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Die Goethe-Universität ernannte 1959 den Frankfurter NS-Schul- und Kulturdezernenten Rudolf Keller sowie den NS-Stadtkämmerer Friedrich Lehmann zu Ehrenbürgern und Ehrensenatoren. Dabei erklärte sie beide zu NS-Gegnern. In welche Untaten waren sie jedoch involviert und worüber waren sie informiert? Es wird vielfältig und en détail dargelegt, wie beide an NS-Verbrechen und Vergehen beteiligt waren; ihre Rolle im "Dritten Reich" wird nachgezeichnet. Die Untersuchung steht an der Spitze der aktuellen Forschung zum lokalen Täterkreis und zu intellektuellen Unterstützern. Die Studie spricht das Fachpublikum sowie die Frankfurter Stadtgesellschaft an.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2020
Gunter Stemmler
Schuld und Ehrung.
Die Kommunalpolitiker Rudolf Keller und Friedrich Lehmann zwischen 1933 und 1960 - ein Beitrag zur NS-Geschichte in Frankfurt am Main
2., erweiterte Auflage
© 2020 Gunter Stemmler
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-02414-4
Hardcover:
978-3-347-02415-1
e-Book:
978-3-347-02416-8
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Einführung
1.2 Vorgehensweise und Aufbau
1.3 Forschungsstand
1.4 Quellenlage
1.5 Nationalsozialismus und Kommunalpolitik - allgemeine Ausführungen
1.6 Die Johann Wolfgang Goethe-Universität und die Aufarbeitung der NS-Zeit
2. Rudolf Keller
2.1 Ehrungen durch die Universität sowie Ehrungstexte
2.2 Allgemeine Ehrungen und städtische Würdigungen
2.3 Kellers Tätigkeiten nach 1945
2.4 Kellers Beziehungen zur Universität nach 1945
2.5 Kellers Verhältnis zur NSDAP
2.6 Kellers berufliches Wissen und Wirken während des „Dritten Reiches“
2.6.1 Zur Universität und ihren Ehrenbürgern
2.6.2 Entlassungen
2.6.3 „Arisierung“ von Kunstwerken und Büchern
2.6.4 Zum Theater
2.6.5 Büchereien und „Entartete Kunst“
2.6.6 Antisemitische Schulpolitik
2.6.7 Antizigane Schulpolitik
2.6.8 Antikirchliche Schulpolitik
2.6.9 Grundlegende Tendenzen der Schulpolitik
2.6.10 DAF und HJ
2.6.11 NS-Schulalltag
2.6.12 Kindergärten und -horte
2.6.13 Swing-Jugend
2.6.14 Taubstummenerziehungsanstalt
2.6.15 Weitere verschiedene Einblicke
2.7 Allgemeines Wissen vom „Dritten Reich“
2.8 Widerstand oder Anpassung?
2.9 Charakterisierung Kellers
2.10 Kellers Beziehung zum Oberbürgermeister Krebs
2.11 Fama zu Keller
2.12 Kellers „Schutzhaft“
2.13 Die versuchte Entfernung aus dem Amt
3. Friedrich Lehmann
3.1 Ehrungen durch die Universität sowie Ehrungstexte
3.2 Allgemeine Ehrungen und städtische Würdigungen
3.3 Lehmanns Tätigkeiten nach 1945
3.4 Lehmanns Beziehungen zur Universität nach 1945
3.5 Lehmanns Mitgliedschaft in der NSDAP
3.5.1 Aufnahmeantrag
3.5.2 Besonderheiten
3.5.3 Mitgliedskarte
3.5.4 Beiträge
3.5.5 Parteiabzeichen
3.5.6 Verschiedene Beweise und Hinweise
3.6 Lehmanns berufliches Wissen und Wirken während des „Dritten Reiches“
3.6.1 Zur Universität und ihren Ehrenbürgern
3.6.2 „Arisierung“ von Kunstwerken, Büchern und Immobilien
3.6.3 Personalausgaben
3.6.4 Soziales und „Euthanasie“
3.6.5 Weitere verschiedene Einblicke
3.6.6 Deportationen
3.7 Die Frage von Lehmanns Widerstandstätigkeit
3.7.1 „Finanzsabotage“?
3.7.2 Bargeld gesichert?
3.7.3 Gegen Kindergärten an die NSV?
3.7.4 Hilfe verfolgter Personen?
3.7.5 Vertrauensmann der Organisation Goerdeler?
3.8 Charakterisierung Lehmanns
3.9 Lehmanns Beziehung zum Oberbürgermeister Krebs
3.10 Lehmanns Ernennung zum Honorarprofessor
3.11 Lehmanns Entfernung aus dem Amt 1946
3.12 Lehmanns Bewertung seiner Gegenwart
4. Synthese
4.1 Die Rolle Willy Hartners bei den Ehrungen
4.2 Vorteile für Keller und Lehmann durch die Mitarbeit im Nationalsozialismus
4.3 Übergeordnete Bewertung: die Verantwortung von Kommunalpolitikern
4.4 Allgemeine Einschätzung zu Keller und Lehmann
4.5 Fazit - mit persönlichem Nachwort
5. Nachweise
5.1 Archivalien sowie weitere Quellen
5.1.1 Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
5.1.2 Archiv der Johann Wolfgang Goethe-Universität
5.1.3 Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStAW)
5.1.4 Bundesarchiv (BArch)
5.1.5 Landesarchiv Berlin (LAB)
5.1.6 St. Katharinen- und Weißfrauenstift in Frankfurt am Main
5.1.7 Gedruckte Quellen für die Universität Frankfurt
5.1.8 Datenbanken und digitale Angebote
5.2 Literaturverzeichnis
5.3 Indizes
5.3.1 Personenregister
5.3.2 Sachregister
5.4 Lebensläufe: Rudolf Keller und Friedrich Lehmann
1. Einleitung
1.1 Einführung
Mit dieser Untersuchung soll auf zwei Personen näher eingegangen werden, die in Frankfurt am Main während des „Dritten Reiches“ in relevanten politischen Positionen tätig waren, die dort in der Nachkriegsgesellschaft über achtungsvolle Ehrenämter verfügten und deshalb auch von der Johann Wolfgang Goethe-Universität hoch geehrt wurden: dies waren der für die Universität zuständige Stadtrat Rudolf Keller und der Stadtkämmerer Friedrich Lehmann. Beide waren versierte Kommunalpolitiker, die von 1933 bis 1945 im Rahmen ihrer Ämter eine lokale systemstabilisierende Funktion für die NS-Herrschaft innehatten.1
Anstoß für diese Arbeit war die Diskrepanz zwischen ihren Ehrungen durch die Goethe-Universität samt den Begründungen auf der einen Seite und der Tatsache auf der anderen Seite, daß beide Personen während des „Dritten Reiches“ in Frankfurt am Main zentrale kommunalpolitische Ämter innehatten. Auf diese prima facie Ungeheuerlichkeit war ich im Rahmen meiner Befassung mit dem Aufkommen und den wesentlichen Entwicklungsstufen bei den Ehrenbürgern und Ehrensenatoren der Universität Frankfurt gestoßen.
Drei Aufgaben sollen mit diesem Unterfangen angegangen werden:
1. Es soll vertieft der Frage nachgegangen werden, über welche NS-Vorgänge die beiden Personen aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit informiert und wie sie ggf. darin involviert waren.
2. Für die Nachkriegszeit sollen ergänzend wenige einschlägige Aspekte aufgegriffen werden, die sowohl für beide Personen als auch für die Zeit charakteristisch sind.
3. Im Besonderen soll schließlich auch kurz auf ihre Beziehungen zur Universität und deren Ehrungen eingegangen werden.
1.2 Vorgehensweise und Aufbau
Für die Untersuchung wird sich neben einigen ausgewählten zentralen Quellen vor allem auf Veröffentlichungen über die NS-Zeit in Frankfurt am Main gestützt, bei denen Beispiele erwartet werden konnten, wie beide Personen in den nationalsozialistischen Machtapparat involviert waren. Auf dieser Basis wurden eine kommentierte Informationssammlung gestaltet und Interpretationen zu konkreten Verwicklungen in das NS-System und seinen Verbrechen formuliert.
