stockholm-Syndrom.
Ja, ich war mit Sasha zusammen, wir waren seit Jahren zusammen, aber er hatte keine Macht über mich. Ich dachte nie an ihn, wenn er nicht da war, mein Herz setzte niemals einen Schlag aus. Darauf bin ich nicht stolz, eine leidenschaftliche Beziehung wäre mir lieber gewesen, aber ich muss immer mit einem Fuß auf dem Boden bleiben.
Im Rückblick kommt mir diese Zeit in New York wie ein Traum vor. Wenn man sich in einem Traum befindet, erscheint einem alles sinnvoll. Doch wenn man aufwacht, verlieren die Formen ihre Festigkeit, und die Logik wirkt seltsam. Also muss ich es dir rasch erzählen, ehe ich es vergesse.
Morgens putzte ich mir mit einer weichen Zahnbürste und meiner Lieblingszahnpasta von Cattier die Zähne. Dann wusch ich mir das Gesicht mit einem Cleanser auf Ölbasis, gefolgt von einem Cleanser auf Wasserbasis, gefolgt von einem Hauttoner. Alle importiert aus Korea, dem Weltmittelpunkt von Haut wie Porzellan, Reinheit und schieres Nichts. Noch zweitausend Jahre Snail Cream, und man wird durch das Gesicht einer Frau ihr Gehirn sehen können. Dann, nachdem ich ein Glas heißes Zitronenwasser, ein Glas lauwarmes Wasser und eine Tasse Kaffee getrunken hatte, entleerte ich meinen Darm. Das ging herrlich leicht vonstatten und erforderte keinerlei Mühe oder Überlegung, wie das Überfliegen einer gekürzten Geschichte vom Untergang eines Imperiums. Alles raus, Inneres sauber.
Nach der Arbeit ging ich unter die Dusche und wiederholte die Schritte der Hautreinigungsprozedur unter heißem Wasser. Ich wusch mir mit zwei Sorten Shampoo die Haare. Ich schrubbte mir mit einem Bimsstein die Füße, ich säuberte mir mit Wattestäbchen die Ohren und die Fingernägel. In Pantoffeln von der Dusche ins Schlafzimmer. Bereit für die weißen Laken. Ich ging niemals zu Bett, ohne vorher zu duschen.
Damals war ich eine saubere Frau, könnte man sagen. In Sauberkeit investierte ich Geld, Zeit, Sorgfalt. Aber das genügte nicht. Der Schmutz häufte sich immer mehr, Schmerz ist das Produkt einer Akkumulation.
Die Jungs in der Franklin School hatten die Gelegenheit bekommen, eine ausgezeichnete Schule zu besuchen. Sie mussten nichts dafür bezahlen, es war ihr Ticket zu sozialer Mobilität. Also hatten sie sich entsprechend zu kleiden, entsprechend zu reden, entsprechend zu lesen. Sie waren gehalten, Khakihosen, ein Button-down-Hemd, ein Jackett und Anzugschuhe zu tragen. Die Kleiderordnung war nicht streng, sie konnten damit herumspielen, schließlich war das hier Amerika. Es ging darum, dass diese Jungs sich für die Gesellschaftsklasse kleiden sollten, zu der sie aufsteigen würden. Sie sahen immer flott aus, die Kluft machte sie zu Darstellern in einer Art Aufführung. Sie stritten sich selten und gaben selten Grobheiten von sich, sie waren höflich und lieb. Wie domestizierte Tiere.
Ich konnte schon bald sagen, welche Jungs Stil hatten. Sal beispielsweise erschien an meinem ersten Schultag ganz in Senfgelb mit einer karierten Fliege. Ich achtete die ganze Woche lang auf seine Garderobe und bewunderte seine Mutter für ihre Hingabe, denn seine Sachen waren immer gebügelt. Jay kleidete sich schlicht, aber würdevoll, obwohl er es manchmal versäumte, das Hemd in die Hose zu stecken, nachdem er auf der Toilette gewesen war, ganz im Gegensatz zu Leonard, meinem Starschüler, der sein Hemd fest in die Hose steckte, sodass sein Babybauch über einem braunen Ledergürtel, vermutlich dem seines Vaters, sicheren Halt hatte.
