Schneesturz - Der Fall des Königenhofs - Julia Heinecke - E-Book

Schneesturz - Der Fall des Königenhofs E-Book

Julia Heinecke

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Beschreibung

Sechs Männer sitzen an einem Winterabend im Jahr 1844 in der Stube beisammen und spielen Karten. Die Frauen und Kinder sind schon zu Bett gegangen. Draußen stürmt es. Tauwetter. Gegen 23 Uhr vernimmt die Nachbarin ein »Schausen«, doch denkt sie sich nicht viel dabei. Als sie am nächsten Morgen sieht, dass ihre Söhne vom Kartenspielen nicht zurückgekehrt sind, macht sie eine grausige Entdeckung: Der Königenhof ist verschwunden, von einer Lawine verschüttet. Wo sind seine Bewohner? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

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Julia Heinecke

Schneesturz – Der Fall des Königenhofs

Historischer Roman aus dem Schwarzwald

Zum Buch

Von Schnee begraben Über 20 Personen leben 1844 auf dem Königenhof im Schwarzwald eng zusammen. Der Königenbauer holzt den Wald ab und stellt der Magd nach. Die Königenbäuerin streitet mit der Untermieterin. Tochter Bibiane soll einen Hoferben heiraten und hat doch ganz andere Pläne. Die Untermieterin wiederum will nichts als weg.

An einem Februarabend kommt es zur Katastrophe: Eine Lawine begräbt den gesamten Hof unter sich. Am nächsten Morgen entdecken die Nachbarn das Unglaubliche. Können sie die Verschütteten aus den Trümmern retten?

»Im selben Moment donnerte es bedrohlich, und die Stube begann zu zittern. Überrascht sahen die Männer hoch. Die Schnapsflasche auf dem wackelnden Tisch kippte um. Thomas fiel von der Bank und rappelte sich verwundert auf. Das Donnern schwoll an und ging über in ein gewaltiges Krachen. Das Licht erlosch in einem Windstoß. Nur Bruchteile von Sekunden später spürten sie den Schnee kommen.«

Nach einer wahren Begebenheit.

Julia Heinecke wurde in Berlin geboren, wuchs im nördlichen Schleswig-Holstein auf und ist seit über einem Vierteljahrhundert in Südbaden zu Hause. Sie absolvierte eine Übersetzer-/Dolmetscherausbildung und studierte anschließend Kulturwissenschaften. Heute lebt und arbeitet Julia Heinecke als freiberufliche Übersetzerin, Lektorin und Autorin in Freiburg. In mehreren Publikationen hat sie sich sowohl auf Sachebene als auch in Romanform mit der Kulturgeschichte des Schwarzwaldes auseinandergesetzt.

www.julia-heinecke.de

Impressum

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[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Bildes von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caspar_David_Friedrich_-_Fr%C3%BChschnee.jpg

ISBN 978-3-8392-6790-5

Zitat

Matthis mit dem Beil schlägt’s Eis entzwei.

Wetterregel

Matthiastag, 24. Februar

Personenverzeichnis

Die Bewohner des Königenhofs 1844

Familie Tritschler:

Martin Tritschler, der Königenbauer, *1784

Walburga, die Königenbäuerin, *1794

Ihre Kinder:

Lorenz, *1820

Elisabeth, *1821

Bibiane, *1822

Maria [Marei], *1824 

Thomas, *1826

Martha, *1827

Theresia, *1828

Fidel, *1830

Magdalena, *1831

Mathäus, *1832

Leo, *1834

Julius, *1834

Maria Faller [Fallermarie], Mutter der Königen-

bäuerin, *1774 

Die Gehausleute:

Hilar Winterhalter, *1814

Clara, seine Frau, *1816

Ihre Kinder:

Paul, 9 Jahre

Anton, 6 Jahre

Wilhelmine, 5 Jahre

Balbina, 3 Jahre

Catharina Hofmaier, Claras Schwester, *1822

Ihr Sohn Salomon, 1 Jahr

*

Die Nachbarn im Königenhäusle:

Philipp Beha

Maria [Behamarie], seine Frau

Ihre Söhne:

Blasius, *1821

Philipp [Philo], *1824 

Johann Löffler [Löfflerjohann]

Maria [Löfflermarie], seine Frau

*

Der Nachbar vom Kajetanshof:

Paul Löffler [Kajetansbauer]

*

Der Geistliche:

Pfarrer Schilling aus Neukirch

Samstag, 24. Februar 1844, abends

Draußen stürmte es, den ganzen Tag schon. Jetzt, in den dunklen Abendstunden, ächzte und stöhnte das alte Haus sogar noch lauter als zuvor. Regen fiel hart auf das Schindeldach und ließ den Schnee in großen Brocken krachend auf den Boden fallen. Tauwetter.

Maria Beha sah von ihrer Stopfarbeit auf zu ihrem Mann Philipp, der am Stubentisch im Schein der Tranfunzel saß, vor sich das fast fertige Gestell einer Schwarzwalduhr. Er hatte genauso übermüdete Augen wie sie.

