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Heilreiz durch Unterdruck Dieses Praxisbuch bietet Ihnen das gesamte Spektrum der Schröpfkopftherapie: Was bedeuten Störfelder für den Körper? Was sind Gelosen ? Wie setzt man mit Schröpfköpfen Heilreize? Teil 1 stellt die theoretischen Grundlagen des Schröpfens und die Zusammenhänge mit der Reflexzonendiagnostik dar. Teil 2 zeigt die benötigten Utensilien, die Technik des Schröpfens sowie die wichtigsten Indikationen. Zahlreiche Abbildungen verdeutlichen die genaue Lokalisation der Schröpfzonen. Positiv- und Negativbeispiele erleichtern das Einschätzen des Behandlungserfolges. Schröpfen # kompakt, praxisbezogen, übersichtlich.
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2013
Johann Abele
Schröpfkopfbehandlung
10., aktualisierte Auflage
64 Abbildungen
Meinen beiden Lehrmeistern
Dr. med. Ulrich Abele
und
Dr. med. Heribert Schmidt
gewidmet
Diese Abbildung wurde nach einer Skizze von Prof. Karel Fron, München, gestaltet. Ich danke für sein Entgegenkommen.
Einen Menschen zu behandeln und ihn zur Gesundung zu führen, bedeutet viel mehr, als nur das Gefüge und das Zusammenspiel der chemischen Reaktionsabläufe in ihm in die allgemein übliche Ordnung zu bringen. Wir müssen uns immer bewusst sein, dass das Leben erheblich vielschichtiger abläuft, als uns dies in chemischen und physikalischen Prozessen sichtbar wird. Nach einer 1980 von dem Arzt und Forscher Hiroshi Motoyama▶ [22] aufgestellten Formel könnte man sagen: Leben ist der Ausdruck von Ereignissen, welche auf unterschiedlichen Ebenen ablaufen, sich aber im menschlichen Körper zu einem sichtbaren Bild verknüpfen. Diese Ebenen können mit Hilfe eines Schaubildes wie folgt gekennzeichnet werden (der Doppelpfeil ↔ bedeutet: setzt voraus):
Gestalts-Bewegungen ↔ bio-elektrochemische Prozesse ↔ physikalische Prozesse ↔ seelische Prozesse ↔ geistige Kräfte = Information
Es ist klar, dass durch die enge Vernetzung all dieser Reaktionsebenen Verschiebungen in jeder einzelnen auftreten müssen, auch wenn Störungen nur in einer einzigen eingetreten sind. Ebenso leuchtet ein, dass sich die verschiedenen Reaktionsebenen im Sinne einer gegenseitigen Balance beeinflussen. Dies wäre ein Stadium kompensierter funktioneller Störungen. Irgendwann kann durch fortgesetzte Funktionsstörungen jedoch ein Summations-Stadium erreicht werden, welches durch die Eigenregulation innerhalb der Ereignisebenen nicht mehr reversibel gestaltet werden kann. Solche festgeschriebenen Veränderungen im Fließgleichgewicht des Lebens nennen wir manifeste Krankheiten.
Es ist nur natürlich, dass unseren Sinnen jene Prozesse am eindrucksvollsten erscheinen, welche sich auf den Ebenen der physikalischen und der chemischen Ereignisse abspielen. Eingriffe in die Krankheitsprozesse werden daher meist auf diesen beiden Ebenen durchgeführt und vorzüglich wiederum mit chemischen Mitteln. Logischerweise können aber mittels Verschiebung chemischer Massen (-verhältnisse) nur solche Störungen exakt behandelt werden, die überwiegend in dieser Reaktionsebene entstanden sind.
Zum Glück gibt es mehrere, uns teils durch Forschung, teils durch Erfahrung bekannte Steuerungselemente – oder Regelkreise – im System der Selbstregulation des menschlichen Organismus. Sie liegen in exakt auffindbaren Bahnen. Diese Bahnen verknüpfen oftmals weit auseinanderliegende Körperteile miteinander. Auf den Bahnen sitzen „trigger points“, besonders reaktionsträchtige Schaltstellen der Selbstregulation. Vielleicht sind sie Schnittpunkte mehrerer ineinandergreifender Regelkreise.