Ich selbst war bereits arriviert und musste nichts verdienen. Ich zog mich so an, wie ich mich anzog, so, wie ich mich sah. Niemals wie eine WASP, nie und nimmer würde man mich in Pastelltönen oder einem Bleistiftrock oder mit Perlen sehen. Ich trug allerdings eine Birkin Bag, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Sie war schwarz, aus Kalbsleder und erstaunlich praktisch. Ihre Größe entsprach der einer DIN-A4-Seite, und sie hatte zwei Innenfächer, eins für meine Brieftasche und mein Handy, das andere für meine MetroCard. Und sie hatte Füße. Jawohl, Füße. Vier Stifte an der Unterseite, die sie aufrecht und sauber hielten, selbst wenn sie auf einem U-Bahn-Sitzplatz stand. Sie war autark, sie passte auf sich auf.
Ich trug diese Tasche schon seit Jahren, und niemandem war sie aufgefallen, doch in New York erregte sie Aufmerksamkeit. Frauen jeden Alters sahen mich an, sogar kleine Mädchen und manche Schwule sahen mich an, besonders wenn ich uptown war und um die Ecke der Madison Avenue ins helle Licht der Sonne trat. Wie du dir vorstellen kannst, war das eine ziemliche Offenbarung. Ich kam nämlich von einem Ort, wo eine Tasche niemals Macht haben könnte und nur die Sprache der Gewalt herrschte. Und plötzlich hatte ich etwas, das andere besitzen wollten, ich war eine Frau, die andere verkörpern wollten.
Na ja, es war bloß eine Tasche, wir wollen nicht übertreiben. Aber manchmal ist auch das kleinste Detail eine Pforte in eine andere Welt.
Es ist seltsam, wo wir mit Geschichten beginnen. Ich hätte genauso gut bei meiner Geburt beginnen können, wenn ich sachgerecht und methodisch vorgehen wollte. Aber der Schmutz ist keine Metapher, ich sah ihn wirklich. In meinen Gehörgängen, in meiner Nase, um meine Knöchel. Ekelt dich vor mir? Ich sehe doch nicht schmutzig aus, oder?
Eines Tages fiel mir auf, dass mein Körper schmutziger war als sonst. Es war ein angenehmer Tag Ende September, und ich machte nach der Schule einen langen Spaziergang und bummelte einige Straßen entlang, die weder Zahlen noch Buchstaben trugen. Ich hatte keine Angst, mich zu verlaufen, um die Ecke gab es immer ein Taxi, und als ich fand, dass ich genug hatte, streckte ich die Hand in die Luft, und ein Taxi brachte mich nach Hause. Ich betrat meine Wohnung und beschloss zu duschen. Das geschah ganz selbstverständlich und ohne tiefere Absichten, ich tat lediglich, was sich gut anfühlte.
Bevor ich unter die Dusche ging, fiel mir ein, dass ich in meinem Koffer einen türkischen Hammam-Luffaschwamm hatte. Ich holte ihn, trat in die Wanne, schlüpfte mit der Hand in den Luffaschwamm und begann zu schrubben. Das Badezimmer war klein, die Wanne kurz.
Zuerst schrubbte ich mit der rechten Hand meinen linken Arm. Es brannte. Das Wasser war heiß, mein Herz raste, und das lieferte mir die Energie weiterzumachen. Wie gesagt, es war ein angenehmer Tag, und vielleicht hatte ich in meiner Langeweile eine Möglichkeit gefunden, ihn spannender zu gestalten. Ich schloss die Augen und schrubbte so fest und so schnell, wie ich konnte, bis mein Muskel steif zu werden begann, was nicht lang dauerte, ich würde übertreiben, wenn ich sagte, es dauerte über dreißig Sekunden. Wie du sehen kannst, bin ich eine kleine Frau, ich warte darauf, dass andere mir die Tür aufhalten.
Als ich die Augen aufmachte, sah ich die winzigen Würmchen. Sie fielen mir vor die Füße, drei oder vier.
Ich sah sie an und wusste sofort Bescheid. Ich hatte sie schon mal gesehen, aber nicht so. In einem türkischen Hammam hatte mich einmal eine Frau mit herzförmigem Gesicht geschrubbt, und da hatte ich sie auch gesehen, wie sie sich im Spritzwasser auf dem Marmor ringelten. Aber die Würmchen von New York waren schaurig und zum Fürchten, wie meine eigene Stimme im Mund eines völlig Fremden.
Ich nahm mir den Schmutz zu Herzen. Ich wusste, die Würmchen waren nicht nur eine materielle Gegebenheit, sondern ein Zeichen für etwas sehr Schlimmes, etwas Entsetzliches, das mit meinem Körper geschah.
