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Ein erschütternder Bericht der alltäglichen Judenhetze – und ein aufrüttelnder Appell Juna Grossmann arbeitet in einer NS-Gedenkstätte und beobachtet seit Jahren, wie offene judenfeindliche Angriffe zunehmen, lauter werden, bedrohlicher. In ihrem Buch schildert die jüdische Deutsche das Leben unter diesem permanenten antisemitischen Beschuss, berichtet vom Wachsen einer Angst, die sie vor einigen Jahren noch nicht kannte, und davon, wie sie eines Tages merkte, dass auch sie mittlerweile auf gepackten Koffern lebt, bereit zur Flucht vor dem Hass. Weil sie sich damit nicht abfinden will, geht sie in die Öffentlichkeit, schreibt sie dieses Buch und appelliert an die Mitbürger: "Steht zu uns, helft uns, greift ein! Denn auch für euch ist die Schonzeit vorbei."
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2018
Juna Grossmann
Über das Leben mit dem täglichen Antisemitismus
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Ein erschütternder Bericht der alltäglichen Judenhetze – und ein aufrüttelnder Appell
Juna Grossmann arbeitet in einer NS-Gedenkstätte und beobachtet seit Jahren, wie offene judenfeindliche Angriffe zunehmen, lauter werden, bedrohlicher. In ihrem Buch schildert die jüdische Deutsche das Leben unter diesem permanenten antisemitischen Beschuss, berichtet vom Wachsen einer Angst, die sie vor einigen Jahren noch nicht kannte, und davon, wie sie eines Tages merkte, dass auch sie mittlerweile auf gepackten Koffern lebt, bereit zur Flucht vor dem Hass.
Weil sie sich damit nicht abfinden will, geht sie in die Öffentlichkeit, schreibt sie dieses Buch und appelliert an die Mitbürger: »Steht zu uns, helft uns, greift ein! Denn auch für euch ist die Schonzeit vorbei.«
Vorbemerkung
Prolog
»Und wann gehen Sie wieder nach Hause?«
DDR-Gleichschritt und der Weg zum Glauben
11. September 2001
Bitte jüdisch, aber nicht zu sehr
Museumsvorschriften – »Die Rache der Juden«
»Die Besitzerin vermietet nicht an Juden«
»Das wird man ja wohl noch sagen dürfen«
Möllemann als Friedensretter im Nahen Osten
Karsli und der Antisemitismusstreit
»Ich bin kein Antisemit, aber …« – Leserbriefe und Beschwerde-Mails
»Lösch dich!« – Der Hass im Internet
Hasskommentare auf dem Blog irgendwiejuedisch.com
Twitter – ein Kampf gegen die Hydra
Verstummen oder »Jetzt erst recht«?
Geschichten aus dem Gemeindeleben
Jüdische Gemeinden in Deutschland
Wie viele Juden leben in Deutschland?
Die USA, das Land der (jüdischen) Träume?
»… dann wirst auch du umgebracht werden wie wir alle«
Geldgierig, gut im Bett und sicher dunkelhaarig – Stereotype
Blonde Juden gibt es nicht?
Partnerwahl, Partnerqual
»Nie haben die genug, die Juden«
Über das Tragen jüdischer Symbole
Der koschere Laden, der schließen musste
»Du Jude!« – Schulgeschichten
»Ich mag keine Juden«
»Jude« als Schimpfwort
»Das sind ja nur Juden« – ein jüdischer Lehrer erzählt
»Früher wär der doch vergast worden!« – Wie geht man mit Hass im Klassenzimmer um?
Bildung macht den Unterschied? – Der Antisemitismus der Kommilitonen
Bewerbungsgespräche – »Nicht auffallen ist wohl besser«
Wachschutz – Schutz?