Wir wissen – besonders seit den Forschungen von so bedeutenden Männern wie Kellner, Pischinger ▶ [27], Schadé, Löwenstein, Kanno und Kibler, die sich mit der Neurophysiologie beschäftigt haben und so für die Neuraltherapie nach Huneke eine lückenlose, wissenschaftliche Wirktheorie erstellen konnten –, dass wir neben den anatomisch leicht fassbaren Nervenverbindungen im Körper Zellmembranleitungen besitzen, sozusagen Haustelefone des Vegetativums, welche auch ohne die übergeordneten Fernverbindungen zum ZNS funktionieren. Die in den Zellen entstehenden Reize oder diejenigen, welche auf sie auftreffen, verändern den Ionenfluss zwischen den Zellmembranen und ändern so die elektrische Aufladung ihrer „Sandwich-Struktur“. Dabei werden elektrische Potenziale frei, die zum Teil in Quanten (Biolumineszenz nach Popp ▶ [28]), zum Teil als Schwankung der elektrischen Feldstärke in der Umgebung messbar werden und den Beginn von Reizstafetten bilden. Erreicht eine solche Reizstafette eine Fernleitung – ein Neuron –, so treten oft blitzartig weitreichende Störreaktionen auf.
Nach Herbert Athenstaedt▶ [11] kann man eine Gelose auch als einen Ort bezeichnen, von dem aus sowohl piezoelektrische als auch pyroelektrische Vorgänge ausgehen. Eine Gelose ist ein Ort der Hitze (heiße Gelose) oder der Kälte (blasse Gelose) im Vergleich zur übrigen Körperdecke. Nach Athenstaedts Messungen verbreiten sich auch in organischen Strukturen (Haut) diese Reize in Form einheitlicher Spannungsreaktionen. Die Haut besitzt ein elektrisches Dipolmoment senkrecht zu ihrer Oberfläche.
Wärme oder Kälte sowie Verformung werden zu einheitlichen Spannungsänderungs-Signalen umgearbeitet, die in polarisierten Fasern (Nervengewebe) weitergeleitet werden. „Diese Effekte können nur vom Organismus wahrgenommen werden, wenn die ganze Oberhaut mit dem zentralen Nervensystem (polarisierte Faserstruktur) verbunden ist.“
Die Steuerungs- und Selbstheilungstendenz des Organismus – also auch das Verschwinden und Kommen von Triggerpunkten – kann man zwanglos durch diese Kommunikationskanäle erklären. Schließlich werden in einer einzigen Zelle in der Sekunde einige Millionen Informations-„bits“ verarbeitet, wobei an die 50 000 Regulatorproteine mobilisiert werden, eine Zahl, zu deren Bewältigung ausschließlich masselose Informationsübermittler fähig sein können.
Das, was der Arzt bei geglückter „biologischer Therapie“ als Sekundenphänomen erkennen kann, wird ebenso erklärbar und dem Bereich des stummen Wunders entzogen.
Können wir auch heute nicht im Einzelnen nachvollziehen, wie an den o. a. trigger-points angesetzte Heilreize für das gestörte Regulationssystem nutzbar gemacht werden, so dürfen wir dennoch legitim mit ihnen arbeiten. Denn der Organismus arbeitet seit der Entstehung des Lebens mit ihnen, ohne dass es dem Leben zum Schaden gereicht. Im Gegenteil! Wir können heute bereits absehen, dass die technischen Möglichkeiten, in unserem Organismus eine nach unserem Willen und unseren linearkausalen Vorstellungen beschaffene „neue Ordnung“ einzuführen, im menschlichen Körper zu denselben katastrophalen ökologischen Nebenerscheinungen führen werden, wie sie uns im Bereich der Umwelt entgegentreten.
Der kranke Organismus ist ein in seiner Dynamik gestörter Kybernet. Therapie heißt daher, den Grund dieser Störung zu finden und auszumerzen. Das bedeutet meist, eine Neuorientierung des kranken Menschen zu veranlassen und außerdem irgendwelche gestörte Einzelorte an ihm zu reparieren. Die Schröpfbehandlung ist eine Methode, welche gestörte Einzelorte der Kybernetik beeinflusst. Sie weist jedoch häufig frappierende Soforteffekte an diesen auf, dass man zu allen Zeiten geneigt war, sie als selbstständige Behandlungsform darzustellen und zu gebrauchen. Man beschränkte sich dann im Wesentlichen auf den Schröpfeingriff und verließ sich auf die schon so oft erlebte Positivreaktion. Blieb sie aus, wandte man sich einem anderen Behandlungsverfahren zu.