Der Luffaschwamm war ein harmlos wirkender Gegenstand, der in Wirklichkeit aber böse und grob war. Ich machte weiter, schrubbte meinen ganzen Körper, schälte die tote Haut ab. Ich sagte mir, dass dieser Tod einer war, mit dem ich umgehen konnte, wenn ich mich nur genügend anstrengte, wenn ich ein sauberer organisierter Mensch blieb. Aber ich hatte keine Ausdauer, und als ich von der rechten zur linken Hand wechselte, sah ich keine Würmchen. Meine linke Seite ist nicht so stark. Und du wirst im Weiteren sehen, dass es ein Zustand der Asymmetrie ist. Die Linke ist sauberer, aber sie ist schwach. Die Rechte ist stark und voller Dreck.
Die Würmchen lagen da in der Badewanne. Ich bückte mich, hob sie auf und warf sie alle in den kleinen Abfalleimer im Bad. Ihr Anblick, wie sie da so lagen, gefiel mir nicht, also steckte ich die Hand in den Abfall und rührte ihn um, wendete ihn, wie man es mit einem weichen Risotto macht.
Ich stieg aus der Wanne und ging auf Zehenspitzen zurück in mein Schlafzimmer. Draußen muss es schon dunkel gewesen sein, ja, ich erinnere mich, dass es dunkel war. Sonst hätte ich das nicht getan. Ich hatte kein Problem damit, dass meine Nachbarn mich durchs Schlafzimmerfenster nackt sahen, aber das Küchenfenster ging auf die Fulton Street, und an diesem Fenster ging ich abends nicht nackt vorbei. Es ist eine gute Gegend, prima Lage. Aber wie soll ich sagen? Arbeiterklasse, auf dem Weg zur und von der Arbeit, und von denen wollte ich nicht gesehen werden.
Ich sage es jetzt einfach. Ich wollte nicht, dass arme Menschen meinen Körper sahen. Ihre Verzweiflung machte mir Angst.
An jenem Abend ging ich zum Essen zu Sasha. Er wohnte ebenfalls in der Gegend. Kennst du den hohen Uhrenturm, den, der wie ein Schwanz aussieht? Sasha war in der Immobilienbranche und hatte vor ein paar Jahren sogar das kleine Gebäude gegenüber von Kushners 666 gekauft, das er auf meinen Rat hin später an Salvatore Ferragamo verpachtete. Aber Sasha war sehr bescheiden, was das anging. Wenn man ihn fragte, sagte er lediglich, er sei in der Immobilienbranche, und man sah es ihm nicht an, er hätte einfach irgendein osteuropäischer Broker sein können.
Ich trug ein Kleid von McQueen, meine Arme und Beine glichen polierter Bronze, aber unter meinem Kleid war alles schmutzig und begann zu faulen.
Ich konnte bei Sasha nicht schlafen. Die ganze Nacht dachte ich an meinen schmutzigen Körper und an die Stelle, die ich nicht säubern konnte. Sie war auf meinem Rücken, zwischen meinen Schulterblättern, der einzige Teil meines Körpers, den ich weder anfassen noch richtig sehen konnte, die Stelle an meinem Körper, die am schmutzigsten gewesen sein muss, weil ich mit dem türkischen Hammam-Luffaschwamm nicht an sie herankam.
Ich verließ Sashas Wohnung früh am Morgen. Wir wohnten nur drei Straßen voneinander entfernt, im Herzen von Brooklyn, wo sich alle U-Bahn-Linien kreuzen. Er war der Grund, warum ich dorthin gezogen bin, ich entschied mich für diese Wohnung, weil ich ihm nahe sein wollte, nicht im Sinne einer Abhängigkeit, sondern so, wie man es auch als angenehm empfindet, in der Nähe eines Minimarkts zu wohnen.
Zwischen uns, im Dreieck zwischen Fulton Street, Ashland Place und Lafayette Avenue, lag ein kleiner Park, um den ich herumgehen musste, weil es keinen Eingang gab, keine Möglichkeit, durch ihn abzukürzen. Vermutlich, weil man nicht wollte, dass Obdachlose darin schliefen. Eines Tages, stellte ich mir vor, in nicht allzu ferner Zukunft, wenn es im Viertel keine Armen mehr gab, würde der verschlossene Park feierlich geöffnet werden. Oder vielleicht würde man dort ein Hochhaus wie The London Shard bauen, aber man würde es nach irgendeinem chirurgischen Instrument benennen, zu Ehren des Sieges über den Krebs.