Philosemiten oder alles schön-hassen
»Sie brauchen sich dann aber nicht wundern« – Der wohlwollende Antisemit
Verharmlosung und Opfer-Täter-Vermengung
»Ihr Juden seid Bestien« – Der Bruch von 2014
»Israelkritik« oder ein neues Etikett auf altem Hass
Das Aufstehen gegen den Judenhass – organisiert von den Juden
Und wenn du nicht mehr weiterweißt … – der Weg zum Antisemitismusbeauftragten des Bundes
Der Antisemitismus der anderen oder einfach mal schön ablenken
Gedenken gedenken
Gehen oder bleiben?
Informieren und Aktivwerden
Danke
Dies ist ein Buch über Antisemitismus, den es in den Augen vieler entweder nicht mehr gibt oder der erst jetzt durch die Geflüchteten in unsere Gesellschaft getragen worden sein soll. Ich berichte vom alltäglichen Geschehen, davon, was man erlebt, gibt man sich heutzutage in Deutschland als jüdisch zu erkennen. Die Namen wurden verändert. Die Geschichten habe ich selbst erlebt, oder sie wurden mir anvertraut. Sie stammen aus den letzten 17 Jahren.
»Und wann gehen Sie wieder nach Hause?«
»Wenn ich Feierabend habe um acht, aber ich wollte mich vorher noch mit einem Freund treffen.«
»Ich meine zurück.«
»Wohin zurück? Ich bin Deutsche. Meine Eltern sind Deutsche, meine Großeltern waren Deutsche. Ich lebe in der Stadt, in der ich geboren wurde. Wohin zurück?«
Ich hätte mir bis zu diesem Dialog nie vorstellen können, eines Tages dieses, mein Land verlassen zu wollen. Im 21. Jahrhundert, in einem Land mit einer fast 2000-jährigen jüdischen Geschichte, geht man davon aus, dass Juden nur auf der Durchreise sind.
Ich kenne die Geschichten der russischen Einwandererfamilien, die hier neu anfangen mussten, weil sie in ihrer Heimat verfolgt wurden. Ich bin dankbar, dass ich das nicht erleben musste, dass die religiöse Diskriminierung mit dem Ende der DDR überwunden war – so dachte ich zumindest.
Und jetzt? Jetzt werde ich in meinem eigenen Land von wildfremden Menschen dazu aufgefordert, irgendwohin zurückzugehen, woher ich nicht kam.
Man fragt mich häufig, wie oft ich angegriffen werde. Gemeint ist immer der physische Angriff. Es heißt: »Aber du hast doch gesagt, dass du noch nie körperlich angegriffen wurdest.« Ich frage dann gelegentlich zurück, ob nur dieser zählt.
Seit Jahren erlebe ich Schmähungen, Bedrohungen und Vorverurteilungen. Es sind aber lediglich die körperlichen Angriffe, über die die Medien berichten – sofern sie überhaupt berichten. Der ganz normale verbale Antisemitismus im Alltag wird schon gar nicht mehr richtig wahrgenommen, selbst von den Zielpersonen, den Jüdinnen und Juden nicht. Wir verdrehen die Augen, wenden uns ab, weinen heimlich. Wir sind wütend und vor allem verletzt. Mit jedem Angriff geht ein bisschen mehr kaputt.
Denn nicht nur der körperliche Angriff versehrt, der permanente verbale tut es auch. Er gräbt sich tief ein in unsere Seelen – und er richtet etwas an in dieser Gesellschaft. Der verbale Angriff ebnet den Weg für folgende verbale Angriffe. Er bereitet den Boden für gesellschaftliche Umbrüche und körperliche Gewalt. Sprache ist ein Spiegel und ein Wegweiser in die Zukunft.
2003, in meinem letzten Jahr als »Host« in der Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin, kamen auch zwei weißhaarige Herren einer bayerischen katholischen Reisegruppe ins Museum. Es war der ökumenische Kirchentag in Berlin. Die Herren wurden zu meiner Kollegin und mir geschickt. Sobald sie vor uns standen, wurden sie den Hinweis los, man hätte an anderer Stelle ihre Frage nicht beantworten können. Ich rätselte gerade noch, ob es etwas tiefergehend Theologisches war, was die anderen Kollegen nicht hatten beantworten können, als die Frage schon herausplatzte:
»Warum kommen all die Juden zu uns? Sie haben doch jetzt ihre Heimat, wohin sie gehen können.«
»Warum kommen all die Juden zu uns? Sie haben doch jetzt ihre Heimat, wohin sie gehen können.«
»Welche Juden meinen Sie?«, fragte ich.
