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28 Jahre lang war er als schwarzer Polizist auf den Straßen der USA im Einsatz. Er kennt sie alle: die Helden, die Mörder, die Rassisten, die Dealer, die korrupten Kollegen und die Opfer. Und er kennt die Zusammenhänge. In Schwarz Blau Blut erzählt Matthew Horace von einem System, das außer Kontrolle geraten ist – actionreich und informativ.
Ein Mann auf der Flucht, der mit acht Schüssen in den Rücken niedergestreckt wird, ein Obdachloser, den ein Streifenwagen erfasst, brennende Geschäfte in Ferguson, I can´t breathe, I can´t breathe … Solche Bilder aus den USA gehen mit erschreckender Regelmäßigkeit um die Welt, gefolgt von schockiertem Entsetzen. Doch die richtige Frage stellt im Anschluss niemand: Was verursacht die Gewalt? Schwarz Blau Blut gibt darauf eine Antwort. Ein heftiges Buch von der Front, von einem, der beide Seiten kennt. Für alle, die verstehen wollen, warum so viele schwarze Menschen unschuldig sterben.
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2019
Matthew Horace
mit Ron Harris
Schwarz Blau Blut
Ein Cop über Rassismus und Polizeigewalt in den USA
Aus dem amerikanischen Englisch von Volker Oldenburg
Suhrkamp
Im Gedenken an Delaware State Trooper Stephen Ballard und ATF Special Agent Gregory Holley, zwei stolze Schwarze in blauer Uniform.
Vorwort
1. DIE BEDROHUNG
Tony April
2. SCHWARZE IN BLAUER UNIFORM
Brian Mallory
3. WESSEN LEBEN ZÄHLT AM MEISTEN?
Kathleen O’Toole
4. DAS SYSTEM
5. DIE VERSCHWÖRUNG
6. DAS LÄSST SICH NICHT WIEDERGUTMACHEN
Crystal King-Smith
7. KRIMINALITÄTSKULTUR
8. KULTUR KONTRA STRATEGIE
Chris Magnus
9. MORD IN CHICAGO
10. DIE VERTUSCHUNG
11. SCHADENSBEGRENZUNG
12. WEGE IN DIE ZUKUNFT
Philip Banks
13. WENN DIE GESELLSCHAFT VERSAGT
Nachwort
Quellen
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin Cop. Ich stehe für das Gute und das Schlechte unseres ehrenwerten Berufs, den ich fast dreißig Jahre lang ausgeübt habe. Ich habe mit Cops Sport getrieben, gegessen, getrunken und gebetet. Mit ihnen gepicknickt, gefeiert und einen draufgemacht. Ich habe mit Cops geweint, und wenn einer von uns gestorben ist, ist ein Teil von mir mit ihm gestorben. Ich habe in jedem Bundesstaat und sogar auf Guam Verbrecher gejagt und die Bürger geschützt, in fast allen Bereichen der Strafverfolgung. Ich habe in meiner Karriere viele Posten bekleidet. Angefangen habe ich als Streifenpolizist in Arlington, Virginia, später wurde ich Special Agent beim Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms und übernahm dort schließlich verschiedene Führungspositionen. Beim ATF habe ich Spezialeinheiten und hochriskante Einsätze geleitet, Nachwuchs ausgebildet, landesweite Ermittlungen koordiniert und vieles mehr.
In meinem Herzen aber bin ich immer ein ganz normaler Cop geblieben, einer der vielen Hunderttausend Männer und Frauen, die geschworen haben, die Bürger unseres wunderbaren Landes zu schützen und der Gerechtigkeit zu dienen.
Ich bin der Cop, der auf Notrufe reagiert, bei häuslicher Gewalt einschreitet und Türen aufbricht, hinter denen möglicherweise Gefahr und Tod lauern. Dem bewusst ist, dass jeder »Routineeinsatz« sein letzter sein kann. Der vermisste Kinder aufspürt, Opfer von Verbrechen tröstet und tobende Liebhaber zur Vernunft bringt. Der auf einer spärlich beleuchteten Straße kaum erkennen kann, ob es sich bei dem Gegenstand in der Hand eines Verdächtigen um ein Handy oder eine Pistole handelt, und der im Bruchteil einer Sekunde entscheiden muss, ob der Autofahrer, der nervös ins Handschuhfach greift, die Fahrzeugpapiere oder eine Schusswaffe zückt.
Ich bin Officer Gabriel Figueroa und Officer Paul Abel aus Pittsburgh, die ein kleines Kind aus einem gefährlich schwankenden SUV retteten, der einen steilen Abhang hinabzustürzen drohte. Fahrer und Beifahrer saßen zusammengesackt auf dem Vordersitz, vollgepumpt mit Heroin.
Ich bin Officer Katrina Culbreath aus Dothan, Alabama, die mit einer achtzehnjährigen Mutter zum Einkaufen in den nächsten Supermarkt fuhr, nachdem die junge Frau sich vor Gericht des Diebstahls bekannt hatte, weil das Geld nicht reichte, um ihre siebzehn Monate alte Tochter zu ernähren.
Zu oft habe ich Haltung angenommen, wenn wir Abschied von einem getöteten Kameraden nahmen, und zu oft hat mir das traurige Klagen der Dudelsäcke die Tränen in die Augen getrieben.
Ich bin die beiden Officer, die im kalifornischen Palm Springs bei einem Einsatz wegen Hausfriedensbruchs erschossen wurden: Officer Jose Gilbert Vega (63), Vater von acht Kindern und kurz vor der Pension, und Lesley Zerebny (27), Mutter einer vier Monate alten Tochter, die gerade erst in den Dienst zurückgekehrt war.
Ich bin die fünf Officer aus Dallas, die bei einer Black-Lives-Matter-Demonstration gegen Polizeigewalt, auf der sie das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit schützen sollten, von einem psychisch kranken Sniper erschossen wurden – Brent Thompson, Patrick Zamarripa, Michael Krol, Lorne Ahrens und Michael Smith.
Aber ich bin auch ein »männlicher Schwarzer«, sprich, einer der zig Millionen afroamerikanischer Männer, die aufgrund von uralten Lügengeschichten und Vorurteilen von vornherein als verdächtig und gefährlich gelten. Wo wir auftauchen, halten Frauen instinktiv ihre Handtaschen fest, verriegeln Familien die Autotüren und melden Verkäufer bei der Polizei einen »verdächtigen Schwarzen«. Wir sind immer eine Bedrohung, tragen immer eine furchteinflößende Waffe. Diese Waffe ist unsere Haut. Wir können sie nicht ablegen.
Wie alle schwarzen Männer verspüre ich den Frust, die Kränkung, die Angst und die Wut darüber, dass ich in Gefahr bin, nur weil ich atme. Als schwarze Männer sind wir bei jeder Begegnung mit der Polizei auf der Hut, ob wir nun Manager, Kantinenangestellte, Computerfachleute, Lehrer, US-Senatoren, Leistungssportler, Architekten oder Cops sind.
Auch als Cop bin ich der schwarze Junge, dem von seinen besorgten Eltern eingeschärft wurde: Egal, wie absurd die Gründe sind, aus denen die Polizei dich anhält, und egal wie schlimm sie dich beleidigen und erniedrigen, füge dich, damit du lebend nach Hause kommst.