Sobald ich meine Wohnung betrat, zog ich mein Kleid aus, es roch nach meinem Parfum und nach Lammfett, und stellte mich, eine Tube Zahnpasta in der Hand, vor den Wohnzimmerspiegel.
Die Zahnpasta war, wie schon erwähnt, von Cattier, das ist eine französische Marke. Ich glaube, es ist die beste Zahnpasta auf dem Markt. Cremig und matt, perfekt, um damit auf Haut zu malen. Ich würde meine neue Hypothese überprüfen, ich wollte sehen, ob es eine Stelle an meinem Körper gab, die ich nicht anfassen konnte.
Ich tupfte mir etwas Zahnpasta auf den Zeigefinger und führte den Arm nach hinten über die Schulter, um auf meinem Rücken eine Linie zu ziehen. Dann verdrehte ich den Arm von unten auf den Rücken und zog eine zweite Linie. Dann weitere Zahnpasta in vertikalen Linien unter meinen Schultern. Das Ergebnis war ein asymmetrisches Viereck in Rückenmitte, der Bereich meiner Limitationen.
Ich wollte natürlich mehr wissen. Ich drückte die halbe Tube aus und bemühte mich nach Kräften, innerhalb des Vierecks zu malen. Ich verrenkte mich, als steckte ich in einer Zwangsjacke. Dann bemalte ich meinen unteren Rücken, die Schultern, Arme, Unterarme und Pobacken. Ich bemalte meine Füße, die Beine, und ich hatte ungemein kräftige Waden, Großstadtwaden, von der vielen Lauferei. Bauern haben auch kräftige Waden, denen aber kräftige Handgelenke entsprechen, wohingegen meine zart sind wie die gebündelten Stiele eines Blumenstraußes. Ich habe dir schon gesagt, es handelt sich um einen Zustand der Asymmetrie.
Für einen besseren Blick benutzte ich sogar einen Handspiegel, die Sorte, die Frauen verwenden, um sich von ihrer Vulva verblüffen zu lassen. Es war mir gelungen, meinen ganzen Körper zu bemalen, mit Ausnahme des Vierecks mitten auf meinem Rücken.
Ja, das war die Stelle meines Körpers, die am schmutzigsten gewesen sein muss.
Ich wusch die Zahnpasta ab und breitete auf dem Schlafzimmerboden meine blaue Yogamatte aus. Ich machte kein Yoga. Ich legte mich einfach hin und gestand mir ein, dass irgendetwas nicht stimmte. Mein Körper fühlte sich nicht richtig an, denn sich gut zu fühlen, auf zwanglose Weise, heißt, seinen Körper nicht zu fühlen.
In New York hielt ich mich acht Monate, kürzer, als sich ein Kind im Leib seiner Mutter hält. Wenn man darüber nachdenkt, ist das viel Zeit, genug, um einen Menschen entstehen zu lassen. Ich erzähle dir diese Geschichte als Mahnung an mich selbst, als Verheißung für die Zukunft. Sie verheißt, dass nichts von Dauer ist, nicht einmal du, nicht einmal wir. Zwei gesonderte Dinge können nicht für immer miteinander verbunden sein.
Weil ich so viel Zeit mit dem Säubern verbrachte, musste ich im Klassenzimmer oft improvisieren. Als ich das Gefühl hatte, dass Vertrauen zwischen uns herrschte, dass die Schüler mich nicht verpetzen würden, führte ich das Konzept des offenen Unterrichts ein. Es muss schon Oktober gewesen sein. Es war Freitag, und ich war müde von der Woche, ich hatte keinen Unterrichtsplan vorbereitet, erschien sogar erst ein paar Minuten nach dem ersten Klingeln.
Die Sechstklässler waren an diesem Tag meine erste Klasse, und sie waren die folgsamsten. Sie hatten gerade an der Franklin School angefangen, und alles war für sie ganz neu und aufregend, man hätte meinen können, sie wären in Hogwarts eingetreten. Ich sagte zu ihnen: In der nächsten Stunde stellen wir uns vor, dass wir frei sind. Wenn ihr lesen wollt, lest. Wenn ihr auf eurem Handy Spiele spielen wollt, spielt Spiele auf eurem Handy. Wenn ihr schlafen wollt, schlaft. Einige schliefen tatsächlich, weil sie schon mit zwölf überarbeitet und müde waren.
