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Jahrzehntelang hielt sich in der Bundesrepublik das Bild von der "sauberen Wehrmacht". Einzig der Befehlsnotstand habe die Militärs zu Handlungen gezwungen, die ihren humanistischen Überzeugungen widersprachen. Klaus Weier räumt mit dieser Legende endgültig auf und liefert anhand von Archivunterlagen und Selbstzeugnissen eine faktenreiche Abrechnung mit dem deutschen Militarismus sowie den Kriegsplänen seit 1919 und schlägt den Bogen bis zu den Verbrechen der Gegenwart im Irak oder in Libyen.
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Seitenzahl: 525
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Impressum
ISBN eBook 978-3-360-53000-4ISBN 978-3-360-02713-9
© 2012 Militärverlag, Berlin
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin unter Verwendung eines Fotos von picture-alliance/akg-images: Am 21. März 1933 trat in der Potsdamer Garnisonkirche der zwei Wochen zuvor gewählte Reichstag zusammen. Die Abgeordneten der KPD waren inhaftiert, die der SPD blieben der Veranstaltung fern. Die Nazipropaganda verklärte das Treffen der alten und neuen Reaktionäre zum »Tag von Potsdam«. Dort habe sich das Militär (in Gestalt des Reichspräsidenten Hindenburg) mit der neuen Herrschaft (in Gestalt des Reichskanzlers Hitler) versöhnt und vereint.
Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbHNeue Grünstraße 18, 10179 Berlin
Die Bücher des Militärverlags und des Verlags Das Neue Berlinerscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe
www.militär-verlag.de
Klaus Weier
Zur Rolle deutscher Militärs 1919-1945
Klaus Weier, geboren 1937 und aufgewachsen in Kamenz, Studium der Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin bis 1966, danach Lehroffizier an der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung in Kamenz. Promotion als Militärhistoriker in Potsdam 1986.
Die deutsche Militärführung war – entgegen der zweckdienlich verbreiteten Legende – keineswegs nur Befehlsempfänger, wie eben auch die Wehrmacht nicht »sauber« und frei von Schuld war. Klaus Weier beweist akribisch mit Dokumenten, dass die Militärs mit Hitlers Kriegszielen völlig übereinstimmten, sie waren »antibolschewistisch bis auf die Knochen sowie traditionell konservativ und damit antikommunistisch«. Und sie waren, bis auf wenige Ausnahmen, bis in den Untergang so skrupellos wie ihr oberster Befehlshaber. Das wird sowohl aus militärhistorischer wie auch aus militärtheoretischer Sicht erkennbar.
Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 war eigentlich die Zeit gekommen, die schrecklichen Jahre der Hitlerdiktatur zwischen 1933 und 1945 mit all ihren Verbrechen aufzuarbeiten. Dass es dazu nicht kam, haben jene gesellschaftlichen Kreise und Eliten zu verantworten, die während der Zeit des Faschismus in Deutschland aus verschiedenen Gründen zu deren aktiven Stützen, Nutznießern und Mitläufern gehörten bzw. in den staatlichen Institutionen tätig waren. Viele von ihnen fanden in der BRD eine neue politische Heimat, sie wurden zudem beim Aufbau eines neuen Staates gebraucht. Einige schafften es in hohe Ämter, andere zu großem Reichtum. Alle diese Kräfte wollten keine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Je weniger darüber bekannt wurde, desto besser für sie.
Aber auch die große Mehrzahl der deutschen Soldaten, die den grausamen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, auf Befehl ihrer Vorgesetzten und Kommandeure ihr Leben für »Führer, Volk und Vaterland« einsetzten, schwiegen größtenteils. Die einen, weil sie zu Tätern geworden waren oder sich als solche fühlten. Die andere hüllten sich aus Schamgefühl gegenüber ihren Müttern und Vätern, ihren Frauen, Kindern und Enkelkindern in Schweigen. Sie begriffen gar nicht, dass sie selbst Opfer größenwahnsinniger Befehlshaber waren. So vergab auch diese Soldatengeneration die große Chance, ihre Vergangenheit zu »bewältigen« und diesen Vernichtungskrieg als das zu entlarven, was er tatsächlich war: systematischer Völkermord.
All das geschah sehr zum Leidwesen der folgenden Generationen. Besonders diese – die keinerlei Schuld an den unter der Naziherrschaft begangenen Verbrechen tragen – werden bei neuen Enthüllungen immer wieder damit konfrontiert und stehen ihnen oft hilflos – weil unwissend – gegenüber.
Andere wiederum folgen den Naziparolen und dieser Demagogie von Soldatentreue und -ehre und der »sauberen Wehrmacht«.
Die faschistische deutsche Vergangenheit muss schonungslos aufgearbeitet werden, um daraus Lehren für Gegenwart und Zukunft zu ziehen, um bei allen nach 1945 Geborenen zu erreichen, dass sie zum Kampf gegen jede kriegerische Aggression bereit sind, egal von wem sie begangen werden.
Gerade das erst begonnene 21. Jahrhundert zeigt sehr deutlich, dass der Krieg für die Politik nach wie vor ein wichtiges Mittel zwischenstaatlicher Beziehungen darstellt. Deshalb ist es erforderlich, auf Politiker und Militärs Druck auszuüben, nach ihrer Mitverantwortung für kriegerische Auseinandersetzungen zu hinterfragen und sie bei Notwendigkeit – ohne Ansehen und Person – vor Gericht zu stellen.
Wer sich mit der Geschichte von Kriegen befasst, wird rasch folgende Erfahrung machen: Während Siege viele Väter haben, ergeht es Niederlagen wie einer Vollwaise: Niemand will dafür die Verantwortung übernehmen. Besonders augenscheinlich trifft diese Erkenntnis auf die Kriegsplanung und -führung der Deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zu.
Die in den Jahren1939 und 1940 errungenen Siege der Wehrmacht, ja selbst deren Anfangserfolge im Krieg gegen die Sowjetunion 1941, hatten viele Väter. Und sie zerstreuten bei den meisten Militärs jeglichen Realitätssinn. Doch bereits im Herbst 1941 begann sich an der Ostfront eine Krisensituation zu entwickeln, die ihren ersten Höhepunkt in der Schlacht vor Moskau im Winter 1941/42 erreichte. Schon hier hätte Verantwortungsbewusstsein deutscher Militärs geboten, auf ein Kriegsende durch einen Verhandlungsfrieden hinzuarbeiten. Das Leben von Millionen Soldaten und Zivilisten wäre gerettet worden.
Die verlorene Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43 führte zum Untergang einer ganzen deutschen Armee. Für die verantwortlichen deutschen Militärs erneut kein Anlass, über Waffenstillstand bzw. über Friedensverhandlungen nachzudenken. Vielmehr sollte ihnen eine neue Angriffsoperation unter dem Tarnnamen »Zitadelle« im Sommer 1943 die Möglichkeit bieten, eine Wende an der Ostfront zu erreichen. Doch auch dieser Versuch scheiterte und verschärfte die Lage für die Wehrmacht drastisch. Ein Ende der Kampfhandlungen durch eine Kapitulation stand auch in dieser Situation außerhalb ihres Denkvermögens. Es wäre ihrer Auffassung nach einem Verrat an »ihrem Führer« aber auch an »Volk und Vaterland« gleichgekommen.
Es bedurfte weiterer Niederlagen – verbunden mit neuen, hohen Verlusten bei Wehrmachtsangehörigen und Zivilbevölkerung, von den riesigen Zerstörungen einmal ganz abgesehen –, ehe die verantwortlichen deutschen Militärs schließlich gezwungen wurden, im Mai 1945 bedingungslos zu kapitulieren.
Das Ende dieses schrecklichen Krieges bedeutete nicht nur eine gesamtgesellschaftliche Katastrophe für Deutschland und für die meisten Staaten Europas, sondern vor allem eine Befreiung des deutschen Volkes und anderer Völker Europas von der faschistischen Hitlerdiktatur und den Fesseln eines Vernichtungskrieges.
Doch war es auch eine Befreiung von den Mitschuldigen für diesen Krieg und seine Führung?
Obwohl die führenden deutschen Militärs die strategischen Ziele ihres Oberbefehlshabers, Adolf Hitler, mit deutscher Gründlichkeit operativ geplant hatten und bereit waren, bis fünf Minuten nach zwölf Uhr dafür ihre Truppen kämpfen zu lassen, zu opfern und das eigene Vaterland zu verwüsten, wollten sie keine Mitverantwortung übernehmen.
Das internationale Militärtribunal verurteilte 1945/46 einige Hauptkriegsverbrecher – darunter auch verantwortliche Militärs – zum Tode, andere zu hohen Haftstrafen, die sie allerdings nicht voll absitzen mussten.
Weitere Militärs sowie Befehlshaber der deutsch-sowjetischen Front mussten sich im Jahre 1948 im Prozess gegen das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) der Anklage stellen. Doch dieser Prozess stand bereits voll unter dem Einfluss des beginnenden Kalten Krieges. Er sprach die meisten Angeklagten von jeglicher Schuld und Verantwortung für ihre Befehlsgebung und Kriegführung frei. Als unbescholtene und freie Bürger – ohne Schuldbewusstsein – verließen sie das Gericht.
So konnten zahlreiche hohe Militärs – die gerade einen Vernichtungskrieg geführt und verloren hatten, sich entweder zur »wohlverdienten« Ruhe setzen oder den westlichen Alliierten ihre im Krieg gegen die Sowjetunion gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen zur Verfügung stellen. Einige machten Karriere in den Streitkräften der BRD, andere schrieben ihre Kriegsmemoiren. Im Mittelpunkt stand dabei der »Feldzug« gegen die Sowjetunion sowie einzelne Operationen und Schlachten. Es waren vor allem Generäle, die auf verantwortlichen Posten im Generalstab des Heeres bzw. als Oberbefehlshaber von Heeresgruppen und Armeen oder als Divisionskommandeure den Einsatz ihrer Truppen bei den Kampfhandlungen und damit bei der Führung des Krieges bestimmt hatten. Allerdings zeugen ihre Darstellungen oftmals von falschen Informationen und Irrtümern sowie von einem des öfteren versagendem Gedächtnis und dem Herunterspielen ihrer eigenen Rolle.
