Schritt für Schritt – Unterwegs am South West Coast Path - Daniela Leinweber - E-Book

Schritt für Schritt – Unterwegs am South West Coast Path E-Book

Daniela Leinweber

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Beschreibung

Vom Wandern zu träumen, wenn man mit 142 kg im Pool liegt, ist eine Sache; diesen Traum in die Wirklichkeit umzusetzen allerdings eine ganz andere. Dass es dennoch möglich ist, aus einem Couchpotato eine Weitwanderin zu machen, beweist die Autorin und Sozialpädagogin Daniela Leinweber mit ihrem Werk "Schritt für Schritt". Beginnend im beschaulichen Minehead wanderte Leinweber gemeinsam mit ihrem Ehemann die Königsdisziplin der britischen Fernwanderwege – den gesamten, mit 1.014 Kilometern und 35.031 Höhenmetern bezifferten, South West Coast Path entlang der abwechslungsreichen Küsten von Somerset, Cornwall und Devon. Die Autorin schildert ihre 59 Wandertage in einem humorvollen Ton mit österreichischer Note und berichtet von Höhen und Tiefen, körperlichen und mentalen Herausforderungen, Legenden und (halb-)wahren Geschichten, großen Glücksmomenten sowie einzigartigen Begegnungen mit Menschen, Tieren und unvergleichlichen Naturlandschaften. Im Grundberuf Sozialpädagogin leitet die Autorin eine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung im niederösterreichischen Neunkirchen. Sie verband das Persönliche mit dem Sinnvollen und wanderte den Path unter dem Motto "Neue Wege gehen – 1.014 Kilometer für den guten Zweck". Durch die erfolgreiche Benefizwanderung zugunsten "ihrer" Jugendlichen möchte sie auch ihnen besondere Sportmomente ermöglichen.

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis
Was davor geschah …
Der erste Schritt zu einem neuen Lebensgefühl
Weitwandern? Könnte „gehen“!
Leben heißt Veränderung
Gut vorbereitet ist halb gewonnen
Wandern für den guten Zweck
„Are you crazy?“
„Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.“
„Ist dir klar, dass wir diesen Scheiß noch 57 Mal machen müssen?“
„I’m walking on sunshine!“
„Everywhere is walking distance, when you have the time.“
„So nah und doch so fern.“
„Yesterday’s socks are tomorrow’s socks.“
„Keep on walking, superheroes!“
„Wenn Englein reisen, dann lacht der Himmel“
„The only thing we do every single day is trying to survive.“
„Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen!“
Von Geistern und Gespenstern
„Conditions: stunning“
„Missing“
„It’s just around the corner.“
„What are you looking for?“
„What took you so long?“
„We kindly offer a shuttle.“
„Wo zum Teufel bist du?“
„Der Weg wird dich finden.“
„Everyone needs fudge.“
„Du siehst aus wie eine nasse Ratte.“
„Hiking is just walking where it is okay to pee.“
„What’s wrong with you guys?“
„SoWo – 999 miles“
„La Pellegrina“
„Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen!“
„The paradise is elsewhere but definitely not here.“
„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung.“
„You have reached Midway Point!“
„Golf is good for the soul.“
„I just had to run.“
„Boring path vs. life changing coffee“ ~
„Here comes the rain again“
„Here comes the sun“
Bildteil
„Men are simpler than you imagine.“
„If you get tired, learn to rest, not quit.“
„Lady, give my Wi-Fi back! NOW!“
„Come sit with us!“
„Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.“
Once in a Lifetime Adventure
„Nach Hause telefonieren“
„50 Shades of Cornwall“
„Sei glücklich, wenn es regnet, denn wenn du nicht glücklich bist, regnet es trotzdem!
„Am Montag ist alles ganz anders“
„Kleine Sünden straft Gott sofort.“
„That calls for a little drink.“
„Buy 3 for the price of 3“
„Zum Meer und zurück“
„That’s life, don’t take it too serious!“
„Welcome to the Jurassic Coast“
„The one that got away.“
„Of all the paths you take in life, make sure some of them are dirt!“
„Some People Feel the Rain. Others Just Get Wet.“
„Not far to the pub now!“
„Shut up, bitch!“
„She believed she could, so she did“
„Good luck, so help you God.“
„Schwieriger wird’s nicht mehr.“
„We have just finished!“
Was danach geschah …
Wir sind wieder da!
Ja, wir sind wirklich wieder da!
Statistik
Impressum

Was davor geschah …

Unser Wohnzimmer war von schallendem Lachen erfüllt. Das Gefühl beschlich mich nicht nur, es kam mit voller Wucht und ich realisierte: „Ich werde nicht ernst genommen!“ Gerade erzählte ich meinem Mann Peter, dass ich vorhabe, 2018 eine Weitwanderung von mindestens einem Monat, vielleicht auch zwei, zu unternehmen, und dass ich mir wünsche, dass er mein Begleiter, mein Motivator und meine Unterstützung ist. Diese ­Ahnung bestätigte sich kurz darauf, nachdem er offensichtlich wieder ­etwas Luft schnappen konnte und meinte: „Das wird niemals passieren!“. „Das wird passieren!“, entgegnete ich und ließ ihn mit seinen Gedanken allein. Ein paar Tage später beim Mittagessen fragte er dann: „Wie stellst du dir das eigentlich vor?“, und plötzlich schwebten Wörter wie Sabbatical, Urlaub sparen und Abenteuer durch den Raum. Der Beginn war gemacht.

Wir haben dann lange überlegt, welchen Weg wir uns aussuchen sollten. Mein Papa und mein Großcousin sind bereits unterschiedliche Jakobs­wege gewandert – vielleicht liegt mir das Weitwandern ja in den Genen – doch die Pilgerzahl ist seit dem Jahr, als mein Vater dort unterwegs war, um 500 % gestiegen, der Weg kann die Massen kaum bewältigen, von den Herbergen ganz zu schweigen. Dort sehe ich mich nicht. Für andere Wege, z.B. den Appalachian Trail in den USA, bin ich körperlich nicht fit genug und ich kann mich auch mit der Tatsache, im Zelt zu schlafen, nicht wirklich anfreunden. Also muss es ein Weg sein, der zwar anstrengend, aber bewältigbar ist, einer, der mich am Abend in einem Zimmer mit Bett und Dusche schlafen lässt. Peter hätte am liebsten einen, der am Meer liegt. Ich erinnerte mich an eine Rundreise durch Großbritannien zurück und plötzlich war es klar, der „South West Coast Path“, das ist unser Weg. Er erstreckt sich entlang der gesamten, atemberaubenden Küste im Südwesten Englands und ist derzeit mit seinen 630 Meilen (1.014 Kilometern) der längste offizielle Fernwanderweg des Vereinigten Königreichs. Er verläuft von Minehead in der Grafschaft Somerset über Devon und Cornwall bis nach Poole Harbour in Dorset. Die malerische Landschaft, die von sanften Küstenabschnitten bis zu dramatisch ins Meer abfallenden Klippen und tiefen Schluchten alles bietet, kennen viele vielleicht von den ­Rosamunde Pilcher Filmen, die fast immer in diesem Teil Großbritanniens spielen.

Dass ich überhaupt eine solche Wanderung auch nur in Erwägung zog, kam für viele überraschend. Ich war nie eine große Wanderin, es wäre auch mit den 142 Kilos, die ich bis vor einigen Jahren noch wog, ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen gewesen. Wobei, im Herzen war ich es vielleicht doch. Oft lag ich in unserem Swimmingpool zu Hause und schaute sehnsüchtig auf unseren Hausberg, die Flatzer Wand, hinauf. „Haushügel“ würde diese kleine Erhebung im niederöster­reichischen Industrieviertel wohl besser beschreiben, aber für mich war es ein unerreichbares Bergmassiv. Von unserem Haus bis zur Naturfreundehütte wären sagenhafte 240 Höhenmeter zu überwinden gewesen und das ging beim besten Willen nicht. Hätte mir damals jemand prophezeit, dass ich 2018 planen würde, 35.031 Höhenmeter in 56 Tagen zu wandern, ich hätte vermutlich eine ausgeprägte Wahrnehmungsstörung diagnostiziert und ihm eine Selbsteinweisung in eine psychiatrische Anstalt empfohlen.

Höchstgewicht: 142 kg.