Bei den Siebtklässlern improvisierte ich und nahm etwas aus dem Lehrplan für die achte Klasse durch. Ich sagte: Ihr macht eure Sache außerordentlich gut, und euer Reifegrad beeindruckt mich, also gebe ich euch heute etwas sehr viel Fortgeschritteneres, nämlich Stoff aus dem Lehrplan für die achte Klasse. Die Jungs waren verunsichert, machten sich Sorgen, dass es zu schwierig sein würde und sie eine schlechte Note bekämen. Nein, sagte ich, das ist offener Unterricht. Ihr werdet nicht abgefragt, und es gibt keine Hausaufgaben. Danach vergeudete ich zehn Minuten mit Gefummel am Projektor, dann zeigte ich ihnen die ersten dreißig Minuten von Der Duft der Frauen.
Im Raum war es dunkel, die Jungs waren noch nicht hormongesteuert, und ihre Haut war glatt und spiegelte das kalte Licht des Projektors. Die meisten meiner Schüler waren Schwarz, die anderen waren Immigranten. Klar, sie sahen sich in Werbeanzeigen, aber hauptsächlich in der U-Bahn, selten auf großen Reklametafeln. Sie sahen aus wie die Kids auf den Postern für Community Colleges, für Wohlfahrtsträger und gelegentlich auch für ein Modehaus oder eine Kosmetikfirma, die sich für ein trendigeres Image mit den Hauttönen der Jungs schmückten. Sie waren an die Ränder gedrängt, und ich verstehe das Bedürfnis, die amerikanische Demokratie für alle zurückzugewinnen, aber ich halte das für nachrangig. Ich wusste, sie hatten es schon schwer im Leben und würden es in Zukunft wahrscheinlich noch schwerer haben. Ich hatte es in diesem Alter auch schwer gehabt. Anders als sie war ich zwar nicht arm, aber auch ich fand mich nicht auf Werbetafeln wieder, gelinde gesagt. Als ich den Job antrat, hatte Aisha mir gesagt, dass zwei meiner Siebtklässler Dreamer waren. Ich hätte gern mit ihnen darüber geredet, aber ich fühlte mich nicht kompetent. Ich kannte keine Latinos, soll heißen, ich war nie bei welchen zu Hause gewesen.
Während wir den Film ansahen, spürte ich, wie sich mir die Brust zusammenschnürte, als wollte sie irgendetwas in meinem Inneren daran hindern zu entkommen. Ich fühlte mich nicht wohl, ich dachte, dass mein Körper mir etwas zu sagen versuchte. Während der Mittagszeit setzte ich mich nicht zu den anderen Lehrern. Ich schloss mich in der winzigen Lehrertoilette ein, breitete meinen Burberry-Trenchcoat auf dem Boden aus, legte mich darauf und stützte die Füße aufs Waschbecken. So blieb ich die ganze Mittagspause über liegen, horchte in mich hinein und ignorierte jedes Klopfen und jeden Versuch, die Tür zu öffnen.
Ich nahm da drin viele Gerüche auf, und sie blieben tagelang an mir haften. Doch am Ende dieser Stunde war ich voller Entschlossenheit und Zielstrebigkeit. Wenn niemand mich daran hindern konnte, mich auf den Toilettenboden zu legen, dann, so wurde mir klar, konnte ich in der Franklin School noch viel mehr ausrichten. Die Klingel ertönte, und ich marschierte die Treppe hinauf und betrat mein Klassenzimmer. Die Achtklässler waren sehr aufgeweckt, fleißig und voller Ideen. Ich gab ihnen ihre erste Aufgabe – über eine Begegnung mit einem fremden Menschen zu schreiben. Sie gerieten natürlich in Panik. Viele von ihnen hatten Versagensängste, sie waren schon darauf konditioniert, es einem recht zu machen, und wollten wissen, was ich von ihnen erwartete. Ich erkläre es euch, sagte ich, ich will euch eine kleine Geschichte erzählen. Ich nahm eine selbstbewusste Haltung ein, setzte mich mit leicht gespreizten Knien auf das Lehrerpult, die Hände hinter mir auf dem Tisch. Heute in der Mittagspause, sagte ich, habe ich vor dem Presto in der 8th Street eine alte Dame ausrutschen und die Treppe hinunterfallen sehen. Es ist nichts Schlimmes passiert, aber es war eine nette alte Dame, und sie hat sich am Ellbogen wehgetan. Der Barista und ich haben ihr aufgeholfen und sie in ein Taxi verfrachtet. Sie brauchte Ruhe, die Arme. Dann, und ich mache keine Witze, Jungs, sobald das Taxi wegfuhr, habe ich wieder jemanden dieselbe Treppe vor dem Presto hinunterfallen sehen. Es war ein junger Mann, und ich glaube, er war leicht betrunken.