Die Frage war in einer solch empörten Tonlage gestellt, dass sich mein inneres Auge Bilder einer Flutwelle ausmalte, durch die das Hier und Jetzt begraben wurde. Es stellte sich heraus, dass die Herren über die sogenannten Kontingentflüchtlinge sprachen, eben jene Juden und ihre Angehörigen, die nach Deutschland immigrieren konnten, um nicht mehr der stetigen Verfolgung in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ausgesetzt zu sein. Jene Menschen, die in ihren Pässen nicht mehr als Juden gebrandmarkt, die nach ihrer Leistung bewertet werden wollten und nicht in ihrer Karriere gehindert, weil ihre Nationalität unter »Jude« geführt wurde.
Es handelt sich laut einer Schätzung aus den 1980er-Jahren um etwa 200000 Menschen, die nach russischer Wertung als Juden gelten. Seit 2005 müssen sie eine Aufnahme in eine jüdische Gemeinde in Deutschland sowie eine positive Integrationsprognose vorweisen, um einreisen zu können. Alternativ bleibt Israel.
Ich hatte Kollegen im Jüdischen Museum und Freunde, die aus der ehemaligen Sowjetunion zunächst nach Israel gegangen waren, manche kamen erst nach Deutschland und zogen dann weiter nach Israel. Verstreute Familien, die wieder zusammenfinden wollten. Allen gemein aber war und ist, dass sie ihre Heimatländer wohl nicht verlassen hätten, wenn die Umstände andere gewesen wären. Sie verließen ihre Länder, weil sie verfolgt und diskriminiert wurden.
»Dann passiert auch so etwas wie mit Hitler nie wieder, wenn sie nicht mehr da sind.«
Meine Kollegin Raina, die neben mir stand, war einst selbst ein Kontingentflüchtling, und sie hatte eine Zeit lang als Studentin in Israel gelebt. Dies war die »Heimat«, die die beiden Herren den Flüchtenden, vor allen jenen, die nun in ihrer kleinen bayerischen Stadt ein neues Zuhause finden sollten, zuschrieben. Raina versuchte, aus eigener Erinnerung zu schildern, wie das Leben in der Ukraine war. Sie war noch ein kleines Mädchen, als ihre Eltern mit ihr das Land verließen, nach dem sie sich doch immer noch sehnte. Aber die Herren hörten ihr nicht zu. Es ist ein Gespräch wie so oft. Man will nicht wirklich wissen, fragt nicht wirklich, will nur seinen Standpunkt äußern. Man will nichts hören, was dem eigenen Bild nicht entspricht.
Noch heute erinnere ich mich, wie Raina und ich versuchten, unsere Wut hinunterzuschlucken und unsere Fassungslosigkeit nicht zu zeigen. Im Museum sind wir nicht die Jüdinnen. Hier sind wir neutrale Personen, die Fragen beantworten. So wurde es uns eingeschärft, so versuchten wir, unsere Arbeit zu machen. Irgendwann verließ mich diese Professionalität.
Ich fragte die beiden Herren, ob es in dieser kleinen bayerischen Gemeinde vor der Schoah jüdisches Leben gegeben hatte. Das gab es, klein, aber wohl sehr aktiv und integriert. Ein paar Juden hätten überlebt, wollten aber nicht mehr dort leben nach dem Krieg. Darüber waren die beiden Männer empört. Ebenso wie über den aktuellen Zuzug von Juden.
»Ist es dann nicht gut, dass es wieder jüdische Menschen geben wird, die an dieses Gemeindeleben anknüpfen können?«, wollte ich wissen.