Ihre eigene Kuckucksuhr, die neben dem Herrgottswinkel hing, öffnete geräuschvoll ihr Türchen. Der Kuckuck sprang heraus und rief zehnmal.

»Zeit zu schlafen«, erklärte Maria.

»Bin fast so weit«, erwiderte Philipp Beha und setzte das Stemmeisen geschickt an.

Wenn er dieses Uhrengestell noch fertigstellte, konnten morgen früh seine Söhne Blasius und Philo es auch noch mit der restlichen Ware nach Urach bringen.

»Wo bleiben die Buben?«, fragte er, ohne aufzuschauen, während er seine Arbeit auf Fehler untersuchte.

»Sie sind noch drüben beim Königenbauern«, antwortete Maria, »aber sie werden sicher bald kommen, sie müssen schließlich morgen früh aufbrechen.«

Sie hielt ihr Gesicht dicht an die verregnete Fensterscheibe und blickte angestrengt nach draußen. Sie konnte nur einen schwachen Lichtschein erkennen, obwohl der Königenhof nicht mehr als einen Steinwurf von ihnen entfernt lag, zweiunddreißig Schritte genau.

»Sie spielen zu oft und zu lang mit dem Tritschler«, brummte Philipp.

Maria wandte ihr Gesicht vom Fenster ab und stand auf, um nicht antworten zu müssen, denn er hatte ja recht. Sie legte ihr Stopfzeug in den Korb auf der Fensterbank.

»Ich geh hoch«, gab sie das Zeichen zum Aufbruch.

»Ist recht.«

Maria zog wie jeden Abend die Zapfengewichte der Kuckucksuhr hoch, bevor sie über den schmalen Stiegenkasten die Treppe in die Schlafkammer, die über der Stube lag, nahm. Die Türe blieb geöffnet, sodass die Kachelofenwärme von unten nach oben zog. Maria zog ihr Nachtgewand und die Haube an, hockte sich über den Nachttopf, sprach schließlich ihr Nachtgebet und legte sich ins Bett. Wenig später folgte ihr Ehemann. Wie jeden Abend hatte er abgewartet, bis sie zugedeckt im Bett lag. Maria löschte die Kerze in der Laterne und zog die Vorhänge zu. Jetzt war es stockdunkel.

Wie gewohnt schlief Philipp schnell ein, während seine Frau wach auf ihren vielen Kissen lag. Sie hörte sein Schnarchen und ging im Geiste durch, woran sie morgen zu denken hatte. Den Söhnen ein Vesper richten, damit sie in Urach zu essen hatten und nicht Geld im Gasthaus ausgeben mussten. Hoffentlich würde der Sturm bis dahin aufgehört haben. Den großen Kessel mit Salz ausreiben, denn er hatte unten eine Schicht angesetzt. Die alten Leinentücher ausbessern. Brotteig ansetzen.

Normalerweise half ihr die Gewohnheit, den nächsten Tag zu planen, um in den Schlaf zu finden. Heute Abend jedoch wollte sich keine Bettschwere einstellen. Maria spürte eine innere Unruhe. Es musste am Sturm liegen.

Der Wind rüttelte zornig an den Fenstern, und der Regen prasselte ohne Unterlass. Fast glaubte Maria, dass der Holzschieber aus der Halterung fiele. Da gab es plötzlich ein gewaltiges Donnern und Dröhnen. Das ganze Haus zitterte. Maria richtete sich erschreckt auf und sprach schnell in die Dunkelheit ein Vaterunser. Es dröhnte und zitterte noch immer. Sie sprach ein zweites.

»Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.«

Schlagartig war Ruhe. Wind und Regen wirkten auf einmal ganz leise. Der Kuckuck unten in der Stube rief unbeeindruckt elfmal. Philipp schnarchte. Maria rüttelte an der Schulter ihres schlafenden Mannes.

»Philipp, hast du das Schausen gehört?«

»Welches Schausen?«, fragte er verschlafen, ohne sich zu rühren.

»Ein Dröhnen und Donnern. Ein … gewaltiges Schausen. Alles hat gewackelt. Seltsam. Wie kannst du es nicht gemerkt haben?«

»Das ist doch nur der Sturm«, Philipp tastete im Dunkeln nach der Hand seiner Frau und streichelte sie kurz, »ein Windstoß. Sorg dich nicht. Morgen ist es vorüber. Und jetzt schlaf.«

Er nahm seine Hand weg und drehte sich schwerfällig um. Bald ertönte erneut sein Schnarchen. Maria jedoch sollte die ganze Nacht keinen ruhigen Schlaf finden.

Teil I 1833 bis 1838

1833 – 1834

340 Juchert Feld und Wald. Ein über hundert Jahre altes, großes Schwarzwälder Bauernhaus mitsamt allen Fahrnissen. Daneben Speicher und Kapelle unter einem Dach. Mühle und Backhaus unter einem Dach.So stand es im Kaufvertrag. Der Königenhof war der neue Besitz von Martin Tritschler, bis jetzt Gregorihofbauer in Urach. Mit diesem Hof, so war er sich sicher, hatte er einen guten Fang gemacht. 8.200 Gulden hatte er dafür bezahlt.