An den Moment, der mein Leben von Grund auf änderte, erinnere ich mich derart glasklar, als wäre es gestern gewesen. Ich versuchte, mich in meinem großen, notwendigerweise stabilen Bett auf die andere Seite zu drehen, und trotz kräftigem Schwungholen und rudernden Armen, um ein wenig mehr Kraft zu entwickeln, schaffte ich es nicht. Eine Welle an negativen Emotionen überkam meinen Körper – Scham, Hilflosigkeit und maßloser Ärger auf mich selbst. Wie hatte ich es überhaupt so weit ­kommen lassen können? Wieso hatte ich nicht früher realisiert, dass ich so auf keinen Fall weitermachen konnte? Anstelle von glücklichen Augenblicken mit meiner Familie erinnere ich mich vor allem an beschämende Situationen, die keine kleinen Nadelstiche, sondern eher tiefe Schnitte in meiner Seele, wie von einem amerikanischen Nahkampfmesser, ver­ursachten. Flugreisen brachten bereits Tage zuvor Panikattacken, ausgelöst durch die Frage, ob der Gurt sich schließen lassen würde. Der Tag, an dem ich versuchte, mich in den Sitz gequetscht anzuschnallen, und die Stewardess hochnäsig erklärte: „Massiv übergewichtige Menschen müssen eine Gurtverlängerung in Anspruch nehmen“, hat sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Die ehrlich gemeinte Feststellung eines Kleinkindes: „Das ist die dickste Frau auf der ganzen Welt“, und die absichtlich verletzenden Äußerungen von pubertierenden Jugendlichen, die mich mit Wörtern wie Nilpferd, Tonne und fette Sau beschimpften, tat ich mit vorgespieltem Selbstbewusstsein ab. Wildfremde Menschen erklärten mir auf der Straße, ich solle endlich abnehmen. Kleidungsgeschäfte mied ich ohnehin schon jahrzehntelang, denn wenn mir eine Verkäuferin mit hochgezogenen ­Augenbrauen erklärte, dass man für „eine wie mich“ ohnehin nichts im Sortiment hätte, war das jedes Mal wie ein Schlag in die ­Magengrube – falls man die denn unter der Fettschicht überhaupt er­wischen würde. Gleichzeitig war aber der Übergrößenhandel auch der Meinung, dass dicke ­Menschen keinerlei Modebewusstsein oder Stil be­sitzen müssten und man diese mit Schmetterlingen oder Teddybären an schmuddeligen Shirts oder ebenso breiten wie langen Röcken, die die nicht vorhandenen Storchen­füße noch gezielter zur Geltung brachten, ­abfertigen könnte. Dies hat sich mittlerweile wesentlich verbessert, aber immer wieder stoße ich auch ­heute noch auf großgeschnittene Kleidungsstücke, bei denen der Designer bestimmt den unebenen Körper eines ­dicken Menschen mit all seinen „Stark-Stellen“ höchstens einmal aus der Ferne betrachtet hat.

Auch das Einkaufen hatte sich zu einem wahren Martyrium entwickelt, denn immer wieder fragten mich Leute, ob ich nicht besser Light Pro­dukte oder fettarmen Käse kaufen möchte. In der Öffentlichkeit zu essen, davon hatte ich mich ebenfalls schon lange verabschiedet, denn des Öfteren musste ich beobachten, dass Leute die Augen verdrehten, wenn sie mich essen sahen. Einmal nahm ich im Supermarkt all meinen Mut zusammen und kaufte selbst eine 300-Gramm-Tafel Schokolade; normalerweise ließ ich meinen mit einem dünnen Körper gesegneten Mann Süßigkeiten ­kaufen. Eine ältere Frau kam schnurstracks zu mir gelaufen und fragte, ob ich denn glaubte, dass ich damit abnehmen könnte. In solchen Momenten fiel es mir immer immens schwer, stark zu bleiben. Wann hat es aufgehört, dass ich als Mensch und nicht als überdimensionales Wesen wahrge­nommen wurde? Es gibt Menschen mit Übergewicht, genauso wie es ­Menschen mit Normal- und Untergewicht gibt, doch wer mehr wiegt, der wird diskri­miniert, durch Hasskommentare, verächtliche Blicke und ­unangenehme Fragen. Das hat sich in all den Jahren sogar deutlich durch die sozialen Medien verstärkt und Mobbing, vor allem jenes unter Jugendlichen, hat dadurch eine ganz andere Dimension angenommen.

Doch so verletzend das Verhalten der Gesellschaft auch war, es konnte keine Kehrtwende in meinem Lebensstil herbeiführen. Im Gegenteil, wenn ich traurig oder überfordert war, versuchte ich dies durch ein Glas Nutella oder eine Familienpackung Eis wiedergutzumachen, und die logische Konsequenz daraus war, noch mehr zuzunehmen. Ich habe mich selbst aber nie als so dick betrachtet, wie ich tatsächlich war. Die Eigenbetrugsmaschine arbeitete hervorragend und ich erinnere mich an Selbstge­spräche vor dem Spiegel, bei denen ich mir versicherte, dass es so schlimm nun wirklich nicht sei. Die Scheuklappen, die ich mir wohl als Bewältigungsstrategie angeeignet hatte, fielen erst Jahre später, als der verklärte Blick auf das „große Ganze“ verschwand und das wahre Ausmaß meines jahrzehntelangen ungesunden Lebensstils auch für mich sichtbar wurde, etwa auf Röntgenbildern, die mir die Knie einer 70-Jährigen bescheinigten, die viel zu lange viel zu viel Last zu tragen hatten.

Wirklich schwierig handzuhaben war die Erkenntnis, dass ich mit ­Mitte dreißig nur mehr Zuschauerin im Theaterstück meines eigenen ­Lebens war. Die Kinder mussten alleine im Garten herumtollen und von gesellschaftlichen Gruppenveranstaltungen zog ich mich bewusst zurück, denn zu hoch war die Wahrscheinlichkeit, bei einem Aktivprogramm nur am Spielrand sitzen zu können. Mittlerweile kannte ich selbst kaum mehr jemanden, der noch mehr Kilos auf die Waage brachte als ich, denn selbst in meiner von dickmachenden Genen hervorragend beglückten Familie war ich nun die unbestrittene Nummer eins.

Einzig in den Vereinigten Staaten fühlte ich mich immer wohl. Dort war ich unter meinesgleichen und vieles war auf übergewichtige Menschen ausgelegt. Die Sitze waren extrabreit, in den Toiletten konnte man sich ­einmal um die eigene Achse drehen, ohne irgendwo anzustoßen, und ­niemand nahm auch nur Notiz von mir, wenn ich mir den zweiten oder ­dritten Nachschub beim Frühstücksbuffet holte. Witzigerweise entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Wandern in den USA, denn die zahlreichen, traumhaft schönen Nationalparks konnte man nicht unbewandert zurücklassen. Bei den ersten beiden Besuchen allerdings bestand das ­Entdecken der Natur eher aus einem Viewpoint-Hopping, das heißt, wir fuhren von einem Aussichtspunkt zum nächsten und gingen höchstens 200 Meter in die eine und 200 Meter in die andere Richtung. 2007 allerdings wollte ich etwas ganz Besonderes machen. In den Coyote Butts der Paria Canyon-Vermilion Cliffs Wilderness ist an der Grenze zwischen Utah und Arizona die einzigartige „Wave“ zu finden, eine besonders ­sensible Sandstein­formation, die täglich nur zwanzig Besucher betreten dürfen. Damals ­wurden online im Vorfeld zehn Permits, also Zugangs­berechtigungen, vergeben und wir hatten das unglaubliche Glück, vier Stück zu ergattern, also nichts wie hin. Diese Wanderung würde als die ­allerschlimmste in die Dani-Geschichte eingehen. Mit über 140 Kilo bei 46° C zu wandern, ist eine unglaubliche Kraftanstrengung, und ich wundere mich heute noch, was mein Körper damals im Stande war zu leisten. Die Sonne ­brannte auf uns nieder und der kurze, sandige Aufstieg nach etwa fünf Kilometern war das anstrengendste, das ich je getan hatte. Auf allen vieren kraxelte ich in das Tal der Wave und suchte mir die erste flache ­Stelle als meine letzte Ruhestätte aus. Während Peter und die Kinder ­begeistert von all der Schönheit waren und jeden einzelnen Zen­timeter erkundeten und auf Fotos festhielten, versuchte ich, irgendwie ­meine ­Lebensgeister zurückzugewinnen und wieder annähernd regel­mäßig zu atmen. Es war mir nicht möglich, dieses wunderbare Naturschauspiel mit meinen Lieben zu teilen, denn ich hatte massive körperliche Probleme und die schlimme Vorahnung, dass sich der Rückweg mindestens ebenso anstrengend ge­stalten würde. Dies bestätigte sich auch kurz darauf und etwa einen Kilometer vor dem Ziel war ich mit meiner Kraft am Ende. ­Jeder Schritt tat weh, ich wollte mich in dem heißen Sand zur Ruhe betten und bot den anderen an, mich hier zurückzulassen. Irgendwie schafften diese es aber, mich zu motivieren, auch noch die letzten Schritte zu gehen, doch sobald klar war, dass Peter mich von der Stelle, an der ich mich befand, mit dem Auto abholen konnte, bewegten sich ­meine Füße keinen Zentimeter mehr. Es war mir unmöglich, die fünfzig Meter zwischen Parkeingang und Auto zu bewältigen, so gerne ich es auch gewollt hätte. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich derart leer gefühlt wie genau in diesem Augenblick. – Obwohl ich auch am South West Coast Path an meine Grenzen stoßen werde, werde ich mich kein einziges Mal so fühlen wie damals in den ­Coyote Buttes. – Allerdings sollte es trotz dieses unmenschlichen Ereig­nisses, das mir meine körperlichen Unzulänglichkeiten klar vor Augen führte, noch zweieinhalb weitere Jahre und unzählige gescheiterte Diät­versuche dauern, bis es endlich doch gelingen sollte, mich von meinem massiven Übergewicht zu befreien.