»Die Menschen, die jetzt kommen, gehören nicht in die Gemeinde, sie sollen in ihre Heimat.«
»Zurück nach Russland? In die Ukraine?«
»Nein, nein, da leben ja so viele Russen.«
Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte: »Meinen Sie damit eigentlich, dass alle Juden, auch die deutschen, nach Israel gehen sollen?«
»Ja, sie sollten, jetzt gibt es ja diese Heimat, jetzt können sie ja da hingehen. Dann passiert auch so etwas wie mit Hitler nie wieder, wenn sie nicht mehr da sind.«
Es war das Ende des Gesprächs. Der Boden unter meinen Füßen wankte. Hier stand ich. Mir gegenüber zwei Herren, weiß der Kopf, beige die Kleidung. Sie sagten mir, ich solle gehen, mein Land verlassen. Ich war Anfang 20, und es war das erste Mal, dass man mir sagte, ich solle gehen.
Die katholische Gruppe zog weiter. Ging in ihre Kirchen. Besuchte ihre Gottesdienste und war bestrebt, ihre Heimat zu hüten, die niemandem sonst zur Heimat werden durfte.
»Das Kreuz ist das grundlegende Symbol der kulturellen Identität christlich-abendländischer Prägung.«
15 Jahre später wird ein ehemaliger bayerischer Ministerpräsident zum bundesdeutschen Innenminister ernannt. Er ist zugleich Heimatminister, eine nach bayerischem Modell geschaffene neue Betitelung. In den ersten Tagen nach seiner Vereidigung verkündet er, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Markus Söder, sein Nachfolger in Bayern, stimmt dem zu und lässt per Anordnung in allen Landesbehörden Kreuze aufhängen.
Im Grundgesetz, Artikel 3 Absatz 3, steht: »Niemand darf wegen (…) seiner Abstammung, seiner Rasse (…), seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen und politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.«
Es ist das Grundgesetz, das mich an Deutschland glauben lässt. Es sind Menschen wie ein Innenminister und ein Ministerpräsident eines Bundeslandes, die mich nicht mehr an dieses Land glauben lassen. Es sind Menschen wie diese beiden Herren der katholischen Reisegruppe aus Bayern, die mir Angst machen. Denn sie wollen mich abschieben, mir ein freies Leben nach dem Grundgesetz absprechen.
Menschen in Deutschland, die einen nicht deutsch klingenden Namen oder eine andere Lidfalte haben, kurz, die »irgendwie anders« wirken als die vermeintliche Norm, kennen diese Frage nach dem »Wann gehen Sie nach Hause?«. Der Grünenpolitiker Cem Özdemir hat auf die Aufforderung der AfD, er solle »nach Hause gehen«, geantwortet: »Am kommenden Wochenende bin ich wieder in meiner Heimat. Ich flieg nach Stuttgart, dann nehm ich die S-Bahn, und ich lande am Endbahnhof Bad Urach, da ist meine schwäbische Heimat. Und die lass ich mir von Ihnen nicht nehmen.«
Und trotzdem verletzt diese Frage, auch wenn sie einem schon hundertmal gestellt wurde. Menschen nehmen sich das Recht, durch vermeintliche Äußerlichkeiten, Sprachunterschiede oder Wissen um eine nichtchristliche Religion andere außerhalb Deutschlands zu verorten. Menschen, die seit Generationen hier leben. Manchmal ist es nicht böse gemeint, manchmal ist es eine unbeholfene Art, Interesse zu zeigen. Aber sollten wir diese Zeiten nicht längst überwunden haben?
Seit dem Aufkommen der AfD und ihrem Einzug in den Bundestag wird wieder verstärkt der Begriff Heimat bemüht. Und in unzähligen Publikationen geht man der Frage nach: Was ist Heimat?
Vielleicht weiß man es erst, wenn man sie verlässt, wenn man in der Ferne ist und realisiert, wie sehr man die Kultur und die Gepflogenheiten des jeweiligen Landes verinnerlicht hat, wie sehr es Bestandteil der eigenen Identität geworden ist.