Der neue Hof lag knappe drei Stunden zu Fuß von Urach entfernt. Die Familie Tritschler, ihr Knecht und die Magd hatten sich schon früh auf den Weg gemacht, um noch vor Mittag an ihrem neuen Domizil anzukommen. Das letzte Stück ging es steil hinab ins Wagnerstal. Nach dem Kajetanshof ging es wieder leicht nach oben, und an der letzten Kehre sah man bereits das riesige Bauernhaus am Ende des engen Tales stehen. Links davon schmiegte sich das kleine Nachbarhaus, das Königenhäusle, an den Hang. Mitten durch das Tal murmelte ein Bach, an dessen Ufer die dem Hof zugehörige Mühle und die Kapelle lagen. An allen Seiten ragten steile Hänge auf, sodass der Königenhof, zumal auf der Winterseite erbaut, auch jetzt, da die Sonne ihren höchsten Punkt bald erreichte, im Schatten lag.

»Schau, unser Land … und unser Hof.«

Martin Tritschler hielt den vollbeladenen Pferdewagen an und blickte stolz seine Frau Walburga an, die neben ihm auf dem Kutschbock saß. In ihren Armen hielt sie Mathäus, ihren jüngsten, einjährigen Sohn, das zehnte Kind insgesamt. Zwischen den Eheleuten saßen der dreijährige Fidel und die zweijährige Magdalena. Der Knecht lenkte ein weiteres Gefährt, das von zwei Ochsen gezogen wurde. Die größeren Kinder liefen mit der Magd sowie den Kühen und Ziegen hinter den Wagen her und passten auf, dass kein Tier sich davonstahl.

Walburga sah sich interessiert um. Erst vor ein paar Wochen war ihr Mann mitten in der Heuernte verschwunden, und als er am Abend wiederkam, hatte er verkündet, dass die Familie ins Wagnerstal umziehen würde. Walburga war von der Vorstellung nicht sehr begeistert gewesen, aber Martin hatte ihr den neuen Hof in den schönsten Farben ausgemalt.

»Er wird recht für dich sein«, sagte er. »Der Hof ist groß, viel größer als hier, die Küche ist enorm, es gibt ausreichend Kammern für unsere Kinder und die Völcher. Wir werden mehr als doppelt so viel Land haben wie zuvor.«

Viel Landwirtschaft würde sich im hochgelegenen, schattigen Wagnerstal zwar nicht treiben lassen. Ein paar Kartoffeln, etwas Hafer und Roggen, mehr war nicht möglich. Der Reichtum dieses Hofes, war sich Martin sicher, lag hinter dem Hof an den steilen Hängen: Wald. Die Holländer waren ganz verrückt nach Holz aus dem Schwarzwald, das über den Rhein, zu riesigen Flößen aneinandergebunden, den Weg in den Norden nahm. Und dieses Geschäft würde sich der neue Königenbauer nicht entgehen lassen.

Beim Anblick des Königenhofs sah Walburga nun, dass ihr Mann recht gehabt hatte. Der Hof wirkte stattlich, viel größer als der alte in Urach, sein riesiges Dach spannte sich weit hinunter bis fast auf den Boden und wirkte beschützend. Alles Land drum herum sollte ihres sein. Es war beeindruckend.

Sie passierten erst die Mühle mit dem angegliederten Backhaus, dann die Kapelle mit dem Speicher und schließlich das Königenhäusle. Vor dessen Tür stand eine Frau mit ihren zwei barfüßigen Söhnen und hob freundlich die Hand zum Gruß. Martin und Walburga nickten ihr zu, die Kinder winkten.

Vor dem Königenhof brachte Martin seine beiden Pferde zum Stehen und sprang vom Wagen. Walburga reichte der Magd Gertrudis und ihren ältesten Töchtern Elisabeth und Bibiane die kleinen Kinder und stieg selbst hinab. Alle schauten sich um. Bibiane, der Wildfang unter den Geschwistern, rannte schon davon, die kleine Magdalena huckepack, die vor Freude laut juchzte.

Der Stall lag im vorderen Teil des Hauses mit Blick ins Tal und würde schlechtes Wetter abhalten, während sich der Wohnteil hinten an den steilen Berg schmiegte. Eine Fensterreihe links des Hauseingangs, knapp unterhalb der Dachkante, deutete an, wo sich die Stube befand. Im Winter, dachte Walburga, würde es sehr dunkel sein. Rechterhand, neben dem Stalleingang, stand geschützt der Brunnenstock mit dem aufgesetzten Milchhäusle, das zum Kühlen von Milch und Butter diente.

Martin wartete vor der Eingangstür zum Wohnteil, bis Walburga, wieder mit Mathäus auf dem Arm, zu ihm kam. Der neue Königenbauer steckte den mächtigen Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und stieß die Haustür auf. Quietschend gab sie den Weg ins Innere frei, und Martin ließ seine Frau eintreten.