Der erste Schritt zu einem neuen Lebensgefühl

Warum genau dieser vermutlich 3.572ste Diätversuch dann tatsächlich funktionierte, war wohl die Summe aller Dinge, die mich an diesen Punkt gebracht hatten. Viele Menschen haben mich seither nach dem ausschlaggebenden Grund gefragt, doch diese Frage kann ich pauschal nicht be­antworten. Viele bitten mich auch, das Geheimnis hinter der Gewichts­abnahme zu verraten, und oft lasse ich die Leute dann enttäuscht zurück, denn ich bin mir sicher, dass es noch nie ein Geheimnis war, wie man Gewicht verliert. Vermutlich führen alle gängigen Diätformeln kurzfristig zum ­Erfolg: Low-Carb und Ketogene Diät, High-Carb und Low Fat, Clean Eating und Metabolic Balance, Trennkost und Weight Watchers. Je exotischer die Erklärungsansätze von Ernährungskonzepten sind, umso besser verkaufen sich Ratgeber, doch nur selten lassen sich diese Diäten lange durchhalten – am Ende grüßt der Jo-Jo-Effekt und man wiegt mehr als je zuvor. Die Glücksformel ist hier genauso simpel wie nachvollziehbar und allerorts bekannt: Weniger essen und mehr bewegen! Doch auch dies hilft nur, die Auswirkungen bei zu vielem Essen zu bekämpfen. Ich für meinen Teil bin nämlich der festen Überzeugung, dass Adipositas, wie Fettsucht in Expertenkreisen genannt wird, in ganz erheblichem Ausmaß mit der Psyche zu tun hat. Übergewicht wird immer noch meistens aus dem medizinisch-körperlichen Blickwinkel betrachtet und daher konzentrieren sich Gewichtsreduktionsprogramme allzu oft nur auf die Er­nährungs- und Bewegungsschwerpunkte. Dabei sind die Ursachen von Übergewicht nicht selten im psychischen Bereich zu finden. Die Crux an der Sache ist, dass viele Mechanismen unbewusst ablaufen und es schwer ist, die höchstpersönliche Belastung ohne professionelle Hilfe aufzu­decken. Diesen Schritt auszuprobieren, stellt für die meisten eine ­erhebliche Hürde dar, da ist es doch einfacher, es vorher noch mit der Blut­gruppendiät oder der Atkins-Methode zu probieren. Doch auch wenn es noch so schön schwarz auf bunt in Inseraten und auf Werbeplakaten steht: Wer rasch und einfach eine Gewichtsreduktion ohne Änderung von Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten verspricht, der lügt. Punkt. Nein, Ausrufezeichen!

Bevor ich mich also aufmachen konnte, um am South West Coast Path einen neuen Wanderweg für mich zu entdecken, musste ich einen ganz anderen und rückblickend viel steinigeren neuen Weg meistern, nämlich den des Gewichtsverlustes. Ein Weg, der Inspiration und Moti­vation für andere sein kann, aber eben meine Reise und meine persönliche Erfolgsgeschichte ist, die sich nicht eins zu eins übertragen lässt. Damit wir ­unseren eigenen Weg finden können, müssen wir wieder ­lernen, auf unseren Körper zu hören – etwas, das adipöse Menschen im Normalfall schon lange nicht mehr getan haben. Wir müssen uns wieder vermehrt auf das sprichwörtliche Bauchgefühl konzentrieren.

Mein Bauchgefühl sagte am Anfang, meine neuen Ambitionen besser niemandem zu erzählen. Meine Eltern starteten zeitgleich mit der Meta­bolic Balance Diät und ließen jeden, der es wissen wollte oder auch nicht, daran teilhaben. Ich hielt das damals für mehr als fragwürdig und setzte mir ein erstes Ziel: Ich werde meinen Eltern beweisen, dass man auch ohne Blutwertanalyse und Bezahlen eines nicht unerheblichen Geldbetrages an Gewicht verlieren kann. Ich bezweifle nicht, dass man mit dieser ­Methode Gewicht reduziert, denke aber, dass die Abnahme nicht zwangsläufig auf den persönlichen Ernährungsplan zurückzuführen ist, sondern auf die Tatsache, dass die Leute aufgrund der neu erlangten Motivation und der hohen Kosten bereit sind, ihre Selbstdisziplin auf Hochtouren zu schrauben. Ich hingegen war bereit für diesen Beweis, akkreditierte meine Eltern zu passenden, unwissenden Herausforderern und startete still und heimlich einen Wettkampf, den ich zu gewinnen gedachte – mit Pauken und Trompeten.

Die Sommerzeit war immer schwierig für mich.

Bereits zum damaligen Zeitpunkt war ich Meisterin im Kalorien­zählen. Ich kannte und kenne immer noch die Nährwerte der meisten ­gän­gigen Lebensmittel auswendig. Damit ich nicht selbst zählen musste, legte ich online ein Ernährungstagebuch an und führte anfangs tatsächlich tagtäglich Buch über jedes Lebensmittel, das den Weg in meinen Magen fand. Mir war von Beginn an wichtig, das Ganze nicht zu dogmatisch anzu­gehen, denn der gesunde Menschenverstand begreift sehr schnell, dass sich langfristige Erfolge nur sichern lassen, wenn es einen Ermessensspielraum gibt und man sich auch kleine Sünden erlauben darf. Ich hatte das Glück, dass ich immer schon gerne Obst und Gemüse aß und sich diese gesunden Gaumenfreuden nun mit weiteren hochwertigen Lebensmitteln wie Quinoa, Sprossen, Ingwer und großartigen Ölen, die etwa aus Trauben­kernen oder ­Oliven gewonnen werden, zu leckeren Speisen verarbeiten ließen. Auch vor sogenannten Superfoods wie Goji- oder Aronia-Beeren, Chia Samen oder Granatäpfeln schreckte ich nicht zurück – im Gegenteil, ich entdeckte sogar eine gewisse Vorliebe für jede Art von Beeren.

Außerdem wusste ich über mich selbst, dass ich sehr regelkonform agieren konnte; daher beschloss ich, mir eine Liste anzufertigen, mit ­Dingen, die mir gut taten und die ich für meine persönliche Gewichts­reduktion als zielführend erachtete. Darunter war etwa, dass ich nach 15.00 Uhr keine Kohlenhydrate und nach 17.00 Uhr überhaupt nichts mehr esse. Aber auch regelmäßige, im Privatumfeld angesetzte Pflege von Sozial­kontakten, die bis dahin aufgrund meines sozialen Berufs zumeist auf das ­Arbeitsfeld beschränkt war, Wechselduschen, Gesichtsmasken oder ­Sit-ups und Liegestütze – auf Knien, versteht sich – waren darauf zu ­finden. Diese Liste umfasste 35 Punkte, und wenn ich es über einen Zeitraum von einem Monat schaffte, täglich mindestens 20 Punkte zu ab­solvieren, dann gönnte ich mir ein besonderes Extra am Monatsende, ­etwas, das ich mir ansonsten nicht gekauft hätte. Manches Mal klappte es und manches Mal nicht, aber jeder neue Monat bot eine neue Chance auf ein Stück zusätz­liches Glück.

Außerdem entwickelte ich für mich ein ganz eigenes Belohnungs­system, so gab es etwa nach jeder Sporteinheit ein Stück Schokolade, denn auf diese himmlische Köstlichkeit wollte ich auf keinen Fall ver­zichten, schließlich bin ich bekennende Schokoholikerin. Das, was sich beim ersten Hören vielleicht eher nach einem scherzhaften Eingeständnis von Naschkatzen anhört, ist tatsächlich ein Begriff, der die Sucht nach Schokolade oder generell Süßem beschreibt. Ein Studienergebnis des bri­tischen Forschers Adrian Taylor, der meint, dass ein 15-minütiger Spaziergang die Lust auf Schokolade dämpft, kann ich absolut widerlegen. Vielleicht sollte ich ihm im Sommer während meiner Weitwanderung ­einen Besuch an der Universität Exeter abstatten und mich als Gegen­beweis ­seiner ­Theorie outen. Es wäre nur ein kurzer Katzensprung von Exmouth aus, aber die Reise wird noch zeigen, dass am Weg selbst für kleine Katzensprünge keine Zeit bleiben wird.

Schritt für Schritt – erstes Ziel erreicht – Flatzer Wand.

Dass Taylors Ansatz nicht klappen konnte, wusste ich von Anfang an, denn 15 Minuten Spazierengehen war genau die Art von „Sport“, mit der ich begann. Zum damaligen Zeitpunkt wäre wegen meines hohen Über­gewichtes auch nichts anderes möglich gewesen. Nach etwa einem Monat begann ich dann, auch langsam bergauf zu marschieren, was relativ einfach war, denn von meinem Haus aus führt so ziemlich jeder Weg bergauf. Unsere Ortschaft Flatz liegt an den Ausläufern der Gutensteiner Alpen am Fuße zweier kleiner Berge, der oben bereits erwähnten Flatzer Wand und dem etwas höheren Gösing, die gemeinsam einen Teil des Naturparks Sierningtal-Flatzer Wand bilden. Mein Trainingsgebiet begann – und ­beginnt immer noch – direkt vor der Haustür. Mein erstes Ziel war der eigentliche Ausgangspunkt für Entdeckungstouren auf der Flatzer Wand, der Parkplatz des „Waldbauers“. Dort, wo sich Kletterer, Wanderer oder Naturgenießer treffen, um ihr Abenteuer zu beginnen, war für mich anfangs bereits Schluss, denn der Parkplatz liegt 800 Meter und 50 Hö­hen­meter von meinem Zuhause entfernt, drei kurze Verschnaufpausen ­in­klusive. Nachdem ich diese Strecke ohne Stehenbleiben schaffte, ging es weiter vorbei am Grillplatz bis zur Forststraße, womit schon 134 Höhenmeter bewältigt waren. Es sollte vier Monate dauern, bis ich beim Naturfreundehaus der Flatzer Wand stehen und ins Tal blicken konnte. Dieser Moment war einer der bewegendsten, den ich je erlebt hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich davon als fernes Ziel geträumt und nun stand ich tatsächlich dort, wo andere Dorfbewohner jedes Wochenende schnell mal bei einem kurzen Verdauungsspaziergang vorbeischauten. Ich hatte die Flatzer Wand erobert, ich ganz alleine. Dies war dann auch der Zeitpunkt, wo mein Umfeld schön langsam realisierte, dass sich irgendetwas in meinem Leben veränderte, auch wenn der große Abnehmerfolg immer noch nur von mir selbst wahrgenommen wurde, denn ob man nun 142 Kilo oder 125 wiegt, macht optisch noch nicht den großen Unterschied. Mir war aber wichtig, das Abnehmen nicht zu übertreiben, und ich folgte der WHO-Empfehlung, höchstens ein Kilo in einer Woche zu verlieren.