Die Liebe brachte mich für einige Zeit in die USA. Ich gab die Liebe auf und kehrte voller Sehnsucht zurück. Ich kehrte zurück, weil ich die europäische Offenheit vermisste, weil ich mit der Bedeutung der gesellschaftlichen Stellung und all den (einschränkenden) Regeln, die zu befolgen waren, nicht zurechtkam. Ich kehrte zurück, weil ich mich an den alltäglichen Rassismus, der im Süden der USA so normal wie unreflektiert vorherrschte, nicht gewöhnen konnte. Immer mehr fühlte ich, dass meine Heimat dieser alte Kontinent hier ist – und ich nahm an, er würde nicht wieder in alte Muster verfallen. Ein Kontinent, den ich im Zeichen der Offenheit, des Humanismus, der Bildung stehen sah.
Doch in den letzten Jahren wurde mir meine Heimat immer öfter abgesprochen. In meiner Stadt, in meinem Land sagt man mir, meine Heimat sei Israel. Im nächsten Moment wird diesem Staat aber das Existenzrecht abgesprochen – und damit auch mir? Ich werde immer wurzelloser. Ist hier noch meine Heimat? Ich zweifle. Ich werde hoffnungsloser in einem Land, in dem sich Menschen an überkommen Geglaubtem festklammern.
Der konkrete Gedanke an ein Heimatland für die Juden entstand aus jüdischer Perspektive nicht von ungefähr. Immer lebten Juden in dem Landstrich, den wir heute Israel nennen. Es waren die Pogrome, der weltweite Hass, der die Menschen dorthin trieb, es war der Wunsch nach einem Leben, in dem man nicht als »anders« betrachtet wird. Der Wunsch nach dem Versuch einer Gesellschaft, in der alle gleich sind. Es war der Traum einer besseren Welt in einer Welt voller Hass.
Der Gedanke, ein besseres Land zu finden, begleitet auch mich. Ich glaube nicht mehr daran, dass Deutschland dieses Land ist.
Ich wurde in Berlin geboren, hier bin ich aufgewachsen. Die Welt, in der ich aufwuchs, war eine Diktatur, die meine Kindheit früh beendete. Die Diskriminierungen in der Schule setzten bald ein: Kinder, die der Kirche angehörten, wurden von den Gruppennachmittagen ausgeschlossen. Ich verstand es nicht. Alles musste gleich sein. Dass ich schon las und mich langweilte, wurde dadurch wettgemacht, dass mir meine Linkshändigkeit mit Gewalt ausgetrieben wurde. Man durfte nicht anders sein, auch nicht beim Schreiben. Ein paar Jahre später schauten die Lehrer weg, als ich in Klassenzimmern und auf den Schulhöfen verprügelt wurde. Mal hatte ich eine vermeintlich westliche Jacke an, mal war es das ganz normale Schülermobbing, weil jemand »irgendwie anders« war, mal waren es Schläge, weil ich die Existenz eines G’ttes1 nicht verleugnen wollte. Bei all dem haben die Lehrer zugesehen, ja, sie haben weiteren Diskriminierungen Vorschub geleistet.
Die Gesprächsversuche meiner Mutter, als die blauen Flecke nicht mehr zu übersehen waren, wurden mit Achselzucken abgetan. Sie war nicht in der Partei. Man wusste, dass sie nicht auf Linie war. Sie würden mir nicht helfen.
»Du musst dir ein dickes Fell wachsen lassen.«
»Du musst dir ein dickes Fell wachsen lassen« war der Satz, der meine Kindheit bestimmte. Genauso wie die jährliche Festlegung, zu welchen Freunden der Mutter ich gehen würde, wenn sie eines Tages nicht mehr nach Hause käme. Die Drohungen waren eindeutig, das Druckmittel Kind ein übliches in der Diktatur DDR. Meine Mutter hat sich dennoch das Wort nicht verbieten lassen. Schon als Kind war ich stolz darauf.