»Willkommen im Königenhof.«

Die geöffnete Tür ließ ein wenig Licht in den schummrigen Hausgang. Sein Boden war mit Stein ausgelegt. Rechterhand ging es durch eine Verbindungstür in den Stall, während sich linkerhand die Stube befand, die vollständig möbliert war. Über die gesamte Fensterseite sowie an der Querseite und entlang der Wand links neben der Tür verlief eine Sitzbank, davor stand ein sehr langer, massiver Tisch, der Platz für die gesamte Großfamilie Tritschler bot. Eine weitere einfache Sitzbank auf der der Stube zugewandten Seite des Tisches sowie mehrere Stühle komplettierten die Einrichtung. Ein grüner Kachelofen rechts neben der Tür sorgte für Wärme in der kalten Jahreszeit. Walburga fiel außerdem der reich geschmückte Herrgottswinkel ins Auge.

Gleich hinter der Stube folgte die Küche. Es war eine über zwei Geschosse gehende Rauchküche ohne Kamin, wie sie im Schwarzwald üblich war, von oben bis unten schwarz von Ruß. Sie war sehr groß, Walburga erschrak dennoch, denn sie hatte keine Fenster. Nur von oben fiel hier und da ein wenig Licht durch die Ritzen der Bretterwände. Walburga blickte hoch und erahnte das verrußte Gewölm, in dem sich der Rauch fing. Mehrere Holzstangen waren dort angebracht, um Schinken und Würste zur Haltbarmachung aufzuhängen. Ein einzelnes Stück Speck vom Vorbesitzer baumelte noch herab und wurde von zahllosen Fliegen umschwirrt. Nachdem sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte Walburga, dass es an jeder Seite der großzügigen Küche einen Herd gab, einen für sie, die Hofbäuerin, und einen für die Altvorderen, die ältere Generation, wenn sie denn mit auf dem Hof lebte. Eigener Herd ist Goldes wert, dachte Walburga. Man konnte ja nie wissen, ob die Eltern hier nicht eines Tages einzögen.

Sie kehrte zurück in den Hausgang, nun gefolgt von mehreren Kindern unter der Führung von Bibiane, die immer den Ton angab. Auf der anderen Seite der Küche gab es ein Stüble, einen kleinen Wohnraum für die Altvorderen. Sie würden sehen, wie sie diesen Raum nutzen konnten. Neben dem Stüble gab es eine weitere Haustür, die zur anderen Seite ins Freie führte.

Walburga und ihre Kinder stiegen nun die Holztreppe ins erste Obergeschoss hinauf. Direkt über der Stube lag die Schlafkammer der Bauern, hier würden Walburga und Martin ihre eigenen Möbel, die sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten, aufstellen, wenngleich die vorhandenen auf Walburga keinen schlechten Eindruck machten. Über dem Stüble wiederum lag eine ebenfalls eingerichtete Schlafkammer für die Altvorderen. Gegenüber befanden sich eine weitere, kleine Kammer für den Knecht sowie der riesige Heustock, der fast die Hälfte der gesamten Geschossfläche einnahm und gut gefüllt war.

Eine Tür neben der Bauernschlafkammer führte nach draußen auf den Außengang, der Zugang zu drei weiteren Kammern bot, die nur über diesen Weg erreichbar waren. Sie lagen direkt über dem Stall, der von unten Wärme spendete.

»Können wir in einer dieser Kammern schlafen?«, fragte Bibiane. Sie wartete die Antwort nicht ab und rannte ihrem großen Bruder Lorenz über den Gang hinterher.

Es gibt wirklich viel Platz, dachte Walburga beeindruckt. Ihr Mann hatte richtig entschieden. Dies war ein stattlicher Hof, der etwas hermachte und ihnen ein gutes Auskommen sichern würde.

Eine weitere Treppe führte sie schließlich ins zweite Obergeschoss auf die Tenne. Diese hatte ein beachtliches Ausmaß. Walburga blickte hoch und sah die enorme Spannweite des Daches, das sogar vier Fenster aufwies, durch die Licht fiel. In einem Lichtstrahl machte sie einen Ochsenkopf aus, der von der Decke hing, und Walburga war froh über dieses nicht gerade christliche Zeichen, denn ein Ochsenkopf, so waren die Bauern im Schwarzwald fest überzeugt, hielt Unglück vom Hof fern.

Schließlich gab es ein Tor, das direkt nach draußen auf die Hocheinfahrt führte. Martin hatte es bereits geöffnet und wartete auf seine Frau und die Kinder.

»Hab ich dir zu viel versprochen?«, fragte er. Er strahlte über das ganze Gesicht. »Du wirst sehen, Walburga, hier werden wir unser Glück finden.«

Seine Frau nickte. Sie überlegte, wann sie Martin jemals so stolz und zufrieden gesehen hatte. Normalerweise war er keiner, der viel lachte und übermäßig freundlich war. Jetzt schaute er sich selig um. Auch Walburga freute sich über den neuen Hof. So geräumig und mächtig hatte sie ihn nicht erwartet.

»Komm mit«, sagte Martin, »jetzt zeige ich dir noch den Stall. Du glaubst gar nicht, wie groß der ist.« Er griff nach ihrer Hand und zog sie die Hocheinfahrt hinunter.