Ich bin der Filmemacher und Harvard-Professor Henry Louis Gates Jr., der in seinem eigenen Haus in Cambridge, Massachusetts verhaftet wurde, nachdem jemand bei der Polizei gemeldet hatte, ein »verdächtiger Schwarzer« sei in Gates’ Haus eingebrochen.
Ich bin Gregory Gunn, Sohn eines angesehenen Polizisten aus Montgomery, Alabama. Gunn hatte bis spät in die Nacht mit Freunden Karten gespielt. Auf dem Nachhauseweg wurde er von einem Streifenpolizisten angehalten, der ihn für »verdächtig« hielt. Gunn war unbewaffnet. Der Officer erschoss ihn.
Ich bin Tamir Rice, ein zwölfjähriger Junge, der in einem Park mit einer Spielzeugpistole Räuber und Gendarm spielte. Ein Verwandter hatte ihm das Spielzeug geschenkt. Jemand rief die Polizei, und Rice wurde zwei Sekunden nach Eintreffen des Streifenwagens erschossen.
Ich bin DeJuan Guillory, ein 27-jähriger Vater von drei Kindern und Sohn eines Ex-Polizisten. Er und seine Freundin waren mit seinem Geländewagen unterwegs, als sie von der Polizei angehalten wurden. Der Officer war von der Zentrale über ein gestohlenes Geländefahrzeug informiert worden und forderte die beiden auf, sich auszuweisen. Obwohl Guillorys Wagen nicht gestohlen war, erschoss ihn der Officer. Guillorys Freundin landete wegen versuchten Mordes an einem Gesetzeshüter vor Gericht.
Als hochrangiger afroamerikanischer Polizist habe ich im wahrsten Sinne auf beiden Seiten des Gewehrlaufs gestanden. Manchmal hatte ich schon den Finger am Abzug und war kurz davor, einen tödlichen Schuss abzugeben, andere Male richtete ein weißer Officer die Waffe auf mein Gesicht, und ich war dem Tode nahe.
In diesem Buch beleuchte ich das Thema Polizeigewalt von beiden Seiten. Dabei bin ich zu dem Schluss gelangt, dass die von Gesetzeshütern verübten Straftaten und die diskriminierenden Methoden innerhalb der Polizei oft, aber nicht nur auf Rassismus zurückzuführen sind.
Machen wir uns nichts vor: Niemand in unserer Gesellschaft – Schwarze, Weiße, Männer, Frauen, gebürtige und zugewanderte Amerikaner – ist frei von Vorurteilen, Stereotypen und Rassismus, und das gilt natürlich auch für die Polizei. Aber das Problem reicht viel tiefer. Die vielen Fälle von polizeilichem Fehlverhalten, unangemessenem Schusswaffengebrauch, Racial Profiling und »Polizeiirrtümern« weisen darauf hin, dass es nicht bloß um ein paar schwarze Schafe geht. Diese Vorfälle sind vielmehr Ausdruck eines systematischen Feindbilddenkens und einer Kultur der Missachtung gegenüber den Menschen, denen die Polizei von Berufs wegen dienen soll. Nicht selten wird diese feindselige Haltung von den zuständigen Politikern befördert, die diskriminierendes und gesetzeswidriges Vorgehen auf Polizeiseite nicht nur stillschweigend hinnehmen, sondern bisweilen sogar ausdrücklich gutheißen. Bestimmte Denk- und Verhaltensmuster, die in den meisten unserer Polizeibehörden fest verwurzelt sind, gefährden nicht nur die Bürger, sondern auch die Officer selbst.
Ein Großteil unserer Polizisten ist für die täglichen Anforderungen des Berufs unzulänglich ausgebildet. Obendrein schicken wir Polizisten ohne das nötige Rüstzeug in die Brennpunkte unseres ethnisch und sozial gespaltenen Landes. Folglich treffen sie Fehlentscheidungen. Sie jagen einen zu Unrecht Verdächtigten durch eine Seitenstraße, und am Ende gibt es Tote. Polizisten greifen unnötig zu Gewalt, anstatt ihren Verstand einzusetzen. Und so endet mancher Routineeinsatz in einer Tragödie.
Wir nehmen Männer und Frauen in den Polizeidienst auf, die dort nichts zu suchen haben. So mancher Kollege, mit dem ich gearbeitet habe, war eine tickende Zeitbombe, und alle wussten Bescheid. Dazu gibt es haufenweise Polizisten, die trotz zahlreicher Dienstvergehen von einer Strafverfolgungsbehörde zur nächsten ziehen.
Viel zu oft wird das Fehlverhalten von Polizisten aller Dienstgrade von einer Cop-Culture geduldet, die die Loyalität unter Polizisten über die Berufspflicht stellt, die Bevölkerung zu schützen und die so genannte »Blue Line«, die Grenze zwischen Gut und Böse, zu wahren. Officer fürchten sich davor, als Verräter geächtet zu werden, wenn sie einen Kollegen verpfeifen. Und das Schlimmste: Polizisten, deren Vergehen ans Licht kommen, werden so gut wie nie zur Rechenschaft gezogen.
Leider ist unser Bild von der Polizei derart von den Mythen in Filmen und Fernsehserien geprägt, dass wir dem Verhalten unserer Gesetzeshüter viel zu unkritisch gegenüberstehen. Selbst wenn eine Polizeibehörde miese Cops loswerden will oder sich ein Officer wegen des Todes einer Zivilperson vor Gericht verantworten muss, die Öffentlichkeit sucht die Schuld nur selten bei der Polizei, egal, wer das Opfer ist und wie brutal die Tat.
Als ich mit dem Schreiben dieses Buches begann, erzählte ich einem Freund und Ex-Abteilungsleiter beim New York City Police Department, dass ich die Gefahren, denen Polizisten bei der Arbeit ausgesetzt sind, auf keinen Fall herunterspielen wolle. Bei allem Verständnis für ihren Ärger und ihre Enttäuschung wolle ich Afroamerikanern und anderen begreiflich machen, wie schwierig dieser Job sein kann. Mein Freund sagte: »Das ist Schwarzen durchaus bewusst. Was sie nicht begreifen, ist, dass wir, die Polizei, nie etwas falsch machen. Sie verstehen einfach nicht, dass die Polizei immer unschuldig ist, wenn jemand erschossen wird. Dass Polizisten offenbar unfehlbar sind.«
Seit ein paar Jahren rückt die Black-Lives-Matter-Bewegung das Thema Rassismus in der Polizei in den Fokus des öffentlichen Interesses. Über die sozialen Medien macht Black Lives Matter hartnäckig auf Fälle aufmerksam, in denen schwarze Männer von der Polizei erschossen wurden. Mit ihren Protesten und Aktionen hat BLM Hunderttausende Menschen in ganz Amerika wachgerüttelt.
Entgegen allen Behauptungen ist Black Lives Matter nicht polizeifeindlich, so wie die Frauenbewegung nicht männerfeindlich ist und die Bürgerrechtsbewegung nicht weißenfeindlich war. Die Aktionen von Black Lives Matter haben in diversen Polizeibehörden zu Verbesserungen geführt. Die ersten setzen bereits auf Deeskalation und verwenden Body-Cams, um den Umgang ihrer Officer mit der Bevölkerung zu überwachen. Manche, wie das Cleveland Police Department, haben neue Einstellungstests entwickelt, um potenzielle Problemkandidaten gezielt auszusortieren. Andere haben die Ausbildung intensiviert und konzentrieren sich verstärkt darauf, Polizisten in der Bewältigung von Krisensituationen zu schulen, zum Beispiel im Umgang mit psychisch Kranken und Obdachlosen, zwei Personengruppen, die mittlerweile einen Großteil der Einsätze ausmachen.