Die private Welt spielte sich in Künstlerkreisen ab. Kreise, in denen nächtelang diskutiert wurde. In denen man reden konnte. So wie in der Kirche. Deshalb heißt Kirche für mich Politik. Kirchen waren in der DDR die Orte des freien Sprechens, des Denkens, der Zukunft. Die Umweltbibliothek, der Überfall auf die Konzertgäste vor der Zionskirche, der Versuch des Vertuschens durch die Stasi – das waren einige der Dinge, die meine Kindheit begleiteten, die mich prägten.
Mein Weg schien vorgezeichnet. Ich würde nie studieren können, man würde mir trotz Bestleistungen kein Abitur erlauben. Nur über die Kirche in der DDR hätte es so etwas wie eine Chance gegeben. Ich fühlte mich in diesem Umfeld wohl und sicher. Man stand zusammen, ob Christ oder nicht, es spielte keine Rolle. Diskriminierungen, Verfolgung – egal, ob man wirklich »etwas getan« hatte. Ein freier Geist war Gefahr genug.
1989 dann die Befreiung. Die Wochen zuvor: Demonstrationen, Diskussionen, der Kampf für Freiheit und eine Zukunft. Die Mauer fiel. Endlich Freiheit. Eine Freiheit, die ich als Teenager in den 1990er-Jahren in Berlin nutzte. Ich wollte wissen. Bücher frei kaufen. Denken. Lernen. Kontrovers sein. Ich suchte meinen Weg. Ich besuchte den Konfirmandenunterricht einer Berliner Kirche. Ich saugte alles auf und wusste, dass es nicht mein Weg war. Ich setzte mich mit dem Islam und dem Buddhismus auseinander. Irgendwann nahm mich ein Freund mit in die Synagoge Oranienburger Straße. Damals hatte sich gerade ein paar Monate zuvor eine Gruppe Frauen zusammengefunden, um einen gleichberechtigten G’ttesdienst durchzuführen. Die Lieder, die Gebete – ich war zu Hause.
Das Judentum war in meinem Leben bis dahin nur eine Randerscheinung. Da war etwas, irgendwann einmal. »Wir waren ja nie religiös«, sagte die Großtante und ging mit mir an die verbliebenen Orte jüdischen Lebens in Leipzig. Sie erzählte mir von dem, was einmal war. Nach meinem ersten Besuch in der Synagoge Oranienburger Straße holte ich alles Wissen nach. Und mit jedem Stück mehr, mit jedem Ritual, mit jedem Widerspruch wusste ich, dass ich angekommen war, dass ich nicht mehr suchen musste.
Heute, über 20 Jahre später, gehe ich nur noch selten in die Synagoge. Ich vermisse die Lerngruppen, die wir bei Jung und Jüdisch, einem Verein für liberale Jüdinnen und Juden von 18 bis 35 Jahren, hatten. Und noch immer lebe ich in dem Zwiespalt, dass ich keine jüdische Kindheit hatte, und dem Wissen, dass diese jüdischen Kindheiten in jüdischen Kindergärten und Schulen manchmal wie ein Paradies klingen, ich kenne aber auch Berichte darüber, wie Großeltern diese Kinder abholten und während der Fahrt durch die Stadt auf ihre einstigen Peiniger trafen. Für diese Kinder war und ist Alltagsantisemitismus ganz normal. Ich habe ihn erst viel später im Leben erfahren.
Heute spreche ich dann und wann einen Segen, immer vor dem Schlafen, auch vor dem Schreiben dieser Texte. Ich lebe aber nicht streng religiös. Eine Zeit lang hatte ich getrenntes Geschirr, kleidete mich sehr zurückhaltend mit langen Röcken und hielt den Schabbat. Doch letztlich sind die Gesetze für die Menschen gemacht, nicht die Menschen für die Gesetze. Ich kann, so mir das Leben zu schwer wird, auf die Regeln und Hilfestellungen der Religion zurückkommen. In meinem Judentum aber geht es nicht darum, den richtigen Segen über die richtige Frucht zu sprechen, es geht einzig und allein darum, dass wir selbst dafür verantwortlich sind, was wir aus dieser Welt machen. Es gibt niemanden, der die Welt lenkt, der alles vorbestimmt. Es gibt auch keine Heilsversprechen, keine Dogmen, keine Pflicht der Gemeinschaft. Es gibt nicht den richtigen oder den falschen Glauben. Menschen finden ihre Wege, es ist gleich, für welche sie sich entscheiden, solange sie niemandem schaden. So wurde ich erzogen, so denke ich auch heute.