Als Einstieg wurde für beide Personen jeweils mit ihrer Auszeichnung durch die Universität begonnen und damit quasi ein offizielles Fazit zu ihrem Leben vorangestellt. Es soll also für diese Darstellung - nach Personen getrennt - zuerst ihre akademische Würdigung an der Universität veranschaulicht werden. Dann soll der Kontext mit weiteren Ehrungen, die sie damals erhielten, kurz vorgestellt werden. Anschließend wird dargelegt, aufgrund welcher Tätigkeiten nach 1945 ihre Beziehungen zur Goethe-Universität zu sehen sind, worauf sich also auch die Ehrungen stützen könnten. Daraufhin wird auf die Frage der Mitgliedschaft in der NSDAP eingegangen - dies geschieht im Bewußtsein, daß diese Frage nicht davon ablenken darf, was beide Personen von 1933
bis 1945 wußten und worin sie sich verwickeln ließen.3 Eine zentrale Stelle nimmt dann eine Überblicksdarstellung ein, von welchen NS-Vergehen und Verbrechen sie als Kommunalpolitiker beruflich gewußt haben müssen und womit sie diesbezüglich betraut waren. Anschließend wird sich mit dem Aspekt Widerstandsleistungen befaßt, um dann ihre allgemeine Charakterisierung darzulegen wie auch ihre Beziehungen zum Oberbürgermeister Krebs. Im Zusammenhang mit dem, was als ihr Widerstand genannt wird, gehört die Prüfung von bestimmten Feststellungen über sie, die sich als Erzählungen tradiert haben. Es folgen ansatz- und ausschnittsweise Einzelaspekte wie Kellers versuchte Entfernung aus dem Amt zu Beginn der NS-Zeit und das Ende der Amtszeit Lehmanns 1946, Kellers Schutzhaft sowie Lehmanns Ernennung zum Honorarprofessor. Diese Darlegungen sind teilweise ausführlich und detailliert, damit die Leserinnen und Leser sich selbst ein Bild davon machen und meine Bewertungen nachvollziehen können. Nach dieser Befassung mit beiden Personen wird zum Abschluß eine allgemeine Bewertung als erstes Fazit gezogen. Weil an der Universität Professor Hartner eine gewichtige Rolle bei ihren Auszeichnungen spielte, soll dabei auch dem etwas nachgegangen werden.
Einen bedeutsamen Bewertungsmaßstab bildet der hohe ethische Standard aus den Ehrungstexten und Lobesworten, wobei es naheliegt, daß diese Würdigungen dem von den Geehrten vermittelten Selbstbild entsprechen.
1.3 Forschungsstand
Über einen sehr langen Zeitraum konnten während der Nachkriegszeit deutsche Kommunalbeamte und viele Bürgermeister sowie Stadträte als politische Kommunalbeamte ihre tiefgehende Verflechtung in die unsäglichen Machenschaften des NS-Regimes leugnen, da es ihnen gelang, sich als quasi unpolitische Verwalter einer lokalen Sachpolitik zu gerieren.4 Einen bedeutsamen Beitrag in der Aufdeckung dieser Lüge als Märchengeschichte erzielte Wolf Gruner mit mehreren Veröffentlichungen, in denen er in zahlreichen Beispielen aus deutschen Kommunen belegte, welchen Beitrag zur örtlichen NS-Herrschaft die Stadtverwaltungen lieferten und wo sie bisweilen sogar zur treibenden Kraft bei der Ausgrenzung und Verfolgung ihrer jüdischen „Mit“-Bürger wurden. Es wird deshalb sowohl auf allgemeine Aussagen von ihm als auch vor allem auf seine Frankfurter Beispiele zurückgegriffen.
Zur Übervorteilung und Ausplünderung jüdischer Frankfurter durch die Frankfurter Stadtverwaltung ist auf die wissenschaftliche Aktivität von Monica Kingreen zu verweisen.5 Zum Frankfurter Magistrat veröffentlichte Bettina Tüffers mehrere Forschungen: Das ist zum einen ihre Monographie „Der Braune Magistrat: Personalstruktur und Machtverhältnisse in der Frankfurter Stadtregierung 1933-1945“ sowie zum anderen der einschlägige Aufsatz „Der Frankfurter Stadtkämmerer Friedrich Lehmann 1932–1946“, veröffentlicht im „Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst“. Hinzu kommt ein weiterer Aufsatz von ihr: „Politik und Führungspersonal der Stadtverwaltung Frankfurt am Main. Die personelle Zusammensetzung des Magistrats“. In der Buchreihe über die Geschichte der Stadtverordnetenversammlung hat sich nach dem Band über die Zeit bis 1933 von Karl Maly dann Michael Bermejo mit verfolgten Stadtverordneten und Stadträten befaßt: „Die Opfer der Diktatur. Frankfurter Stadtverordnete und Magistratsmitglieder als Verfolgte des NS-Staates“. Insgesamt gesehen gibt es zu Frankfurt in der Zeit des „Dritten Reiches“ aus den letzten 10 und teilweise 20 Jahren zahlreiche relevante Untersuchungen vieler Historiker. Ich bin auf Keller und Lehmann bereits in meinem Buch „Die Vermessung der Ehre. Zur Geschichte der Ehrenbürger, Ehrensenatoren sowie Ehrenmitglieder an deutschen Hochschulen und an der Universität Frankfurt“ eingegangen. 6
Diese Forschung soll einen Einzelbeitrag zum besseren Verständnis der Verwicklungen von Kommunalpolitikern und -beamten in der NS-Zeit und deren Umgang damit in der Nachkriegszeit geben. Lothar Gall: „Wer zu wirklichen Einsichten … nach dem Einfluß … auf die Politik gelangen will, bleibt auf die genaue Analyse eines klar abgrenzbaren und abgegrenzten Einzelfalls verwiesen in dem Bewußtsein des je Individuellen und Besonderen.“7 Vom Wissenschaftsverständnis her sehe ich die Aussage von Max Weber als grundlegend an, die er in seinem richtungsweisenden Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ traf: „Wissenschaftlich aber überholt zu werden, ist - es sei wiederholt - nicht nur unser aller Schicksal, sondern unser aller Zweck. Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, daß andere weiter kommen werden als wir.“8
1.4 Quellenlage
Die Aktenlage zum Verhalten von Keller und Lehmann während des „Dritten Reiches“ ist unvollständig. Das betrifft laut der Forschungsliteratur auch die zu ihrem Umfeld, wonach „die Elite der Stadtverwaltung …[,] die sowohl über die Motive als auch über die Möglichkeiten verfügt haben dürfte, sie belastende Akten aus der Welt schaffen“9 ließ. Neben Kriegsverlusten, von Nazi-Seite gegen Kriegsende vernichteten Akten und zudem auch in der Nachkriegszeit manipulierten Vorgängen wird es zu späterer Zeit auch aus Nachlässigkeit nicht überlieferte Bestände geben.10 Es ist offen, welche Ausmaße dies jeweils hat. Darüber hinaus fehlen zum Beispiel ungewöhnlicherweise einige „Persilscheine“ in der Spruchkammerakte von Lehmann.11
Es kam in der Nachkriegszeit sogar zur Fälschung von Protokollen, so im Senckenberg-Museum.12
Es sind auch Akten der NS-Zeit aus dem städtischen Eigentum herausgekommen, sei es durch Diebstahl, Unachtsamkeit oder fehlende Zerstörung bei vorgesehener Entsorgung, da welche durch
ein Antiquariat öffentlich angeboten wurden.13
„´Wenn nur in der Welt ist, was in den Akten steht, reicht es umgekehrt aus, Akten zu vernichten, um eine unliebsame Wirklichkeit zu tilgen´“.14 Diese allgemeine Betrachtungsweise zu Tätern übersieht die Möglichkeiten geschichtswissenschaftlicher Arbeit: Wesentlich ist bei einer rudimentären Quellenlage eine strukturgeschichtliche Betrachtung der Funktionen der Beteiligten und der daraus sich ergebenden wahrscheinlichkeitsgestützten Ableitungen ihres Wirkens und Wissens. Zudem zeigt sich dann in einer Sammlung einzelner überlieferter Vorgänge, wie sich Stück um Stück ein Gesamtbild herauskristallisiert. Dieses Verfahren wurde hier gewählt.
1.5 Nationalsozialismus und Kommunalpolitik - allgemeine Ausführungen
Für eine allgemeine Einschätzung der Position von Kommunalpolitikern und städtischen Beamten15 im „Dritten Reich“ dient hier eine Vergegenwärtigung wesentlicher Momente: Das totalitäre NS-System stand als solches allen anderen Machtzentren und entscheidungsmächtigen Organisationen feindlich gegenüber; hiervon waren auch die Kommunalverwaltungen betroffen. Außerdem kam der totalitäre Ansatz, der die Herrschaft über sämtliche Lebensbereiche anstrebte, in eine überaus weitgefächerte Berührung mit dem System der allgemeinen Daseinsvorsorge der Stadt, wie sie sich im 19. Jahrhundert entwickelt und in der Weimarer Zeit sogar noch ausgeweitet hatte. Demnach waren Stadtverwaltungen bereits mehr oder weniger in fast allen Lebenssituationen involviert oder in angrenzenden Bereichen tätig, sie waren überaus mannigfaltig informiert oder (potentiell) interessiert. Die Ursache hierfür lag darin, daß die Bürger Defizite in ihrem Lebensumfeld als kommunale Bringschuld verstanden und Kommunalverwaltungen Mißstände beheben wie auch Entwicklungsmöglichkeiten nutzen wollten. Deshalb engagierten sich Stadtverwaltungen in erstaunlich vielen Belangen innerhalb ihrer Stadtgrenzen. Als ein Beispiel mag die Aktivität des Frankfurter Oberbürgermeisters Adickes bei der Gründung der Frankfurter Universität als Bürgerstiftung dienen. Weil also die Stadtverwaltung vielfältig mit dem städtischen Leben verflochten war und die Nationalsozialisten überall herrschen wollten, gab es für leitende Kommunalbeamte überaus zahlreiche Kontaktpunkte zum NS-Wirken.