Doch das verblüffendste Ergebnis ihrer Aufarbeitung der Geschichte dieses Vernichtungskkrieges war: Aus den erlittenen Niederlagen der Wehrmacht – verbunden vor allem mit hohen materiellen Verlusten und noch größeren Opfern deutscher Soldaten – wurden verlorene Siege. Und die Hauptschuld dafür trug angeblich ihr oberster Kriegsherr, Adolf Hitler, dessen Befehle sie letztlich bedingungslos ausgeführt und dem sie bis zum bitteren Ende Treue demonstriert hatten. Eine neue Legende – wie nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg – war geboren.
Die bundesdeutsche Geschichtschreibung übernahm bereitwillig diese Version, schließlich waren viele Historiker nicht minder antikommunistisch und antisowjetisch eingestellt wie die Militärs. Und so gehörte es zum deutschen Selbstverständnis nach 1945, dass dieser Krieg allein Hitlers Krieg war, dass nur er die Kriegführung der deutschen Wehrmacht bestimmte und dass deshalb auch nur Hitler die alleinige Verantwortung an deren militärischer Niederlage trug.
Doch war es tatsächlich nur der Krieg eines Einzelnen? Bestimmte wirklich nur Hitler als Oberbefehlshaber der Wehrmacht und des Heeres deren Kriegführung? Trägt tatsächlich nur Hitler die Schuld für die militärischen Niederlagen der deutschen Armeen und für die unzähligen deutschen Opfer?
Erst in den 70er und 80er Jahren begannen sich verschiedene Historiker und Militärhistoriker von dieser Version zu verabschieden. Es folgte eine Zeit ehrlicher Ursachenforschung. Doch je weiter wir uns vom Ende des Zweiten Weltkrieges entfernen, desto mehr führen politisches Denken in den Kategorien von Gut und Böse zu einer erneuten Verfälschung von historischer Wahrheit. Aus Tätern, Gefolgsleuten und Mitläufern des Nationalsozialismus wurden Opfer, die sich nur dem »Ansturm« und den »Verbrechen« russischer Soldaten ausgeliefert sahen bzw. von ihrem angestammten Grund und Boden vertrieben wurden. War nur das die Realität des Krieges? Gab es im Verlauf des Krieges keine »Verbrechen« der Wehrmacht, von der SS ganz zu schweigen? Hatten die Völker der Tschechoslowakei, Polens und der Sowjetunion etwa nicht unter der deutschen Okkupation zu leiden?
Wer unvoreingenommen die zur Verfügung stehenden Dokumente über den Verlauf des deutschen Vernichtungsfeldzuges gegen die Sowjetunion analysiert, muss zu folgender Erkenntnis gelangen: Auge um Auge, Zahn um Zahn war eines der Gesetze dieser militärischen Auseinandersetzung.
Eine Aufarbeitung dieser dunklen Zeit deutscher Geschichte – von der Politik aufrichtig gewünscht und gewollt – müsste den Versuch wagen, nicht bei den Verbrechen am jüdischen Volk stehen zu bleiben, sondern auch diese Seite unserer Vergangenheit ehrlich darzustellen. Das wäre ein echter Beitrag unserer Politiker zur Versöhnung der Völker in Europa.
Doch zurück zur Rolle Hitlers und seiner Militärs.
Wahr und richtig ist, dass Hitler als Reichskanzler und Oberbefehlshaber der Wehrmacht die strategischen Ziele der deutschen Außen- und Militärpolitik und in diesem Zusammenhang die Zielstellungen und den Zeitpunkt der einzelnen Eroberungsfeldzüge bestimmte. Genauso richtig ist jedoch auch die Tatsache, dass die von Hitler getroffenen Entscheidungen den Forderungen und Vorstellungen der führenden deutschen Militärs entsprachen. So lagen sowohl die Schaffung der militärtheoretischen und strukturellen Voraussetzungen sowie die Erarbeitung der operativ-taktischen Grundsätze zur Führung der Truppen im Krieg als auch die operativ-strategischen Planungen für die Umsetzung der einzelnen militärischen Ziele in den Händen der dafür verantwortlichen Militärs beim Oberkommando der Wehrmacht (OKW), den Oberkommandos des Heeres (OKH), der Luftwaffe und der Kriegsmarine. Dabei spielte der Generalstab des Heeres in Vorbereitung der Streitkräfte auf den Zweiten Weltkrieg sowie im Feldzug gegen die Sowjetunion und deren Armee eine besondere Rolle.
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der damit verbundenen »Schmach von Versailles« war es den verantwortlichen deutschen Militärs bis zum Jahre 1936 gelungen, das deutsche Heer auf die Führung eines möglichen Krieges vorzubereiten. Neue operativ-taktische Grundsätze zur Führung der Verteidigung sollten die nach wie vor vorhandene zahlen- und rüstungsmäßige Unterlegenheit ihrer Truppen gegenüber den potenziellen Gegnern kompensieren helfen. Dabei galt zunächst die besondere Aufmerksamkeit des OKH, insbesondere seines Generalstabes, einen möglichen durch Frankreich und die Tschechoslowakei bzw. durch Polen aufgezwungenen Krieg zu verhindern, da dieser ihrer Auffassung nach nicht zu gewinnen war.
Die bis 1936 erreichte Stärke der Wehrmacht bot den Militärs jedoch die Möglichkeit, ihre Streitkräfte in den folgenden Jahren zu einer modernen Armee mit für diese Zeit fortgeschrittensten Grundsätzen zur Führung von Angriffsoperationen zu entwickeln, die in der Lage sein sollte, die von der Hitlerregierung und den Militärs in Europa angestrebten militärstrategischen Ziele zu verwirklichen. Doch erst nachdem der Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generalfeldmarschall Werner von Blomberg, im Juni 1937 in seiner Weisung »Zur einheitlichen Kriegsvorbereitung der Wehrmacht« von den Oberkommandos der Teilstreitkräfte eine Bearbeitung der einzelnen kriegerischen »Fälle« forderte, erhielt Hitler die Möglichkeit, seine strategischen Ziele im November 1937 zu formulieren und – trotz Einwände einiger Militärs – gemeinsam mit anderen Militärs Schritt für Schritt zu realisieren. Als erstes wurden der »Fall Otto« (1938), anschließend der »Fall Grün« (1938/39) in Angriff genommen und erfolgreich abgeschlossen. Damit verbesserte sich die militärstrategische Lage der Wehrmacht für neue Angriffsoperationen enorm.
Mit der Entwicklung der »Schwert-Schild«-Doppelstrategie in den Jahren 1937/38 im OKH und dem damit verbundenen, beschleunigten Ausbau der »deutschen Landesbefestigung« sowie der Lösung militärtheoretischer Fragen zur Führung eines möglichst kurzen Krieges (Blitzkrieg) mit einem schnellen Sieg, konnte Hitler – in Übereinstimmung mit seinen Militärs – die nächsten strategischen Ziele ins Auge fassen. Mit der endgültigen Lösung des »Falles Grün« im Frühjahr 1939 und des schnellen Sieges über den polnischen Staat im Spätsommer 1939 (»Fall Weiß«) hatte die »Schwert-Schild«-Doppelstrategie ihre Bewährungsprobe erstmals bestanden. Zahlreiche weitere Länder Europas konnten anschließend durch die deutsche Wehrmacht erobert und besetzt werden.
Selbst die Vorbereitung auf den Krieg gegen die Sowjetunion hatten die verantwortlichen Militärs schneller im Visier als Hitler. Als der schließlich dieses strategische Ziel freigab, wurde es durch die Militärs mit deutscher Gründlichkeit operativ geplant und in Befehle, Richtlinien, Weisungen und Durchführungsverordnungen für die Truppenführung zusammengefasst. Das OKH mit seinem Generalstab und die an der deutsch-sowjetischen Front verantwortlichen Oberbefehlshaber und Generalstabsoffiziere der Heeresgruppen und Armeen setzten die vor dem Krieg entwickelten Grundsätze zur Führung eines Angriffskrieges bedingungslos um. Doch mit dem erstmaligen Scheitern ihrer Offensivstrategie vor Moskau sahen sich alle verantwortlichen Militärs gezwungen, sich verstärkt mit ihrer Defensivstrategie und zunehmend mit ihrer Modifizierung zu befassen. Als Folge der sich ständig verschlechternden militärischen Lage mussten sich die Militärs immer mehr mit Problemen der Organisation und Führung der Abwehrkämpfe ihrer Truppen befassen. Auch unter diesen Bedingungen folgte ihnen der Großteil des Offizierkorps uneingeschränkt. Sie alle zwangen Millionen deutsche Soldaten zu unmenschlichen Leistungen. Sie alle waren bereit, ihre eigenen Soldaten und zum Schluss auch die eigene Bevölkerung in den Tod zu schicken sowie das eigene Vaterland sinnlosen Zerstörungen auszusetzen.
Auch wenn Hitler und seine Clique dafür die Hauptschuld tragen, von der Mitverantwortung und Mitschuld für den verlorenen Krieg mit seinen zahllosen Verbrechen können sich die deutschen Militärs nicht freisprechen.
Mit dem vorliegenden Buch möchte der Autor einen Beitrag zur Rolle und Verantwortlichkeit deutscher Militärs bei der Vorbereitung der Wehrmacht auf einen neuen Angriffskrieg in Mitteleuropa (1936-1939) sowie zur Kriegführung gegen die Sowjetunion, insbesondere unter den Bedingungen des Rückzuges deutscher Truppen in den Jahren 1943-1945, leisten. Dabei geht es vor allem um deren Mitverantwortung und Mitschuld für die nach dem Scheitern ihrer Offensivstrategie erlittenen Niederlagen. Die Weiterführung der Kampfhandlungen in dieser Situation kostete erneut Millionen deutsche und sowjetische Soldaten das Leben. Es bedeutete aber auch, dass sich die Zivilbevölkerung den Schrecken und Verbrechen dieses Krieges bis zur bedingungslosen Kapitulation der deutschen Militärs ausgesetzt sah und ebenfalls hohe Opfer erlitt.
Die vorliegende Publikation basiert auf der Analyse und Auswertung von Dokumenten der Reichswehr sowie der Wehrmacht, insbesondere der Kriegstagebücher des deutschen Heeres. Sie befinden sich teilweise als Fotokopien im Besitz des Autors. Dabei handelt es sich um grundlegende Befehle Hitlers, vor allem aber um Weisungen, Hinweise, Erfahrungsberichte, Denkschriften und Lageeinschätzungen des OKH, von zahlreichen Heeresgruppen- und Armeeoberkommandos, von verschiedenen Armeekorps sowie Divisionen des Heeres. An gedruckten Quellen standen Heeresdienstvorschriften, Merkblätter und Richtlinien des OKH sowie Rückmeldungen der Heeresdivisionen zur Verfügung.