Familie Tritschler begann, sich einzurichten. Die älteren Kinder trieben das Vieh in seinen neuen Stall. Man hörte sie fröhlich rufen und lachen. Martin und sein Knecht Wendelin luden die Kisten und Körbe mit Wäsche, Vorräten, Werkzeugen und Geschirr von den Wagen und brachten sie ins Haus.

Walburga nahm ihre neue Küche in Besitz. Um besser sehen zu können, stellte sie zwei Kienspäne auf, die beständig vor sich hinglommen und zumindest etwas Licht spendeten. Dann packte sie ihre Töpfe und Pfannen aus und verstaute sie im Küchenschrank, in dem ihre Vorgängerin zwei tadellose Schmalzhafen zurückgelassen hatte.

Neben dem Herd lagen Holzscheite und Reisigwellen, die Walburga in den Herd warf und anzündete. Mit einem langen Stecken holte sie schließlich das von Maden durchzogene Stück Speck aus dem Gewölm und warf es ins Feuer. Es knisterte laut.

»Erst einmal müssen wir kräftig durchräuchern, damit das Ungeziefer sich verzieht«, meinte sie. Ihr Kopf war ganz in Rauch gehüllt, und sie musste husten.

Gertrudis, die Magd, holte Wasser vom Brunnenhäusle und goss es in den großen Kochtopf. Bald kochte das Wasser und Walburga warf Kartoffeln, Rüben und Zwiebeln hinein, die sie zuvor an dem großen Tisch, der sich in der Küche befand, geschnitten hatte.

Schließlich fanden sich alle zum Essen in der Stube an dem langen Tisch ein. Martin, der neue Königenbauer, setzte sich ans Kopfende, zu seiner Rechten der prächtige Herrgottswinkel, während daneben auf der Fensterbank der Knecht Wendelin Platz nahm. Es folgten der älteste Sohn Lorenz, Thomas, der siebenjährige, und Fidel, der dreijährige Sohn. Zur Linken des Bauern saß Walburga, auf ihrem Schoß den Jüngsten, Mathäus. Neben ihr saßen die Töchter: Elisabeth, zwölf, Bibiane, fast elf, und Maria, genannt Marei, neun Jahre alt. Schließlich noch Martha mit sechs und Theresia mit fünf Jahren. Die jüngste Tochter, die zweijährige Magdalena, saß auf dem Schoß der Magd am Ende der Tafel.

Lorenz durfte heute das Tischgebet sprechen. Danach griffen alle nach ihren Löffeln und schauten Martin am Kopf der Tafel erwartungsvoll an, dass er als Erster von der Suppe nahm.

Nach dem Essen standen die Königenhofbewohner auf und beteten ein weiteres Mal. Diesmal sprach Martin: »Vater im Himmel, wir bitten um Schutz für unser neues Haus. Halte fern von ihm die Angriffe des Feindes. Es mögen die heiligen Engel kommen und uns den Frieden bewahren, und all dein Segen möge immer bei uns bleiben.«

»Amen.«

Später, am ersten Abend in ihrer neuen Schlafkammer, ließ Walburga ihren Mann gewähren. Er schob ihr Nachthemd hoch und fuhr mit seiner Hand zwischen ihre Schenkel. Schließlich legte er sich auf sie. Walburga schloss die Augen und betete wie immer, dass dieser Akt ohne Folgen bliebe.

Am nächsten Morgen standen die zwei Buben vom benachbarten Königenhäusle wieder vor ihrer Haustür und glotzten. Bibiane rannte mit nackten Füßen auf sie zu.

»Wie heißt du?« Sie zeigte auf den Größeren.

»Blasius«, erwiderte er, »und du?«

»Bibiane.«

Blasius zeigte mit seiner Hand auf seinen jüngeren Bruder. »Das ist Philipp«, stellte er ihn vor.

»Philo«, sagte dieser. »Ich heiße Philo.«

»Wie denn nun?«, fragte Bibiane.

»Ich heiße Philipp wie mein Vater, aber alle sagen Philo zu mir«, klärte der Junge sie auf. Er war etwa gleich alt wie Bibiane, Blasius ein paar Jahre älter.

»Ihr wohnt ganz schön nah bei uns«, meinte Bibiane.

»Oder ihr bei uns. Wir wohnen ja schon lange hier«, erwiderte Philo.

»Rat mal, wie viele Schritte es von eurem Haus zu unserem sind«, forderte Blasius sie auf.

Bibiane überlegte kurz. »Bestimmt hundert«, befand sie.

»Es sind viel weniger«, trumpfte Blasius auf.

»Woher willst du das wissen?«

»Wir wissen es, weil wir es schon längst gezählt haben«, erklärte Blasius.

»Kannst du denn nicht zählen?«, wollte Philo wissen.

Bibiane wurde rot. Sie war in Urach nur sehr wenig zur Schule gegangen, aber das wollte sie nicht zugeben. Ihre Eltern legten mehr Wert darauf, dass Thomas und Lorenz lernten und nicht die Mädchen.