»Du könntest jetzt in Sicherheit leben, wenn du niemandem sagst, was du bist.«
Ein Rabbiner fragte mich Anfang der 2000er-Jahre: »Warum tust du das, warum kommst du zurück? Du könntest jetzt in Sicherheit leben, wenn du niemandem sagst, was du bist.« Damals empörte mich diese Frage. Heute verstehe ich ihn. Und dennoch würde ich nichts anders machen. Ich werde mich nicht verstecken, weil andere mich nicht sehen wollen.
Wer wäre ich, die ich in einem Rechtsstaat lebe, mich zu verstecken und nicht mehr gegen Unrecht aufzustehen? Ich werde es nicht tun. Und dennoch, die Koffer sind gepackt, wenn ich sehe, dass die wenigen Stimmen, die aufbegehren, die für eine gleichberechtigte Gesellschaft kämpfen und gegen den Hass, weniger werden und wenn es nichts mehr gäbe, um das es sich zu kämpfen lohnt. Dann gehe ich. Doch so lange: Hineni – hier bin ich.
Am 11. September 2001 sitze ich mit Kollegen im Keller des Jüdischen Museums Berlin. Wir befinden uns hinter dicken Betonwänden, kein Handysignal dringt durch. Der Raum zwischen der Holocaust- und Exilachse ist fensterlos. In einigen Minuten, um 15 Uhr, soll das Jüdische Museum das erste Mal seine Türen für die Öffentlichkeit öffnen.
Ich arbeite hier als sogenannter »Host«, als Gastgeberin. Die Mitarbeiter mussten durch diverse Auswahlverfahren gehen. Wir wurden eingehend überprüft, geschult und vorbereitet. Es sollte mein erster Job in einem irgendwie jüdischen Umfeld sein. Hier kamen verschiedene Welten zusammen. Junge Menschen aus dem alten jüdischen Westberlin trafen auf russische Juden, auf ostdeutsche Juden und vor allem aber auf Nichtjuden. Wir kamen aus aller Welt. Wir waren bunt gemischt, Juden, Christen, Hindus, Muslime, Atheisten. Wir waren ein Abbild der Gesellschaft, und wir durften in diesem großartigen Haus arbeiten, ein Teil sein der Hoffnung, die zumindest für mich darin verkörpert war. Niemand scherte sich um die religiöse Herkunft der anderen. Warum auch?
Bevor ich an diesem Tag zur Arbeit ging, war das zweite Flugzeug in das New Yorker World Trade Center geflogen. Auf meinem Fernseher lief am Vormittag CNN. Ich sah es – live. Glaubte ich zunächst noch an einen schrecklichen Unfall, wurde schnell klar, dass es keiner sein konnte. Verstört und mit vielen Fragen im Kopf machte ich mich auf den Weg zur Arbeit.
Bedrückte Stimmung. Das feierliche Gefühl, das wir noch am Tag zuvor verspürten, war verflogen. Wir Kollegen kannten uns noch nicht. Einige sorgten sich offen um Freunde und Familie in New York. Andere hatten noch nicht gehört, was geschehen war. Wir alle hatten Angehörige, Freunde, die sich um uns sorgten. Könnte das Museum mit seinem markanten Neubau auch ein Angriffsziel sein?
Das Museum hat an jenem Tag nicht eröffnet. Man schickte uns nach Hause und wollte uns benachrichtigen, wann wir wieder zur Arbeit kommen sollten. Panzer fuhren vor den Toren auf. Sie blieben, nicht nur für ein paar Tage. Die Sicherheitsstufe wurde erhöht.