Dabei sind Stadträte amtsbedingt informiert oder über städtische Aufgaben in vielem persönlich mittelbar oder unmittelbar involviert. Zudem ist es eine Eigenschaft erfolgreicher Politiker, sehr gut informiert zu sein, und zwar sowohl in ihrem Tätigkeitsgebiet als auch allgemein. Haben sie die Funktion als Fachleute und „Macher“, dann müssen sie aktiv sein, können nicht nur aussitzen oder delegieren. (Dies betrifft auch die Amtsleiter einer Stadtverwaltung.) Da Keller und Lehmann an der politischen Spitze ihrer Aufgabenfelder standen - und nicht auf die Funktion von „Frühstücksdirektoren“ beschränkt waren -, läßt sich die Bandbreite und Tiefe ihres Wirkens und Wissens hinreichend erahnen.
Zur zweifelsfreien Bewertung einzelner Handlungen ist zu sagen, daß dies letztendlich intime Kenntnisse der Verwaltung voraussetzen würde, um beurteilen zu können, ob ein bestimmtes Verhalten zum Beispiel tatsächlich als Widerstand oder als Hilfe für Verfolgte gedacht war. Denn es setzt das Wissen voraus, welche Personen bekannt waren, Dinge zu beschleunigen oder abzubremsen, wer kompetent und wer eher inkompetent war, um nachvollziehen zu können, ob Keller und Lehmann einen Weg wählten, der in der scheinbar gewünschten Richtung zum Erfolg führen sollte, oder der - mit Hintergedanken gewählt - das Gegenteil des vorgegebenen Zieles bewirkte.
Bei den NS-Verbrechen gegen die jüdischen „Mit“-Bürger ist sich zu vergegenwärtigen, daß dies ein jahrelanger Prozeß war, der mit der Etablierung der NS-Herrschaft begann und dann in der ganzen Bandbreite des Lebens die jüdischen „Mit“-Bürger entrechtete, enteignete, entmenschlichte, zur Emigration trieb oder aus der Stadtgesellschaft entfernte, um sie schließlich durch Deportationen - euphemistisch „Evakuierung“ genannt - aus der Stadt zu entfernen und sie dann im Genozid zu ermorden. Bis einschließlich dem Beginn der Deportationen fand dies unter den Augen ihrer „Mit“-Bürger stand und unter der Mit-Verantwortung bzw. dem Mit-Wissen der Kommunalpolitik und Stadtverwaltung. Es war keine willkürliche Jagd auf Opfer, wie es vom Stalinismus berichtet wird, wo Opferquoten durch Absperrungen von Marktplätzen mit anschließenden Massenverhaftungen erreicht worden sein sollen; und es war auch keine Verfolgung durch Fremde, wie man sie sich bei einer Invasion in einem Krieg und der Verfolgung aufgrund vorbereiteter Listen vorzustellen hat. Sondern es war ein in zahllosen kleinen und großen Schritten mittels brutaler, hemmungsloser Gewalt, mittels Pseudorecht, Verweigerung von Rechtsansprüchen und - sofern passend - rechtlichen Verfahren vollzogener Raub und Mord an den eigenen Nachbarn. Von daher ist zu erwarten, daß die Stadtverwaltung von Frankfurt am Main in unzähligen Fällen davon gewußt haben muß oder sogar darin verwickelt war. Es stellt sich nur die Frage, inwieweit die jeweilige Amtsführung und die politisch Verantwortlichen darüber informiert waren resp. es zuvor angeordnet hatten. Es ist davon auszugehen, daß die Führungskräfte von allen grundsätzlichen Entwicklungen, von den meisten Neuerungen wie auch von den gewichtigen Vorgängen innerhalb der Stadt(verwaltung) Kenntnis hatten. Sie hatten ohne Zweifel die formale Verantwortung für alles, was in den ihnen zugewiesenen Bereichen geschah; in vielen Fällen werden sie aufgrund ihrer Beteiligung auch eine unmittelbare oder mittelbare persönliche Verantwortung getragen haben.
1.6 Die Johann Wolfgang Goethe-Universität und die Aufarbeitung der NS-Zeit
Für die Ehrungen von Keller und Lehmann durch die Goethe-Universität wäre der Kontext der Nachkriegszeit an der Universität näher zu betrachten.16 Es kann hier im Rahmen dieser Darstellung nur auf den Sachverhalt als solchen hingewiesen werden. Einen ersten - zum Teil zwiespältigen und oszillierenden - Eindruck vom Umgang mit der NS-Zeit vermitteln akademische Auszeichnungen in der Nachkriegszeit. Dabei war eine Bandbreite an Haltungen von Senat und Fakultäten bei Wiedergutmachungen wahrzunehmen: Themen, um die es in den Sitzungen dieser Gremien ging,
waren die Wiederanerkennung aberkannter Promotionen17 oder die Gewährung der erworbenen Anrechte von Emeritus-Bezügen emigrierter Professoren. Darüber hinaus kamen schließlich Wünsche auf Wiedereinstellung von Professoren auf, die wegen ihrer Verwicklungen in das „Dritte Reich“ nicht mehr an der Universität Frankfurt lehrten.
Ein gesamtgesellschaftliches Versagen bei der Befassung mit der NS-Vergangenheit wie auch solche Vorgänge an den Hochschulen im Allgemeinen und der Goethe-Universität im Besonderen waren Motiv und Motivation für viele, die in den Studentenunruhen - die in Frankfurt schon vor der „68er-Bewegung“ begannen - als Protagonisten oder auch nur als Sympathisanten aktiv wurden. Die teilweise erheblichen Auseinandersetzungen an der Goethe-Universität sind ohne dieses begründete Unbehagen der Studierenden an ihrer Vätergeneration kaum denkbar; auch von daher erhält die nähere Betrachtung zweier Kommunalpolitiker aus der NS-Zeit, die Ende der 50er Jahre durch die Universität geehrt wurden, ihre Bedeutung.
1 Siehe zu weiteren führenden städtischen Verwaltungsbeamten aus der NS-Zeit sowie Führungskräften aus der Wirtschaft, welche von der Goethe-Universität diese akademischen Ehren nach dem Zweiten Weltkrieg erhielten, in Stemmler, Vermessung. Zum Stadtrat Bruno Müller siehe z. B. Stemmler, Buch, S. 163f.
2 Siehe Stemmler, Ehre, S. 108f.
3Vgl. Schneider/Conze/Flemming/Krause-Vilmar, Vergangenheiten, S. 11f.
4 Für „Wahlbeamte“ und führende Beamte auf lokaler Ebene trifft die Aussage von Görtemaker/Safferling, Akte, S. 453 zu: „das Bild des ´unpolitischen Beamten´ .., den es doch gerade im Dritten Reich nicht gegeben hatte - und den es auch danach nicht gab, weil es ein Mythos war: eine imaginäre Denkfigur, die … gar nicht existieren konnte, weil Politiknähe und Politikberatung zum Wesen und zu den Kernaufgaben … gehören.“
5 Ich danke Monica Kingreen, daß sie mir freundlicherweise ihr unveröffentlichtes Manuskript über die „Arisierung“ von Kulturgut zur Verfügung gestellt hat. Siehe Stemmler, Keller; Stemmler, Keller (1878-1960; Stemmler, Lehmann.
6 Siehe Stemmler, Keller; Stemmler, Keller (1878-1960); Stemmler, Lehmann.
7 Gall, Man, S. 124.
8 Weber, Wissenschaft, S. 85.
9 Daub, Stadt, S. 320; siehe auch S. 319. Vgl. dazu Habersack, Zwangsarbeit, S. 249: „Das städtische Arbeitsamt war … zumindest beteiligt, und sein Leiter wird die Fremd- und Zwangsarbeiter betreffenden Unterlagen nicht grundlos kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner am Mainufer vernichtet haben.“ Siehe Hansert, Senckenberg-Forschungsmuseum, S. 16f.