Auch eine weitere Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation sollte ein fixer Bestandteil meines Tagesablaufs werden: 10.000 Schritte gehen. Das bedeutete aber gleichzeitig auch, dass ich täglich faktisch eine Stunde für das Gehen einplanen musste, denn die Alltagsbewegung brachte mir oft nicht mehr als 3.000 Schritte, wenn überhaupt. Jede Bewegung ist auf jeden Fall zu begrüßen, aber man kann auch 10.000 Schritte den ganzen Wiener Gürtel entlang gehen und hat trotzdem nichts abgenommen, weil eines fehlt: die Intensität. Das heißt, das Bergaufgehen ließ sich nicht vermeiden und auch das Suchen nach anderen Sportmöglichkeiten wurde über die Jahre immer intensiver. So überwand ich mein Schamgefühl und ging einmal in der Woche mit einer Kollegin schwimmen, mit drei Freundinnen startete ich eine Badmintongruppe und ich entdeckte meine Leidenschaft für Zumba. Außerdem begann ich mit Hanteltraining und versuchte so, meine massiven Oberarme in den Griff zu bekommen. Endlich traute ich mich aber auch, mich mit meinen Kollegen gemeinsam zu Wing Tsun anzumelden. Ich arbeite seit 2006 in der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft „SoWo – Soziales Wohnhaus“ in Neunkirchen und ­betreue dort Jugendliche und junge Erwachsene, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihrer Familie leben können und daher über die Kinder- und Jugendhilfe im SoWo ein neues Zuhause gefunden haben. Hier kommt es immer wieder auch zu mehr oder minder gefährlichen ­Situationen und so ist das Erlernen einer Selbstverteidigungstechnik bestimmt von Vorteil. Wing Tsun stammt aus dem alten China und ist eine effiziente Form einerseits der Erkennung von Gefahrensituationen und andererseits auch einer möglichen Vermeidung. Lässt sich ein Angriff trotzdem nicht abwenden, so lernen wir hier, dass die körperliche Kraft eine untergeordnete Rolle spielt und durch ausgeklügelte Technik ausgeglichen werden kann. Diese Kampfkunst wurde von Frauen in erster Linie für Frauen entwickelt, damit sich diese gegen die meist körperlich über­legenen Männer zur Wehr setzen können, doch heute wird es sowohl für Männer als auch Frauen in einem gemeinschaftlichen Trainingsprogramm angeboten. Das Gute da­ran ist, dass bei Wing Tsun keinerlei ­körperliche Voraussetzungen nötig sind und es unabhängig vom Fitness­level erlernt werden kann – also genau etwas für mich.

Weitwandern? Könnte „gehen“!

Doch trotz allem konnte mein Interesse für andere Sportarten meine Leidenschaft fürs Wandern nicht mindern, im Gegenteil, es trug dazu bei, die Fitness zu erhöhen und so noch weitere Strecken gehen zu können. Nach eineinhalb Jahren Training und mittlerweile 40 verlorenen Kilos führte mich meine erste Weitwanderung nach Mariazell. Neben der Erklimmung der Flatzer Wand war das Zufußgehen nach Mariazell schon lange ein Traum von mir gewesen, den es zu realisieren galt. Viele Einwohner ­Mollrams, der Ortschaft, in der ich aufgewachsen bin, pilgerten 2002 zum 750. Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung unseres Dorfes nach Mariazell – ohne mich, versteht sich. Mein Mann war damals schon mit von der lustigen und vor allem fitten Partie und ich wäre auch sehr gerne ein Teil davon gewesen. Wieder einmal fühlte ich mich ausgeschlossen oder besser, ich schloss mich aufgrund meiner eingeschränkten bzw. fast nicht vorhandenen körperlichen Möglichkeiten eigentlich von selbst aus. Der Wunsch, eine Pilgerreise nach Mariazell zu unternehmen, blieb für die nächsten zwölf Jahre unerfüllt, aber im Frühjahr 2014 machten Peter und ich uns auf den Weg. Im beschau­lichen Puchberg, am Fuße des Schneebergs, starteten wir unseren dreitägigen Marsch zum wichtigsten Wallfahrtsort Österreichs. Andere schaffen das locker in zwei Tagen oder gehen in drei Tagen direkt von zu Hause aus los, aber ich wollte einmal langsam beginnen und gut war’s. Während sich die erste Etappe bis Schwarzau im Gebirge noch recht einfach bewältigen ließ, war der zweite Tag eine absolute Herausforderung. Schon damals trugen wir alles, was wir brauchten, am Rücken und die letzten Kilometer, die eigentlich nur mehr flach dahin gingen, zogen sich immens und mir tat alles weh. Jeder, der am Abend in die Nähe unseres Zimmers kam, wurde unweigerlich in eine Wolke aus Tigerbalsam und Thermo Lotion gehüllt; selbst den Weg zur Toilette vermied ich, solange es noch irgendwie vertretbar war. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mich laufend fragte, wie in Herrgotts Namen ich am nächsten Tag nach Mariazell kommen sollte, doch das, was am Tag zuvor noch unverstellbar gewesen war, gelang am nächsten Morgen dann doch, ­indem wir uns einfach unsere Wanderschuhe anzogen und losmarschierten. Spätestens vor den Toren Mariazells wurde mir dann klar: Ich bin eine Weitwanderin. Gut, vielleicht war ich damals noch keine, aber ich wollte unbedingt eine werden.

Meine erste Mehrtageswanderung nach Mariazell.

Alpannonia Weitwanderweg.

Im Jahr darauf eroberten wir dann ­unseren nächsten offiziellen Fernwanderweg, den in sechs Etappen angelegten Al­pannonia, der zu den „Best Trails of Austria“ zählt. Ein grenzüberschreitendes Wegesystem ­verbindet Fischbach, den Semmering und Köszeg auf einem recht ein­fachen, 123 km langen Höhen- und Panoramatrail. Er führt von den letzten Gipfeln der Alpen bis in die pannonische Ebene und bietet jede Menge Abwechslung auf der Reise durch drei österrei­chische Bundesländer und bei der Überschreitung der Grenze nach ­Ungarn im Naturpark Geschriebenstein. Uns bot er gleich noch viel mehr Abwechslung, denn wir verliefen uns mehr als nur einmal und so erhöhten wir die zurückge­legten Wegkilometer deutlich. Rückblickend war dies wohl schon eine gute Vor­bereitung auf unsere Wanderung entlang des South West Coast Path (SWCP). Außerdem finden sich tatsächlich mehrere Parallelen, etwa großartige Aussichten oder das Wandern durch dichtes Gestrüpp. Doch während uns der SWCP teilweise durch Elfen­wälder führen würde, zeichnete sich der Alpannonia vor allem durch seine Streckenführung durch ein regelrechtes Schwammerlwun­derland aus. Noch nie hatte ich so viele Pilze – vor allem meinen Liebling, den ­Parasol – gesehen wie auf ­dieser Reise, und dass ich sie dort stehen lassen musste und nicht zu Hause zu einem wohlschmeckenden Pilz­gericht – zugegeben, eher hätte ich sie einfach nur paniert – verarbeiten konnte, tat mir in der Seele weh.