Eine wertvolle Hilfe stellten auch zahlreiche Dokumentationen zur deutschen Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg dar.
Im Mittelpunkt des Buches stehen die geplante Organisation und Führung des Abwehrkampfes des deutschen Heeres im Falle eines möglichen Krieges bis 1935/36, die Vorbereitung auf einen Angriffskrieg in den Jahren 1936 bis 1939 unter den Bedingungen mehrerer Fronten, vor allem aber die Führung des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion 1941-1945.
Insbesondere die Dokumente über den Verlauf des Feldzuges gegen die Sowjetunion und ihre Streitkräfte machen deutlich: In dem Maße, wie die deutschen Militärs die strategische Initiative an der deutsch-sowjetischen Front verloren und zur Führung von Kampfhandlungen ihrer Truppen in die Defensive gezwungen wurden, zeigte sich, dass die vor dem Krieg erarbeiteten Grundsätze und Kampfverfahren nicht dem riesigen östlichen Kriegsschauplatz und damit der Praxis des Krieges entsprachen. So kam es bereits zu Beginn der Abwehrkämpfe wiederholt und immer öfter zur Desorganisation der gesamten Abwehr. Dadurch konnten oft nicht alle vorhandenen Möglichkeiten für eine standhafte und aktive Verteidigung genutzt werden. Die Folge waren immer größere und verlustreichere Niederlagen. Um jedoch einzelne Niederlagen exakt analysieren zu können, wurden sowohl Zeit als auch Sinn für realistische Kampfziele benötigt, die der konkreten Lage entsprachen. All das besaßen aber die militärischen Führungsstäbe des Heeres nur ungenügend. Hinzu kamen, dass die Überzeugung von der Überlegenheit deutscher Grundsätze – insbesondere deren Führungsgrundsätze – stark, dagegen Pflichtgefühl und Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Leben der eigenen Soldaten – bis auf Ausnahmen – bei den höheren Militärs aber auch beim Offizierskorps, weniger ausgeprägt waren. So mussten deutsche Soldaten in den Jahren 1943 bis 1945 mehr als doppelt so viele Opfer bringen wie bis Stalingrad.
Der Autor möchte deshalb seine Arbeit allen Toten und Geschädigten dieses Krieges widmen.
Die deutschen Militärs unternahmen große Anstrengungen um bestmögliche Lösungsvarianten zur Erhöhung der Standhaftigkeit und Aktivität des Abwehrkampfes zu finden. Das widerspiegelt sich in allen Dokumenten. Gleichermaßen zeigte sich, dass in dem Maße, wie dem deutschen Heer die Kräfte und Mittel entzogen wurden, deren Abwehrkämpfe verstärkt modifiziertere und teilweise auch neue Grundsätze sowie Methoden annahmen, die beträchtlich über die Vorkriegserkenntnisse hinausgingen.
Der Abwehrkampf der deutschen Truppen gestaltete sich unter den Bedingungen der strategischen Defensive zu einem vielschichtigen Prozess der jedoch für alle verantwortlichen Militärs zunehmend widerspruchsvoller, unübersichtlicher und schließlich ausweglos wurde.
Typisch in diesem Zusammenhang ist eine Bemerkung des Generalstabschefs des Heeres, Generaloberst Guderian, vom Herbst 1944, der an seine Befehlshaber der Ostfront Folgendes schrieb: »Meine Herren. Es ist einfacher im Völkischen Beobachter ein Kreuzworträtzel zu lösen als nach ihren Berichten Krieg führen zu müssen.«
All diese Umstände führten von Niederlage zu Niederlage und endeten schließlich in der Katastrophe des Jahres 1945.
Insgesamt bieten die vorliegenden Zeitdokumente die Möglichkeit, Worte und Taten der vor und im Krieg führenden und verantwortlichen deutschen Militärs mit ihren schriftlichen Aussagen nach 1945 gegenüberzustellen. Sie tragen so zur Beantwortung der Frage nach den Tätern und Opfern bei. Vor allem aber helfen sie, die Frage nach den Mitschuldigen des Krieges und seiner Niederlage zu beantworten. Darüber hinaus zeigen sie, ob die nach dem Krieg von deutschen Militärs in ihren Memoiren betriebene Selbstdarstellung der historischen Wahrheit entspricht.
Von all dem kann und soll sich der Leser ein eigenes Bild machen.
Der bedeutende preußische Militärreformer Carl von Clausewitz hatte sich umfassend mit den zahlreichen Kriegen seiner Zeit und deren Organisation und Führung befasst. Dabei war er zu der Grunderkenntnis gekommen, dass jeder Krieg sowohl unter den Bedingungen der strategischen Offensive als auch der Defensive stattfinden kann. Daraus zog er die Schlussfolgerung, dass zwischen Angriff und Abwehr ein enges Wechselverhältnis bestehen muss, sich der Sieg aber nur mittels eines Angriffes erringen lässt. Von Clausewitz forderte daher von jeder Armee, beide Kampfarten zu beherrschen, um einen Krieg erfolgreich führen zu können.1
Entgegen diesen grundsätzlichen Clausewitz’schen Erkenntnissen zur Kriegführung hatte der kaiserliche deutsche Generalstab in Vorbereitung auf den Ersten Weltkrieg ausschließlich auf einen Angriffskrieg gesetzt. Die proklamierte »Vernichtungsstrategie« und der »Schlieffenplan« – er sah strategische Offensiven mit kriegsentscheidenden Zielen an allen Fronten vor – sollten den Sieg in relativ kurzer Zeit garantieren. Die Möglichkeit, Kampfhandlungen unter den Bedingungen der strategischen Defensive führen zu müssen, wurde von den kaiserlichen Militärs als ein ausgesprochenes Element der Schwäche angesehen. Die Abwehr hatte deshalb – wie General der Artillerie W. R. von Leeb in den 30er Jahren konstatieren musste – »ein stiefmütterliches Dasein« geführt.2
Die Realität des Ersten Weltkrieges widersprach jedoch schnell den Vorstellungen des kaiserlichen Generalstabes. Seine geplante Führung als beweglicher Angriffskrieg erwies sich an der Westfront bereits nach kurzer Zeit als falsch. Die deutschen Offensiven wurden durch die französischen Truppen erfolgreich abgefangen. Das kaiserliche deutsche Heer sah sich gezwungen, an breiter Front vom Angriff zur Abwehr überzugehen und um deren Geschlossenheit erbittert zu kämpfen. Der kaiserliche Generalstab musste unerwartet und völlig überrascht seine Kriegführung den Bedingungen eines Stellungskrieges anpassen.3 Doch seine Truppen waren weder auf einen erfolgreichen Durchbruch französischer Stellungen noch auf das Führen von eigenen Abwehrkämpfen in der strategischen Defensive über einen längeren Zeitraum vorbereitet und deshalb auch nicht in der Lage notwendige Veränderungen herbeizuführen.
Im Rahmen des Stellungskrieges entstand zunächst das System der starren, tiefgestaffelten Stellungsverteidigung. In den Jahren 1917/18 wurde schließlich das System der elastischen Verteidigung, die so genannte »bewegliche« oder Manöververteidigung entwickelt. In beiden Verteidigungssystemen erreichte die Abwehr im operativen Rahmen ein Ausmaß von vier bis zwölf Kilometern. Im weiteren Verlauf der Kämpfe erfuhr der taktische Bereich zunehmend eine stärkere Ausdehnung in die Tiefe. In ihm wurden mehrere Verteidigungsstreifen mit zwei bis vier Stellungen angelegt. Beim Einsatz der Kräfte und Mittel in den Stellungen ging man von einer zunächst gleichmäßigen Verteilung zur Bildung von Abwehrschwerpunkten über, die pioniermäßig mit betonierten Feuerpunkten, beschusssicheren Unterständen sowie zusätzlichen Riegelstellungen zu starken Widerstandsknoten ausgebaut wurden. Dadurch gelang es immer besser, einen durchgebrochenen Frontabschnitt zu schließen, wenn auch mitunter erst in einer zurückliegenden Stellung. Ein taktischer Durchbruch in die operative Tiefe konnte so verhindert werden und der Zusammenhang der Gesamtfront blieb bewahrt. Durch diese Entwicklung erreichte die Abwehr zunehmend eine größere Wirksamkeit, nicht nur bei Angriffen der Infanterie, sondern auch bei deren Unterstützung durch Artillerie, Panzer und Flugzeuge.
Das rasche Scheitern des Schlieffenplanes an der Westfront und die insgesamt ungenügende Vorbereitung der Truppen, Kampfhandlungen auch in der strategischen Defensive führen zu können, trugen wesentlich zur militärischen Niederlage des kaiserlichen Deutschland im Ersten Weltkrieg bei. Beides zwang die deutschen Militärs so direkt zur »militärischen Schmach« von Versailles.
Wie prekär für die deutschen Militärs Ende des Jahres 1918 die Situation war, zeigte eine Beratung von Offizieren des kaiserlichen Generalstabes, die am 26. Dezember unter Leitung des Generalquartiermeisters, General Groener, in Berlin stattfand. Die Analyse der militärischen und politischen Lage führte bei den Militärs zu folgender Erkenntnis: »Niemand darf aufstecken; alle müssen fest zusammenstehen; die Oberste Heeresleitung muss unter allen Umständen ihre Arbeit fortsetzen, komme, was immer wolle, […] früher oder später […] werden wir die Macht wiedererlangen«.4
Ein erster Schritt auf dem Weg zur Wiedererlangung der Macht war der Erlass vom 6. März 1919 für das »Gesetz über die Bildung einer vorläufigen Reichswehr« durch die im Februar 1919 gewählte Nationalversammlung der neuen Weimarer Republik. Pikanterweise hatte die Oberste Heeresleitung den Entwurf dafür selbst erarbeitet. Er sah als wesentlichste Maßnahme vor, das Offizierskorps der neuen Armee aus den Generalsstabsoffizieren des alten kaiserlichen Heeres zu bilden. Damit setzte sich das wichtigste Machtinstrument der neuen deutschen Republik ausgerechnet aus jenen Kräften zusammen, die – wie einer, der es wissen musste, später schrieb – »aus Tradition antimarxistisch bis auf die Knochen« waren.5 Doch damit hatte der kaiserliche Generalstab erreicht, dass »das […] stärkste Element des alten Preußentums in das neue Deutschland hinübergerettet« wurde.6
Nur wenige Monate später, am 27. Juni 1919, überreichte die Oberste Heeresleitung dem neuen Reichspräsidenten Friedrich Ebert eine Denkschrift mit dem Titel: »Richtlinien für unsere Politik«. Die Forderungen der Militärs an die Politik lauteten: »Deutschland muss vor allen Dingen innere Politik betreiben. Dazu gehören in erster Linie die restlose Wiederherstellung der Staatsautorität und dann die Sanierung unseres Wirtschaftslebens. […] Unter den größten Anstrengungen und dank der selbstlosen und hingebenden Mitarbeit des Offizierskorps ist es gelungen, in der Reichswehr ein einigermaßen brauchbares Instrument für die Regierung zu schaffen. Dieses Instrument muss nun aber rücksichtslos eingesetzt werden, um auf allen Gebieten […] die Staatsautorität zu sichern. […] Die Gesundung unseres Wirtschaftslebens, die Vorbereitung für jeden Wiederaufbau […] ist […] hauptsächlich von zwei Dingen abhängig: Ordnung und Arbeit. Das bedeutet unter den derzeitigen Verhältnissen Belagerungszustand und Streikverbot«.7
Welch ein »Bekenntnis« zur gerade erst gewählten Weimarer Republik.