Nur wenige sind bislang dem Beispiel des Seattle Police Department gefolgt, das seine Officer gezielt darin schult, sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Der Generalstaatsanwalt von New Jersey hat derweil verfügt, dass jede Polizeibehörde in seinem Bundesstaat ein Trainingsprogramm zu angemessener Gewaltanwendung und zum Abbau von Vorurteilen anbieten muss.
Den meisten Menschen ist klar, dass etwas im Argen ist, doch bei der Frage, was in unserem Land nicht stimmt, gehen die Meinungen weit auseinander. Eine Fülle von Studien belegt, dass weiße und schwarze Amerikaner das Problem völlig unterschiedlich bewerten. In Minnesota, Schauplatz von zwei der prominentesten Todesfälle schwarzer Männer durch Polizeigewalt, befürworten laut einer Umfrage neunzig Prozent der schwarzen Bevölkerung die Kampagnen von Black Lives Matter. Lediglich sechs Prozent ihrer weißen Mitbürger teilen diese Einstellung. Das muss man sich einmal bildlich vorstellen. Neunzig von hundert Schwarzen wandern auf die eine Seite des Raums, und nur sechs von hundert Weißen gehen mit. Alle anderen lehnen Black Lives Matter ab.
Umgekehrt hatten fast alle der weißen Befragten eine positive Einstellung gegenüber der Polizei; bei den Schwarzen war es hingegen nur jeder Vierte. Auch das muss man sich bildlich vorstellen: Achtundneunzig Weiße versammeln sich auf der einen Seite des Raums, und sechsundzwanzig Schwarze stellen sich dazu.
Das ist kein Unterschied. Das ist ein Abgrund.
Voreingenommenes Denken ist in unseren Polizeibehörden so verbreitet wie bei unseren Angehörigen, Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen. Wir alle haben eine verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Vor dreißig Jahren war der Begriff unbewusste Voreingenommenheit noch nicht Bestandteil unseres Wortschatzes. Folglich dachte ich nicht eine Sekunde darüber nach, als ich, damals noch ein blutiger Anfänger, ein Wohnhaus in Arlington, Virginia betrat. Man hatte mich zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt geschickt, und mein einziger Gedanke war, dass ich hoffentlich nicht auf den Täter schießen musste.
Laut Definition handelt es sich bei unbewusster Voreingenommenheit um die Denkmuster und Stereotype, die wir alle in unseren Köpfen haben. Sie bestimmen darüber, wie wir anderen Menschen gegenübertreten, und beeinflussen unwillkürlich unser Handeln und unsere Entscheidungen. Mit anderen Worten: Wir verinnerlichen die Haltungen und Blickweisen, die uns unsere Eltern, Freunde, Nachbarn und unsere Umwelt vermitteln. Das Gleiche geschieht mit den Bildern und Stereotypen, die wir in Film und Fernsehen, in Zeitschriften und anderen Medien sehen.
Voreingenommenes Denken ist nicht dasselbe wie Rassismus oder Sexismus. Rassismus und Sexismus beruhen auf bewussten Vorurteilen und der Überzeugung, dass die eigene Rasse oder das eigene Geschlecht überlegen sind. Unbewusste Voreingenommenheit äußert sich hingegen in Anschauungen und Erwartungshaltungen, die tief in unserem Unterbewusstsein verankert sind. Sie erklären zum Beispiel, warum große Männer fast immer gefragt werden, ob sie Basketball spielen, und warum Sie, wenn ich »Erdnussbutter« sage, höchstwahrscheinlich an »Marmelade« denken. Sie erklären, warum, so das Ergebnis zahlreicher Studien, europäische Schönheitsideale auch bei vielen Asiaten, Afroamerikanern und Latinos als Norm gelten. Dieselben Studien zeigen übrigens, dass die breite Masse der Amerikaner, unabhängig von der Hautfarbe, ein grundsätzlich positives Bild von Weißen hat. Bei Afroamerikanern und Latinos ist dieses zwar weniger stark ausgeprägt, doch insgesamt gesehen ist diese Haltung ein fester Bestandteil der amerikanischen Kultur. Unbewusste Voreingenommenheit erklärt, warum wir Reichtum und Macht vornehmlich mit weißen Männern verbinden. Leider erklärt sie auch, warum schwarze Männer von weiten Teilen der Bevölkerung als gefährlich wahrgenommen werden, sogar von vielen Afroamerikanern.
Wir alle denken unbewusst in Stereotypen. Das macht uns nicht automatisch zu schlechten Menschen, sondern einfach zu Menschen. Bei Leuten mit Dienstmarke, Waffe und der Macht zu töten aber kann voreingenommenes Denken dazu führen, dass jemand stirbt, der nicht hätte sterben dürfen.
An jenem Tag in Arlington wurde ich zum ersten Mal mit meiner eigenen Voreingenommenheit konfrontiert. Ich war bei einem Einsatz wegen Trunkenheit am Steuer, als ich über Funk die Anweisung erhielt, eine Kollegin von einer benachbarten Dienststelle zu unterstützen. Ich fuhr sofort los. Meine Partnerin weihte mich kurz in die Sachlage ein, dann gingen wir gemeinsam zum Haus. Da es sich um einen Fall von häuslicher Gewalt handelte, ging ich automatisch davon aus, dass uns eine in Tränen aufgelöste, unter Umständen sogar verletzte Frau die Tür öffnen würde.
Falsch gedacht.
Das Opfer war ein Mann von mittlerer Statur und Größe, vermutlich Latino. Leslie habe ihn geschlagen, sagte er und bat uns, Leslie aus der Wohnung zu schaffen. Ein Mann, der von einer Frau verprügelt wird? Meine Partnerin und ich fanden das reichlich bizarr. Aber ich dachte: Was soll’s. Mit einer Frau wird man viel leichter fertig als mit einem aggressiven, möglicherweise betrunkenen Kerl. Es war früher Abend gewesen, als ich zu dem Einsatz geschickt wurde. Jetzt war es schon fast dunkel. Auf dem Weg nach oben in die Wohnung vereinbarte ich mit meiner Partnerin, dass sie das Kommando übernehmen und es mit einem Gespräch von Frau zu Frau versuchen würde.
Wieder falsch gedacht.
Als wir in die Wohnung kamen, saß Leslie auf dem Sofa. Leslie war ein Mann, groß, schwarz und breit wie ein Fernsehsessel. Ein echtes Schwergewicht. Leichte Besorgnis regte sich in mir. Ich bin eins achtundachtzig, und damals wog ich durchtrainierte hundertzwanzig Kilo. Trotzdem ging ich im Geiste die Schritte für solche Situationen durch, nur für den Fall, dass Leslie Widerstand leistete. Doch er war höflich. Er entschuldigte sich für den Krawall und dafür, dass wir seinetwegen hatten kommen müssen. Das Gespräch war freundlich, und alles lief gut, bis wir die Sache ansprachen, die Leslie natürlich nicht hören wollte.