Die Behandlung mit dem Schröpfkopf darf jedoch nicht als Monotherapie angesehen werden. Sie sollte stets im Rahmen eines umfassenden therapeutischen Konzepts die ihr zukommende Stellung einnehmen. Genaue Beobachtungen lehren jedoch, dass von schröpfwürdigen Einzelorten aus vollständige Systemregulationen in Gang kommen können. Wer lange genug die Schröpfmethode an seinen Patienten ausgeführt hat, dem wird sich dreierlei einprägen:
Diagnose Beim Ertasten schröpfwürdiger Stellen am Körper erkrankter Menschen stellt sich die richtige Diagnose, das Erfassen der gestörten Lebensdynamik des Erkrankten, in kaum zu übertreffender Weise dar. Wer – nach entsprechender Übung – den gelotischen Rücken eines Kranken abtastet (und auf diesem findet man die meisten schröpfwürdigen Orte der Kybernetik), kann ihm seine Beschwerden meist „auf den Kopf hin zusagen“. Und wenn labortechnische oder röntgenologische Parameter noch nicht – oder nicht mehr – zu erheben sind, weisen die Schröpforte dennoch laut und deutlich auf schon oder immer noch vorhandene Stoffwechselstörungen innerer Organe hin oder auf eine statische Störung im Skelettsystem.
Therapie Die Schröpfkopfbehandlung zeigt sodann dem Therapeuten unbarmherzig und rasch, ob seine Diagnose zutreffend gewesen ist. Denn der erkrankte Körper reagiert auf die Schröpfung am richtigen Ort innerhalb von Minuten oder Stunden. Für den Patienten ist dies deutlich fühlbar.
Prognose Schließlich beweist das Verschwinden oder die stetige Wiederkehr schröpfwürdiger Gelosen, ob der Patient „die Lehren aus seiner Krankheit und aus den Ermahnungen seines Arztes gezogen hat“. Erst wenn er sich wieder ordnungsgemäß in sein Lebensumfeld mit all dessen Gegebenheiten eingeordnet hat, wenn er die Kräfte, die auf ihn einwirken, richtig auswertet und daraufhin für sein Leben geeignete Maßnahmen ergreift, kann er gesunden. Erst wenn er in seinem kleinen Kosmos wieder „schwimmt wie ein Fisch im Wasser“, wird die Kybernetik seines Organismus imstande sein, ihn gesund zu halten. Dahin soll jegliches ärztliche Bemühen ausgerichtet sein. Jegliche Monotherapie „vor Ort“ ist Flickschusterei, auch beim Schröpfen.
Ein schwacher Mensch und miserabler Arzt läßt sich vom Patienten Ausflüchte gefallen und behandelt ihn, selbst wenn er seinen Lebenswandel – der ihn krank gemacht hatte – nicht ändern will. (Plato)
Das Schröpfen gehört der Naturheiltherapie an:
Die Krankheiten heilen durch die Physis. (Hippokrates)
Das blutige Schröpfen ist seiner Natur nach eine blockadebrechende, entstauende Therapie. Es beseitigt Hindernisse innerhalb der Hämodynamik und des Lymphabflusses, und der verbesserte Blutfluss führt zu einer schlagartig besseren Sauerstoff- und Nährsubstratverbesserung sowie dadurch zur Entsäuerung des in einer Gelose – ähnlich wie in der Umgebung einer Varize – zu sauren Bindegewebsstoffwechsels. Dabei schwindet der relativ erhöhte Venendruck im kranken Endstrombereich. Die porös gewordenen Membranen der Kapillaren dichten wieder ab, sodass das perivaskuläre Ödem der Gelose verschwindet. Die vom Ödem zugepressten Lymphgefäße und Venolen entsorgen wieder. Wenn Blut zirkuliert, erhöht sich auch der Energieumlauf (H. Schmidt ▶ [32], Kap. ▶ 10) und der Gewebstonus.
Das trockene Schröpfen ist seiner Natur nach eine Therapie, welche durch Extravasatbildung im Bindegewebe einer Reflexzone die Durchblutung, den Stoffwechsel und alle möglichen Immunaktivitäten erhöht.
Wenn sich die Druck- und Säure/Basenverhältnisse in einer Gelose (Störfeld) normalisiert haben, richten sich die geformten und ungeformten Elemente der Basis des Lebens, das ungeformte und geformte Mesenchym (Hauss), in die für normale Stoffwechselvorgänge vorteilhaftesten „Clusterformationen“ aus. Das sind plastische, aber quasikristalline, bipolare Strukturen, welche aufgrund ihrer elektrischen Ladungsverteilung geeignet sind, Informationen zu speichern (Wassercluster bei 37° C) und weiterzugeben, seien es elektromagnetische Felder der Reizleitung (Athenstaedt ▶ [11]) und der Zellwandpolarisierung oder Photonenfelder aus dem Innern des Zellkernes (Popp ▶ [28]).