Ende Juni 1919 trat der Vertrag von Versailles in Kraft. Seine militärischen Bestimmungen trafen die deutschen Militärs wie ein Schlag mit einer riesigen Keule und lasteten für Jahre wie ein Fluch auf allen ihren Bemühungen zur Erhaltung und Wiedererlangung ihrer militärischen Macht. Der kaiserliche Generalstab – das Hirn der alten Armee – musste aufgelöst und die allgemeine Wehrpflicht aufgehoben werden. Die zahlenmäßige Stärke der künftigen deutschen Streitkräfte wurde auf 100.000 Mann beim Heer sowie auf 15.000 Mann bei der Kriegsmarine begrenzt. Die alte Kriegsflotte war ganz abzuliefern und der Besitz schwerer sowie moderner Waffen, wie Panzer, Flugzeuge und U-Boote verboten. Die Heeresstruktur wurde auf sieben Infanterie- und drei Kavallerie-Divisionen festgelegt, deren Ausrüstung aus 792 schweren, 1134 leichten Maschinengewehren (M.G.) sowie 252 Minenwerfern zu bestehen hatte. Außerdem durfte Deutschland nur wenige, größtenteils veraltete Festungen, behalten und keine neuen Befestigungsanlagen an den deutschen Grenzen errichten. Besonders hart traf die deutschen Militärs die Festlegung, zur Sicherheit Frankreichs und Belgiens, rechts des Rheines, eine 50 Kilometer breite entmilitarisierte Zone zu schaffen.
Um zumindest den Großen Generalstab – die wichtigste Institution der deutschen Militärs zur Führung eines Krieges – zu retten, wurde am 3. Juli 1919 – also bereits wenige Tage nach Inkrafttreten des Versailler Vertrages – die Oberste Heeresleitung mit Sitz in Kolberg aufgelöst und dafür die Kommandostelle Kolberg unter Leitung General Groeners gebildet.
Am 1. Oktober 1919 musste auf Drängen der Ententemächte der Große Generalstab offiziell liquidiert werden. Trotzdem blieb er erhalten, denn an seine Stelle trat insgeheim das neu geschaffene »Allgemeine Truppenamt« mit seinen Abteilungen: T1 Heeresabteilung, T2 Heeresorganisationsabteilung, T3 Heeres-Statistische Abteilung und T4 Heeresausbildungsabteilung. Das »Allgemeine Truppenamt« wurde zur bedeutendsten Dienststelle beim Chef der Heeresleitung im Reichswehrministerium. Es entwickelte sich in relativ kurzer Zeit zum Führungsstab der neuen Armee. Nach Meinung des späteren Generals Erfurth stellte es »den Traditionsträger des Großen Generalstabes dar« und wurde »sehr rasch wieder zu einer Schule einheitlichen operativen Denkens«.8 Noch am gleichen Tag entstand das Reichswehrministerium als oberste Kommandobehörde der zu schaffenden neuen Streitkräfte der Weimarer Republik.
Die militärischen Festlegungen des Versailler Vertrages führten dazu, dass die regulären Streitkräfte der gerade erst gegründeten Weimarer Republik nicht in der Lage waren, auch nur kurzzeitig erfolgversprechende Kampfhandlungen gegen irgend eine Armee eines anderen europäischen Staates zu führen. Die verbliebene deutsche Rumpfarmee – dem Charakter nach mehr eine Polizeitruppe – konnte nicht einmal ihrer Verfassungsaufgabe: den Schutz und die Sicherheit der Weimarer Republik zu gewährleisten – gerecht werden.
Ausgehend von dieser konkreten militärpolitischen und militärischen Situation musste zwangsläufig die stufenweise Revidierung des Versailler Vertrages in dem Mittelpunkt aller Überlegungen und Planungen der deutschen Militärs rücken. Dabei lautete der Grundsatz: Auch wenn es den Bestimmungen des Versailler Vertrages widerspricht: Es ist alles erlaubt, was der Sicherheit und der Verteidigung des Landes dient, auch das Risiko eines neuen Krieges.
Die Realisierung dieser globalen Zielstellung wurde von den Militärs als ein längerfristiger und vielschichtiger Prozess betrachtet, der sich nur schrittweise und unter der ständigen Gefahr militärischer Reaktionen der alliierten Siegermächte – insbesondere Frankreichs – verwirklichen ließ. Im Mittelpunkt standen dabei zwei parallel verlaufende Aufgaben, die sich wie ein roter Faden durch die Militärpolitik und -wissenschaft der 20er und 30er Jahre bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges zogen:
1. Der Aufbau einer Massenarmee, ausgerüstet mit modernsten Waffen und jedem Gegner überlegener Kampftechnik, deren Strukturen dem militärischen Charakter des zukünftigen Krieges so angepasst waren, dass der Sieg auf jedem einzelnen Kriegsschauplatz errungen werden kann.9
2. Die Erarbeitung von Grundsätzen, die dem Charakter des Krieges der Zukunft, insbesondere den Methoden seiner Führung – zunächst für die Verteidigung und später auch für den Angriff – am besten entsprachen.
Festlegungen zur Gefechtsführung eines zukünftigen Krieges fanden erstmals ihren Niederschlag in der Vorschrift »Führung und Gefecht«.10 Sie wurde bereits im Jahre 1922 in Kraft gesetzt, bis 1934 neunmal aufgelegt und zum Vorläufer der Herresdienstvorschrift 300 »Truppenführung« (H.Dv.300), deren Teil 1 im Jahr 1933 und deren Teil 2 1934 erschienen. In der Vorschrift »Führung und Gefecht« orientierten die deutschen Militärs – im Unterschied zum kaiserlichen Generalstab vor 1914 – auf neue Grundsätze und Verfahren bei der Truppen- und Kriegführung. Sie basierten auf einer gründlichen Auswertung der Erfahrungen des Ersten Weltkrieges sowie des militärischen Erkenntnisstandes anderer europäischer Staaten und deren Armeen. Das zeigte sich insbesondere in der Tatsache, dass die Erfahrungen des praktischen Einsatzes von Panzer- und Fliegerkräften bei der Stellungs- bzw. Manöververteidigung im Ersten Weltkrieg verallgemeinert worden waren. So sollte vor allem ihr Masseneinsatz auf operativ-taktischer Ebene einen neuen Stellungskrieg verhindern und den angestrebten Bewegungskrieg wieder möglich machen, da nur er den Sieg sichern konnte.
Diese Vorstellungen der deutschen Militärs blieben zunächst reine Theorie. Die Realität sah ganz anders aus. Ihre Truppen waren zu dieser Zeit zu keinerlei kriegerischen Handlungen in der Lage. Das zeigte sich besonders gravierend im Jahr 1923. Gewehr bei Fuß stehend, musste die Reichswehrführung tatenlos und ohnmächtig zusehen, wie am 11. Januar französische und belgische Truppen in die entmilitarisierte Rheinlandzone einmarschierten und das Ruhrgebiet besetzten. Für die militärische Elite Deutschlands bedeutete diese Aktion ihres »Erzfeindes« Frankreich – nach der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg, den Novemberereignissen im Reich und dem Friedensdiktat von Versailles – den vierten Schock seit 1918.
In Auswertung – nicht nur aus Sicht der Militärs war es ein Willkürakt – begannen sich die Führungsstäbe der Reichswehr ganz gezielt mit Fragen eines Krieges und seiner Führung zu befassen. Die dazu im Verlauf des Jahres 1923 durchgeführten Plan- und Kriegsspiele bestätigten jedoch allesamt, dass die zur Verfügung stehenden Truppen nicht einmal kurzfrist in der Lage waren, in einem aufgezwungenen Krieg erfolgversprechende Kampfhandlungen zu führen.11
Diese Tatsache bildete den Diskussionsstoff für einen internen Kreis von Reichswehroffizieren im Truppenamt, deren Erkenntnisse schließlich durch Oberst von Stülpnagel in einer Denkschrift zum Thema »Gedanken über den Krieg der Zukunft« zusammengefasst wurden.12 Besagter Oberst war zu dieser Zeit Chef der als Heeresamt (T1) getarnten Operationsabteilung im Truppenamt des Reichsheeres. Er kannte sich mit der Planung eines Krieges bestens aus, hatte er doch bereits unter Generalfeldmarschall Erich von Ludendorff als Chef der gleichen Abteilung im kaiserlichen Generalstab gedient. Anfang Februar 1924 legte Oberst von Stülpnagel seine Ansichten vor einem größeren Kreis von Reichswehroffizieren dar. Er forderte die Planung eines generalstabsmäßig vorzubereitenden »Befreiungskrieges«, auch wenn dieser im schlimmsten Fall mit der Vernichtung Deutschlands enden würde; dann aber auch mit dem gemeinsamen Untergang seiner Feinde. Welch ein Zynismus!