Ich stand vom Lehrerpult auf und imitierte den Gang eines Betrunkenen, wankte durchs Klassenzimmer und stieß dabei gegen die Pulte der Schüler, was sie zum Lachen brachte. Wisst ihr, was ich getan habe, Jungs? Ich bin einfach an ihm vorbeigegangen, habe nicht mal mit der Wimper gezuckt. Aber ich muss unentwegt daran denken. Helft mir auf die Sprünge, warum habe ich dem einen fremden Menschen geholfen, dem anderen aber nicht?
Ich blickte in die Runde, sie waren verwirrt. Es gibt keine richtige oder falsche Antwort, Jungs, ich denke bloß laut nach. Wir können einfach ein paar Minuten lang frei diskutieren, das hier ist offener Unterricht.
Jay meldete sich als Erster. Wenn von der Klasse nichts kam, war er immer derjenige, der mir zu Hilfe kam. Er sagte, ich hätte ja vielleicht Angst vor dem Betrunkenen gehabt. In dem Gebäude, in dem er wohnte, gebe es einen Alkoholiker – dies der Begriff, den er benutzte –, und der schlafe manchmal im Fahrstuhl. Er habe zu viel Angst, um mit ihm zu fahren, deshalb müsse er die Treppe bis in den sechsten Stock hochsteigen.
Sehr gut, Jay, fahr nicht mit dem Betrunkenen Fahrstuhl. In kleinen Räumen fängt man sich leicht was ein, und du könntest von seinem Atem betrunken werden, sagte ich. Und vielleicht, vielleicht ist das der Grund, warum ich dem Mann draußen nicht helfen wollte. Stellt euch vor, ich würde betrunken hierherkommen und es an euch weitergeben. Jay nickte, und ich sagte ihm, er solle seinen Aufsatz über den Alkoholiker schreiben. Dann ging ich durchs Klassenzimmer, zu einem nach dem anderen, und half ihnen, etwas zu finden, worüber sie schreiben konnten.
Während es still war, erwachte mein Körper wieder. Es trieb mir die Tränen in die Augen, und das musste ich dadurch verbergen, dass ich mich unter das Pult bückte und aufs Geratewohl Gegenstände aus meiner Tasche nahm. Ich wollte die Schüler allein lassen und zur Lehrertoilette zurückkehren, um wieder in mich hineinzuhorchen, aber das ging nicht, das hätte Chaos gegeben. Ich sagte ihnen, eine Seite Geschriebenes reiche völlig, und sie könnten nach Hause gehen, sobald sie fertig seien.
Sie blickten sich um, beschwerten sich über größere Handschrift und kleinere Hefte. Ihr habt zwei Möglichkeiten, sagte ich, entweder ihr schreibt zweihundert Wörter, oder ihr schreibt so wenig, wie ihr wollt, aber das rechne ich dann in eure Endnote mit ein. Sie begannen alle laut zu zählen und störten einander damit. Minuten später stapelten sich die Hefte auf meinem Pult. Bis es klingelte, war das Klassenzimmer aufgeräumt und das Whiteboard abgewischt. Für diesen Tag war das meine letzte Unterrichtsstunde. Ich ging rasch, die Hefte stopfte ich in meine Birkin und nahm sie mit. Ehe ich zur U-Bahn hinunterstieg, machte ich bei einem 7-Eleven Halt, kaufte Schmerztabletten und schluckte eine trocken hinunter. In der U-Bahn stellte ich die schwere Tasche auf den gelben Sitz und wartete darauf, dass das Mittel zu wirken begann.
In meinem Viertel angelangt, ging es mir schon erheblich besser. Der Himmel war klar, und ein sanfter Wind pustete das erste Herbstlaub von den Bäumen. Allerdings konnte ich an meinem Trenchcoat noch immer die Lehrertoilette riechen, er roch nach Stinkkraut und Hefe. Ich zog ihn aus und betrachtete ihn. Es war eine wunderschöne Kreation, cremefarben und dezent. Ich trug ihn seit Jahren, und er war so loyal zu mir gewesen, so robust, so ausdauernd stilvoll. Ich nahm meinen Lippenstift aus der Tasche und ließ den Trenchcoat dort liegen, auf der orangefarbenen Altpapiertonne. Mir war der Mantel zu schmutzig, als dass ich ihn hätte behalten können, aber einem Fremden vielleicht nicht, stellte ich mir vor.