»Natürlich kann ich zählen«, behauptete sie dennoch. »Das kann ja wohl jeder.«

»Dann siehst du doch, dass das bestimmt nicht hundert Schritte sind«, sagte Blasius.

Bibiane, sonst um kein Wort verlegen, schwieg und schaute zur Seite.

»Komm, wir probieren es mal aus. Eins.« Blasius machte einen großen Schritt und drehte sich dann um. »Na, komm.«

Bibiane ließ sich nicht lange bitten. »Zwei.« Sie streckte sich.

»Deine Schritte sind viel zu klein«, befand Philo. »Du musst sie größer machen.«

Bibiane sprang. »Drei!«

Bis zum neunzehnten Schritt konnte sie laut mitzählen, dann aber wurde sie still.

»Was ist?«, forderte Blasius sie auf.

»Zähl du«, entgegnete Bibiane. Aus den Augenwinkeln sah sie ihren großen Bruder Lorenz vor dem Königenhof stehen, der die Arme verschränkt hatte und sie mit einem spöttischen Grinsen beobachtete.

»Zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig …«

»Vierundzwanzig!«, rief Bibiane.

»Du hast eine Zahl vergessen«, sagte Philo. Bibiane schaute verwirrt und war dankbar, dass er sich nicht über sie lustig machte.

»Also, dreiundzwanzig, dann vierundzwanzig …«

Sie zählten weiter gemeinsam, bis sie am Königenhof ankamen.

»… zweiunddreißig!«, schrie Bibiane. »Es sind zweiunddreißig Schritte.«

Sie lachte mit den Buben, bis ihre Mutter aus dem Haus kam.

»Bibiane, was soll das? Geh lieber die Schweine aus dem Stall holen.«

Bibiane hielt kurz inne, dann drehte sie sich zu ihren neuen Nachbarn um. »Kommt ihr mit?«, fragte sie.

»Natürlich.«

Damit war ihre Freundschaft besiegelt.

Der Hof brachte mehr Arbeit mit sich als der alte in Urach, und jeder musste noch stärker anpacken als zuvor. Der Grund und Boden der Tritschlers hatte sich fast verdoppelt. Sie konnten mehr anbauen als auf dem alten Hof und große Mengen Holz im Wald schlagen.

Auch im Haus gab es genug zu tun. Gertrudis grummelte, dass sie vor lauter Schaffen weder ein noch aus wüsste, und Walburga musste sie regelmäßig zurechtweisen. Sie fand ihre Magd einfach nur faul. Lange würde sie sich das nicht mehr anschauen, dachte Walburga bei sich, als Gertrudis sich widerwillig ans Bodenschrubben in der Stube gemacht hatte. Aber gerade konnte sie es sich nicht leisten, der jungen Frau den Laufpass zu geben. Es war gar nicht so einfach, gute Arbeitskräfte zu finden, seit es mit der Uhrmacherei so einen Aufschwung genommen hatte. Walburga war sich bewusst, dass die Leute viel lieber in ein eigenes kleines Häuschen zogen, Uhrengestelle bauten oder Uhrenschilder bemalten, wenn sie genügend Geschick hatten, als auf einem Hof in Arbeit und Kost zu stehen. Sie halfen nur noch bei Bedarf beim Bauern aus, um etwas von seinen Kartoffeln und Hafer abzubekommen.

Martin suchte zusätzliche Kräfte für die Arbeit im Wald und stellte sich gleich nach dem Einzug bei seinen Nachbarn vor.

»Wenn ihr Arbeit sucht, ich kann fähige Leute immer gebrauchen«, erklärte er. »Im Wald gibt es viel zu tun, jede Hand ist willkommen.«

Der Löfflerjohann, der mit seiner Frau in der einen Hälfte des Königenhäusles wohnte, ließ sich gerne als Tagelöhner im Wald verpflichten. Auch der Gestellmacher Philipp Beha und seine Frau Maria, die mit ihren Söhnen Blasius und Philo in der anderen Hälfte lebten, gingen auf das Angebot ein. Philipp half beim Fällen, Maria sammelte Reisigwellen, und Blasius und Philo hüteten auf der Weide das Vieh des Königenhofs. Dabei wurden sie schon bald von Bibiane begleitet.

Walburga seufzte bei diesem Gedanken auf, während sie den Wasserkessel für die Abendsuppe auf die Feuerstelle wuchtete. Die Küche war mit Rauch erfüllt, und der Bäuerin brannten die Augen. Es war ihr gar nicht recht, dass Bibiane jeden Tag Stunden mit den beiden Nachbarbuben auf der Weide fernab des Hofes verbrachte, aber ihre Tochter hatte sich durchgesetzt. Bibiane war im Haus einfach nicht zu halten. Sie musste draußen herumrennen, sonst wurde sie unleidig, fing an, ihre Geschwister zu ärgern oder sich gänzlich der Hausarbeit zu verweigern. Schläge, um ihr diesen Unsinn auszutreiben, blieben wirkungslos. So war Martin auf die Idee gekommen, sie ziehen zu lassen.