Aus dieser Schau bedeutet das Schröpfen gerade in der modernen Arztpraxis eine unabdingbare, bios-logische Basisbehandlung und nicht etwa ein blutiges Relikt aus grauer, kruder Vorzeit. Forschungen über molekulare Physik und über Hämorheologie haben diese an sich uralte Therapie aus dem Bereich ausschließlicher Empirik in die höhere Ebene der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse geführt und in das philosophisch-naturwissenschaftliche Weltbild des 20. Jahrhunderts eingefügt.
Schloß Lindach 2Württemberg/Schwäbisch Gmünd,im Januar 1999
Dr. med. Johann Abele
Hinweis des Verlages
Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um eine inhaltlich unveränderte Neuauflage (Stand der Informationen 1999). Aktualisiert wurde das Layout, und das Werk ist für die Nutzung in elektronischen Medienformen aufbereitet worden.
Widmung
Einleitung
Teil I Theorie
1 Geschichtlicher Rückblick
2 Der Rücken als diagnostisches Arbeitsfeld
3 Topographie der Rückenmaximalzonen
4 Untersuchungstechnik des Rückens
5 Definition des Schröpfvorganges
5.1 Die Trockenschröpfung
5.2 Die blutige Schröpfung
6 Definition der Gelose
6.1 Die kalte oder blasse Gelose
6.2 Die heiße oder rote Gelose
7 Dynamik des Schröpfvorganges
7.1 Die blutige Schröpfung
7.2 Die Trockenschröpfung und die Saugglockenmassage
8 Die vegetative Basis als Angriffspunkt der biologischen Regelkreise (Kybernetik)
9 Die biologischen Regelkreise am Menschen
10 Blutfülle/Blutleere – Energiefülle/Energieleere
Teil II Praxis
11 Praxis der Schröpfkopfbehandlung
11.1 Karteiblatt-Technik
11.2 Gerätschaften
11.2.1 Schröpfschnäpper
11.2.2 Hämolanzette
11.2.3 Rasierklinge
11.2.4 Ponndorf-Impflanzette
11.2.5 Schröpfgläser
11.2.6 Feuer- und Wattespender
11.3 Technik des Schröpfens
11.3.1 Das trockene Schröpfen
11.3.2 Die Schröpfkopfmassage (Saugglockenmassage)
11.3.3 Die blutige Schröpfung
11.4 Komplikationen beim Schröpfen
11.5 Vorsichtsmaßregeln
12 Indikationstopologie
12.1 Die Nackenzone – Okzipitalzone
12.2 Das Schulterdreieck
12.3 Die Gallenzone und der Leberbuckel
12.4 Das Regulationssystem Herz und Magen
12.5 Der Depressionsbuckel
12.6 Das Tor des Windes
12.7 Die Pankreaszone
12.8 Die Nierenzone
12.8.1 Die hyperazide Gastritis
12.9 Die Lumbagozonen – Darmzonen
12.10 Die Schröpfung bei Interkostalneuralgien
12.11 Der Iliosakralwinkel
12.11.1 Die blutige Schröpfung über oder unmittelbar lateral der Spina iliaca posterior superior
12.12 Die Hypertoniesülze
12.13 Besondere Schröpfstellen
12.13.1 Hüftgelenk
12.13.2 Kniegelenk
12.13.3 Depressionspunkt vorne
13 Indikationstopologie für die Trockenschröpfung
13.1 Die Nackenzone
13.2 Das Schultergelenk
13.3 Die Magenzone
13.4 Die Thoraxvorderseite
13.5 Der Brustbereich
13.6 Der obere und mittlere Rücken
13.7 Die Kreuzbeingegend
13.8 Unterbauch, Leiste, Innenseite der Oberschenkel
13.9 Abrechnungshinweise für die GOÄ
14 Ausblick
Teil III Anhang
15 Literatur
Sachverzeichnis
Impressum
1 Geschichtlicher Rückblick
2 Der Rücken als diagnostisches Arbeitsfeld
3 Topographie der Rückenmaximalzonen
4 Untersuchungstechnik des Rückens
5 Definition des Schröpfvorganges
6 Definition der Gelose
7 Dynamik des Schröpfvorganges
8 Die vegetative Basis als Angriffspunkt der biologischen Regelkreise (Kybernetik)
9 Die biologischen Regelkreise am Menschen
10 Blutfülle/Blutleere – Energiefülle/Energieleere
Sobald der Mensch begann, sich seines Körpers bewusst zu werden und über sich selbst nachzudenken, versuchte er, das, was ihn bedrückte – das Üble –, aus sich herauszuschaffen. Wenn dieses Üble sich als eine Art Verhärtung an der Körperoberfläche (Furunkel, Schwellung, schmerzhafte Entzündung) geäußert hatte, so lag nichts näher, als an dieser Stelle einfach eine Öffnung zu machen, um dem Üblen einen Ausweg zu bahnen. In der Tat entdeckten Historiker hierfür Beispiele in der frühesten Heilkunst der Menschheit, und heute noch kann man bei Völkern, die sich auf dem Niveau der Steinzeitmenschen befinden, die gleichen Anschauungen und Sitten antreffen.