Ich betrat meine Wohnung und legte die Hefte der Schüler auf den Esstisch. Ich bewohnte fünfzig unlängst renovierte Quadratmeter mit Oberlicht in einem Backsteingebäude. Die Wohnung enthielt ein Bett, einen Esstisch, einen Sessel und ein paar Lampen und Spiegel. Ich besaß zwar nicht viel, aber vieles konnte aus der Reihe tanzen. Ich sah eine mattgraue Staubschicht auf dem Küchentresen, sah, dass das Kabel der Tischlampe einen Knoten hatte, dass die Gewürzgläser nicht exakt ausgerichtet waren. Außerdem war es sehr laut, vom Feierabendverkehr durchbraust. Ich habe dir schon gesagt, dass Fort Greene ein Durchgangsviertel ist. Da war der B67, der an der Bushaltestelle laut schnaufte, wie ein brünstiges Tier. Die aus den schwarzen Toyotas mit offenen Fenstern plärrende Musik. Das Herumgelungere vor dem Tabakladen, die Krankenwagen, das dämonische Ticken der Ampelanlage, das Rauschen der Bäume in dem Park auf der anderen Straßenseite und auch ihre Bewegungen, die ich durch das schmutzige Glas der Küchenfenster sehen konnte.
Also tat ich, was ich zu tun hatte. Ich begann, Dinge wegzuwerfen, ich ordnete und säuberte. Das wurde zu einer Lebensform. Ich hätte jemanden bezahlen können, der das für mich erledigte, das Saubermachen, aber was mein Zuhause anging, konnte ich keiner anderen Frau trauen, ich befürchtete, dass sie irgendein wichtiges Stückchen Papier wegwerfen würde. Es klingt dramatisch, aber ich wurde zur Sauberkeitsfanatikerin. Das ist ein verbreiteter Zustand, der sozial keineswegs verpönt ist. Er gilt vielmehr als Ausweis eines guten Charakters. Wenn man das Zuhause einer Frau betritt, und alles ist blitzsauber, denkt man niemals an den damit verbundenen Wahnsinn. Man lobt sie schlicht und verspürt vielleicht einen Anflug von Neid. Man denkt niemals an all die Jahre, die sie auf den Knien gelegen, sich Fingernägel abgebrochen und Mr. Muscle geschnüffelt hat.
Um ehrlich zu dir zu sein: Ich hatte noch nie so schmutzige Menschen gesehen wie in New York, obwohl ich nie in einem Dritte-Welt-Land gewesen war. Ich kam aus Palästina, was weder ein Land noch die Dritte Welt, sondern ein Ding eigener Art ist, und die Frauen in meiner Familie legten großen Wert darauf, sauber zu sein, vielleicht weil es in ihrem Leben wenig anderes gab, worüber sie die Kontrolle hatten.
Aber in New York scherten sich die Leute nicht um Sauberkeit. Auf der Straße sah ich tote Ratten, Windeln, Zahnstocher und Drogentütchen. Ich sah Mascarafläschchen und Tampons, der Beweis, dass auch die Frauen schmutzig waren. New Yorker konnten, Bagel und Kaffee in den Händen, an einer Schmiere von Durchfall auf den U-Bahn-Fliesen vorbeigehen, ohne sich etwas dabei zu denken. Sie würden morgen immer noch dort wohnen, in der größten Stadt auf Erden. Die Stadt machte sich den Schmutz zu eigen, als handelte es sich um eine Ästhetik. Rost und Ziegelsteine, schwarze Abfallsäcke an der Bordsteinkante, Millionen von Kaugummis auf den Bürgersteigen wie Punkte von Yayoi Kusama.
Aber ich konnte ihn mir nicht zu eigen machen. Allmählich ging ich dazu über, in der U-Bahn Handschuhe zu tragen. Alle meine Hosen säumte ich so, dass sie den Boden nicht berührten. Den halben Tag hielt ich den Atem an.