10 Vgl. Schneider, Probleme.
11 Diese Einschätzung bestätigte Dr. Diether Degreif vom HHStAW mündlich [am 28.07.2010]. Siehe HHStAW, Abt. 520 F (A-Z), Bl. 3, Nrn. 34-39; Bl. 25verso.
12 Siehe Hansert, Senckenberg-Forschungsmuseum, S. 16f.
13 Dies geschah von Bidspirit im Juli 2018 in bezug zu Personalakten; der Link besteht nicht mehr.
14 Cornelia Vismann, in: Vec, Milos, Wie Verfolger den Verfolgten ähneln, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2010, S. 31.
15 Siehe zu Loyalitätsverpflichtungen auf den Führer in Lohalm, Kriegstage, S. 62, mit Verweis auf das Gesetz über die Vereidigung der Beamten und Soldaten der Wehrmacht vom 20.08.1934, Reichsgesetzblatt 1934 I, S. 785, zum Hitlergruß durch Beamte der Hinweis auf die Schreiben des Reichsminister des Innern vom 12.07.1933 und 13.07.1933 und zum Treueverhältnis der Beamten zum Führer auf das Deutsche Beamtengesetz vom 26.01.1937, Reichsgesetzblatt 1937 I, S. 39ff.
16 Siehe dazu allgemein Hammerstein, Goethe-Universität, und Ders., Goethe-Universität, Nachkriegszeit, sowie Stemmler, Vermessung; und z. B. auch Denkschrift [siehe unter Gedruckte Quellen].
17 Eine Forschungsarbeit von Katharina Becker M. A. zum Thema stehe vor der Veröffentlichung.
2. Rudolf Keller
2.1 Ehrungen durch die Universität sowie Ehrungstexte
Im Sommer 1959, 14 Jahre nach dem Ende des totalitären nationalsozialistischen Regimes, schlug Professor Willy Hartner als einer der Fakultätsvertreter dem Senat vor, den früheren Frankfurter Stadtrat Rudolf Keller zum Ehrenbürger der Universität zu ernennen: „Der Senat begrüsst diesen Vorschlag. Über die gleichzeitige Anregung Prof.Hartner´s, Stadtrat Dr.Keller in Anbetracht seiner besonderen Verdienste sogleich zum Ehrensenator zu ernennen, findet eine längere Aussprache statt. Es wird beschlossen, eine endgültige Entscheidung bis zur nächsten Senatssitzung zurückzustellen.“18 Nach den Semesterferien gelang es im Oktober Hartner, der „nochmals eindringlich die Verdienste [würdigte, GSt.], die sich Stadtrat a.D. Dr. Keller insbesondere nach dem Kriege um die gesamte Universität erworben hat“,19 den Senat zu überzeugen: „Der Senat beschliesst auf Vorschlag des Prorektors [Prof. Geißendörfer, GSt.] in erster Lesung einstimmig, Stadtrat a.D.Dr.Keller … zugleich mit der Würde des Ehrenbürgers die Würde eines Ehrensenators zu verleihen.“20 Dieser Beschluß wurde am 4. November bestätigt.21 Die Urkunde trägt das Datum vom 11. November.22 Im Urkundentext steht zusätzlich zur Würdigung der Beziehung Kellers zur Universität eine nicht übliche persönliche Würdigung, die vom neuen Rektor Willy Hartner verfaßt worden ist: „Sie [die Universität, GSt.] gibt zugleich ihrer Bewunderung und ihrem Dank dafür Ausdruck, dass Herr Stadtrat Dr. K.[eller] in der dunkelsten Zeit der deutschen Geschichte mit beispielhaftem Mut dem Unrecht entgegengetreten ist und die Idee der Freiheit verteidigt hat.“23 Keller verstarb keine drei Monate später am 28. Januar 1960, 81 Jahre alt.
In der Traueranzeige der Universität heißt es: „Sein Sinn für Recht und Menschlichkeit, verbunden mit großer Güte und höchster Bescheidenheit, prägten Leben und Wirken des Heimgegangenen“. 24 In der Medizinischen Fakultät wurde Anfang Februar sein Tod durch den Dekan mitgeteilt und Keller mit den Worten gewürdigt: Er war ein „Schulmann von grossem Format im wahrsten Sinne des Wortes. Nach seiner Pensionierung begann eigentlich erst seine Tätigkeit im Grossen Rat. Im Interesse der Universität und im Kuratorium hat er immer entscheidend im Sinne der Universität gehandelt. Zum Zeichen des ehrenden Gedenkens der Verstorbenen erheben sich die Mitglieder der Fakultät von ihren Sitzen.“25
Keller wurde im wesentlichen somit durch die
a) Ehrenbürgerwürde gelobt, außerdem durch die
b) Würde eines Ehrensenators,
c) durch die Ausnahme, welche die Doppel-Ehrung darstellte, sowie
d) durch die Besonderheit einer urkundlichen Würdigung seines - angeblichen - Verhaltens in der NS-Zeit.
2.2 Allgemeine Ehrungen und städtische Würdigungen
Zu Kellers Verabschiedung als Dezernent erklärte Alfred Wolters, Direktor der Städtischen Galerie, gut ein Jahr nach dem Ende des „Dritten Reiches“ unter anderem: „Sie haben das Schiff der Stadt wahrhaftig … auch durch Schwärme von Seeräubern hindurch steuern müssen. Dass es Ihnen gelungen ist, trotzdem die köstliche Fracht im Ganzen zu erhalten und zu bergen, das bedeutet sehr viel.“ Außerdem behauptete Wolters, es sei Keller gelungen, Krebs „bei sehr wesentlichen Entscheidungen schliesslich in vielen Fällen“ zu überzeugen.26 Daß der Kulturdezernent bei Arisierungen zum Kreis der „Seeräuber“ gehörte, hatte Wolters anscheinend schon verdrängt. Und er hatte wohl auch nicht die vielfältigen Verluste an Kulturobjekten im kriegszerstörten Frankfurt vor Augen, wenn er meinte, Keller habe sie „im Ganzen“ erhalten und geborgen; dies stellt eine Lobhudelei unter weitgehendem Realitätsverlust dar - außer, man interpretiert es als Teil einer Argumentationsstrategie, welche mittels Leugnen Kulturpolitiker und Kulturmanager in ein besseres Licht stellen sollte. Wenn es Keller gelungen wäre, Krebs bei „sehr wesentlichen Entscheidungen“ zu überzeugen, dann würde dies im Umkehrschluß bedeuten, daß Keller teilweise Mitverantwortung für kultur- und schulpolitische Untaten von Krebs trägt.