Die Beobachtung, dass beim Öffnen offenbar veränderter, schmerzhafter Stellen am Körper eine Linderung – oder Heilung – mancher Beschwerden zu erzielen war, führte zu immer verfeinerteren Praktiken. Zuallererst wurde wohl das Steinmesser zum Einritzen (Skarifikation) und der Mund zum Saugen verwendet. Später ersetzte man den Mund durch hohle Tierhörner, die man durch Saugen evakuierte, durch hohle Kalebassen und noch später durch Glaskugeln oder künstliche metallene Kombinationsinstrumente (mechanische Blutegel).
Das erste, historisch gut belegbare Zeugnis für die ärztliche Verwendung der Schröpfköpfe fand sich als Emblem auf einem Arztsiegel aus der Zeit um 3300 v. Chr. in Mesopotamien. In der alten Welt kannte und benutzte man die Methode umfassend: so in Ägypten (Veterinärpapyrus 2200 v. Chr.), Indien (Ayurveda). In Griechenland (▶ Abb. 1.1, ▶ Abb. 1.2) hieß der Gott des Schröpfens Telesphorus und war ein Sohn des Asklepios. Der Schröpfkopf galt dort geradezu als Wahrzeichen bekannter Ärzte, und man mag daran die Bedeutung erkennen, welche man dieser Methode beimaß.
Hippokrates gab eine detaillierte Anweisung zum Schröpfen und eine theoretische Begründung des Verfahrens heraus.
Zu Zeiten Celsus (30 v. bis 38 n. Chr.) lag in Italien die Schröpfkunst in den Händen heilkundiger Laien. Man verwendete die Saugglocken sowohl bei lokalen Eiterungen wie auch bei Blutanstau. Galenus hebt dann die Wirkung der Schröpfung auf entfernt vom Schröpfort liegende Körperabschnitte hervor. Arabische Ärzte wie Abul Kasim und Avicenna beschrieben das Schröpfen, wie später die berühmtesten Ärzte der Schulen von Salerno oder Bologna. Allerdings wurde das „blutige Handwerk“ schon damals in die Hände von Badern und Feldschern delegiert. Sie haben dann später durch Übermaß und alleinige Verwendung der Methode diesen Zweig des Heilwesens in Verruf gebracht. Selbst Paracelsus (1493–1541) stand dem Schröpfen nicht mehr sehr positiv gegenüber, wenngleich von ihm der berühmte Satz geprägt wurde, auf den sich die folgenden Generationen schröpfkundiger Therapeuten bis heute berufen:
Wo die Natur einen Schmerz erzeugt, da hat sie schädliche Stoffe angehäuft und will sie ausleeren. Ist die Natur nicht imstande, diesen Vorsatz selbst auszuführen, muß der Arzt eine künstliche Öffnung direkt an der kranken Stelle machen und so Schmerz und Krankheit rasch heilen.
Abb. 1.1 Das Grabrelief eines griechischen Arztes aus dem 5. Jh. v. Chr. im Basler Antikenmuseum. Es ist möglicherweise die erste Darstellung eines Arztes mit medizinischen Insignien und Berufswerkzeugen, den Schröpfköpfen.
Abb. 1.2 Eines der typischen Arztsiegel derselben Zeit: Zange und Schröpfwerkzeug.