An jenem Abend im Oktober machte ich alles, ich blieb bis zwei Uhr morgens auf. Ich putzte das Bad, den Kühlschrank, die Schränke und sämtliche Ecken, große wie kleine, und davon gab es viele. Ich kam sogar zu einigen Arbeiten, die mir seit Wochen im Nacken saßen. Wenn ich das sage, fällt mir etwas Bestimmtes ein, nämlich ein kleines rotes Gekritzel, entweder mit Kreide oder Buntstift. Es befand sich auf dem Rahmen der Schlafzimmertür und stammte entweder von einem Handwerker oder von einem Kind. Während ich daran herumschrubbte, hörte ich einen Klang, der aus der Nachbarwohnung kam. Ein Musikinstrument. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu erkennen, dass es sich um eine Klarinette handelte. Ich stellte mir vor, dass sie von einem Mann gespielt wurde, weil ich immer Lust auf Sex habe. Das rote Gekritzel ging nicht ab, sosehr ich mich auch bemühte. Ich fand es abscheulich. Es erinnerte mich daran, dass vor mir Menschen hier gewesen waren.
Am nächsten Morgen wachte ich mit steifem Hals auf. Es fühlte sich an, als hätte ich auf einer Münze geschlafen, einer kleinen kompakten – wie ein dicker Schekel oder eine alte britische Pfundmünze –, und in meinen Träumen hinterließ sie einen Abdruck der Queen.
Als ich klein war, machten wir öfter Urlaub im Süden. Einmal fuhren wir mit dem Auto den Wüstenhighway entlang, ich, meine Mutter, mein Vater und mein Bruder. Es war eine lange Fahrt, ungefähr fünf Stunden oder so, und ich spielte mit einem Schekel und zwanzig Agorot, die ich lachend in die Luft warf. Der Schekel war ein hübsches kleines Silberstück, die Agorot zwei doofe Goldscheibchen. Irgendwann fiel mir der Schekel aus der Hand in meinen Mund und verschwand. Da war nur die Bewegung der Münze und dann nichts. Ich war eine Zauberin, dabei hatte ich das nie gelernt, meine Eltern waren beide Naturwissenschaftler, und mein Bruder war zu alt, um mit mir zu baden. Du hast die Münze verschluckt, behaupteten sie alle. Aber sie zeigte sich nie wieder, weder in Form von Beschwerden in meiner Speiseröhre noch als Verstopfung, die kleine Münze blockierte weder meinen kleinen Anus, noch glänzte mein Aa nach dem langen Tag am Pool. Weder stieß es mir am Frühstücksbüfett metallisch auf, noch hatte ich den Geschmack eines Bettlerfingers im Mund. Wie kommt es, dass die Armen schmutzig und die Reichen sauber sind?
Wie gesagt, es ist seltsam, wo wir mit Geschichten beginnen. Ich hätte stattdessen an dieser Stelle beginnen können. Bei unserer Rückfahrt aus dem Süden, wieder auf dem Wüstenhighway, schlief mein Vater am Steuer ein. Meine Eltern starben beide, und mein Bruder und ich überlebten.
Es war eine Tragödie, aber irgendwie hatte ich Glück, ein gutes Erbe rettete mich. Wenn irgendwer das verstehen kann, dann du, das weiß ich.
Ich schrieb meinem Bruder und erklärte ihm, dass ich in New York jeden Monat zusätzlich Geld bräuchte, dass ich eine Reinigungskraft, eine Köchin, eine Masseurin, einen Akupunkteur, einen Reiki-Heiler und einen Psychoanalytiker bräuchte. Vielleicht zwei bis drei Reinigungskräfte oder eine, die die Sache so ernst nahm wie ich, aber dann wäre sie niemals Reinigungskraft geworden, denn der Tag hat nicht genügend Stunden, als dass man zwei Wohnungen mit solcher Akribie und Hingabe putzen könnte.
Ich schrieb per Briefpost, doch die Antwort kam rasch, in einem gelben Umschlag. Ich las sie nur einmal, während ich die Treppe zu meiner Wohnung hinaufging. Mir sind die Hände gebunden, schrieb er, ich gedenke den letzten Willen unseres Vaters zu respektieren. Das Testament sah vor, dass ich jeden Monat einen Festbetrag bekam und darüber hinaus keinen Zugriff auf das Vermögen hatte. Ich könnte das Testament jetzt gleich hervorholen und Wort für Wort lesen, aber von dem Ding wird mir jedes Mal schlecht.
Mir blieb nichts anderes übrig, als mich den Wünschen meines Vaters zu fügen. Ich hatte Anspruch auf die Hälfte seines Vermögens. Zum Zeitpunkt seines Todes etwa 28 755 000 Dollar. Die Vermögensverwaltung lag fest in den Händen des Anwalts, dann meines Bruders. Ich hatte so viel Geld und keinen Zugriff darauf. Sasha sagte, ich sei gleichzeitig reich und arm.