Um aber den Untergang Deutschlands zu verhindern, entwickelte Oberst von Stülpnagel die Vision für eine Kriegführung, »die auch dem Schwachen den Sieg ermöglicht«.13 Als Voraussetzungen postulierte er Optimismus und Tatendrang sowie die innere Überzeugung, »dass nur der Ruf zu den Waffen […] die Befreiung bringen kann und dass der Tag kommen wird, an dem das deutsche Volk seine Sklavenketten rasselnd zu Boden werfen und das Versailler Diktat zerreißen wird«.14 Von den Offizieren verlangte er, sich endgültig von den Ansichten der Kriegführung des Ersten Weltkrieges freizumachen und in der Strategie und Taktik neue Wege zu gehen. Nur dadurch könne das überlegene Potenzial der zahlreichen Gegner – insbesondere Frankreichs – ausgeglichen werden. Davon ausgehend entwickelte er das Konzept für eine Doppelstrategie, das den Plan für eine Führung des zukünftigen Krieges in zwei Etappen vorsah. Seine Vorstellungen über diese neue Strategie fasste er in folgender Erkenntnis und Schlussfolgerung zusammen: »Der kommende Krieg muss m. E. von unserer Seite zunächst nur in der strategischen Defensive geführt werden, in einem Kampf um Zeitgewinn. […] Wir müssen den ersten feindlichen Stoß auffangen und damit die Zeit gewinnen:
a) für unsere personelle und materielle Mobilmachung des Volksheeres und
b) für das Eingreifen weiterer Staaten an unserer Seite […]
Erst wenn diese Voraussetzungen sich erfüllt haben, können wir daran denken, aus dem Kampf um Zeitgewinn defensiv den Kampf um die Kriegsentscheidung offensiv zu entwickeln. Dieser grundlegende Gedanke muss dauernd die oberste Führung leiten«.15
Den Plan für eine Kriegführung in zwei Etappen begründete Oberst von Stülpnagel mit der militärstrategischen Lage des Deutschen Reiches. Diese zwinge die deutschen Streitkräfte auch in einem zukünftigen Krieg, einen Zweifrontenkrieg führen zu müssen; im Westen gegen Frankreich und im Osten gegen Polen. Dabei blieben sie trotz anzustrebender maximaler Aufrüstung beiden Gegnern unterlegen.
Im Unterschied zum kaiserlichen Generalstab – der hatte die Kampfhandlungen sowohl an der Westfront als auch an der Ostfront mit strategischen Offensiven begonnen – forderte Oberst von Stülpnagel, im künftigen Krieg den gegnerischen Truppen die Offensive freiwillig zu überlassen und sie in der ersten Etappe des Krieges mittels einer so genannten Ermattungsstrategie aktiv zu bekämpfen. Entsprechend diesen Vorstellungen bestand das Ziel der deutschen Kriegführung zunächst in einem Kampf um Zeitgewinn. Dazu sollten alle gegnerischen Vorstöße und Angriffe abgefangen und so eine Besetzung deutscher Gebiete verhindert bzw. zumindest erschwert werden. Bei diesen Kämpfen waren die Truppen der einzelnen Gegner moralisch sowie materiell zu schwächen und zu ermatten und schließlich deutlich sichtbar abzunutzen.
Die Hauptlast bei den Abwehrkämpfen sollte vorwiegend die deutsche Grenzbevölkerung tragen. Zusammengefasst im »Grenzschutz«, bewaffnet mit einfachen Gewehren, bestenfalls mit wenigen Maschinengewehren und ein paar Kanonen, hatte dieser direkt an der Grenze sowie in einer unmittelbar dahinter angelegten Tiefenzone von wenigen Kilometern, die Angriffe des Gegners durch hinhaltenden Widerstand frontal abzuwehren und so sein Vordringen zu verzögern. Zur Unterstützung der kämpfenden Truppe plante Oberst von Stülpnagel zusätzlich die Bildung kleiner Trupps, wiederum rekrutiert aus der Zivilbevölkerung, die zu Fuß oder auf Fahrrädern im Rücken des Gegners operieren sollten und ihn durch Sabotageakte, Morde und das Auslösen von Seuchen zu schädigen hatte. »Ein auf das Äußerste zu steigender nationaler Hass darf vor keinem Mittel […] zurückschrecken«.16 Auf diese Art und Weise sollten sich die gegnerischen Truppen durch deutsches Gebiet »durchfressen« müssen, ohne einen taktischen Durchbruch und seine Ausweitung in die operative Tiefe zu erzielen.
Hatten die Abwehrkämpfe dieses Ziel erreicht, war von der strategischen Defensive zur strategischen Offensive und damit zur zweiten Etappe des »Befreiungskrieges« überzugehen. Während dieser Etappe sollte vor allem die »Vernichtungsstrategie« praktiziert werden, um so den totalen Sieg über den Feind zu erringen. Zu diesem Zweck hatten die hinter der Tiefenzone bereitgestellten deutschen Verbände in einer Angriffsoperation die ermatteten gegnerischen Truppen von den Flanken her anzugreifen, sie in die Zange zu nehmen, einzukesseln und schließlich zu vernichten.
Allerdings schloss Oberst von Stülpnagel auch in dieser Etappe – in Abhängigkeit vom tatsächlichen Kräfteverhältnis – ein Nebeneinander von Offensive und Defensive an den Fronten nicht aus.
Große Bedeutung für die Führung des Krieges der Zukunft besaßen für Oberst von Stülpnagel die erstmals im Ersten Weltkrieg zum Einsatz gekommenen Luftstreitkräfte, denn »sie werden im Verlauf des Krieges von Beginn an eine entscheidende Rolle spielen.« Davon ausgehend, verlangte er den Aufbau eigener, moderner Fliegerkräfte. Sie sollten in der Lage sein, einerseits »feindliche Städte mit […] Gasmengen zu bewerfen«17 und andererseits einen erfolgreichen Kampf um die Luftherrschaft auf dem Kampffeld zu führen. Desweiteren forderte er die Schaffung von Luftlandetruppen, die im Rücken des Gegners zum Einsatz kommen sollten sowie den Aufbau einer effektiven Flakabwehr zum Schutz deutscher Städte und bedeutsamer Industrie- bzw. Ballungsgebiete.
Mit dieser Art von neuer Strategie und Taktik waren Oberst von Stülpnagel und seine Mitstreiter bereit, ganz Deutschland zum Kriegsschauplatz zu machen und dabei höchste Verluste der eigenen Bevölkerung in Kauf zu nehmen. »Diktatorische Gesetze, strenge Zucht« und »höchste Ansprüche an die Führer jeden Grades« waren für Oberst von Stülpnagel ebenso selbstverständlich, wie »Opfer«, die »von jedem Volksgenossen« zu erbringen sind.18
Zum großen Leid vieler Völker wurden diese Vorstellungen und Forderungen zunehmend zum Allgemeingut deutscher Militärs und Jahre später zur bitteren Realität. Völlig zu recht besteht deshalb die Wertung von Michael Geyer, der schrieb: »Die totale und terroristische Kriegführung der Militärs ohne Rücksicht auf die Bevölkerung […] gehörte nicht erst zu den Schreckensbildern eines von der SS inszenierten Vernichtungskrieges, sondern war das normale Kriegsbild der Reichswehr«.19 Und später auch der Wehrmacht.
Das von Oberst von Stülpnagel und seinen Gesinnungskameraden 1924 entwickelte Konzept zur Führung des Krieges der Zukunft war also viel mehr als nur eine Fiktion. Für die deutschen Militärs war es die Vision für eine intensive Vorbereitung eines bereits 1919 von der Obersten Heeresleitung beschlossenen Revanchekrieges, mit dem die unerträglichen Belastungen des Versailler Vertrages gesprengt werden sollten.
Dass Mitte der 20er Jahre existierende militärische Kräfteverhältnis schloss für die Reichswehrführung einen »Befreiungskrieg« – entsprechend den Vorstellungen des Kreises um den Oberst von Stülpnagel – in den nächsten Jahren kategorisch aus. Das bewiesen alle in dieser Zeit durchgeführten Kriegs- und Planspiele.20 Sie bestätigten nur, dass deutsche Truppen bestenfalls in der Lage waren, »einen auf Zeitgewinn berechneten Verteidigungskampf gegen die Polen zu führen, wobei die Verteidigung nur für kurze Zeit als möglich angesehen, während die Verteidigung gegen Frankreich als völlig außerhalb der Möglichkeit liegend« betrachtet wurde.21
Ausgehend von dieser Einschätzung sah sich die Reichswehrführung gezwungen, alles zu unternehmen, um einerseits jeden Kriegsausbruch zu vermeiden und andererseits durch illegale Maßnahmen der Wiederaufrüstung zur Erhöhung der Abwehrkraft ihrer Truppen und damit zu einer Verbesserung der militärischen Situation beizutragen.
Die in jener Zeit von der deutschen Regierung unter ihrem Außenminister Gustav Stresemann betriebene Politik ermöglichte beides. Zunächst kam es im Oktober 1925 zum Vertrag von Locarno. Ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1926, erfolgte die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund. Durch diese politischen Erfolge wurde der deutsche Staat erstmals nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in ein internationales Sicherheitssystem eingebunden.
Der Vertrag von Locarno erkannte die Westgrenze Deutschlands nicht nur an, sondern garantierte diese auch. Damit bannte er vorerst die Gefahr eines neuerlichen Aufmarsches französischer Truppen und ihren Einmarsch in die entmilitarisierte Rheinlandzone und damit eines möglichen Zweifrontenkrieges. Trotzdem lehnten die führenden deutschen Militärs diesen Vertrag ab. Insbesondere der Chef der Heeresleitung, General von Seeckt, war ein ausgesprochener Gegner dieser Politik. Er begründete dies folgendermaßen: »Außenpolitisch halte ich die Locarno-Genf-Politik für falsch, weil sie uns bindet und nichts nützt. Wir sind noch zu schwach, um wirklich mitzuführen, sind also bei allem Objekt, nicht Subjekt. […] Wir […] müssten […] vor allem völlig freie Hand nach dem Osten behalten. Die haben wir nicht mehr. Wir sind […] englischen Interessen dienstbar.«22 Doch bereits zehn Jahre später ermöglichte dieser Vertrag den führenden deutschen Militärs, sich bei ihren Überlegungen und Vorbereitungen zur Führung eines geplanten Angriffskrieges, vorrangig auf die Tschechoslowakei und auf Polen konzentrieren zu können.