»Dann müssen weder Lorenz noch Thomas das Vieh hüten, und ich kann die beiden mit in den Wald nehmen. Dann lernen sie früh das Holzfällen. Das ist mir recht«, sagte er.

Walburga musste ihm zustimmen, dass es eine gute Lösung sein könnte, da es mit Bibiane im Haus oft mehr Scherereien als Hilfe gab. Trotzdem war ihr nicht wohl dabei.

Das Wasser kochte, und Walburga warf die Rüben hinein, die Elisabeth geschnitten und ihr gereicht hatte. Elisabeth, die älteste Tochter, war immer folgsam, das genaue Gegenteil von Bibiane. Mit ihr war es leicht. Warum konnte Bibiane nicht so sein?

»Fang mich doch«, forderte Philo Bibiane auf. Sie hatten das Vieh auf die Weide getrieben, das jetzt zufrieden graste und keine Anstalten machte, den Wiesenabschnitt, von dem es heute Nachmittag fressen sollte, zu verlassen. Zeit für Bibiane, Philo und Blasius, sich abzulenken. Oft sammelten sie Pilze oder Beeren, aber am liebsten spielten sie Verstecken.

Die beiden Buben und Bibiane verbrachten seit dem Einzug der Tritschlers jeden Tag miteinander. Sogar am Sonntag zogen sie nach dem Kirchgang auf die Weide. Bibiane genoss es, draußen zu sein, weg von dem Hof, auf dem an jeder Ecke eine Aufgabe wartete. Die Freiheit auf der Weide erschien ihr grenzenlos. Kälte und Regen, was beides selbst jetzt im Sommer häufig vorkam, nahm sie gerne in Kauf. Philo und Blasius zeigten ihr alle Stellen im Wald und auf den Höhen, sodass sie sich schon bald gut auskannte.

Beim Fangen- und Versteckenspielen weiteten die drei Kinder ihren Umkreis immer mehr aus. Heute vergaßen sie darüber die Zeit. Als es zurück an den Hof gehen sollte und Bibiane nassgeschwitzt zur Weide gerannt kam, stand Philo schon da und zählte die Schafe, Ziegen und Kühe.

»Es fehlt eine Kuh«, stellte er fest, »die Liesel.«

Bibiane erschrak. Ihr Vater würde wütend werden, wenn sie ohne ihre beste Milchkuh auf den Hof zurückkamen. Jetzt kam auch Blasius angelaufen.

»Dann müssen wir sie suchen«, erklärte er. »Jeder von uns schwärmt in eine Richtung aus. Bibiane, lauf du dort Richtung Tal, Philo schaut da hinten, und ich laufe weiter hoch.«

Bibiane nickte. Sie griff nach ihrem Weidestock, mit dem sie normalerweise das Vieh in Schach hielt, und wandte sich Richtung Tal. Anfangs konnte sie Philo und Blasius noch hören, bis ihre Stimmen schließlich nicht mehr wahrzunehmen waren.

Sie lief eine Weile bergab und rief nach der Kuh. Schließlich hörte sie weiter unten eine einzelne Kuhglocke.

»Liesel?«

Bibiane sah eine Abzweigung in einen schmalen, zugewachsenen Weg. In diesem kleinen Seitental war sie noch nie gewesen. Es kam ihr in der beginnenden Dämmerung noch düsterer vor als das Wagnerstal. Vorsichtig lief sie hinein. Der Weg war unregelmäßig, und Bibiane schmerzten die Steinchen und Ästchen unter ihren nackten Fußsohlen. Aber sie hatte Glück. Das Läuten der Kuhglocke kam näher.

»Liesel, wo bist du denn?«

Bibiane nahm plötzlich einen Schatten wahr. Das musste die Kuh sein.

»Liesel, komm her, was machst du für Sachen?«, rief Bibiane und lief auf den Schatten zu. Jäh hielt sie an und stieß einen spitzen Schrei aus.

»Der Teufel!«, entfuhr es ihr.

Sie drehte sich um und rannte, so schnell sie konnte, den Weg wieder hoch. Die Schmerzen durch die Steinchen und Ästchen spürte sie nicht. Schließlich stieß sie auf Philo und fing an zu weinen.

»Was ist los, Bibi, warum hast du so geschrien?«

»Da unten … dort ist der Teufel, ich schwör’s.« Bibiane zitterte.

»Beruhige dich«, erwiderte Philo. »Wo soll das denn sein?«

»Da unten, die Liesel ist auch dort und kommt nicht.«

Philo schaute etwas verunsichert, gab sich aber einen Ruck und lief in die Richtung, aus der Bibiane hochgerannt war. Sie folgte ihm zögerlich und mit gehörigem Abstand.

Schließlich blieb Philo stehen und lachte erleichtert auf. »Aber nein, Bibi. Das ist doch ein alter umgestürzter Baum. Schau, seine Wurzeln sehen nur so aus, als säße dort der Teufel.«

»Bist du sicher?«

»Ja, ganz sicher. Schau mal genau hin.«

Bibiane kam vorsichtig näher, hielt es aber für besser, hinter Philo zu bleiben. Vorsichtig lugte sie hinter seinem Rücken hervor. Jetzt erkannte sie, dass es tatsächlich altes Wurzelholz war. Die Grimasse und die Hörner sah sie trotzdem noch darin.