»Sir, Ihr Mitbewohner will, dass Sie die Wohnung verlassen«, sagte meine Partnerin. »Stehen Sie bitte auf und begleiten Sie uns nach unten.« Dass wir das Wort Mitbewohner verwendeten, war ein weiteres Zeichen für unsere damalige Voreingenommenheit. Bei einem heterosexuellen Paar hätten wir mit Sicherheit Freund oder Freundin gesagt.
»Ich will nicht gehen«, sagte Leslie. »Ich wohne hier.«
Er war erregt, aber nicht bedrohlich.
»Sie müssen aus der Wohnung raus«, sagte meine Partnerin. »Bitte begleiten Sie uns nach unten, dann finden wir ganz sicher eine Lösung.«
Wir mussten Leslie unbedingt aus der Wohnung bekommen, denn auf dem engen Raum wäre es immens schwierig gewesen, mit einem so großen, schweren Mann fertigzuwerden. Er wiederholte, dass er bleiben wolle, und weigerte sich aufzustehen. Meine Partnerin forderte ihn erneut zum Gehen auf. Dieselbe Reaktion. So ging es eine Weile hin und her. Wir forderten ihn auf, uns zu begleiten, er weigerte sich und wiederholte, wie sehr er seinen Partner liebe. Das war nicht gut. Wenn sich ein Verdächtiger unseren Anweisungen widersetzt, müssen wir zu härteren Mitteln greifen. Wir waren kurz davor, Gewalt anzuwenden, und das ist immer gefährlich. Doch dann folgte Leslie plötzlich unserer Bitte. Er stand vom Sofa auf, und ab da wurde es brenzlig.
***
Ehrlich gesagt wollte ich nie Cop werden. 1986 fing ich beim Arlington County Police Department in Virginia an. Das war kurz nach Abschluss meines Studiums an der Delaware State University, die zu den Historischen afroamerikanischen Colleges und Hochschulen gehört. In meinem letzten Studienjahr kamen ein paar Personaler von der Polizei in Virginia an die Uni und warben mich an. Die Leute waren nett, und der Job klang nicht schlecht, aber ich sagte nicht sofort zu. Ich wollte zuerst mein eigentliches Ziel verfolgen.
Mein Plan war, Offensive-Line-Spieler in der National Football League zu werden. Ich spielte Left Guard und Right Guard und wurde hin und wieder auch als Tackle eingesetzt. Ich war schwer, und ich war schnell. Die Leute fanden mich richtig gut, und das fand ich auch. Nachdem ich eine Saison lang in der Mid-Eastern Athletic Conference gespielt hatte, dachte ich, ich versuche es mal mit der NFL. Meine Träume bekamen jedoch einen herben Dämpfer, als die New York Giants mich im Sommer nach dem Studium beim Probetraining ausmusterten.
Ich hatte es genauso angehen wollen wie all die anderen, die heiß auf eine Karriere in der NFL sind. Man verbringt ein Jahr lang mit Essen, Gewichtestemmen und Lauftraining, um Masse, Kraft und Schnelligkeit aufzubauen. Nebenbei arbeitet man als Türsteher bei Clubs und Konzerten, damit man bis zum nächsten Trainingslager über die Runden kommt. Manche haben Erfolg, andere quälen sich fünf Jahre, bis sie endlich einsehen, dass sie einfach nicht gut genug sind. Ich zog ernsthaft in Betracht, es zu wagen, aber mein Vater, ein Elektriker, und meine Mutter, eine Sekretärin, nahmen mich auf die Seite und sagten, es sei an der Zeit, der Realität ins Auge zu blicken und mir einen anständigen Beruf zu suchen. Das Angebot vom Arlington County Police Department stand noch und klang von Tag zu Tag besser. Und so nahm ich an.
Die Polizei in Arlington zählte damals zu den wenigen zertifizierten Polizeibehörden in den USA. Sie war also etwas Besonderes. Eine Voraussetzung für die Zertifizierung ist, dass alle Officer ein abgeschlossenes Studium vorweisen müssen. Das gefiel mir. Das klang professionell und hieß, dass sich dort nicht so viele Leute herumtreiben würden, die nur Räuber und Gendarm spielen wollten. Außerdem war Arlington County sehr wohlhabend, deutlich wohlhabender jedenfalls als die Gegend, in der ich aufgewachsen war. Das Medianeinkommen in Arlington ist fast doppelt so hoch wie im gesamten Rest der USA. Folglich zahlte die dortige Polizeibehörde die besten Gehälter im Umland von Washington, D. C. Man verdiente dort sogar mehr als in der Hauptstadt. Das machte den Job umso reizvoller für mich.
***
Dieser kleine Exkurs soll veranschaulichen, warum ich mich in einer Situation befand, in der ich möglicherweise auf einen Menschen schießen musste.
Schon im Sitzen hatte ich Leslie als groß und schwer eingeschätzt, aber jetzt stand ein über zwei Meter großer, mindestens hundertfünfzig Kilo schwerer Koloss vor mir. Ich hielt mich für ziemlich kräftig, aber neben ihm kam ich mir vor wie ein Hänfling. Für meine Partnerin und mich war das ein extrem heikler Moment. Wir mussten damit rechnen, dass er auf uns losging oder noch Schlimmeres geschah. Das Einzige, womit ich ihn zurückhalten und mich und meine Partnerin schützen konnte, war meine Dienstwaffe. 1986 waren Taser noch nicht so verbreitet wie heute. Um zu verhindern, dass die Situation eskalierte, nahmen wir unsere Anweisung von eben zurück.
»Sir, würden Sie sich bitte wieder hinsetzen?«, sagte ich.
Leslie sah mich irritiert an. »Ich will mich aber nicht setzen. Sie hat gesagt, ich soll aufstehen, und das habe ich gemacht.«
Da stand also dieser riesenhafte, potenziell gewalttätige Kerl vor uns und weigerte sich, unsere Anweisung zu befolgen. Das war nicht gut, und Leslie machte alles noch schlimmer. Er sagte, er müsse nach unten zu seinem Freund. Das durften wir natürlich nicht zulassen. Der Mann stand im Verdacht, seinen Partner misshandelt zu haben, und wir würden ihn ganz sicher nicht in die Nähe des mutmaßlichen Opfers lassen. Also forderten wir ihn erneut auf, sich wieder hinzusetzen. Er hörte nicht auf uns. Wir versuchten es noch einmal. Er weigerte sich, und das tat er auch bei der nächsten Aufforderung.
Uns war klar, dass es uns aufgrund seiner Körpermasse kaum gelingen würde, ihn ohne Verstärkung festzunehmen. Ich hatte mich bereits mit dem Gedanken abgefunden, dass wir, wenn Leslie weiter Widerstand leistete, möglicherweise von der Schusswaffe Gebrauch machen mussten. Wir standen vor einer schwierigen Entscheidung. Wenn wir versuchten, diesen Riesen von einem Mann rein physisch zu überwältigen, drohten uns ernsthafte Verletzungen. Der Griff zur Waffe wäre also durchaus vertretbar gewesen, und wenn wir Leslie im Handgemenge erschossen hätten, wären wir vermutlich damit durchgekommen.