Leben heißt Veränderung

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Ernährung bereits auf vegetarisch umgestellt, was anfangs für meinen Körper sehr schwierig gewesen und doch wieder einigen Kilos mehr die Gelegenheit geboten hatte, sich auf meinen Hüften festzusetzen. Als ich damals begann, mich intensiv mit ­Ernährung zu ­beschäftigen, wurde der Wunsch nach einem fleischlosen Leben immer stärker. Die Entscheidung traf ich vor allem aus moralischen und weniger aus gesundheitlichen Gründen. Die Frage, ob Fleisch an sich für den Menschen gesund ist oder nicht, mag in ernährungswissenschaftlichen Kreisen eine Streitfrage darstellen, doch in Bezug auf den größten Teil des heute verkauften Fleisches lässt sich die Frage unzweideutig be­antworten, wenn wir uns anschauen, was die Tiere und das Fleisch durchmachen müssen, bevor es – getarnt in schöner Verpackung – im ­Einkaufswagen der Menschen landet. Natürlich gibt es Ausnahmen in der Fleischproduktion, aber zum großen Teil entsteht Fleisch durch eine ethisch verwerfliche, tierquälerische und unhygienische Massentierhaltung, bei der ich nicht länger wegschauen wollte. Die Brutalität, denen Schlachttiere normalerweise ausgesetzt sind, verurteilte ich zutiefst, und immer öfter bekam ich ein schlechtes Gewissen beim Fleischverzehr. Tatsächlich wollte ich nicht, dass auch nur ein einziges Tier wegen mir getötet werden musste, was somit auch Fische einschloss. Die Wahrheit ist allerdings, dass ich mir lange nicht vorstellen konnte, tatsächlich auf Fleisch zu verzichten. Die Fastenzeit vor Ostern kam mir damals gerade recht und ich beschloss, mich während dieser Wochen rein vegetarisch zu ernähren und danach wieder in meine früheren Ernährungsgewohnheiten zurückzu­kehren – bis zum nächsten Osterfest. Überraschenderweise war es für mich aber derart einfach, diese fleischlose Ernährungsvariante aufrecht zu erhalten, dass ich am Ende der Fastenzeit beschloss, bis auf weiteres Vegetarierin zu bleiben – mit dem Zugeständnis an mich selbst, jederzeit wieder damit aufzuhören, wenn mich Heißhungerattacken oder Mangelerscheinungen quälen würden. Seit dieser Entscheidung vor vielen Jahren, die ich für eine der besten meines Lebens halte, vermisste ich Fleisch oder Fisch keine einzige Minute. Mittlerweile ist aus dem anfänglichen Versuch eine fixe Lebenseinstellung geworden. Doch Vegetarierin zu sein, heißt nicht nur, auf Fleisch, Fisch und Wurst zu verzichten, sondern auch auf die meisten Fruchtgummis, die Gelatine enthalten, und auf Käsesorten, die mittels tierischem Lab entstehen. Beides ist für Vegetarier tabu, denn das tierische Eiweiß Gelatine wird aus Knochen hergestellt und die benötigten Bestandteile von Lab werden aus Kälbermägen gewonnen. Glücklicherweise gibt es mittlerweile allerdings viele Alternativen, die Gelatine ersetzen und auch viele Käsereien, die auf mikrobielles Lab umgestellt haben, wodurch sich der tatsächliche Verzicht in Grenzen hält.

Mit einer Nebenwirkung hatte ich allerdings tatsächlich zu kämpfen und das war ein akuter Eisenmangel. Anämie ist eine der häufigsten ­Mangelerkrankungen des Menschen und nicht automatisch der vegeta­rischen Ernährung zuzuschreiben, doch bei mir persönlich war es tat­sächlich so. Auch wenn es theoretisch möglich ist, die notwendigen Eisenanteile aus der pflanzlichen Nahrung zu beziehen, habe ich mich dennoch dafür entschieden, das Eisen von außen, sprich durch Tabletten, zu mir zu nehmen. Lange war mir der Eisenmangel gar nicht bewusst, denn ty­pische Symp­tome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schwindel waren nicht klar ­erkennbar und meine Kurzatmigkeit konnte bestimmt nicht in erster Linie einem Mangel an Eisen zugeschrieben werden. Wie ausge- prägt die Anämie tatsächlich war, wurde erst festgestellt, als ich ein Blutbild für ­meine bevorstehenden Wiederherstellungsoperationen machen musste.

Training für den SWCP.

Der massive Gewichtsverlust von mittlerweile 56 kg hatte deutliche Spuren an meinem Körper hinterlassen. Mein extrem schwaches Binde­gewebe konnte trotz der Langsamkeit der Abnahme nicht Schritt halten und so waren nun zwar die Fettzellen kleiner, doch die überschüssige Haut war geblieben. Die Schürze rund um den Bauchbereich entzündete sich immer wieder, meine Brust hatte schon bessere Tage gesehen und die Oberarme gingen fast als Engelsflügel durch, so allumfassend war der ­Radius bei jeder einzelnen Bewegung. Als ich mir dann beim Zumba ­ständig mit den schwingenden Armen selbst ins Gesicht schlug, wusste ich, dass es genug war und dass ich mich nun doch mit der Operation, die ich eigentlich vermeiden wollte, auseinandersetzen musste. Dieser Schritt fiel mir am schwersten in den letzten Jahren. Ich hatte mich im Vorfeld bereits gegen eine bariatrische Operation, also eine Magenver­kleinerung, entschieden, weil ich mir sicher war, dass ich es auch so schaffen konnte; das klappte ja auch, aber nun war es an der Zeit, sich der Realität zu stellen und zu akzeptieren, dass sich die Haut nicht mehr zurückbilden würde. Schwer war für mich etwa die Tatsache, dass ich mich freiwillig unter Narkose setzen lassen sollte, und zwar für viele Stunden. Ich wusste zwar, dass der Anästhesist die Aufgabe hatte, gut auf mich zu schauen, aber ich tat mir trotzdem schwer, das für gut zu be­finden. ­Außerdem hatte ich tatsächlich auch Angst davor, wie das Umfeld rea­gieren ­würde. Eine Bauchdeckenstraffung fanden viele noch als ange­messen, aber dass ich auch gerne wieder eine schöne Brust haben wollte, das konnten viele nicht nachvollziehen, weil das als unnötige Schönheits­operation einge- stuft wurde. Mit dieser Entscheidung ließ ich mir lange Zeit, vor allem, weil ich immer noch übergewichtig war und somit nicht dem ­gängigen Schönheitsideal entsprach – und vermutlich auch nie ent­sprechen werde. Irgendwann war aber klar, dass ich wohl am Ende meiner Reise der Gewichtsreduktion angekommen war und dass dies nun der Körper war, mit dem ich mich auseinandersetzen musste. Das tat ich schließlich auch und ließ mir zuerst Oberarme und Brust operieren, einige Monate später dann den Bauch. Während Brust und Bauch völlig unkompliziert und schmerzfrei waren, riss ich im Bereich der Oberarme eine massive Wundheilungsstörung auf und musste sogar ein zweites Mal operiert werden. Die Hautproblematik hat sich dadurch erledigt, aber über einen gnaden- los schönen, anbetungswürdigen Körper verfüge ich trotzdem nicht, denn wie man es dreht und wendet, aus einem Nilpferd kann auch der beste Schönheitschirurg keine Gazelle machen. An den neuen Bauch und die neuen Oberarme konnte ich mich schnell gewöhnen, aber die veränderte Brust machte mir sehr zu schaffen; auf diese psychische Belastung war ich nicht vorbereitet. Natürlich war sie viel ­schöner als zuvor, doch sie war mir fremd, gehörte irgendwie nicht zu mir. Erst hier wurde mir bewusst, wie wichtig die Brust für mich als weibliche Person ist, und ich ­denke, dass es vielen Frauen ähnlich geht.

Letzte Weitwanderung vor dem SWCP – der UNESCO Welterbesteig in der Wachau.

Diese Erkenntnis war allerdings nicht die erste Reise in mein Inneres, um die Tiefen meiner Psyche zu erkunden, sondern eher nur eine Ergänzung zu meinen Erkundungen meiner emotionalen Welt. Wie bereits ­erwähnt bin ich der Meinung, dass die Psyche eine wichtige Säule für eine nachhaltige Gewichtsreduktion ist, und so blieb auch mir nichts anderes übrig, als mich auf die Suche nach möglichen Ursachen zu machen, aus denen sich eine derartige Bewäl­tigungsstrategie entwickelt und in weiterer Folge manifestiert hatte. Als ­Sozialpädagogin ist man in der glücklichen Lage, an Supervision, Men­toring und Coaching gewöhnt zu sein, daher hatte ich nie Berührungsängste mit Therapeuten und war auch alternativen Therapieformen gegenüber aufgeschlossen. So entstand im Laufe der Zeit ein bunter Mix aus Gesprächen, kinesiologischen Sitzungen und cranio-sacralen Behand­lungen mit dem Ziel, zu dem Zeitpunkt zurückzukehren, von dem an ­Essen für mich diesen wichtigen Stellenwert eingenommen hatte. Gleich vorweg, hundertprozentig weiß ich es auch heute noch nicht, aber mit ziemlicher Sicherheit ist die Ursache in meiner Kindheit und meinem ­Verhältnis zu meinen Eltern und Geschwistern zu finden. Ich hatte oft das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und auch wenn das wohl damals schon nicht der Wahrheit entsprach, so entsprach es doch meinen ­Empfindungen. Ich war weder besonders talentiert noch mit natürlichem Charme gesegnet und so gab es für mich nur die einzige Möglichkeit, mich durch gute Noten in der Schule zu profilieren. Als gute Noten aber nichts Besonderes mehr waren, ging auch diese positive Bestätigungssequenz verloren, und Schokolade wurde immer mehr zu meinem Seelentröster. Der kurz empfundenen Freude über den Genuss folgte in der Regel ein schlechtes Gewissen, das mit einem weiteren Stück Schokolade vertrieben werden musste. Ein ­Teufelskreis, aber zumindest ist wissenschaftlich fast bewiesen, dass ­Schokolade die Gehirnleistung positiv beeinflusst, und so waren wenigstens die guten Noten gesichert. Eine weitere Ursache dürfte das Bedürfnis nach Gesehenwerden gewesen sein. Je dicker ich wurde, umso besser konnte ich von anderen Menschen gesehen werden. Dass ­dieses Sehen aber nichts mit Bewunderung, sondern im besten Fall mit Ignoranz, wahrscheinlicher aber mit Abscheu einherging, realisierte das Unterbewusstsein wohl nicht zeitgerecht.

Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass es die Akzeptanz und das Wissen darum, dass meine Eltern in meiner Kindheit ihr Bestes gaben und mich auf ihre ganz eigene, besondere Weise liebten, waren, die mich schließlich in meinen Diätbemühungen durchhalten ließen. Ich weiß aber auch, dass Adipositas das Thema meines Lebens bleiben wird und auch, dass ich meist nur einen Wimpernschlag davon entfernt bin, in meine ­alten Gewohnheiten zurückzufallen und wieder zuzunehmen. Es würde nur eine Zeit geben, zu der Zunehmen ziemlich unwahrscheinlich wäre, nämlich genau dann, wenn ich mein tägliches Wanderpensum am SWCP herunterspulen würde und endlich zwei Monate lang keine Kalorien ­zählen müsste.

Gut vorbereitet ist halb gewonnen

Die offizielle Vorbereitung auf die Weitwanderung am SWCP begann ziemlich genau eineinhalb Jahre im Vorhinein mit dem Kauf eines geeigneten Wanderrucksacks. ­Dafür fuhren wir ins ferne Wien und begaben uns zum Bergfuchs, dem Schlaraffenland der Outdoorausrüstung. Es war unmöglich, uns selbstständig durch den Dschungel der angebotenen Wandertaschen zu wurschteln, und so beschäftigten wir einen Angestellten gute zwei Stunden, bis wir uns endlich entscheiden konnten. Uns überraschte vor allem, dass fast kein Rucksack wasserdicht war. Dabei gehörte Regen zu den größten Gefahren unseres Abenteuers, besonders für die Kleidung, und so mussten wir uns nicht nur den Rucksack, sondern auch die dazugehörige Regenhülle und ihr Verschlusssystem gut anschauen. Meine Wahl fiel auf den Gregory Amber Damenrucksack, den ich fortan immer liebevoll Greg nannte, mit einem Fassungsvermögen von 60 Litern. Peter entschied sich für einen Deuter Aircontact 55 + 10, der von vornherein ein wenig schwerer als ­meiner war. Beim Wandern entscheidet das Gewicht der Ausrüstung oft darüber, ob die Tour zu einem unvergess­lichen Naturerlebnis wird oder zu einer endlosen Schinderei, bei der man nur mehr ans Ziel kommen will. Daher beschloss ich, jedes einzelne Stück, das mit mir die lange Reise antreten durfte, auf einer Küchenwaage abzuwiegen, und entschied danach noch einmal, ob ich es tatsächlich brauchen würde. Dafür schrieb ich Listen, Maßangaben und Auswahlmöglichkeiten, bis ich schließlich auf annehmbare 8,25 kg ohne Getränke und Lebens­mittel kam. Ich war sehr zufrieden mit mir selbst und wollte meine aus­geklügelte ­Methode auch meinem Göttergatten nahebringen. Dem war das aber völlig egal, denn schließlich brauche er, was er brauchte, und das nähme er auch mit erklärte er mir, schmiss alles in seinen Rucksack und kam dabei auf das unfassbare Gewicht von 8,45 kg. Wegen 200 g habe ich mir also all die Mühe gemacht? Wobei, hätte ich das genauso gehandhabt wie Peter, würden wir ja nicht von 200 g, sondern eher von zwei Kilo reden. Vor dreißig Jahren wären wir wohl noch mit weitaus weniger Gepäck gereist, denn damals hatte noch niemand eine Ahnung davon, wie sehr die ­digi­tale Welt unseren ­Lebens- und auch Reisestil beeinflussen würde, aber heutzutage erhöht ­allein unser technisches Equipment, das wir auf Wanderungen mitnehmen, das Gewicht des Rucksacks deutlich. Handy, iPod, Ladekabel und natürlich mein heißgeliebtes Tablet waren unver­zichtbar. Viele reagierten verständnislos als ich erklärte, dass ich ein Tablet samt Tastatur mitnehmen würde. Beide Teile wogen zusammen knapp einen Kilo, aber es würde sich im Laufe der Reise herausstellen, dass das die ­absolut beste Investition war.

Zeitgleich mit dem Kauf der Rucksäcke schloss ich mich auch diversen Internetgruppen und Wanderforen an, knüpfte Kontakte und ließ mich bei allen Themen rund ums Wandern in England beraten. Zwei Foren ­sollten dabei meine wichtigsten Wegbegleiter werden. Zum einen ist das die ­offizielle Facebook-Gruppe von South West Coast Path Wanderern und zum anderen die Gruppe der größten englischen Wanderzeitschrift Country Walking, die mich auch davon überzeugte, im Jahr 1.000 Meilen zu wandern, also 1.610 Kilometer, was einem Tages-Soll von 4,4 Kilo­metern entspricht. Da sich das gut mit meinem 10.000 Schritte-Programm vereinbaren ließ, nahm ich 2017 erstmals an dieser Challenge teil und brauchte tatsächlich bis zum 30. Dezember, bis ich diese Kilometeranzahl schaffte. An Silvester 2017 genoss ich den einzig wanderfreien Tag in ­vollen Zügen, war aber zeitgleich auch sehr stolz, dass ich tatsächlich auf diese Zahl gekommen war, und freute mich über die Medaille, die man nach erfolgreichem Abschluss bestellen kann. Durch diese beiden Gruppen lernte ich viel über das Wandern in Großbritannien; etwa, dass es 1.000 Mile Socks gibt, die Blasenfreiheit garantieren, dass nirgendwo sonst über einen derart langen Zeitraum so viele Stufen zu bewältigen sind wie am SWCP und dass es ohnehin nirgends schöner ist als genau dort.

Im Herbst 2017 unternahm ich dann meine erste Weitwanderung ­alleine ohne Peter und begab mich in die niederösterreichische Wachau, um dort den zweiten der insgesamt vier „Best Trails of Austria“ zur Hälfte zu wandern – den UNESCO Weltkulturerbesteig. Wie ein gewaltiger Riss durch das Gestein beeindruckt das Donautal zwischen Krems und Melk jährlich zahlreiche Besucher. Aufgrund ihrer malerischen Orte, ihrer ­historischen Bauten, des die Landschaft gestaltenden Weinbaus und der hier noch frei fließenden Donau wurde die Wachau im Jahr 2000 durch die Aufnahme in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes geadelt. Doch wer hier einen Wanderweg entlang des Flusslaufes auf der beliebten Radstrecke vermutet, der liegt falsch, denn auch bei dieser Wanderroute geht es teilweise hoch hinaus. Als 180 Kilometer langer Ring-Höhenweg über den Uferzonen der Donau konzipiert, berührt der Wegverlauf alle 13 Gemeinden der Wachau und führt an mächtigen Klöstern, Burgen, Schlössern und Ruinen vorbei. Ich hatte mich für die ersten acht Etappen entschieden, die ich in fünf Wandertagen bewältigen wollte und die das gesamte linke Donauufer von Krems bis Melk abdecken würden. Vor der Überschreitung des Jauerlings mit seinen 960 Metern hatte ich dabei den größten Respekt, doch ansonsten waren sämtliche Tage mit unter 1.000 Höhenmetern Gesamtanstieg verhältnismäßig einfach zu bewäl­tigen. Es sollte die Generalprobe für unsere SWCP-Wanderung werden und sie gelang mir ausgezeichnet. Ich konnte den Rucksack adjustieren und aufgrund der Tatsache, dass ich alleine unterwegs war, auch meine sozialen Fähigkeiten erweitern. Ich bin von Grund auf kein besonders ­extrovertierter Mensch, zumindest nicht, wenn es um das Kontaktknüpfen mit Fremden geht, und so konnte ich auf dieser Reise, auf der ich die ­meiste Zeit auf mich alleine gestellt war, sehr viel dazulernen. Die Landschaft beeindruckte mich allerdings nicht in dem Ausmaß, in dem ich es erwartet hatte, da der Weg oft nur einen kurzen Blick auf die atemberaubende Umgebung bot und ansonsten meist kilometerweit durch das Hinterland mit seinen tiefen, dunklen Wäldern führte. Dennoch ­fühlte ich mich fit und freute mich unglaublich auf unsere bevorstehende Wanderung in England.

Die Sonne der Vorfreude und Zuversicht schien in dieser Zeit besonders strahlend, doch ohne Vorankündigung zogen plötzlich dichte Ge­witterwolken in unser Leben und warfen Blitze, Regen, Schnee und Hagel in unsere Richtung. Während eines Adventwochenendes in Kärnten erlitt Peter einen Schlaganfall. Plötzlich stand unsere Welt für einen Augenblick still und katapultierte uns dann in einen schieren Überlebensmodus. Wenn wir mit vielem gerechnet hätten, aber damit sicher nicht, denn Peter zählte zu keiner der typischen Risikogruppen, was den Schlaganfall allerdings nicht davon abhielt, gnadenlos zuzuschlagen. 25.000 Menschen ­erleiden in Österreich pro Jahr einen Schlaganfall, aber die meisten davon sind über 60 Jahre alt und weisen auch andere Risikofaktoren auf. Ein fitter, nichtrauchender 44-Jähriger ist sehr selten davon betroffen. ­Selten heißt zwar nicht nie, dennoch wollten wir es anfangs gar nicht ­glauben. Da die sichtbaren Auswirkungen wie hängende Mundwinkel oder Sprach­störungen ausblieben, dachten wir zuerst an eine Nerven­problematik. Erst als sich Peters Zustand bis zum nächsten Morgen nicht besserte, beschlossen wir, nach Hause zu fahren und den Hausarzt aufzusuchen, der ihn ­sofort ins Krankenhaus überwies. Er war somit laut Aus­sagen der ­Ärzte der wohl erste Schlaganfallpatient mit einer Überweisung des Hausarztes. Plötzlich war unsere Zukunft völlig ungewiss und wir ­hatten keine ­Ahnung, wie sich das auf unsere geplante Reise nach England auswirken würde. Glücklicherweise war Peters Prognose von Beginn an sehr positiv und nach einem kurzen Ausflug in eine depressive Phase sprach er sehr gut auf die Rehabilitation an. Bereits in der dritten Woche begannen wir, wieder Spaziergänge zu machen, zuerst nur ein paar wenige Schritte, dann einen Kilometer und schließlich sogar eine Stunde, denn Gehen ist eine der effektivsten Methoden zur Wiederaktivierung des gesamten Körpers. Unter der Woche konzentrierte ich mich auf Arbeit, ­Kinder und Haus, während sich Peter um seine Genesung kümmerte. Die Wochenenden verbrachten wir gemeinsam am jeweiligen Reha-Ort mit Gehen. Je mehr Peter wieder wortwörtlich auf die Beine kam, umso mehr wuchs auch wieder die Hoffnung, doch noch auf unsere Wanderreise gehen zu können. Nach drei Monaten Krankenhaus und Reha war Peter weitgehend zumindest derart wiederhergestellt, dass wir uns ernsthaft an die abschließende Planung unseres England-Abenteuers machen konnten. Ich studierte Fährverbindungen und Gezeitentabellen, buchte Flüge, Busse sowie Hotels und las alle Bücher und Artikel über den SWCP, die ich ­finden konnte.