»Du musst keine Angst haben«, beruhigte Philo sie. »Komm, jetzt schnappen wir uns die Liesel und machen uns endlich auf den Heimweg. Wir werden bestimmt schon erwartet.«

Bibiane lachte erleichtert auf. »Aber gib zu, ein bisschen hast du dich auch gefürchtet«, stellte sie fest.

»Na ja, nicht wirklich«, schwächte Philo ab. »Komm, wir sollten jetzt schnell die anderen Tiere holen und zum Hof laufen. Sonst setzt es noch was.«

Er fing die Kuh ein und gab ihr mit seiner Geißel die Richtung zu verstehen, und gemeinsam liefen sie zurück zur Weide. Während des ganzen Weges schämte Bibiane sich abgrundtief, dass sie vor Philo in Tränen ausgebrochen war. Sie wollte vor ihren Freunden ganz sicher nicht als schwaches Mädchen dastehen. Doch Philo sagte nichts, sondern lächelte sie nur aufmunternd an.

Als die beiden auf dem Weidestück ankamen, waren dort keine Tiere mehr zu sehen. Das Vieh wusste, wann es Zeit war, zum Hof zurückzukehren, und hatte sich ohne die Kinder auf den Weg gemacht. Blasius kam aus dem oberen Wald auf sie zugerannt.

»Verflixt«, keuchte er. »Jetzt hat sich das ganze Vieh schon davongemacht, und wir kriegen erst recht Ärger.«

Den Kindern blieb nichts anderes übrig, als mit der abtrünnigen Kuh zurückzulaufen. Zwei weitere Kühe und eine Ziege fingen sie auf dem Rückweg noch ein. Bibiane hoffte, dass ihr Vater noch beim Holzfällen war, denn sie hatte Angst vor seiner Wut, wenn er sah, dass die Herde ohne Hirten nach Hause gekommen war.

Ihre Hoffnung erfüllte sich nicht. Als die drei den Königenhof erreichten, wurden sie von Martin an der Stalltür erwartet. Für alle drei Kinder setzte es Ohrfeigen, weil sie nicht richtig aufgepasst hatten.

Einige Wochen nach ihrem Einzug saß Walburga am Morgen auf der Bank vor ihrem Haus. Das Öhmden, der zweite Schnitt im Jahr, war vorüber, und die Tritschlers hatten Glück gehabt, dass es nur wenig geregnet hatte und das Gras schnell getrocknet war. Der Heustock ihres neuen Hofes war voll bis zum Rand, sie würden gut über den Winter kommen. Auch heute schien die Sonne mild. Bald würde sie nicht mehr ins Tal reichen und der Schatten überhandnehmen.

Walburga spürte eine altbekannte Übelkeit in sich aufsteigen. Seit einiger Zeit ging es morgens schon so, und die Bäuerin wusste nur allzu gut, was das bedeutete. Ihr Beten hatte nichts genützt, sie trug ihr elftes Kind unter dem Herzen. Walburga seufzte. Vierzig Jahre zählte sie bald. Ihre Haare waren grau, Falten zogen sich über ihr Gesicht. Wie sehr hatte sie gehofft, dass das nicht mehr passieren würde. Sie und Martin konnten Gott nur danken, dass sie zehn Kinder auf die Welt gebracht hatte, die alle gesund waren und von denen kein einziges gestorben war. Kaum ein anderer Hof in der Umgebung brachte es auf so viel Nachwuchs, und es gab kaum eine Familie, die nicht ein totes Kind zu beklagen hatte. Aber waren zehn nicht genug? Musste ihr Glück noch ein weiteres Mal herausgefordert werden? Walburga wünschte, sie könnte es ändern, und erschrak bei diesem Gedanken. Sie bekreuzigte sich und entschied, mit der Mitteilung an ihren Mann noch etwas zu warten. Sie musste sich erst selbst daran gewöhnen, dass sie schon wieder ein Kind bekam.

Nach Weihnachten war Walburgas Bauch so groß wie nie zuvor in ihren anderen Schwangerschaften. Martin zog sie auf, dass sie wahrscheinlich schon im Januar niederkommen würde. Doch Walburga war sich sicher, dass dies nicht der Fall sein konnte. Sie ging zur Hebamme nach Neukirch. Der über eine Stunde dauernde Fußmarsch stramm bergauf durch den Schnee war beschwerlich, und Walburga war froh um den Stock, den sie mitgenommen hatte, um sich beim Laufen abzustützen. Sie hoffte inständig, dass die Hebamme überhaupt da war und nicht gerade unterwegs bei einer Geburt.

Sie hatte Glück. Theodora, eine ältere Frau mit freundlichem Lächeln, öffnete die Tür ihres winzigen Hauses und ließ sie eintreten.

»Guten Tag«, sagte Walburga, »ich bin vom Königenhof.«

»Und bald kommst du nieder«, meinte Theodora fachkundig mit Blick auf ihren Bauch.