Unmittelbar nach Abschluss des Locarno-Vertrages begannen sich die verantwortlichen Führungsstäbe der Reichswehr vordergründig mit Fragen der Führung eines von Polen aufgezwungen Krieges zu befassen. Bei den dafür geplanten Abwehrkämpfen, die nur unter den Bedingungen der strategischen Defensive geführt werden konnten, sollten die zur Verfügung stehenden Truppen »zu kurzen energischen Schlägen« angesetzt werden, durften sich aber »unter keinen Umständen einer offenen Feldschlacht stellen, sondern nur hinhaltenden Widerstand leisten«.23 Um den eingesetzten Verbänden – vorgesehen waren ziviler Grenzschutz und reguläre Truppen der Reichswehr – gute Kampfbedingungen zu ermöglichen, beabsichtigte die Reichswehrführung – ausgehend von den Vorstellungen des Oberst von Stülpnagel – an der etwa 1.000 Kilometer langen deutsch-polnischen Grenze, operativ bedeutsame Geländeabschnitte und Räume wirksam zur Verteidigung vorzubereiten. Dazu waren vorwärts des eigentlichen Hauptkampffeldes (HKF) und der Hauptkampflinie (HKL) zwei Streifen, eine sogenannte Grenzwiderstandszone und unmittelbar dahinter eine so genannte Rückhaltezone von jeweils ein bis zwei Kilometern Tiefe, anzulegen und verstärkt pioniermäßig auszubauen.24
Die in der Grenzwiderstandszone eingesetzten Kräfte – ziviler Grenzschutz – sollten nur »ausweichend« fechten, während die in der Rückhaltezone und im HKF bereitstehenden Truppen der Reichswehr »entscheidend« zu kämpfen hatten, »um den Einbruch des Gegners nach dem Verlust des Grenzgebietes zu begrenzen. Zweck der Verteidigung von Rückhaltezonen ist Zeitgewinn«.25 Die Militärs hofften dadurch, die polnischen Truppen bereits in den befestigten Zonen abzufangen und bei günstigem Verlauf der Kampfhandlungen mittels eines Gegenangriffes vernichten zu können. Ließ sich diese Zielstellung nicht erreichen und die Kämpfe drohten einen ungünstigen Verlauf zu nehmen, sollte nach dem Verlust des unmittelbaren Grenzgebietes durch hartnäckigen Widerstand an der HKL sowie im HKF ein Durchbruch des Gegners verhindert werden. Die dabei gewonnene Zeit hatte die politische Führung Deutschlands dafür zu nutzen, um durch Anrufen des Völkerbundes, die Einstellung der Kämpfe zu erreichen, noch bevor die Truppen der Reichswehr vernichtet waren.26
Die allgemeine militärpolitische Lage Deutschlands und die große militärische Schwäche der Reichswehr Mitte der 20er Jahre zwangen deren Führungskräfte alle möglichen militärischen Handlungen ihrer Truppen unter den Bedingungen der strategischen Defensive zu planen und durchzuspielen. Das hatte zur Folge, dass sich die Militärs umfassend mit den Problemen der Verteidigung befassten und dabei sehr schnell deren besondere Stärken erkannten. Das wiederum führte dazu, dass die Abwehr neben dem Angriff als gleichberechtigte Hauptkampfart anerkannt und ihrer Führung und Organisation auf operativtaktischer Ebene der Kriegskunst in den folgenden Jahren allergrößte Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das beweisen nicht nur die zahllosen militärischen Abhandlungen in militärwissenschaftlichen Zeitschriften und in der militärischen Fachliteratur, sondern insbesondere die zwischen 1933 und 1939 erschienenen und in Kraft gesetzten Dienstvorschriften, Weisungen und Richtlinien.27
Sie alle waren das Ergebnis zahlreich durchgeführter Kriegs- und Planspiele, Studien und Manöver bei denen man die Grundsätze und Methoden der Organisation und der Führung des »Krieges der Zukunft« überprüfte und entsprechend der jeweiligen militärpolitischen und -strategischen Lage anpasste und weiterentwickelte. Dabei wurden die Ansichten des Kreises um Oberst von Stülpnagel von den Militärs zunehmend mit dem Begriff des »totalen Krieges« umschrieben.
Seit Anfang des Jahres 1937 bildeten sie für alle Führungsstäbe der Wehrmacht eine wichtige Grundlage für deren strategischen sowie operativ-taktischen Überlegungen und Planungen für einen neuen Angriffskrieg.
Aller bisher eingeleiteten Maßnahmen zum Trotz blieb für die Reichswehrführung die gesamte militärische Situation auch Anfang der 30er Jahre angespannt und damit äußerst unbefriedigend. Ihre Truppen waren noch immer nicht in der Lage, einen von außen aufgezwungenen Krieg erfolgversprechend zu führen. Auf dem Weg zum angestrebten »Befreiungskrieg« à la Oberst von Stülpnagel war man kaum vorangekommen. Die Streitkräfte aller möglichen Gegner waren der Reichswehr weiterhin hoch überlegen. Zudem gab es in diesen Staaten auch wenig Bereitschaft für eigene Abrüstungsmaßnahmen. Umso stärker verfestigte sich daher bei den führenden Militärs die Überzeugung, dass »nur aus eigener Kraft, nur durch einen Krieg – einen Befreiungskrieg – uns geholfen werden kann«.28
Das Unternehmen »Wiederaufrüstung« musste forciert werden. Zu diesem Zweck wurde im Herbst 1929 im Truppenamt 1 ein so genannter A-Plan erarbeitet. Er sah vor, zu den bisher vorhandenen sieben Infanterie-Divisionen, zusätzlich neun Infanterie-Divisionen neu aufzustellen. Der Plan trat am 1. April 1930 als Mobilmachungsplan in Kraft. Ihm folgte die Weisung General Groeners – inzwischen zum Reichswehminister avanciert – über die »Aufgaben der Wehrmacht« im gleichen Monat. Diese Weisung enthielt erstmals die Forderung nach einer offensiven Führung eines eventuellen Krieges durch die deutschen Streitkräfte, allerdings bei einem kalkulierten Risiko.29
Das Postulieren der Gewalt bei »kalkuliertem Risiko« wurde für die führenden deutschen Militärs zur militärpolitischen Richtschnur bei der Umsetzung ihrer militärstrategischen Ziele und besaß Gültigkeit bis zum Jahr 1937.
Der seit dem 1. April 1930 gültige Mobilmachungsplan fungierte ab Ende September 1930 als erstes Rüstungsprogramm. Es sah bereits eine Erweiterung der Infanterie-Divisionen auf insgesamt 21 Divisionen und den Aufbau eines selbständigen Grenzschutzes in einer Stärke von 30 Grenzschutzverbänden vor. Diese sollten vor allem an den Grenzen zu Polen und der Tschechoslowakei stationiert werden, um im Falle eines Krieges ein überraschendes und schnelles Vordringen gegnerischer Streitkräfte auf deutsches Gebiet zumindest zu verzögern.30 In erster Linie ging es jedoch darum, die regulären Truppen der Reichswehr auf einen solchen Stand zu bringen, der es ihnen ermöglichen sollte, unter den Bedingungen der strategischen Defensive erstmals auch erfolgversprechende Verteidigungskämpfe zu führen.
Am 25. Januar 1932 – reichlich ein Jahr bevor Hitler die Macht übertragen bekam und den Militärs sein »Rüstungsprogramm« vorstellen konnte – bestätigte der neue Chef der Heeresleitung, Generaloberst Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord den Plan »Das neue Friedensheer«. Der Plan verlangte den Aufbau eines deutschen Heeres in einer Friedensstärke von 21 Divisionen innerhalb der nächsten fünf Jahre (1. März 1933 bis 31. März 1938).
Um die Öffentlichkeit in Frankreich und in den Ländern seiner Bündnispartner – aber auch in Deutschland – zu beruhigen wurde die geplante »illegale« Aufrüstung mit einer neuen militärpolitischen Situation in Europa und der damit verbundenen erhöhten Verantwortung der Reichswehr für die Gewährleistung der Sicherheit Deutschlands begründet. Die in dieser Zeit in Genf stattfindende Abrüstungskonferenz – auf der der Kampf um die »Gleichberechtigung« bzw. der »gleichen Sicherheit« für alle Staaten Europas auf der Tagesordnung stand – zeige deutlich, dass die anderen europäischen Länder nicht bereit waren, eigene Abrüstungsmaßnahmen einzuleiten. Das zwinge Deutschland zur Wiederaufrüstung nach dem »Prinzip einer hinreichenden Verteidigung« und gebe seinen Militärs das moralische Recht, die Festlegungen des Versailler Vertrages zu umgehen.31
Zwei Jahre dauerte das Ringen der deutschen Diplomatie um die Durchsetzung dieses Prinzips. Am 11. Dezember 1932 erreichte General Schleicher – als Vertreter Deutschlands – dass die USA, Großbritannien, Frankreich und Italien das »Prinzip der Gleichberechtigung« für Rüstungsfragen auch für Deutschland anerkannten.32
Trotz des diplomatischen Erfolges auf der Genfer Abrüstungskonferenz erhöhte sich für die deutschen Militärs die Gefahr militärischer Sanktionen durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges. Die Größe der geplanten Wiederaufrüstung widersprach den Festlegungen des Versailler Vertrages bei weitem. Die Reichswehrführung musste vor allem mit einem Eingreifen Frankreichs unter Einbeziehung seiner Bündnispartner – ähnlich dem des Jahres 1923 – rechnen.33
Erneut rückten Fragen einer deutschen Kriegführung unter den Bedingungen der strategischen Defensive und die Suche nach günstigeren Möglichkeiten für eine erfolgversprechende Verteidigung in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns deutscher Militärs. Das Szenario, welches von ihnen entwickelt und in Kriegsspielen durchexerziert wurde, sah militärische Aktionen Frankreichs unter Beteiligung Belgiens, Polens und der Tschechoslowakei vor. Dabei überprüfte man die Möglichkeit, ob die Reichswehr – trotz materieller und personeller Unterlegenheit – schon befähigt sei, erfolgversprechende Kampfhandlungen über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen führen zu können. Im Falle eines polnischen Angriffs sollten die Truppen der Reichswehr aus der Defensive heraus zunächst hinhaltenden Widerstand leisten, um im Anschluss daran, durch das Führen »kurzer energischer Schläge«, die polnischen Verbände im Gegenangriff zu vernichten.34 Eine vom Chef des Truppenamtes, General Adam, am 10. Januar 1933 extra zu diesem Ziel gestellte operative Aufgabe – einen fiktiven polnischen Angriff an den Grenzen zu Polen durch Reichswehrtruppen abzuwehren – brachte ein ernüchterndes Ergebnis: Erst nach 21 Tagen wären die deutschen Verbände in der Lage gewesen, den polnischen Angriff zurückzuschlagen. Doch zu diesem Zeitpunkt hätte sich bereits fast ganz Ostpreußen in polnischen Händen befunden und zwei polnische Armeen würden etwa 100 Kilometer vor der Reichshauptstadt Berlin stehen. Die militärische Situation war für die Militärs nicht nur an der Westfront, sondern nach wie vor auch an der Ostfront hoffnungslos.35
Eine erste Konsequenz, die aus dieser Konstellation gezogen wurde, bestand in der Forderung nach dem raschen Aufbau eines so genannten »Risikoheeres«. Mit der Weisung des neuen Reichswehrministers General von Blomberg vom 25. Oktober 1933 begann dessen Aufbau. Damit sollte das zu mobilisierende Kriegsheer die Fähigkeit erlangen, »einen Verteidigungskrieg nach mehreren Fronten mit einiger Aussicht auf Erfolg aufnehmen« zu können. Als strategische Zielstellung formulierte die Weisung: »Der Angriff muss für unsere Nachbarn zu einem Risiko werden«.36
Die Übertragung der Macht an Hitler am 30. Januar 1933 bedeutete nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa eine wichtige Zäsur. Die Nachkriegszeit war endgültig zu Ende. Es begann die Phase der ungehemmten Vorbereitung auf einen neuen Krieg, auf den von den Militärs seit 1919 gewünschten Revanchekrieg. Das musste zwangsläufig Folgen nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt haben.