Keller wurde über die Ehrung der Universität hinaus in den 50er Jahren mit weiteren hohen Auszeichnungen bedacht: 1954 hat er die Goethe-Plakette des Landes Hessen bekommen.27 Er wurde auf Vorschlag des Magistrats 1953 mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, und 1958 anläßlich „seines 80. Geburtstages wurde ihm das Große Bundesverdienstkreuz verliehen“.28
In den Städtischen Mitteilungen erhielt „Stadtrat a. D. Dr. Keller zum Gedächtnis“ unter anderem folgendes Lob: „Trotz der Ungunst der Zeitverhältnisse hat er es verstanden, durch eine sachliche und zielstrebige Verwaltungstätigkeit den traditionellen Ruf des Frankfurter Schulwesens und der kulturellen Einrichtungen der Stadt Frankfurt aufrechtzuerhalten und sie vor einer einseitigen Ausrichtung und einer Beschränkung des freien Geisteslebens zu bewahren. … Das Frankfurter Schul- und Kulturwesen hat durch Stadtrat Dr. Keller eine tiefgehende und nachhaltige Förderung erfahren … Bei der Trauerfeier … auf dem Hauptfriedhof legte Bürgermeister Dr. Walter Leiske einen Kranz nieder und sagte hierbei: ´Mit dem Magistratskollegium nehme ich … Abschied von unserem verehrten Kollegen … er war ein aufrechter Demokrat´“.29
2.3 Kellers Tätigkeiten nach 194530
Keller war im Juli 1946 als hauptamtlicher Stadtrat mit fast 68 Jahren wegen einer Altersgrenze nicht wiedergewählt worden.31 Ansonsten war er nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt und Hessen mit vielen respektablen Ämtern bedacht worden; er wirkte in einflußreichen Positionen bis ins höchste Alter. Er wurde nach dem Krieg Vorsitzender der Städeladministration;32 er war dies von 1948 bis zu seinem Tod.33 Er wurde als „kommissarischer Leiter der Staatlichen Hochschule für Musik … 1949 in den Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks gewählt, dessen Vorsitz er seit 1951 innehat[te].“34 Er wirkte im Rundfunkrat als Mitglied vom 7. Juli 1949 bis zum 28. Januar 1959, und er hatte zusätzlich noch die leitenden Funktionen eines stellvertretenden Vorsitzenden vom 3. März 1951 und die des Vorsitzenden ab dem 11. Mai 1951 bis zu seinem Ausscheiden. Der Rundfunkrat ist „vorrangig für die Einhaltung der gesetzlich festgelegten Programmvorgaben zuständig“.35 Keller saß bei seinem 80. Geburtstag auch noch im Verwaltungsausschuß des Freien Deutschen Hochstifts;36 in das Gremium war er schon im Januar 1934 als „städtischer Vertreter“37 entsandt worden. In Frankfurt gab es die „´Deputation für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung´, die sich aus Magistratsmitgliedern und sachverständigen Bürgern zusammensetzt, … 1932 wurde Stadtrat Dr. Keller der Vorsitz der Deputation übertragen; er bekleidete nach 1933 und auch nach 1945 dieses Amt.“38 Er kam 1934 in den Vorstand der Frankfurter Museums-Gesellschaft und saß dort in der unmittelbaren Nachkriegszeit sowie in den 50er Jahren; 1959 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.39 Und er wirkte im Vorstand der 1948 wiederbelebten Georg und Franziska Speyer´schen Studienstiftung, der er schon 1939 angehörte hatte, als die Auflösung beschlossen worden war; deren Liquidation war 1943 erfolgt.40
2.4 Kellers Beziehungen zur Universität nach 1945
In der Zeit des „Dritten Reiches“ war Keller für Oberbürgermeister Krebs der „Verbindungsmann“41 zur Universität. Keller war seit der Weimarer Zeit im Großen Rat und im Kuratorium der Universität gewesen und kurz sogar interimistisch Kurator. Im Wintersemester 1951/52 sowie im Sommersemester 1952 nahm Keller die Positionen des stellv. Vorsitzenden des Kuratoriums und des Geschäftsführenden Vorsitzenden ein. Der Geschäftsführer nahm an den Sitzungen des Vereins der Freunde und Förderer teil.42 Noch zu seinem 75. Geburtstag erwähnt die Frankfurter Rundschau, er sei „Mitglied des Großen Rates und des Kuratoriums der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität“,43 und als er 80 Jahre alt war, schreibt sie, daß er „stellvertretender Kurator der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität“44 sei.
Es gab einen Vorgang nach dem Krieg, der Kellers akademische Würdigung in einen Kontext stellt, über dessen Relevanz nur spekuliert werden kann: Keller hatte im April 1946 entscheidenden Einfluß auf die erste Ernennung eines Ehrenbürgers nach dem Zweiten Weltkrieg. Er nahm damals an zwei Sitzungen des Senats teil und wurde im Protokoll aufgeführt unter „Ferner“; er kam nur zu diesen beiden Sitzungen, nicht in die unmittelbar zuvor und anscheinend nie mehr danach.45 Warum er anwesend war, ist offen, auch, ob dies für die gesamte Sitzung zutrifft; es gibt keinen Hinweis, daß seine Teilnahme bei den beiden Sitzungen zeitlich begrenzt war. (In der zweiten Sitzung gehörte zu den Teilnehmern unter „Ferner“ auch Hartner, der Keller Jahre später für die akademischen Würden vorschlug, und Professor Beutler, der 1948 um eine Ehrung für Keller bat.46) „Stadtrat Dr. Keller regt an, Herrn Hartmann von der Bauer´schen Giesserei … die ´Ehrenbürgerwürde der Universität Frankfurt/Main´ zu verleihen. Stadtrat Dr. Keller wird einen entsprechenden Antrag stellen.“47 Aus der nächsten Sitzung des Senats heißt es: „Die Uebertragung der Ehrenbürgerwürde an den Inhaber … Johann Georg Hartmann … wurde, wie in der letzten Sitzung bereits beschlossen, bestätigt.“48 (Es stellt sich hier die Frage, ob es bei verschiedenen Handlungen der Beteiligten ein Manus manum lavat gab.)
2.5 Kellers Verhältnis zur NSDAP
Die Frage der Mitgliedschaft in der NSDAP war wesentlich in der Nachkriegszeit bei einigen Vorgängen im Rahmen der Entnazifizierung. Zur Positionierung der Beteiligten in der NS-Zeit wie auch zu ihrem Verhalten danach kann die Frage der Mitgliedschaft Einblicke verschaffen. Aber die Frage der Verantwortung für politische Ämter in der NS-Zeit läßt sich nicht auf diesen Aspekt beschränken. Staatsauffassung´“
Die auch heute noch vorgenommene Bezeichnung einer Person als „Nazi“ kann im historischpolitischen Diskurs einerseits die formale Parteimitgliedschaft meinen - unabhängig davon, ob und wie weit die Person von der NS-Ideologie überzeugt war -, oder sie kann andererseits funktional eine relevante Mitwirkung im totalitären System ausdrücken sollen.
Gemäß Michael Bermejos Forschungen beantragte Keller die Mitgliedschaft bei der NSDAP am 29. April 1933, „der er am 1. Mai 1933 beitrat.“49 Bettina Tüffers schreibt in ihren biographischen Angaben von einer Ablehnung des Antrags.50
In einem „Fragebogen“ für seine städtische Personalakte antwortete Keller mit Unterschrift vom 18. Juni 1933: „4. der N.S.D.A.P. angemeldet [am, GSt.] 29.4.1933“.51 So vermittelte er eineinhalb Monate nach seinem Beitrittsgesuch offiziell eine entsprechende Verbindung zur NSDAP. Er erklärte sich auch „rückhaltlos bereit“52 , „ auf dem Boden der nationalsozialistischen Welt- und Staatsauffassung´“53 mitzuwirken.
Keller unterzeichnete seinen „Fragebogen“ des „Military Government of Germany“ am 2. August 1946 und antwortete auf die Frage, ob er „jemals“ Mitglied gewesen sei, mit „nein“.54
Die Stadt Frankfurt hatte durch das „Hauptverwaltungsamt“ am „8. März 1937“ unter städtischen Mitarbeitern allgemein nach ihren Aufgaben als NSDAP-Mitglied gefragt: „Mit Einverständnis des Herrn Oberbürgermeisters soll auf Veranlassung des Herrn Personalamtsleiters“ gefragt werden, ob „städtische Bedienstete aktiv in der Partei“ seien. Dort antwortete Keller auf die Frage nach der Parteizugehörigkeit mit „nein“. Auf die Frage: „Weshalb bisher ein Amt in der Partei usw. nicht bekleidet wurde“, entgegnete Keller: „Bisher war mir diese Möglichkeit nicht gegeben.“ Und auf die Frage: „Ob Sie künftig g.F. ein Amt … übernehmen wollen oder nicht“, antwortete Keller: „Ja, soweit es die … Pflichten zulassen.“55 In einem Formular des Hauptverwaltungsamts vom 14. März 1938 verneinte er die Mitgliedschaft in der NSDAP.56 Nach dem Krieg ging Keller in einem Brief an den Oberbürgermeister vom 9. Dezember 1945 nur auf die zweite Befragung ein: „In einem Fragebogen des Jahres 1938 habe ich angegeben: ´Am 28.4.1933 zur Partei angemeldet.´ Diese Anmeldung erfolgte s. Zt. auf Grund einer Besprechung mit Oberbürgermeister Dr. Krebs, der mir erklärte, dass der Eintritt in die Partei von allen Beamten gefordert werden würde. … Zu meiner großen Erleichterung wurde meine Meldung schon nach wenigen Wochen zurückgewiesen … Es ist bekannt, dass ich schon am Tage der Besetzung des Rathauses in Schutzhaft genommen wurde, dass Gauleiter Sprenger meine sofortige Entlassung aus dem Amte forderte und dass diese Versuche, mich zu entfernen, 12 Jahre hindurch, bis in das Jahr 1944, immer wiederholt wurden. Ich habe niemals Beiträge an die Partei entrichtet, keine Versammlungen besucht oder mich irgendwie betätigt, so dass ich wahrheitsgemäss versichern konnte, dass ich niemals Pg. oder auch nur ´Anwärter´ gewesen bin.“57