»Ich hatte Angst um mein Leben«, hätte ich zu meiner Verteidigung angeführt, und das wäre durchaus plausibel, wenn auch nicht völlig korrekt gewesen. Die Vorgesetzten wollen diesen Satz von dir hören, wenn etwas schiefgelaufen ist. Man lernt ihn schon auf der Polizeischule, und jeder Officer betet ihn mantrenhaft herunter, wenn er auf einen Menschen geschossen hat. Wer soll schon beweisen, dass du keine Angst um dein Leben hattest, selbst wenn sie auf dein eigenes Fehlverhalten zurückzuführen ist?
Hier ist eine wahre Geschichte als Beispiel. An einem Winternachmittag in New York beobachtete ein Officer, wie ein achtzehnjähriger Schwarzer einen Laden verließ. Der Jugendliche habe etwas im Hosenbund stecken, meldete der Officer über Funk, vermutlich eine Waffe. Später stellte sich heraus, dass der Jugendliche unbewaffnet war. Eine Streife nahm die Verfolgung auf und forderte ihn auf stehenzubleiben. Die Polizisten sagten später aus, der Junge habe daraufhin die Flucht ergriffen und sei in das Haus gerannt, in dem er wohnte. Bilder einer Überwachungskamera zeigen jedoch, dass der Junge gemütlich auf das Haus zuging, als hätte er den Befehl gar nicht gehört. Die Polizisten versuchten, sich Zugang zum Haus zu verschaffen. Ich betone, dass es sich hier um einen Jugendlichen handelte und dass keinesfalls gesichert war, dass er eine Waffe bei sich trug. Dennoch versuchte die Polizei die Haustür einzutreten.
Als das nicht gelang, gingen zwei Officer zum Hintereingang. Ein Mieter aus dem Erdgeschoss ließ sie ins Haus, und die Officer fanden heraus, dass der Junge bei seiner Großmutter wohnte. Die Frau ließ sie herein. Als der Junge die Polizisten sah, rannte er ins Badezimmer und versuchte ein Tütchen Marihuana im Klo runterzuspülen. Als er sich umdrehte, schoss ihm ein Cop in die Brust. »Ich hatte Angst um mein Leben«, gab er später zu Protokoll. Niemand hatte ernsthafte Zweifel an dieser Aussage. Wer hätte auch das Gegenteil behaupten können? Aber hier kommt die andere Seite: Der Officer hatte die Situation selbst geschaffen, die dazu führte, dass er aus Angst um sein Leben einen Menschen erschoss. Es bestand kein Anlass, die Tür eines Mietshauses einzutreten und den Jungen bis in die Wohnung zu verfolgen. Der Junge hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Und warum ging der Officer überhaupt ins Badezimmer? Der Verdächtige saß in der Falle und konnte nicht entkommen. Warum also wartete er nicht draußen? Was, wenn der Junge tatsächlich bewaffnet gewesen wäre und nur auf diesen Moment gewartet hätte? Eine Schießerei in der engen Wohnung hätte nicht nur den Cop das Leben kosten können, sondern auch die Großmutter. Jetzt war ein unbewaffneter Jugendlicher tot, eine Familie trauerte, und dem Schützen drohte ein Disziplinarverfahren oder sogar ein Prozess und der Verlust seines Jobs. Und wofür das alles? Ein Tütchen Marihuana?
Meine Partnerin und ich wollten auf keinen Fall denselben dummen Fehler begehen. Wir saßen also in der Zwickmühle. Wir wollten um jeden Preis verhindern, dass die Situation außer Kontrolle geriet. Und wir wollten nicht wegen eines Streits unter Liebenden auf einen Unbewaffneten schießen. Der Mann, der uns gerufen hatte, wollte ganz sicher, dass sein Freund am Leben blieb. Trotzdem standen wir kurz davor, Gewalt anzuwenden.
Wir machten uns bereit. Meine Partnerin ging unauffällig in Kampfpositur und stellte sich breitbeinig hin. Leslie sah uns niedergeschlagen und durcheinander an. Und dann, kurz bevor wir uns genötigt sahen, härter durchzugreifen, fing er an zu weinen. Tränen liefen ihm über die Wangen, er verbarg das Gesicht in den Händen und setzte sich hin. Ich stieß einen stillen Seufzer der Erleichterung aus, und meine Anspannung löste sich. Schließlich konnten wir Leslie überreden, die Wohnung aus freien Stücken zu verlassen, und als wir unten waren, ließ er sich widerstandslos festnehmen.
Das Entscheidende an dieser Geschichte ist: Leslie war groß, und er war schwarz, aber machte ihn das zu einem schlechten Menschen? Ich bin auch groß und schwarz. Bin ich deshalb kriminell? Ich stelle diese Frage, weil ein Polizist am 17. September 2016 in Tulsa, Oklahoma dieses Wort verwendete, um Terrence Crutcher, einen unbewaffneten Afroamerikaner und Vater von vier Kindern, zu beschreiben, nur Sekunden, bevor eine Kollegin ihn mit ihrer Dienstwaffe erschoss. Die Videoaufnahmen des Vorfalls wurden von Millionen von Menschen auf der ganzen Welt gesehen.
Crutcher war mitten auf der 36th Street aus dem Wagen ausgestiegen. Kurz nach neunzehn Uhr gingen bei der Polizei zwei Anrufe wegen eines verlassenen Fahrzeugs ein. Der erste Anrufer sagte: »Jemand hat seinen Wagen auf der Straße stehen lassen. Der Motor läuft, und alle Türen sind offen. Es ist ein SUV. Er steht mitten auf der Fahrbahn und blockiert den Verkehr. Ein Mann lief von dem Wagen weg und rief, er würde gleich in die Luft fliegen. Ich glaube, er hat was geraucht. Ich bin ausgestiegen und habe gefragt, ob er Hilfe braucht. Er sagte: ›Kommen Sie, kommen Sie, ich glaube, er explodiert.‹«
Der andere Anrufer sagte: »Da steht ein Wagen, sieht aus, als wäre jemand rausgesprungen und einfach weggegangen. An der Kreuzung 36th Street und Lewis Avenue. Er steht mitten auf der Fahrbahn. Es ist niemand drin.«
Die Polizei war also informiert, dass ein leeres Fahrzeug den Verkehr behinderte und dass sich ein möglicherweise psychisch verwirrter, zugedröhnter oder betrunkener Mann in der Nähe aufhielt. Die beiden Anrufer hatten jedoch weder gesagt, dass der Mann bewaffnet war, noch dass er irgendjemanden bedroht hatte.
Officer Betty Shelby traf als Erste am Einsatzort ein. Crutcher stand neben seinem Fahrzeug auf der Straße. Shelby forderte Verstärkung an, dann stieg sie aus dem Wagen und zog unverzüglich ihre Dienstwaffe. Sie sprach Crutcher an und erteilte ihm verschiedene Befehle. Unter anderem forderte sie ihn auf, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Er befolgte ihre Anweisungen, sagte jedoch kein Wort. Schließlich bewegte Crutcher sich mit erhobenen Händen langsam auf sein Fahrzeug zu. Mittlerweile waren mindestens vier weitere Cops zugegen, und ein Polizeihubschrauber kreiste über der 36th Street. Shelby und ein Kollege folgten Crutcher zum Wagen, sie mit vorgehaltener Waffe, er mit einem Taser. Shelby war der einzige Officer mit gezogener Schusswaffe vor Ort.