Seit 1933 wurden in Deutschland Schritt für Schritt alle militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrages gebrochen und zur direkten Aufrüstung der Streitkräfte sowie zur konkreten Planung und Führung eines großen Krieges übergegangen. Bereits am 3. Februar 1933 erläuterte Hitler vor den Befehlshabern des Reichsheeres und der Reichsmarine – also vor der militärischen Elite – das Programm seiner Regierung. Es entsprach den Vorstellungen und Forderungen der führenden deutschen Militärs.37 Wenige Tage später, am 8. Februar, nahm Hitler im Verlauf einer Ministerratssitzung seiner Regierung bezug auf sein vorrangig zu lösendes militärpolitisches Ziel. Er erklärte, dass der oberste Grundsatz für die nächsten vier bis fünf Jahre lauten muss: »Alles für die Wehrmacht. Deutschlands Stellung in der Welt werde ausschlaggebend bedingt durch die deutsche Wehrmachtsstellung«.38 Endlich hatten die deutschen Militärs – wie bereits 1924 von Oberst von Stülpnagel gewünscht und gefordert – »eine Regierung, die sich in klarer Konsequenz auf die Vorbereitung des Befreiungskampfes einstellt, und bei aller außenpolitischen Vorsicht die Wehrhaftmachung des deutschen Volkes als ihre höchste sittliche Verpflichtung betrachtet […].«39
Trotz dieser für die Militärs erfreulichen Entwicklung blieb militärisch gesehen, die Lage äußerst angespannt und voller Risiko. Aufgrund des eingeschlagenen Kurses musste sich zwangsläufig die Gefahr militärischer Aktionen, insbesondere durch Frankreich, erhöhen.40 Kriegerische Auseinandersetzungen konnten die deutschen Streitkräfte zu dieser Zeit aber an keiner Front erfolgreich führen. So traf z. B. der Chef des Truppenamtes, Generalleutnant Wilhelm Adam – eingedenk der im Januar 1933 durchgespielten Variante eines Krieges mit Polen – in einer Denkschrift vom März 1933 folgende Einschätzung: »Wir können zur Zeit keinen Krieg führen. Wir müssen alles tun, um ihn zu vermeiden, selbst um den Preis diplomatischer Niederlagen«.41
Auch das Auswärtige Amt warnte vor einer solchen Entwicklung. Der Reichsminister des Äußeren, Freiherr Konstantin von Neurath, erklärte im April 1933, dass es bei allen geplanten Maßnahmen der Reichswehr immer darum gehen müsse, »unter allen Umständen kriegerischen Verwicklungen zu entgehen, denen wir zur Zeit nicht gewachsen sind«.42 Entsprechend dieser Einschätzungen formulierte der neue Reichswehrminister, General von Blomberg, die äußerst bescheidene und für die Militärs sicher niederschmetternde strategische Zielstellung für die deutschen Streitkräfte in einem Deutschland aufgezwungenen Krieg: In einer Ende Oktober 1933 erlassenen »Weisung für die Wehrmacht im Falle von Sanktionen« konnte er nur »Widerstand um jeden Preis, auch ohne Rücksicht auf Erfolgsaussichten zu leisten« fordern.43
Die Vielzahl der zu erwartenden gegnerischen Operationsmöglichkeiten und die personelle Schwäche ihrer Streitkräfte ermöglichten es den führenden Militärs nicht, irgendwelche Aufmarschpläne zu erarbeiten. Deshalb fanden Kriegsspiele – getarnt als »Übungsreisen« – statt, die alljährlich der Chef der Heeresleitung mit den höheren Führungsoffizieren und der Chef des Truppenamtes mit den älteren Generalstabsoffizieren durchführten. Völlig überraschend kamen jedoch die Führungsstäbe der Reichswehr im Jahre 1934 bei der Auswertung der stattgefundenen Kriegsspiele erstmals zu der Einschätzung, einen Krieg erfolgversprechend führen zu können.44
Entscheidend dafür war der am 26. Januar 1934 zwischen der Hitlerregierung und Polen abgeschlossene und auf zehn Jahre befristete Nichtangriffsvertrag. Dadurch wurde der polnische Staat über einen längeren Zeitraum neutralisiert, was voll den militärstrategischen Vorstellungen der Militärs bei der Führung eines von Frankreich aufgezwungenen Krieges entsprach. Die große Gefahr, zeitgleich einen Krieg an drei Fronten – im Westen gegen Frankreich und Belgien, im Südosten gegen die Tschechoslowakei und im Osten gegen Polen – führen zu müssen, schien weitestgehend gebannt. Trotzdem blieb Polen für die Militärs auch weiterhin ein Unsicherheitsfaktor bei allen militärischen Planungen zur Führung eines Krieges.
Die mit hohem Tempo betriebene deutsche Wiederaufrüstung sowie die verstärkten Aktivitäten der Militärs beim Aufbau einer »deutschen Landesbefestigung«45 lösten vor allem in Frankreich aber auch in anderen europäischen Staaten große Bedenken aus. Um diese für ganz Europa friedensgefährdende Entwicklung unter internationale Kontrolle zu bekommen und einzudämmen, überreichte im Juni 1934 der Vertreter Großbritanniens in Berlin den Entwurf für einen »Ostpakt«. Er sah vor – analog dem Vertrag von Locarno – auch für die seit 1919 existierenden Ostgrenzen eine internationale Garantie abzugeben. Außerdem fixierte der Vertrag verschiedene militärische Festlegungen im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung. So legte er bei einem Angriff auf einen Oststaat fest, dass Deutschland ein militärisches Durchmarschrecht seines Territoriums in zwölf verschiedenen Varianten zu gewährleisten habe. Weiterhin verlangte der Pakt, bei einem Angriff deutscher Truppen auf einen anderen europäischen Staat, ein Einmarschrecht in acht Fällen durch andere Staaten in Deutschland.46 Die politischen und militärischen Kreise Hitlerdeutschlands reagierten auf diese Vorschläge mit Empörung. Im September 1934 lehnten die Hitlerregierung aber auch Polen, das seine »Souveränität« ebenso wie Deutschland gefährdet sah, den »Ostpakt« ab.
Am 1. November 1934 traten – entsprechend der neuen militärstrategischen Lage und der erreichten personellen Stärke der Reichswehr (240.000 Mann) – erstmals Aufmarsch- und Kampfanweisungen für die deutschen Streitkräfte im Falle eines Krieges mit Frankreich in Kraft. Aus den Anweisungen geht hervor, dass es der Reichswehrführung ab sofort darum ging, ihre Truppen auf eine erfolgversprechende Kriegführung unter den Bedingungen der strategischen Defensive, gegen einen nach wie vor überlegenen Gegner, vorzubereiten.47 Dabei gingen die verantwortlichen Militärs von der Vorstellung aus, im Falle eines aufgezwungenen Krieges, die Abwehrkämpfe gegen die angreifenden französischen Verbände auf der Linie Roer-Rhein-Schwarzwald zu organisieren und zu führen. Bei einem Eingreifen der Tschechoslowakei an der Seite Frankreichs und eines offensiven Vorgehens ihrer Streitkräfte Richtung Deutschlands, wollten die deutschen Militärs mit den zur Verfügung stehenden Truppen selbst zum Angriff übergehen, »falls die Entwicklung der Lage es zulässt«.48
Seit 1935 begannen die führenden Militärs Hand in Hand mit »ihrer nationalen« Regierung, offen alle entscheidenden militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrages zu brechen. Mit dem »Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht« vom 16. März 1935 erfolgte der Auftakt für den weiteren Aufbau der deutschen Streitkräfte zu einer schlagkräftigen, zunächst zur Verteidigung und später auch zum Angriff befähigten Armee. Das Gesetz sah in Friedenszeiten eine Stärke des Heeres von 550.000 Mann vor, gegliedert in zwölf Korpskommandos und 36 Divisionen.
Am 21. Mai 1935 trat das Wehrgesetz, welches die Wiedereinführung der Wehrpflicht festlegte, in Kraft. Nach der Umbenennung der Reichswehr zur Wehrmacht erfolgte am 1. Juni die Bildung der drei Wehrmachtsteile. Die bisher geheim aufgebaute Luftwaffe wurde zum dritten Wehrmachtsteil neben dem Landheer und der erweiterten und auf den Einsatz von U-Booten spezialisierten Kriegsmarine.49 Zur gleichen Zeit übernahm das Reichskriegsministerium die Funktion eines zentralen strategisch-operativen Führungsstabes der Wehrmacht, während die drei Wehrmachtsteile ihre eigenen Oberkommandos erhielten.
Bis zum Abschluss des deutsch-polnischen Neutralitätsvertrages war Polen nach Frankreich für die Militärs stets der Hauptgegner gewesen. An seine Stelle trat nun die Tschechoslowakei. Der tschechische Staat galt aufgrund seiner militärgeographischen Konstellation – direkte Flankenbedrohung – als ein gefährlicher Gegner in einem Krieg gegen Frankreich. Hinzu kam, dass die Tschechoslowakei zu dieser Zeit – im Vergleich zur Wehrmacht – bereits über eine relativ starke Armee und Rüstungsindustrie sowie über gut ausgebaute Befestigungsanlagen an der Grenze zu Deutschland verfügte.