Wenn der Gauleiter dies tatsächlich bis 1944 wiederholt versucht hätte, müßte Krebs bis zu dem Datum stets zu ihm gestanden haben, was bedeutet, daß Krebs überzeugt war, die Bilanz der Handlungen Kellers war für seinen, Krebsens Kurs als Nazi, positiv, sprich: braun. Das Endergebnis, nämlich 12.000 ermordete Frankfurter Juden,58 belegt, daß dieser Kurs ein NS-Kurs war. Und: Das Engagement auf Seiten eines Nazis gegen andere Nazis heißt nicht, daß dies ein Widerstand gegen den Nationalsozialismus war.59
2.6 Kellers berufliches Wissen und Wirken während des „Dritten Reiches“
Was wußte Keller und wobei wirkte er mit in jenen Jahren? Die Beantwortung dieser Fragen hängt für die Anfangszeit auch von seinen Ämtern ab. Denn wann Keller Kulturdezernent wurde, läßt sich anscheinend weder aus der Forschungsliteratur noch aus den Akten entnehmen. Diese Lücke, wie sie offenbar in den Akten herrscht, ist verwunderlich: Es fragt sich, ob sie während jener Zeit entstand, weil es der Oberbürgermeister bewußt an einer formalen Ernennung fehlen ließ, oder ob es nach dem Krieg zur Lücke kam. Kellers Amtsvorgänger Max Michel war Jude und wurde von seinem Amt am 13. März 1933 suspendiert.60 Am 14. März wurde Linder Michels Nachfolger als Personaldezernent und am 18. April übernahm Bruno Müller Michels Funktion beim Revisionsamt. Im Mai kam Keller in Deputationen; so hatte der Oberbürgermeister mit einer Verfügung vom 5. Mai in einer „Dezernatsverteilung“ Keller an die Spitze der „Kulturdeputation“ gesetzt.61 Es ist zu vermuten, daß Keller eher im Mai als zuvor zusätzlich zum für die Kultur zuständigen Stadtrat62 wurde. Der Oberbürgermeister schrieb am 27. März 1934 an den Regierungspräsidenten über Keller: „Daneben leitete er bis Herbst vorigen Jahres das städtische Kulturamt, dem die Betreuung der Kultureinrichtungen der Stadt … obliegt. Danach habe ich die Leitung dieses Amtes übernommen und ihn zum stellvertretenden Vorsitzenden bestellt.“63
Zur Erläuterung ist hier auf eine Veränderung durch die Nationalsozialisten aufgrund ihres Führerprinzips zu verweisen: Um dieses nach außen hin sichtbar werden zu lassen, wurden in Frankfurt die Dezernenten als Amtsleiter bezeichnet. Am „5. Januar 1934“ legte der Oberbürgermeister fest, daß „künftig … nicht mehr die Bezeichnung ´Dezernenten´, sondern ´Amtsleiter´“ aufgrund der „Führerverantwortlichkeit in der Verwaltung der Gemeinden“ zu verwenden sei.64 Somit wurde ein „Kulturdezernent“ Keller damals als Leiter des Kulturamts eingeordnet, wobei der Oberbürgermeister ihn zudem zeitweise formal die Rolle des stellvertretenden Leiters des Kulturamts zuwies; weil die Funktion in diesem Amt de facto die des Kulturdezernenten war, bezeichne ich ihn so, um diese Stellung zu betonen; darüber hinaus gehört der Terminus Kulturamtsleiter in der Zeit zur Lingua tertii imperii.65
2.6.1 Zur Universität und ihren Ehrenbürgern
Was sagt die Forschungsliteratur - mit einer ansatzweisen Betrachtung der Quellen -, worin Keller von Amts wegen involviert war, und worüber er von Amts wegen informiert war? Es soll zuerst auf Bezüge zur Universität eingegangen werden: Die Entwicklung einer durch die Stadt nicht nur wesentlich finanziell, sondern auch ideell getragenen Universität, die durch die Nationalsozialisten etwa ein Drittel ihres Lehrkörpers und viele Mitarbeiter und Studierende verlor, läßt über die zwölf Jahre der totalitären Herrschaft auch den Kulturdezernenten (und den Stadtkämmerer) nicht ohne Verantwortung am Geschehen sein. Zumindest wird Keller früh über Entlassungen an der Universität informiert gewesen sein. Und das Kulturamt berichtete am 3. Januar 1939 auf die Anfrage des Oberbürgermeisters, daß an der Universität „die restlose Entfernung der Juden abgeschlossen worden sei“.66
Aber nicht nur die Universität selbst, sondern auch das Ergehen ihrer Ehrenbürger verdient einen Blick bezüglich des Verhaltens von Rudolf Keller. In das Vorhaben, den Ehrenbürger der Universität Otto Goldmann dieser Würde zu berauben,67 war Keller involviert; es obliegt einer detaillierten Untersuchung, ob man meint, er habe das Vorgehen befördert oder behindert.
Keller übernahm in der Georg-Speyer-Stiftung das Vorstandsamt von Herbert Beit von Speyer 1889-1941), dem Sohn eines Ehrenbürgers der Universität; jener mußte sein Amt als Vorstandsmitglied der Stiftung am 11. Dezember 1938 aufgeben und Keller übernahm es am 7. März 1939. (Beit von Speyer lebte im Ausland und war in der Stiftung aus nationalsozialistischer Sicht als unerwünscht angesehen worden.) Keller gehörte 1939 auch zum Vorstand der Georg und Franziska Speyer´schen Studienstiftung, als der Vorstand die Auflösung beschloß. Die Liquidation erfolgte schließlich 1943. 1948 wurde die Stiftung wiederbelebt. Im Vorstand saß unter anderem wieder Keller.68
Wenige Jahre nach dem Tod des Ehrenbürgers Beit von Speyer kaufte die Stadt „das Anwesen der Familie Beit von Speyer … Die Stadt bezeichnete den Kauf bei einem Quadratmeterpreis von 17,00 RM und angesichts der guten Lage und des ausgezeichneten Zustands des Anwesens als ´äußerst vorteilhaft´“. Keller war darin involviert.69
Der enteignungsartige Raub jüdischer Immobilien war bisweilen auch für die Nutzung durch die Universität gedacht gewesen; es stellt sich die Frage, inwieweit Keller darin involviert war. Dazu gehörte der „Kauf großbürgerlicher Villen in guter Lage im Frankfurter Westend und am Mainufer. Der zuständige Bauamtsleiter, Dr. Bruno Müller, führte in einer Besprechung im Dezember 1936 auf, … [es, GSt.] werde die Stadt versuchen, derartige Grundstücke zum Geländewert anzukaufen. Dies war jedoch nicht das einzige Motiv der Stadt. Sie sah in den weiträumigen Anwesen geeignete Unterbringungsmöglichkeiten für Institutionen der Universität und stellte die Gebäude nach dem
Kauf … der Universität zur Verfügung.“70 „Genau einen Tag nach der Beendigung der Jagd auf jüdische Männer konnte Oberbürgermeister Krebs in der Gemeinderatssitzung fünf herrschaftliche Immobilien aus dem Besitz jüdischer Familien vorstellen, die zu ´günstigsten´ Preisen für mehr als eine halbe Million Reichsmark erworben worden waren, denn ´die letzte Woche hat das Problem wesentlich schneller reifen lassen, als es unter anderen Umständen gereift wäre´. Die Nutzung für
die Universität oder für andere Einrichtungen … standen dem Oberbürgermeister vor Augen.“71 Es ist anzunehmen, daß Keller auch hierüber schon zuvor informiert worden war.
Arthur von Weinberg, Ehrenbürger und Ehrensenator der Universität sowie auch Ehrenbürger der Stadt Frankfurt am Main, wurde zum Verkauf seines Wohnsitzes Haus Buchenrode gezwungen; dort wurde dann ein musisches Gymnasium eingerichtet. Keller72 wird die Umstände dieser Vertreibung einer der berühmtesten Persönlichkeiten der Stadt gekannt haben.73
Der NS-Oberbürgermeister Krebs versuchte, die Schwächung der Universität durch Gründung von Instituten und von vergleichbaren Einrichtungen auszugleichen.74 Dazu gehörten Bemühungen zur Etablierung des Deutschen Apothekenmuseums. Zu diesem Zweck war nach einigen anderen Vorschlägen schließlich die Villa von Richard Merton vorgesehen. So hieß es in einem Schreiben an das Kulturamt: „Herr Oberbürgermeister hat inzwischen ein neues Haus (Merton, Am Leonhardsbrunn 12) … ausgesucht“75. Von daher war für Keller die Herkunft des Hauses zweifelsfrei bekannt. Richard Merton war der 16. Ehrenbürger der Universität gewesen.76 Auch war Keller bereits früh in die Gründungsaktivität für eine Institution der empirischen Sozialforschung eingebunden, die dann zum Soziographischen Institut führte. Dies unternahm Forschungen für sozialrassistische Anwendungen; beispielsweise ging es um eine „planmäßige Neu-Ausrichtung … des landwirtschaftlichen Lebensraums“77 im großen Stil.