Die Officer im Hubschrauber, darunter Shelbys Ehemann, filmten den Vorfall. Die Anspannung war groß, und einer der Hubschraubercops schätzte die Lage folgendermaßen ein: »Der Typ sieht kriminell aus.« Zwei Sekunden später feuerte Shelby einen tödlichen Schuss auf Crutcher ab. Er war unbewaffnet, und auch im Fahrzeug wurde keine Waffe gefunden. Als ich mir die Videoaufnahmen sah, ging mir die Bemerkung des Cops nicht mehr aus dem Kopf, und ich begann, die Ereignisse zu hinterfragen.
Was hatte den Polizisten zu dem Schluss veranlasst, der 40-jährige Crutcher sei »kriminell«? Er war diesem Mann noch nie begegnet. Folglich gab es keinerlei Indizien, auf die er seine Behauptung stützen konnte. Hätte er sich die Mühe gemacht, das Nummernschild zu überprüfen, hätte er festgestellt, dass der Wagen nicht als gestohlen gemeldet war. Gleichfalls hätte er festgestellt, dass der SUV auf Terence Crutchers Namen zugelassen war und dass kein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Dazu kam, dass Crutcher weder die beiden Anrufer noch die Officer verbal oder körperlich bedroht hatte. Crutcher trug weder sichtbare Gefängnis- oder Gang-Tattoos noch andere Zeichen, die darauf hindeuteten, er könnte gefährlich sein. Er trug keine Bikerkluft oder andere gewaltverherrlichende Kleidung. Was also machte ihn zum »Kriminellen«?
Für den Officer im Hubschrauber besaß Crutcher ein verdächtiges Merkmal. Er war ein »männlicher Schwarzer«. Crutcher musste wie so viele seiner schwarzen Geschlechtsgenossen sterben, weil zu viele Amerikaner einen afroamerikanischen Mann als leibhaftige Bedrohung sehen. Man schreibt uns einen schlechten Charakter und niedere Beweggründe zu. Folglich werden wir Straftaten verdächtigt, eingesperrt oder einfach abgeknallt.
Im anschließenden Prozess sagte Shelby aus, sie habe Crutcher erschossen, weil sie Angst um ihr Leben gehabt hätte. Da ist er wieder, der Standardsatz. »Ich dachte, er würde mich töten«, sagte sie vor Gericht. Wie kam sie zu diesem Schluss? Aus welchem Grund hätte Crutcher ihr etwas antun sollen? Er war weder aus der Haft geflohen, noch wurde nach ihm gefahndet. Er versuchte weder wegzulaufen, noch sich der Festnahme zu entziehen. Auch gab es keinerlei Anzeichen, dass er bewaffnet war. Er machte keine aggressiven Drohgebärden. Wenn jemand Grund gehabt hätte, um sein Leben zu fürchten, dann Crutcher selbst. Shelby hielt die Pistole auf ihn gerichtet. Er war von bewaffneten Polizisten umgeben. Warum also sollte Crutcher es auf Shelbys Leben abgesehen haben? Das erscheint ziemlich unglaubwürdig.
Was also ist schiefgelaufen? Sehen wir uns die Tötung Crutchers aus polizeilicher Sicht an. Jede Konfrontation mit einem Bürger soll dazu führen, dass der Bürger kooperiert, ohne dass dabei sein Leben oder das Leben des Polizisten in Gefahr gerät. In meiner Zeit als ATF-Agent und als Ausbilder im Federal Law Enforcement Training Center in Brunswick, Georgia habe ich Hunderten von Polizisten beigebracht, wie man sich in solchen Situationen verhält. Bei jedem Einsatz sollen sie einem festen Programm zur angemessenen Gewaltanwendung folgen. Das Programm besteht aus fünf Schritten. Der erste Schritt heißt: souveränes Auftreten. Das ist sozusagen die wichtigste Maßnahme, wenn ein Officer einem Bürger gegenübertritt. Manchmal sagen wir auch, der Officer muss sich Präsenz verschaffen. Wenn Polizisten souverän auftreten, ist die Anwendung von Gewalt in den meisten Fällen überflüssig. Ein souveräner Officer verhält sich professionell, aber nicht bedrohlich. Seine Souveränität soll sich in seinem Blick, in der Uniform, in Mimik und Körpersprache und sogar in seinem Gang widerspiegeln. Er oder sie soll Selbstbewusstsein, aber keine Arroganz ausstrahlen. Sie müssen dem anderen vermitteln, dass Sie sich selbst im Griff haben und jeder Situation gewachsen sind. Sie können freundlich und zugewandt sein, dürfen aber nie den Eindruck erwecken, dass Sie jemand sind, der die Kontrolle abgibt.
Der zweite Schritt heißt: Kontaktaufnahme. Das betrifft die Kommunikation mit der anderen Person. Ein Officer soll klare, präzise Anweisungen geben, die nicht als bedrohlich empfunden werden. Wenn Sie kein souveränes Auftreten haben, misslingt in der Regel auch die Kommunikation. Die Jungs an der Straßenecke oder das streitende Paar haben Sie schon als überheblich oder inkompetent abgeschrieben. Das heißt, sie hören nicht mehr auf Sie. Eben darum ist es so wichtig, Souveränität auszustrahlen. Wenn Sie mit Leuten reden, sollte Ihr Ton höflich, aber bestimmt sein. Ihr Gegenüber muss begreifen, dass Sie es ernst meinen. »Guten Morgen. Ich bin Officer Matthew Horace. Wir wurden um Hilfe gerufen. Können Sie mir sagen, was passiert ist? Sir, treten Sie zehn Schritte zurück und warten Sie. Miss, gehen Sie bitte dort rüber. Meine Kollegin wird sich mit Ihnen unterhalten.« Manchmal müssen Sie kurze Befehle erteilen oder die Stimme erheben. Leider fangen manche Cops sofort nach Eintreffen am Einsatzort an, die Anwesenden respektlos anzuherrschen und Opfer wie Tatverdächtige zu behandeln. Afroamerikaner und Latinos können ein Lied davon singen.
Wenn Worte nicht ausreichen, um eine aggressive Person zu beruhigen, greifen wir zum nächsten Schritt: Kontrolle mit leeren Händen. Dabei setzen Sie Ihren Körper ein, um den Störer unter Kontrolle zu bringen. Sie können ihm zum Beispiel die Hand auf den Rücken legen und ihn mit der anderen am Arm packen. Diese Maßnahme ist sinnvoll, wenn Sie die Person woanders hinbringen oder sie in eine Körperhaltung zwingen wollen, in der sie weder Ihnen noch sich selbst Schaden zufügen kann.
Leistet die Person Widerstand, gehen wir zum nächsten Schritt über. Wir setzen »milde Zwangsmittel« ein, eine Maßnahme, die sich auf Videoaufnahmen nicht besonders gut ausnimmt. Milde Zwangsmittel sind zum Beispiel Schläge und Tritte. Auch Schlagstöcke, Pfefferspray oder Taser können eingesetzt werden, um die Person unter Kontrolle zu bringen. Bei Einsätzen von SWAT-Teams und anderen taktischen Spezialeinheiten arbeiten wir manchmal mit Bean Bags. Diese Geschosse sind nicht tödlich, aber die getroffene Person geht zu Boden. Ich habe oft milde Zwangsmittel eingesetzt. Das sieht schlimm aus, aber es stirbt niemand. Die berüchtigte Prügelattacke auf Rodney King 1992 in Los Angeles, die zu den schwersten Unruhen in der amerikanischen Geschichte führte, war entsetzlich anzusehen. Sie war brutal, hemmungslos und kriminell, doch King überlebte.