Wandern für den guten Zweck

Je länger ich mich damit beschäftigte, umso öfter stolperte ich über den Begriff „Charity Walk“. Offensichtlich ist es in Großbritannien gang und gäbe, lange Touren in Benefizwanderungen zu verwandeln. In Österreich ist dies noch relativ unbekannt und Unterstützung muss sich jeder ganz allein suchen. Für mich war aber schnell klar, dass ich es auf alle Fälle versuchen wollte, denn durch meine Arbeit mit den Jugendlichen im Sozialen Wohnhaus Neunkirchen, das wir kurz „SoWo“ nennen, liegt der soziale Zweck klar auf der Hand. Unser SoWo bietet Jugendlichen und jungen ­Erwachsenen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht mehr mit ­ihren Familien leben können, ein neues Zuhause. Hier können sie wieder durchatmen, zur Ruhe kommen und sich auf ihren weiteren Weg konzentrieren. Eine positive Zukunft zu gestalten ist aber meist nur möglich, wenn sie die negative Vergangenheit sowohl aufarbeiten als auch akzep­tieren können, und dies fordert intensive Arbeit von den jungen Menschen selbst, aber auch vom Betreuungsteam auf ganzheitlicher Ebene. Das Amt der Niederösterreichischen Landesregierung kümmert sich zwar darum, dass die Jugendlichen ein Dach über dem Kopf und regelmäßig zu essen haben, ebenso wird ihnen eine lückenlose Betreuung angeboten, doch für alle anderen darüberhinausgehenden Aktionen wie Erlebnispädagogik, spezielle Therapieangebote oder auch einfach nur ein paar Tage Urlaub müssen wir ­immer zusätzliche Sponsoren finden. Eine Benefizwanderung schien dafür eine gute Möglichkeit zu sein. Ich sah das nicht nur als ­Chance, Geld zu sammeln, sondern auch als Möglichkeit, Aufklärungs­arbeit zu leisten. Fremduntergebrachte Jugendliche werden von unserer Gesellschaft tatsächlich oft als faule Nichtsnutze und kiffende Kriminelle wahrgenommen und wir kämpfen fast täglich gegen diese Vorurteile an. Klar gibt es sie, die Jugendlichen, die sich lieber schlagen, als eine Lösung zu finden oder die lieber Cannabis konsumieren, als sich der Realität zu ­stellen; aber das hat selten mit Faulheit oder Respektlosigkeit zu tun, ­sondern resultiert aus einer traumatischen Kindheit, in der sie Über­lebens­strate­gien entwickelt haben, die für andere nicht immer nachvollziehbar sind. Da die Schwelle ins Erwachsenenleben nicht mehr weit ­entfernt ist, drängt die Zeit, den Jugendlichen zu helfen, diese Muster zu durchbrechen und sie auf ein positives, selbstbestimmtes Leben vorzu­bereiten.

Ein Motto war schnell gefunden: „Neue Wege gehen“. Dies soll nicht nur auf mein Entdecken neuer Wege nach einem neuen, langen, steinigen Weg des Gewichtsverlustes hinweisen, sondern auch auf das Beschreiten neuer Wege und das Erkennen neuer Möglichkeiten für die Jugend­lichen des SoWos – und auch dies soll mittels Sport- und Bewegungs­momenten erreicht werden. Großartige Unterstützung für diese Idee fand ich bei der Wochenzeitung NÖN(Niederösterreichische Nachrichten), die sich bereit erklärte, in der Regionalausgabe unseres Bezirks Neunkirchen wöchentlich über meinen Reisefortschritt zu berichten. So begannen wir gemeinsam, Meilenpaten zu suchen. Die Vision war, für jede der 630 Meilen einen Paten zu finden, der sich für 1,61 Kilometer, also eine Meile, ­zumindest gedanklich mit mir auf den Weg ins große Abenteuer machen und dafür ein paar Euros spenden möchte. Täglich auf Facebook und jede Woche neu in der NÖN konnten die Paten dann mitverfolgen, welchen Abschnitt ich gerade zu erobern versuchte, welchen Teil ich bereits erfolgreich bewältigt hatte und welchen Herausforderungen ich mich demnächst stellen würde.

Wie groß dieses Abenteuer werden würde, davon hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal den Schimmer einer Ahnung, und das war auch gut so. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich ohnehin ­weiterwurschtelt, wenn man irgendwo in einer scheinbar schwer zu be­wältigenden Lage ist; aber wenn man vorher schon weiß, worauf man sich einlässt, dann startet man oft gar nicht und versäumt so die großartigsten Momente.

Ich für meinen Teil habe vor, ganz viele dieser großartigen Momente zu erleben. Auf geht’s, wir sind bereit!

„Are you crazy?“

James, Jamaika

Tag 0

Strecke: Flatz über Wien und London nach Minehead

Unterkunft: The Quay Inn, £ 70,– → akzeptabel

traumhaft schönes Sommerwetter

Das Klingeln des Weckers ist eine regelrechte Erleichterung. Nicht, weil es mich aus einem schlimmen Albtraum befreit, sondern weil es dem Starren auf die dunkle Schlafzimmerdecke endlich ein Ende setzt. Seit Stunden kann ich schon nicht schlafen, denn ich bin nervös, so richtig nervös, ­ultrasuperduper – falls das überhaupt ein Wort ist – nervös. Heute geht sie tatsächlich los, die Reise, die ich so lange geplant und auf die ich mich bis vor wenigen Tagen auch richtig gefreut habe. Doch je näher der Ab­flugtermin rückte, umso unsicherer wurde ich. Kann ich das wirklich schaffen oder habe ich vielleicht einfach nur eine zu große Klappe und will mich profilieren, ohne zu bedenken, was das eigentlich heißt?

Fluchtartig verlasse ich also frühmorgens mein Bett und sage ihm ein freudiges „Tschüss, mach’s gut“. Noch weiß ich nicht, wie oft ich mich nach genau diesem Platz zurücksehnen werde und richte daher zum letzten Mal für mehr als zwei Monate mein Kissen und meine Decke, damit alles seine Ordnung hat. Man will sich ja vor möglichen Einbrechern nicht genieren, wobei unsere Töchter hoffentlich unsere gemeinsamen vier Wände gut ­hüten werden. Eigentlich müssen sie nur die vollgeschriebene A4-Seite meines Mannes befolgen, aber wäre ich sie, würde ich das nicht so ernst nehmen. Ich würde selbst die Hälfte wohl nicht machen, denn wie heißt es so schön: „Ist die Katze aus dem Haus, haben die Mäuse Kirtag!“, aber das verrate ich meinem Mann natürlich nicht, er macht sich eh jetzt schon viel zu viele Sorgen. Ich hingegen bin sicher, dass das Haus auch noch ­stehen wird, wenn wir wieder heimkommen, vermutlich nicht so, wie wir es heute verlassen, aber stehen wird’s schon noch.

Mittlerweile ist es 4.00 Uhr morgens und unsere große Tochter Claudia und ihr Freund Manuel warten bereits, bis wir mit unserem Hausrundgang fertig sind. Herd abgedreht, Jalousien hinaufgezogen, Fenster verschlossen? So machen wir es bereits seit Jahren, vermutlich Jahrzehnten, und haben unsere eigene unübertreffliche Routine entwickelt. „Ihr wisst aber schon, dass ich in zwei Stunden wieder daheim bin, oder?“, meint Claudia etwas genervt. Stimmt eigentlich, aber das ist wohl die Macht der Gewohnheit. Ohne unsere Töchter so lange wegzufahren, ist neu für uns; überhaupt so lange wegzufahren, ist neu für uns.

Noch ein letzter Blick zurück und wir machen uns auf in Richtung Flughafen. Ein wunderschöner Sonnenaufgang begleitet uns auf dem Weg und es kribbelt schon in unseren Bäuchen, wenn wir daran denken, dass wir nun viele solcher Sonnenaufgänge sehen werden. Vielleicht kribbelt es aber auch, weil wir absolut noch nichts gefrühstückt haben und zumindest mein Bauch kann das gar nicht verstehen. Beleidigt grummelt er also vor sich hin, aber er muss sich noch etwas gedulden. Wir sind ­nämlich auf einer Mission. Unser erstes Ziel soll die Folierstation des ­Flughafens sein. Wir verabschieden uns also überschwänglich von Claudia und Manuel und stellen erfreut fest: Noch hält sich die Sehnsucht nach den Kindern in Grenzen.