2.6.2 Entlassungen
Auch in Entlassungen von Mitarbeitern städtischer Kultureinrichtungen war Keller involviert.78 Dabei gab es für ihn mehrere amtliche Bezüge, Informationen zu erhalten: Die „1920 gegründete ´Deputation für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung´, die sich aus Magistratsmitgliedern und sachverständigen Bürgern zusammensetzte, entwickelte sich zum Organisationsmittelpunkt der städtischen kulturellen Aktivitäten. … ihre Aufgaben [waren, GSt.]… die Verwaltung und Beaufsichtigung der städtischen Anstalten und Einrichtungen auf diesem Gebiet … 1932 wurde Stadtrat Dr. Keller der Vorsitz der Deputation übertragen; er bekleidete nach 1933 und auch nach 1945 dieses Amt.“ „Sämtliche jüdischen Wissenschaftler, die an den .. Einrichtungen 1933 tätig waren, wurden entlassen. Dabei fällt ein aktivistisches und rücksichtsloses Vorgehen der Stadtverwaltung im nationalsozialistischen Sinne auf: schon am 28. März 1933 - also bereits vor Erlaß des ´Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums´ - wurden vier jüdische, an Museen tätige Wissenschaftler, darunter zwei Volontäre, beurlaubt.“ Kriegsteilnehmer wurden nach 1935 auch im städtischen Kulturbereich in den Ruhestand versetzt; es folgten sog. „jüdisch Versippte“. Und so kam es auch noch in den Jahren 1936, 1937 und 1938 zu solchen Entlassungen. „Damit wurde ein Drittel des 1933 an Museen und Bibliotheken Frankfurts tätigen wissenschaftlichen Personals aufgrund ´rassischer´ Kriterien im Laufe der 30er Jahre entlassen.“ „Bei der Entlassungspraxis in Frankfurt fällt auf, daß die Stadtverwaltung und an deren Spitze Oberbürgermeister Friedrich Krebs auf die Verwirklichung der Gesetze drängten: … in der Folge brachte der Oberbürgermeister … zur Entlassung in Vorschlag, auch wenn sich Dienststellenleiter aufgrund z.B. fachlicher Überlegungen für ein Verbleiben der Beamten im Amt aussprachen, wie z.B. Dr. Oehler im ´Fall´ Freimann.“ Entlassungen praktizierte man in Frankfurt „möglichst schnell“. Es kam zu Kündigungen an den Städtischen Bühnen;79 dies waren nicht nur Schauspieler und Sänger,80 sondern überhaupt Mitarbeiter an den Städtischen Bühnen. Darüber hinaus blieb zum Beispiel die sehr beliebte Opernsängerin Magda Spiegel schutzlos; sie wurde am 1. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dann am 14. Oktober 1944 nach Auschwitz, wo sie ermordet wurde.81
Für die Schulen, Kindergärten und die Schulverwaltung wurde 1935 bezogen auf den Zeitraum bis 1934 das Fazit gezogen, daß nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ insgesamt 110 Personen entlassen worden seien.82
Kellers Ämter vollzogen rassistische Überprüfungen: Das Kulturamt gab für den Mai 1936 als Aufgabe an, es habe in der Städelschule83 eine „Nachprüfung der Ahnennachweise der Studierenden“ vorgenommen. Das Schulamt prüfte im Oktober 1936 den „Nachweis der arischen Abstammung der Ehefrauen sämtlicher Beamter und Lehrer an den Berufs- und Fachschulen“, im nächsten Monat die arische „Abstammung der Ehefrauen sämtlicher Lehrer an den Mittel- und Volksschulen und an den Privatschulen“ und im September 1937 die „der Ehefrauen aller Angestellten.“84
Ob es bei der Anstellung neuer Mitarbeiter nationalsozialistische Vorstellungen gab, die die Auswahl beeinflußten, ist noch näher zu prüfen: Es „ist auffällig, daß auch zu Zeiten des Arbeitskräftemangels im wissenschaftlichen Dienst die Zahl der weiblichen Aushilfskräfte nicht anstieg.“85
Auch bei der Stadtbibliothek kam es zu Mitarbeiterentlassungen. Zum Zustand der Stadtbibliothek ist folgendes bezeichnend: „Die Gesamtnutzung … ging von … 1929/30 auf weniger als die Hälfte im Jahr 1937/38 zurück … Der tiefere Grund dürfte jedoch in den Auswirkungen der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik zu suchen sein. … Waren an der Universität im Sommersemester 1932 noch 4770 Studenten immatrikuliert, so sank ihre Zahl 1938 auf 1815 ab.“86
Keller war befaßt mit Konflikten unter städtischen Mitarbeitern in seinen Zuständigkeitsbereichen, bei denen durch Beteiligte auch versucht wurde, die NS-Herrschaft zu persönlichen Vorteilen auszunutzen: hierzu gehören Angriffe gegen Leo Frobenius mit dem Vorwurf einer falschen Gesinnung.87
Der NS-Einfluß auf Einrichtungen der Frankfurter Bürgergesellschaft gehört mit zu den Vorgängen aus der Zeit des „Dritten Reiches“. So beteiligte sich Keller „daran, daß ´Führerprinzip´ auch in die Museums-Gesellschaft einzuführen und die Organisationsstruktur nach nationalsozialistischen Prinzipien umzugestalten.“88
Bei Preisverleihungen kam es zu signifikanten Änderungen; die Zusammensetzungen der Jurys veränderten sich: Beispielsweise zogen in das Kuratorium zur Verleihung des Goethe-Preises die Minister Goebbels und Rust ein und bestimmten (maßgeblich) die Preisträger. Keller war in solche Abläufe mit einbezogen.89
2.6.3 „Arisierung“ von Kunstwerken und Büchern
Keller müßte gewußt haben, daß seit 1933 bestimmte Bilder nicht mehr im Städel hingen. Zu den folgenden Vorgängen der Beschlagnahme von Kunstwerken aus dem Städel-Museum hatte Keller detailliert Kenntnis: „Adolf Ziegler erschien erstmals am 7. Juli 1937 mit einer Kommission des Reichspropagandaministeriums im Städel. … In einem Aktenvermerk faßte Direktor Wolters diese erste Beschlagnahme im Juli 1937 zusammen: Die Kommission wählte die in den Listen aufgeführten Werke aus und befahl deren sofortigen Expressversand nach München zum Zweck der Aufnahme in die geplante Ausstellung ´Entartete Kunst´. … Alle … Werke waren seit 1933 abgehängt und befanden sich im Depot. Irgend welche noch in der Galerie ausgestellten Gemälde wurden von der Kommission nicht beanstandet. Ich berichtete über die ganze Angelegenheit noch am gleichen Vormittag … meiner vorgesetzten Dienststelle, dem städtischen Kulturamt … Ich habe dem Herrn Oberbürgermeister die Angelegenheit am 10. Juli vormittags in Anwesenheit von Herrn Stadtrat Dr. Keller vorgetragen. Der Herr Oberbürgermeister … ordnete die Versendung der Bilder … an.´“ Es handelte sich um „26 Gemälde“. „Direktor Wolters nannte diese Beschlagnahmung in einem Schreiben an das Kulturamt vom 15. November 1937 eine neuerliche schwere Verstümmelung und sehr merkbare Rangminderung der Sammlung“. „Akten des Magistrats ist zu entnehmen, daß einige Beschlagnahmungen für Hermann Göring … persönlich erfolgten“.90
Ende 1936 wirkte das Kulturamt mit an einer Vorlage des Oberbürgermeisters an die Gemeinderäte über die Bereitstellung von Mitteln für die Ankäufe der Museen. Die Stadt Frankfurt wollte Chancen nutzen aus Kunstverkäufen von Juden, die wegen der Nazi-Herrschaft auswanderten.91 Keller war anwesend, als Bürgermeister Linder in der Beratung erklärte: „Es ist Ihnen ja bekannt,
dass durch die Abwanderung der Juden jetzt wertvolle Kunstgegenstände zu erhalten sind.“92
Keller wird als zuständiger Stadtrat von Zwangsankäufen aus dem Kunstbesitz jüdischer Bürger