Im Fall Crutcher verzichtete Betty Shelby auf mittlere Zwangsmittel und ging von der Kontaktaufnahme direkt zum letzten Schritt über, der Crutcher das Leben kostete: Sie machte Gebrauch von ihrer Schusswaffe. Es wurden zwar auch Taser eingesetzt, aber der tödliche Schuss fiel beinahe gleichzeitig. Angesichts der vielen Officer vor Ort wäre es ein Leichtes gewesen, sich auf Crutcher zu stürzen und ihn zu überwältigen. Aber das geschah nicht. Hätten sie befürchtet, Crutcher könnte eine Waffe im Wagen haben, hätten sie sich zurückziehen und aus sicherer Entfernung auf ihn schießen können, sobald er ins Fahrzeug griff. Aber auch das geschah nicht. Noch mal zur Erinnerung: Es gab keinerlei Anzeichen, dass Crutcher bewaffnet oder gewalttätig war.
Kein Einsatz verläuft so simpel wie in meiner Lehrbuchanalyse. Manchmal dauern solche Situationen eine halbe Stunde oder länger, und der Officer kann in Ruhe die einzelnen Schritte durchgehen. Ein andermal geht alles rasend schnell. Ich habe es selbst erlebt. Du willst den anderen nur mit den Händen führen, doch er wehrt sich. Also greifst du etwas härter durch. Du packst ihn fest an, und bumm verpasst er dir eine. Jetzt musst du vielleicht den Schlagstock einsetzen und ihn mit einem gezielten Hieb auf Oberschenkel- oder Oberarmarterie außer Gefecht setzen, oder du bringst ihn mit einem Tritt in die Kniekehle zu Fall.
Aber das alles sind nur taktische Maßnahmen. Das eigentliche Problem besteht darin, dass die Polizei afroamerikanische Männer und bis zu einem gewissen Grad auch afroamerikanische Frauen von vorneherein als gefährlich einstuft. Das zeigt sich bereits im Sprachgebrauch, wenn im Polizeifunk die Durchsage »Verdächtiger männlicher Schwarzer« kommt. Ich habe diese drei Wörter in den vielen Jahren im Polizeidienst allzu oft gehört, und immer klang es, als wäre das erste die logische Konsequenz der anderen beiden.
In meiner Zeit als Cop in Virginia wurde ich oft losgeschickt, weil jemand einen »verdächtigten männlichen Schwarzen« gemeldet hatte. »Was tut er?«, lautete meine Standardreaktion, eine simple Frage, die nichts anderes bedeutet als »Was macht ihn verdächtig, außer dass er schwarz ist?«. Statt sarkastische Kommentare abzugeben, tippten meine überwiegend weißen Kollegen meistens nur genervt aufs Funkgerät. Manchmal meldete sich auch ein Vorgesetzter, der sichergehen wollte, dass ich mich um die Sache kümmerte. In den meisten Fällen handelte es sich einfach um einen Schwarzen, der auf den Bus wartete; sein einziges Vergehen war, dass er sich im »falschen« Viertel aufhielt. Einmal ging es um einen Schwarzen, der Handzettel verteilte. Ein anderes Mal hatten sich ein Jugendlicher und seine Freundin tagsüber zu einem heimlichen Date verabredet. Alles völlig harmlose Dinge. Natürlich müssen wir »verdächtigen« Personen nachgehen. Wir sollten uns aber fragen, warum sie verdächtig sind.
Einmal wurde ich zum Beispiel losgeschickt, weil jemand einen »verdächtigen männlichen Weißen« gemeldet hatte. Die Funkmeldung lautete: »Verdächtiger männlicher Weiße, barfuß, ohne Hemd, dunkelblond.« Er war nicht verdächtig, weil er weiß und ein Mann war, sondern weil er mitten im Dezember halbnackt auf der Straße herumlief. Das ließ vermuten, dass er auf PCP war, denn PCP-Konsumenten leiden unter Hitzewallungen.
Ich sprach den Mann an und sagte, ich müsse mit ihm reden. Seine Antwort war: »Verpiss dich, Nigger.« Ich forderte sofort Verstärkung an, weil PCP-Süchtige im Rausch ungeahnte Körperkräfte entwickeln.
Wenn wir schwarzen Menschen grundsätzlich mit Furcht und Voreingenommenheit begegnen, werden sie immer verdächtig sein. Sogar bei den Einsätzen, die ich als ATF-Ermittler leitete, kam es vor, dass ein Officer auf mich zutrat und sagte, Nachbarn hätten ein »verdächtiges« Fahrzeug gemeldet, was nichts anderes hieß, als dass ein Schwarzer am Steuer saß. Einmal war auch ich dieser Mann im verdächtigen Fahrzeug.
Als ich 2002 meine Stelle als Assistant Special Agent in Seattle, Washington antrat, zog ich nach Mill Creek. Die gepflegte Plansiedlung mit rund tausend Häusern war um einen Golfplatz herum angelegt. Meine Abteilung hatte dort 103 Wohnungen für ihre Angestellten angemietet. Nur zwei waren Afroamerikaner. Im ganzen Ort lebten höchstens sechs schwarze Männer.
Gut ein Jahr nach dem Einzug fuhr ich mit meinem relativ neuen Mercedes durch den Ort, als ich hinter mir plötzlich Blaulicht sah. Ich war erstaunt, denn Mill Creek ist so angelegt, dass man dort unmöglich zu schnell fahren kann. Entsprechend groß war meine Besorgnis. Warum wurde ich vom Deputy Sheriff angehalten? Der Officer verlangte Führerschein und Zulassung. Ich gab ihm die Papiere und erkundigte mich, was ich falsch gemacht hätte.
Als ich ihm meine ATF-Dienstmarke zeigte, sagte er, er habe meinen Wagen hier noch nie gesehen. Ich dachte: Soll das heißen, er kennt jedes Auto und jeden Bewohner im Ort? Warum hatte er nicht einfach mein Kennzeichen überprüft? Dann hätte er gewusst, dass ich in Mill Creek wohnte und dass der Wagen auf meinen Namen zugelassen war. Aber nehmen wir rein hypothetisch an, ich wäre von außerhalb gewesen. Nehmen wir an, ich hätte mich in Mill Creek aufgehalten, um Freunde zu besuchen, die schönen Häuser zu bewundern oder mich einfach ein bisschen umzusehen, weil ich mit dem Gedanken spielte, nach Mill Creek zu ziehen. All das macht einen Menschen nicht »verdächtig« und ist kein Grund, ihn anzuhalten. Und mal ganz ehrlich, welche Straftat soll ein Mann mit einem ziemlich neuen Mercedes in einem Ort wie Mill Creek schon im Schilde führen? Einbruch? Raubüberfall? Jemanden aus dem fahrenden Auto erschießen? Mein Auto war mehr wert als alles, was ich dort hätte stehlen können. Welchen vernünftigen Grund konnte er also für die Kontrolle anführen?
Keinen.