Im 16. Jahrhundert erlebte die blutige Schröpfkunst dann wieder einen respektablen Aufschwung auch bei Ärzten. Fallopio, Vidius, Dalla Croce in Italien widmeten ihr ganze Kapitel in ihren Büchern, und wir finden ihre Anwendung in Frankreich ebenso wie in England und Deutschland. Aus der Reihe der Befürworter im 18. und 19. Jahrhundert ragt Christoph Wilhelm Hufeland hervor, der das Schröpfen ein „sehr wirksames, jetzt zu sehr vernachlässigtes Hautreinigungsmittel“ nennt, dessen Wirkung „teils in der Entfernung stockender und krankhafter Säfte zu liegen scheint“. Er behandelte damit Krankheiten der Augen, der Ohren, die Pleuritis, die Perikarditis, die Angina, die Hepatitis, den Lumbago sowie verschiedene andere. Allerdings muss auch damals noch in Laienkreisen die Methode übertrieben worden sein, da wir von Gustav Freytag aus dem Jahre 1859 folgendes Zeugnis lesen:
Hierbei muß man sich aber hoch verwundern, dass sie das Schröpfen dermaßen mißbrauchen, denn es will Jedermann Schröpfen und sie vermeinen meistenteils, sie hätten nit gebadet, wenn sie nit voll Hörnlein wie ein Igel hängen.
Im 19. und 20. Jahrhundert war das Schröpfen überall in der Alten Welt verbreitet. Aus Finnland berichtet Alexis Kivi in seinem köstlichen Buch von den „sieben Brüdern“ über das Schröpfen mit Kuhhörnern nach dem Saunabade. Heimkehrer aus den Rußlandfeldzügen erzählen, dass diese Methode dort von den einheimischen Ärzten und Heilkundigen oft eingesetzt wurde, wenn andere Mittel nicht vorhanden waren, und ich selbst habe noch von der verstorbenen Gräfin zu Langenburg erfahren, dass ihr Bruder, König Paul von Griechenland, bei Bronchitis und Pneumonie öfter von seinen Leibärzten geschröpft worden sei. Eine umfassende und ganz ausgezeichnete Übersicht mit vielen Textanführungen bietet das kleine Büchlein, welches Bachmann und Pecker 1952 im Karl F. Haug Verlag unter dem Titel Die Schröpfkopfbehandlung▶ [12] herausgegeben haben.
Im späten 19. und 20. Jahrhundert geriet dann diese Methode fast ausschließlich in die Hände von Laientherapeuten. Man kann dies nur dadurch erklären, dass das Aufkommen der klinisch-chemischen Forschung das Augenmerk von der „Selbstheilung der Natur“ ablenkte und zu den wahrhaft erstaunlichen Möglichkeiten hinzog, Heilungs- und Vergiftungsvorgänge im Körper des Menschen künstlich steuern und beeinflussen zu können. Erst Bernhard Aschner, der geniale Wiederentdecker alter Heilmethoden, verwies 1928 in seinem Buch Die Krise der Medizin▶ [9] seine Kollegen erneut auf die Bedeutung der alten Säftelehre und damit auf die nicht zu übertreffende Wirkung der Heilmethoden, die an diesem Säftestrom einsetzen. Die Krise der Medizin hält bis heute an, und wir stehen mitten im Umbruch des therapeutischen Denkens. Immer mehr schält sich heraus, dass der Mensch, wenn er eingreift, diese Eingriffe gegen eine Vielzahl ihm unbekannter, lebensnotwendiger Regelkreisvernetzungen vornimmt und später, oft zu spät erkennt, dass sein steuerndes Vorgehen eine Bahn der Zerstörung durch die natürlich ablaufenden Prozesse geschlagen hat. Inmitten einer durch ihn veränderten, an Lebendigem dezimierten Welt, deren Selbstregulation erschöpft zu sein scheint, bemerkt die heute offizielle Medizin noch immer nicht, dass sie im kleinen Bereich der Natur – dem menschlichen Körper – dieselben Verheerungen anstellt, wie es die industrialisierte Menschheit auf der Welt im Großen vollbringt; auf einer Welt, auf der sie doch fröhlich weiterleben und nicht nur in künstlich abgeschlossenen Kompartiments existieren möchte. Für den wahren Arzt ist es daher notwendig, im Großen das Beschränkte und im Kleinen das Universelle zu erkennen und hier wie dort nicht einseitig, kurzsichtig und nur für den Augenblick opportun zu handeln. Medizin muss als Dienst an den von der Natur und von Gott vorgegebenen Gesetzen betrachtet werden, nicht als Tummelplatz von allem nur erdenklich Machbaren. Bernhard Aschner schwebte vor, dass Heilkunst und Medizin sich wieder vereinen. Damit steht er am Beginn einer möglichen Wende in der Krise.