gewußt haben.93 Die Stadt Frankfurt nutzte über Jahre die Zwangslage von Verfolgten im In- und Ausland schamlos aus: In der zweiten Jahreshälfte 1938 wurde Freiherr von Goldschmidt-Rothschild gezwungen, seine Kunstsammlung von etwa 1.400 Gegenständen an die Stadt zu verkaufen.94 Das Museum für Kunsthandwerk, das Liebieghaus und das Städelsche Kunstinstitut erhielten Objekte aus der Sammlung.95 „Weitere Bereicherungsmöglichkeiten nutzte die Stadt vor allem für ihre Museen. In Kooperation von Bau- und Kulturamt … konnte Frankfurt nur wenige Wochen nach dem Pogrom die bedeutende Kunstsammlung … von Weinberg … in ihren Besitz bringen. … Nur wenige Wochen nach dem Novemberpogrom erörterten die Ratsherren außerplanmäßige Investitionen der Stadt von dreieinhalb Millionen für einen solchen Kunsterwerb. … Die reichsweit angeordnete Zwangsabgabe der Schmuck- und Edelmetallwaren von Juden im Frühjahr 1939 ließ den Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Graf Solms“ aktiv werden. Er „wies das Kulturamt auf die ´große Gefahr´“ einer „Zerstreuung oder gar der Verschrottung“ hin. So „wurde ein außerplanmäßiger städtischer Sonderfond zum ´Ankauf jüdischen Silbers´ von 25.000 Reichsmark geschaffen, der schon bald um weitere 20.000 Reichsmark erhöht wurde.“ Das Museum für Kunsthandwerk konnte Silber „für mehr als 32.000 Reichsmark“ erwerben. Richard Merton wurde nach der Pogromnacht verhaftet und für drei Wochen in das Konzentrationslager Buchenwald verbracht. Danach erwarb die Stadt mehrere Kunstwerke von ihm, darunter fünf Gemälde des 15. Jahrhunderts. „Am 4. März 1939 informierte das Kulturamt durch die Finanzverwaltung den Oberbürgermeister, dass für den Erwerb von Kunstwerken von Richard Merton 75.000 Reichsmark beantragt werden …: ´Der Kauf der Stadt ist als sehr günstig zu bezeichnen´“. Im Dezember 1940 waren zwei Frankfurter Museumsleute in Paris. Es ging um Kunstwerke von deutsch-jüdischen Flüchtlingen. „Diesen Forderungen folgend, gab die Stadt 60.000 Reichsmark für Ankäufe in Frankreich und je 20.000 Reichsmark für Belgien und die Niederlande frei.“ „In Frankfurt wurden kurz nach dieser Reise im April 1941 weitere 150.000 Reichsmark aus den Haushalten ´des Städelschen Kunstinstituts, der Städtischen Galerie sowie aus Zuwendungen von Stiftungen´ zur Verfügung gestellt, davon ein Drittel für Belgien. … Deswegen erhielt nun auch das städtische Völkerkundemuseum 30.000 Reichsmark zur Vermehrung seiner Bestände.“ Für das neugeschaffene Judaica-Bibliotheksinstitut stellte die Stadt „außerplanmäßige Mittel von 80.000 Reichsmark zu Verfügung“, da man 1940 in Paris viele Bücher beschlagnahmt hatte. (Von seiten der Stadt Frankfurt war man 1941/42 auch neugierig bezüglich französischer Staatsarchive.)96
Dagmar Stutzinger zieht das Fazit: „Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, … dass .. mit den Möglichkeiten, die die Okkupation Europas im Verlauf des Krieges brachte, bei den Museumswissenschaftlern eine Besitzgier erweckt wurde, die man befriedigte und die rechtliche und moralische Überlegungen außer Kraft setzte[;] … der Profit … war offensichtlich verlockend genug, um sich die NS-Ideologie zu eigen zu machen oder aus dem Bewusstsein zu verdrängen und moralische
Überlegungen hintanzusetzen.“97 Wenn man hingegen bedenkt, wie weit die Deutschen eine Revanche für die Niederlage im Ersten Weltkrieg wünschten und dies verbindet mit alten Siegfriedenszielen sowie einer Kosten-Nutzen-Überlegung, nämlich Tote gegen Beute, dann kann man davon ausgehen, daß erhebliche Teile der deutschen Eliten seit der Weimarer Republik einen erneuten Raubzug in Europa wünschten.98
Auch bei Versteigerungen von „´jüdische[m] Umzugsgut´“ durch die Gestapo wollte „die Stadtverwaltung zugreifen und stellte 50.000 Reichsmark zur Verfügung, denn ´aus dem früheren jüdischen Kunstbesitz´, der nun ´an den Mann gebracht wird, sind außerordentlich günstige Käufe zu tätigen´.“ „Im Oktober 1941 waren 389.000 Reichsmark bei Auslandserwerbungen für die Städtischen Museen verbraucht worden´“. „In den Jahren 1942 und 1943 konnten die Städtische Galerie und das Städelsche Kunstinstitut Gemälde aus dem Besitz deportierter oder emigrierter Juden … erwerben. Die Frankfurter Kulturinstitute trieben bald mit ´arisierten´ Objekten auch Handel.“ Es gibt Hinweise, wie Keller in Vorgänge dieser Art über eine formale Mitwirkung hinaus tiefer involviert war: So sprach er von einer Kulturpolitik im „ganzen europäischen Raum“. Und es „mußte der Kulturamtsleiter dem Oberbürgermeister berichten“; „im April 1942 … hoffte er, daß ´sich nunmehr gewisse Ankaufsmöglichkeiten bieten werden´.“ Und: „Die Tätigkeit Holzingers bei der ´Überprüfung des beschlagnahmten jüdischen Kunstbesitzes´ zugunsten der Stadt erfordere, so der Kulturdezernent im Frühjahr 1943, ´fast tägliche Besichtigungen und Verhandlungen beim Finanzamt, bei Gerichtsvollziehern und Versteigerern´.“99
Keller wird sehr wahrscheinlich informiert gewesen sein, wenn Professor Richard Oehler, der Leiter der Frankfurter Gesamtbibliotheken, durch Auftrag des Oberbürgermeisters vom 10. November 1938 Kulturgut der jüdischen Gemeinde „sicherstellen“ sollte.100 Am 10. November 1938 nahmen städtische Mitarbeiter wertvolle Gegenstände des Jüdischen Museums an sich und lagerten sie in städtischen Räumen, um sie, so ihre Aussage, vor einer Plünderung zu bewahren. Dieser Objekte bemächtigte sich einige Tage später die Gestapo. Es begann eine mehrjährige Auseinandersetzung mit der Gestapo, weil die Stadt ausgewählte Objekte für das Historische Museum kaufen wollte. Das Kulturamt unter Keller war für den hierbei engagierten Oberbürgermeister tätig; das Gezerre endete 1942 mit einem Kompromiß.101 Es war also ein Streit unter Vertretern des NS-Staates, die nicht rechtmäßige Eigentümer der Gegenstände waren.102
In Frankfurt wurde ein „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ eingerichtet.103 Zu den „Kulturbeiräten“ sagte Keller in einer Sitzung am 28. November 1940: „´Mit dem neuen Institut rückt Frankfurt in den Mittelpunkt der Forschungsarbeit zur Judenfrage. Frankfurt wird künftig der Ort sein, in dem die Sonderschulungen der Partei und grossen Fachtagungen abgehalten werden. Im Hinblick darauf, dass die Judenfrage jetzt in fast allen Ländern des europäischen Festlandes aufgerollt worden ist, hat die rascheste Auswertung der in Frankfurt zusammengebrachten Forschungsunterlagen grösste Bedeutung.´“104 Der Kulturdezernent war über sein Amt insbesondere bei der Ausstattung der Institutsbibliothek involviert. So wurden im Dezember 1940 bei einer Betriebsbesprechung die „eingetroffenen Bestände aus Frankreich“ erwähnt. Am 25. März 1942 erklärte Keller gegenüber den Gemeinderäten zu „Mehrausgaben für das Institut zur Erforschung der Judenfrage“: „Durch Sonderbefehl des Führers sind grosse Bücherbestände im besetzten Gebiet von Frankreich und Holland beschlagnahmt und nach Frankfurt am Main verbracht worden.“ 1942 und 1943 kam es zu weiteren massiven Einverleibungen, so die „Übernahme und Einordnung“ „von Büchersammlungen Frankfurter Juden, namentlich der Sammlung Horovitz“, (die „Übernahme und Aufstellung von 95.000 Büchern“ sowie die „Abholung von beschlagnahmten jüdischen Schriften“,) „die Übernahme von 33 Kisten beschlagnahmter Judenbücher aus dem Rheinland“, der „Eingang der Abt. Ostjudentum (rd. 3.000 Bde) aus Litzmannstadt“ sowie die „Übernahme von 27 Bücherkisten aus Riga“ und von weiteren Bücherkisten aus anderen Städten.105 Der NS-Oberbürgermeister erklärte diese Arisierungen zu Erfolgen in seiner Bilanz von 10 Jahren NS-Regierung in Frankfurt im März 1943 und verwies eigens auf „die grossen Kunstankäufe aus jüdischem Besitz“. Und er berichtete mit Ausblick auf die Zukunft: „Der Kunsthandel und die Kunstversteigerungen werden aufmerksam verfolgt. Es wird keine Gelegenheit versäumt, die Bestände zu mehren“.106
2.6.4 Zum Theater