Nach dem Vorfall vereinbarte ich einen Termin mit einem Commander der Polizei von Snohomish County. Ich teilte ihm mit, für wen ich arbeitete und was passiert war. Dann gab ich ihm Fabrikat und Kennzeichen meines Privatwagens, des Wagens meiner Frau und meines zivilen Einsatzfahrzeugs und erklärte ihm, dass ich nie wieder von einem Officer seiner Behörde angehalten werden wolle, es sei denn, ich würde gegen das Gesetz verstoßen. Und tatsächlich wurde ich danach nie wieder kontrolliert.
Von meinen weißen Freunden und Kollegen habe ich noch nie solche Geschichten gehört. Und warum nicht? Weil bei afroamerikanischen Männern andere Maßstäbe gelten und unser Handeln anders ausgelegt wird als bei unseren weißen Geschlechtsgenossen.
Vor nicht allzu langer Zeit besuchte ich in meinem Wohnviertel am Rand von Pennsylvania einen Baumarkt. Vor mir an der Kasse stand ein Weißer mit einer Waffe im Holster. Er war glatt rasiert und trug Khakihosen und ein gebügeltes Polohemd. Ich hielt ihn für einen Polizisten. Niemand reagierte beunruhigt oder bekam es mit der Angst zu tun, und ich dachte: Vielleicht ist er wirklich ein Cop, aber woher wissen das die anderen Leute im Baummarkt? Die Angestellten kannten ihn vielleicht, aber bestimmt nicht alle Kunden.
Hier ist die andere Seite. In den achtundzwanzig Jahren, in denen ich eine Schusswaffe trug, weil das zu meinem Beruf gehörte, bin ich nicht einmal mit offen sichtbarer Pistole in einen Laden oder in ein Restaurant gegangen. Zig schwarze Gesetzeshüter aus meinem Bekanntenkreis halten es genauso. Wir wollen um jeden Preis verhindern, dass jemand die Polizei alarmiert, weil er in irgendeinem Laden einen bewaffneten Schwarzen gesehen hat. Selbst in Khakihose, Tennispullover und Slippern hätte ich Angst, dass mich die Polizei für einen Gewalttäter hält. Der Bedrohungseffekt, der durch die Meldung »bewaffneter männlicher Schwarzer« entsteht, ruft eine verschärfte Reaktion hervor, völlig unabhängig von den realen Umständen.
Ein Beispiel: Am 13. August 2014 schlenderte John Crawford mit seiner schwangeren Freundin durch die Gänge eines Walmarts in Beavercreek, Ohio. Nach einer Weile trennten sich die beiden. Sie gingen in unterschiedliche Abteilungen und telefonierten miteinander. Während sich die beiden unterhielten, nahm der 22-jährige Crawford ein Spielzeuggewehr aus dem Regal. Ein Kunde, der weiße Ronald T. Ritchie, sah Crawford mit der Waffe. Er wählte sofort den Notruf und meldete, ein bewaffneter Schwarzer würde bei Walmart Kunden mit einer Waffe bedrohen.
»Er zielt auf Leute«, sagte er. »Ich glaube, jetzt lädt er sie.«
Dann behauptete er, Crawford würde das Gewehr auf Kinder richten. Noch während des Anrufs wurde ein Streifenwagen losgeschickt. Zwei Officer stürmten durch den Hauptgang, und nur ein paar Sekunden später war Crawford tot. Ritchies Frau, die sich ebenfalls im Walmart aufhielt, postete anschließend auf Facebook, sie habe gesehen, wie Crawford das Gewehr geladen und Kunden bedroht habe.
Das Tragische an diesem Vorfall ist, dass Crawford Opfer einer Lüge und der panischen Angst vor bewaffneten schwarzen Männern wurde. Auf den Bildern der Überwachungskameras ist klar zu erkennen, dass Crawford das Spielzeuggewehr nicht auf andere Menschen richtete, nicht damit herumfuchtelte und zu keinem Zeitpunkt den Eindruck erweckte, als wolle er schießen. Stattdessen trug er es die ganze Zeit mit dem Lauf nach unten neben sich am Körper. Als Ritchie zur Disponentin sagte: »Er zielt gerade auf zwei Kinder«, telefonierte Crawford mit seiner Freundin, und das Gewehr zeigte eindeutig zu Boden. Die beiden Familien, denen Crawford unterwegs begegnete, reagierten weder ängstlich noch besorgt. Eine der Mütter, die 37-jährige Angela Williams, erlitt jedoch einen tödlichen Herzinfarkt, als sie mit ihren Kindern vor den Schüssen der Polizisten floh. Der Gerichtsmediziner stellte fest, dass der Infarkt durch die im Laden ausgebrochene Panik verursacht worden sei, und entschied auf fahrlässige Tötung. Ihr minderjähriger Sohn machte Ritchie für ihren Tod verantwortlich. »Ich hoffe, er ist zufrieden mit sich«, sagte er nach dem Vorfall.
Der Sonderermittler, der mit dem Fall beauftragt wurde, konnte die Grand Jury davon überzeugen, dass die beiden Todesschützen sich absolut richtig verhalten hätten. Als ein Bezirksgericht es als begründet ansah, Ritchie wegen vorsätzlich falscher Behauptungen mit Todesfolge zu belangen, weigerte sich derselbe Sonderermittler, Anklage zu erheben.
Drei Monate später spielte der zwölfjährige Tamir Rice im zweihundert Meilen weiter nördlich gelegenen Cleveland allein Räuber und Gendarm. Der Junge hatte sich in einem Freizeitzentrum aufgehalten, bis die Mitarbeiter ihn hinaus in die Novemberkälte scheuchten. Rice zog allein durch den angrenzenden verschneiten Park und zielte mit einer Spielzeugpistole, die er von einem Verwandten geschenkt bekommen hatte, auf imaginäre Bösewichte. Ein Passant rief die Polizei an und meldete einen bewaffneten schwarzen Mann, der im Park wahllos auf Leute ziele. Der Anrufer sagte zweimal: »Wahrscheinlich ist es nur eine Attrappe.« Am Ende des zweiminütigen Gesprächs sagte er: »Ich glaube, er ist noch ein Kind.« Diese Information behielt der Disponent jedoch für sich, als er einen Streifenwagen losschickte.
Stattdessen meldete er: »Männlicher Schwarzer auf einer Schaukel. Zielt mit einer Waffe auf Leute.« Zwei Officer, Timothy Loehman (26) und Frank Garmback (46), hörten den Funkspruch und fuhren sofort zum Park. Garmback hielt nur zwei Meter vor dem Jungen an. Das war taktisch grundfalsch, denn so befanden sie sich ungeschützt in der Schusslinie. Wäre Rice’ Pistole echt gewesen, hätte Garmback durch sein verantwortungsloses Handeln nicht nur sein Leben, sondern auch das seines Kollegen aufs Spiel gesetzt. Loehman sprang sofort aus dem Wagen und forderte den Jungen mit gezogener Dienstwaffe auf, die Pistole fallen zu lassen. Nur wenige Sekunden später feuerte er zwei Schüsse auf den Jungen ab.
Rice starb am Tag darauf im Krankenhaus.
Wieder einmal war ein unbewaffneter männlicher Schwarzer gestorben, und niemand hatte Schuld. Die Grand Jury entschied, keine Anklage gegen Loehman und Garmback zu erheben.