Da wir nicht so mutig sind, um unser Gepäck mit all den Schlaufen, Bändern und Gurten einfach so einzuchecken, haben wir bereits gestern beschlossen, die Rucksäcke in Folie einwickeln zu lassen. Ganze € 12,– kostet der Spaß, pro Gepäckstück, versteht sich. Die Folierstation befindet sich in der Abflughalle beim Großgepäck und wir sind die Zweiten in der Reihe. Vor uns versucht gerade ein Mann mühevoll, sein teuer aus­sehendes Fahrrad hinter die Absperrung zu wuchten. Vom Mitarbeiter der ­Folierstation ist hier keine Hilfe zu erwarten, er ist genauso grummelig wie mein Bauch und gibt nur halbherzig Anweisungen, wo denn das gute Stück zu platzieren sei. Vielleicht ist dies ein ganz berühmter Radrennfahrer, aber selbst wenn, wir würden ihn ohnehin nicht erkennen, denn mit Radfahren haben wir nichts am Hut. Schließlich findet das Fahrrad einen kuscheligen Platz, ob es auch den Weg ins richtige Flugzeug schaffen wird, entzieht sich leider unserer Kenntnis. Nun gut, jetzt sind wir an der Reihe, dachten wir zumindest, denn plötzlich ist der gute Mann, der unsere ­Rucksäcke vor Schaden bewahren soll, indem er sie fürsorglich und nahezu watteweich einpackt, verschwunden. Die Minuten vergehen und wir suchen schon die Klingel, mit der man Personal rufen könnte, aber da ist keine oder zumindest versteckt sie sich vor uns. Mittlerweile hat sich hinter uns auch schon eine kleine Schlange gebildet und nicht nur wir fragen uns, was hier eigentlich los ist. Seelenruhig kommt der Flughafenmitarbeiter dann plötzlich um die Ecke gebogen und fragt uns wenig charmant, was wir denn wollen. „Bitte einfolieren“, bleiben wir immer noch freundlich und ich schenke ihm einen lächelnden Blick. Leider habe ich nicht das Talent, Männer mit einem einzigen Augenaufschlag dahinschmelzen zu lassen, und so scheitere ich kläglich beim Versuch, dem Mitarbeiter ein Lächeln zu entlocken. Gut, zumindest packt er, wenn auch ziemlich lustlos, unsere Rucksäcke ein und zwar mit derart viel Folie, dass ich bereits jetzt ein schlechtes Gewissen habe, dass wir diese in England – ich weiß, das Land heißt Großbritannien, aber wir werden uns tatsächlich nur in England aufhalten – entsorgen müssen und somit deren Plastikmüll­problem drastisch vergrößern werden.

Nach dem „Baggage Drop-off“ beschließen wir, gleich sämtliche Kontrollen hinter uns zu bringen und in der Nähe unseres Abfluggates zu frühstücken. Es ist wirklich wenig los, doch auch hier sind die Mitarbeiter nicht freundlicher und die Miene des Polizisten bei der Passkontrolle gibt mir zu verstehen, dass mit ihm nicht zu spaßen ist. Dabei tu ich gar nichts! Schließlich schaffen wir es doch und holen uns einen Frühstückskaffee. Die Dame an der Kassa ist das erste freundliche Wesen, das mir heute begegnet. „Guten Flug“, meint sie und natürlich bin ich ebenso freundlich und meine, „Ihnen auch!“. Hoppla, das funktioniert hier nicht, aber sie meint gelassen: „Eines Tages werde ich auch wegfliegen, bis dahin hebe ich mir die Wünsche auf.“

Mittlerweile sind wir spät dran und wir eilen zum Gate. Mein Mann und ich sind beide extrem stur, wenn es um Sitzplätze im Flugzeug geht. Ich will am Fenster sitzen und er braucht unbedingt einen Platz am Gang und so ist der Platz in der Mitte immer frei – wobei frei ist er so gut wie nie, denn meistens setzt sich jemand dazwischen, so auch dieses Mal. Doch die Flugpartnerin ist eine angenehme Zeitgenossin und wir plaudern fast den ganzen Flug hindurch. Sie hat eine Tochter in Schottland und diese möchte sie besuchen, zuvor gehen sie und ihr Mann aber auf Entdeckungsreise quer durch England und Schottland. Außerdem lese ich einen kleinen, aber hervorragenden Artikel von Karl Hohenlohe über die Wartezeit vor dem Gepäckförderband, einfach herrlich, weil die Situation so treffend beschrieben ist. Diese Anspannung erleben wir wirklich jedes Mal, wenn wir auf das Gepäck warten und das zu Recht, denn wir sind auch schon mal ohne Gepäck, dafür in Jeans und Sweater, im sommerlichen Orlando gestanden. Würde uns das heute passieren, dann würde ich vermutlich durchdrehen, schließlich haben wir die Ausstattung feinsäuberlich über ein ganzes halbes Jahr zusammengesucht. Doch wir haben Glück: Nach einem ruhigen Flug kommen unsere hervorragend verpackten Rucksäcke sehr schnell das Förderband entlang. Geschafft!

Nach einem ewig langen Weg am Heathrower Flughafen kommen wir bei der Central Station an, wo wir als erstes lesen, dass sich unser Bus um eine dreiviertel Stunde verspäten wird, was heißt, dass wir jetzt die nächsten drei Stunden am Busbahnhof festsitzen. Die Zeit vertreiben wir uns mit Warten, denn viel mehr kann man hier nicht machen. Als der National Express, der uns in Somersets Hauptstadt Taunton bringen soll, endlich eintrifft, merken wir sofort, dass wir uns die falschen Plätze reserviert ­haben. 1. Reihe rechts, dachten wir uns, sei eine gute Wahl, denn da kann man durch die große Scheibe des Busses frontal alles beobachten. Unser Gehirn wusste zwar theoretisch, dass in Großbritannien Linksverkehr herrscht, doch praktisch hat es uns nicht weitergegeben, dass dann auch der Busfahrer vor der 1. Reihe rechts sitzt. So ein Schmarren. Wir sehen also gar nichts von vorne und seitlich ist es auch schwierig, denn die Fenster strotzen nur so vor Staub- und Matschtropfen. Noch dazu kommt, dass die Klimaanlage defekt ist, und so sucht sich die kalte Luft ihren ganz eigenen Weg, um dem System zu entkommen, und dieser endet genau oberhalb meiner rechten Schulter. Da der Bus aber ziemlich voll ist, können wir den Gedanken, die Plätze zu wechseln, ad acta legen. So versuche ich, die Spalten mit Taschentüchern zuzustopfen, doch durch den Windzug gleiten sie sacht, aber schnell, wieder zurück auf meinen Schoß. Vor einer Stunde hatte ich den Jamaikaner auf der linken Seite, der im Sommer eine Haube trägt, noch belächelt, jetzt wäre ich bereit, für diese Haube meinen letzten Penny zu geben. Mein diesbezügliches Angebot nimmt er irgendwie nicht ernst, aber so entsteht zumindest ein nettes Gespräch und es stellt sich heraus, dass auch er nach Minehead unterwegs ist. Auf meine Frage, ob er denn auch wandern würde, lacht er schallend: „Are you crazy? Definitely not!“ Vermutlich sind wir tatsächlich ein wenig verrückt, aber nicht verrückter als so viele vor uns, die diesen Weg schon erfolgreich ­gemeistert haben.

Die Reise verzögert sich erneut, denn plötzlich müssen wir kurz nach Bristol auf eine Autobahnraststelle und den Bus wechseln. Ein Passagier eines anderen Busses hat ein Fensterglas eingeschlagen und die Busfahrerin traut sich nicht damit bis nach London zu fahren. So müssen wir den kaputten Bus, na gut, den Bus mit dem kaputten Fenster, übernehmen, denn unser Weg sei nicht mehr so lang, werden wir aufgeklärt. Schließlich kommen wir doch in Taunton an und dieses Mal haben wir Glück, denn der Anschlussbus steht direkt bereit. Zwei Stunden später als geplant er­reichen wir schließlich das beschauliche Städtchen Minehead. Dieses ist zwar mit knapp 10.000 Einwohnern die größte Stadt der Exmoor Region, aber dennoch eher klein gehalten. Schnell wird auch klar, dass es die beste Zeit wohl schon hinter sich hat, im Sommer aber immer noch ein beliebtes Touristenziel ist. Und wer zum jetzigen Zeitpunkt hier Urlaub macht, der hat unglaubliches Glück mit dem Wetter, denn es zeigt sich von seiner wunderschön sommerlichen Seite. Kein Wölkchen trübt den dunkel­- blauen Himmel und auch wir sind ganz begeistert. Wir schlendern die Prome­nade entlang, kaufen uns ein kleines Abendessen und Wasser für morgen und dank Google Maps, das uns in den nächsten Wochen noch großartige Dienste leisten wird, finden wir problemlos unsere Unter- kunft „The Quay Inn“. Wie die Stadt hat auch unser „Pub with Rooms“ bereits bessere Zeiten gesehen. Das Zimmer ist klein und die Möbel sind abgenutzt, aber es ist makellos sauber und das ist mir ohnehin am wichtigsten.