Die durch den Neutralitätspakt mit Polen entstandene militärstrategische Lage nutzten einige führende Militärs, um in Studien und operativen Aufgabenstellungen eine kriegerische Auseinandersetzung mit der Tschechoslowakei durchzuspielen. So legte bereits Ende März 1935 General von Reichenau ein Memorandum vor, welches einen schlagartigen Überfall auf die Tschechoslowakei vorsah. Am 2. Mai 1935 konkretisierte Reichskriegsminister von Blomberg in einer Richtlinie an die Abteilung Landesverteidigung im Wehrmachtsamt sowie an die Oberkommandos des Heeres und der Kriegsmarine diese Vorstellungen des Generals von Reichenau. Er erteilte den Auftrag »bei gleichzeitiger Verteidigung im Westen« einen überraschenden Angriff auf die Tschechoslowakei, unter dem Codewort »Schulung«, vorzubereiten. Doch die Überlegungen der beiden Generäle stießen beim Generalstabschef des Heeres, General Beck, auf massiven Widerspruch. Seine Begründung: »Die militärische Führung kann und darf niemals eine Unternehmung wie Schulung ins Auge fassen, ohne zugleich die sonstige voraussichtliche militärische Lage Deutschlands in einem solchen Fall klar und erschöpfend zu prüfen«.50
Und in einem anderen Zusammenhang vertrat Beck folgenden Standpunkt: »Unsere Kriegspläne, ebenso wie die großen Operationen in einem Krieg müssen das Ergebnis sorgfältigster, und umfassendster Gedankenarbeit […] sein.«51
Mit dieser Haltung erwies sich General Beck, innerhalb der verantwortlichen deutschen Militärs, als der konsequenteste Vertreter des Kurses eines kalkulierten Risikos, was ihn schließlich im Sommer 1938 zum Rücktritt als Generalstabschef des Heeres veranlasste. Darin unterschied er sich grundsätzlich von seinem späteren Nachfolger General Franz Halder.52
Die zur Überprüfung des Planes »Schulung« in den Führungsstäben des Heeres, der Kriegsmarine und der Luftwaffe im Sommer 1935 durchgeführten Planspiele zeigten, dass es dafür tatsächlich noch keinen Spielraum gab, da im Kriegsfall mit einem raschen Einmarsch französischer Truppen gerechnet werden musste.53 Es kam also erst einmal darauf an, die entsprechenden Voraussetzungen für einen Überfall auf die Tschechoslowakei zu schaffen.
Offensichtlich als Antwort auf den gescheiterten »Ostpakt« unterzeichneten Frankreich und die Sowjetunion am 2. Mai 1935 einen Vertrag, der beide Seiten bei einem Angriff eines dritten Staates zu sofortiger Hilfe und Beistand verpflichtete. Diesem Vertrag folgte am 16. Mai 1935 der Abschluss eines französisch-sowjetischen-tschechoslowakischen Beistandspaktes. Das bedeutete: Die deutschen Militärs hatten in jedem zukünftigen Krieg – neben Frankreich als Hauptgegner – die Tschechoslowakei, möglicherweise England und Polen, zusätzlich auch noch die Sowjetunion – trotz des am 5. Mai 1933 in Berlin mit dem sowjetischen Staat verlängerten Neutralitätsvertrages – einen weiteren militärisch starken Gegner mit ins Kalkül zu ziehen.54
Das musste zwangsläufig das militärische Kräfteverhältnis weiter zu ihren Ungunsten verändern und in einem Krieg die Zahl der Fronten erhöhen. Hinzu kam, dass nach Erkenntnissen des Abwehrdienstes der Wehrmacht, sich die sowjetischen Streitkräfte in dieser Zeit zur stärksten und modernsten Armee entwickelt hatten. Ihre personelle Stärke übertraf schon die der Zarenarmee vom Jahr 1914 und sollte auf 1,3 Millionen Mann aufgestockt werden. Die Zahl der vorhandenen Schützen-Divisionen wurde mit 100 Divisionen angegeben; hinzu kamen noch 25 Kavallerie-Divisionen. Desweiteren schätzte man ein, dass dem Ausbau und der Verstärkung der sowjetischen Panzertruppen sowie der motorisierten Infanterie zukünftig eine besondere Bedeutung beigemessen werde. Dabei betrug die Zahl der Panzerwagen bereits rund 5.000 Stück. Auch eine Verbesserung in der Organisation der sowjetischen Fliegertruppen – die über ca. 4.500 Flugzeuge verfügten – konnte festgestellt werden. Zu den Kriegsbildvorstellungen der sowjetischen Militärs traf die deutsche Aufklärung folgende Einschätzung: »Die operativen und taktischen Grundanschauungen, sind auf Entscheidung suchenden Angriff abgestellt. Alle Vorschriften und das gesamte Militärschrifttum stehen unter dem Gedanken, dass nur der Angriff die Entscheidung und den Endsieg bringt.«55
Im Verlaufe des Jahres 1935 fanden in den Generalstäben der Wehrmacht weitere »Kriegsspiele« statt. Sie bestätigten den deutschen Militärs, dass sich das militärische Kräfteverhältnis – aufgrund der neuen militärpolitischen Konstellation – noch stärker zu ihren Ungunsten verändert hatte. »Für absehbare Zeit werden wir eine Kräfteunterlegenheit haben, die zu Entschlüssen von ungeheurer Waghalsigkeit zwingt«, schrieb Oberst von Rabenau. Zwei Jahre später wurde er zum Chef des Heeresarchivs ernannt und nahm damit eine Schlüsselstellung in der militärtheoretischen Arbeit der Wehrmacht ein.56
Die forcierte deutsche Wiederaufrüstung erhöhte zwangsläufig die Gefahr eines Krieges. Das führte bei den Militärs zu der Konsequenz, eine weitere Aufmarschanweisung für die Wehrmacht durch die Operationsabteilung des Generalstabes des Heeres erarbeiten zu lassen. Ihr Titel: »Aufmarschanweisung: Rot: defensiver Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und die Tschechoslowakei«. Sie trat am 1. Oktober 1935 in Kraft.
Die Weisung sah den Aufmarsch von vier deutschen Armeen an den Fronten vor, die ihre Kampfhandlungen unter den Bedingungen der strategischen Defensive führen sollten. Dabei waren gegen die französischen Streitkräfte »reine Abwehrkämpfe« vorgesehen, während man gegen die tschechische Armee und bei einem Kriegseintritt Polens auch gegen deren Truppen, offensive Teilschläge auf der »inneren Linie« führen wollte.57 Allerdings hofften die Militärs, dass – aufgrund des Nichtangriffsvertrages und der sich bereits im Aufbau befindlichen Ostbefestigungen – mit militärischen Aktionen Polens nicht zu rechnen ist.58
Zur Überprüfung der »Aufmarschanweisung: Rot« wurden in den Monaten November und Dezember im Wehrmachtsamt und in den Führungsstäben der Wehrmachtsteile mehrere Studien erarbeitet. Auf deren Grundlage fanden neue Kriegsspiele statt, die einen Zweifrontenkrieg gegen Frankreich und die Tschechoslowakei zum Inhalt hatten. Dabei wurde bei der Luftwaffe der Grundsatz zugrunde gelegt, den stärkeren französischen Gegner defensiv zu bekämpfen, die schwächere Tschechoslowakei aber offensiv mit einer überraschenden Angriffsoperation rasch zu zerschlagen. Die Auswertung eines extra mit diesem Grundsatz Ende 1935 auch beim Heer durchgespielten und als »OKH-Reise« getarnten Kriegsspieles führten dessen Generalstab jedoch zu der Erkenntnis, dass dafür recht starke Angriffsgruppierungen erforderlich seien und sich deshalb »die Heeresleitung im Westen mit schwachen Kräften begnügen« müsste.59 Das wiederum führte bei den Militärs zu zwei richtungsweisenden Entschlüssen bei der Vorbereitung und Befähigung ihrer Streitkräfte auf die Führung eines defensiven Krieges mit offensiven Teilschlägen unter den Bedingungen mehrerer Fronten:
• Erstens musste die Wehrmacht in die Lage versetzt werden, nicht nur in der Defensive erfolgreiche Kampfhandlungen zu führen, sondern darüber hinaus auch in der Offensive. Dementsprechend hieß es in einem Schreiben der T2 (Heeresorganisationsabteilung) vom 15. November 1935, dass »durch Erhöhung der Angriffskraft und Beweglichkeit im Endziel ein Heer zu schaffen (sei), das zu einem entscheidungssuchenden Angriffskrieg befähigt ist«.60 Dem entsprach auch eine Denkschrift des Generalstabschefes des Heeres, General Beck, »Über die Verbesserung der Angriffskraft des Heeres« vom 30. Dezember 1935. In ihr hieß es: »1. Der derzeitige Aufbauplan und die Organisation des Heeres waren bedingt durch die Forderung, dem Heer für einen Mehrfrontenkrieg zunächst einmal die erforderliche Abwehrkraft zu verschaffen. Die strategische Abwehr wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie auch angriffsweise geführt werden kann. Aus diesem Grunde bedeutet die Erhöhung der Angriffskraft gleichzeitig eine Verstärkung der Abwehrkraft.«61
• Zweitens war die Abwehrkraft der für die Verteidigung zur Verfügung stehenden schwächeren Kräfte durch die Errichtung und den Ausbau von bis an die Grenzen vorgeschobenen Verteidigungszonen weiter zu erhöhen. Erst dann könnten erfolgversprechende Kampfhandlungen geführt werden. Dazu sind diese Verteidigungszonen so anzulegen, dass sie die Möglichkeit bieten, einen Krieg, insbesondere gegen Frankreich, auf der inneren Linie führen zu können, um so die günstigsten Operationsmöglichkeiten für die eigene Truppe zu bekommen.62
Ausgehend von diesen Auffassungen zogen die Militärs die Schlussfolgerung, die deutschen Grenzen verstärkt durch den Auf- und Ausbau ständiger Befestigungsanlagen so zu sichern, dass sie jederzeit verteidigungsbereit sind.63
Zu verweisen ist in diesem Zusammenhang auf eine Denkschrift, die der Chef der I. Abteilung des Generalstabes des Heeres, General von Manstein, erarbeitet hatte. Sie enthielt zahlreiche Vorschläge für umfangreiche Maßnahmen an der deutschen Westgrenze.64
